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Full text of "Friedrich Schleiermacher's sämmtliche werke"

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Friedrich Schleiermacher's 


ſämmtliche Werke. 
Fe, 





Erfte Abtheilung. 


Zur Theologie. 


Dreizehbnter Band, 





Berlin, 
gedruckt und verlegt bei G. Reimer. 
1850, 


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Sriedrid Schleiermacher's 
literariſcher Nachlaß. 


— —— 


Zur Theologie. 


Achter Band. 


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Berlin, 
gedrudt und verlegt bei G. Reimer. 
1850, 


praktiſche Theologie 


den Orundfäzen 


ber 


evangelifhben Kirche 
im Zufammenhange bargeftellt 


von 


Dr. Friedrich Schleiermaner. 


Aus Schleiermahers handſchriftlichen Nachlaffe 
und nachgeſchriebenen Borlefungen 
herausgegeben | 
j von 
Jacob Frerichs, 


pastor primarius ter reformirten Gemeinde in Neuftabt Goͤdens und Dykhauſen 
in Oftfriesiand. 





Berlin, 
gedrudt und verlegt bei &. Reimer. 
1850, 


22 


Drudfehler. 


Seite 10 Zelle 3 von oben lies nur flatt nun 


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9 von 


unten lies verkennen ſtatt anerkennen 


2 von oben lies den flatt dem 
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oben lies daraus flatt Darauf 

unten lies Schriftwort flatt Sprüchwort 
oben lies Formel flatt Form 

unten lies dieſem flatt dieſen 

oben del. „nicht 


9 von unten lies im flatt ing 
1 von unten lied am Gegebenen flatt an base Ge- 


15 von 
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unten lies oder flatt und 
unten lies Gebots flatt Geſprächs 


16 von unten lies Hiegegen flatt Hingegen 


16 von 
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unten lies erwähnten flatt bewährten 
oben lies darnach flatt dadurch 
oben Lies im ftatt ein 


40 von unten lies: wo fie nicht 


13 von 


oben hinter Meinung feplt „nicht“ 


8 von oben lies Eommentation flatt Cementation 


13 von 
16 von 


18 von 


oben Ties nüzlich flatt möglich 

oben Kies Inhaltsverhältniß flatt In— 
haltsverzeichniß 

unten lies Homilie ſtatt Familie 


Vorrede. 


Dieſe Vorrede fol Nachricht geben: 1) von ben Quellen des 
vorliegenden Werks, 2) wie die Herausgabe in meine Hände 
gefommen, 3) von der Methode bes Verfahrens dabei. 

1. Schleiermader hat feit 18°'/, fehsmal über die yraf- 
tiſche Theologie gelefen. Handichriftlih fand ſich in feiner 
Mappe vor: 

1) 10 Bogen in Duart gebeftet ohne Jahreszahl, ſtark 
gebraudt, mit Randihrift von 1828, die Grundzüge der all- 
gemeinen Einleitung und des Kirchendienftes ganz enthaltend, 
zum Behuf der Borlefungen vor denſelben niebergefchrieben, 
wie ber Anfang zeigt, wo Schleiermader manchmal überlegend 
verfährt, ob er fo oder anders biefe Wiffenfchaft ordnen wolle; 
fpäater aber nah Haltung der Borlefungen niebergefchrieben. 
Siehe Randſchrift 29. Diefe Bogen find ganz abgebrudt Bei⸗ 
lage A. und B. 

2) 1%, Bogen Anfang einer anderen Darftelung, welche 
in ber Randfehrift des alten Heftes fortgefegt wird und mit 
biefer fih auch ganz über die allgemeine Einleitung und ben 
Kirchendienft verbreitend. Siehe Beilage B. 

3) 36 Zettel ald Vorbereitung feiner Testen Vorlefungen 
von 1833 Nr. 5— 41. fih auch nur auf die allgemeine Einlei- 
tung und den Kirchendienft beziebend. Siehe Beilage C. 

4) Ein Duartblatt halb befchrieben, kurzer Ueberblick ber 
Theorie des Kirchendienftes enthaltend, wahrfcheinlich von 1830, 
©. Beilage D. 

5) Ein Bogen Grundriß ber Liturgie von 1815, S. Bei⸗ 
lage E. 

Braltiſe Theologie. a 


Alles handſchriftlich von Söleiermadper vorgefundene ent⸗ 
balten die Beilagen, 

Hiezu famen 11 mir zugeſchite Nachſchriften des ge— 
ſprochenen Wortes und zwar: 2 von 18°, von Klamroth und 
Saunier, 2 von 1824 von Palmié und Hegewald, 3 von 1826 
von Schubring, Böttiher, Bindemann, 2 von 18°%, von 
Erbfam und George, 2 von 1833 von Teller und einem Un— 
genannten. Wozu noch eind von 1828 von meinem Freunde 
Cand. Pralle, Lehrer im Bremerhaven, kam. 

Das find die Quellen, die zum Gebrauche vorlagen. Schleier⸗ 
macher fchreibt jelbft 1831: „ſeitdem ich als Univerfitätslehrer 
Borträge halte über praftifhe Theologie, und das wirb ziemlich 
ein Biertelfahrhundert fein.‘ Werfe zur Theologie Ster Band 
©. 714. Alſo konnten nur Nachſchriften feiner fpäteren Vor⸗ 
träge benukt werden, obgleih das erfte, was Schleiermacher 
sum Behuf feiner Vorleſungen niedergeſchrieben, vpielleicht im 
dem mitgetheilten alten Hefte enthalten ift. 

1. Weil Herr Profeffor Nisih die Herausgabe ber yraf- 
tifhen Theologie Echleiermahers übernommen hatte, erlaubte 
ich mir an meinen verehrten Lehrer 1843 zu fehreiben, ob wir 
‚bald diefe zu erwarten hätten. Ich erhielt die Antwort, bag 
ber verhältnifmäßig geringe fchriftlihe Nachlaß Schleiermachers 
über dieſe Wiffenfchaft nebft Mangel an Zeit die Verzögerung 
diefer Arbeit veranlaßt hätte. Die Neigung, welde fih in 
biefem Briefe ausfprach, bie Arbeit einem andern zu über- 
tragen, beftimmte mid, einen zweiten Brief zu fhreiben, worin 
ih mich dazu erbot. Im Mai 1844 erhielt ich wieber eine 
Antwort, welche feine Bereitwilligfeit ausſprach, mir biefelbe 
zufommen zu laflen, wenn bie Herren in Berlin, welche bie 
Hauptauffiht über die Herausgabe ber Werfe Schleiermachers 
führten, Damit übereinftimmten. Die Genehmigung diefer Herren 
warb mir, und im Juni beffelben Jahres hatte ich Die Freude, 
dag die Manuferipte mir zugefandt wurden. Ich machte mi 
gleich an bie Arbeit, Zwei Jahre babe ich täglich unauggefegt 
fünf, au wol acht Stunden mit Luft und Liebe daran gearbeitet, 


Bis fpäter verboppelte Amtsgefhäfte eine Unterbrechung herbei« 
führten, die es mir erft möglich machten, da ich nichts über- 
eilen wollte, die Arbeit jetzt zu vollenden. 

Herrn Profeſſor Nisfh, wie Herrn Prediger Jonas, welche 
mir vertrauensvoll biefe Herausgabe überließen, fage ich hier 
öffentlich meinen Dank, in der Hoffnung, daß mein vielver- 
ebrter Rehrer und der Dann, defien unermübliche -Arbeit für 
bie Werke Schleiermadhers fo große Verbienfte erworben, feinem 
unfähigen dieſes Vertrauen gefchenft haben mögen, ber es 
wenigſtens nicht an Treue, Fleiß und Ausdauer fehlen ließ. 

I. Was die Methode meines Verfahrens betrifft, fo Tag 
bandisriftlich von Schleiermacher zu wenig vor, um dies anders 
als zur Beilage benußgen zu koͤnnen, und über eine praftifche 
Wiſſenſchaft war e8 vorzugsweife auch wol zu wünfchen, Schleier- 
machers gefprochenes Wort darüber mitzutheilen. Gern hätte 
ih unter den Nadfchriften eine ausgewählt, um fie zum Grunde 
ju legen, und fehr empfahl fi dazu die von Palmié von 1824, 
weil fie privatim niedergefchrieben und die meifte Ueberein- 
fimmung mit dem erſten urfprünglichen Hefte Schleiermaders 
felbft hatte, Ach würde mich alfo dazu unbedenklich entichloffen 
haben und was bie anderen Borlefungen reicheres böten, in 
Anmerfungen daran gefügt haben, in ähnlicher Weife wie Herr 
Prediger Jonas die trefflihe Ausgabe der hriftlichen Sitte bes 
arbeitete, und würde damit auch ein Außerliches Zeichen ber 
Treue gegeben haben; aber ausnahmsweiſe flellte grade Diefe 
Borlefung von 1824 ganz im Widerſpruch mit Schleiermachers 
eigenhändigen Aeußerungen darüber wie mit feiner frühern und 
fpätern Anordnung in.allen andern Jahren, das Kirchenregiment 
dem Kirchendienft voran, wie es auch in der erften Auflage 
feiner „Kurzen Darftellung des theologifhen Studiums 1811" 
geſchah, fpäter aber geändert wurde, Schleiermacher fheint 
alfo dieſe Stellung nur einmal verfucht, fie ihm aber nicht ge= 
fallen zu haben. Da fih von den andern Nachſchriften Feine 
dazu eignete, daß fie zum Grunde gelegt werben fonnte, ente 
weder, weil fie faft flenographifch gefchrieben war, wie bie von 

a2 


— VON — 


Erbfam, alfo zu ſchwer fie zu entziffern ober boch nicht zuver⸗ 
läffig genug war, um ohne Bergleichung mit ben anderen als 
Grundlage benugt werden zu dürfen. Es blieb mir alfo nichts 
übrig als eine Berfchmelzung ber verfchiebenen Collegienhefte, 
wozu ich um fo Tieber fchritt, da der Charakter der Mittheilung 
ſelbſt ein verfchiedener war und ich möglihft den ganzen 
Schleiermacher über diefe Wiſſenſchaft fih ausſprechen laſſen 
möchte. Die Vorleſungen von 1824 characteriſiren ſich als die 
ber Form nach vollendetſten in dialektiſcher kunſtfertiger Ent- 
wicklung von Satz und Gegenſatz und ihrer Vermittlung; 1826 
iſt vorzugsweiſe ein begeiſterter Vortrag, hingeriſſen vom Gegen- 
ſtande, um erregend auf die Jünglinge zu wirken, aber bei 
weitem nicht ſo ordnungsmäßig als 1824; 1830 zeichnet eine 
hervortretende Behaglichkeit in der Mittheilung der Oedanken 
aus, die bei der meiſterhaften Beherrſchung der Sprache den 
wohlgefälligften Eindruck der Leichtigkeit macht, aber manchen 
einzelnen Gegenſtand nur leiſe berührt, während bei anderen 
dieſe Vorleſungen fih Tänger verweilen; 1833 hat vorzugsweiſe 
den Eharafter ber Einfachheit. Durch diefe verſchiedene Seelen- 
flimmung der Borträge, ein intereffantes Zeugniß der Macht 
feines Willens, den Schleiermacher auch über fein Gemüth 
hatte, war es mir möglich oft über denfelben Gegenftand an— 
einander zu reihen, was er einmal bialeftifch, dann begeiftert, 
dann behaglich, dann einfach ausſprach, ohne bebeutende Wieder 
bolungen anzuführen, da bald aus diefem Gefihispunft, bald 
aus jenem berfelbe Gegenftand betrachtet wurbe, und dadurch 
eine Breite zu gewähren, die jedem Schüler Schleiermadherg, 
wie denen, welde ihn erft in feinem Reichthum kennen lernen 
wollen, nur erwünfct fein Tann. 

Ungleihmäßigfeiten find fchwerlich bei dieſer Zufammen- 
ftellung zu vermeiden und eben fo wenig theilweife Wieder- 
holungen. Entwidlungen nemlih, die fo eng verflodten mit 
dem fchon gefagten oder noch zu fagenden ftehen, daß fie ſich 
niht davon losreißen ließen, mußten entweder gänzlich weg- 
gelafjen oder in biefer Verbindung aufgenommen werben, Für 


— IK 2 


letzteres entihieb ich dann, wenn berfelbe Gegenſtand von einer 
andern Seite gefchildert wars; für erſteres, wenn bes neuen 
zu wenig war, um es mit dem fonft behandelten awiefach auf- 
zuführen. Zuweilen traf es fi, daß, was in frühern Jahren 
aur angebeutet war, fpäter ausführlicher behandelt wurde, So 
war, um ein Beifpiel anzuführen, was die Meditation der 
Predigt anbetrifft, 1824 gar nicht Darauf eingegangen, 1826 ſchon 
etwas, ausführlich aber erft 1830. Wie belehrend, daß ein 
Seit von Schleiermachers Reichthum und Tiefe fih in den 
Progeß der Gedankenentwicklung hinein wagt. Vielleicht ift hier 
freilih nur das gefagt, was feine Pfychologie, deren Heraug- 
gabe von Herrn Prediger Jonas zunächft erwartet wird, noch 
ausführlicher Tiefern möchte, 

Diefe Verſchmelzung der Vorträge von ſechs verfchiedenen 
Jahren, die dadurch jedenfalls einen Vorzug hat, daß nicht in 
Anmerkungen verwiefen wird, was eben fo zur Sache gehört 
als was im Tert ſteht und dem Auge des Leſers wohlgefälliger 
als ein vielfältiges Ablenfen auf das was im Heineren Drud 
noch unten angefügt ift, Tieß meiner Freiheit freilich einen ge⸗ 
fährlihen Spielraum, den ich aber nicht mißbrauchte. Sp war, 
um ein Beifpiel anzuführen, in der Darftellung des Riturgifchen _ 
18°, das Prineip der Einheit der Kirche befonders hervor- 
gehoben, 18°%, aber bas ber Freiheit; obgleich nun letzteres 
mehr meiner Anficht entſprach, ftellte ich doch beides zufammen, 
ſelbſt auf Gefahr eines ſcheinbaren Widerſpruchs, um die Viel- 
feitigfeit Schleiermachers auf feine Weife zu unterdrücken. Regel 
war mir immer nur mitzutheilen, was mir gegeben 
war, und darin verfuhr ich Lieber zu viel ald zu wenig ängſt⸗ 
lich, daß ih auch fein Wort zu ändern oder hinzuzufegen wagte, 
Hier oder da dem Styl oder ber Verbindung mehr Glätte und 
Ehenmäßigfeit mitzutheilen, wäre ein leichtes geweſen; ich wollte 
aber lieber unbehüfflidy erfcheinen, ald der Treue aud im ge— 
ringften Abbruch zu thun; ba ich im verborgenen arbeitete, wo 
mir feiner nacheonftruiren kann, weil bie Duellen nicht Öffent- 
ih vorliegen, hielt ih mich als Herausgeber zu ber möglichften 


m x  ——— 


MWörtlichfeit des nachgefchriebenen Wortes verpflichtet, und Aende⸗ 
rungen die dem Prediger Jonas erlaubt fein durften, da er bag 
unbedingte Bertrauen von Schleiermacer felbft genoß, waren 
mir dem Fernerftehenden nicht vergönnt, 

Ein fhönes organifhes Ganzes tritt dem Lefer hier vor 
Augen ungeachtet der Ungleichheit der Behandlung einzelner 
Materien, welche, ob fie mehr berrührt von ben Duellen ober 
son meiner Unfähigfeit immer bad gehörige auszuwählen, ich 
nicht zu beurtheilen wage. Sp viel darf ich befennen, daß ich mit 
gleichmäßiger Luft und Liebe daran gearbeitet habe, und mir feine 
Mühe verbrießen Tieß, die oft fat ftenographifih überlieferten 
Nachfchriften zuweilen mit geringen Refultaten zu entziffern. 

Was Schleiermahere Methode felbft in feiner Darftellung 
anbetrifft, war fie in den verfchiedenen Jahrgängen verfchieden: 
1833 die Gliederung des Eultus nah Maaß, Stellung und In⸗ 
halt; 1831 ein elementarifcher und formeller Theil. Bei ber 
allgemeinen Einleitung und dem Kirchendienft war mir Schleier- 
machers Handfhrift Leitfaden, welches ich durch Nachweiſungen 
zur Bergleihung mit den Beilagen bemerflih gemadt habe; 
bei dem Kirchenregiment fehlte mir dieſer, und da ſchien eg 
mir am natürlichften in der Anordnung der Gegenftände vor= 
zugsweiſe ben Borlefungen von 18°°%%, zu folgen, worin bag 
Kicchenregiment fehr ausführlih behandelt ift, welche fih auch 
am meiften der damals bereichert von Schleiermader heraus 
gegebenen „Darftellung bes theologifhen Studiums” anfchloß, 
weshalb ich auch die Paragraphen, welche hier ihre ausführliche 
Erklärung finden, im Werfe zur Vergleihung notirte. 

So fehr erfreulich es ift, daß durch die Herausgabe bes 
sten Bandes ber Werke Schleiermaders zur Theologie 1846 
bie Fleineren Abhandlungen über einzelne Gegenftände ber prak— 
tifchen Theologie zufammen gedrudt find, wird die Bergleihung 
mit dem bier mitgetheilten doch nachmweifen, daß die Heraus- 
gabe der ganzen praftifhen Theologie feinesweges überflüffig 
ift, und zur Vergleichung einladet, was Schleiermacher in feinen 
einzelnen Abhandlungen vom Verhältniß des Staats und ber 


ſymboliſchen Bücher zur Kirche wie vom Fiturgifchen fagt und 
was er davon in feinen VBorlefungen gegeben hat. Die andern 
Gegenfände der praftifhen Theologie erhalten bier aber erft, 
wenn fie auch in feiner „chriſtlichen Sitte” fchon angedeutet 
find, ihre ausführliche Behandlung. 

Ehen vor dem Ausbruch der Revolution im Kebr. 1848 
überfandte ich dem Herrin Berleger mein Manufeript, Die 
bewegte Zeit erlaubte nur einen langſam vorfchreitenden Drud, 
jo daß faſt zwei Jahre auf Vollendung beffelben verliefen, Bet 
ben fih noch immer reibenden Berbältniffen der Kirche zum 
Staat, möchte es jegt recht an der Zeit fein, daß das umfichtige 
Wort Schleiermahers darüber gehört würde, weldes er in 
biefen Borlefungen ausgefprochen hat. Die geiftlofen Autoritäten 
find jegt im ihrer Nichtigkeit bloßgeſtellt; das Geiftvolle, har⸗ 
monifh gegründete wird aber immer Autorität bleiben, nicht 
eine hemmende, fondern eine fördernde Kraft erweifen auf die 
Entwicklung unferer Zeit, wie fpäterer Jahrhunderte, Schleier- 
mager ift eine folhe Autorität, Iſt der Boden ber felbftbe- 
wußten Freiheit nur erſt mal da, dann wird das prüfende 
Auge des Kundigen in den Pflanzen, die darauf in fröhlichen 
Wachsthum gedeihen, Leicht nachweiſen fünnen, wie manden 
Nahrungsſtoff fie ber Wirkung diefes Genius verdanken. 

Bon Scleiermader kann freilich nicht Das Heil fommen, 
welhes der Kirche nöthig ift, eben fo wenig von einem Buch— 
faben oder von der Kritif, fondern nur von dem belebenden 
Beifte, woburd die ewige Wahrheit des heiligen Evangeliums 
thatfächlich wieder befrudtet wird, Die Zeit wird aber nicht 
ausbleiben, wo fih auch diefer Geift wieder erweifet, und. felbft 
dann wird Schleiermaherse Wort noch heilfam fein, um bei 
ber Begeifterung nicht die Befonnenheit zu entbehren; denn um 
ſich Rechenfhaft zu geben, wie ein Geiftliher fein Amt zu führen 
habe, ift immer eine praftifche Theologie nöthig, wie Schleier- 
macher in feiner allgemeinen Einleitung bewiefen hat, und ſchwer⸗ 
ih wird bie feinige jemals überflüffig werden, Ehe aber biefe 
Zeit ald ein neues Morgenroth der Kirche heranbricht, ift nicht 


bloß für ben Jüngling, der in das Pfarramt tritt, fondern auch 
für den Mann, der fchon Jahre lang darin wirkſam ift, fein 
umfichtigerer Führer als Schleiermacher, weil er erhaben über 
alle Einfeitigfeiten wahrhaft begeiftert die verfchiebenen Wege 
mit Befonnenheit zeigt, welche zu dem Ziele führen, woburd 
das größte und allein befriedigende geleiftet wird: Wahrheit 
in ber Liebe. 

Euch zumal, jüngere Theologen, wird in biefem Werke 
befonnene Begeifterung geboten, die Ihr bei der Reibung ber 
Parteien nicht ein und aus wiffet, die Ihr zurüdichredt ben hei⸗ 
ligſten Beruf zu betreten, weit bier ein ftarrer Buchſtabe, bort 
die geiftreiche Läfterung, bie höchfte Kraft des Menfchen, bie 
Religion fei Schwäche, Euer freies Streben fnechten ober ver- 
nidhtigen will. Es wird fih nicht Bloß jest, fondern noch nad 
Jahrhunderten von dem Kirchenfürften Schleiermacher das Wort 
bewähren arnosarıu» Erı Anker. 

Neuſtadt Goͤdens, Febr. 1850. 


Jacob Frerichs. 


Inhaltsverzeichniß. 


Allgemeine Einleitung. 


N yattifge Theologie if bes Gewiſſens wegen “einig 000 
Das Verhältniß der Theologie zur Kirde . . . 0... 
Analogie der anderen Zacultäten . . . a 
Das Berhältniß der Ungleichheit zur geitung .. en 
Definition der praltifhen Theologie - oo 0 2 0 0 0 0. 
Dos Berpältniß des göttlichen Geiles zur Aufl . . 2»... 
Teilung in Kirchendienſt und Kirhenregiment - . oo 0 0° 
Bas für eine Art von Kunft gemeint fei in der praktiſchen Theologie 
Ob etwas im ber praftifchen Theologie Mittel zum Zweit fein könne? 
Rirhenleitung iR Serlenleitung - > - 0 0 0 0 re 0 0. 
Verhältniß des Zalentes zur Kirenleitung . . . 

Ob diefelbe praktiſche Theologie für kathol. und evangeliſq⸗ Theologen? 
Ob mit dem Kirchenregiment oder dem Kirchendienft anzufangen? .. 
Der Begriff der chriſtlichen Kirche. . 2 2 2 0 0 0. 0.0. 


Erfter Theil. 
Der Kirhendtenft. 


Eulkltung - - - » 0.0. 
Zelt ver religiäfen Gemeinfgaft und Eintheilung der Disciplin .. 
Erſter Abſchnitt. 
Der Cultus. 
Einleitung. 


Vom Weſen des öffentlichen Gottesdienſtes. 
Verhältniß der Frömmigkeit zum öffentlichen Gotterodienſt.... 
Begriff des Feſte. .... 


64 
65 


70 





Begriff der Popularität. . - 2 2 . 
weit veslultu. oo 2 0 er Er . 
Beftandtheile des Cultub . o 2 2 2 2 2 02 2 0 0. 
Berpältnig der Kunſt zur Religion . - oo 0 en 0. 


1. Die Elemente bes Eultus, 
Die Sprade An Eultus. © oo 2 0 en nn 


Religiöſer Styl in ber Aufl. - 2 2 0 2 0 m 2. 


Simplicität und Keuſchheit. 0 en 0 
Hofttive Charaktere im Cultus . . 2. 02. . ... 
Soll alles chriſtliche im Cultus dargeftellt werden? ... 
Soll nichts dargeſtellt werden als chriſtliche?... 
Elemente der Darftelung find die religiöfen Gemüthszuflände 
Individuell hriflicde und allgemein menſchliche Elemente . 
Das Berhältniß der Künfte zum Eultud . 2. 2 2 0. 
1, Mm . a 2 0 Er rl 8 1 1 
2) Muft . . . 0.0. 
3) bildende Rünfe: Malerel, Seulptur, Architectur 
4) Poeſie und Profa . 2 2 2 2 0 2 2 0. 
Sprachelemente im Eultu. 2 2: 0 0 0 0 0 0. 
Ausgefchloffen das plebeje und gelehrie . . . .. 
Berhältniß der Formen der religiöſen Mittheifung . .. 
Einfacher Say und Periode . 2 2 2 2 2 2 0. 


2. Organismus bes Cultus. 


Berpältniß des Ganzen zum Theil. - oo 2 000. 
Der jährliche Eyclu. . . Fe 6 
Bedingte und unbedingte Darfiellung ver . 
Der Sonntag . . » . Fe 
Vollftändiger und unvollfändiger Cultue ve. nen 
Borlefung aus der Shrft . 2 2 2 0 een. . 
Anoronung der Elemente bes Eultu . © 2 2 2 0 0. 


Die Sarramente . . 2 2 2 0 20. 0.0.0. 
Nähere Erörterung des chriſtlichen Jahrescyelus .... 
Vorgeſchriebene Texte.. ... 


Verhältniß der bedingten zur unbedingien Darfiellung .. 
NReformationdfl oo 0 0 0 2 een nn. 
Marientage, Apofleltage . . » Fe 
Der gewöhnliche Gottesdienſt foll cafuell fein oe... 
NReujaprstage, Erndtefeftt.. 
Buß» und Bellade > 2 2 0 re et 1 2 0. 0 
Friedensfeſte, Sienesffe - oo 2 0 0 een en 


Der Eultus fol immer x eine Darſelung ded arinuichen Lebens ſein, 
wie es wirklich iſt... vn. .... 
Theilung [} . ® ® ® ® ® ® [2 ® 0 ‘ “ “ ® ® ® ® [} 


I. 
Theorie der Liturgie im Cultus. 


Erflärung des Wortes Liturgie . oo 2 0 0 0 
Eintpeilung: Confeffionen, Formulare, Gebete . . 
1) Das rein fombolifihe - 2 2 2 0. 
2) Erflärungen . 2 2 0 0 00. 
3) Sebeie . 2 0 0 0 0 2 0 ... 
4) Der Seen ... .. ... 
Was für Gegenflände aus dem bivaktifchen bürfen ins itegige 
lommn? 2: 2: 0 Er ter... 
Bildliche Vorſtellungen antiquiren... ... 
Der größte Fehler in der Liturgie, wenn fie modern iſt. 
Der Vortrag der Liturde . oo 0 


1. 
Theorie des Gefanges im Cultus. 


Ehoralgefang, Bechfelgefang -. . » - +.» . 
Entſtehung des Chords . » 2. 2 0 0 0 
Berbältniß der Mufif zum Oefang . . . 
Melodie und Harmonie. 2 02 0 0 er Er re nn 
Recitativer und figurirter Öefang . . . . . 
Dratorium - 2 0 0 0 0 er ee. 
Das Maaß des Gefanged . - 2 2 Ko 0 ee nn nn. 
Stellung des Geſange.. 6 
Geſangbuch... ern. 
Differenz der Anſi isten und des Gefgmattes . er... 
Wie wird ein Lied ein Kirhenlid? . - 2 2 0 V 
Drei Epochen der religiöfen lieder . oo 2 0 2 0 m 00 
Aenterung der Lieder zum kirchlichen Sehrauh . . 2: 0 0. 
Serpältniß der ſymboliſchen und individuellen Gefänge . . . 
Mittel ven Sefang im Eultus zu beben . o 2 2 0 0 0. . 
Undekannifchaft der kirchlichen Porfie- - oo 0 0 en el. 


111. 
Theorie des Gebetes im Cultus. 


Die Stellung und die Form deflelden - - - 2 0 0 0 2 0. 
Gegenftand des Öcbeted . 2 0 0 rennen. 
Tadel der erzählennen Gebete . - 2 0 0 2 0. 


0 


— . “ “ 
eo 
® 


— XV 27 


Dankfagung und Biitte. 2 en nn. 
Anfangsgebete . . - - Fe 
Periodiſcher Rhythmus des Grbetes . Fe 
Sälußgebet. Fürbitten. . 
Der Gebrauch des Unfer Bates. - 2 2 2 2 0 0 0 0 0. 
> J1 (1.1 es EEE 


IV. 
Theorie der religiöfen Rede. 


Einleitung. 


Bas die Theorie darin leiſten kann? . . 2 2 2 02 0 2 
Ob ein Talent zur religlöfen Rede gehöre? . © - 2 0 0... 
Inhalt der religiöfen Rede . : » . ... 
Wie weit darf der Geiftlihe auf der Kanzel pofemifiren? . . 
Eontroverspredigten - 0 0 0 0 0 0 er nn. 
Anwendung der Politik auf der Kane . ı 2 2 0 2 0 2. 
Die Berbindung des hriftlihen mit dem momentanen . . . . 
Zeitmaaß der Predigt . . . FE 
Begriff und Zwekk der teligiöfen Rede on. 
Gegenſtände ber Theorie der religidfen Rede - 2 2. 2 02... 


1. Bon der Einheit der religiöfen Rede. 


Bas unter Einpeit einer religiöfen Rede zu verfiefen . . oo 
Bertpeidigung der homiletifchen Form ale nothwendiger Ergänzung 
das Verſtändniß der Bibel in ver Gemeine zu fördern . . . 
Dbjective Seite der Theorie. - . 
Die ausgeſprochene Einheit kann fi nur auf den Segenfand ber 
Behandlung begieben . 0 2 0 0 nn 4. 
Großer oder Heiner Gegenfland . 2 2 0 2 0 0 2. 
Tert und Thema. . 2 2 0 0. 13. oe... 
Sreier Gebrauch der Schrift. Xert vorzugeweife nur aus dem 
R. T. zu wellen. 2 2 0 ne. 
Subjective Seite der Theorie . o 0 2 0 2 0 0 0. 
Die Entfiehung der religiöfen Rede: 
3) aus dem Leben mit der Gemeine . - 2 2 0 0. 
2) aus dem Berlehr mit der h. Schrift . - x 2 0. 
Kritit der Elaffificationen unterrichtender, überzeugender, bewegen- 
der, dogmatifcher, moralifcher Reden nad hiſtoriſchen und didakti⸗ 
ſchen Terten. ll er 0. 


Seite 
190 
192 

.194 
195 
200 
201 


245 


Predigt und Homilie in Beziehung von Texten eines größeren oder \ 


Heineren Umfangs oo 0 0 0 0 rer re re. 


247 


Die religidſe Rebe ein Dialog mit dem Tert und der Gemeine. . 
Ob die Dispofilion oder die Erfindung zuerfi zu behandeln? . . 


2. Theorie der Dispoſition. 


Ob das Ausſprechen der Dispofition nöthig? - - 0 2 0. 
Die logiſche Richtigkeit der Dispoftion - 2 2 2 0 0 0 0. 
Die logiſche Dispofition if nur eine negative Volllommenheit.. 
Kritil der Regeln einer logiſchen Dispoſition: 
1) Die einzelnen Theile müflen fih ausfchlieen . . . 
2) Zeder Theil muß im Thema enthalten fein. . . . 
Die Dispofition in Beziehung auf ven Zuhörer und auf den Rebner 
Die Theile müflen fih gleigartig verhalten. - - 2 2 2 0. 
Keine Trennung von dogmatifhen und moralifchen Reden . . . 
Definition der Dispofition . . » » -» 0.0. 
Benn die logiſche Definition dominirt, entfiept die Monotonie . . 
Sol jede religiöfe Rede ein Auspruff der gefammten chriſtlichen 
Srömmigkeit fein?.. . . - 00.0. 
Die Unterabtpeilungen dürfen nicht nampaft gemacht werben. .. 
Rhetoriſche Dispoſitioen.. 
Ob Digrefflionen erlaubt? . 2 2 0 0 0 
Einleitung und Schluß ver KRee - - - 2 2 0 2 0 0. 


Seite 
248 
249 


251 
253 
253 


253 
253 
254 
257 
257 
257 
258 


258 
259 
260 
261 
262 


3. Bon der Erfindung oder der Production der einzelnen 


Gedanken, die zufammen bie Rede bilden, 


Unwilffürlihe und willfürlihe Gedanfenentwilllung . . . » 

Relativer Gegenſaz des religiöfen Lebens und der Eonception der 
Redeee.. 
Die Meditation ... rn. 
Zwiefacher Fehler bei der Meditation . 0. .. 
Das Berhältniß der Entfernung des Haltens der Reve zur Kraft 
des Redners... Fa 
Reichthum und Armuth der Gedankenproduction. ne. 

Gebrauch der Schriftfiellen und der Eremplificationen In der Predigt 
Proviforifcher und definitiver Ausdrukk der einzelnen Gedanken. . 


4 Theorie des Ausdrukkes. 


Die Beſchaffenbeit des Ausdrukkes: 
1) Reine Profa » 2 0 0 0 0 0. 
2) Populär . . .. u... 
Das ſprichwörtliche in der religiöſen Rede ie... 
Umgangsſprachee. 00 0 


[ 
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265 


267 
268 


. 273 


274 
274 
280 
283 


286 
287 
289 
2% 


— XVII — 


Durch die Katechefe if das Berhändnip der Spraqe bei der Ge⸗ 
meine heranzuerziehen.... 0.0. 

Die öffentliche Katechefe . , 

Was von einem index verborum prohibitorum zu atten? . 

Wie viel eigentliche Kunft der Ausdrukk in der religibien Rede er⸗ 
fordert oder verträgt? . . . .. .. 

Das fade und das zu ſtarke 

Ob die religiöſe Rede ein Auuſtwerk ü in dem Sinne M ap re 
Wohlgefallen erregen wolle? . 2. 2 2 0. 

Das mufitalifhe Element der Rede. . . . . 

Das pathematiiche gehört nicht in die refigiöfe Rebe. 

Wie weit fol die Rede vor der Darſtellung fertig fein?.. 

Borzug des unmittelbar producirten . . 

Gebrauch der Feder und vom Memoriren . . 

Sn welchem Kal ift es erlaubt, den Ausdrukk it vorher fertig 
zu baben? . . - 2 2 2 0. .. .. 

Die Mimit . . . nen 

1) Rimif der Stimme . ER 

Drganifcher Gebrauch berfelben . . . nen 

Sol die Rede abgelefen oder memorirt werben? a 

Bolltommenpeit in der Mimik der Stimme: 

a) Natürlichket. nen 


b) Deutlichleit. ! .. . ... 
c) Die richtige Modulation. — Der Bangeton 0. 
2) Mimil der Geberden - - - . . j . 


Sat der Geiftlihe vom Schaufpieler zu fernen? .. 

Bewegung als Zeichenfprade und als Ausdrukk des Gefühle 
Nationalität und Temperament der Bewegungen -» - x... 
Ob die Marime richtig: fih aller Bewegung zu enthalten? . . . 


Vebergang zum zweiten Abſchnitt. 


Bon Eafualreden . . . 0. . 

Zwei Hauptpunfte, von denen fie ausgeben: vom Sacanem, von 
ber Seelforge . . » . 

Wie weit fih der Seine dem eemalige Kreife u a 
ren habe? . . 

Ob in den Eafualreden ein Tert am Grunde u fegen? F 

Beichtreden.. ... 

Parallele geiſtlicher Amtstpätigfeit mit der Lyrik 


Zweiter Abſchnitt. 
Von den Geſchäften des Geiſtlichen außerhalb des Cultus. 


Einleitung. Seite 
Ueberſicht des Inhalte.... 62277 


A. Die ordnende Thätigfeit, welche die einzelnen in der 
Gemeine zum Gegenftand hat, 


1. Bom Religiongunterriht der Jugend. . . .„ 347 

Ob er immer ald Geſcaft des Geiſtlichen beſtanden hat und be⸗ 
Ahen wird 347 
Unterſchied des unierrichies im goatholielsmus und Proiefantismu⸗ 349 
Ueber den Anfangspunft und Endpunkt des Unterrichtes. .. 349 
1) Endpunft ER 
2) Anfangspmli . . . 2 2 2 ee nen... 35 

Didaktiſches und paränetifches Element. - © - oe... 

Innere und äußere Schwierigkeit vabel - - 2 0 2 0 0 0 ee 358 
Die Schwierigkeit in der Theorie on ..6 89 
Ungleichheit der Jugend . . . » . . 360 
Das Berhältniß des divaktifchen zum paränetifhen Siement . . 862 
Methode des Religioneunterrichtes. Dialogiſh und akroamatiſche 368 
Ldeitfaden... .. 4 32372 
Schriftliche Minheilung. .. 381 
Theilung ber Schüler een. 56 
Reſultat im Religionsunterrichhee. 3883 


Theilnahme der Kinder am Gottesdienſt... . 385 
Das Material des Refigionsunisrrigten. ueberſicht. . 387 
1) Bibellunde . . . oo» 000.0. 890 


2) Complex der religlöfen Borfiellungen . en. . 394 
Bereinigung des biblifchen mit dem divaltifhen. . - 2 2... 396 
Staubensbefenntn® - © 2 2 2 0 er nee 400 
Apoftolifches Staubensbelenniniß . . - . 401 
Das individuell chriſtliche und univerfell religidſe im Unter. . 402 
Ueberhebung der Kinder über ihre Eltern. . . . 0." 404 

3) Religiöfe Pocfe - © 0 2 0 0 405 

4) Kirengefhihte . - - - 406 
In wie fern hat der Katechet feine Neberzengung ber Qugend e eine 
jubilden? und in wie fern iſt der Katechet verpflichtet, der Ju⸗ 
gend den Gefammtzuftand der Kirche aufzuſchließen5 .... 407 
Bas ſoll der Katechet leiſten?.. 2.00.6410 


— XX — 
Erite 
Bie kann jemand ein guter Katechet werden? . . . .. 43 
Confirmation, deren religiöfe und bürgerfiche Bedeutung .. 45 


2. Behandlung der Eonvertenden. -. - .» 2..48 
3. Theorie des Miffionswefend - - 2 2 2 2492 


4. Die Seelſorge.. 228 
Rechtfertigung dieſes Verhältniſſes.. 428 
Soll das Anknüpfen vom Geiſtlichen oder von den Gemeineglie 

dern ausgehen? Vom gegenſeitigen Recht und der Pflicht dabei 429 
Das Verfahren des Geiſtlichen, wenn ein ſolches Verhaumise ein⸗ 
geleitet it. . . . .. . 436 
Die verfchiedene Situation bes Geißtlichen er... 439 
Zwiefacher Endpunkt des Verfahrens gegen einzelne... 442 
Gegenſtände der Seelſorge. Zwei Anknüpfungspunkte: der offent 
liche Gottesdienſt und das gefellige Leben . . . 443 
Bas Hat der Geiſtliche zu tun, um ein beunrupigtes veligiöfes 
Gefühl zu fillen? . . . 447 
Ob der Geiftlihe nad eigenem ober dee Fragenden Gefüpt ant- 
worten fol? . . . . ... . 0. 452 
Streit der Warten onen. 43 
Süpneverfuch bei Eheleuten - © 2 u 2 0 2 een. 454 
Apmonitionen beim Eive. . . - 458 
Darf der Geiftlihe feinen Rath ertheilen in Augelegenheiten, "bie 

nicht das religiöfe Berhältniß betreffen? - - - 0. . 459 
Bei Kranken und Sterbenden - » 2 2 2 02 64 2æ4839 
Der Geiftlihe bei Begräbnifien - © oe 2 0 2 ee nn. 463 
Verkehr des Seiftlihen mit Berbrehen . 0 0 0 464 


B. Die orbnende Thätigfeit, welche die ganze Gemeine 
zum Gegenftand hat. 


Geſchichtlicher Anfang ber Diganlfalien der Gemeine. Diakonen 
und Kelle - - - . re... 466 
Anorbnungen: 

1) Negative Seite . - 2 2 2 2 ne 82470 
Drganifation der öffentlihen Meinung - . - .. 41 
Das Berhalten des Geiſtlichen bei Parteien in ber Srmeine . . 474 
Bei Separatiften und Eonventiteln - - 2 0 0 478 

2) Bofitive Seite . . . or. 48 
Bereinigung der Kräfte zu gemeinfaftligen Werten . een. 4 
Mehrere Prediger an einer Gemeine. -. oo oe nenn. 483 


— XI — 


Anbang. 
Paſtoralklugheit. 


Ausgleichung der entgegengefezten anfipien barüberr . » 2 0. 488 
Tpeilung des Segenflandes . . . . a 491 


Gerfönlihe Würde des Geiftlihen . . . .. 491 
1) Der Geiftlliche in wiſfenfqafitiger Seılhung . . 495 
Hebungen in Künflen.. . - .. 497 
3) Der Geiſtliche in bürgerlicher Beziehung. 20. 49 
LandesvertHeidigung, NRectsftreitigleiten . . . . 0. . 500 


Snjurienprozefle, obrigkeitlicher Beruf, Landwirihſchaft ... 501 
3) Der Geiſtliche in geſelliger Beziehung.... 506 
Das Berpältniß des Geiſtlichen zur Sitte . . . 00. . 506 
Der Geiflige darf fih der Gefelligfeit nicht entziefen 0. .509 
Die Eollifion des Amtes und des eigenen Pflichigefühle . . . . 511 
Bereinigung der beiden entgegengefezien Marimen: von feinem 
Amte in feinen außeramtlichen Verhaltniſſen Notiz zu nehmen, 
und auch nicht . . 512 
Der Geiſtliche in Veziehung der verſchiedenen moraliſchen Anfichten 514 


Zweiter Theil. 
Das Kirchenregiment. 
Einleitung. 
Ob ein Kirchenregiment nöthig fl? - - 2 2 een. 59 
Vie kann das Ganze auf das Ganze wirken? . . . . 522 


Bie kann es ein Befehlen und Gehorchen in der Kirche geben? . . 525 
Geſchichtliche Rachweiſung des Kirchenregimented - . - . - . 526 


Kheorie der Independenten. en . 527 
Geneſis des Kicchenregimentes - - - - 2 2000 ne . . 527 
Zhellung - - > 2 200. een nenne. 532 


Erfier Abſchnitt. 
Die organifirte Thätigfeit des Kirchenregimentes, 


1. Berfaffung bes Kirchenregimentes. 


Boher fie entfprang?. . . er. nen. 534 
Ob rein a priori zu conftrutten? ...335 
Praktiſche Theologie. b 


Geſchichtliche Entſtehung. . . ne. 
Ob die evangelifhe Kirche eine ſeif ee. . 

Die Bildung des Kirchenregimentes von oben herab "oder von unten 
herauf . . er nen 
a) Das Sonfiforiaffpfent . ne 

b) Das Presbyterialfyftem . 
Iſt das Kirchenregiment im Presbyterialfpfiem etwas permanente 
c) Das Episcopalſyſtem . 
Wodurch unterfcheiden ſich biefe Berfaffungen i in der Sueibungt 
a) Das Eonfiftorialfpflem . . 
b) Das Epidcopaliyflem - » : 2 ve ne 2 en 0. 
c) Das Presbyterialſyftenn. 
Welche Berfaffung iſt die bee? . - « .- . 


2. Gegenftände bes Kirchenregimentes. 
Einleitung. Theilung 


1. Innere Berhältniffe der Kirche. 


1. Einfluß und Antpeil des Kirchenregimentes an 
der Geftaltung und Aufrehterhaltung des Ge«- 
genfazes zwifchen Klerus und Laten . . . . 

Die priefterlihe Würde ift allgemein chriſtlich 
Auf welhe Weife hat das Kirchenregiment dafür zu forgen, daß 
der Kirchendienſt gut verwaltet werde? . . . 
a) Wer foll beflimmen, was für Subjre im Bicgen 
dienſt zugulaffen find? . . . . .. . 
Kirchenpatrone . - . 
b) Was find bie Forderungen, bie a an einen circhenlehrer 
geſtellt werden können und muſſen? ee 
Höhere und niedere Geiftlichleit . . . . ee. 
Beharrlichteit im Verhältniß des Geiſtlichen zur Bemeine 


2. Einfluß des Kirhenregimentes auf die Orga⸗ 
niſation der GBemeine... ... 
Zwieſpalt des Geiſtlichen mit der Gemeine 

Zwieſpalt in der Gemeine ſelbtttt. 
Kirchenzucht und Kirchenbannn. 
Krankhafte Zuſtände der Kirde . 


3. Einfluß des Kirchenregimentes auf den öffent⸗ 
lichen Gottesdient. nen. 
Revolutionair und am alten feſthalten. 


Eeite 
936 


538 


538 
541 
543 
544 
545 
547 
547 
550 
593 
599 


565 


569 
969 


971 


971 
573 


. 977 


583 


. 986 


587 
87 
590 
591 


. 602 


. 605 


605 


— XXI m" 


Geite 
Iſt eine gefezgebende Thätigkeit bei dem Eultus Ba 0.609 
Angleihförmigkelt im Eultus . . . . ... 610 
Das materielle des Cultub - > 2 2 2 ern 2 0 2 22. 655 
Wodurch if etwas erbaulih?.. - 2 2 2 ren een. 616 
Freiheit und Beweglichkeit des Eultus . . . . . .. 620 
4. Einfluß des Kirchenregimentes auf die sen. 
ftellung des Kehrbegriffes . . . . . 622 
Gefchichtliche Rüftpiifle . . . 623 
Dh eine gemeinfame Lehre nothwendig fei für das religisſe Ben _ 
wußtſein? . . 627 
Ob ber Gegenfaz ber eangeligen Rice gegen die latholiſche 
feſiſtehert 630 
Darf im Zirchendlenft in allen Formeln der dehre von jedem Gr. 
brauch gemacht werben? . . . 630 
Es gehört zum Weſen der evangelifihen Rice, daß Areitig gemecht 
wird, was früher ſchon feſtſtand .. 632 
Die Kirche iſt auf den Standpunkt zu erheben, vaß fr een 
Boriähriften für die Lehre nicht bevarf . . . » 635 
Das apoſtoliſche Symbolum . . . 637 
Ob bei der Beweglichkeit bed Dogma feine Sich Bee !önne? 639 
Werth der Symbola . . - . 0... 645 
Werth der Eoncilten . - . . 649 
Principien für die Geſezgebung in Bezlehung auf den gehrbegriff 651 
Die alademifche Lehrfreibet .- . » » 653 
Bas hat das Kirchenregiment zu vun in Berlehung af aboeigene 
Meinungen? . . . 2°. en . 655 
1. Aeußere Berpältniffe der Kirche, 
Zhellung . . . » 222.0. 682 
1. Berpältniß der Rice ‚um Staat ee... 664 


2. Berpältniß der Kirche zur Wiffenfhaft . . . 678 

3. Berpältniß der Kirche zum gefelligen leben. . 692 

4. Berpältniß der einzelnen Landeskirchen unter 
einander > 2 ee ee een... 69 


Zweiter Abfchnitt. 

Das ungebundene Element des Kirchenregimentes ober 
die freie Geiſtesmacht, Die der einzelne auf das 
Ganze der Kirche ausübt. 

Einleitung » 2 0 0 rennen. 708 





—  XXIV — 


1. Die Thätigleit des alademifhen Lehrers 
2. Die ſchriftſtelleriſche Thatlgkeit 
Schlußbemerkungen. 


A. Manufeript . » 
. Manufeript. 
. Manufeript. 
. Manufeript. 
. Manufeript. 


28908 


Beilagen. 
1828. 

1833. 2 220. 

1830. (9) .. 

1815. 


>. 838 


Seite 
. 709 
. 720 
. 725 


. 731 
. 786 
823 
837 


Praktiſche Theologie 


von 
Schleiermacher. 


— — — — 


Aus nachgeſchriebenen Vorleſungen. 


Sratsifge Therlotie. 1. j 1 


Einleitung. 


Man zieht für bie praftifhe Theologie gewöhnlich die engen 
Brenzen, daß fie die Anweiſung fei für bie zwelfmäßigfte Art 
bas Geſchaͤft der Belehrung aud dem göttlichen Wort und ber 
Berwaltung der Sacramente in feinen verfchiebenen Formen 
auszuführen. Man behauptet, daß bie Handhabung ber äu- 
Bern Ordnung in ben chrütlihen Gemeinen, ihres Verbandes 
anter einander und ihres Berhältniffes zur bürgerlihen Ger 
fellſchaft von jenem Geſchaͤft ſich ausfchließen Tieße. Nach ber 
Anſicht daß das leztere Keine Theorie geben könne, fchließt man 
es eben von bem Gebtet ber praktiihen Theologie aus. Die 
fer Anfit kann ich nicht folgen, und habe mir die Grenzen 
weiter gefest. Das Ganze tbeilen wir in Kirchendienſt und 
Kirhenregiment, fo daß nun das was man häufig ganz 
und gar unter praftifhe Theologie verfteht, bier nur die Ab- 
theilung Kirchendienft ausmacht; die andere enthält vieles was 
man gewöhnlich nicht zur praftifchen Theologie vechnet. Weber 
Diefe erweiterte Begrenzung muß ich mich zuerſt erflären. Bir 
mögen und nım auf den allgemeinen Standpunkt der chriſtlichen 
Rirhe ohne bie feige Trennung ftellen: fo ift Doc, feitbem 
biefelbe in einem größern Umfange beflanben hat, immer es 
ſchwierig gewefen ſowol ihr Verhaͤlmiß zum Staate zu be= 
kimmen als auch die rechte Handhabung. ber Orbnung ber 
chriſtlichen Gemeine auf richtige Principien zu bringen ober 
“ 418: 





— 4 — 


fo zu verfahren als wenn es Principien darüber gäbe, Der 
Streitfragen find zwei: Oualificiren ſich diefe Borftellungen ih- 
rem ganzen Gehalte nah dazu in der Form einer beflimmten 
Theorie vorgebradht zu werden, und If ein Zufammenhang 
zwifchen diefer Theorie und jener welche den Begriff der prak⸗ 
tifchen Theologie im gewöhnlichen engen Sinne bildet? Wer 
ed Täugnen will baß es über diefe Gegenflände eine Theorie 
geben müffe und daß auch biefe entwiffelt werben fönne, ber 
mag auch behaupten daß eine Theorie über ben Kirchendienft 
überflüffig fei. In den erften Zeiten ber chriſtlichen Kirche 
finden wir fie nicht, auch waren bie Lehrer nicht aus andern 
analogen Gefchäftsfreifen hinzugekommen. Ebenfo ale bie 
Kirche ſich aushreitete und es nothwendig warb aus dem zu⸗ 
fälligen ein zufammenhängendbes zu machen, if es auch ohne 
Theorie geſchehen, und doch iſt die Sache ihrem Wefen nad 
gu Stande gefommen. Je weniger ed nun der Kirche an 
Männern von Bildung fehlt welche bie Sprade unb bie 
Sprache der heiligen Schrift insbeſondere in ihrer Gewalt Jar 
ben, und je mehr die große Maſſe einer chriſtlichen Gemeine, 
an bie fi) die Belehrung wendet, eine ſolche ift welcher ein 
Kunſturtheil nicht zufteht und von welder man es nicht erwar⸗ 
tet: um fo mehr gehört zur Berwaltung nicht mehr als was 
max von einem jeden wiflenfchaftlich gebildeten Menſchen vers 
langt. Bringt er nun die Kenntniß der heiligen Schriften, des 
chriſtlichen Lehrbegriffs und ber jezigen chriftlichen Kirche mis, 
und hat babei die allgemeine Bildung welde wir «als bie 
Grundlage der wiffenfchaftlichen vorausfezen: fo braucht er nicht 
nad einer befonderen Theorie zu predigen; baffelbe gilt auch 
vom Unterricht der Jugend; und hat man dies beibes beſeitigtt 
fo wird eine Theorie äber das übrige noch überflüffiger fein, 
Und. von der Rehre vom Kirchenregiment kann man fagen, Si 
unter ſchwierigen Umfänden gejchifft zu nehmen, in das Auge 
zu faſſen was zu thun if und was nicht, das alles iſt zwar 
fehr ſchwer: aber es hängt fo fehr von ben Umftänden ab um 
iſt fo individuell daß eine Theorie darüber gar nicht aufges 


— 3 — 


ſerdt werben kann. So ſcheint es als brauchten wir gar nicht 
anzufengen. Laflen Sie und die Sache von ber Seite bee 
Gewiſſens anſehn. Es if eine Gewiſſensſache dag wir ung 
über dies wichtige Geſchaͤft eine Theorie aufftellen, und es fei 
nicht bie Frage, wieyiel bamit gewonnen wirb, fonbern wies 
fern fi jemand über die Art feiner Gefchäftsführung zufrieden 
ſtellen kann. Man fan zwar fagen, es giebt überall eine ge= 
wiſſe innere Volllommenheit des menfhlichen Gries, von ber - 
wir zu fagen pflegen, Jeder kann fih ganz auf fich felbit ver⸗ 
offen und braucht für nichts eine Vorſichtsmaaßregel: das ift 
Genie; nämlich wenn einer fo geartet ift baß er weber be» 
ſtimmter Borübungen noch allgemeiner Regeln bedarf um etwas 
zu volbringen, und es doch auf volllommene Weile vollbringt. 
‚, Daraus würbe folgen, wem auf irgend einem Gebiete alle bie 
es bearbeiten dieſe Befchaffenheit hätten: fs würbe es Feiner 
Theorie bebürfen; bas Genie verfihmäht bie Regel. Doc die⸗ 
fer Saz ift nur ein negativer und dazu muß es einen poſitiven 
geben, und ber wäre, Durch Bortrefflihmacdung giebt bas Ge- 
nie bie Regel. So kommen wir doch um die Regel nicht 
herum. Mag auch in gewiffen Gebieten diefes Selbftgefühl 
zu Zeiten da fein müflen, fo ift Doch unfer Gebiet davon aus- 
geſchloſſen. Das Genie haftet am Moment und iſt nichts con- 
Ranted. Es liegt in ber Natur der Sache, daß bei jeder nicht 
momentanen Thätigleit eine gewifle Bergleihung deſſen was 
man thun will mit ber Regel etwas ganz nothwendiges iſt um 
ſich felbft zufrieden zu ſtellen. Der. Glaube an bie. Eingebung 
des Momentes ift eine Aufgeblafenheit. Wenn man fagt, es 
würbe fi niemand einbilden daß er die Sache befler machen 
würde als die Apoſtel: fo will ich mich nicht Damit ſchüzen, 
daß die Apoſtel den heiligen Geift hatten und wir nicht; auf 
möchte ich das Teste nicht behaupten, denn ber göttliche Geiſt 
iR etwas permanentes, fonft hülfe ung ber Geift der Apoftel 
nichts. Doch es bildete fih unter den Apofeln erſt der Ge— 
genſtand für die Theorie, Im patriſtiſchen Zeitalter Fan man 
fügen war ber Gegenſtand ſchon dba, und doch Feine Theorie 


— 6 — 


der Homiletik: aber ſie exiſtirte im allgemeinen als Rhetorik, 
zwar noch nicht in Anwendung auf den kirchlichen Vortrag, 
denn Damals war noch das alte Leben in dem ununterbrocddenen 
geſchichtlichen Zufammenhange, aus welhem große Werte der 
Berebfamfeit hervorgegangm waren. Darüber gab es bie 
Theorie und die Tradition der Schule. Der Geſchmalkk hatte 
fi verändert und nicht verbefiert, aber die Anwendung ber 
Theorie war dieſelbe geblieben, und wir dürfen fie nicht ım- 
tergehen laſſen. 

Wenn man anfängt eine Diſciplin zu behandeln, beſon⸗ 
ders aus einem Gebiet der poſitiven Wiffenfchaft: fo muß man 
fich zuerſt orientiren über den Ort die Bedingungen ımd ben 
Zufammenhang derfelben mit ben andern, Die Anſichten hier⸗ 
über find auf dem Gebiet ber Theologie fehr verſchieden. Man 
findet fie gewöhnlich in ber Encyflopädie oder Einleitung nie- 
dergelegt; überall fommt die praftiihe Theologie ganz befon- 
ders zu kurz, und fowie man ben Gefihtspunft fo eng nimm 
wie gewöhnlich, ift das auch nicht unrecht. Es fommt aber 
freilich Hier nicht auf die Anficht über die praktifhe Theologie 
allein an, fondern die theologifhe Wiffenfchaft überhaupt. Es 
giebt eine Anfiht, die fchon früher fehr weit verbreitet war, 
hierauf im Hintergrunde fland, jezt (1831) aber wieder auf⸗ 
tritt, daß die Dogmatif bie eigentliche Theologie fei, alles an⸗ 
dere nur Hülfewiffenfhaft. Das Iezte Täßt fih von der prak⸗ 
tiſchen Theologie am wenigſten fagen; baber fagt man, fie fei 
die angewandte Theologie. Wenn aber die ganze Theologie 
fo geftellt wird daß die Dogmatif die eigentliche Theologie 
fein foll und praftifhe Theologie nur Anwendung der Dogma⸗ 
tie, und wir überlegen, wieviel in der Dogmatik ift, ja alles 
in fo fern fie eigentliche Dogmatik ift, wovon im Gebiet der 
praftifhen Theologie gar feine Anwendung gemadt wird: fo 
erfcheint mir dieſe Anficht fehr fchief und der eigentlichen sage 
der Sache nicht angemeffen. . 

Wenn wir uns fragen, Wie fommen wir dazu überhaupt 
einen gewiſſen Compiler von Difeiplinen zu conftituiren die wir 


— TV — 


Kheologie nennen, Tote iſt dieſe euſtauben? ſo maſſen wir bed 
einen beſtimmien Punkt ſuchen von dem wir ausgehn können, 
Es Tamm unmdglid jemand ſagen, Wir können die heologiſche 
Wölfenfcheft als poſttive finden von ber Idee ber Wiffenfchaft 
and; beim wenn biefed wäre, müßte entweder die Beyiehung 
ber theologiſchen Wiſſenſchaft auf Die chrißliche Kirche aufhören, 
oder man müßte bie chrißliche Kirche conſtruiren koͤnnen aus 
der Ider bed Wiſſens. Gins non beiden müßte nothwendig 
fein. Nun ift weder eins noch das andere. Die chriftliche 
Kirche in eine Thatſache, und kann Feiner eine Thatfache con⸗ 
frwiren; aber es lam auch Heiner behaupten baß bie theolo⸗ 
ehe Wißſenſchaſt wicht in Berichung anf bie chriſtliche Kirche 
ehe. So werben mie alſo doch gelten laſſen müflen, Die 
Sheologifchen Wiſſenſchaften find nur ſolche in Btziehung auf 
Die Rise und kbönnen nur aus dieſer verfianden werben, 
Beaniworten wir alfo bie Frage, In weldem Verhältniß 
ßeht bie theologiſche Wiſſenſchaft insgeſammt zu ber. 
Kirche: dann erß haben wir eine Organiſation die keine 
einfeitige iſt, und was mis dann finden als die Axt und ben 
Umfang ber pralitiſchen Theologie, das werben wir am ſo 
ſicherer als ihre Erklärung gelten Lafien füuuen. 

Es iſt natürlich. Die geichichtliche Bemerkung voranzuſchikklen, 
daß bies ein Berfahren iſt dad gemlich ſpat einzutreffen pflegt. 
Es if das mit der poſitiven Wiſſenſchaft etwas anderes als 
ber zein wiſſenſchaftlichen. Bei biefer finden wir, daß fie 
wiſſenſchaftlich no nicht fehr ausgearbeitet war als man ein⸗ 
fh daß man den Zufammenhang fehhaliten mäfle um fie ab- 
zugrenzen. Gang anders iſt es mit ber pofitiven Wiſſenſchaft, 
wr man erh fragen muß, was Diefe ſei. Wenn wir ben ge⸗ 
genwärtigen Zuſtand ber Wiſſenfchaften beirachien und die Art 
wie fie übertragen werden und ferigepflangt: fo. giebt und bie ' 
Univerfität ein Mittel dazu. Wir wollen bie theologiſche 
Sacaiiht mal zulezt laſſen. Wenn wir die Jurisprudenz be- 
wrachten: fo finden wir, daß da eine Menge von Kennmiſſen 
find bie rein fertiſch find, doch zu wiſſenſchaftlichen werben yon 








XXXXV RU) r 


factiſchen ausgehend dutch Die Art der Behanblung Mimik 
bie roͤmiſche Gefeggebung if eine reine Thatfache, es iſt bie 
Gefezgebung wie fie ſich allmählig gemacht hat. Wenn wir 
fragen, IR denn damit bie juriſtiſche Facultät bloß um bie Ge⸗ 
feggebung des römiſchen Volkes kennen zu Iernen in Beziehung 
auf. das roͤmiſche Volk ſelbſt? fo werben wir fagen, das: iſt 
nicht Die Idee bason, foubern Die Anuwendang biefer Gefesgex 
bung auf ben Normal⸗ auf den geſezlichen Zufand wie er ber 
handelt werben fol. Jenes wäre ein rein geſchichtliches Stu⸗ 
Dium. Aber wem wir bie weitere Drgamifätion betrachten: 
fo finden wir, es ift alles in das Gebiet ber Wiſſenſchaft Käse 
eingezogen was fich auf bie Hanbhabung bes KRechtes bei ung 
bezieht; man ſieht es iſt alles anf bie Anwendung berechnet, 
Allein indem man biefe Kenninife fo behandelt, daß man nicht 
allein den Buchſtaben ber Gefeze ala gegeben betrachtet, ſon⸗ 
dern weil fie angewendet werben follen und man wilfen maß 
über welches Gebiet von verfhiebenen Fällen ſich das Geſez 
erfirefft: fo. muß man auf ben Zuſammenhang zurülkgehn, und 
das giebt einen wiffenihaftlichen Charakter. Demod aber bleibt 
bas Studium ein pofitives. Wir fehen alſo ganz beutfich, das 
ift der Charakter des pofltiven, daß wiſſenſchaftliche Elemente, 
die in ber Behandlung nicht zufammengehören, zufammengeftellt 
werden in Beziehung auf eine gewiffe Praxis. Laſſen Sit 
und die mediciniſche Karultät betrachten. Da handelt fi alles 
um.bas Verhaͤltniß der menſchlichen Drganifation in ihrem ge- 
funden und kranken Zuſtande zu den anderen Kräften bie in 
Berbinbung mit der menſchlichen Natur treten ober geſezt wer⸗ 
den, um zu wiſſen woburd dem krankhaften Zuftanb in ihm 
entgegen zu wirken. . Hier haben wir es mit ſtennmiſſen der 
Natur wiſſenſchaftlich zu thun, aber nicht m dem Zufammen- 
bang in welchem fie vom Standpunkt ber Wiſſenſchaft betrach⸗ 
tet werden müßten. Alle Bearachtungen über. Die Art wie 
andere Körper wirken, konnten in der allgemeinen Naturlehre 
gar nicht ale etwas beſonderes betrachtet werben, fonbern ganz 
im allgemeinen wie bie Kraͤfte überhaupt wirkem find. Das 


— 9 — 
wird im miebieinifhen Aberfehen und mir das zuſammengefaßt 
was fih anf gefunbe und krauke Zuftänbe bezieht. Hier if es 
natürlich daß Dinge von wenig wiffenfihaftlihem Werth ebenfo 
betrachtet werben wie andere, alles gebt darauf hinaus die 
Praxris fo gut ale möglich zu machen. Da haben wir denſel⸗ 
ben Charalter. Wenn wir nun auch wollen die ſtaatswiſſen⸗ 
ſchaftliche Facultaͤt eben fo anſehen: fo werben wir finden daß 
ba auch Elemente aus verfchiedenen Wiſſenſchaften zufammen 
fein mäflen, die Politik als philoſophiſche Diſcipltin, aber auch 
die Kenntniß der Staaten in ihrem jezigen Zuflande. Die 
Tendenz it zufammen zu bringen was bie welche die Regie⸗ 
rang des Staates leiten ſollen, nothwendig haben um ed auf 
Unſtleriſche Weife zu thun. Wie ſteht es nun mit ber theo⸗ 
Iogifhen Farultät? Da ift offenbar daß bie -Anficht bie bie 
Dogmatit als die eigentlihe Theologie anfieht, daß bie dieſe 
Analogie ganz verläßt und ſich ihr rein gegenüberftellt. Denn 
fowie ich die Dogmatik als das Teste aufftelle, fo iſt fie ein 
Willen ohne weiteres, aber freilich micht ein Theil ber reinen 
Wiſſenſchaft. Da aber die Dogmatit doch ausſchließlich auf 
das chriſtliche geht, fo liegt Die Behauptung darin, daß alles 
geſchichtliche für des Chriſtenthum gleichgültig iftz denn wenn 
die Dogmatil die Haupiſache ift, fo braucht fie das gefchicht- 
liche wicht, und man müßte fih anheifhig machen alle Begriffe 
in ber Dogmatik a priori den Menfchen zur Ueberzeugung zu 
bringen. Wenn wir hievon abfehen, bleibt nur eine Anſicht 
übrig die ganz in die Analogie hineinfält; denn wenn alle bie 
"Begriffe die man glaubt rein wiſſenſchaftlich zu probucicen, 
auf gewiſſe Thatſachen bezogen find: fo fieht man daß man 
ecebenfalls auf thatfärhliches zurüffgeführt wird. Nun aber fra⸗ 
gen wir, IR denn bie Dogmatik wirklich fo fehr das Weſen 
des theologifihen Studiums, daß man fagt, mit der Dogmatif 
ift es zu Ende? Ich möchte. fragen, Wenn einer die Dogmatif 
Bat, was macht er damit? Wenn ich von einer reinen Wiffen- 
fihaft rede, fo werfe ich bie Frage gar nicht auf; denn biefe 
Bat ihren Zweit in ſich ſelbſt. Man würbe da fagen, Ich 


+ 





— w — 


weiß und in dem Wiſſen ruhe ih! Aber went wir nun ſa⸗ 
gen, In der Dogmatif iſt das Wiſſen fo genau mit ber That⸗ 
ſache des Chriſtenthums verbunden, fo daß alle Begriffe num 
im Gebiet der Thatfache ihre dogmatifche Realität haben: fo 
ik die Dogmatik nur möglich im Chriſtenihum. Frage ich num, 
Was ift fie da? fo werde ich wieder fagen, fie Tann aur für 
einige im Chriftenthum fein. Es ift etwas biefen und allen - 
anderen im Ehriftenthum gemeinfam, was wir burh Glauben 
bezeichnen, und wir werben zunächſt nur antworten, daß bie 
Dogmatik von diefem allen gemeinfamen die hoͤchſte und voll⸗ 
kommenſte Entwilffung fei, dag höchſte Bewußtſein davon; aber 
ed bat nur feinen Ort im Chriftenthum, und wenn wir das 
Wiffen in feiner Ruhe betrachten, fo gebt daraus hervor baf 
im Chriſtenthum auch das Bewußtſein bes. Willens vom CEhri⸗ 
ſtenthum fein fol. So werden wir darauf zurükkommen, au 
in diefer Ruhe betrachtet ift die Dogmatil die Volllommenhe 
ber Kirche; und wenn ich fie mir benfe als moralifche Perfon; 
fo ift es bie Vollkommenheit ihres Selbſtbewußtſeins von der 
ihr eigenthbämlichen Vorſtellung. Die Dogmatif wollen, das 
heißt die Vollkommenheit der chriftlihen Kirche wollen; fo bes 
hält fie immer die Beziehung auf die chriſtliche Kirche. Nun 
fann niemand behaupten baß ihre Bollfommenheit darin bes 
ftebe, daß einige die Bollfommenheit für ſich haben, bie an⸗ 
beren die Unvolffommenheit; fondern man kann das nicht wol 
len ohne die vollfommene Berührung mit allen Gliedern, ohne 
eine Circulation in der Kirche ſelbſt. Daraus folgt, es ift nicht 
eigentlich dag man bie Vollkommenheit ber Kirche wolle allein ' 
um des vollfommenen Willens der Vorftellung willen, fondern 
wir müflen das reine wiffenfchaftlihe Gebiet verfaflen; es kann 
niemand nur einen Zweig wollen, und die Dogmatif verhäl 
fih nur wie ein Theil zu ben anderen. Alle find vereinigt in 
Beziehung auf die chriſtliche Kirche. 

Dieſer Charakter der pofitiven Wiffenfchaft IR alfo für alle 
auf gleihe Weife anwendbar; dem nun wird jeder zugeben, 


daß alles was ſich geihichtlih auf die chriſtliche Kirche besticht 


— 1 — 


eben fo nothwendig If als die Volltonimenbeit in ber Ausbil⸗ 
bang ber 'religiöfen Vorſtellung, beim man kaunn bie Bollfom- 


menheit der Kirche nur wollen in fo fern fie eine gefihichtlihe 


Erfprinung if. " 

Wenn wir mun fragen, Wie verhaͤlt ſich bazı die prafi« 
ſche Theologie? fo werben wir allerdings bie ganze Drgani« 
fation der "Theologie dabei vorausſezen müffen. Der Ausbruft 
praltiſche Theologie zeigt ſchon durch ſich ſelbſt daß dieſer 
Diſciplin die Praxis, um derentwillen dieſe Elemente verbun⸗ 
ben ſind, am naͤchſten liegt. Hier find wir nun an einem 
Yankt wo wir die Analogie mit den anderen bucchführen kön⸗ 
men. Wenn wir mit ber Mediecin anfangen: fo wird ein feber 
Meni in gewiffem Grabe für fein Leben forgen duch das 
was er zur Ernährung thut, eine Berbindung fezen anderer 
Raturfräfte mit den menichlichen, und fo hat jeder feine eigenen 
Erfaßrungen. Das ift aber auch die mediciniſche Praris, die 
iR etwas allgemeines. Gehen: wir zurüff auf bie Natur, fo 
ſinden wir bie immer in ber Production des menfhlichen Xe= 
bens begriffen, und jedes was entwiffelt ift, ift feiner Sorge 
bingegeben. Aber nun findet bier allerdings eine große Ber- 
ſchiedenheit in der Einficht und Nichtigkeit und Vollkommenheit 
der Einſicht flatt, und einer kann dem andern dienlich und 
nüzlich fein. Wenn wir denfen daß alles nur auf dem Wege 
ber Empirie fei: fo würde eine Menge von Senniniffen bes 
eunelnen anbenuzt bleiben. Die Aerzte find aber die welche 
bie Leitung ber menſchlichen Geſellſchaft übernehmen in Be- 
ziehung auf den organischen Proceß. Wenn jede von biefen 
Beziehnngen fo auf ſich ſelbſt redigirt wäre und die ganze Ge⸗ 
ſellſchaft in ſolch elementarifhem Zuftande daß feber für ſich 
ſelbſt zu forgen hätte: fo gäbe es Feine foldhe Leitung und es 
‚gäbe feine mediciniſche Wiſſenſchaft. Daffelbe ift nun wenn 
wie die juriſtiſche und ftantswiffenfchaftliche Sarultät betrachten. 
Wenn bie Geſellſchaften worin das menschliche Gefchlecht zer- 
theili it, jebe für fih ifolirt wäre und ſich in ſolch elementa- 
riſchem Zuſtande forsbewegen Fönnte: fo würde von feiner ju- 


» 


m. 22 nmmee.. 


ridiſchen ober ſtaatewiffenfchaftlichen Faeultat bie Rebe fein’ 


' formen. In diefem Zuſtande könnten fie wicht Iange bleiben, 
und fowie die bürgerlihen Elemente eine. Weile beftenden 
hatten, kommt auch bie Theorie nach, und das was urjpräng- 
ih durch einen son Gewalt unterflügten Inſtinct befanden 
hat, ward durch das rechtliche feſtgeſezt im bürgerlichen Geſez, 
und nun entſteht eine Forfchung des Zufammenhanges der Ge⸗ 
fege. Aber es wäre die lächerlihfte Sache von ber Belt, 
were folh Willen zu Stande kaͤme damit einer hinter dem 
Screibtifihe fähe und fagte, Ich weiß nun; fondern es if im⸗ 
mer um bie Leitung und ber Leitung wegen zu thun. Auf 
biefelbe Weife ift es mit ber theologifchen Zarultät, und fie Has 
ihre Beziehung auf bie Leitung der hrifliden Kirche 
als einer Geſellſchaft, wie diefe auf bie bürgerliche Geſellſchaft 
und Reitung des organifchen Lebens. | 

Wenn wir nun bei der Theologie überhaupt von. biefer 
ganzen Analogie ber Ibee einer Leitenden Thätigkeit aus—⸗ 
gehn müffen: fo bat es hier auch Feine große Schwierigkeit 
das Berhältniß der praftifchen Theologie zu den übrigen Dis⸗ 
ciplinen zu beflimmen. Der Ausdrufl praftifch ift allerdings 
genau nicht ganz richtig, denn praltiſche Theologie if nicht bie 
Praris, fondern Die Theorie der Praris. Alfo kann man das 
Wort nur im uneigentlichen Sinn nehmen. Es fcheint als ob 
fh hier das Verhaͤlmiß ganz umkehrt; denn wenn bie Aus⸗ 
übung der Thätigkeit der eigentliche Zwekk, fo könnte man ſa⸗ 
gen, bie praftifhe Theologie wäre bie eigentliche. Difeiplin 
und alle andere Huͤlfswiſſenſchaften. Aber das macht uns nicht 
beforgt, und es wird füch zeigen daß das Verhältni ganz an⸗ 
ders it, Daß eine folche Unterordnung nicht ſtaitſindet, fonbern 
mehr eine Gleichſtellung. Nämlich wenn wir fagen baf eine 
ſolche leitende Thätigleit ausgeübt werben foll: fo fegen wir 
eine folhe Ungleichheit feft, wie ich ausgeführt habe dag 
bie juridifche ein bürgerliches Leben vorausfezt und daß eben- 
fo aud die mediciniſche Facultaͤt ſolche Ungleichheit vorausfezt 
in Beziehung auf ben Grundſaz ber Organifation; fo daß ei⸗ 


aa__ 


— 18 — 


nige eine: leitende Thaͤtigkeit Aber alle ausüben. Wenn wir 
Die chriſtliche Kirche denken könnten, fie ift es aber von Anfang 
au micht geweien, urfprüngsih als eine Gemeinſchaft folcher 
die in Beziehang auf das Chriſtenthum einander völlig gleich 
wären: dann wärbe es Feine leitende Thätigbeit in ber Kirche 
geben. Es Tönnie zwar auch da flattfinden daß man Aberein- 
täme in der Geſchaͤftsveriheilung, aber man könnte es ſchwer⸗ 
lich eine leitende Thätigleit nennen. Run mäflen wir fragen, 
Bodurch entficht bie Ungleichheit die wir hiebei vor— 
ansſezen und anf welche bie ganze Möglichkeit einer leitenden 
Maͤtigkeit beruht? Ih Habe zwar eben gefagt, bie Ungleich⸗ 
heit wäre etwas urfprüngfiches, ımb ift fie das, fo könnte nicht 
geſagt werben wie fie entſtanden, fie ſchiene dem Chriſtenthum 
weſentlich zu inhaͤriren. Aber dennoch bleibt Die Frage die⸗ 
ſelbe wenn auch der Grand im Chriſtenthum liegt. Das läßt 
ſch anfo ſtreugſte nachweiſen, aber dieſer Nachweis führt auf 
sine Folgerung die dem Reſultat entgegengeſezt iR. Das Chri⸗ 
ſenthum if von Chriſto ausgegangen und war in ihm. Ale 
anderen verbalten fi) wie Null dazu. Da war eine abfolute 
Ungleichheit, bie ganze Schöpfung ging von da ans, Die lei« 
ende Thätigleit wurde; ſobald es. gläubige gab fehen. wir 
tine leitrude Thaͤtigkeit. In fofern if biefe Ungleichheit und 
leitende Thätigkeit. dem Chriſtenthum urfprüngiih und in feinem 
Mefen gegründet. Wenn das Chriſtenthum feinem geifligen 
Gehalt nach eben fo gut in mehreren oder allen hätte entſtehen 
Biunen: fo wäre es nicht das Chriſtenthum, es wäre nicht bie 
Seiehung auf einen Einzigen, und die Erldſung hätte kei⸗ 
nen eigentlichen Gegenſtand. Wenn wir aber von diefem Punft 
wögehen, mäflen wir freiliih fagen, bie Ungleichheit Hat ſich 
ſerigeſezt vermöge ber Ungleichheit des Zufammenhangs in bem 
die einzefnen mit Chriſto ftanden. Die Apoſtel waren ihn bie 
nahen, und nachdem er wicht mehr da war, übten biefe bie 
leitenbe. Thaͤtigkeit aus die Die probuctive im füch ſchloß. Unſere 
ganze Betrachtungeweiſe des Chriſtenthums fchließt aber au 
dNeſao im. ſich, daß mir eine. ſolche Ungleichheit hernach nicht 


a 414 und 


_ weiter annehmen. Wie ſchon die Ungleichheit ber Apoſtel und 
der übrigen Chriſten ganz ſpeeifiſch verſchieden von dem Un⸗ 
terſchied Chriſti und ber übrigen Menſchen, das haben bie 
Apoftel felbft auf das beutlichfle ausgeſprochen theils in allen 
Sentenzen worin fie das Verhaͤltniß von fi zu ben übrigen 
Chriſten ausſprachen, theils durch die That: denn indem fie 
durtch das Loos fich einen zuordneten, fo zeigte ſich das genug: 
fam. (Apoftelgefh. 1,26.) Wenn wir in unferer Betrachtungs⸗ 
weile fortgeben, fo führt uns das dahin, daß bie Ungleid- 
heit abnimmt, und wir müßten bie leitende Thätigleit wur 
als Durkhgangsguftand annehmen. Gefezt aber au diefe in- 
nere Angleichheit hörte ganz auf und in Beziehung hierauf 
wären fte alle gleich, müſſen wir Doch wieder bei bem Umfang 
ber Kirche eine ſolche leitende Thätigfeis für nothwendig hal⸗ 
ten und auf eine andere Duelle zurüffgehn bie biefelbe noch⸗ 
wendig madt. Daß diefe innere Ungleichheit in Beziehung auf 
die innere Kraft des Chriſtenthums aufhören folle, liegt ſchon 
in dem Ausſpruche Chrifti auf das beutlichfie, wenn. er bau 
Weſen des neuen Teſtaments darin fest „daß alle von Gott 
‚gelehret feien und Feiner vom andern gelehrt zu werben brauche 
(Ev. Joh. 16, 13, 1 Joh. 2,27). Run fragt fih, Giebt eg 
eine andere Ungleichheit, die Dabei doch immer fortbanern wird 
und um derentwegen eine Drganifation ber Kirche nothwendig 
bleibt? Hier kommen wir auf einen Punkt von mo aus beibe 
zu gleicher Zeit die Idee einer eigentlichen Theologie und bie 
Ueberzeugung ber Nothwendigleit einer leitenden Thaͤtigkeit im 
der Kirche entfieht. | 

Wenn wir vorausfezen jene innere Gleichheit und zu gleis 
Ger Zeit,. daß die Richtung auf die Gemeinichaft ein gemein⸗ 
fames Leben bilde für eine Mittheilung in Beziehung auf bag 
Ehriſtenthum, und dabei biefe Gemeinfchaft ald das ganze Ges 
biet des Chriſtenthums umfaſſend anfehen: fo wirb hier poſtu⸗ 
lirt die Möglichkeit einer Mittheilung aller an alle, denn das 
e die urfprüngliche Korm und das gemeinfame Reben bei - &i- 
ner Gleichheit. Wenn wir alle, gleich denlen in Beziehung auf 


— 15 — 


den Beſtz nud Gebrauch der Hülfsmittel ber es zu ſolcher 
Mittheilung bedarf, und alle in gleicher Lage: fo wirb bie 
Gleichheit vollfommen bleiben, unb es wäre von einer Teitenben 
Khätigfeit nicht die Rede. Da aber die Mittheilung über re⸗ 
Iigiöfe Gegenflände immer überwiegend durch die Sprache be⸗ 
diagt und bei bem Chriſtenthum ganz vorzüglich, weil es Wer 
miger in ſymboliſchen Handlungen ſich ausbrüfft als in Vor⸗ 
Rellungen und in Gebanten: fo würde ſolche Gleichheit nur 
möglich fein wenn wir alle gleich denfen fünnten in Bezichung 
anf. den Beſiz und Gebrauch ber Sprache. Das würbe nur 
möglih fen wenn das Chriftenthbum entweder auf den Ge⸗ 
brauch einer einzigen Sprache befchränft wäre, ober es fände 
zwishen allen Sprachen eine Gemeinfhaft der Sprache flait, 
Diefe Boransfezung ik ganz ungefchichtlich, und man kann über- 
ſehen daß fie niemals Tann gemacht werden; fondern vielmehr 
wenn wir gefagt, die Ungleichheit von welcher wir audgingen 
mäßle abnehmen: fo muͤſſen wir fagen, biefe Ungleichheit muß . 
 yumhmen. Wenn wir und auf bas Gebiet einer Sprache ber 
fhräufen: fo iſt eine Ungleichheit auch im Beſiz einer Sprach⸗ 
gefammtheit, und biefe hängt zufammen mit der Ungleichheit 
ber Bildung. Nun müflen wir aber das Chriſtenthum ben> 
fon nicht wur fich gleichzeitig verbreitend, fondern ein jedes ge⸗ 
ſchichtliche Ereigniß erfordert einen Zufammenbang mit bem 
früheren. Die Sprache aber in ber bas Chriſtenthum ent⸗ 
handen if, iſt wicht mehr vorhanden als lebende Sprache; alfo 
iſ jeder. Moment bedingt durch den Gebrauch und Beſiz jener 
Syrache. Da iR eine urfprüngliche Ungleichheit. Wenn wir 
danach einen anderen Ausgangspunkt conſtruiren: jo müſſen 
wir vorausſezen bei der Identitaͤt des Glaubens eine Richtung 
uf die Gemeinſchafi. Diefe Richtung auf die Gemeinfchaft, 
in welcher Beriebung es auch fei, pflegen wir durch Gemein 
geiſt zu bezeichnen, und fagen baß überall eine Gemeinihaft 
mer möglich if unter der Bedingung eines ſolchen Gemeingei« 
ed. Cine Gleichheit bes Gemeingeiftes können wir aber nicht 
überall. unraunfegen, fonbern ba mäflen. wir auch don einer 


m 


— 14 — 


Ungteichheit ausgehen. Diefe iſt eine allgemeine Erfahrung bie 
wir in allen Gebieten machen von welcher Art eine Gemein- 
ſchaft fel, und es ift nicht einmal nöthig daß fie eine weit ver⸗ 
breitete fei, um zu ſehen daß ber Gemeingeift ungleich vertheilt 
ſei. Diefe Ungleichheit findet in der Form fatt, daß ber Ges 
meingeift in einigen productiv if, in ben anderen beficht er 
mehr in einer Iebendigen Empfänglühleit. Diefe beiden Puntie 
zufammen find der Angelpunft, der ben Grund enthält daß wir 
bie chriftliche Kirche nicht anders als nur unter ber Form ei⸗ 
‚ner fih immer wieder erzeugenben Ungleichheit und einer Noth⸗ 
wenbigfeit ber leitenden Thätigfeit conftruiren Tömien. Ich 
glaube, es kann feine große Schwierigfeit maden auch biefe 
zweite Ungleichheit zu umterfcheiben von ber erfien, bie. immer 
abnehmen muß. Es wird ein jeder ben linterfdhieb wol un« 
mittelbar in feinem Selbſtbewußtſein haben, daß es ein ande⸗ 
zes iſt den Geiſt des Chriſtenthums in ſich zu tragen unb ein 
anderes im Gemeingeift nach außen wirkfam zu fein. Aller 
dings kann bie Theilnahme an dem Geift bes Chriſtenthuus 
niemals unthätig fein, fie wäre font nur ein tobter Glaube: 
aber wir können und benfen eine beftändige Wirkſamkeit bes 
Glaubens, die etwas anderes ift als bie Wirkung bes Gemein- 
geiftes auf Die Geſellſchaft. So wenn wir biefe als Organi⸗ 
fation denfen, fo erfcheint ber Gemeingeift als eigentlich wirk⸗ 
fam, und die Richtung auf die Gemeinfchaft ift etwas anderes 
als. das innere Eindgeworbenfein mit bem Princip worauf bie 
Gemeinfchaft ſelbſt beruht. Wir finden dieſe Berfchiedenheit 
anf eine urfprüngliche Weife ausgebrüfft im Anfange des Chri⸗ 
ſtenthums. Wir haben Feine Urſach unter den Apofteln ſelbſt 
einen bebeutenben Unterfchteb bes Glaubens anzunehmen;. fte 
mußten um das zu fein was fie fein ſollten ſchon auf biefex 
ſpeciſiſch verfehiebenen Stufe des Glaubens ohne Ausnahme 
Steben, daß fie Jeſum nicht nur für ben Propheten hielten, 
fondern für den einen der kommen folkte, und hier verſchwin⸗ 
det fchon die Wahrfheintichkeit eines bebeutenden Unterfchiebes, 
Ader wir. können nicht-Täugnen bag. ein bedeutender. Unterſchied 


— 411 — 


für die Kraft des Gemeingeiſtes vor Augen liegt. Es treten 
einige vor anderen zuräff, und die Wirffamfeit einiger ift ge⸗ 
ſchichtlich untergegangen. Run find wir auf dem Punft wo 
wir fagen können, Hier ift ung gegeben in ber chriftlichen Kirche 
ein boppeltes Princip der Ungleichheit das immer bleiben wird, 
bas Princip der Ungleichheit in Beziehung auf alle Mittel durch 
die die Gemeinſchaft unterhalten werben fann, und das Prineip 
ber Ungleichheit in Beziehung anf die Wirkfamfeit der Idee 
ber Gemeinſchaft felbR in den einzelnen. . Hieraus haben wir 
zu confiruiren was wir theologifche Wiffenfchaft oder Studium 
im Gebiet der chriſtlichen Kirche nennen. Nämlich es ift nun 
alles das zufammengenemmen woraus bie überwiegende Geite 
dieſer Ungleichheit entſteht und ihre Wirkſamkeit ausübt, In 
Beziehung auf bie beiden Punkte wonad wir bie Ungleichheit 
conſtruirt haben, werben wir fagen, baß bie theologifhe Wif- 
ſenſchaft alle die Kenntniffe in fich enthält und alle die Kunſt⸗ 
regeln welche anf bie leitende Thätigfeit in ber Kirche ab⸗ 
zweften. Wie ich vorher gefagt, es käme nicht das Verhaäͤlt⸗ 
niß fo zu eben ald wenn alle anderen Wiſſenſchaften nur Hülfe- 
wiffenfehaften für die praftifche Theologie wären, fo ftellt ſich 
bie Sache fo: Der praftifchen Theologie werben alle Die Kunft- 
regeln angehören bie fih auf bie leitende Thätigfeit beziehen, 
und der übrigen theologiſchen Wiſſenſchaft die Kenntniffe. 
Diefe find aber nicht nur Drittel zum Zwekk, fondern das wo⸗ 
durch einer erft ein ſolcher wird der hernach, indem er bie 
Kunftregeln ſich eigen macht, eine zweifnäßig leitende Thätig- 
fet ausüben kann. Sie find alfo das wodurch füh die Un- 
gleiihheit wieder erzeugt, und man Tann eben fo gut fagen, 
bie leitende Chätigfeit ift da weil die Ungleichheit fih produ⸗ 
ent, ale, besbalb producire fih auch die theologiſche Wiſ⸗ 
ſenſchaft; fie find Die Reproduction der Ungleichheit... Dar- 
aus geht hervor daß wir bie Hauptzweige als gleich neben 
einander fielen müflen, die Kenntniſſe und die Kunftregeln. 
Bon unferem gegenwärtigen Standpunkt aus, zunäcft wegen 
der Anwendung die im ber praktiſchen Theologie von jenen 
aluſhe Aheeletic. 1, 2 





— 18 7 


Kenntniffen gemacht wird, muſſen wir dieſe auseinanderle⸗ 
gen. Ich kann bier nur lediglich von der bei dieſer zum 
Grunde liegenden Idee einer leitenden Thätigfeit ausgehen. 
Das fezt voraus einen gegebenen Zuſtand; aber auf biefen wir⸗ 
fen und aus dieſem etwas beſtimmtes hervorbringen wollen, 
fest voraus eine Borftellung von dem was and bem gegebeuen 
werben fol. Offenbar laͤßt ſich eine leitende Thätigkeit nur 
benfen aus der Boransfezung und zufammen mit bem Beſtre⸗ 
ben. der Fortſchreitung; denn wenn nichts werben fol, be= 
darf es feiner Teitenden Thätigkeit. Diefe Kortfchreitung ſezt 
voraus daß ein vollflommmerer Zuſtaud als der gegebene ge⸗ 
dacht wird, und nun fragt füh, Worauf beruht Died denkbare 
und volflommnere? Wenn wir aber bei bem ftehen bleiben 
was dba ift: fo mäflen die Kenniniffe von dem was gegeben 
it vollfommen und wohlgeorbnet fein. Dieſes lezie fällt offen- 
bar in das Gebiet der gefhichtlihen Kenntniſſe, und alſo alle 
theologifchen Kenntniffe Die auf irgend eine Weife zu den Kennt- 
niffen des Zuftandes der Kirche gehören, find hiſtoriſch. Aber 
woher ift nun zu uehmen bie Idee von dem vollfommenen, 
was gedacht wird als Zielpunft worauf die Ieitende Thaͤtigkeit 
gerichtet wird? Das kann in verfihiebenen Graben der Bes 
fimmtheit fein, aber irgendwie muß fie fein. Hier fommt es 
darauf an, das Berhältniß Des gegebenen der gefchichtlichen Er— 
fheinung zu einem anderen womit es verglichen werben kann 
aufzuftelen. Wenn wir nun fagen, die leitende Thätigfeit hat 
ben Zwekk aus dem gegenwärtigen etwas zu machen: fo wird 
das ale etwas Tünftiges gedacht. Aber wenn wir Die Sache 
genauer betrachten, fo werben wir fagen, In irgend einer Be⸗ 
ziehung muß es als das Teztlünftige gebacht werben, alles au⸗ 
dere find Durchgangspunkte. Ob der Durchgangspunft nun 
richtig gefezt wird, würbe abhängen vom lezten, und je geraber 
er in der Linie läge nad dem Zielpunft, befto beffer würbe er 
gefezt. Das if das was man bisweilen durch ben Ausdrukk 
bes Ideals zu bezeichnen pflegt, einen Zuflanb von dem aus- 
gefagt wird daß er erreicht werben foll durch Die von dem 
gegenwärtigen ausgehende Thätigfeit, von bem mas aber nicht 


— 19 — 


ſagen kaun daß er zu irgend einer Zeit erreicht ſei. Fragen 
wir nun, Wo kommt die Richtigkeit ſolches Gedankens her? 
Wenn wir zugeben, wo eine leitende Thaͤtigkeit fei, muß ein 
folder fein: fo werben wir fagen müflen, daß zu dem Be— 
griff einer geſchichtlichen Erſcheinung, wo man ſich eine Reihe 
wechſelnder Zuflände denkt, wenn man biefe vergleicht, noch 
gehört dag man bie Differenz zwifchen zwei gegebenen Zu⸗ 
Händen auffaffes alfo wenn man mehrere vergleicht in DBe- 
ziehung auf folchen Zielpunkt: fo fammt es darauf an zu wif- 
fen, ob fie in derfelben Richtung Liegen ober in einer abwei- 
Henden und zum Theil aufbebenden. Hier müflen wir noth« 
wendig einen Gegenfaz aufftellen, ein verſchiedenes Verhaͤltniß 
der Dinge als möglich in Beziehung auf den Zielpunft. Die 
zwei Differenzen’ werben ausfagen bie eine ein Kortfchreiten 
„ber Bewegung, die andere eine abweichende bie in gewiffem 
GSinn eine retrograbe ift: denn es ift gewiß daß fie nicht fo 
weit bem Zielpunft näher kommt als wenn fie in gerader Rich⸗ 
tung fortgegangen wäre. Worauf beruht diefer Gegenſaz? Wir 
könnten ihn auf etwas ganz allgemeines zurüffführen, wenn wir 
bloß fagten, Die eine Bewegung ift foldhe bie man tabelt, bie 
andere eine folhe die man billigt; aber babei kommt man 
nicht weiter, es ift nur mit anderen Worten ausgebrüftt. Wir 
müſſen alfo die Frage noch mehr auf den Begriff eines ge⸗ 
ſchichtlichen Ganzen zurüffführen. Wo finden wir ein ſolches, 
und wovon geht ed aus? ES find allemal Thätigfeiten bie 
tmeinanbergreifen, und fo werden wir Befonnenheit vorauds 
ſezen, fo auch einen gleichen Antrieb der von gleicher Vorftels 
‚lung ausgeht. Wenn wir nun fagen, in diefem giebt es einen 
Wechſel von Zuftänden die gewollt und nit gewollt werben: 
fo fehen wir liegt ein befländiger Vergleih zum Grunde beffen 
was ift mit einem andern. Diefes andere Iönnen wir nit 
anders bezeichnen als im Gegenfaz von dem was if, das was 
fein foll ober werben fol. Das kann nichts anderes fein ale 
jene gemeinfame Beftrebung, jener gemeinfame Impuls, ber 
auf zwei verfhiebene Arten betrachtet wird, Diefe Differenz 
2 * 


— 20 — 


num koͤnnen wir nicht anders als fo im allgemeinen bezeichnen. 
Wenn wir und benfen einen folchen gemeinfamen Impuls, ber 
Gegenftand fei welcher er wolle, in allen die zu einem ſolchen 
Ganzen gehören, und in allen ausfchliegend wirffam in Bezie- 
hung auf alles was in das Gebiet des Ganzen gehört: fo wer⸗ 
den wir einen folchen Fortfchritt gar nicht finden, fondern der 
gleihe Impuls wird fih erneuern, aber es wird nichts gewon⸗ 
nen, es wird fein Urtheil über das Nefultat möglich fein; 
außer wenn wir benfen daß die Impulfe anders werben, wenn 
man in ber fpäteren Zeit klarer denkt als in ber früheren: 
bann entfteht ein Urtheil; ober wenn wir uns benfen, es iſt 
nicht der Impuls allein wirkſam, fondern es wirken noch an⸗ 
bere Kräfte, und das Refultat ift nicht die Wirkung von dem 
Impulfe allein, fondern ein zufammengefeztes: dann fehen 
wir natürlich einen Fortfehritt und das Urtheil entflehen, fo- 
wie fih etwas fremdes eingemifcht hat, daß es fortgebracht 
werben muß. Hier fehen wir alſo daß die Differenz zwifchen 
bem was ſchon ba iſt und dem was wir durch unfere Thätig« 
feit herporbringen wollen, auf diefen beiden Punkten berubt: 
1) daß die Idee des Impulfes unter der Korm eines Geban- 
tens und einer Entwifflung begriffen ift; und 2) daß ber Im— 
puls felbft im Streit ift mit andern auf bemfelben Gebiet wirf- 
jamen Kräften, die befeitigt ober in Webereinftimmung gebracht 
werben müffen. Wenn wir vom erfien ausgehen, fo bezeichnen 
wir den Zuftanb ben wir beurtheilen fo: Es hat biefer Mo— 
ment nod eine unvollfommene Vorftellung von dem was man 
zum Grunde legen will, was nur gefunden werben Fann wenn 
bie Vorftellung vollſtaͤndig entwikkelt iſt; oder es if das Re- 
fültat nicht Die reine Wirkung des Impulfes gewefen, fondern 
es ift anderes wirkfam gewefen. In beiden Fällen werden wir 
jagen daß der geſchichtliche Zuftand der Idee nicht entſpreche: 
benn bie unvollfommene Vorſtellung ift nicht die Idee fondern 
die in. ber Entwifflung begriffene Erſcheinung ber Idee; und 
auf ber anderen Seite deswegen, weil er nicht aus den Ele— 
menten allein befteht die von bem Impuls ausgegangen find, 


— 1 — 


fonbern anderes fih eingemiſcht. Es muß bas Bewußtfein von 
dem eigentlichen Weſen des gefchichtlichen Ganzen ein möglichft 
vollkommenes fein. 

Was wir ber praftifhen Theologie vorausſchikken müffen, 
zerfällt alfo in zwei verſchiedene Elemente. Es wird erftens 
nicht möglid fein ein richtiges Urtheil zu haben über einen 
Zuſtand der Kirche, und zweitens eben fo wenig von einem ge- 
gebenen Zufland einen richtigen Weg einzufchlagen, wenn nicht 
eine eigentlihe Keuntniß von dem Weſen der hriftlichen Kirche 
in Beziehung auf die gefchichtlichen Elemente Far und voll- 
ſtändig aufgefaßt if. Wir müflen und aber allerdings befchei= 
den, dag wenn gleich biefe Elemente an und für ſich betrachtet 
feine hiſtoriſchen find, fie doch auf dem biftorifchen Gebiet liegen, 
b. 5. es fann einer fagen, Ich bin im Beſiz bes reinen Be- 
griffes vom Chriſtenthum; und ein anderer fagt, Das bezweifle 
ih: die Borftellung die bu haft ift nur ein Refultat von dem 
was fich bis jezt entwilfelt hat, auf diefem Wege haft bu da⸗ 
bin nur fommen fönnen, es Tann aber zufünftig eine neuere 
Anfiht geben. Hiegegen wird niemand etwas einwenden. 
Die Ueberzengung ift nur eine fubjective. Darin liegt aber 
gar nicht daß der Zuftand ber Ueberzeugung aufhöre und ein 
Skepticismus in biefer Hinficht gefordert wäre, ſondern nur 
daß man fich deſſen bewußt und augenblifffich. bereit fei eine neue 
Unterfuhung zu beginnen, um andere Elemente die ein ans 
derer gefunden hat, ale eine Bereicherung anzufehen. Das 
führt und auf etwas anderes das ich beiläufig ſchon gefagt habe. 
Die Leitende Tchätigleit fezt bie Ungleichheit voraus, Dieſe 
habe ich im alfgemeinen fo harakterifirt, daß in einigen ber ge- 
meinfame Impuls flärfer und vollfommener ift als in anderen, 
daß die einen überwiegend probuctiv find, bie anderen mehr 
enwilkelnd. Wenn wir aber hiemit vergleichen was ich zulezt 
gefagt habe: fo geht daraus hervor daß wir biefen Gegenfaz 
zwiſchen den durch ihre Probuctivität heroorragenden und em⸗ 
pfänglihen nur als relativen Gegenſaz anzufehen haben. Denn 
was will das jagen, daß auch diefe ſich follen empfänglich hal⸗ 


— 923 — 


ten für das was von anderwaͤrts ihmen über ihre Borftellung 
fönnte gegeben werben? Ich glaube das ift eigentlih von ber - 
einen Seite angefehen ber wefentliche Unterſchied des proteftan- 
tifhen und katholiſchen Charakters. Die Marime, auch bie 
welche die leitenden find in ber Kirche, follen ſich empfänglich er= 
balten dafür daß es eine vollkommnere Anficht geben kann ale 
welche fie befizen, das ift grade das Läugnen ber Un— 
fehlbarkeit auf dem Gebiet der Geſchichte felbk, und 
das iſt eigentlih proteftantifh; wogegen bie Behaup— 
tung der Unfehlbarkeit das fatholifhe Princip if. 
Um nun zu dem eigentlichen Hauptpunkte zurüff zu kom⸗ 
men, müffen wir fagen, daß aus dieſem Geſichtspunkt bie Tei- 
tende Thätigfeit betrachtet ſich die theologifhen Kenntniffe ober 
Regeln die der Thätigfeit vorangehn müffen, in zwei Hälften 
fondern, nämlih die eigentlich gefchichtlichen, und die Die 
Principien für das gefchichtlihe enthalten. Alles was dazu 
gehört den Begriff der chriftlihen Kirche auf folhe Weife feR- 
zuftellen daß die gefchichtlihen Momente können gefchäzt und 
beurtheilt werben, und die Frage, was dag beflere fei, beantwortet, 
bildet die erfte Klaſſe, Die Kenntniſſe welche die Principien enthal- 
ten. Deswegen nun weil fie biefe enthalten und ben ei-' 
gentlich Hiftorifhen in Beziehung auf Form und Inhalt ent- 
gegengefezt find, und alles was Princip fein foll in das Gebiet 
ber Philofophie gehört, babe ich biefe in ber Encyklopädie mit 
dem Namen der philofophifchen Theologie belegt, wobei ich erin= 
nere, daß nur bie Rede ift von dem was Princip ift für Die chrift- 
liche Kirche und dabei ſelbſt ber Kirche angehört, und auf folhe 
Weife vorandgefezt wirb daß es in allen Elementen die dahin 
gebören muß eingefchloffen fein. Hier kann nit die Rebe 
fein von Prineipien im fpeculativen Sinn des Wortes, wobei 
man auf das Wefen des Geiftes zurüffgeht, denn das ift ganz 
etwas anderes als das Wefen ber Kirche, und daraus könnten wir 
nicht Refultate befommen die chriftliches enthalten. Wenn bag 
chriſtliche aus dem Geifte fönnte unmittelbar eruirt werben, 
fo mäßte es andemonftrirt werben fünnen, und man müßte ab- 
firahiren vom gefhichtlihen. Es muß aber bie Gefhichte vor- 


ansgefezt werden. Was alſo allen Ehriften gemein fein - muß, 
der chriſtliche Glaube, foll nicht von biefen Principien demon⸗ 
ſtrirt werben, ſondern fo dargeſtellt daß nicht ein Moment mit 
bargefellt werde fonbern bie reine Idee bes chriſtlichen Glau⸗ 
bens felbft in ihrer Bollfommenpeit gedacht. Alle anderen Kennt- 
wife die in das Gebiet hineimgehören find hiſtoriſch; fie find 
aber ſelbſt auf verſchiedene Weife von jenen abhängig. Ich 
habe erſt eine geſchichtliche Anfchauung von einem Zuſtande, fe 
wie ih er eine wirkliche NRaturanfchauung habe won einem 
natärlichen Ganzen, wenn ich im Befiz bes reinen Begriffes 
bin und befimmen kann wie fi ber Zuſtand zu dieſem ver» 
Halt; ohne Begriff habe ich Feine Anfchauung von bem Ereig⸗ 
mp, ſondern nur bie empirischen Elemente; was aber Das Be⸗ 
wußtfein zu einem gefchichtlichen macht, ift daß ich das geſche⸗ 
bene als einen beflimmten Ausdruft des Begriffs erfenne, daß 
ih es zerlege in eine Mannigfaltigkeit von Factoren, von benen 
einige beſonders hervortreten, wozu bie anderen nur Eoeffirienten 
find. Wie wir nun gefehen haben, daß nicht die anderen Difei- 
ylinen nur ale Hülfswiftenichaften -«anzufehen find für die praf« 
tiſche Theologie, ſondern daß beides zugleich aus einem innern 
Antrieb hervorgeht: fo iſt es auch in Beziehung auf Die beiden 
Zweige der Kenniniffe. Wir find überall gewöhnt die Princi- 
pien als das erſte anzufehn, und das iſt auch richtig wo es 
daranf anfommt Kenntniffe zu verbreiten; aber bier Fann man 
nicht einmal dieſe Priorität finden. Die Principien find aller=- 
dings die zuerſt wirffamen, aber beswegen keineswegs Das zu⸗ 
ern erkannte, und jeder und vorzüglich der fezige Zuſtand der 
Kirche zeigt deutlich wie es ſich damit verhält. Wenn das 
Frintip vorher zu einem Haren Dewußtfein gebracht wäre; 
wenn das die erftle Handlung fein müßte ehe von einer leiten- 
ben Thätigfeit die Rede fein könnte: fo wäre es nicht möglich 
daß fo verfchiedene VBorklelungen von dem Umfange und We⸗ 
fen des Chriſtenthums beſtehen Fönnten. Aber es ift chen fo 
wahr, daß die Veränderungen der Kirche Einfluß haben auf 
bie Modiſicationen ber zum Grunde Tiegenden Borftellungen. 


Wenn alſo bie tbeoretifhe und bie praktiſche Theologie nur 
zugleich werben kann, fo auch in ber theoretiſchen ber Theil 
welcher es mit dem Princip und ber es mit dem biftorifchen 
zu thun bat. on 
Wenn wir ung anf den Punkt ftellen wo wir bie Aufgabe 
der praktiſchen Theologie firiren können: fo ift wahr bag wir 
die beiden anderen Zweige vorausſezen müflen, aber eben fo 
wahr daß wir es nur in gewiffen Sinne können. Bir nüfe 
fen fie vorausfezen, ben es wäre Thorheit wenn ſich einer 
anmaßen wollte eine leitende Thätigfeit ohne einen Begriff 
zu haben vom Gegenflande berfelden, und eine noch größere, 
wenn er das wollte ohne zum Flaren Bewußtſein was das 
Chriſtenthum fei bei ſich entwiffelt zu haben und fih bewußt 
zu fein; aber auf der anderen Seite muß dieſes alles verbun- 
den fein, und bier ift der Ort wo wir unfer dem fatholifchen 
enigegengeſeztes Princip fefiftellen müflen, daß wir au in Be⸗ 
ziehung des erſten Grundſazes müfjen bereit fein in Erörterung 
einzugeben fobald es fih von einer Differenz handelt zwifchen 
und und andern, und bag es niemand gebe weder einige 
noch einen@omples, fa aud nicht bie Gefammtorgani- 
fation ber leitenden, ber das Recht hätte auszuſpre— 
hen wenn fih etwas hervorthut, daß es falfch fei, 
Wir müffen bier alfo zwei Nichtumgen, bie allerdings beide 
etbifch find, als genau verbunden vorausſezen; dieſe find es 
bie wir beide gleich poftuliren müffen für einen feben ber ſich 
in die praftifhe Theologie hineinbegeben will, der an ber lei= 
tenden Tpätigfeit Antheil haben will, Das eine ift dieſes ſelbſt, 
daß jeder realiſiren will nach feinem Theil feiner Hülfsmittel umb 
feiner Stellung in der Kirche, was er für ihren Fortſchritt erfeunt, 
Das zweite ift biefes, daß jeber, weil die hiftorifche Betrachtung 
- immer im Verſtehen bes gegenwärtigen aus bem vergangenen 
muß begriffen bleiben, alfo bas Urtheil über die Gegenwart 
nicht als abfolut abgeſchloſſen vorausgefezt werben fann, in ber 
Forſchung welches bie Grenzen bes GChriftentfums find und 
wie mannigfach bafjelbe fich geftalten Tann, verharren muß, 


°) Wenn wir das bisher gefagte nur als Borerinnerung 
gelten Iaflen: fo wird es num darauf anfommen, daß wir bie 
Aufgabe ganz überfehen, um eine richtige Art und Weife zu 
finden fie und nad dem Umfange zu ordnen und in bie na⸗ 
urlichen Theile zu zerlegen. Ih möchte mich num gern auf 
denjenigen Theil meiner Heinen theologifchen Encyflopädie be⸗ 
siehen welcher von ber praltifhen Theologie handelt. Dafelbft 
wird. in der allgemeinen Einleitung die prattifche Theologie er- 
Hört ald die Technik zur Erhaltung und Bervoll- 
Iommnung der Kirche, (1. Auflage F. 28 — 30.) Diefer 
Erflärung fünnen wir abhäriren; es kommt nur darauf an fie 
gehörig zu entwikkeln. Unter Technik verfiebt man eine An- 
weifung wie etwas zu Stande gebracht werden fol, um fo 
mehr als es nicht auf eine mechanische Weife zuſammengebracht 
werben kamm und babei feine abfolute Willführ flattfindet, wel- 
ges beides außerhalb ber Technik Liegt, Dies, daß durch al- 
led was wir unter geiflliche Amtsführung verfiehen die chrifl- 
liche Kirche foll erhalten und vervollkommnet werben, - 
bied it allgemein, und fo führt uns ſchon die Erklärung in dies 
Gebiet und foll fie und zeigen wie biefe Berrichtungen müflen 
zu Stande gebracht werben um den Zwekl zu erreichen. Die 
Erklärung felbft weiß nichts von dem was wir geiftliche Amts⸗ 
führung nennen, fie ſoll erſt conftruirt werden. Es ſcheint je- 
doch darımier noch mehr begriffen zu fein. Sobald die drift- 
liche Kirche auf einen gewiffen Punkt ber Entwifflung gekom⸗ 
men war, mußte die Dogmatif entftehen, die in befländigem 
Verkehr ift mit der Kirche. Je mehr die Dogmatif fi ver- 
volfommnet unb reinigt, deſto mehr wirb die Kirche vervoll⸗ 
fommnet, und fie müßte alfo auch in Die praftifhe Theologie 
gehören. Noch mehr könnte man bie hriftliche Sittenlehre hin- 
einziehn, die den einzelnen in feinem Leben Teiten fol. Das 
thun wir aber nicht. Es ließe fih daſſelbe au von dem ge- 
ſchichtlichen Theil der Theologie fagen. Es ift offenbar baß 


) 8. Beilagen A. 1. 2. 


’ 28 


ein jeder Angenblikk nur recht verflanden wird in feinem ge⸗ 
fhichtlichen Zufammenhang und daß ans Mangel an geſchicht⸗ 
licher ober aus falfcher gefchichtlicher Auſicht Berwirrungen im 
ber Kirche entftehen müffen; alfo die Verbreitung der geſchicht⸗ 
lichen Kunde der chriftlichen Kirche gehört ebenfalls zur Erhal- 
tung und Bervollfommnung ber Kirche. Sp würde die ganze 
feientififche Theologie in ber praftifhen zufammengehn, und es 
fragt fih nun, Wie bringen wir bie Grenzen zu Stande in 
benen wir uns zu bewegen haben, auf eine Weife ‚die in ber 
Sache felbft liegt? Die praftifche Theologie iR die Krone des 
theologifchen Stubiums, weil fie alle andere vorausſezt und 
deswegen zugleich für das Stubium das Iezte ift weil fie die 
unmittelbare Ausübung vorbereitet, So wirb die foftematifche 
und biftorifhe Theologie bei ber praktiſchen vorausgeſezt und 
von ihr dadurch ausgefhieden; aber es fragt ſich, mit welchem 
Recht gefchieht dies, und können wir baburd gewifle Grenzen 
gewinnen? Das Ausfchließen jener anderen Theile der wifjen- 
Ihaftlihen Theologie aus der praktiſchen ift nicht ein abſoln⸗ 
tes fondern ein relatives. Denkt man fih die Dogmatif auf 
einem gewiflen Punkt ihrer Entwikklung: fo können wir voraus⸗ 
ſezen, jede Berbeflerung derſelben wird eine Berbefierung der 
Kirche fein. Nun aber gebt bie Entwifflung ber Dogmatik 
ihren Gang für ſich. Jeder fucht ſich felbft den Zufammen- 
hang ber criftlichen Lehre zu entwiffeln fo Har er kann. Eine 
ſolche Berbefferung der Dogmatik rein aus fich felbft hätte mit 
der praktiſchen Theologie nichts zu thun. Betrachten wir aber 
bie Sache in ihrer unmittelbaren Beziehung auf die Kirche: fo 
it diefe Entwifflung der Dogmatif für den Zufammenhang in 
welchem die Lage diefer Wiſſenſchaft mit der Kirche fieht nicht ' 
gleichgültig, obwol für die Wiffenfhaft an und für fich ſelbſt, 
und ba greift Die praftifche Theologie in jenes Gebiet hinein. 
Wie fommen wir alfo zu einer Sonberung? Jede Difcipfin 
für ſich gehört nicht in die praftifhe Theologie, weil fie zwar 
im allgemeinen um der chriftlichen Kirche willen ba ift, aber 
doch für fih mehr als Wiffenfchaft da ift, nicht als Praris in 


Fr Di 


— u 


— 1 — 


der beſenderen Kirche für welche es eine Technik geben müßte. 
Wir brauchen alſo nicht den Umfang ber praftifchen Theologie 
zu befchränfen auf das was in ber eigentlihen Amtsführung 
des Geiſtlichen liegt; es wirb alles bineingehören was ein 
Handeln in der Kirche und für die Kirche if, ein foldhes 
wofür ſich Regeln darftellen laſſen. 

In dem fpeciellen Theil des oben erwähnten Werkes wird 
die praktiſche Theologie fo erflärt: Das Gefchäft der praf- 
tiſchen Theologie if, die aus den Ereigniffen ber 
Kirhe entfiandenen Gemüthsbewegungen in die Drb- 
nung einer befonnenen Thätigfeit zu bringen. (3. Thl. 
Einleit. 6.1.) Wir wollen fehn ob dieſe Erklärung mit der 
zuerſt gegebenen übereinſtimmt. Der Ausdruff Technik fezt 
voraus daß etwas gethan werden fol, und fehließt die rechte 
Art und Weife wie es zu Stande gebracht werben kann ein. 
Ein Handelnwollen in Beziehung auf die chriftliche Kirche wird 
babei ſchon vorausgefezt. Diefes aber fezt ein Intereffe 
voraus, und fo exiſtirt Die praftifche Theologie nur für bie bie 
ein Intereſſe haben etwas in ber chriftlichen Kirche zu Stande 
zu bringen. Kin folches Intereſſe ift nicht ohne Gemüthg- 
bewegung: denn günflige Ereigniffe will man fürbern, un- 
gäuftigen in den Weg treten. Wo günftige und ungünflige 
Ereigniffe hervortreten, werben Gemüthsbewegungen entftehn 
aus Denen ein Handeln hervorgeht. Hier ift nun bie Boraus- 


fegung gemacht, jebe Thätigfeit, wenn wir auf einen.wirklichen - 


Anfang zurüffgehen, fezt eine Bewegung des Gemüths voraus, 
und diefe muß vorher befannt und gehörig beftimmt fein. 
Wenn wir in Beziehung auf einen Gegenftand entweder gleidh- 
gältig find, ober doch unfer Einpfindungszuftand barüber ein folcher 
iR daß feine Verbindung zwiſchen diefem und unferem Willen 
fattfindet: fo kommt feine Thätigfeit zu Stande. Bon einem dem 
der ganze Zuſtand der Kirche gleichgültig wäre, Fünnte Teine 
Thätigfeit ausgehn; aber von folhem 3. B. ber in einem ge= 
wifien Grabe ber Verzweiflung wäre, könnte auch feine Thä- 
tigfeit ausgehn, Ebenfo kann man auf der anderen Seite zu- 


en 





— 28 — 


frieben fein mit dem Zuſtande der Kirche; fo wenn einer denlt, 
Es ift gut daß dieſes fo ift und es wird fo bleiben: dann hat 
ebenfalls der Zufammenhang mit bem Willen aufgehört, indem 
man fagt, es if nicht nötbig eine Thätigfeit zu üben. Die 
Gemüthöbewegung ift die nothwendige Borausfezung, und mo 
biefe gegeben iſt, wird eine Thätigfeit entftehn. Die praktiiche 
Theologie foll nun biefe Thätigfeit buch ihre Vorſchriften in 
einen gehörigen Zufammenhang bringen, und fol verhüten daß 
nichts unflar und verworren fein könne, fondern bie Thätigfeit 
zugleich auf eine richtige Borftellung bezogen werbe; dadurch 
wird die Thätigkeit eine befonnene und zufammenhängenbe. Der 
Zwekk der praftifchen Theologie ift alfo fein anderer als alle Th ä⸗ 
tigfeit in Zufammenhang zu bringen und zur Klarheit 
und Befonnenheit zu erheben. Daß Technik nım das 
ift wodurch die Gemüthsbewegung in die Ordnung eimer be— 
fonnenen Thätigfeit gebracht wird, ift Har. Eine jede techni- 
fhe Anweifung ift die Art und Weife des Verfahrens durch 
ben Zwekk felbft beftimmt, in jedem Augenbliff beides zufam- 
men zu halten. In fofern gehen beide Erklärungen auf eins 
und daſſelbe. Jedoch die fpätere ſcheint Ereigniffe in ber Kirche 
borauszufezen; aber wenn man von einer Technik vebet, fezt 
bie nur voraus daß man felbft Ereigniffe bervorbringen will, 
und fo ſcheint die fpätere Erklärung enger ‚zu. fein. Indeß 
wenn ich einen Willen im allgemeinen babe auf einem gewiffen 
Gebiet wirkfam zu fein, fo entfteht dort nicht gleich eine Thätig- 
feit; der Wille muß erft durch etwas beflimmt fein, und das 
fann etwas fein das im Gegenſtand iſt oder im handelnden. 
Aber wir werben uns überzeugen daß bas beides nicht ge= 
trennt fein kann. Im handelnden kann jener Wille auf einem 
Gebiet wirkſam zu fein genauer beftimmt fein, einen gewiſſen 
Theil des Ganzen ind Auge zu faffen oder eine Art der Wirk- 
famfeit des Ganzen felbftz aber eine gewiffe Art der Thätigfeit 
geht daraus auch noch nicht hervor, diefe bedarf eined äußeren 
Momentes, ſonſt kann fie nicht zur Erſcheinung fommen. Ein 
folder Moment ift nun etwas im Gegenflande ſelbſt, und wo 


— 29 — 


der Gegenſtand fo etwas geſchichtliches iſt wie hier, iſt dieſer 
Moment ein Ereigniß. So können wir alſo ſagen, daß bie 
Anweifung der Technik nur unter ber Bedingung in Anregung 
konimt daß etwas gefchieht wodurch das Intereſſe des einzel» 
nen zum Handeln gebracht wird, und ba tritt alſo bie zweite 
Erflärung ein. Nicht alle Gemüthsbewegungen find unor⸗ 
dentlich. Die fpätere Erklärung jedoch fcheint vorauszuſezen 
daß an fih die Gemüthshewegungen derer die in der Kirche 
wirffam fein wollen etwas unorbentlihes wären. Nun koͤn⸗ 
nen wir dies zugeben für gewifle Zeiten und Umſtände ber 
chriſtlichen Kirche, nicht im allgemeinen. Jener Ausdrukk aber 
it unvollfommen, denn bie Gemüthsbewegungen follen fa nicht 
ſelbſt in Ordnung gebracht werben, fondern nur die Action die 
aus ihnen entftebt, und da werben wir fagen, daß wo auch 
die Gemüthsbewegung nichts Teibenfchaftliches bat, doch ohne 
tehnifche Anweiſung die Action felbft die daraus hervorgeht 
in bie Ordnung einer befonnenen Thätigfeit nicht gebracht wer- 
den faun. Denn um ein jedes Verfahren das man einfchlägt 
aus dem Zwelfe zu begreifen, dazu if ed an der Gemiüthe- 
rube nicht genug, dazu gehört noch die Hare Anfhauung des 
Gegenſtandes, die Eonftruction der Aufgabe und bes Verfah⸗ 
end zur Röfung derfelben: und bas ift e8 was durch Technik 
ausgebrüfft werden fol. Es ſtimmen alfo beide Erklärungen 
wujammen. 

Ehe wir weiter gehen, müffen wir bier noch eine Einwen- 
dung näher beleuchten. Dan fagt nämlich, die praftifche Theo- 
logie habe zum Zwekk die Nichtigkeit beffen was der einzelne 
in Beziehung auf die Erhaltung und Bervollfommnung ber 
Kirche ihun kann. Da fagt man nun, bies fei eine unmittelbar 
göttliche Angelegenheit und Tonne auch nur durch ben göttli- 
hen Geift das richtige hervorgebracht werben, und es fei wme= 
gen der eigenthümlichen Befchaffenheit und Heiligfeit des Ge- 
genftandes fein Ort darin für menſchliche Kunft und Vorſchrif⸗ 
ten die auf der Borftellung von einer Anwendung menfchlicher 
Kunft beruhen. Diefe Einwendung muß durch die Erfahrung 








— 90 — 


zurüffgewiefen werden, indem unfer Haudeln in ber Kirche, 
wenn ed von allen Regeln losgemacht wird, nur zu folchen 
Refultaten führt, daß theils bisweilen das Gegentheil von dem 
hervorgeht 'was bewirkt werben foll, theild die ganze Handlungs⸗ 
weife in das bewußtlos verworrene übergeht. Dies zeigt ſchon 
wie ed um biefe Einwendung ſteht. Das if richtig, daß ber 
göttliche Geift nur das richtige hervorbringen kann; aber wir 
wiffen daß feiner fih rühmen kann daß ber göttliche Geiſt 
ausſchließend in ihm wirkſam fei, und folglich das ansgefchlof- 
fen werden muß in jedem Lebensmoment was nicht vom gölt- 
lihen Geift ausgeht. Sodann ift nicht zu läugnen, daß wenn 
ber göttliche Geift in den Menſchen wohnt, er dann auch menfch- 
lich, auf eine der menfchlichen Natur gemäße Weife wirkt, und 
fo müſſen feine Wirkungen aud als das menſchlich richtige dar⸗ 
geftellt werden, und bas ift es was wir unter Kunft verlieben, 
Alfo können fih Wirkfamfeit des göttlichen Geiftes und Kunſt 
nicht widerfprehen. Geht man darauf zurüff, dag Ehriftus zu 
feinen Apofteln gefagt hat „fie follten nicht forgen was fie res 
den follten, der göttliche Geift würde es ihnen zur Stunde ein- 
geben (Matth. 10, 19.20), und will man es zur Norm ma- 
hen daß alles Handeln ber Kirche müſſe impropifirt fein: fo 
bedenft man nicht dag Chriftus nur von einem befonderen Ball 
redet, nämlich von dem wo bie Apofel vor den Tribunälen 
ber Heiben ftehen würden, wo es bann freilich Feine andere 
Art gab, und er fie alfo nur aufmuntern will. Das worauf 
ung jene Einwendung natürlicher Weife führt, iſt daß wir ung 
eine richtige und beftimmte Vorftellung machen müflen von dem 
was durch die Regeln der Kunft bewirkt werben fann, und das 
wird auf dieſem Gebiet baffelbe fein wie auf den anderen. 
Gehen wir auf jene angeführte zweite Erklärung zurüff: fo ſehen 
wir daß hier etwas, namlich die Bewegung des Gemüths 
vorausgefezt wird; ohne das findet Die Technik ihre Anwendung 
nicht, weil Fein Impuls zum Handeln da if. Aber bies ift 
fein bioßer unbeflimmter Impuls. Sowie wir davon aus— 
geben, daß in allen auf dem Gebiet ber Theologie wirkſamen 


— 83 — 
das veligiöfe und chriſtliche Intereſſe den weſentlichen Moment 


bildet, fo iſt dies das was jener Gemuͤthsbewegung im allgemei⸗ 


nen die Richtung giebt und in einem jeden ſchon den Vorſaz 
erzeugt und zum Bewußtfein bringt was gefcheben foll; daher 


die Technik nur beſtimmt wie dies gefcheben fol. Daraus 


folgt unmittelbar, daß alle Regeln welde in ber praktiihen 
Theologie anfgeftellt werben können durchaus nicht pro 
buctiv find, d. h. daß fie einen nicht zum handelnden machen, 
vie Handlung nicht hervorrufen, fondern wenn er ſich bazu be⸗ 
Himmt findet Die Bollbringung derfelben im einzelnen auf bie 
‚ Sihtige Weife Teiten. Das gilt auf jedem Gebiet. So macht 
die genaue Kenntniß der mufifalifchen Compofition feinen zum 
Eomponiten. Die Regel kann nicht bie Erfindung hervorbrin⸗ 
gen; nur wenn biefe eniftanden ift in ber Seele, find es bie 
Regeln welche die Ausführung leiten. Man fieht alfo wie das 
Saerlenuen der Wirkfamfeit des göttlichen Geiftes in allem 
was fih auf die Kirche bezieht mit der Kunft gar nicht ſtrei⸗ 
tet, denn den Impuls zu einem richtigen Handeln und die ur— 
fpränglihe Beſtimmung können wir nur vom göttlichen Geiſt 
erwarten, das Äußere Hervortreten aber wird um fo vollfoms 
meer fein als es menſchlich ift und den Regeln der menfdh- 
lichen Zunft gemäß. Dem göttlichen Geift gehört alfo der Im- 


puls und was bie Sache bes Genies if an, ber Technik ges 


hört die Ausführung an, die in jedem Moment in dem Dienft 
jenes Impulſes und jener inneren Beſtimmtheit if. Es if nir- 
gends in ber Schrift gefagt, und alle Erfahrung, wenn man 
auf die Reſultate flieht, felbft die Praxis ber Kirche Täugnet es, 
daß Die Wirkſamkeit des göttlichen Geiftes der wiſſenſchaftlichen 
Behrebung und ber Kunſt entbehren fünne. Das göttliche 
Yeinciy in der chriftlichen Gemeinde ift ein Geift der Ordnung, 
die Barbarei aber fann nie Ordnung fein; die Aufhebung die⸗ 
ſes leitenden Srineips ſteht im Widerfpruch mit der wahren 
Virklichkeit des göttlichen Geiſtes. 
Indem wir nun bieburch zugleich Den Werth der prak— 
tiſhen Theologie als Technik näher beſtimmt haben, fo 


⸗ 





— 32 0 


fönnen wir auch noch etwas hinzufügen was diefenigen welche 
geneigt fein möchten jener Einwenbung Gehör zu geben wieder 
fiher ftellen muß. Wenn alles was Technik if in diefem Ber- 
bälmiß ſteht, Daß es die richtige Ausführung eines ſchon auf: 
gegebenen fiher ftellen fol: fo darf nichts aufgeftellt werben 
als Regel was jenes Beftehen und Bervollfommmen der chriſt⸗ 
lichen Kirche auf irgend eine Weife gefährden kann und fi 
Dagegen in Wiberfpruch ſezen. So beugen wir dem Miß- 
brauch vor. Unfere Erklärungen gehen überall auf die Idee 
der Kunft zurüfl, Nun giebt ed immer in ber menſchlichen 
Kunft eine Ausartung; es giebt Roheit, Unvollkommenheit ehe 
ſich die Kunft bis zu einem gewiffen Punft entwilfelt, aber 
jenfeit ihrer Vollendung giebt e8 wiederum Ausartungen. Ge⸗ 
gen dieſe ſtellt und jenes fiher und bätet und dagegen. Jede 
Ausartung der Kunft in das frivofe eitle würde etwas fein 
was mit der Wirkſamkeit bes göttlichen Geiftes in Widerſpruch 
wäre: aber weil es die Ausartung if, thut es der Sache Feinen 
Eintrag, ftellt und vielmehr eine Cautel auf innerhalb wel- 
her wir die Regeln zu fuchen haben. Daher müflen wir num 
fuchen ung das ganze Gebiet ber praftifchen Theologie zu or⸗ 
ganifiren. 

*) Dies können wir nur mittelft der Thetlung, und fragt 
es fih, Was haben wir dazu für ein Princip? Wir können 
dabei zunächft auf unfere Erklärung zurüffgehn und müffen yon 
biefer auf den Gegenftand ber praftifhen Theologie binfehn. 
Es ift Die Rebe davon, daß die beftimmten Handlungen in ber 
chriſtlichen Kirche, die fih auf Zuflände und Ereigniffe derfel« 
ben beziehen, durch die Technik follen georbnet und geleitet wer⸗ 
ben. Da fönnen wir zunädhft nun fragen, Giebt e8 ein man- 
nigfaltiged was wir fondern koͤnnen in den Handlungen auf 
die chriſtliche Kirche? Die hriftliche Kirche iſt ein organifches 
Ganzes, wie das eine jede geordnete menfchliche Verbindung tft. 
Indem wir fie fo anfehen, zeigt ſich eine zwiefache Thaͤtigkeit. 


%) ©. Beilagen A. 4. B. 3. 


— 33 — 


In einem jeden organiſchen Ganzen iſt eine Einheit bes Lebens. 
Wenn man auf dieſe wirft, wirft man auf das Ganze. Es if 
. aber in jedem organifchen Ganzen audy ein Complexus einzelner 
Theile: indem man anf biefe-wirft, wirft man auf Das Ganze 
nur mittelbar in wie fern ber Theil dem Ganzen angehört. Da 
iR eine zwiefache Einwirkung, die wir unterfcheiden fönnen als 
eine allgemeine und als eine locale. Indeß ift biefer Gegen- 
fag immer auch nur ein relativer *). Wir wollen zuerſt aud- 
gehn von dem Begriff des localen. Der einzelne der auf ei- 
nen einzelnen orgamifchen Theil der chriftlichen Kirche feine 
Einwirfung richtet (der Fleinfte organifhe Theil berfelben ift 
eine Gemeine, die aud ein Ganzes wieder für fi iſt), 
übt eine locale Einwirkung aus. Was die Gemeine zu ei- 
ner chriſtlichen macht, was ihre Rebenseinheit bildet, tft Daf- 
felbe was die Rebengeinheit des Gangen bildet, und ed bat Daher 
biefe Wirffamfeit immer den Charakter des allgemeinen; denn 
man kann nur wirken auf eine Gemeine indem man bie Kraft 
bes Geiles in ihr zu flärfen ſucht. Der unmittelbare Zwekk 
aber it der einzelne Theil, und in fofern können wir ed un- 
terfheiden. Wer von dem anderen Gefihtspunft aus auf bie 
Öffentlichfte Weife ohne beſtimmte Grenzen im Sinn zu haben, 
was bei und durch Schriften gefchieht, zur Berichtigung ber 
chriſtlichen Erkenntniß und Stärkung des chriſtlichen Sinnes 
wirkt, deſſen Wirffamfeit hat feinen Tocalen Charakter, fie if 
die ſchlechthin allgemeine und geht unmittelbar auf das Ganze. 
Indeß trägt fie doch immer an fih daß fie einen Theil un- 


mittelbar betrifft. IR die Wirkfamfeit 3. B. an die Sprache'ge- . 


bunden, fp wird fie ftärfer fein da wo Die Urſprache einer Schrift 
das unmittelbare Lebenselement ift, als in einer Ueberſezung; 
und felbft nehmen wir bie allgemeinfte Sprade, bie wiflen- 
ſchaftliche: fo if dieſe doch nur im Beſiz eines zerfireuten Theile 
der Kirche, und die Wirffamfeit wird da auch nicht allgemein 
fein; der Eharafter des Tocalen ift bier alfo auch, obgleich auf 


) €. Beilage B. 2. 
Praltiſche Theologie. 1. 3 


eine untergeorbnete Weife. Wir können dennoch beides unter- 
ſcheiden, obgleich es immer ein relativer Gegenfaz bleibt; hier⸗ 
auf kann nur bie Eintheilung ber praftifchen Theologie beruhen. 
Dies bat man auch immer gethan, nur baf dem einen Theil 
in der Bearbeitung mehr Fleiß ift gewibmet worden als bem 
andern. Kür die Iocale Wirkung nehmen wir, um den Gegenfaz 
fo ſtark als möglich zu faffen, den kleinſten Theil als orgami- 
he Norm und fagen, Sie ift bie Wirffamfeit auf eine chriſt⸗ 
lihe Gemeine, oder das was wir Kirchendienſt nennen. 
Die allgemeine Wirkſamkeit die das Ganze zu ihrem Gegen- 
ande hat, if uns fihwieriger zu beftimmen und feſtzuhalten. 
Se mehr fie wirfiih das Ganze fih zum Gegenftande mad, 
deſto fragınentärifcher ift fie, weil das Ganze nicht beftimmt ges 
geben ift fondern ind einzelne zurüffgeht. Die ganze hriftlice 
Kirhe als Einheit ift nirgends gegeben, das größte was ale 
ein ganzes gegeben ift bleibt immer eine einzelne Kirchenge⸗ 
meinfchaft. Die Wirkfamfeit z. B. in der katholiſchen Kirche, 
die eine beftimmte Einheit if, fann in fofern allgemein fein. 
Für die evangelifhe Kirche ift dies fhwieriger: bie hat Feine 
äußere Einheit, ihre Einheit hängt an einem bloß innerlichen, an 
der Einheit der Tehre im Symbol. Wir haben nichts was als 
Drgan der Kirche in Bezug auf bie Lehre angefeben werben 
fann. Eine Einheit iſt nur Die Kirche eines einzelnen Staates; 
auf die kann einer wirken mit allgemeinem Charakter indem er 
auf ihre Organe wirft. Diefe Drgane leiten das Ganze, und 
eine Wirkſamkeit auf diefe ift ein Antheil an ber Leitung des 
Ganzen. Sp nennen wir denn bie Leitung bes Ganzen das 
Kirhenregiment, und fofern bie Eintheilung der praftifchen 
Theologie auf dem Gegenfaz einer allgemeinen und beflimmten 
Wirkſamkeit beruft, Fönnen wir fie zufammenfaffen in biefen 
beiden Theilen. Aber auch dies, daß der Gegenfaz nur ein‘ 
relativer if, müffen wir uns beutlih maden. Wenn wir auf 
die Seite des Kirchenregiments fehen: fo lag uns jenfeit derfel- 
ben noch eine allgemeinere aber unbeftimmtere Wirkfamfeit, wie 
bie bes theologiſch wiſſenſchaftlichen Schriftftellers eine folche 


— 35 — 


iſt. Die fönnen wir nur zum ſtirchenregiment rechnen, wiewol 
fie im engeren Sim von biefem ganz verfchieben if. Aber 
ed wird bach dabei bezwelft bie Wirkung auf das Ganze, und 
gelingt bie Thätigkeit, fo wird auch eine Wirfung auf das Gange 
hervorgebracht. Fragen wir, Wie fteht es mit der Wirkfam- 
keit des affetifchen Schriftflellers: fo ift le der Außeren Form 
nach dieſelbe, aber fie gehört nicht zum Kirchenregiment, denn e6 
wird dadurch nur eine Wirkung im einzelnen hervorgebracht; 
und da ſehen wir wie das eine Gebiet fo zerfallen kann und 
wie hier Webergänge fatifinden. Dennoch behält die Einthei- 
lung ihre Gültigkeit, und wir fönnen hinzufügen, Se beflimmter 
ber Gegenfaz aufgefaßt ift, deſto beflimmter können auch bie 
"Regeln fein. 

Zu dem vorhergehenden find noch einige Bemerkungen hin- 
zuzufügen. Schon die erſte Erflärung die wir gegeben haben 
bat und auf den Begriff der Kunft gebracht; wir haben aber 
noch nicht gefagt, was für eine Art von Kunſt gemeint 
fei, und die Eintheilung zu der wir gebradt worden find, 
fheint die Beantwortung dieſer Frage noch. fehwieriger zu ma— 
den. Was wir ale Kirchendienft und als Kirchenregiment ge- 
trenmt haben, ift fehr eins in Beziehung auf die Kirche: wie 
ed eins fein kann in Beziehung auf die Kunft, will nicht gleich 
einleuchten. Im Kirchendienft kommen bie verfihiedenen Zweige 
befien was wir im engeren Sinn Kunft nennen in verfchiede- 
an Berbältniffen vor: Redekunſt, Poefie, Malerei, Architektur; 
und da fönnen wir und auch Leicht benfen wie es für bie be- 
fondere Anwendung biefer Künfte auf biefen Gegenſtand and) 
beiendere Regeln geben kam. Wie ift ed nun aber mit dem 
Kirhenregiment? Das haben wir im allgemeinen bezeichnet 
durch bie allgemeine Einwirkung auf das Ganze, die aber wie- 
der ehvas begrenztes if. Was da als ber unmittelbare Ge— 
genftand zuerft aufftößt, ift die Anorbnung der Geſellſchaft als 
ſolche; und gehen wir da auf unfere andere Erklärung zuruͤll⸗ 
dag die Anwendung ber praftifhen Theologie Impulſe zur 
Thätigfeit vorausfeze, Die durch Ereigniffe in der Kirche ange- 

. - 33 , 


— 36 — 

regt werden: ſo werden wir die Anwendung auf das Kirchen⸗ 
regiment machen können. So pflegte man in der Kirchenge⸗ 
fchichte zu fondern fata secunda und adversa ber Kirche, wel⸗ 
des eine jehr unvolllommene Behandlung der Kicchengefchichte 
it, aber hier können wir es aufnehmen. Die Regeln wie al- 
les bier am beften zu Stande gebradht werde, werben bervor- 
gerufen durch günftige und unguͤnſtige Ereigniffe der Kirche, 
Diefe Ereigniffe werben eine Thätigfeit erfordern welche unfere 
Difeiplin auf die rechte Weiſe vollbringen lehren foll: aber auf 
was für eine Kunſt geht das zurüff? Die Analogie liegt nicht 
weit. Mit demfelben Recht wie man von einer Staatskunft 
redet, werben wir auch von einer Kunft im Kirchenregiment re- 
den können; aber es ſcheint etwas weitfchichtiges zu fein, wo— 
durch in diefer Beziehung die beiden Haupttheile ibentifch find: 
denn wir nennen die Staatsfunft Kunft wie auch bie Erzie- 
bungsfunft, aber das ift doch etwas anderes wie im Gebiete 
der eigentlihen Künfte. Hier müflen wir noch eine Fleine Ab⸗ 
fhweifung machen um bie Einheit in den Difciplinen nicht 
geringer anzufchlagen als fie ift. 

Fragen wir, Was verſtehen wir unter Runft: fo ift es feine 
leihte Aufgabe eine Erklärung zu geben die aller Anwendung 
geredht wäre, aber das ift das Schifffal aller termini von ei- 
nem gewiffen Umfang. Seben wir auf bas uns als ein be- 
fonderes erfheinende Gebiet der ſchoͤnen Rünfte: fo flößt Dies 
überall an etwas was wir mechanifch nennen und von jenew 
unterfcheiben, doch brauden wir ben Ausdrukk Kunſt au ba=- 
für. Wir ſuchen eine Technik, Regeln etwas auf bie richtige 
Weife zu Stande zu bringen was als Aufgabe ſchon befaunt 
if. Wie verhält es ſich num mit den Regeln in dem Gebiet 
ber ſchoͤnen Künſte und der mechanifhen? In dem Iezteren ift 
mit den Regeln immer bie Anwendung berfelben zugleich fchon 
gegeben; das if im Gebiet der fehönen Künfte nicht der Fall. 
Wenn wir von ber Erfindung ganz abftrahiren: fo werden wir 
bo fagen müffen, Nicht nur die Regeln ſezen nicht in ben 
Stand zu erfinden: fondern wenn auch fchon erfunden ift, fo ift 


— 97 _ 


doch mit den Regeln felbft die Anwenbung ber Erfindung nicht - 


gegeben; bie bleibt noch bie Sache eines befonderen Talente, 
Bei allem vein medanifchen ift die Anwendung in der Regel 
reift gegeben und gehört nar dazu die Genauigkeit und Si- 
Gecheit in der Ausführung. Alles mecdanifche geht auf bas 
Rechnen zurüffz da find Regeln und Anwendung zugleich gege= 
ben. Sp befommen wir für alle® was Kunſt ift ein gewiſſes 
Berhälmiß der Regen zur Aufgabe heraus, Vergleichen wir 
aun die beiden Gebiete die fo auseinander zu liegen jchei- 
nen: fo haben die Künfte die anf der Seite ber Staatsfunft 
Erziehungskunſt und alfo des Kirchenregiments Tiegen, biefen 
Charakter mit den ſchoͤnen Künften gemein. Bean wird in 
der Politik eine große Menge Regeln amfitellen können in 
Bezichung anf die inneren und äußeren Verhäftniffe des Staates, 
aber dieſe Regeln bringen noch nicht bie Richtigfeit ber Auwen⸗ 
dung mit fich: Deswegen nennen wir den Staatsmann zugleidy 
einm Künſtler. Sowie wir bie Kunft im Kirchenregiment 
ganz anf diefe Analogie beziehen, findet bier daſſelbe ftattz da 
iR ein gemeinfchaftlihes Merkmal für beide Theile. Betrach⸗ 
ten wir das Gebiet der fihönen Künfte an fih: fo fol in Diefem 
ein jebes Werk eigentlih in fofern ein reines Werk fein daß 
ed feinen Zwekk hat, es foll nichts fein als Darſtellung. Iſt 
das anf unſerem Gebiet auch der Fall?! Wenn ein Kichenlied 
eine tadelloſe Darftellung in fich fchließt, fo hat es feinen Zweit 
erreichtz wenn eine veligidfe Rede allen Regeln der Kunft ge- 
rügt, fo hat fie dadurch noch nicht ihren Zwekk erreicht: wir 
verlangen hier daß eine gewiffe Wirkung hervorgebracht werben 
fol. Diefe it auf dem Gebiet der eigentlichen Kunft Neben- 
fache, da ift die Wirkung nur Wohlgefallen an der Darftellung. 
Wenn in einer religiöfen Rede nur Wohlgefallen an der Dars 
fellung bewirkt wird, fo ift ber Zwekk verfehlt: wir verlangen 
eine Wirkung auf Das Gemüth, unterfhhieden von dem Wohl- 
gefallen an der Darftelung; wir verlangen eine Wirfung bie 
etwas actives ift und den Smpuls der im barftellenden iſt 
fortpflanzt auf die für die er darftellt. 


r 


— 38 — 


Nun fragt ſich, Wie verhalten ſich die Regeln die aufge- 
ſtellt werden follen und die das Nefultat der praftifchen Theo⸗ 
logie find, zu Dem was erreicht werben fol? oder wie verhält ſich 
die Thätigfeit zu den Erfolgen die hervorgebracht werben fol 
len? Wir find fehr geneigt das zu fubfumiren unter den Gegenfaz 
von Mittel und Zwekk: der Erfolg ift Zweff, die Regeln find 
Mittel. Diefe Anficht Tiegt fo nahe, fie ift im ganzen prakti⸗ 
ichen Leben fo einbeimifh und die kirchliche Praxis liegt fo 
fehr in der Analogie des praftifchen Lebens, daß man das nicht 
übergeben kann. Ich fage das weil Die Auseinanderfezung zei- 
gen wirb daß ich fie auf unferem Gebiet gar nicht als richtig 
anerkennen kann. Es ift dies eine Duelle vieler Irrthümer; 
was Wir 3. DB. im großen an der Fatholifchen Hierardie ta= 
bein, hat bloß darin feinen Grund, daß fie ihre Methode ale 
Mittel anfeben um einen Zwekk zu erreihen. Run wollen wir 
aber fehen was wir auf unferem Gebiet gleich für eine Ein- 
fhränfung machen müffen, wenn wir von diefer Anfiht aus⸗ 
geben wollen: nämlihd das Mittel muß dann auch nichts an- 
deres fein als Mittel zum Zwekk, d. b. ed muß nichts in dem 
Mittel vorhanden fein was auch nur auf indirerie Weife im 
Widerfprudh mit Dem Zwekk flieht. Der eigentlihe Zwekk iſt 
die gefammte Kirchenleitung, baher ſich etwas fehr Teicht zu Der 
eigentlichen Aufgabe verhält wie Zum Zwekk ein Mittel: aber 
manches Fönnte ein Mittel fein für die momentane Aufgabe 
was feiner Natur nad entweder bie Kraft des chriftlichen Prin- 
cips ſchwächen ober bie kirchliche Gemeinſchaft auflöfen Fönnte, 
Sp 3. B. fann ed im einzelnen vorkommen daß man benft, 
es giebt Fein befferes Mittel den kirchlichen Frieden zu erhal- 
ten als die Unterfuchung über gewifle Gegenftände zu fuspen- 
biren, weil man voraugfieht, die Gemüther find in folcher 
Spannung daß die Yortfezung Zwietracht bervorbringt; aber 
alles. Suspendiren einer Forſchung if eine Unter- 
brüffung des wiffenfchaftlichen Geiftes und muß auf 
das Ganze nachtheilig wirken. Daflelbe läßt fih von 
ber anderen Seite fagen, daß fehr leicht etwas für einzelne 


— 39 — 


Fälle nuzlich fein kam was im Ganzen ben chriſtlichen Geiſt 
aufheben muß. Daraus entfteht bie Cautel, Daß nicht ein Mit⸗ 
tel angewendet werben barf das dem Zwekk in feiner Tota- 
htät wiberfprädhe, und feine Methode in Anwendung kommen 
darf die im allgemeinen betrachtet in Widerſpruch fleht mit ben 
beiden Elementör der theologifchen Gefinnung: denn was in 
Widerſpruch ſteht muß hemmen und der Wirkung in ber Folge 
Abbruch thun. Wenn wir die praftifche Theologie betrachten 
anf eine kritiſche Weife, fo das fie au zum Maaßſtab dienen 
muß um eine Methode die befolgt wird zu würdigen: fo ift es 
fehr wichtig daß wir biefen Fritiichen Kanon gewonnen haben, 
Keine Methode darf von der Art fein daß fie mit 
dem wiffenfchaftlihen und Firdlihen Gemeingeift in 
Widerſpruch ſteht; nicht von der Art bag fie bas 
chriſtliche Princip ſchwächt oder den kirchlichen Ge 
meingeiſt aufhebt. Wenn wir in dem Gange unſerer Un- 
terfuhung bleiben und von diefem Punlt zu bemfelben zuräf- 
fehren: fo werben wir finden daß es gar nicht nöthig ift Die 
Regein ale Mittel zu betrachten. Nämlich wenn man foldhen 
Gegenfaz denft von Zwekk und Mittel: fo folgt darum ſchon daß 
das Mittel ganz außerhalb bes Zwekkes Tiegen muß. Darin 
lag die Möglichkeit, daß etwas darin fei bas dem Zweif wi- 
derſtreitet. Wenn wir fragen, In welches Gebiet gehört bie 
allgemeine Aufgabe ber praftifchen Theologie, unb in welches 
Gebiet gehören möglicher Weife die Mittel: fo werben wir 
fein anderes Refultat finden, ale baß die Mittel in bemfelben 
Gebiet Liegen. Die einzelnen Aufgaben find nur Heine Theile 
bes Geſammtzwekkes; unter Mittel verfiehen wir immer etwas 
was nicht an und für fich, fondern um bed Zwekles willen ge- 
wolli wird. Dabei werden wir vorausſezen daß man eigge 
Zwefk ifoliren kann und dag es menfchlihe Thätigfeiten giebt 
bie außer bem Zweffe find. Nun wiffen wir daß das ng, et⸗ 
was relatives ift, einen Zwekk ifoliren; wir nehmen elagBer- 
bindung aller Zwelfe an, und das ift die Sitlichteit: fo machen 
wir gleich Schluß, daß zu feinem Zeif Mittel angewen- 


& 





— 98 — 


det werben dürfen die der fittlichen dee zuwider wären. Die 
fittliche Idee iR der allgemeine Zweit, zu dem ſich alle Zweite 
nur als Theile verhalten. Nun aber werden wir doch fagen 
mäffen, Relativ gilt immer eine ſolche Möglichkeit ein Gebiet 
von Zwekken zu ifoliren, und dann müflen Mittel angewendet 
werben bie außerhalb des Zwekkes liegen. Daß das nicht mit 
allem auf diefelbe Weife geht, wird ſich jeder von ſelbſt fagen; 
es giebt Zwekke die ſich Teicht ifoliren laſſen, während dies bei 
anderen weniger der Fall if. Je näher der Zufammenhang mit 
jenem Totalzweff, deſto weniger wird er fi ifoliren laſſen. 
Wir müflen alfo fragen auch fhon von biefem Gefichtspunft aus, 
Bon welder Art if denn der Zwekt der praftifchen Theologie? 
Diefe Hauptfrage follte freilich nicht eigentlich eingeleitet fein 
durch ſolche Betrachtung, von der wir ſchon im voraus gefagt 
haben, fie fei eine Nebenſache. Aber das iſt auch eigentlich 
nicht ber Fall; wir wollen das ganze Gorrelat von Zweit und - 
Mittel fahren laſſen und an unferer Hauptaufgabe halten, daß 
wir bie einzelnen Aufgaben zufammenfaffen follen. 

Ich ftelle nun den Saz auf, Alle einzelnen Aufgaben bie 
in bem Gebiet der Kirchenleitung vorkommen koͤnnen, gehören 
zu demjenigen was bie Griechen wuxaywyıa nannten. Ich 
gehe glei auf den griechifchen Ausdrukk zurüff, weil er dort 
einheimifch ift; er ift Leicht zu übertragen in Seelenleitung, 
er ift aber in der griechiſchen Sprache einheimifcher als bei ung. 
Daß er bei ung nicht fo einheimifch ift, hat feinen Grund in 
ber mit der Ausbildung unferer Sprade faſt gleichzeitigen 
Trennung bes öffentlichen und Privat-Rebens, vermöge welcher 
alle Thätigfeit die fih im Privatleben zeigte im Geſammtleben 
fo disparat war dag fein Bebürfnig flattfand fie unter einen 
Britt zu dringen. 3.3. bie Kindererziehung ift offenbar 
Seelenleitung, ihre Tendenz geht dahin die Seele zu entwif- 
Felas die Politik ift auch nichts anderes als Seelenleitung, Denn 
Es mag die Sade nehmen wie man will, und ben Zwekt 
ſezen wie man will: fo find fte immer von Der Art baß fie 
nur durch freie Handlungen erreicht und inzPDewegung ge- 


. 


— 4 — 


fegt werben fönnen, und das fan nur burch einen Einfuß 
auf die Seele geſchehen. Run aber müflen wir uns geſtehen 
daß es in unſerer Lebensgeflaltung wenig Anlaß giebt Staat 
und Kirche unter einen Begriff zu bringen. Der Staat ann 
zwar auch Befeze geben über die Kindererziehung, und bie El⸗ 
ten follen.. Rüftficht nehmen auf die VBerbältniffe in welche 
fie weten fönnen; ba ift zwar eine Beziehung auf einander: 
aber die Bemeinihaft kommt nicht heraus. Wenn wir zu⸗ 
geben mäffen, daß die Kirche ein vermittelnbes Glied gewe⸗ 
fen it bas Privaigebiet und bas öffentliche näher zu bringen: 
baun müflen wir gefteben daß im Gebiet der chriſtlichen Kirche 
der Begriff der Seelenleitung. immer geltend gewefen if, wenn 
auch nicht zum Haren Bewußtfein geworden. Das ift was 
'man in neuer Zeit mit angeführt hat als Vertheidigung beffen 
worüber man gewöhnlich Flagt, das Meberragen der Hierarchie 
über die Politif. Man fagt, es fei notbwendig gewefen daß 
der Hierarchie das ganz zerfallene Gebiet der Politif unter- 
geordnet werden mußte. Ich führe das nur als Anerkennung 
unferer Borausfezung an, nicht um es zu billigen. Was er- 
reicht werben foll, ift das was wir Erbauung nennen, und 
bie Aufgabe ift dieſen pſychiſchen Zuftand hervorzurufen: und 
bas if Seelenleitung. Stellen wir uns auf einen höheren 
Yunft und fehen die Kirche als eine große Maſſe an: fo müfe 
jen wir fagen, Selbft wenn wir auf das alleräußerfie fehen, 
das Berhältnig der religiöfen Gemeinfhaft zum Staat, unb 
wir benfen, e8 giebt da etwas zu ändern: fo iſt doch biefes an 
und für fich ſelbſt nichts anderes als das Anerkennen eines 
beflimmten Verhaͤlmiſſes zwifchen beiden, und die Richtung des 
Willens dieſem anerfannten gemäß zu handeln; immer beruht 
alles darauf, Daß eine gemeinfchaftliche Einficht fei und ein ge- 
gründeter gemeinfcaftliher Entſchluß. Soll ein neues Ver⸗ 
hälmiß entfteben: fo muß biefes hervorgerufen werben, und das 
iR eine Seelenleitung. Nun ift die Aufgabe ber praftifchen 
Theologie bie Regel .aufzuftellen wie das gefchehen kann, und 
es gilt ganz allgemein, daß die Regeln nicht außerhalb bes 
Gebietes, der Seelenleitur Fiegen dürfen. Alſo auch alle 


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— 2 —. 


auf dieſem Gebiete ſoll Seelenleitung ſein, eine Bewegung, ein 
Impuls geſtärkt, geſchwächt, erwekkt, oder aufgehoben werben. 
Dadurch nähert ſich Kirchenregiment und Kirchendienſt, und wir 
ſehen deutlich ein, wie es ſich mit ihnen fo verhalten Tann 
daß fie in einander übergehen. Wir wollen anfangen beim 
Kirchenregiment, von welchem Bedürfniß dba die Seelenleitung 
ausgeht. Wenn die Kirche verfolgt wird, fo wollen wir machen 
daß die Verfolgung aufhöre; bei dem Streit mit Kezern, daß 
die Wahrheit erfannt werde; wenn der Unglaube die Kirche 
bedrängt, wollen wir daß der Unglaube felbft aufhöre: — was 
heißt dies alles? Nichts anderes als, wir wollen bag alle 
Menſchen recht gute und vollfommene Ehriften werden; würde 
bas erreiht, dann wäre diefer Zweig ber Seelenleitung wit 
mehr nöthig. Auch wenn wir auf die Ordnung der Geſell⸗ 
ſchaft in ſich felbit fehen, Fommt ed darauf hinaus daß ein 
jeder das feinige thue, nichts anderes thun wolle. So lange 
es den einzelnen an Selbfterfennutniß und reinem Willen fehlt, 
ift die Seelenleitung nöthig welche dad Kirchenregiment bildet. 
Wir koͤnnen alle andere Kunft fahren und das Kirchenregiment 
liegen laſſen und fagen, Wir wollen jeder Darauf wirken daß 
alle anderen um und herum das Chriſtenthum in fih aufneh⸗ 
men: da wird fein Kirchenregiment nöthig fein, Das hieße an 
die Stelle defien was wir behandeln wollen eine Auflöfung 
der Geſellſchaft bringen und aufheben wollen eine jebe Thätig- 
keit die fi auf befondere Beranlaffungen bezieht. Beide Dra- 
zimen haben ſich in ber Kirche gefunden; und da giebt es feine 
praktifhe Theologie. Die erfte conſtruirt den Separatismug, 
ber bie äußere Form der Gefellfchaft auflöfen will;-die zweite 
it der Quietismus, ber nichts aus einer befonderen Ber- 
anlaffung und in Beziehung auf ein anderes thut. Beides hat 
die allgemeine Stimme in ber chriſtlichen Kirche immer ver- 
worfen. Wir haben bier beides in feiner guten Wurzel er- 
griffen, aber werben geftehen müflen daß fo wie es fih in der 
Geſchichte zeigt diefe Anfichten immer nur im Fleinen unb ein- 
zelnen flattfinden können, im ganzen aber wicht. Ueberall wo 


BB y. 


— 3 — 


menschliche Beſtrebungen ins große gehen, müſſen fie von allen 
Seiten zugleich angefangen werben. Das nerfländige gere- 
gelte befonnene Berfahren in Beziehung auf bie einzelne Ber- 
anlaffung, wenn fie den Zuftand der ganzen Kirche betrifft, if 
immer unenibebrlich fo Iange der Teste Punkt bes vollfommenen 
Chriſtenthums nicht erreicht iſt. 

Bas den Kirhenbienft betrifft: fo ift da auch eine 
Seelenleitung das was bezweift wird, Man Fanıı fagen, 
auf einem jeden anderen Gebiet kann es heilfam fein einzelne 


Wirkungen hbervorzubringen durch beflimmte Mittel, Kommt ' 


es darauf an, daß in einem einzelnen Augenbliff etwas ge- 
ſchehen fol was nur durch menfchliche Kräfte zufammengebracht 
wird: fo mn ich alle Beredfamfeit anwenden meine Weberzen- 
gang geltend zu machen. Kann ed fo auch in der Religion 
kin? Kann Da buch Anwendung gewiffer Regeln etwas 
gefhafft werben das wahr fei und nicht bloß Schein? So- 
bald wir annehmen, der Glaube foll durch die Predigt fom- 
men: fo kann er durch baffelbige wodurch er gefommen ift auch 
geRärkt werden. Die Predigt foll Sade des Geiftes fein, 
und in fofern hat Feiner für etwas anderes zu forgen ale 
daß der Geift recht Tebendig fei. Nun ift etwas zwifchen beim 
Prediger und dem in welchem der Glaube.gewelft werben fol, 
das ik die Reinheit bes Mediums; es foll lezterer ben 
erfteren richtig verftehen, und das ſoll durch diefen. Theil der 
praftiichen Theologie bewirkt werben: benn die Wirkfamfeit des 
erfteren hängt ab von der Reinheit der Darftellung. Alfe 
werden wir bie Anwendung von Regeln nicht verfehmähen bür- 
fen. Daffelbe gilt von allem was in Dies Gebiet hineingehört. 
Alles was bie Seelenleitung nothwendig macht if das was 
bes Irrens fähig macht, und es bleiben da immer Regeln bes 
Verfahrens nöthig. 

Sp wie wir früher gefeben haben wieviel vom Gebrauch 
der praftifchen Theologie zu erwarten iſt, baben wir jezt noch 
eityad dazu gewonnen, bie Einſicht nämlich daß die Regeln 
und die Technif mit der wir es. zu thun haben unentbehrlich 


⸗ 


— 4 — 


find; aber nicht nur daß fie nicht im Stande find die Thätig- 
feit felbft zu bilden, fondern daß fie aud immer etwas unbe- 
flimmtes an fih tragen werden woburd fie Runftregeln 
find, fo daß noch etwas anderes in dem der die Regeln an- 


‚ wendet fein muß was bie Anwendung fiher. Was if nun 


das was hinzu fommen muß um ben Zwekk diefer Regeln zu 
erreichen? Bei einer jeden eigentlichen Kunft liegt ein beſonde⸗ 
res Talent zum Grunde, und es fragt fid) daher ob dies bier 
auch der Kal if. Auf anderen Gebieten ift es das Talent 
was ben Künftler macht, die Regeln fönnen nur dem nüzen 
der das Talent mitbringt, fonft entflehbt nur der Schein ber 
Kunf. Sowie. man auf irgend ein Gebiet der Kunft gebt, fo 
liegt etwas darin was fih Durd die ganze Erſcheinung bes 
Verfahrens durchzieht, aber in ben Regeln nicht liegen fann. 
Alle technifhen Borfchriften find nicht fähig einen zum Künſtler 
zu machen; er kann fie alle richtig anwenden: aber wenn bie 
Sache fertig ift, fo erfüllt fie nicht Die Idee des Kunſtwerkes. 
Allerdings giebt es auch folde Fehler die gegen die Regeln 
find, wo man fagen kann, Das hätte er fo machen mäffen nad 
den Regeln; aber aud folde wo man fagen muß, Er ift nicht 
zum Künftler gefchaffen, weil er es fo gemacht hat. Haben wir 
bier auch ein folhes Talent vorauszufezen? Die Frage if 
fhwierig für beide Theile auf einmal zu beantworten; Denn 
fehen wir auf den Kircdhendienft: fo find wir gewohnt mehr ale 
billig ift den Geiftlihen als Redner anzufehen, und es würde 
darauf hinauskommen, ob ber Redner oder der Öeiftlihe über- 
haupt eines eigenthümlichen Talentes bebürfe? Gefezt ed wäre 
dies ber Hall: fo würde ed noch nicht den vollfommenen Geiſt⸗ 
lichen machen, für dies Gefchäft würde mehr vorausgefezt wer: 
ben möüffen. Wir haben alle Kunſt in diefem Gebiet unter 
den allgemeinen Ausdruff Seelenleitung gefaßt. Nun fünmen 
wir annehmen, daß in dem Gebiet bed Kirchendienftes aus der 
richtigen Anwendung bes eigenthümlichen Talente bes Redners 
die Seelenleitung hervorgehen müfle. Wenn wir für bag Kir- 
henregiment eine Aehnlichkeit zwifchen Der bort anzuwendenden 


— 45 — 


Kımf und der Staatsfunft finden: fo ift Das auch Seelenleitung; 
dem e& fommt darauf an, Handlungen anderer hervorzubringen 
oder abzuwehren; aber eine andere als bie rebnerifche wird es 
fein müffen, und fo fämen wir bier auf ganz verfchiedene Punkte. 
Bir müſſen hier die Einheit aufſuchen. Soviel ift gewiß, denken 
wir und im Kirchendienft das größte Talent des Rebners als 
befonderes und fragen wir, Wird einer Dadurch daß er das Ta⸗ 
Ient in hohem Maaße hat, wenn bie Regeln binzufommen, ein 
vortrefflicher Kanzelredner werden: fo werben wir Died verneinen 
müflen; denn jeber wird überlegen daß wenn nicht mit dieſem 
Talente eine Iebendige Ueberzeugung verbunden iſt von dem 
was der hriftlihen Gemeine geſagt werben foll, und ein Intereſſe 
dafür: fo könnte das größte Talent keinen vorzüglichen Kanzel- 
redner bervorbringen. Man Fönnte einwenden, Es ift eben die 
Kunf des Redners andere etwas glauben zu machen was er 
nicht felber glaubt, und fo kann einer doch ben Glauben her⸗ 
vorbringen ben er nicht felber hat, und es fäme auf das In— 
nehaben dieſer Kunft und auf Affiduität in der Anwendung an. 
Das hat aber nur einen Schein von Wahrheit. Denkt man 
fih einen politifchen Rebner: fo kann es fein daß biefer Fein 
ähter wahrer Freund feines Vaterlandes ift, er kann aber große 
Gewalt haben die Berfammlung bazu zu bewegen wozu er 
will, indem er es als heilſam barftellt. Aber wird wol ein 
folder im Stande fein die wahre Baterlandsliebe beizubringen, 
bie er ſelbſt nicht hat? Dies werden. wir verneinen müflen; 
denn bier ift die Aufgabe, eine lebendige Kraft die in allen 
Erweifungen diefelbe ift zu beleben; Dort war nur die Auf- 
gabe eine momentane Anregung hervorzubringen. Zu dem er 
Ben if alſo die Wahrheit nothwendig. Sp auch im Kirchen- 
dienſt fommt es nicht darauf an, momentane Wirkungen her⸗ 
vorzubringen, ſondern bie hriftlihe Befinnung zu nähren: 
und es wäre fehr übel, glaubte man daß biefe könnte belebt 
werden mit allen Künften von dem ber fie nicht felber hat. 
Es wird zwar gefagt, daß der Teufel füch verfiellen kann in 
einen Engel des Lichts; aber wollte man fagen, 88 fönnte die— 


— ———,æ —— u EEE Medien 





— 46 — 


fer Wirkungen hervorbringen wie der Engel bes Lichts: fo iſt das 
falfh. Wo von Mittheilung eines geiftigen Principe bie Rede 
iſt, kam nur mittheilen wer ed bat. So fängt das eigentliche 
Talent des Redners ſchon an zurüffzutreten. Fragen wir num, 
Sollte es nicht möglich fein, wenn wir dies urſprüngliche an- 
nehmen, daß eine Kraft und Fülle der chriftlichen Gefinnung 
fih mittbeilen Tieße ohne ale Kunft? Ja das ift möglich, 
aber die Sicherheit und Reinheit der Wirkung wird im- 
mer erfordern daß die Kunft zu Hülfe genommen werde. 
Betrachten wir nun dag Rirchenregiment, und ſehen wir bier 
auf das analoge Gebiet der bärgerlihen Geſellſchaft: fo finden 
wir ba etwas was vft Staatsfunft auch Staatsklugheit genannt 
wird, namlich das Talent bie einzelnen Momente der Begebenhei- 
ten in ihrem richtigen Verhältniß zu überfehen und das anzumenben 
was geeignet ift aus dieſem Zuftande das gewünfchte Refultat 
bervorzubringen. Wollen wir das auch als Talent anfehen und 
fagen, es gebe eine kirchliche Klugheit, die wäre das Talent bei 
dem Kirchenregiment: fo würbe bei ber größten Virtuofität dieſe 
Klugheit. ohne Reichthum der chriſtlichen Gefinnung doch nid 
danerhafte Nefultate hervorbringen können, fonbern nur in dem 
liegen was Sache bes einzelnen Momentes ift, und würde auch 
hier ber rechte Lebendige Eifer beffer wirfen als die Klugheit. 
Hier haben wir zwei eigentliche Runftgebiete gefunden, bie 
aber nichts vermögen wenn nicht beiden das gemeinfchaftlice 


vorher fhon zum Grunde liegt. Nun machen die Regeln al- 


fein den Künftler nicht. Was außer den Regeln vorhanden 
fein muß damit ber Künftler entftehe, ift Die Wahrheit und 
Reinheit der chriſtlichen Öefinnung. Darin fönnen wir 
aber feine beſtimmten Abſtufungen anerkennen, fondern nur ein 
mehr oder weniger, und werben fagen müffen, Keiner iſt ganz 
anszufchließen ans biefem Gebiet, Wirkungen in-der Kirde 
bervorzubringen. Der einzelne ber ausgefchloffen werben könnte, 
wäre ber in dem bie chriftliche Geſinnung die ſchwächſte wäre. 
Diefer Außerfte Punkt zeigt wie die größere Kraft auch bie 


— 1 — 


- 


Spontaneisät begründen kann und bie geringere fich auf die 


Rereptivitat befchränfe. 

Wenn wir aber der Sache näher gehen wollen auf folde 
Beife, daß wir die Principien finden den Zweit zu theilen in 
feine natürlichen Glieder und bie Berfahrungsweife aufzufel- 
ten: fo müflen wir in Betrachtung ziehen das VBerhälmig derer 
von denen eine Wirkung ausgehen foll, und derer auf bie eine 
Birkang hervorgebracht werden fell. Hier haben wir nun al⸗ 
ferdings eine Unendlichkeit von verſchiedenen Berbälmiffen vor 
uns und müfien alfo auf gewiffe Grenzen- zurüffommen. So— 
viel ii offenbar auf der einen Seite, daß foldhe Ieitende Thä⸗ 
tigfeit nicht vorhanden fein kann wenn alle bie eine Gemein 
ſchaft bilden in ihrem Berbälmiß zum Ganzen vollfommen 
gleich find: denn dann findet nichts flatt ald ein reines Zufam«- 
menwirfen, und alles Aufeinanberwirfen ift nur ein zufälliges 
and ein Minimum, über welches Deswegen feine Regel gege- 
ben werden kann. Die Ungleichheit ftellt ſich alfo wieder ale 
etwas nothivendiges bar. Aber es giebt auch eine Ungleichheit 
die zu groß ift, wo wieder feine Leitung möglich ift: wenn naͤm⸗ 
fich ber ganze Geift in dem einen Theil ift, Die andern find aber 
Null, fo if gar feine Leitung möglich die unter Regeln gebracht 
würde, fondern da muß die Null erft aufgehoben werden; aber 
ba giebt es feine Methode, das kann nur Refultat eines freien 
Aufeinanderwirtens fein. Wenn wir yon ber Ungleichheit aus⸗ 
geben: fo werben wir fagen, Eine zufammenhängende leitende 
Tpätigfeit ift nicht möglich als bis biefe die Gehalt eines Ge⸗ 
genfazes angenommen hat, bis zwei verfchiebene Klaffen in ber 
Bemeinfchaft auf irgend eine Weife organifirt find, die eine 
bie probuctive, die andere bie receptive. Diefe finden wir 
im kleinſten Umfange in der chriſtlichen Kirche von Anfang 
m Wo eine chriftliche Geſellſchaft fih bildete, da bildete 
ſich auch ſolcher Gegenſaz, ber fi in gewiffen gemeinfamen 
Lebenselementen in der Berfammlung conſtituirte. Hier finden 
wir alfo allerdings fchon bie leitende Thätigfeit, aber fie war 
noch nicht eine ſolche daß fie eine praktiſche Theologie ber- 


. 


— 48 — 


ausgefördert hätte; ſondern in dem engen Umfange ſolches Ge⸗ 
ſammtlebens, wo alle im wefentlichen denfelben Eindruff unter: 
worfen find, ba geht auch alle Thätigfeit mehr von Dem unmittelbar 
momentanen aus, ba ift alfo an eine Theorie nicht zu denken. 
Nun ift Shen im allgemeinen für alle pofitiven Difeiplinen fei- 
geftellt, daß fie nicht eher erjcheinen konnten als bis fid) dad 
Ehriftenthum über eine größere Maſſe erſtrekkte. Wenn wir 
benfen, es wären Gemeinen entflanben, aber jebe wäre ein ifo: 
lirte8 Ganze für ſich geblieben: jo wäre doc eine Bedingung 
nicht da gewefen bie bie praßtifche Theologie motivirt. Es 
ift alfo nicht der Umfang allein, fondern auch Die Berbin- 
bung bes großen Zufammenhanges, der poftulirt wird. Wax 
fönnte nun fagen, biefe Bedingung fei im allgemeinen für bie 
Theologie richtig anfgeftellt, Die praftiihe Theologie aber ſcheine 
eine Ausnahme zu machen. Dächte man ſich eine Maſſe einzel- 
ner Gemeinen: fo könnte die leitende Thätigfeit über das Ganze 
nicht zugleich fein, doch im einzelnen fo, daß eine Theorie fönnte 
aufgeftellt werben. Das ift nicht zu Täugnen; aber wir werben 
gefteben müflen, es kann nur in dem Maafß eintreten als zu: 
gleich auch das andere eingetreten iſt; benn wenn wir fragen, 
Wodurch foll das Motiv kommen in einer Gemeine die Un 
gleihheit unter die Korm des Gegenſazes zu faflen: fo wird es 
nur gefheben wenn eine foldhe Ungleichheit da ift die burd 
einen großen Umfang motivirt if. Wir haben eine Gefell- 
fhaft die dieſes anſchaulich macht, die Sorietät ber Duäfer 
oder ber Freundes fie ift fehr verbreitet, eriftirt aber nur unter 
der Form vereinzelter Gemeinen und fie befteht auch überall 
nur aus Menfchen berfelben Klaffe. Es ik eine Art von Prin⸗ 
eip bei ihnen, unter fih die gefellfchaftlichen Unterſchiede in 
Bergeffenheit zu bringen; dadurch folgt von felbft daß alle bie 
ſich auf dem Extrem ber geſellſchaftlichen Unterſchiede finden, 
nicht zu diefer Gefellfchaft gehören. Man findet Feinen Pöbel 
und wenige von ber privilegirten Klaffe. Der Raum ift groß, 
aber die Gefellfchaft hat den Charakter, daß die Ungleichheit 
als Minimum dar iſt. Da ift alfo an folhe Theorie nicht zu 


— 40 — 


denken; dieſe iR nur in Geſellſchaften von großem geſchichtlichen 

Zuſammenhang, die einen beſtimmten Grab von Ungleichheit 
m ſich fliegen; und die Form des Gegenfazes die ba ent⸗ 
Beht if die, daß bie einen zufammentreten ben Gemeingeift in 
ber Form der Probuckivität barzuftellen, die anderen in ber 
Form der überwiegenden Empfänglichkeit. Iſt die Ungleichheit 
m der Geſellſchaft nur noch als eine verworrene: fo giebt es 
au fein anderes Verhaͤltniß als von einzelnen zu einzelnen, 
und da iſt Feine Theorie aufzuftellen. Wir müflen alfo biefen 
Gegenſaz, den wir In allen organifchen Gemeinfchaften finden, 
baben, wie in der bürgerlichen Geſellſchaft auch berfelbige if. 
Bean wir diefen haben, fo ift die Bedingung da. Nun haben 
wir hier aber den Charakter ber religiöfen Gemeinfhaft noch 
befonders zu geftalten und zu fragen, worin bie überwiegende 
Productivität auf der einen Seite, die Empfänglichfeit auf ber 
mderen beſteht. Wenn wir fagen, der Gegenſaz beruht auf 
einer wirklichen Ungleichheit: fo muß biefe in Beziehung auf 
bie Angelegenheit ſelbſt fein; da biefe feine andere ift als die 
Frömmigkeit und das religiöfe Bewußtfein, und bie Gemein- 
ſchaft nicht anders beftehen kann als im gegenfeitigen Austaufch: 
jo fann die Ungleichheit in nichts anderem beftehn als daß bie 
einen mehr zu geben haben und den anderen mehr geben Fün- 
nen durch Mittheilung. In fo fern die einen mehr haben, ſo 
iR das der Gegenfaz der aufgehoben werben fol, Die Geftal- 
hmg ber Ungleichheit zu folhem Gegenſaz woburd eine be= 
ſtimmte Wirkung derer in denen eine beflimmte Probuctivität 
iR, möglich if, hat alfo Feinen anderen Zwekk ale diefe Un- - 
gleihheit aufzuheben und durch die Circulation der Mittheilung 
einen gleichen Befiz hervorzubringen. Indem wir das andere 
Glied als Empfänglichfeit bezeichnet haben, haben wir es nicht 
als Paſſivität bezeichnet, fondern meinen daß auch dieſem eine 
Thätigkeit zufommen muß; dieſe Thätigfeit muß ſich allerdings 
ma in der Auffaffung bewähren, in ber Tebendigen Verar— 
beitung. Wenn wir aber weiter gehen und fragen, Wodurch 
fol die allgemeine Tendenz durch bie Mittheitung zu wirken 

Seeltifäe Theologie. 1. 4 


beſtimmt werben: fo muͤſſen wir fagen, Durch den Zufland der 
anderen Seite; und wenn wir fragen, Wie entfteht in der Pro⸗ 
duction ber Kenntniffe der Zuftand der anderen Seite: fo wer- 
den wir fagen, daß auch hier etwas felbfithätiges in ber au⸗ 
beren Seite gefezt werden muß, das if die Manifeſtation ber 
Beduͤrfniſſe; je beflimmter diefe ift, deſto mehr enthält fie Mo⸗ 
tive nach welchen bie Thätigfeit zu beflimmen if. So werden 
wir es fo flellen, daß die eine Seite mittheilt, die andere aber 
nicht bloß empfängt, fondern buch die Manifefation auf die 
andere wirft, fie zur Thätigfeit auffordert. . Dies giebt dem 
Begriff einer lebendigen Circulation. Wenn wir nun hiebei 
fteben bleiben wollen: fo entſteht ung eine Betradhtung ganz ei- 
gener Art, Wenn wir nämlich diefen Umlauf, wozu die praktiſche 
Theologie die Theorie aufftellen foll, in der größten Bollfom- 
menheit denfen: fo muß immer bie Ausgleihung auch möglichk 
ſchnell erfolgen; je größer wir bie Vollkommenheit fezen, deſto 
mehr müflen wir die Zeit des Austauſches ald Minimum fezen; 
wenn wir e8 aber vollendet denken: fo bört die leitende Thä⸗ 
tigfeit auf, Wir können fie nur als fortbauernd denken in fo 
fern die Mannigfaltigkeit fid wieder erzeugt; dieſe if gegeben 
in dem Wechfel der Generationen. 

Alfo alle wirken und laſſen auf ſich wirken; bie praftifche 
. Theologie wäre alfo eine Kunft für alle. Hier müffen wir et⸗ 
was beftimmenbes aufnehmen. Wo Kunft angewendet werben 
fol, da muß es auch beftimmte Formen geben; bas formlofe 
wird auch das kunſtloſe fein. Hier berühren die Ertreme ein- 
ander, Im Kirchendienft finden wir am meiften die beflimm- 
ten Formen und da ift die Kunft am meiften zu Haufe, im 
Kirchenregiment weniger. Da es aber auch eine kirchliche Ge⸗ 
fenfhaft muß zum Gegenftanb haben: fo wirb es auch hier 
Formen geben. Es giebt auch Wirkfamfeiten auf das Ganze 
bie ihrer Natur nach unbefchränft find, und für diefe wird nicht 
mehr bie beftimmte Kunft angegeben werben fönnen; und bag 
wird von allem gelten wovon jemand fagen Fann, Ich Iege eg 
an auf eine ganz unbegrenzte Wirfung in ber Kirche. Da 


— 34 — 


verſchwindeti bie beſtimmte Form und bie Kunſtregel. Das 
Heinfte noch organifiste Ganze worauf eine Wirkung hervor⸗ 
gebrat werben Tann, ift eine Gemeine bie aus Familien bes 
feht. In Hinfiht der Kamilien giebt es verfchiedene Verhält- 
niſſe. Da ift die Thätigfeit in dieſem Eleinften Gebiet auch 
eine formloſe und kann bie Form nicht gefaßt werben. Wie 
Regim des befiimmien liegt in ber Mitte zwifchen beiden. 
Hier kommen wir auf den Punkt zurüff, daß beſtimmte Wir- 
hugen nur hervorgebracht werben auf ein beflimmtes Ganzes, 
Da finden wir mehr äußerlich beftimmte Ganze und mehr in- 
nerlich qualitativ beſtimmte. Das Iezte find die Firchlichen 
Parteien in ber Chriftenheit, die als eigenthümliche mehr ober 
wider vollfommene Diodificationen des Chriftentbums müffen 


angejeben werben. In folder Differenz find wir auch begriffen. 


fo lange der Gegenſaz zwiſchen evangelifher und Fatholi=- 
{her Kirche befteht. Unbeftimmte Wirfungen fann einer her— 
vorbringen von einer Kirche auf bie andere im einzelnen unb 
gemeinen: aber Wirkungen bie eigentlih in Die praktiſche 
Theologie gehören, Tönnen nur innerhalb einer und berfelben 
Kirche hervorgebracht werben. Werden nun dieſe Wirfungen 
in beiden Kirchen nad benfelben Regeln vollbracht ober nad 
anderen, oder kann es bdiefelbe praftifhe Theologie 
geben für evangelifhe Theologen und katholiſche? 
Diefe Frage kann verſchieden beantwortet werben; es kann fp= 
gar eine Antwort geben die indifferentiftifch ift, und eine an 
bere die rein polemifch iſt; biefe werden entgegengefezt fein: 
dis lezte wirb bie Identitaͤt der Regeln verneinen, bie erfte im 
weiteten Sinn behaupten. Die eine iſt fo unwahr wie Die 
andere, weil bie Prinsipien falfch find; bie Wahrheit Tiegt zwi⸗ 
fhen beiden, iR aber fihwierig auszubrüffen. Es giebt gewifle 


Regeln die identifch find für beide Kirchen; geht man aber ins 


einzelne: fo wirb ſich bie Differenz der Principien auch barin 

jeigen, aber es wirb fich nicht angeben laſſen wo bie Differenz 

unb bie Identität aufhören und angeben. In thesi ift bie 

Formel richtig; aber in praxi, weil wir bie näheren Beflim- 
A * 


— 92 — 


mungen nicht geben koͤnnen, wird unſere prakliſche Theologie 
nur Gultigkeit haben für die evangeliſche Kirche. Wir werben 
allerdings fehen, wie wir in beiden Gebieten feinen Punkt auf- 
weifen können wo bie wirflihe Handlung nicht müßte bie Dif- 
ferenz zwifchen beiden Kirchen an fi tragen. In dem Kir⸗ 
chenregiment find ganz andere Grundfäze über das Verhaͤlmiß 
ber Kirche zum Staat, felbft andere über das Verhältniß bei- 
der Kirchen zu einander, und da werben ſchon bie erſten Prin- 
cipien different fein müflen. Für den Kirchendienſt ift in un- 
ferer Kirche das Verhältnig zwifchen Klerus und Laien anders 
geftellt ale in der Fatholifchen, und hat der evangelifche Geiſt⸗ 
lihe ganz andere Subfidien, weil er auf größere Bekanntſchaft 
mit der Schrift rechnen fann und dag Gebiet der Tradition 
für ihn einen ganz anderen Werth hat. Hier find bie Ele 
mente fo verfchieden daß die Regeln über den Gebrauch der- 
felben anders ausfallen müſſen. Alfo wäre ed vergeblich ung 
auf eine allgemeine praftifhe Theologie und eine befondere 
einzulaffen; fondern es iſt zweifmäßiger dag wir ung gleich 
auf den Umfang ber evangelifchen Kirche befchränfen. 

*) Wir haben das ganze gefondert in Theorie des Kir⸗ 
henregiments und Kirchendienftes: bei welchem Theil fol- 
len wir. anfangen? Die große Differenz zwifchen beiden 
macht wahrfheinlih dag wir mit einem anfangen müffen und 
fragen, ob in dem einen Theil Bedingungen Tiegen für den 
anderen, während das Verhältniß nicht umgefehrt flattfindet. 
Iſt die Kirche ein organifches Ganzes: dann ift die Antwort 
und gegeben und wir Fönnen fie nur zur Anfhauung bringen, 
. denn in einem organifchen bedingen ſich alle Theile gegenfeitig. 
Wir haben natürlich zu erwarten daß jeder Theil durch den 
anderen bedingt fei, und fo kann man nicht fagen daß eine be- 
fimmte Ordnung notbwendig gegeben fei. Wolfen wir mit 
ber Theorie des Kirchenregiments anfangen: fo fezen wir das 
voraus was nur durch den Kirchendienft vorhanden fein kann; 


*) S. Beilagen A. 2. B. 2. 


— 383 — 


es giebt ein Kirchenregiment nur wiefern es eine Einheit der 
Kirche giebt in einer Verbindung einer großen Anzahl chriſt⸗ 
fiher Gemeinen. Die Einheit der Kirche ſezt die einzelnen 
Gemeinen voraus, biefe beftehen immer durch den Kirchendienft 
fort und fönmen nur durch Abmwechfelung ber Geſchlechter ſich 
erneuern; die dazu gehörende Bildung ift vom Kirchendienft 
abhängig. Fangen wir beim Kirchendienft an: fo kann in dieſem 
feine vollkommene Unabhängigkeit und Freiheit fein, fonft wäre 
eine abfolute Selbftändigfeit ber einzelnen Gemeinen gegeben 
bie ber Gegenftand bes Kirchendienftes find. Beides zufammen 
Kirhendienft und Kirchenregiment Tann -e8 nur geben wiefern 
im Kirchendienſt manches durch das Kirchenregiment bedingt ift, 
und wollen wir mit dem Kirchendienft anfangen, fo müffen wir 
biefe Bedingungen vorausfezen. Alfo find wir in beiden Fäl- 
Im in gleiher Berlegenheit. Wir müffen bier auf die erfien 
Anfünge der hriftlichen Kirche zurüffgeben, Wie hat denn eins 
von jenen beiden zuerft zu Stande fommen fünnen, wenn es 
das andere vorausfezt? In den Apofteln war beides vereint, 
Kirhendienft und Kirchenregiment. Allerdings war ihre erfte 
Wirkſamkeit die im Kirchendienſt. Kirche und Gemeine hat 
eigentlich erſt durch ben Dienft der Apoftel begonnen, nicht bei 
Chriſtus. Die Apoftel fanden Jünger Ehrifti neben fi, und 
biefe waren fehon verbunden und äußerlich obgleich unvollfom- 
men zufammengetreten; fie bildeten eine Gemeine, und die Apo— 
ſtel ließen fie fich felbft conftituiren in Jeruſalem, verrichteten 
wur den Kirchendienft. Sofern die Tendenz auf Ausbreitung 
bes Chriſtenthums in ihnen lebendig wurde und fie Gemeinen 
fifteten und mit ben beſtehenden in Verbindung ſezten und lez⸗ 
tere danach modifieirten, übten fie das Kirchenregiment aus, 
Auf diefe Weife durch die Vereinigung beider in bemfelben 
Punkt fönnen wir nur das Entftehen von beidem erflären, Nun 
aber wie die Sachen jezt liegen und beides getrennt ift, ift es 
ganz gleich bei weldhem wir anfangen. Wir fönnen bier nur 
aus ſubjectiven äußeren Gründen entfcheiben, etwas beftimmt 
gegebenes kann darin nicht fein. 





_ 4 — 


Der Zufammenhang zwifhen Kirchendienſt und 
Kirhenregiment if ein zwiefacher. Einmal haben beide 
benfelben Gegenftand, die Kirche, man mag die Sache anfehen 
wie man will, fo daß man mehr von ber bee der großen 
Gemeinfchaft ausgeht oder von ber Befriedigung des religiöfen 
Bedürfniffes des einzelnen, welches unmittelbar in ben einzel- 
nen Gemeinen befriediget wird. Da nun auf dem religtöfen 
Gebiete ein reger Verkehr ftattfindet, fo muß beides in Ueber: 
einftimmung gebradyt werben, und dieſes gefchieht nur durch 
ben allgemeinen Verkehr der Kirche. Auch befleht das ‚Wohl 
bes Ganzen nur im Wohl des einzelnen Organs. Zweitens 
find für Diejenigen welche an der Leitung im ganzen Theil ha- 
ben follen, eben fo wohl als für Die im Kirchendienft thätigen 
nothwenbig Das religiöfe Intereffe und ber wiffenfdaft- 
liche Geifl. Kommt es nun an auf das Berhältnig der Kirche 
zum Staat, und auf der anderen Seite auf die Drganifation 
berfelben in fih: fo läßt fich bier vieles thun mit einem praf- 
tischen Blikk und gefundem Verſtand für das Leben, doc if 
das mehr oder weniger aufs Gerathewohl ohne Theorie. Um 
aber eine Theorie aufzufaflen und fie in ber wirklichen Thä- 
tigfeit wirffam fein zu laſſen, bazu bedarf es bes wiſſenſchaft⸗ 
lichen Geiftes, und Tebiglih davon hängt ber glüfffiche Fort: 
gang ab. Anflatt einer Rechtfertigung zu bebürfen, warum 
wir dieſes als einen Haupttheil ber praftifhen Theologie auf- 
ftelfen, müffen wir fragen, Wie iſt es zugegangen baß. biefer 
Theil nicht aufgeftelt if? In der Fatholifchen Kirche finden 
wir die Ausübung bes kirchlichen Amtes und die Leitung ber 
Kirche in denfelben Händen bes Klerus; der Zufammenhang 
ift dort ber Sache nad realifirtz aber wie bort immer we: 
niger die Wiffenfchaft berportritt wie bei ung, fo auch bei ben 
Theilen ber praftifchen Theologie. Dei der Ausübung bes 
Amtes kommt es bei ben Katholiken nicht fo fehr an auf bie 
Rebe als vielmehr auf Ausübung der Symbole. Ebenſo if 
es mit ber Seelforge, weil alles nach der Tradition gefchieht 
und auch hier die Wiffenfchaft zurüfftritt. Es find viele em- 


— 55 ⸗ 


piriſche Uebungsanſtalten in weichen ihre Geiſtlichen vorgebil⸗ 
bet werden. Was bie höhere Leitung ber Kirche betrifft: fo 
waltet auch da eine Tradition, eine Art von Geheimlehre in 
der römifchen Curie, weil biefe Autorität in fleter Oppofition 
it gegen die politifhe. Daß nun aber der Unterfchieb zwi— 
fhen dieſen beiden Theilen fehr groß erfcheint in der Fatholi- 
ſchen Kirche Tiegt darin, daß fo wie ber Gegenfaz zwifchen 
Klerus und Laien fharf ift, fo auch der Gegenfaz zwifchen 
höherer und nieberer Geiſtlichkeit. Die Ausähung des Kirchen- 
regiments ift in ben Hänben ber höheren Geiftlichkeit, die bes 
Kirhendbienfted in denen ber niederen. In der evangelifchen 
Kirche iſt es umgefehrt, Fein fehroffer Gegenfaz zwifchen Kle— 
zus und Laien und Klerus unter fih; wol wo das Epiffo- 
palſyſtem fatifindet: doch wo biefes Syſtem wirklich erhalten 
iR, ift Die evangelifhe Reinheit nicht da. In der Ausübung 
iR eme große Trennung zwifchen beiden Theilen, weil Die Lei⸗ 
tung der Kirche im großen weniger in ben Händen ber Geift- 
lichen iſt ale in denen der Weltlihen. Deshalb fagt man, 
eine Theorie über das Kirchenregiment fei nicht theologiſch weil 
nicht die Theologen fondern die Politifer zur Ausübung fom- 
me. Niemand kann aber behaupten daß das im Wefen ber. 
evangelifchen Kirche Liege; das Entgegenwirken gegen hierar⸗ 
chiſche Verfaſſung liegt freilich darin: doch ftellt ſich Die Sache 
fo, daß es einige giebt deren Antheil an ber Tirchlichen Leitung 
mehr nach der wiſſenſchaftlichen Seite bin liegt, andere deren 
Antheil mehr nach der politiſchen. Wir follen hinfichtlich der 
Leitung der kirchlichen Angelegenheiten bie Geiftlihen den Welt⸗ 
lichen gleichſtellen, fonft würden jene in einer wefentlichen Un- 
terorbnung ſtehen. Die Theorie welche auf das Kirchenregi⸗ 
ment Anwendung findet, hat alfo theild eine mehr theologiſche 
Seite vom Begriff der Kirche aus, theils eine politiihe vom 
Begriff des Staates aus, Wir müffen allerdings fagen, daß 
die firchenleitende Thätigfeit in biefer großen Beziehung das 
iſt wovon das Kortbeftehen der ganzen Theologie überhaupt 
abhängt, Denn gäbe es feine größere Verbindung, jo gäbe es 


— 56 — 


auch nach unſerer Vorausſezung feine Theologie, Es folgt 
aber daraus auch, Wird die große Kirchenleitung fchlecht ge- 
führt, fo muß es einen nadhtheiligen Einfluß auf bie Theologie 
haben; und dies gilt auch vom Kirchendienft, ber durch die 
Theologie vermittelt if. 

Wie fhon gefagt geben die Haupttheile der Difeiplin oft 
in einander über. Zum Kirhendienft rechnen wir alles was 
bie Ausübung bes geiftlihen Amtes im allgemeinen betrifft; 
darüber aber ſcheinen eben bie Principien in ber Theorie des 
Kirchenregimentes vorgetragen werden zu müfjen, Damit bie Ge⸗ 
feggebung darüber das richtige anorbne, Die Leitung der fird- 
lihen Angelegenheiten im großen bat es zu thun mit dem 
Verhältniß ber Kirche zum Staat, auf der anderen Seite mil 
dem Berbhältniß der Kirchen unter einander. Nun kommt alles 
barauf an, bag die Gefezgebung ihre Stüze finde iu 
der öffentlihen Meinung, fonft ift fie ſchwach, befon- 
ders in biefem geiftigen Sinne. Nun fol dur die Ausübung 
bes Rirchenamtes bie äffentlihe Meinung gebildet werden; alfo 
fheint es als ob die Theorie des Kirchenregiments vorgetra⸗ 
gen werben müßte damit von ben Geifllihen Die Leitung ber 
öffentlichen Meinung richtig verftanden würde. Eine richtige 
Anfiht über das Kirchenregiment ift alfo jedem Geiftlichen in 
Beziehung auf feinen Dienft in der Gemeine nothwendig. Woll⸗ 
ten bloß Weltlihe die Formen des öffentlihen Gottesbienftes 
und ber Berbältniffe der einzelnen Theile beffelben beftimmen: 
fo fönnte es unmöglid etwas zwekkmäßiges werden. Daraus 
ergiebt fich der weſentlich organische Zufammenhang beider; bie 
Theorie des einen muß fi auf die Theorie bes anderen be- 
ziehen. Welche fol vorangehn? 

Es giebt zweierlei was ein gewiſſes Prioritätsverhältniß 
der einen vor ber anderen feſtſezt: 1) überall für einen jeden 
it die Verwaltung der Gemeine das erfte, und ber Antheil an 
ber Kicchenleitung das fpäteres; 2) ſcheint es dem Geifte ber 
evangelifhen Kirche gang wefentlih angemefien zu fein, daß 
bie größere Einheit relativ zurüfftritt, Die einzelnen Gemei- 


— 57 — * 


nen in der evangeliſchen Kirche ſind das zuerſt gewordene, und 
die Einheit der ganzen Kirche als eine äußere iſt überall noch 
nicht geworden, ſondern nur eine innere Einheit geht durch die 
ganze evangeliſche Kirche, Wir muͤſſen demjenigen den Vor⸗ 
rang laſſen was in unſerer Kirche das am meiſten hervortre⸗ 
tende iſt. 

Ehe wir zu einem der beiden einzelnen Theile ſchreiten, 
iſt noch eins zu erörtern. Beiden gemeinſchaftlich iſt ber Be⸗ 
griff der Kirche, der alſo auf eine gemeinſchaftliche Weiſe 
feſtgeſtellt werden muß. Das äußere dabei iſt ſehr leicht ab- 
gemacht; die chriſtliche Kirche hat ihr ganz allgemeines Unter⸗ 
ſcheidungszeichen, es iſt die Taufe, wodurch etwas als ein Ele⸗ 
ment ber chriſtlichen Kirche beſtimmt wird, und darin liegt Die 
Beziehung auf Ehriftum. Gehen wir aus von der Bedeutung 
‚ber Taufe und ber Beziehung auf Ehriftum in berfelben: fo 
iR bamit zugleich gegeben eine gewiffe Richtung bes menſch⸗ 
lihen Geiſtes in ber Totalität feiner Beftrebungen. Ein Ur- 
bild iR in Ehrifto gegeben, dem er angenähert werben foll, 
unb in Chriſti Worten. find Grundzüge aufgeflellt für das 
meufhliche Denfen und Handeln, Vorausgeſezt man fei über 
das Fundament (Chriſtum) einig: fo wäre die chriftliche 
Kirhe die Gefammtheit derer welche in ihrem ge- 
meinfamen Leben dbiefem ſich annähern wollen; und 
alfo die Regel, wie das was in ber riftlichen Kirche gefchieht 
anf eine richtige Weife gefchehe, folgende: Das richtige ift das 
was eine folche Annäherung in füch ſchließt, und das falfche Das 
wodurch fie verhindert wird. Der Gehalt diefer Kormel bleibt 
freilich noch problematifh. Sehen wir auf die Haupttheile ber 
praktifchen Theologie: fo entfteht Die Frage, Wie und auf welde 
Beife wirft das geifllihe Amt zu diefer Annäherung? und 
ebenfo, Wie kann die Kirchenleitung im großen diefe Annähe- 
rung befördern ober hemmen? Wir befinden ung in dem Ge- 
genſaz des Proteſtantismus gegen den Katholicismus, und ber 
ſchließt auch ſchon in ſich eine verſchiedene Vorftellung von bie- 
fer Frage. In der katholiſchen Kirche wird die Hauptwirkfam- 


* 


. 


— BE — 


keit des geiſtlichen Amtes offenbar In bie Sacramente geſezt, 
auch in Beziehung auf den Einfluß den das geiftliche Amt auf 
bas einzelne Leben ausübt. Im Zufammenbang mit biefem 
Gentralpunft ftebt aucd bie Menge von fpmbolifhen Handlun⸗ 
gen welche im Cultus berfelben vorkommen. Daburd gewinnt 
biefer ganz und gar einen beflimmten Charakter. In der evan⸗ 
geliſchen Kirche tritt ſtatt beffen in dem Cultus bie Predigt ent- 
ſchieden hervor, die Erklärung bes göttlichen Wortes, und hie- 
von ausgehend kamn nicht darüber gefritten werben, baß in 
unferer Kirche die Seelenleitung vorzüglich auf dem Wege ber 
Rede bewirkt werben fol. Hieraus ift die Anſicht entſtanden, 
daß bie chriſtliche Kirche eigentlich eine Lehranſtalt fel. *) 
Ich muß gefteben, dag dies eine Anſicht ift welche einfeitig 
zu fein ſcheint, weil fie fih nur an die Dppofition gegen bie 
Tatholifche Kirche anknüpft und alfo das gemeinfchaftliche, wo⸗ 
durch fih das Wefen der chriftlichen Kirche ausſpricht, zu ver: 
nachläffigen ſchein. Wo wirb durch Bermittelung bed geifl- 
lichen Amtes gelehrt? Das erfie Lehren ift überall ber Keli- 
gionsunterricht den der Geiftliche der Jugend ertheilt, die Kar 
techeſe; aber Die dort gelehrt werben find ja noch nicht voll- 
fommen in der chriftlichen Kirhe. Das Lehren ſcheint mehr 
ein Borbereiten und nicht das Wefen des geiftlihen Amtes 
felbft zu fein; bie öffentliche Ratechefe if auch ganz etwas an- 
beres als die Predigt: bie Prebigt foll kein Lehren fein. Da- 
nad) haben wir alfo fein Hecht zu fagen, die Kirche fei eine 
Lehranftalt. Was wird für eine Theorie für bag Kirchenregiment 
entflehen, wenn man yon dem Gefihtspunft ausgeht, daß bie 
Kirche eine Lehranftalt fei? Daß die Menſchen nicht unwiffend 
feien in allgemein menfchlihen Dingen, ift nicht eigenthümlich 
der Kirche ſondern ein allgemeines Intereffe, auch das In— 
tereffe der bürgerlichen Geſellſchaft. Es entfieht die Neigung 
beides in einander zu fchmelzen, und weil der Staat wollen 
muß daß die Menfchen in allem guten nicht unwiſſend feien, 


) S. Beilagen A. 3.4. B. 3. C. 12. 


— 89 — 


fo iſt es natürlich zu ſagen, wenn innerhalb bes Staates Lehr⸗ 
anftalten find, dag biefe von ihm ausgingen und er fie fi an⸗ 
geeignet hat. Darum herrſcht je mehr die Anficht if daß bie 
Kirche eine Lehranſtalt fei, defto mehr die Anficht daß bie Kirche ' 
eine politifche Anftalt fei und der Geiftliche ein Vollslehrer. 
Die Beziehnng dieſes Inſtituts auf den urfprünglichen Begriff 
verſchwindet total. Die Prebigt tritt freilich entfchieben in ber 
evangeliſchen Kirche hervor; ift Denn aber das Ausfpredhen und 
Mittpeilen von Gedanken immer Lehre? . Wo Lehre fein fol, 
da ift es auf eine gewiſſe Vollſtaͤndigkeit abgefehen, d. h. auf den 
Typus und Abriß, fonft giebt es Feine Lehre; das finden wir 
aber in unſerer Kirche nicht. Wird wirklich das Predigen in 
der Kirhe fo behandelt daß es dabei auf eine Vollſtändigkeit 
in ber Lehre angelegt iſt: fo entfteht dieſe Vollſtändigkeit bloß 
zafäͤllig durch dasjenige was ſich in dem Leben ber Menſchen 
ergiebt. Nicht daß die chriftliche Gemeine gelehrei werbe, if 
be Wirkung bes geiftlichen Amtes, fondern daß fie erbaut 
werde *), d. 5. eine Wirkung auf die Gemeine, welde von 
bem Gefühl auf den Willen geht. Wir mäflen daher fa- 
gen, baß es eine einfeitige Anficht ift, welche wir als bie Duelle 
aller Irrungen anzufehen haben, daß die chriftliche Kirche eine 
Lehranſtalt ſei. Hierin Liegt bie Tendenz die Kirche dem Staate 
zu unterwerfen. Denfen wir an bie religiöfe Muſik und Poeſie 
als Anflalten für die Kirche: fo verfchwindet bas Lehren in 
berfelben gänzlih. Gehen wir von einem rein geſchichtlichen 
Yunkte aus: fo fommen wir darauf, die chriſtliche Kirche iſt 
ausgegangen von den Wirkungen und Thätigfeiten Chriſti. 
Bas hat Epriftus gewollt? Schön wäre es, koͤnnten wir 
von diefem Punkte fortfchreiten.. Dean fagt, Ehriftus ift ein 
Lehrer gewefen und hat nichts gewollt als lehren; fo auch feine 
Jünger, und fei die Fortpflanzung feiner Anſtalt eine Lehran- 
Hall, Andere fagen, Wie follte Chrifius von einem Reiche, 
reden wenn er bloß eine Lehranſtalt beabfichtigte? im Reiche 


©. Beilage C. 22. 


— 00 — 
liegt. bie Idee eines Gemeinweſens. Daß bie beiden Extreme, 
bie Kirche ift eine Lehranftalt, die Kirche ift ein Gemeinmwefen, - 
vein für ſich etwas gefährliches barbieten in ber Hinficht, daß 
wenn wir dem einen ober dem amberen folgten, uns ber Ge⸗ 
genftand unter den Händen fehwindet, Tiegt darin was wir an⸗ 
fangs behaupteten: nachdem die Menjhen verſchieden gelehrt 
werben, nad) dem find fie verfchieden; wir müßten fo nur aus⸗ 
führen was die Politik und gäbe. Gehen wir von bem andern 
Ertrem aus und wir fagten, Wir wollen eine Kirche bauen 
welche ein vollftändiges Gemeinwefen fei, fo daß fie nichts 
ausfhließe was zum gemeinfchaftlichen Leben gehört: jo wür- 
ben wir eine Oppofition gegen den Staat hervorrufen. Go 
verfhwände uns ber Gegenftand für ben wir eine Theorie 
aufftellten. 

Fragen wir, Wie ift die Kirche wirklich, in die wir mit 
unferer Theorie hineintreten wollen: fo werben wir fagen müſ⸗ 
fen, fie ift noch etwas mehr ald eine Lehranftalt, fie ift wirk⸗ 
lich ein wenngleih unvollfommenes Gemeinweſen. Es Tiegt 
uns alfo ob dafür zu forgen auf der einen Seite, daß fie nicht 
zur bloßen Lehranftalt herabfinfe; auf ber anderen, daß ſie nicht 
ein folhes Gemeinwefen werde daß der Staat in Oppofition 
auftreten muß. Was wir als das gemeinfdhaftlide für beide 
Zweige zum Grunde legen müffen, müffen wir ung wenn auch 
nur in unbeflimmter Allgemeinheit voranftelen. Was follen 
wir anfehen als das höchſte Princip aller leitenden Thätigfeit 
in ber chriftlihen Kirche? Wir müffen Rüfffiht nehmen auf 
die gegenwärtige Theilung berfelben. Wäre die riftliche Kirche 
Lehrauſtalt: würde dann die Theorie ber leitenden Thätigfeit 
mehr oder weniger für beide Theile (fatholifhe und evange- 
liſche) diefelbe fein Fönnen? Verneinen würden wir bas, weil 
in der Fatholifchen Kirche Die Leitung der Lehre ganz ein Ei- 
genthum bes Klerus iſt, d. h. eines beftimmten Ausfchuffes der 
ganzen Geſellſchaft, welcher deshalb in der Fatholifchen Kirche 
die Kirche im engeren Sinn bildet und gewöhnlich Kirche beißt. 
Die Laien find ein Mittelding zwifchen zur Kirche gehören und 


„- 6 — 


außer berfelben fein; in Beziehung auf bie Selbſtthaͤtigleit find 
ke außer ber Kirche, in Beziehung auf Denken und Handeln 
ſind fie paſſiv; fie find in ber Kirche fofern fie ſich von ihr 
leiten laſſen und in berfelben die Beſtimmungsgruͤnde Tiegen 
für diefen paffiven Gehorfam. In ber evangelifhen Kirche 
fehen wir bie Lehre als ein Gemeingut an und legen nicht den 
Laien einen pafliven Gehorfam bei, fondern dieſer foll von der 
Üchergeugung ausgehen. Kann bie Theorie biefelbe fein vom 
Standpunkt daß bie Kirche ein Gemeinwesen fei? Nein! Die 
katholiſche Kirche bildet wirklich ein Gemeinweſen welches durch 
eine Menge von bürgerlihen Gemeinwefen hindurch geht, und 
M eine außerhalb alles bürgerlichen Gemeinweſens geftellte 
und alles umfaffende Einheit. In der evangelifchen Kirche giebt 
es Feine leitende Thätigfeit welche fih über das ganze ber 
esangelifchen Kirche erftrefft; alled was Form ift und hat als 
leitende Thätigkeit, ift in der evangelifchen Kirche in ben Gren- 


zen bes einzelnen Gemeinweſens befchränft, Pflicht iſt es alfo 


zu beftimmen, Wie ift ber Standpunkt in ber evangelifchen Kirche 
in Beziehung auf jene beiden Anftchten, und wie fol fih das 
gemeinfhaftliche Princip für die ganze praktiſche Theologie 
daraus geftalten? Um für den ganzen Umfang der evangeli- 
fhen Kirche genügend zu fein, müßte in ber Formel nichts feh- 
len was in der evangelifhen Kirche weſentlich ift, aber auch 
nichts aufgenommen werben was eben fo gut für eine andere 
geften könnte. Bon einer anderen Kirche die. wir ber eyange- 
liſchen gegenüber ftellen könnten, als der roͤmiſch katholiſchen, 
kam nicht die Rebe fein. Wenn wir fönnten die Differenz zwi⸗ 
ſchen beiden Kirchen auf eine allgemeine Formel bringen: fo 
hätten wir zugleich einen Ausdruff für ben eigenthümlichen 
Typus der evangelifchen Kirche. Die Lehre ift nur etwas ein- 
zelnes, ſowol die theoretifche als bie moralifhe; wir müflen 
von der Idee der Gemeinfchaft ausgehen. Diefe muß nothwen- 
dig eine gewiffe Orbnung haben, das was wir bie Verfaſſung 
derfelben nennen, worin ſich ber ganze Charakter berfelben am 
beſtimmteſten ausſpricht. Nun ift ber Gegenfaz ber für bie 


4 


Differenz der Berfaffung in der chriſtlichen Kirche ſich geflaliet 
hat, eben das verſchiedene Berhältnig zwifchen Klerus und 
Laien; das ift auch gefchichtlich fehr bald herausgetreten, und 
ein Entfagen des Klerus ber evangelifchen Kirche auf das 
was dem Fatholifchen Klerus zufommt, ift anzufehn als einer 
ber primitivften Acte wodurch ſich bie evangeliſche Kirche ge= 
Raltet hat. In ber evangelifchen Kirche ift eine Gleichheit ge⸗ 
fezt, hier feben wir einen jeden an als für fi verantwortlich; 
in ber katholiſchen ift der einzelne nur veranwortlich für feinen 
Geherfam, und auch das nicht einmal: es fällt dem Klerus an⸗ 
heim, wenn er ben Ungeborfam einreißen läßt. In der evan- 
gelifchen Kirche hingegen fehen wir ben Klerus an ald ein aus 
der Gefammtheit gebilbetes Inftitut, das alfo auch Feine andere 
Autorität bat ale bie ihm von der Gefellichaft übertragene; 
dag ‚ministerium verbi nicht gerade einen befonderen Stand 
bildend, fondern als eine befondere Function in ber Kirche, 
welche gewiflen Perfonen übertragen iftz ein weſentlicher Punkt 
in der evangelifhen Kirche. Wir fagen nun, Die evangeli- 
fhe Kirche iſt eine. Gemeinfhaft des chriſtlichen Le 
bens zur felbfändigen Ausübung bes Chriſtenthums. 
Das unterfcheidet bie evangelifhe Kirche von ber Tatholifchen 
auf das beftimmtefte. Daß unter Gemeinfchaft durchaus gar 
nichts von einem weltlichen Anſpruche mitgefezt if, ſezen wir 
voraus. In der evangelifchen Kirche ift das Inſtitut eines 
öffentlichen Amtes begründet, an welches das oftenfibele "bes 
gemeinfchaftlihen Lebens gebunden if, unbefchabet ber Selb 
ftändigfeit des einzelnen. 

Soll nun die praktiſche Theologie. die Theorie fein über 
das Fortbeſtehen der evangelifchen Kirche als einer folden, ſo⸗ 
fern dieſes von abfihtlichen freien Handlungen ausgeht: fo fragt 
fih, Wie findet fih die eigenthämlihe Form für die beiben 
Hauptitheile? Was nicht allein erhalten fondern auch vervoll⸗ 
fommnet werden fol, ift jene Selbflänbigfeit bes chriſtlichen 
Lebens im einzelnen, und das ift die Aufgabe des Kirdhen- 
dienſtes, welcher es unmittelbar mit ben einzelnen zu thun 


— 838 — 
bat. Die wefentlihe Function des Kirchenregiments hat 
es nur auf eine untergeorbnete Weife mit den einzelnen zu 
hun, fo nur daß Dem einzelnen feine Kunction angewiefen werbe, 
Die Hauptſache ift die, daß die Geftaltung des gemeinſchaft⸗ 
fihen Lebens eine foldhe fet wodurch die Erhaltung des chrift- 
lichen Lebens gefichert werde... Die Thenrie des Kirchendien- 
Res iſt die Beantwortung der Frage, Wie wirb durch alle 
Handlungen der Kirhe weldhe den einzelnen zum Gegenftande 
haben, die felbfithätige Ausäbung bes Chriftenthums erhalten 
und geftärft? für Die Theorie des Kirchenregiments, Wie durch 
Diejenigen Handlungen der Kirche, welche die Formen der Ge- 
meinfchaft felbft zum Gegenftand haben? Dahin gehört die Art 
‚und Weife der Mitthbeilung in ber Kirche felbft, zugleich aber 
and die äußeren Berhälmiffe der Kirche, und alfo ganz vor- 
züglih die Verhälmiffe der Kirche gegen bie bürgerlihe Ge- 
ſeiſchaft. | 
Wir haben vorläufig feſtgeſezt, daß alles was bier vor⸗ 

getsagen werben fol nur Güftigfeit hat für bie evangelifche 
Kirche. Daraus folgt aber nicht daß biefes ausfchließenbe auf 
febem Punkt gleich groß fein werbe; das iſt au etwas was 
wir ſchon im voraus feſtſtellen koͤnnen, denn es ift überall fo, 
Das eigenthümliche in einem jeben befonderen in dem geſchicht⸗ 
lichen Ganzen ift niemals auf allen Punkten gleich ftarf aus⸗ 
gebrüfft und hat nicht auf alle Actionen gleichen Einfluß. Wenn 
wir uns darauf einlaffen fönnten in allem das Berhältnig un- 
ferer Kieche zur katholiſchen im Auge zu behalten: fo wärben wir 
damit anfangen müflen daß wir und die Frage überall beant« 
worteten, Wiefern hat das gefagte feine Gültigkeit für bie rö— 
miſche Kirche oder nicht, wiefern ruht es auf der Eigenthüm⸗ 
lichkeit unferer Kirche ober auf dem gemeinſam chriſtlichen? 
Wir flellen daher dies nur im allgemeinen bin und überlaffen 
ed bem eigenen Nachdenken. 


— — — 


Eriter Theil, 
Der Kirhbendienft. 


Einleitung. 


Wir haben ben Kirchendienſt in feinem relativen Gegenſaz 
gegen das Kirchenregiment erflärt als bie leitende Thätigfeit 
in der Kirche, welde das Fleinfte Organ des religiöfen Lebens, 
bie einzelne Gemeine zum Gegenftand habe. Wir fegen näm- 
lich Die Teitende Thätigfeit in den Klerus, und die Empfänglich- 
feit in die Laien. Nun ift die Gemeine der Gegenftand bie- 
fer leitenden Thaͤtigkeit. Sie befteht aus Familien und bem 
was fi) daran anfchließt, ift alfo wieder in fidh ein getheiltes. 
Da findet alfo ein doppeltes Verhältniß ſtatt zwifchen der Thä— 
tigfeit im Kirchendienft und ihrem Gegenftande, nämlich fofern 
bie Gemeine als ein ganzes betrachtet wird, und fofern auf 
ben einzelnen gefeben wird, Hier haben wir alfo einen voll- 
kommenen Theilungsgrund: der Cultus nämlich begreift bie 
Thätigfeit auf die Gefammtheit der Gemeine, unb ber anbere 
Theil bie Thätigfeit auf die einzelnen Glieder der Gemeine. 
Die Kirchengemeine befteht nur in Beziehung auf ein religidfes 
Zufammenleben; der Geiſtliche ift ein Glied der Gemeine, bier 
bat er alfo als einzelnes Glied auf die einzelnen Glieder zu 
wirfen; aber er ift zugleich ber Teitende für die ganze Gemeine 
und bat in fofern auf bie ganze Gemeine zu wirken. Wie 


— 65 — 


verhalten fih nun biefe beiden Thätigfeiten zu einander? Wir 
wollen bier eine Kunftlehre aufftellen; wir müffen alfo zuerft 
fragen, Berbalten fi dieſe beiden Theile zum Begriff einer 
Kunftlehre gleich oder nicht? Dffenbar läßt die Thätigfeit des 
Geiſtlichen im öffentlichen Gottesdienft beftimmtere Formen zu; 
ed wirb alfo für dieſen Theil in weit vollfommenerem Grade 
eine Kunſtlehre aufgeftellt werben können. Wie verhalten fich 
nun bie beiden Theile gegen einander in Beziehung auf bag 
Ganze? Diefe Frage ift fehr verfchieben beantwortet worden. 
Man bat die Sache gewöhnlich fo bargeftellt, Daß der eine 
Theil fih zum anderen verhalte wie Mittel zum Zwekk. In 
den amtlichen Handlungen des Geiftlihen außer dem öffent- 
lihen Gottesdienft Tiefe offenbar alles auf die Tendenz hinaus 
ben einzelnen zu belehren und zu beſſern; das wäre ber eigent- 
liche Zwekk der ganzen religiöfen Gemeinfchaft. Der öffentliche 
Gottesdienſt wäre nur Mittel dazu; und fönnte der Geiftliche 
fih immer in ein beſtimmtes Verhältniß zu jedem einzelnen 
ſtellen, fo wäre ber öffentlihe Gottesdienft ganz überflüflig. 
Diefe Anficht geht natürlich von der andern aus, die Kirche fei 
nur ein Inftitut zur Beflerung der Menſchen. Daraus würde 
auch folgen müffen, daß es der Hauptzwekk bes Geiftlichen fei 
auf befondere Weife mit dem einzelnen ſich zu organifiren. 
Das ift aber feine evangelifche Anficht, weil fie nur aus ber 
höchſten Spannung des Gegenſazes zwifchen Klerus und Laien 
zu entſchuldigen ifl. Nehmen wir aber den Gegenfaz nicht in 
biefer Strenge: fo müflen wir fagen, daß bie Geiftlichen nicht 
allein auf die Laien wirfen, ſondern daß aud die Laien auf 
einander wirfen und in ber religiöfen Gemeinschaft thätige 
Stieber find. Der eigentlihe Zweff ber religiöfen Ge- 
meinfchaft ift alfo die Eirculation des religiöfen In- 
tereffes, und der Geiftlihe ift Darin nur ein Organ 
im Zufammenleben. Es kann alſo bier von fo einem ein- 
zelnen Zweffe gar nicht die Rede fein, denn bie religiöfe Ge- 
meinfchaft ferbft iſt Zwekk. Alles was einzelnes hervortritt in 
der firchlichen Gemeinſchaft, den einzelnen beſſern und belehren, 
vpraliiſche Theslogie. 1. 5 





bas find bie Mittel, wiewol nur immer in gewiffer Beziehung. 
Wir können alfo auf feinen Fall die beiden Theile einander 
als Zwekk und Mittel entgegenftellen; wol aber wird ber 
Gegenfaz ber fein zwifchen ber Hauptfadhe dem Eultus, und 
dem Accidens der Thätigfeit in Beziehung auf den einzelnen. 

Was die Priorität der Behandlung beider Theile betrifft: 
fo ſcheint es als wäre biefe indifferent; denn auf ber einen 
Seite kann man fagen, Erf muß man bas religiöfe Gefammt- 
leben kennen und dann erft die förenden Punkte aufheben, und 
ebenfo umgefehrt, Erft muß man das ftörende aufheben und 
dann das Gefammtleben conſtruiren. Es iſt alfo ganz gleidh- 
gültig womit wir beginnen. Wir wollen und indeffen entſchlie⸗ 
Ben mit dem erfteren anzufangen. 

Zum öffentlichen Gottesdienft gehören zwei Punkte, welche 
Beranlaffung geben .eine befondere Theorie aufzuftellen: 1) die 
Predigt in ihren verfhiedenen Mobdificationen; in wie fern 
man fie als ein Kunftwerf anzufehen hat oder nicht, fo fteht 
fie doch immer in einer beflimmten Analogie mit der Kunfl, 
oder man koͤnnte vorausfezen daß eine Theorie zu geben fei 
über den Gebrauch der Sprache; 2) dasjenige in den übrigen 
Theilen des Gottesdienſtes was der Selbftthätigfeit des Geift- 
lichen überlaffen ift. Dies ift verfchieben, und wir müffen ung Die 
verfchiedenen Elemente analyfiren und bie verfchiedenen Ber- 
hältniffe vorhalten in welchen der Geiftlihe ſteht. Die Ber- 
waltung der Sarramente bietet am wenigften Stoff zur Theorie 
bar, weil babei beftimmte Vorſchriften berrfchen. Außerbatb 
bes öffentlihen Gottesbienftes giebt es eine Theorie des Un- 
terrichtes der Jugend, welcher einer Aufnahme berfelben in bie 
Gemeine vorangeht. Dann bie Seelforge; diefe ift ein wichtiges 
Geſchäft, aber die Verfchiebenheit fo fehr groß und das Ver— 
hältnig der Gemeine zu dem Geiftlihen bald fehr enge bald 
zurüfftretend. Darüber eine Theorie aufzuftellen if eben fo 
ſchwierig als über das Betragen bes Geiftlichen in der menfch- 
lichen Gefellfchaft überhaupt. So gehen bier die beiden Sei- 
ten welche wir in Einer Theorie verbinden müffen, das alls 


— 67 — 


gemeine und befondere, mehr auseinander und das befonbere 
nimmt ben Charakter bes empirischen an. 

Das gewöhnliche ift Daß man gleich die einzelnen Theo- 
rien vorträgt; fo wäre bie Homiletif das erfte, dann ber übrige 
Theil des Gottesdienftes die Liturgif, die beiden Hauptbeftand- 
theile der Theorie des Cultus. Das feheint mir nicht recht 
zweffmäßig zu fein: erftlidh giebt e8 eine Menge Regeln und 
Elemente für beides; zweitens fcheint es daß ein ſolcher An- 
fang der Theorie das Fundament übergeht: man fängt mit ber 
Theorie der Theile an und gelangt nicht zu ber Stellung bes 
Ganzen. Dadurch wirb das ganze Tebendige Bild zerflört, das 
eine fcheint für Das andere ſchlechthin zufällig; deßhalb glaube 
ih dag man hier eine andere Unterordnung mahen muß um 
mit geböriger Sicherheit zu verfahren. Wenn man aus allem 
organifchen Zufammenhang berausgerifien ift: fo ift man auch 
dem Zufall preisgegeben, und darum ift die fpecielle Theorie 
fo ſehr unbefriedigend; man hält fih an Die gegenwärtige zu— 
füllige Form, es kann feine richtige Anfhauung des VBerhält- 
niffes der verfchiedenen Theile entſtehen. Was ift die gemein- 
fame Idee welche dem ganzen Gottesdienſt zum Grunde liegt? 
Die Beantwortung biefer Frage giebt eine klare Einfiht in bie 
Geneſis der verfchiedenen Theile und eine Einfiht in ihren 
Charafter. Es giebt hier eine Menge von elementarifhen 
Principien die auf die allgemeine Theorie der Darftellung zu⸗ 
rüffgehen. Diefes ganze Verhaͤltniß Tann nicht gehörig heraus⸗ 
treten, wenn wir nicht Damit anfangen einen allgemeinen Be- 
griff des Cultus aufzuftellen. 

Wir fangen damit an über das Weſen des dffent- 
lihen Gottesdienſtes in ber hriftlichen Kirche und in ber 
evangelifchen befonders ihrem eigenthümlihen Wefen gemäß 
zu handeln; dann die allgemeinen elementarifchen Prin- 
eipien die fih daraus ergeben zu entwiffeln, und bann zur 
Theorie der einzelnen Theile bes Gottesdienſtes fort- 
zuſchreiten. 


5% 





— 68 — 


Erſter Abſchnitt. 
Der Cultus. 


Einleitung. 
Dom Weſen des öffentlichen Gottesdienſtes. *) 


Sollen wir uns bloß an die Praxis halten und ſagen, 
Der öffentliche Gottesdienſt beſteht in dieſen und dieſen Ele— 
menten, und muß auf dieſe Weiſe behandelt werden? Allein 
auf dieſe Weiſe würden wir nur empiriſch zu Werke gehn, und 
fofern fi der äußere Gottesdienft ändert, würde aud unfere 
Theorie zu Grunde gehn. Damit aber dies nicht geſchehe, müf- 
fen wir auf allgemeine Principien ausgehn. 

Der öffentlihe Gottesdienſt, was ift er? geht er aus der 
chriſtlichen Krömmigfeit nothwendig hervor! Man fagt, die 
Frömmigfeit fei eine reine Gemüthsſache und fei das inner- 
lichfte des Menfchen, es fei das was jeder nur für fih allein 
hat. Allein der Menfh wie er erfcheint, entwiffelt fein in⸗ 
neres an anderen Menfchen, Befchränft fich Dies auf die Hleinfte 
Gemeinfhaft: fo ift die Frömmigkeit eine Familienſache. Nun 
gehört zum Leben der Familie die Gaftfreiheit; läßt man num 
biefe an dem inneren religiöfen Reben theilnehmen, fo würde Dies 
den Kreis nicht flören. Man fagt dann, Weiter foll die Fröm⸗ 
migfeit nicht gehen. Diefe Theorie hat man in neuerer Zeit in 
ber Kirche aufgeſtellt. Sie will alfo bie religiöfe Thätigfeit 
nicht in größere Kreife gebracht wiffen. In Chriſti Anweifung 
ift nichts beftimmt was auf eine größere religiöfe Gemeinfchaft 
fi) bezöge, wenigftens find die Ausfprüde einer abweichenden 
Auslegung unterworfen. Jene Theorie meint, das Leben ber 
Apoftel fei nur ein Feines Familienverhältnig geweſen; als 
aber nun ber Pfingfttag gefommen war, hätte Petrus fagen 
follen, Run da fie die Lehre empfangen hätten, follten fie auch 


*) ©. Beilagen A. 5. B. 4. E. 


— 9 — 


hübſch danach leben; daß aber Petrus fie zuſammenhielt zu eis 
nem SKirchenverein, das wäre ſchon eine Corruption geworden. 
Nun fommt zwar der Ausdruff &xxinole vor; allein dieſer 
wurde nicht auf die Synagogenform zurüffgeführt, fonbern be= 
zog fih nur auf eine allgemeine Zufammenfunft von gläubi- 
gen. Dies kann alfo gegen jene Theorie nicht fireng ange- 
wendet werben. Da müffen wir nun ſehen, ob weil keine be= 
fonderen Ausfprühe Ehrifti da find, die Apoſtel im Geifte Chriſti 
gehandelt haben. 

Es fragt fh zunähft, Giebt es in ber Ausübung ber 
Frömmigfeit etwas was nothwendig wäre, ober haben wir es 
mit bioßen Formen zu thun? Denfen wir und einen Complex 
von Familien, der in Bezug auf ihr religiöfes Leben als zu- 
fammengebörig gedacht wird: fo wirb bier eine Gemeinfcaft, 
eine Sirculation der religiöfen Momente entflehben, wodurch im- 
mer eine Erhöhung, eine Steigerung hervorgebracht wird; benn 
jede Function des geiftigen tritt bald mehr hervor bald wie- 
ber zurüft, fo auch das religiös affieirt fein. In ſolchem ge— 
meinfchaftlihen Zufammenfein wird nun bag religiöfe Intereſſe 
erhöht werben müſſen. jene Theorie wird nun fagen, In 
Zamilienvereinen wird dies eher erreicht werden ald in großen 
Zufammenfünften zu feflgefezten Zeiten. Das ift wol wahr; 
aber betrachten wir das fortgehende Bewußtfein in ben hören- 
den und die Fertigkeit in den mittbeilenden: fo ift Dies ber 
Yunft von dem wir werben ausgehen müflen; denn weil bie 
Aeußerung der Krömmigfeit in den Familien nur von Momen- 
ten abhängt, fo werben alle auch eine Ordnung ihre religiöfen 
Gefühle zu erhöhen fuchen. 

Was bedeutet nun der Öffentliche Gottesdienſt? und 
wie fommt es daß er fo geftaltet iſt? Er ift ein Berein ber 
einzelnen, welcher eine chriftlihe Gemeine bildet und ber einen 
beſtimmten Ort einnimmt. Diefer hat alfo feinen anderen als 
einen religiöfen Zweff und Gehalt. Was ift unfer öffent: 
fiher Gottesdienft im VBerhältniß zum gefammten 
Leben? und was Im Berhältniß des einzelnen zum Chriften- 





— 70 — 


thum? Dieſe Vereinigungen zu einem rein religiöſen Zweit, 
die zu beſtimmten Zeiten wiederkehren, ſind Unterbrechungen des 
übrigen Lebens und ſtehen damit in relativem Gegenſaz. Die 
bürgerlihe und Gefhäfts-Thätigkeit if für dieſe Zeit gehemmt. 
Dergleihen Hemmungen finden wir mehr; wir finden ben Den- 
fhen abgefpannt vom Gefchäftsleben auch in anderen Vereini⸗ 
gungen als im öffentlichen Gottesdienſte. Das ift eine nega- 
tive Anficht, aber der Grund zu dem negativen iſt ein verfteft- 
tes pofitive. Im öffentlichen Gottesdienſt verfammeln füch bie 
Menfchen in größeren Maſſen; alfo werben wir auch Die Frage 
nach jener Achnlichfeit zu beantworten haben in Beziehung auf 
bie anderen Bereine von Menfchen in größeren Maffen, welde 
das Arbeits» und Gefhäfts-Leben unterbrehen. Wenn die 
Menſchen fih indem fie die Arbeit und das Gefchäft fiftiren 
in größeren Maſſen zu einer gemeinfchaftlihen Thätigfeit ver- 
einen, fo iſt das ein Kefl.*) Ein Feft behält nur feinen ei- 
gentlihen Charakter wenn ed aus dem Gemeingeift und ber 
geihichtlichen Urſache ein natürliches Erzeugniß if, ohne Ne 
benabfiht und ohne eine befondere Wirkung zu bezweffen. Da⸗ 
her find Volksfeſte nur da wirklich und lebendig mo 
fie von felbft aus dem Bolfe ausgehen; wo aber Re 
gierungen ſolche einfezen zu beſtimmtem erziehendem 
Zwekk, baverliert fih das lebendige. Daffelbe gilt für 
ben chriſtlichen Gottesdienft. Der Glaube ift das Princip des 
gemeinſchaftlichen; wo Dies noch nicht ift, fondern erft hervor: 
gebracht werben fol, da ift Fein Gottesdienſt. Die eigentlich 
probuctive Thätigfeit ift im Feſt fiftirt, eine andere erfezt fie. 
Diejenigen welche die Kirche für eine Lehranftalt anfehen, ant⸗ 
worten und, Die Thätigfeit bes Gottesdienſtes ift das Lehren. 
Darin würde Liegen daß die Analogie mit dem Feſte etwas 
gu geringes wäre; ung bieten ſich aber der Analogien bei biefer 
Bergleihung fo viele bar daß wir uns wol dabei aufhalten 
bürfen. Es iſt ein Hauptpunft daß die Thätigfeiten in ſolchen 





8. Bellagan A. 5. E. 


— 1 — 


Bereinigungen mehr ober weniger aus Kunftelementen zu- 
fammengefezt find; es ift die Rebe, der Gefang, und ähnliche 
Elemente. Daſſelbe findet in dem chriſtlichen Gottesdienft ftatt; 
Rede und Gefang find von Anfang an weſentliche Beftanbtheile 
deſſelben geweſen. Je mehr fih die hriftlihe Kirche entwikkelt 
bat, defto mehr haben ſich dieſe Elemente aus ber Kunft her⸗ 
ansgearbeitet; immer mehr find aud bie Berfammlungsdrter 
durh Kunſt verziert worden. Selbft wenn wir auf die Rede 
zurüffgehen und fagen, es fei ein Unterſchied zwifchen chrift- 
liher Rede und Schönrebnerei: fo wird Doch bei ber Theorie 
der hriftlichen Rede auf die Kunſt Rüffficht genommen. Dies 
fei die erfte pofitive Achnlichkeit. Der zweite Hauptpunft er- 
giebt fi) wenn wir fragen, Was foll durch ſolche Berei- 
nigung erreicht werden? Wir fönnen bie Frage rein em- 
piriſch aufftellen, Wann erfcheint fie als gelungen und wann 
mißlungen? Wenn die Menfhen dadurd ein erhöhetes Be— 
wußtfein gewonnen haben in der Beziehung die bei dem Gan- 
"zen vorberrfchend if: dann erfcheint ihnen die Sache als recht 
gelungen; ift aber nur eine Langeweile, verringertes Bewußt- 
fein, oder Erfchöpfung die Folge: dann erfcheint fie als miß- 
lungen, Die Gefchäftsthätigfeit geht allemal auf einen Effect 
aus der außer der Thätigkeit felbft Liegt. Das erhöhete De- 
wußtfein ift nichts anderes als die Thätigfeit ſelbſt. Wo biefe 
fehlt, ift die Wirkung nicht zu Stande gefommen; es ift nur ber 
äußere Apparat bagemefen. Anterfeheiden wir Diejenigen Thä- 
tigfeiten welche auf einen folhen Effect ausgehen und nennen 
fie wirffame, und die anderen barftellende, welde in fi 
ſelbſt ruhend doch gemeinfame find, aber in die Erſcheinung 
hinaustretenb nichts gemeinfames haben als das Äußere Er- 
feinen: fo Tiegt in dieſem fich mittheilenden Heraustreten und 
Erſcheinen der Thätigfeit das erhöhete Bewußtſein. Pier ha= 
ben wir alfo zwei Punkte gewonnen welde fich gegenfeitig auf 
einander beziehen und durch einander bedingt find. Alle Kunft 
hat in der Darftellung ihr Wefen, und alles was nichts an- 
deres fein will als Darftellung ift Kunſt. Beides laßt fih auf 


— 172 — 


den chriſtlichen Cultus anwenden. Wenn ein erhöhetes Be— 
wußtfein entflanden ift in Beziehung auf das Gebiet biefer 
Bereinigung, alfo ein erhöhetes religiöſes Bewußtfein: fo 
nennen wir ben Cultus vollendet; im Gegentheil unvollenbet. 
Der Zwekk wird erreicht durch dieſe darftellenden Kunftthätig- 
feiten, die ihrem Inhalte nach religiöfe find. Hat jemand eme 
Zeit Tang im Gefhäftsleben verfirt: fo ift er in dem Bewußt⸗ 
fein bloß menſchlicher Berhältnifie aufgegangen und bag reli- 
giöfe Bewußtſein ift zurüffgedrängt. Durd einzelne Momente, 
3. B. Gebete, fammelt fih der Menfh zum religiöfen Bewußt- 
fein; doch ift bag nur ein Fleines und er fühlt das Bebürfniß 
der Belebung und Erhöhung des Bewußtfeind, und bie giebt 
ber öffentlihe Eultus. Durch das Sichlosmachen von ber Ge— 
fhäftsthätigfeit in einer gewiffen Zeit wird das Bedürfniß be- 
friedigt. Diefer_Zeitraum wird nur religiös erfüllt durch die 
Darftellung des berrfchenden religiöfen Bewußtfeind. Die ganze 
Anficht finden wir beftätigt, wenn wir bie Differenz betrachten 
zwifchen dem öffentlihen Gottesdienft und anderen fefllichen 
Bereinen. Die Differenz liegt im religiöfen Charafter, bie 
Entftehung ift diefelbe. In der Gejchäftsthätigfeit ift das Selbft- 
bewußtfein des Menſchen zurüffgebräng, Der Menfh will 
immer ſich felbft bewußt fein, aber in der äußeren Thätigfeit 
fann er ed nit. Die Thätigfeit wird unterbroden und das 
Selbftbewußtfein frei gelaffen, das innerlihe will auch Außer- 
lich in bie Erfcheinung heraustreten. Für die religiöfe Potenz 
find die religiöfen Vereine, für bie finnliche Die übrigen gefel- 
ligen Vereinigungen. Beides darf fich nicht aus dem Kreife 
der Kunft entfernen, Wenn ganz uncultivirte Menfchen mit 
ber Zeit der Unterbrechung nichts anderes zu machen wilfen als 
bag fie fih in Ruhe verfezen, oder wenn bas Efien und Trin- 
fen darin bominirt: fo erfiheint Das als Mangel an Lebendig- 
keit. In dem Kreife bes religiöfen Bewußtfeins ift Diefer Man— 
gel eine Neigung dem Hinbrüten über religiöfe Gegenftände 
fih binzugeben; auch darin manifeftirt fih eine Schlaffheit. 
Das gefunde ift immer daß das innere ein äußeres werben 


_ 73 — 


will. Die ganze belebende Kraft beruht darauf, daß das be— 
lebende Princip als vorhanden vorausgefezt wird. Der öffent- 
liche Gotiesdienft ift eigentlich nur für die Menſchen bie reli- 
giös find; ebenfo wie die gefelligen Vereinigungen nur für 
Menſchen die ſchon fröblih find. Sp wie ein Menfch der nicht 
froͤhlich iſt auch nicht gern in folde Bereinigungen geht: fo 
wollen Menſchen die nicht religiös find auch nicht in den Öffent- 
lichen Gottesdienft geben, Das Heraustreten des feftlichen kann 
nur gefchehen durch Kunſt; wo etwas gemeinfchaftliches fein 
fol, muß ein Maaß und eine Ordnung fein, und dag ge- 
hört der Kunſt an. Unmittelbar kann das was bargeftellt fein 
fol nur von dem einzelnen ausgehen; jeder fann nur dag 
darftellen was in ihm iſt. Jeder ift ein anderer als ber an—⸗ 
dere, und vermöge dieſer Verſchiedenheit möchte man fagen, 
fei bie Darftellung des einen für den anderen nur eine Notiz 
die er bekommen; fo fei nicht abzufehen wie aus dieſer Notiz 
eine Erhöhung bes Bewußtfeind als Selbftbewußtfeing entftehen 
könme: vielmehr fei fie nur ein nothwendiges Element des Be— 
wußtfeing als objectiven. Die Schwierigfeit hebt fi) durch bie 
Borausfezung dag überall das eigenthümliche und gemeinfchaft- 
liche in einander fei und nirgend eine abfolute Trennung ſtatt⸗ 
finde. Diefe beftimmte Gemeinfchaftlichfeit ift nicht bloß an 
pfochifche Identität (3. B. der Sprade) gebunden, fondern in 
fo fern wir Religion in jedem Menſchen annehmen und Chri- 
ſtenthum eine beftimmte Korm ift, flehen die Chriften zu einan— 
der in einer relativ abgefchloffenen Gemeinfchaft; in einer eben 
folhen in engerer Befchränfung auch die evangelifchen Ehriften. 

Ohnerachtet wir nun folche beflimmte Differenzen der Ge— 
meinfchaftlichfeit aufgeftellt Haben und unfere Theorie von bie- 
fen ausgehen muß: fo müffen wir noch zugeſtehen daß bie 
Wirffamfeit des Cultus für verfehiebene einzelne verfchieben 
fein muß, weil bie Darftelung nicht in allen biefelbe ift. Dar- 
aus entfteht ein allgemeiner Kanon für bie Einrichtung des 
Cultus ganz im allgemeinen: nämlich in fo fern dieſe verfchie- 
bene Empfänglichfeit etwas ganz einzelnes ift, kann fie nicht 


— 74 — 


weiter beachtet werden, ſondern man muß die Ausgleichung dem 
einzelnen ſelbſt überlaffen; aber in fo fern dieſe mehr oder we= 
niger etwas weitergreifendes ift und auf allgemeinen Berbhält- 
niffen beruht welche nicht mehr innerhalb des religiöfen Ge— 
bietes liegen, fo entfteht Die Aufgabe diefes bei der Einrichtung 
des Eultus zu berüfffichtigen. Diefes ift der eigentlihe Begriff 
bes Auspruffes Popularität; was keineswegs eine Eigen- 
fhaft der Predigt allein ift, fondern des Eultus im allgemei- 
nen. Was ift damit gemeint? Eine jede Gemeine, und dar⸗ 
unter verftehen wir bier diejenigen die zu demfelben Cultus in 
der Ausübung vereinigt find, wird eine in biefer Beziehung 
ungleidhartige Maffe bilden, einige von größerer Empfänglich- 
feit, andere von geringerer. Und zwar müflen wir biefe in 
einem zwiefachen Sinne nehmen, erſtlich als religiöfe Empfäng- 
lichfeit, dann als Empfänglicgfeit für die Darftellung foweit 
fie unter die Regel der Kunft fällt. Der Cultus muß einge- 
richtet fein für die Mehrzahl, und bies ift das erfte Element 
im Begriff der Popularität, Nehmen wir nun eine geringere 
Empfänglihkeit an für das religiöfe Prineip: fo ſezen wir ei- 
nen unvollfiommenen Zuftand der Gemeine voraus; dazu has 
ben wir a priori fein Recht; aber gefezt auch wir wollten bie 
ungünftige Borausfezung machen: fo muß diefe geheilt werden 
außerhalb des Eultus, und das füllt in die Theorie der reli- 
giöfen Vorbildung, Katechetifl, Doch was die Empfänglichfeit 
für die Darftellung betrifft: fo müflen wir fagen, Diefe liegt 
an fich betrachtet auf einem anderen Gebiet, und mit einer hö— 
beren Bildung hängt auch eine größere Empfänglichkeit zuſam— 
men; wir haben alfo in diefer Beziehung einen hohen Grad 
von Empfänglichfeit nicht anzunehmen. Die Popularität 
ber Darftellung befteht alfo darin, daß fie auf einen 
niederen Grad der Empfänglichfeit berechnet if. So 
fönnte man aber fagen, man bedürfe gar feiner Theorie für 
ben Cultus, mit ber Popularität fei auch die Kunftlofigfeit fanc- 
tionirt. Aber wenn auch in ber Maffe eine noch fo geringe 
Empfänglichfeit für die Kunſt ift, fo bleibt noch übrig 1) daß 


— nn — 


es eine unbewußte Wirkung giebt, welche die darſtellende 
Mittheilung ausübt dadurch daß fie Kunſt iſt, worin ſchon liegt 
daß ihr Weſen in der Ordnung beſteht; 2) daß der geringe 
Grad von Empfänglichkeit für das kunſtgemäße doch als et⸗ 
was verfähwindendes muß angefehen werben; es liegt in der 
ganzen Gefchichte zu Tage, welche Wirfung das Ehriftenthum 
ausgeübt hat auch in die Maſſe dag Princip der Fortjchrei- 
tung in geifliger Bildung bineinzubringen. Alfo die Theorie 
it nothwendig. 

Der Zwekk des Cultus ift die darftellende Mit- 
theilung bes flärfer erregten religidfen Bewußt- 
ſeins. Was hat nun der Geiftlihe hier zu thbun? Im we— 
fentlihen bat er ed mit der Sprache zu thun, Aber wir fra- 
gen bier nicht nach dem wodurch er zu einem beflimmten Zweff 
eine befondere Wirfung hervorzubringen im Stande ift, fon- 
dern nach dem allgemeinen daß feine religiöfe Thätigfeit das 
Mittel fein fol Die religiöfe Thätigfeit aller anderen zu erhö- 
ben. Dies fällt in den Begriff der Kunft: denn diefe im en- 
geren Sinn ift au ohne eigentlichen Zwekk; fie ift mittheilende 
Darftellung und darftellende Mittheilung Wir fommen hier 
alfo auch in das Gebiet der Kunft, und koͤnnen es bier alfo 
auch mit einer Runftlehre zu thun haben. 

Fragen wir nun, Was find denn die wefentlichen Beftand- 
theile des Cultus: fo konnen wir uns die Frage nur fackifch 
beantworten, religiöfe Rede Gefang und Gebet. Daß 
noch anderes im Cultus vorkommt, wiffen wir. Wenn z. 2. 
unfere Kirchen mit Bildwerfen angefüllt find: fo bat unfer 
Cultus doch daran Theil; aber niemand wirb fie weſentlich 
nennen wollen. Ebenſo werben wir von ber vom Geſang un- 
terſchiedenen Mufif fagen müffen daß fie eben fo gut ‚fehlen 
als da fein kann. Da fommen wir nun gleih ſchon an den 
Drt wo bie Anfihten fih fpalten. Nämlich einige fagen, Der 
Cultus foll nur das wefentlihe haben; andere hingegen, Was 
einmal beftebt, fann wenn es nur ale das unmwefentliche erkannt 
und in bie rechten Grenzen zurüffgewiefen wirb, beibehalten 


— 16 — 


werben. Wenn wir das factifche eigentlich debuciren wollten, 
fo würden wir wol den driftlihen Cultus mit anderen ver- 
gleichen und bemerken können, daß im antifen Heidenthum und 
einigermaßen im Judenthum ber ganze Cultus in ſymboliſchen 
Handlungen befonders in Opfern beftand, Died Element fehlt 
nun dem hriftlihen ganz und foll ihm fehlen, wie bie Dogs 
matif ung zeigt. Das Gebet hingegen haben wir mit jenen 
Religionen gemein. Daß aber außerdem die Rebe ein Theil 
des chriftlihen Cultus ift, gründet fih eben auf die Dogmatif, 
dag namlich das Symbol der Opfer ergänzt worben ift durch 
das Wort. Das Gebet ift alfo das allergemeinfamfte Element, 
bie religiöfe Rede aber dag eigentlich chriftlihe, d. h. nur in 
Beziehung auf die evangelifche Kirche, denn in der Fatholifchen 
ift wieder eine Annäherung an die Idee des Opfers, und die 
religiöfe Rede tritt ganz in den Hintergrund, Der Sefang nun 
läßt fich nicht fo unmittelbar ale wefentlic begründet im Ehri- 
ftenthum denfen; wir muͤſſen ihn oder vielmehr die ihm unter- 
gelegten Worte als den poetifhen Theil des durch bie Sprache 
bargeftellten Wortes anſehen. Indem wir nun biebei behar— 
ren, feben wir alfo Daß ber Eultus aus lauter Kunftelementen 
zufammengefezt ifl. Hieraus können wir nun das allgemeinfte 
in dem Princip entwilfeln, bag der Cultus nämlich fei- 
nem Weſen nah das gemeinfame religidfe Leben ift. 
Es find alfo feine beiden Hauptbegriffe die Kunſt und bie 
Religion. *) Wir müffen alfo fagen, Es giebt einen Eultus 
nur fofern in der Mitiheilung bes religiöfen Lebens etwas vor⸗ 
fommen fann was feiner Natur nach Kunft if, und wieder nur 
in fo fern e8 im Gebiet der Kunft einen religiöfen Stil giebt. 
Der Eultus iſt aljo eine eigenthümliche Organifation fofern er 
aus Kunftelementen beflebt, Dies werden wir finden wenn 
wir bie zwei Sragen beantworten 1) Wie fann das religiöfe 
Gefühl an die Kunft fih anfnüpfen? und 2) In welchem Maaß 
verträgt was Kunft ift, das was ihr einen religiöfen Stil giebt? 


) S. Beilagen A. 6.7. B. 1-8. E. 


_ 77 — 


Es if offenbar daß bier das refigiöfe gleichfam der Stoff 
und das Ffünftlerifche die Form iſt. Bon ben beftimmten For- 
men wie fie in den einzelnen Theilen bes Qultus vorkommen, 
ift hier noch nicht bie Rede. Diefe hängen übrigens auch gar 
fehr von Zufälligfeiten ab. In der religiöfen Rebe ift offen- 
bar nur ber Stoff das religiöſe; das ift aber noch weit ent« 
fernt von der beflimmten Form ber Predigt, denn diefe ift fehr 
fhwer zu erklären und etwas fehr zufälliges, wie man ſchon 
daraus fieht wenn man bie Begriffe Homilie und Predigt auf 
einander rebuciren oder von einander feheiden will. 

Was nun ben Begriff der Kunſt betrifft: fo ift ber ei- 
gentlih der Grundbbegriff einer allgemeinen Wiffenfchaft, der 
Aeſthetik. Offenbar ift daß wir ung hier nicht eine ganze Aefthe- 
tif aufbauen fünnen, fondern es wäre erflärlid dag wir fie 
vorausfezten. Allein diefe Difeiplin ift noch ein in fich zerfal- 
lenes nicht ordentlich entwiffeltes Gebiet, und deshalb müflen 
wir uns entweber für die Aeſthetik dieſer oder jener philofo= 
phiſchen Schule erklären und fie vorausſezen, oder fuchen ung 
aus dem Streit herauszuhalten; denn etwas gemeinfames muß 
ed body geben, und wenn wir ung nur flar machen welchen 
Einfluß die Differenzen in der Aefthetif auf das befondere Ge- 
biet des Cultus haben fünnen, fo werben wir die Sache leicht 
aus dem richtigen Gefichtöpunft anfehen fönnen. Die Strei- 
tigfeiten auf dem Gebiet der Aeſthetik find wefentlich von zweier⸗ 
lei Art. Entweder nämlich gehören fie auf das empirifche Ge— 
biet und find Streitigfeiten über die einzelnen Kunftformen, 
oder fie find tranfcendental, Streitigfeiten über den Kunſtgrund, 
über den Drt den bie Kunft einnehmen foll auf dem Gebiet 
bes menfhlihen Wiſſens. Mit der erflen Art von Streit ha— 
ben wir es nun nicht zu thun, weil ung ein großer Theil ber 
einzelnen Kunftformen gar nichts angeht, Aber die andere Art 
fonnen wir nicht umgehen. Es fommt alfo darauf an, wie 
fhwer ober leicht es uns bier fein wird ung an etwas gege- 
benes zu halten und die Differenzen, die doch ins philofophi- 
ſche Gebiet gehören, liegen zu laſſen. 


— 78 — 


Das erſte was uns hier vorkommt iſt die Frage, In wie 
fern überhaupt im Cultus Kunſt fein ſoll ober niht? Auf 
ber einen Seite ıft offenbar daß das funftlofe immer das un= 
gebildete ift; denn bie Kunft beruht auf dem Maaß, und es 
ift die erfte Forderung der Wiffenfchaft, daß alled um vernünf- 
tig zu fein nicht chaotifch verworren fein darf. Auf ber ans 
deren Seite bat man wiederum gefagt, Im Gebiet ber religiö- 
fen Darftellung foll alles Natur fein; daß Fünftlerifhe fezt 
eine Vorbereitung voraus, wodurch das unmittelbar bewirkte 
verloren gebt; es ift eine Sade der Berechnung, nicht mehr 
der Ausftrömung bes wahren natürlihen. Der Schmerz z. B. 
ift jedem Menſchen etwas heiliges, am meiften in feinem un— 
mittelbaren Ausbruch. Es giebt etwas rohes das bie Heilig- 
feit zerftört, es ift Das aber nicht bag rohe das der Kunft fon 
bern das dem fittlihen entgegengefezt if. Wenn nun ba bie 
Kunft hinzutritt und einer in feinem Schmerz eine Elegie dich— 
tet: nun ba iſt e8 mit der Heiligfeit des Schmerzes nichts 
mehr. Ebenſo ift es mit ber religiöfen Erregtheit. Soll bie 
Kunft fih hereinmiſchen: fo ift Teicht zu befürchten daß fie nicht 
bloße Form bleibt, fondern zum Stoffe felber wird. Das tfl 
von jeher der Streit geweſen zwifchen dem großen Ganzen ber 
Kirhe und den einzelnen Parteien. Die große Kirche bat bie 
Kunft immer zugelaffen, die Heinen Parteien haben fih von 
ihe getrennt meift weil fie die Kunſt eben nicht wollten. Wir 
werben beide Dinge nicht trennen fönnen, fondern fagen müf- 
fen, Wollen wir Feine Kunft im Eultus: fo wollen wir auch 
feine große Kirche; und wollen wir eine große Kirche: fo müf- 
fen wir auch die Kunft im Cultus wollen. Die große Kirche 
nämlich kann nicht beftehn ohne eine allgemeine Aeußerung ber 
religiöfen Erregtheit. Diefe allgemeine Aeußerung aber bebt 
fchon die Unmittelbarfeit der religiöfen Erregtheit alfo auch das 
gänzlich Funftlofe auf, Das Ganze muß fi aber auf die Si- 
cherheit gründen, bag religiöfes Leben ba fei in foldem 
Grabe daß es eben ein Ausftrömen aus dem erfüllten in das 
weniger erfüllte geben fann, Dieſes aber kann nichts momen- 


— 70 — 


tanes ſein und alſo muß auch die Ueberlegung ſchon dazwiſchen 
treten; daher muß es auch etwas Fünftlerifches darin geben. 
Anders die Sache angefehen gelangen wir zu dem äußerſt fa= 
natifhen. Will man nämlich die Reflexion (denn das ift die 
Kunft in der Rede) ausfchließen: fo dürfte Die Rede felbft nicht 
mehr zum Eultus gehören, und dieſer fih nur auf unarticufirte 
Laute und Bewegungen befchränfen. Das fchließt aber bie 
Schrift fhon aus indem fie eine vernünftige Mittheilung durch 
die Sprade verlangt und fomit felbft das Fünftlerifche fezt. 
Die Sache hat noch eine andere Seite. Betrachten wir näm- 
ih die katholiſche Kirche: fo finden wir ben wefentlichften Theil 
des Cultus allerdings durch die Sprache bedingt, die Sprache 
iR aber eine fremde, Es fönnte nun zwar ein beutfcher Ka— 
tholik die Meſſe in einer deutfchen Ueberfezung vor fi haben 
während ber Meſſe oder zu Haufe. Aber da ift es doch nicht 
die Sprache, die die Gemeinfchaft des Cultus bildet, eben weil 
fie nicht unmittelbar aufgenommen wird, Das ift es nun eben 
was wir perborrefeiren; wir konnen alfo die Sprache und mit 
ihr die Fünftlerifche Form um fo weniger ausſchließen. Dage- 
gen ift freilich das richtig, daß die Kunft hier niemals 
mug für fi felber wirken wollen, fondern fie fol nur 
die Form fein unter welder die veligiöfe Erregtheit ſich dar⸗ 
Reit. Dies führt und nun auf die Frage, In wie fern bildet 
die religiöfe Kunft ein befonderes Gebiet, unterfchieden von 
dem Gebiet der weltlihen Kunſt? Die Kunft muß nämlich 
nur dienen wollen, aber nie ein inneres Gebiet haben follen;z 
und das ift auch die Seite der Wahrheit an jener Oppofition 
gegen bas Fünftlerifche im Eultus. Gehen wir auf das zurüff 
wovon wir fahen bag wir es benen zugeben müffen bie eigent- 
lich alle Kunft aus dem Cultus verbannen wollen, nämlih daß 
bie Kunft nicht dürfe um ihrer felbft willen bafein wollen: fo 
ift das etwas wozu wir eine paflende Bezeichnung bei ben Al— 
ten finden; bie nannten dies bag epibeiktifhe; eg war bei 
ihnen ein eigenes beſtehendes. Der eigenthümlihe Charakter 
davon ift daß bie Meifterfchaft in ber Behandlung der Ele- 


— 9 — 


mente dabei die Hauptfache if. Diefe Gattung nun iſt ausge⸗ 
fchloffen aus dem religiöfen Kunftgebiet oder dem religiöfen 
Stil.*) Damit ift aber nur Eine Grenze gezogen; Tönnten 
wir noch eine entgegengefezte ziehen, fo würden wir etwas nä- 
beres befiimmt haben. Diejenigen Künfte auf die es im Cul- 
tus wefentlih ankommt, find nur die redenden Künfte und Die 
Mufit. Diefe haben wir ſchon als wefentlihe bezeichnet, alle 
anderen als begleitende angefehen. Es fragt fih, ob wir es 
hier nicht verfuchen können bies im Begriff aufzufaffen. Ge- 
Schichtlich nachmweifen fünnen wir daß eg nicht bei allen Ge— 
meinfchaften fo gemwefen ift, daß ber Ausdrukk durd die Rebe 
und die Töne Hauptfache gewefen. Viele religiöfe Gemein- 
fhaften haben beftanden in fombolifhen Handlungen, wo Das 
Wort als Nebenfahe erfchien, als Erplication oder Ergänzung. 
Das findet fih im Haflifchen Altertum und im jüdifhen Got- 
tesbienft. Im Heidenthbum waren die Opfer und Iswotas die 
eigentlichen Gottesdienfte, Was wir dabei ale Kunſt hervor- 
tretend finden, war nichts anderes als die Darftellung ber Gott⸗ 
beit felbft in der Sculptur. In den Menſchen bie den Cultus 
verrichteten, trat das mimifhe als Kunftform hervor. Die 
Redefunft wie die Hymnif war eine Nebenfache, geſchichtliche 
Ergänzung. Im jüdifchen Gottesdienft war auch das wefent- 
lihe die Dpfer; was in den Synagogen gefhah, war nicht 
wefentliher Gottesdienſt, auf Feine Weife im Gefez vorgeſchrie— 
ben. Die öffentlihen Gebete bei ben Opfern waren nur Er- 
plicationen derfelben. Was buch den Gottesdienſt bezwelft 
wurde, wurbe durch die Opfer ausgebrüfft. Zu beiden bilden 
wir mit unferem Cultus den reinen Gegenfaz, und er ruht dar⸗ 
auf, daß im Chriftenthum das Wort das übermwiegeude ift, weil 
der chriſtliche Gottesdienſt ein geiftiger ift und ber Geift fi 
unmittelbar nur durch das Wort verftändlih madht. Wo fym- 
bolifhe Handlungen hervortreten, ift auch das finnlihe vor⸗ 
herrſchend über das geiftige. Bon der Mufif müſſen wir ſa— 


*) ©. Beilage A. 15. 


— 81 — 


gen, daß fie ihren Ort im chriſtlichen Gottesdienft nur hat nicht 
an und für fi fondern urfprünglich in der Form bes Gefan- 
ges, welches der Bortrag ber zur Poefie gefteigerten Rede tft. 
Wir fünnen cd auch begreifen daß dies mit ber ganzen geifti- 
gen Tendenz bed Chriſtenthums zufammenhängt, und ein Her⸗ 
vortreten des fpmbolifchen eine Approrimation an Judentum 
und Heidenthum if. Dies ift nun eine evangelifhe An- 
ſicht; für ung ift im Ffatholifchen Cultus ein ſolches Hervor⸗ 
treten der fombolifhen Handlung, und wir ſehen ein wie es 
Aneignung und Uebertragung des jüdifhen und heibnifchen in 
das chriftliche urfprünglich gewefen if. In der Fatholifchen 
Kirche wird das freilich nicht zugegeben; dieſe fagt, wir wären 
in dem einen Extrem begriffen, wie Judenthum und Heidenthum 
in dem anderen. Dies zu unterfuchen Liegt außer unferem Ge— 
biet. Für uns verhält es ſich klar fo wie wir ed angegeben, 
wir fünnen es gefchichtlih nachweiſen und auch begreifen. 
Das Bemwußtfein fann einem anderen mitgetheilt werben 
buch die Rede, ebenfo durch Bewegungen und Geberben. In 
fo fern nun das religiöfe Bewußtfein in mir Gedanke if, 
und ich mir im Denken meiner bewußt bin: fo fann ich es nur 
mittheilen durch die Rede; ift es als Gefühl in mir: fo fann 
und muß ich es durch Bewegung und Geberbe ausbrüffen, 
Das Hare und einfache Liegt in ber Rede; aber, um fo zu fa= 
gen, das anfteffende in ber Mittheilung ift die Bewegung. 
Die Meittheilung durch die Rede ift dagegen mehr beclarato- 
riſch; fie geht in das zweite Moment über wenn bie Rebe zu= 
gleich au Bewegung if. Der Gebanfe muß zugleich ald Be⸗ 
wegung an mich gefommen fein, wenn er in mir Bewegung 
fein fol. Denfen wir uns diefe beiden Methoden der Mit- 
theilung ganz von einander ifolirt: fo wird bie Rede an ſich 
blog ein Wiffen um den Zuftand des redenden hervorbrin- 
gen; denfen wir und das andere: fo wirb bas anregende eine 
Bewegung hervorbringen, doch ift der Inhalt noch nicht be— 
ſtimmt. Die Mittheilung durch den Inhalt der Rede wird 
dies ergänzen. Fragen wir, ob es noch andere religiöfe Mit 
VYraitiſche Theologic. I, 6 


— 2 — 


tbeifungen giebt als biefe Formen: fo werben wir es vernei- 
nen müffen, da das Bemwußtfein auf feine andere Weife auf 
ein anderes übertragen werben kann. Die Rebe if die Mit- 
theilung bes objectiven Bewußtfeind, dagegen bie Bewe— 
gung die des fubjectiven: denn man ift fih in biefer nur 
feiner Richtung bewußt. Außer diefen beiden kann es Fein 
anderes geben. 

Die Rede ift das was wir vorzüglih ind Auge faflen 
müffen. Nun fragt fi, ob wir auch eine entgegengefezte Grenze 
ziehen fönnen zu ber vorher angegebenen, daß alles epibeifti- 
fhe aus dem religiöfen Gebiet ausgefchloffen if. Wir finden 
im Gemeinleben hie und da Anwendungen ber Kunft im Ge- 
biet der Rede, wobei im Gegenfaz gegen jenes epibeiftifche Die 
Kunft als bloßes Mittel erfiheint, fo wie in der Grammatik 
die versus memoriales, die nur die Form der Poefie enthal- 
tend als Mittel zum Gedächtniß dienen. Verhält es ſich mit 
der Kunft der Rebe im religiöfen Gebiet eben fo zu einem an- 
berweitigen beſtimmten Zwekk? Nein, denn es giebt hier fei- 
nen anderweitigen Zwekk, und ba ift wieder ein Gebiet das 
wir ausſchließen. Das Ffünftlerifhe ift auf unferem Gebiet 
durchaus nicht als Znidessıs; es foll nicht im einzelnen darauf 
ankommen feine perfönliche Meifterfchaft zu zeigen, es fol aber 
aud nicht ein Mittel zu einem anderweitigen Zwekk fein: es 
ift nichts anderes als der natürlihe Ausdruff, der nah Maaß- 
gabe des Berhältniffes zwifchen dem ber darftellt und benen 
für die Dargeftellt wird, verfchiedenartig gefteigert fein kann. 
Alfo innerhalb diefes religiöfen Kunftgebietes Tiegt nur der re= 
ligiöfe Stil und die religiöfen Formeln. 

Wir haben nun ein zwiefaches Gefchäft, die verfchiedenen 
Sormen bie im Gultus vorkommen zu beflimmen und bie Re— 
geln für ihre Behandlung zu geben, und das Gebiet zu be- 
fimmen aus welchem für dieſe Formen die Darftellungsmittel 
bergenommen werben. Das erfte ift ein organifches Ge- 
Ihäft, das Tezte ein elementarifhes; und liegt es in ber 
Natur der Sache, daß wir das elementarifche voranfchiffen, 


— 883 — 


S 


1) Die Elemente des Eultus. 


Es fragt fih nun, Was find im Gebiet der redenden Künfte 
an ſich betrachtet die Elemente und die Darftellungsmittel im Eul- 
tus? Das Darftellungsmittel im allgemeinen ift die Sprade; 
die erfcheint unter ben beiden Formen der gefprodenen 
Rede und der gefungenen Poefie. Geſprochene Poefie 
fommt niht vor, wäre auch etwas unnatürlihes; gefun- 
gene Rede haben wir nocd leider bie und da, wird aber 
nicht als vollfommen erfcheinen. Es ift befannt daß Gefang 
von gleicher ntenfion in einem weiteren Raum vernommen 
werden fann als die gefprocdhene Rede. Wenn ber Raum 
durch die gefprochene Rede nicht ausgefüllt wird, muß man 
feine Zuflucht zur gefungenen nehmen; dies Verhältniß eri- 
firt aber bei und nicht, und wo es eriftirt, müßte die Loca— 
fität abgeändert werden, und ift baber bie gefungene Rede bei 
ung überflüffig., Das ift das allgemeine. Nun fragt fi, Giebt 
es in der Sprade und im Umfang der Töne ber fingenden 
Stimme Elemente die dur den Eharafter des religiöfen aus- 
gefchloffen find? Dabei können wir einen doppelten Weg ein- 
fhlagen, einen empirifhen und einen fpeculativen. *) Wir 
fönnten den Inbegriff der Elemente nach einander vornehmen 
und fucher ob etwas daran ift was fi für dag religiöfe nicht 
eignet, und was übrig bleibt zufammennehmen; oder fpeculativ 
verfahren, indem wir fragen, ob es Gründe giebt die einen 
Gegenfaz zwiſchen religiöfen und nichtreligiöfen in den einzel- 
nen Elementen poftuliren? Jedes für fih wäre einfeitig, weil 
wir bie Efemente felbft nicht begriffsmäßig conſtruiren können, 
wird find auf einem empirifchen Gebiet eo ipso. Andererſeits 
würden wir fein Urtheil haben, fondern nur ein bloßes Ge- 
fühl ausfprechen fünnen, das nicht von allen würde anerkannt 
werben, wollten wir aufs Gerathbewohl fragen, Giebt e8 be- 
fondere Elemente in der Sprade die für das religiöfe eine 


S. Beilage B. 6. 
6* 


— 4 — 


Angemeffenheit haben, und andere die feine haben? Es fragt 
ſich zuerſt, Was ift eigentlich in Beziehung auf die Kunft das 
Clement in der Sprade und im Gefange? Können wir fagen, 
daß im Geſang der Ton das Element ift, in einem foldhen 
Sinne daß einige Töne in das Runftgebiet gehören und andere 
nicht? Niemand kann dies behaupten: benn es giebt ein Ma- 
simum ber Tiefe und Höhe, wo der Ton aufhört bie Beihaf- 
fenheit des gemeffenen zu haben die den Gefang madt, und 
dag ift die Naturgrenze bes Begriffes jelber; was innerhalb 
diefes Umfanges ift, fann Element fein, Deswegen werben 
wir fagen, Was wir als mufifalifhes Element anfehen 
müffen, ift nit der Ton fondern das Intervall; wie in ber 
Sprache der Buchſtab und die Silbe aud fein Element if, 
fondern nur dag Wort für die Kunft der Rebe durch feine 
Bedeutung. Fragen wir nun, Können in der religiöfen 
Mufit alle Intervalle und in der religiöjen Rede alle Wörter 
vorkommen: fo werden wir das nicht unbedingt beijahen. Wir 
werden das Gefühl haben, es giebt Intervalle die in anderen 
Gebieten vorfommen können, in der religiöfen Muſik nicht; wie 
fehr große Sprünge aus der Höhe in die Tiefe und umgefehrt. 
Daſſelbe Gefühl haben wir über die Wörter; da müflen wir 
Differenzen ftatuiren und die Gründe dazu auffuchen. In gro— 
fen Sprüngen der Stimme liegt etwas epideiktifched, es wird 
badurh die Aufmerkfamfeit abgelenft auf den Umfang der 
Stimme und auf die Schwierigfeit, Die größer ift mit genauer 
Seftigfeit in den Tönen überzufpringen. In Beziehung auf die 
Wörter ftellen wir bie Frage fo, Giebt ed Wörter die ale 
folde ſchon einen epibeiktifhen Charakter an fih haben; find 
biefe auszuſchließen? Es giebt Wörter die durch ihre Selten- 
heit epibeiftifch find, die nicht alle kennen. Jedoch da iſt noch 
vieles andere auszuſchließen. Nun ift nicht alle Behandlung 
ber Sprache fünftleriih und es giebt noch andere Sprachge- 
biete: da müffen wir erft das Fünftlerifche beftimmen. Dem 
fünftlerifchen ift entgegen einerfeits das wiſſenſchaftliche, ande- 
rerfeitd das Gebiet bes gemeinen Lebens, bes allgemeinen Ge⸗ 


— 85 — 


brauches ber Sprache zu andermwärtigem Zwekk. Sofern Aus- 
brüffe einem dieſer beiden Gebiete angehören, können fie dem 
Kunftgebiete nicht angehören. *) Das ift Teicht aufzufaflen, 
Das wiffenfhaftlie termini im Kunftgebiet feinen Plaz haben, 
it Marz die Sprache bed gemeinen Lebens kann in gewilfe 
Kunftgebiete aufgenommen werben fofern das gemeine Leben 
barin dargeftellt wird; aber davon abgefehen, wird jeder fagen 
müffen, daß was feiner Natur nad in das Gefchäftsgebiet ge— 
hört, nicht in das Kunfigebiet gehört. Es leuchtet ein daß 
zwifchen allen drei Gebieten viel gemeinfchaftliches bleibt, und 
die Anwendung ergiebt fih von felbft. 

Wir haben gefehen, wie es in den Darftellungsmitteln 
Elemente giebt die aus dem Kunftgebiet ganz augsgefchloffen 
find: giebt ed nun auch Elemente die in das Kunftgebiet im 
allgemeinen gehören, aber aus dem religiöfen auszufhließen 
find? Wir werden biefe Frage beiahen müffen. Es giebt ein 
Kunſtgebiet das theils für fich befteht theils in anderen unter⸗ 
georbneten vorfommt, und bas wir durch den Namen bes ko— 
mifhen und parodifchen bezeichnen; und dies kann im reli- 
giöfen auch nicht auf untergeorbnete Weife vorfommen. Warum 
das religiöfe dies nicht zuläßt, fönnen wir hier ſchon einfehen, 
Nämlich das religiöfe als Darftellung fann ed nur zu thun 
haben mit den menfchlichen Dingen in ihrer Beziehung auf 
Gott; alles fomifhe und parobifhe aber betrachtet die Einzel- 
heit an und für fi, hat das verfehrte zu feinem Gegenſtande. 
Alle menfchlihen Unvollfommenheiten vertragen eine komiſche 
Darftellung, felbft die welche tragifch erfcheinen; aber eine ſolche 
Darftellung ift nie eine religiöfe: baffelbe was für fich betrach— 
tet komiſch werden fann, ift in Beziehung auf Gott immer ein 
Gegenftand des Mitleids. Sp wie das Innere das durch das 
Gottesbemwußtfein bewegt ift den abfoluten Ernft in fi 
fließt: fo if das Gegentheil das abfolute Spiel, bad Zus 
rüffgehn auf den äußeren Schein. Hier haben wir eine ele- 


*) ©. Beilage A. 8. 


— 86 — 


mentarifche Grenze, und wir werben fagen, Alle Kunſtelemente 
die dem fomifchen angehören, müffen aus den veligiöfen Dar- 
ftellungsmitteln ausgefchloffen fein. Dies wirb und noch etwas 
weiter führen; wir werben in Bezug auf die Sprache fagen, 
daß es etwas giebt das an fih nicht Fomifch iſt, aber in ber 
Kunftdarftellung fomifch wird, das gemeine niedrige, das nur 
bargeftellt wird um einen Gegenfaz hervorzurufen. Das alfo 
was in einem ausfchließlichen Sinne in der Sprade niedrig 
ift, ift aus der religiöfen Sprache auszufchließen. 

Wenn wir alfo die Spradhe als Darftellungsmitiel an- 
feben: fo werben wir fagen, Wenn auf der einen Seite alle 
wiftenfchaftlihe und Gefchäfts- Terminologie, und auf ber ans 
dern alles komiſche und niedrige auszufchließen iſt, fo wird 
alles übrige vorkommen fönnen, wenn ed nur auf bie rechte 
Art und Weife geſchieht. Diefe Art und Weife liegt eben in 
der Sompofition der Elemente, und da fragt fih, In wie 
fern giebt e8 eine eigenthümliche religiöſe Compofition ober 
Stil in der Kunft? Diefe Frage werben wir einerfeitd ge- 
neigt fein zu befaben, andererfeitd zu verneinen., Es wird fid 
etwas barftellen was fih vom religiöfen unterfcheidet, und wir 
werben finden daß es fihwer ift manches augzufchließen das 
bem Stil nah vom religiöfen nicht zu unterfcheiden iſt. Wir 
müffen vom Begriff der Eompofition ausgehen. Diefer beruht 
auf dem Gegenfaz von Einheit und Bielheit und der Ber- 
mittlung bderfelben. *) Jedes Kunftwerk hat fein Wefen in 
einer gewiflen Einheit, fein Dafein und feine Erfcheinung in 
einer Vielheit; eins ift nicht ohne bag andere. Die Art und 
Weife wie eins fih zum anderen verhält, ift das wodurch ſich 
bie verfchiedenen Gattungen unterfcheiden. Sehen wir auf 
beides, die Einheit des Weſens und die Vielheit der Erfchei- 
nung, fo können wir feine andere Differenz benfen ale, es zeigt 
fih die Möglichkeit eines zwiefachen Uebergewichts: es ift bie 
Einheit der Vielheit unterworfen, oder umgefehrt. Dies if in 


) ©. Beilagen A. 10. B. 7. 


— 87 — 


einer gewiffen Analogie mit einem früher berührten Punkt. 
Ueberall wo bie Kunft epideiktifch ift, ift die Einheit der Biel- 
heit untergeorbnet; bie in der Erfcheinung Tiegende Meifter- 
haft kam fih nur zeigen in ber Bollfommenheit der einzelnen 
Elemente und ihrer Verbindung. Nur vom Begriff der Reli- 
gion aus haben wir gefehen daß alles epideiktifche aus ber 
seligiöfen Kunft muß auegefchloffen fein. Wenn in der relis 
giöfen Eompofition die Einheit der Vielheit untergeorbnet wäre, 
fo wäre fie dem epibeiftifchen verwandt; fie ift daher aufzu- 
fahen in der entgegengefezten Form. Indem bie religiöfe Dar- 
Rellung alle menſchlichen Berhältniffe nur behandeln fann in 
Beziehung auf Gott, Tiegt überall die Beziehung auf Die abfo- 
Inte Einheit zum Grunde, und die ift wefentlich hier das bo- 
minirende, fo daß die Bielheit fich hier durchaus nur als Dar- 
Rellungsmittel verhält, Das unmittelbar darzuftellende Fönnen 
nur fein religiöfe Zuftände; dieſe find eine Mannigfaltigfeit; 
aber jeder einzelne religiöfe Zuftand kann nicht eigentlich ein 
in ſich abgefchloffener Gegenftand der Darftellung fein, weil er 
den entgegengefezten hervorruft: er ift in feiner Einzelheit nur 
Darftellungsmittel. Das Berhälmiß des menſchlichen zu dem 
göttlihen Fann fi nie manifeftiren in einer einzelnen Junction 
bes Menfchen, fondern nur in der Xotalitätz alles einzelne 
muß auf dieſe zurüffgeführt werden, und ift an fih nichts für 
die religiöfe Darftellung; 3. B. die Neue, die eine Unzufrie- 
denheit des Menfchen mit fich felber ausbrüfft, eine Hemmung 
des Lebens, und die Danfbarfeit andererfeits, welche der Aus— 
druff eines beförberten. Lebens if, Kann die Reue eigentlich 
ein religiöfer Zuftand fein? Wenn fie nicht zurüffgeht auf das 
Bewußtfein von der Gemeinfchaft mit Gott: fo wäre fie ber 
Ausbruch einer Gemuͤthsſtimmuug vor allem veligiöfen; wenn 
fie um ein religiöfer Gegenſtand zu fein das entgegengefezte 
hervorruft: fo ift fie nur in Verbindung mit biefem, nicht an 
fih Die eigentliche veligiöfe Darſtellung. So fann bie Danf- 
barfeit für religiöfe Wohlthaten Fein eigentlicher veligiöfer Zu- 
fand fein, wenn fie nicht verbunden if mit dem Bewußtſein 


— 88 — 


der Unangemeſſenheit des Menſchen für die göttlichen Wohl- 
thaten. Wenn bag nicht wäre, fo wäre fie nicht ber Ausſpruch 
von der Einheit bes religiöfen Lebens felber, und in einer fol- 
hen Dankbarkeit würde noch das finnlihe dominiren. Beide 
fönnen fih nun verhalten wie bie entgegengefezten Verhältniſſe 
ber religiöfen Elemente. Läßt fih nun das religiöfe als ein 
Gegenftand behandeln? Die Idee der Gottheit ift ber erſte, 
aber diefe an fih ift gar fein darftellbarer Gegenfland; ein 
Menſch ift religiös wenn dieſe äußerlich nicht barftellbare Idee 
in feinem Bewußtfein conftitutiv ift, und dieſes ſich als eine 
Ausfage bes lebendigen Verhältniſſes des Menfchen zu biefer 
Idee zu erfennen giebt. Dann wäre alfo dieſes Verhaältniß 
der Gegenftand. Aber das Berhältniß fann immer nur an ei- 
nem anderen bargeftellt werben, an einem gewiffen Zuflande 
worin fih der Menfch befindet ; tritt in diefen die Idee ber 
Gottheit hinein, fo ift ber Zuftand religiös, Das läßt fi) durch 
alle verfchiedene Bunctionen durchführen. Das gegenftändliche 
iſt alfo dasjenige woran bie Religion erfcheint, Giebt ed nun 
irgend etwas gegenfländliches im menfchlichen Leben, woran bie 
Religion nicht erfcheinen Fönnte? Nein; es giebt nichts ge- 
genftändliches in den Gebieten der Kunft, in fo fern fie menſch— 
lihe Darftellung ift, mas nicht fünnte in die religiöfe Darftel- 
lung eingeben. So ift das religiöfe Gebiet in den verfchie= 
denen Künften nicht eine befondere Gattung. Damit wollen 
wir nicht laͤugnen daß es nicht ein folches gegenftändliche auf 
biefen Gebieten gäbe, woran das religiöfe flärfer und woran 
es ſchwächer erfheinen kann. Giebt es denn nichts was durch— 
aus ſeiner Natur nach dem religioͤfen widerſpräche? Einmal 
ſehen wir es als eine beſtimmte Eigenthümlichkeit des Men— 
ſchen an, daß das Verhältniß zum höchſten Weſen in ihm ge— 
fezt ift, was wir dem thierifchen Leben abfprechen; giebt es 
nun in bem Menfchen etwas rein animalifhes: fo ift dag für 
bie Religion Fein Gegenftand; doch foll das animalifhe im 
Menſchen nie den Moment ganz allein ausfüllen, weil ein bloß 
animalifher Moment die Continuität bes geiftigen Lebens zer- 


— 89 — 


ſtört. Das zweite iſt, wir ſezen etwas im Menſchen als einen 
rein realen Widerſpruch gegen Gott, das iſt das böſe; wie iſt 
ed damit? Niemand wird ſagen können dag die Darſtellung 
der Reue etwas unreligiöfes fei, und ohne böfes giebt es feine 
Rene; das böfe wird ba ale etwas vergangenes gefest. Den- 
fen wir und den Zuftand der Verſuchung: fo ift auch der für 
eine religiöfe Darftellung da, es ift bie religiöfe Beziehung für 
das böfe der Zukunft. Das böfe als reine Gegenwart müßte 
ganz ausgefchloffen fein aus dem Gebiete ber religiöfen Dar- 
fkellung, wenn etwas nämlich Gegenwart fein könnte ohne zu- 
gleich Zufunft und Vergangenheit zu fein, und wenn das böfe 
den Moment ganz ausfüllen könnte. Je mehr alfo in den bö- 
fen Handlungen die Reue mitgefezt ift, deſto mehr ift es Ge— 
genftand der religiöfen Darftellung; je mehr Berfuchung und 
das böfe erjcheint als überrafchend: befto weniger Gegenftand 
ber religiöfen Darftellung. Können wir beides nicht anders 
als fo denken: fo ift nichts für die religiöfe Darftellung ganz 
ausgefchloffen. Daraus folgt, weil die religiöfe Darftellung 
an allem gegenftändlichen fein kann, Fann fie auch Feine eigene 
Gattung bilden. 

Das gegenüberfiehende Gebiet, wo die Vielheit dominirt, 
die Einheit untergeordnet ift, beſchränkt fih nicht bloß auf jenes 
epideiftifche, fondern verbreitet fi) weiter; aber ebenfo können 
wir fagen, daß die Compofition worin die BVielheit der Einheit 
untergeordnet ift, nicht die religiöfe allein ift, ſondern dieſer 
Charakter fih aud außerhalb bes religiöfen Gebietes finden 
wird; unb es wirb in fofern fchwer fein aus biefer Gefammt- 
heit das eigenthümliche des religiöfen in Beziehung auf bie 
Sompofition auszufheiden. Hier haben wir einen reinen Ge— 
genfaz gefunden und find auf zwei verfchiedene Formen ber 
Compofition gefommen, Bei den Alten finden wir im Gebiet 
ber Rede eine andere Konftruction, welche wir hier vergleichen 
wollen, Da finden wir eine Triplicität aufgeftellt, einen hö— 
heren Stil, einen mittleren, und einen niederen. *) So führt 


) ©. Beilage B. 10f. 


— 90 — 


Dionyfius in feiner z&yyn die Sadhe aus, und er ift ber 
Repräfentant der ganzen Kunftanficht des Altertfums, In an- 
deren Künften finden wir bei den Alten eine ähnliche Triplici- 
tät; in ben bildenden Künften 3. B. den firengen Stil, ben 
fhönen und anmuthigen, und ben weichen zerfloffenen. Wie 
verhält fih nun dieſe Triplieität gegen einander und zu unferer 
Duplicität? Dionyfius führt feine Triplieität durch in Be— 
zug auf den mufifalifhen Theil der Rede auf den Numerus 
und die Berfnüpfung der Raute, Wenn wir hierauf feben: fo 
werben wir fagen, Der hohe Stil und der gemeine werben 
beide in der religiöfen Rede nicht Dominirend fein, fondern ber 
mittlere, aber weit mehr mit einer Hinneigung zu dem niede- 
ren als zu dem höheren. Dffenbar ift daß fih die andere 
Triplieität auch auf die redenden Künfte anwenden läßt, daß 
ed auch hier eine Weiche und eine Strenge giebt, und fo come 
plicirt fh die Anmuth und Schönheit in der Mitte von ſelbſt. 
Wie wird bier die religiöfe Compofition zu ſtehen fommen? 
Die Weiche kann nicht angemefien fein, die müffen wir aus- 
fhließen, wogegen die Strenge wegen des firengen Charaftere 
und weil die Bielheit der Einheit untergeordnet ift natürlich 
erſcheint; aber Teinegwegs werben wir das anmuthige aue- 
ſchließen. Alfo haben wir das erfte und zweite aufzunehmen; 
bei dem erften das zweite und dritte, und nun werben wir fa 
gen können, worin beides begründet if. In der rhetorifchen 
Zriplieität ift der hohe Stil nur für Diejenigen ba bie ein voll- 
fommen auggebildetes Ohr haben; für alle die es nicht haben 
geht die Birtuofität und Vollkommenheit deffelben verloren: er 
beftebt in der Granbiofität der Lautverfnüpfung, die religiöfe 
Rede hat es mit dem Volk zu thun, und bei dem läßt fih ein 
fo ausgebildetes Ohr nicht vorausſezen. Die Darftellung fol 
ein Ausdruff des gemeinfamen Lebens fein zwifchen dem Neb- 
ner und dem Zuhörer; ber Redner foll Die Zuhörer alle im 
Sinn haben, und daher ift diefer höhere Stil nicht der rechte 
für die religiöfe Rebe; nur auf untergeordnete Weife wirb er 
vorkommen koͤnnen. Die Entſcheidung auf ber anderen Seite 


— 1 — 


muß von einem anderen Motiv ausgeben, von der Unterord⸗ 
nung der Bielheit unter die Einheit. Im weichen zerfloffenen 
Stil iſt die Vielheit das bominirende, da will ein jedes etwas 
für fi) fein, unb das iſt die Weichlichfeit des Stils; fie kann 
auf dem religiöten Gebiet nur eine Ausartung fein, was fie 
freifich nicht überall if. Indem in dem religiöfen aufs ftrengfte 
bie Bielheit der Einheit untergeordnet ift, ift der firenge Stil 
der natürlihe auf bem Gebiet der religiöfen Rede, und von 
diefem Grunddarafter aus werben wir fagen, daß aller Schmuff 
fofern er fih dem weichlichen nähert, ihr durchaus fremd fein 
muß. Es ift dabei nicht nöthig daß der firenge Stil fi der 
Ausartung in das raube unvollfommene nähere; wir müffen 
ihn denfen in ber Annäherung an das fchöne anmuthige, durch⸗ 
aus aber entfernt halten von dem weichlichen, Died wird im- 
mer in der religiöfen Rede als das fügliche fentimentale, in 
bie gefellige Srivolität übergehenbe erfcheinen. Beides erjcheint 
in beſtimmtem Gegenfaz gegen den eigentlihen Grundcharakter. 
Hier werben wir eine mwefentlich beflimmte Begrenzung gefun- 
ben haben. Dies führt ung zurüff auf einen Unterſchied den 
wir ſchon aufgenommen haben und ber hier fih uns beitimm- 
ter aufbrängt, zwifchen dem in ber Darftellung was wefent- 
licher Beſtandtheil derfelben if, und dem was nur Darftellungs- 
mittel ifl. *) DBerfolgen wir diefen Gegenfaz in feinem Um— 
fang, und betrachten wir bie Sprache als ein ganzes für fi: 
fo werden wir fagen, Das Wort ift eigentlich allein wahres 
Element, die artienlirten Töne find nur Darftellungsmittel, ge- 
ben in die Einheit des Wortes, in deſſen Bedeutung nicht auf 
eine bewußte Weife ein. Geben wir auf das Denken zurüff, 
das ſich in ber Sprache darftellt: fo ift das Wort an fich Fein 
Element bes Denfens mehr; das eigentlihe Element im Den- 
fen ift der Say; ein jedes Wort ift nur die Möglichkeit einer 
Menge von Gedanfen, fei e8 Subject oder Prädicat. Betrach— 
ten wir bas Denfen in Bezug auf die religiöfe Mittheilung: 


) ©. Beilagen A. 10. B. 8.9. 


— 92 — 


ſo wird oft der Gedanke ſelbſt nicht mehr Element ſein ſondern 
Darſtellungsmittel. Ein Bild, ein Gleichniß iſt ein Gedanke, 
iſt aber nicht in der Compoſition Element ſondern nur Darftel- 
lungsmittel, und das wovon das Gleichniß Gleichniß iſt, iſt 
das Element. In der religiöfen Darſtellung gilt das noch 
mehr; das was bier darzuftellen ift, ift die unmittelbare Ge- 
müthserregung, die mit dem Gedanken auf unmittelbare Weife 
verbunden ift. Da ift der Gedanfe ganz und gar Darftellunge- 
mittel, und von bier aus müffen wir fragen, Was ift für die 
religiöfe Compofition eigentlih das Geſez? was in Beziehung 
auf die verfehiedenen Formen und Stile fih uns von felbft er- 
geben wird. 

Faflen wir das zulezt entwiffelte zufammen: fo können 
wir babei ftehen bleiben, daß das eigenthümliche Grundgefez 
aller religiöfen Sompofition das der Simplieität iſt und ber 
Keuſchheit. *) Unter dem Tezteren ift Dies zu verfteben, daß 
die technifhe Vollkommenheit zwar überall fein muß, aber daß 
fie nirgend befonders bervortreten darf, d. b. daß fein einzel- 
ner Moment die Befimmung babe bie technifche Vollkommen⸗ 
heit zur Anfchauung zu bringen; alles was da ift muß reines 
Darftellungsmittel fein. Died geht durch alle religiöfe Kunft- 
gebiete hindurch; es ift weſentlich überall der religiöfe Stil, in 
ber Mufif eben fo gut ale in der Rede und in den bildenden 
Künften. Es fann fein daß man fi über bie Regeln im all- 
gemeinen einigt, aber über bie Anwendung werben Differenzen 
entfteben; und wo wir in ben religiöfen Runftgebieten eine 
Verſchiedenheit des Geſchmakkes finden, fommt dieſe zurüfl auf 
eine verfhiedene Art fowol dieſen ald den noch zu betradhten- 
ben Charakter anzuwenden. Denken wir an bie firhlide Ar= 
hiteftur: fo werben wir fie finden in dem gothifchen Stil; den 
halten einige für den wahren Kirchenftil, andere fagen, es fei 
ein falſcher geſchmakkloſer. Die Differenz beruht darauf, daß 
bie Bertheidiger des gothifchen fagen, daß überall die Theile 


9 ©. Beilagen A. 11. B. 9. 


— 93 — 


der Bauart wahre Darftellungsmittel feien; bie Dannigfaltig- 
feit von kleinen Berzierungen feien nie bloße Verzierungen, 
fondern wirklihe Darfiellungen. Wenn man das vertheidigen 
fann: fo ift der gothifche Stil von biefer Seite rein. Wer fi 
nit darin finden kann, fagt, Es ift ein verborbener Geſchmakk, 
ein überladenes Wefen darin. Daſſelbe finden wir auf dem 
Gebiet der religiöfen Rede auch; wir können den Charakter 
im allgemeinen binftellen, müflen ung aber darauf gefaßt ma= 
hen dag in ber weiteren Ausführung die Theorie eine ver- 
ſchiedene Anwendung findet. Die Regeln werden wir alle an- 
erfennen, die Anwendung wirb verfchieden fein. Das gute 
Gewiſſen eines jeden in der Compoſition hängt davon ab, daß 
er nad) den Gefezen derfelben gehandelt zu haben fi) bewußt 
iſt. Sobald einer ber bloßen technifhen VBollfommenheit einen 
befonderen Ort anweift, ift er aus der Reinheit des Kunfiftild 
in der Compofition herausgefommen, 

Das zweite war der Charakter der Einfachheit. Er 
beruht darauf, bag alles einzelne felbft der Gedanke in ber 
religiöfen Compofition nur als Darftellungsmittel erfcheint. 
Darin liegt daß das einzelne auch feinem Gehalte nad) Feine 
Selbfändigfeit haben fol, fondern es fol alles auf einen ein- 
fahen Eindruff ausgehen. Sowie das einzelne fo geftellt tft 
daß der Gegenfaz des einen gegen das andere fehr heraustritt, 
daß das einzelne als Bielheit erfcheint: fo ift Das nicht mehr 
dem firengen Geſez der religiöfen Compofition gemäß; es muß 
überall alles einzelne organifch gebunden fein, fo daß jedes 
mit dem anderen zugleich durch das andere bedingt zu dem 
“ Totaleindruff beiträgt und nicht feinem Gehalte nach für fi 
heranstritt. Wir find gewöhnt in anderen Eompofitionen und 
Kunftwerfen aller Art einzelnes auszuzeichnen ale befonders 
ſchöne Stellen: das ift dann ein einzelnes für fi heraustre— 
tendes, nicht bie bloß technifche Virtunfitätz aber es tritt feinem 
Gehalte nach einzeln heraus, fondert fih vom ganzen. In an— 
deren Gebieten Tann dies ohne Tadel fein; wir können ung 
da bdenfen ein ganzes das aus lauter folchen ſchoͤnen Stellen: 


befteht: aber eine religiöfe Compoſition fol eigentlih feine 
fhönen Stellen haben; jedes einzelne muß in dem firengften 
Zufammenhange mit dem ganzen zufammengefaßt fein, nicht für 
fich beraustreten. Daber ift die Form der Compofition bie in 
befondere Spizen ausgeht, nicht mehr der reine religiöfe Stil; 
bie Einfachheit ift verlezt. 

Diefe beiden Geſeze find aber gleichermaßen eigent- 
fh nur negatin, zeigen und was vermieden werden muß; 
fie find nur kritiſch, nicht Leitende Principien in ber Compoft- 
tion, treten nur heraus wo dagegen gefehlt if. Poſitive Prin- 
eipien fünnen wir nur finden wenn wir von dem religtöfen 
Gehalt der Darftellung felbft ausgehen; negativ find jene bei- 
den die wefentlichen, die den kirchlichen Stil unterſcheiden von 
dem weltlichen. Je größer die Entfernung ber Compofttion 
von biefen beiden Gefezen ift, defto weniger bleibt vom reli- 
giöfen Stil übrig, Das Extrem von diefer Entfernung giebt 
das zerfloffene, frivole, in Einzelheiten zergehende. Im rechten 
Berein der Simplicität und Keufchheit der Compoſition werben 
wir immer die Annäherung an den firengen Stil finden. Be- 
tradhten wir die Sache dem Begriffe nad: fo ift es der fchöne 
Stil von dem wir ausgehen; aber im religiöfen Stil müffen 
wir immer eine Annäherung an ben firengen finden. 

Wenn wir nun zu pofitinen Charafteren übergehen 
wollen: fo müffen wir auf den religiöfen Gehalt beffen was 
bargeftellt werben fol zurüffommen. Da fünnen wir nidt an= 
ders ale nur gleich und in das Gebiet des chriſtlichen hinein⸗ 
ftellen, was wir bier zunächſt als eine befondere Form und 
Geftaltung des religiöfen im allgemeinen anfehen. Hier wer- 
den wir wieder zuerft Die Frage nad dem materialen und auf- 
zuftellen haben, um zu ſehen wiefern wir dies claffificiren fön- 
nen, und hernach werben wir fragen, wie weit wir etwas all- 
gemeines als pofitiven Charakter der Compofition darftellen 
fonnen. Indem wir uns in das Gebiet bes chriftlichen ver- 
ſezen, ift Dabei zweierlei vorläufig in Nichtigkeit zu bringen; 
einmal, If alles chriſtliche nothwendig natürlicher 


— 95 — 


Gegenſtand ber Darſtellung durch bie religiöfe Kunſt? 
und zweitens, Soll in der religiöfen Kunſt nichts als 
chriſtliches bargeftellt werben?! Die zweite Frage muß 
als Frage noch geredtfertigt werben; denn von vorn herein 
müßte es ſich von ſelbſt verſtehen daß in den chriſtlichen Eul- 
tus nur chriftlihes gehöre. Die Sache ift dieſe. Das reli= 
giöfe ift etwas gemeinfam menſchliches; das Chriftenthum tft 
eine individuelle Form dieſes gemeinfam menſchlichen, zugleich 
aber ift es und die höchſte Vollkommenheit dieſes allgemein 
menfchlihen. Bleiben wir hiebei ftehen: fo iſt alles in einer 
teligiöfen Eompofition worin das chriftliche nicht beftimmt mit- 
gefezt ift, die Darftellung eines unvollfommenen, und bag foll 
nicht dargeftellt werben. GSiellen wir und auf den anderen 
Standpunkt und fehen das Chriftentbum an als eine indiyi« 
buelle Form: fo kann in demjelben unmöglich alles auf gleiche 
Weiſe indipibualifirt fein; es muß ba eine Differenz geben, 
daß in einzelnen das individuelle mehr, in anderen weniger 
durchgearbeitet ift und herportritt. Auf dem Standpunkt ber 
evangelifchen Kirche haben wir ein befonderes Intereffe dies 
feflzufezen, weil ed auf einem untergeorbneten Gebiet das ift 
worin wir. ung von ber Fatholifchen Kirche unterfcheiden. Die 
katholiſche Kirche fieht und als einen Frankhaften Zuſtand an; 
wir Taffen fie aber als Kirche gelten, was fie gegen uns nicht 
thut, und in unferer Anerkennung liegt daß dies eine abgefe- 
ben von ihren Fehlern individuelle Korm bes Chriftenthums 
iſt. So müffen wir das Chriftenthum auch wenn wir es neben 
die anderen religiöfen Gefchichtserfcheinungen fielen, anfehen 
als individuelle Form, abgefehben von den Unvolifommenheiten 
jener und ben Borzügen des Chriſtenthums. Iſt es nicht mög- 
ich daß jedes religiöfe Element von individuellen criftlichen 
Prineipien gleich fehr durchdrungen fein Fann? Dies müffen 
wir verneinen. Es ift etwas religiöfes in der Naturbetrach- 
tung; das kann aber unmöglich fo ftarf vom Chriſtenthum durch⸗ 
beungen fein wie bas was im unmittelbaren fttlichen Gebiete 
liegt. Es ift etwas religiöfes in Der Betrachtung bes intellec- 


— 96 — 


tuell ſpeculativen; auch das kann nicht jo vom eigenthümlich 
chriſtlichen durchdrungen ſein wie wenn wir das geiſtige von 
ſeinem ſittlichen Charakter aus betrachten. Dennoch werden 
wir nicht ſagen, es ſoll keine religiöſe Naturbetrachtung geben. 
Da iſt die Differenz zwiſchen dem mehr und dem minder indi— 
vidualiſirten nicht zu verkennen, und es iſt daher die Frage 
wie wir fie aufgeſtellt haben, begründet, Es muß allerdings 
auch in der religiöfen Darftellung dies vorkommen was nidt 
fo beſtimmt von dem fpecififch chriftlihen Charakter imprägnirt 
ift wie anderes, fonft würde bie religiöfe Darftellung in ihrer 
Totalität unvollfommen fein, 

Unfere erfte Frage alfo ift die, Soll alles chriſtliche 
im Gebiet des Cultus dargeftellt werden? Dieie 
Frage bedarf Feiner Begründung, weil wir ſchon etwas ausge- 
fhloffen haben. Als wir fagten, daß auf dem Kunſtgebiete 
alle Elemente die ihren Ort im wiffenfchaftlichen Leben und im 
Gefchäftsieben haben, an fih müßten ausgefchloffen fein: fo 
haben wir fchon etwas was wirklich chriftlich ift aus der Dar- 
ſtellung ausgejchloffen, nämlich das eigentlich theologische. Die 
wiffenfchaftlihe Behandlung des hriftlichen fann in den Eultus 
nicht eingehen, und alle Elemente der Sprache bie rein wij- 
fenfhaftliher Natur find, follen in der religiöfen Darftellung 
nicht vorfommen. Wenn wir bie religiöfe Poefie betrachten 
und da dogmatifche Ausbrüffe finden: fo ift das nicht an fei= 
nem Paz. Sn der profaifch religiöfen Darftellung werben wir 
fühlen, daß da die Grenzen nicht fo eng gezogen werben fön- 
nen; aber ganz werben wir ed auch hier nicht anerfennen. So— 
wie wiſſenſchaftliche Augdrüffe weſentliche Beftandtheile ber 
religiöfen Rede ausmachen, in ben einzelnen Theilen auf be= 
flimmte Weife wieberfehren: fo ift ber Charakter ber religiö— 
fen Rede verfehlt, Die wiffenfchaftlihen Ausdrükke Taffen fich 
nicht anders denfen als in einem wiflenfchaftlihen Zufammen- 
hange. Nun foll im Cultus, weil er für die Gemeine ift, fein 
willenfchaftliher Zufammenhang fein; und wenn man bag 
Prineip von der Iogifchen Anordnung ber Rede fo verfteht daß 


— 97 — 


man eine wiſſenſchaftliche Behandlung darin mitſezt: ſo iſt das 
ein Mißverſtand. Nun fragt ſich, Giebt es nicht noch anderes 
was außerhalb der Darſtellung des Gebietes des Cultus liegt 
und doch religiöſes Element iſt? Wir ſind von dem Princip 
ausgegangen, daß der Kirchendienſt in der Gemeine nichts ſei 
als die mittheilende religiöſe Darſtellung. Wir müſſen durch— 
aus davon ausgehen, daß es zwiſchen dem redenden und dem 
Zuhörer ein gemeinſames Gebiet giebt, und alles was in die 
religiöfe Darſtellung kommt, muß in dieſem Gebiet liegen. 
Nun iſt die mittheilende Darſtellung des individuellen niemals 
etwas abſolutes, ſondern etwas ſich von ſelbſt begrenzendes, 
und es wird in jedem individuellen Leben vieles vorkommen 
was einer ſolchen Mittheilung durchaus nicht fähig iſt. Man— 
ches was an ſich religiös chriſtlich ift, ift Deswegen aus dem 
Gebiet der Darftellung auszufchließen weil es zu individuell ift 
um eigentlich mitgetheilt und bargeftellt werben zu fönnen. Das 
religiöfe ift überall ein erfahrene, ift für jeden fofern er es 
in fi felber erfährt; dad gemeinfame Gebiet ift das ber ge- 
meinfamen Erfahrung, und was fo perfönlich indivibuell ift dag 
es nicht in Die gemeinfame Erfahrung aufgenommen werben 
kam, das kann auch nicht mitgetheilt und bdargeftellt werben. 
Das ift die Grenze der Darftellung in Beziehung auf das my- 
ſtiſche im religiöfen; da hat jeder auf ausgezeichnete Weife re= 
figiös angeregte Menſch feine perfönliche Beftimmtheit, die fei- 
ner öffentlichen Mittheilung fähig ift, fondern nur einer Mit- 
theilung in einem engeren Kreife, wo durch bie Korm bes 
Geſprächs manches Hinderniß aufgehoben werden kann. 

Die andere Frage if, Soll nichts bargeftellt wer- 
ben als hrifllihes? Wir verneinen es; auch jene religid- 
fen Elemente die wenig vom Charakter des hriftlihen impräg- 
nirt fein Eönnen, follen nie ganz von bemfelben entblößt fein. 
Die Raturbetradhtung fol auch chriftianifirt fein, wenn auch 
das chriftfiche nicht beftimmt in ihr hervortritt. In fo fern wir 
auf dies mehr oder minder fehen, und fagen, im einzelnen kann 
ed fih dem Berfhwinden nähern; müflen wir eine beftimmte 

Vraltiſche Theologie. 1. 7 


— 98 — 


Vorſtellung ausmitteln und fragen, Was giebt es füt einen 
Unterſchied zwiſchen dem eigentlich chriſtlichen und den gemein 
menſchlich religiöfen Elementen in ber Darſtellung? Das Ehri- 
ſtenthum ift eine Geſchichte, und fein individueller Charakter iſt 
davon gar nicht zu trennen. Im Beziehung auf diefe Gefchichte 
als Wurzel der Eigenthümlichkeit des Chriftentbums hat ee 
feinen eigenen biftorifch fymbolifchen Eyflus; alles eigenthüm⸗ 
lich chriſtliche fol in der Beziehung und durch die Beziehung 
auf diefen ausgebrüfft und bargeftellt werden. *) Das gemein 
menfchlich religiöfe Tiegt außerhalb dieſes Cyflus, und die Be— 
ziehung und Nichtbeziehung einzelner Elemente der Darftellung 
auf diefen hiftorifch fombolifhen Eyflus ift der beftimmte Un- 
terfchied zwiſchen dem individuell chriftlichen Element ber Dar- 
flellung und dem weniger individuellen. Wenn in ber religid- 
fen Rede die Beziehung auf die Schrift, den Träger des Cy— 
klus, unerläßlich ift: fo Tiegt auch darin, dag in den allgemein 
menfhlihen Elementen ber religiöfen Darftelung, weil fie in 
dem Zufammenhange mit diefem gebunden find, auch das inbi- 
viduell chriftliche dDurchfcheinen wird, Aber nun wirb Das ge= 
mein menſchliche nicht dargeftellt in dem hiſtoriſch ſymboliſchen 
Cyklus fondern an einem außerhalb Tiegenden Material, woge⸗ 
gen das eigenthümlich chriſtliche nur an dem hiſtoriſch ſymboli⸗ 
fhen Cyklus bargeftellt werden kann. Daß dies beides fid 
ausfchließt, Tann erſt durch eine befondere Erörterung deutlich 
werben. 

In dem zulezt erörterten Tiegt nun zunächft dieſes, daß 
jener eigenthbümliche Darftelungsfreis bes Chriſtenthums, die 
heilige Geſchichte des Chriſtenthuus felber im N. T., nur zur 
Darftellung bes eigenthümlich driftlihen verwendet werben 
bürfe. Man bat freilich dagegen häufig gefehlt und eine ganz 
entgegengefezte Theorie aufgeftellt; fie ift aber das Werk einer 
Zeit in der man überhaupt das eigenthümlich chriftliche bei 
Seite ſchieben wollte, anbererfeits aber fühlte dag man bei dem 


) ©, Beilage A, 12. 


— 9 — 


Kirchendienſt jenes Kreiſes von Darſtellungsmitteln nicht ent- 
behren köͤnne. Daraus entſtand dann die Theorie, man müffe 
die Schrift gebraudhen, aber fo dag man nur das allgemein 
menſchliche religiöfe daraus entwiffelte. Dies fonnte ſich in 
ber Praris nicht halten, weil eine offenbare Dieharmonie darin 
liegt; e8 ift fein Grund einzufehen, fobald man bei dem allge= 
mein religiöfen ftehen bleibt, es an jene einzelne Gefchichte zu 
binden. Dies war auch der Grund, warum ber Kirchendienft 
immer mehr in Verfall gerieth. Daraus folgt daß unfer Ey- 
us nit barf verwendet werden zu bloß allgemein religiöfen 
Darftellungen und daß das eigenthümlich criftliche nicht andere 
als an diefem gefhichtlih ſymboliſchen Cyklus darf dargeftellt 
werden. Das erfte aus dem Grunde weil dann die Dignität 
jenes Darftellungsgebietes gefhwäht und aufgehoben wirb: 
denn hier wäre jedes andere eben fo gut ald das Zurüffgehen 
auf die Schrift, und dadurch würde bag rein willführliche herr— 
Ihend; das ift aber das haltungslofe. Das zweite aus bem- 
felben Grunde, nur daß er auf andere Weife wirkſam ift, 
Denn eigenthümlich chriſtliches dargeftellt wird, aber ohne Be— 
ziehung auf Die Schrift: fo erfcheint es als ein perfönlich ei— 
genthümliches und kann auch nicht Diefelbe Anerkennung finden. 
Daher dies beides, ber Gebraudh der Schrift und die Bezie— 
hung auf die Schrift, und die Darftellung bes eigenthümlich 
hriftlichen, durchaus an einander gebunden if. Nun fragt fich, 
Benn es auch folche religiöfe Darftellungen geben muß, unent- 
ſchieden ob felbfländig oder als Element eines Ganzen, worin 
das eigentlich chriſtliche zurüfftritt: was find denn bie natür= 
lichen Darftellungsmittel für dieſe? Hier wollen wir zuerft ei- 
nen negativen Kanon aufftellen: Diefe dürfen nidt dar— 
geteilt werden durch Elemente die dem analogifhen 
Cyklus einer anderen Religionsform angehören. Im 
Mittelalter hat es nicht gefehlt an ſolchen Productionen auf 
dem religiöfen KRunftgebiet, wo chriftliches und heidniſches ge= 
miſcht war und auf heibnifhe Mythologie Bezug genommen 
wurde, Das Kriftlihe konnte dadurch nicht ausgebrüfft wer 
7* 


— 10 — 


den, das gemeinfam religiöfe konnte es, und fo iſt jenes ent- 
ftanden weniger in der amtlichen religiöfen Rede, aber doch im 
anderen religiöfen Compofitionen, wenigftend in folden die öf- 
fentlich probucirt wurden, wie bie heiligen Komödien und Tra— 
gödien. Dies erfheint als falfhe Form und verwerflihd. An— 
ders fcheint e8 zu fein wenn man bas jüdifche eigentlih auch 
als ein vom chriſtlichen verſchiedenes anſieht. Da ift die Pra— 
xis das allgemein religiöfe durch das altteftamentifhe auszu- 
brüffen. Es ift hier ſchwer, weil über die Sache felbft bie 
Anfichten fo verſchieden find, zu einer allgemeinen Regel zu 
fommen. Es giebt Theologen weldhe die Lehre von der Ein- 
heit der Kirche fo weit ausdehnen dag man glauben follte, es 
müßte das ganze Chriftenthbum im A. T. enthalten fein, und 
für das eigentlich chriſtliche mit einer gewiffen Hartmäffigfeit 
bie Darftellungsmittel im A, T. auffuhen. Das if offenbar 
verkehrt; aber zieht man dies bei Seite und fragt, Soll man 
nicht das gemeinfam religiöfe dur das A. T. begründen und 
die Mittel dazu im A, T. auffuchen: fo muß man fagen Ja, 
aber nur in demjenigen im A. T. was am wenigften jüdbifch 
if. Sowie das eigenthbümlich jüdifche Hineintritt, ift etwas dem 
Chriftenthum relativ entgegengefezted aufgenommen. Dad Ju= 
benthum ift durchaus yparticulariftifch und verträgt fih mit den 
anthropopatbifchen Vorſtellungen vom bödften Wefen. Das 
fönnen wir nit gebrauchen ohne es erft umzubeuten, und wir 
fönnen das particulariftifche nicht aufnehmen, wollen wir nicht 
zugleih dem eigentlich hriftlichen entfagen. Nun finden fich im 
A. X. trefflihe Stellen über die göttlichen Eigenfchaften und 
das Verhältniß des Menfchen zu Gott: aber zu einem beflimm- 
ten zweffmäßigen Gebrauch wird man folhe wählen müflen wo 
das yarticulariftifhe des Judenthums nicht hervortritt, und 
biefe fünnten dann eben fo gut anders woher fein. Sn diefer 
Hinfiht Fönnen wir unfern negativen Kanon in feinem ganzen 
Umfange feithalten und fagen, In dem Maaß als im A. T. 
das eigenthümlich jüdifhe hervortritt, ift es nicht 
geeignet im Umfange ber hriftlichen Darftellung auch 


— 11 — 


nur für Die allgemein menſchlich religiöfe Darftel- 
lung zu dienen. Eine beflimmte Differenz zwifchen fübifchem 
und heidniſchem laͤßt ſich bier nicht aufftellen; das Heidenthum 
iR idololatriſch, das Judenthum monotheiftifch ; aber Diefes mo— 
notheiftifhe hat Doch etwas an das ibololatrifche anftreifendeg, 
weil in der anthropopathiichen Darftellung die reine Vorftellung 
vom höcften Weſen ibolifirt if. Das Judentum fteht im 
sehhichtlihen Zufammenhange mit dem Chriſtenthum; dagegen 
Keht Das Heidenthum im Zufammenhange nicht mit bem Chri— 
ſtenthum, aber doch mit dem Typus unferer intelfectuellen Bil- 
bung: auf ber ruht aber unfer Kirchenwefen. In die Reihe 
ber Darftellungsmittel einzufchreiten, darin verhalten fich beide 
ganz gleih. Der jüdiſche oder hat hierin feine befonderen 
Rechte; es iſt die Differenz die zwifchen beiden entſteht nur 
eine äußere. Man fönnte vieles aus dem Gebiet ber allge- 
meinen Religiofität eben fo gut aus heidniſchen Stellen erör- 
tern ald aus jüdifhen; nur die Differenz im biftorifhen Zu- 
fammenbange fordert daß man das jübifhe äußerlich etwas 
anders behandelt, weil man es nur als ein befanntes anführen 
fann und baher citiren; das beidnifche aber unvermerft in Die 
Rede zu verweben if, weil das Recht des Gitirend nur auf 
dem Zufammenhange bes jüdifchen Eoder mit Dem unfrigen be= 
rubt. Aber in dem wirklich religiöfen was das Haffifche Hei— 
denthum liefert, find eben fo viele und fo gute Elemente zur 
Darftellung des allgemein religiöfen wie im A. T., und im 
A. T. würden wir vieles nit gebrauchen fönnen, wie auch 
vieles in dem heibnifchen nicht, wo Das monotheiftifche fih mehr 
verftefft, um das öffentliche ibololatrifhe gewiffermaßen mit 
anzuerfennen. Aus dieſer negativen Regel entwiffelt ſich bie 
pofitive. Was find nun bie natürlichen Darftellungsmittel für 
das was mehr der univerfellen NReligiofität angehört? Die An- 
weifung dazu finden wir in der Schrift felber; wenn ber Apo— 
ſtel fagt, daß die Betrachtung der göttlichen Werfe in einem 
jeden das Gottesbewußtſein erwelfen müffe, weil er mit Ver— 
nunft ausgeftattet fei und vermöge bie göttlichen Werke mit ber 


— 132 — 


Bernunft aufzufaffen. (Röm, 1, 19. 20.) Es Tann das Got— 
tesbewußtfein nicht anders belebt werden ald durch das wo— 
durch es urfprünglich entfliehen müßte. Da ift es alfo das 
Gebiet der Erfcheinung in dem die Darftellungsmittel find. 
Dies theilt fih in das geſchichtliche und das natürlich phyft- 
fhe. *) Gleihmäßig ift die Theilung nicht. Das Bebürf- 
niß der Annäherung aller natürlihen Elemente an das drift- 
liche giebt dem gefchichtlihen Gebiet den Borzug; aber dann 
auch, weil das gefhichtlihe Gebiet das Erfahrungsgebiet für 
jeden ift, das Naturgebiet weniger befannt ift, haben wir bier 
einen andern äußeren Grund zu jenem innerlihen. Auf beiden 
Gebieten der Darftellungsmittel des univerfel religiöfen wer- 
den wir noch einen anderen Unterfchieb finden. Betrachten wir 
bie Natur: fo werben wir zwei Richtungen finden welde Die 
Naturbetrachtung einfchlagen kann; die eine hat es zu thun 
mit den Gefezen, welche überall diefelben find fofern fie den 
Namen verdienen (fosmifhe Betrachtung der Natur); die an- 
bere bezieht fih auf die einzelnen Erfeheinungen, die von Sei- 
ten ihres fürberlihen oder nachtheiligen Einfluffes betrachtet 
werben fünnen. Das erfte if ein weit wirkfameres Darftel- 
lungsmittel, weil das Teztere durchaus auf einem zweideutigen 
Gebiete Liegt, wo fih immer Gegenfäze aufführen laſſen; dies 
entfernt fih am meiften vom chriftlihen Typus, weil wir nicht 
das Berhältniß Gottes zur Welt nach unferem finnlihen Wohl⸗ 
befinden betrachten follen. Wo die Richtung iſt die religiöfe 
Darftellung zu univerfalifiren, da finden wir dieſe Elemente am - 
meiften vorwaltend, welche wir befchränfen müffen weil fie zu 
fentimentalen Naturbarftellungen führen. Was nun die allge- 
mein gefchichtlichen Elemente betrifft: fo ift in ben großen ge- 
ſchichtlichen Bewegungen die Beziehung auf das Chriſtenthum 
leicht hervorzuheben und alfo die Uebereinftimmung ber allge: 
mein göttlichen Vorſehung mit ber Gründung des Reiches Got- 
ted auf Erden fehr leicht aufs Hare zu bringen; aber gehen 


) ©. Beilage A. 13. 


—_. 


— 10 — 


wir damit aufs einzelne, wie durch bie göttliche Leitung bie 
fheinbar zufälligen einzelnen Zweffe einzelner Menfchen beför- 
bert werben: fo ſehen wir daß biefes ein eben fo zweideutiges 
Element ift als jenes. Nun werben wir zugleich ſehen baf 
biefe Seite ber religiöfen Kunft die es mit dem univerfell re- 
figiöfen zu thun hat, bie fein muß die fih bem weltlichen Stil 
annähert, weil man aus bem Kreife ber ben firengen Stil be— 
gründet, beraustritt, Söwie wir aus jenem Gebiet heraustre= 
ten in das ber allgemein religiöfen Darftellung, muß eine Neis 
gung fein das einzelne hervorzuheben, und dies ift eine große 
Annäherung an den weltlichen Stil, Dies veranlaßt ung zu 
einer allgemeinen Betrachtung. Es wirb fih auch gefchichtlich 
bewähren, daß je mehr in ber religiöfen Darftellung zum Be— 
huf des Kirchendienftes das eigentlich chriſtliche dominirend ift, 
deſto reiner wird überall der firenge Stil der religidfen Dar— 
ftellung bervortreten; je mehr man fih auf dem weiten Gebiet 
der univerfell religiöfen Darftellung bewegt, deflo mehr wirb 
ber rein kirchliche Stil verloren gehen; daher bie poetifirende 
Berebfamfeit, der Reichtfum an Bildern und Schmuff fih am 
meiften dba finden wird wo die Marime berrfcht, das chriftliche 
jurüfftreien zu laſſen und bie univerfell religiöfe Darftellung 
hervorzuheben, 

Was nun die Elemente der veligiöfen Darftellung betrifft, 
das was bargeflellt werben ſoll: fo find dieſe nichts an— 
beres als die religiöfen Gemüthszuftände *) Macht 
man bier eine Spaltung und fagt, das barzuftellende find Glau—⸗ 
benslehren oder fittlihe Vorſchriften: fo ift an fich Feind von 
beiden richtig. Die Darftelung ber Lehre als folcher gehört 
in das wiffenfchaftliche Gebiet, nicht in das der Kunſt. Daf- 
felbe gilt von der Darftellung der fittlihen Vorſchriften als 
folder; fie ift Sache bes eigentlichen Unterrichtes, nicht ber 
bloß darftellenden Mittheilung und mittheilenden Darftellung, 
Sobald die Glaubenslehren und fittlihen Vorſchriften im Ge- 


9 S. Beilage A. 13. 


— 14 — 


müthezuftande vorkommen als etwas anerkanntes, fo gehören 
fie in fofern in die Darftellung. Da ift es beffer gleich bei 
dem beftimmten ftehen zu bleiben. Wenn bas barzuftellenbe 
Lebensmomente oder Gemüthszuftände find: fo ift auf der einen 
Seite eine Einheit gegeben, auf der andern eine unendliche 
Mannigfaltigkeit, Wir müffen eine Ausgleihung zu finden 
ſuchen in einer beftimmten Vielheit, und alfo ein Theilungs- 
princip des unendlich mannigfaltigen für jene Einheit. Iſt eine 
folche beftimmte Differenz in der Art wie dag Leben, eine folde 
unendlihe Mannigfaltigfeit von Momenten und Aeußerungen, 
wird? Hier bietet ſich gleich eines dar und zwar als ein durch⸗ 
gehendes; nämlich wenn wir bas Leben als ein erfcheinendes 
in feiner Geneſis betrachten: fo ift es von feinem erften An 
fange an ein zunehmendes bis es zu feiner vollen Entwiffelung 
fommt, und dann ein abnehmendes big es verfchwindet. Hier 
haben wir zwei verfchiedene Derter in welche eine jede Lebens— 
Außerung fällt: fede wird den Charakter von einer Lebenszu- 
nahme oder Lebensabnahme an ſich tragen. Keineswegs ift 
biefe Duplicität in zwei Hälften zerfchnitten, nur ift dieſer all- 
gemeine Typus der Erfcheinung das erfte wobei wir dieſen 
Gegenfaz ergreifen. Wir finden ihn überall und in einem je- 
ben Momente wieder, und das Leben ift nichts anderes ale 
ein bunter Wechfel von folhen Momenten. Wenn wir dies 
auf eine allgemeine Weife ausbrüffen wollen, fo werden wir 
fagen, Wir haben Lebenselemente von zwei entgegengefezten 
Charakteren, bie erhbebenden und niederfhlagenden. Fin- 
bet fich diefe Differenz in beiden Gebieten, dem weltlichen und 
dem religiöfen? Der Frömmigfeitsgehalt in irgend einem Le— 
bensmoment ift Fein anderer als der, in wie fern das ber 
menfhlihen Natur inhärirende Bewußtfein des Verhältniſſes 
zum böchften Wefen ausgebrüfft ift oder nicht; iſt dieſes in 
einem Momente dominirend, fo nennen wir ihn ausſchließlich 
fromm; ift aber das Bewußtſein verfhwunden, fo nennen wir 
den Moment wenigitens fern von Froͤmmigkeit. Wenn fi in 
einem Momente der überhaupt mit einem Gehalt von Fröm- 


— 105 — 


migfeit gefezt ift, die zunehmende Richtung ausfpricht biefes 
Bewußtfein mit allem übrigen zu verbinden: fo erfcheint da⸗ 
durch diefe befondere Function, die Frömmigfeit als ein zuneh⸗ 
mended, Iſt in einem Momente ein Widerfpruch gefezt zwi- 
fhen biefem Momente des Lebens und einer andern Lebens⸗ 
function: fo ift in diefem Momente das darzuftellende als ein 
abnehmendes geſezt. So haben wir den Gegenfaz bes erhe- 
benden und nieberfchlagenden. Ob baffelbe auf dem Gebiete 
der weltlihen Darftellung it? Wenn wir davon ausgehen, 
daß ber eigentliche Drt für alle Kunſt das feftlidhe Leben ift 
und fih alfo die Kunftdarftellung wo fie im großen erfcheint, 
mehr oder weniger auf bie Lebensgemeinſchaft bezieht: fo hat 
das für unfer Gebiet feine Leichte Anwendung. Das gemein 
Maftlihe Leben ift an fih auch nur ein ſich bebendes oder 
gehemmted, und ebenfo ift es mit allen Darftellungen bie im 
gemeinfchaftlichen Leben verfiren. Dabei fann beftehben daß 
doch dieſe Differenz auf dem Gebiete ber einen Darftellung 
einen anderen Werth haben fann als auf der anderen. Giebt 
e8 wol auf dem religiöfen Gebiete des Chriſtenthums eine grö- 
Bere Differenz als diefe? Von meiner Anficht aus giebt es 
feine größere, denn ba verfiren wir auf Dem Gegenfaz der gött- 
lichen Gnade und der menſchlichen Natur in der Leidenſchaft; 
wo die leztere bervortritt unb bie erftere zurüffgebrängt wird, 
da ift der Charakter des nicderfchlagenden, und umgekehrt. 
Urfprünglih ift das nur ein rein elementarifcher Gegenfaz. 
Betrachten wir die Sache in Beziehung auf den öffentlichen 
Eultus und auf das Zufammentreten der Chriften zu einem in 
Beziehung auf ihr religiöfes Bewußtſein gemeinfam feftlichen 
Leben, und wir fragen, Rann wol jemals ein ganzer Act das 
eine ober das andere fein (erhebend oder niederfchlagend): fo 
würben wir gleich Nein fagen. Denfen wir ung einen ganzen 
Art in dem Typus des nieberfchlagenden: fo müßte man da- 
durch erbrüfft werden; ein ganzer Act im Typus des erheben- 
ben würde ung ganz aus dem Gebiete der Wirklichkeit heraus⸗ 
ſezen: beide entgegengefezte Charaktere müffen alfo, nur auf 


— 186 — 


verfchiedene Weife, zufammen fein. Cigentlid nun, wenn wir 
darauf zurüffgehen daß ber religiöfe Gemüthszuftand des Ehri- 
ſten nichts anderes ift als die Gemeinſchaft mit Gott durch 
Chriſtum, ift Das an fih rein eins; aber dieſer Gemuͤthszuſtand 
manifeftirt fih im erfheinenden Bewußtfein immer auf biffe- 
rente Weife, weil nämlih niemals unfer ganzes Dafein rein 
in die Gemeinfhaft mit Gott aufgeht. Ueberall wo von ber 
inneren Lebenseinheit die Rebe ift, verwandelt fi eben wegen 
dieſer nicht vollftändigen Vollkommenheit das barzuftellende in 
ein zwiefahes. Die Gemeinfhaft mit Gott erfcheint bald ale 
eine Approrimation an das abfolute Aufgehen in biefer, balb 
als ein zurüfftretendes. 

Hier find alfo zwei Gegenfäze, die mehr individuell 
Hriftlihen und die mehr allgemein menfhliden Ele- 
mente, und für beide ein anberer Kreis von Darftellungsmit- 
ten. So haben wir au ben religiöfen Zuftand als bad ei- 
gentlich barzuftellende in ber Diftinction des erbebenden und 
bemütbhigenden gefunden; und dieſe beiden Gegenfäze freuzen 
fih, denn fowol das eigenthümlih Kriftlihe als auch das uni—⸗ 
verfell religiöfe wird biefes zwiefachen Charakters fähig fein, 
Da entſteht und zunächſt eine neue Frage, Wie ſteht es mit 
biefen beiden Gegenfäzen? find fie nur elementarifch oder find 
fie auch felbftändig? Gefunden haben wir fie indem wir nad 
ben Elementen fragten; aber es fönnte fein bag wir mehr als 
das elementarifche gefunden hätten. Wenn die Gegenfäze nur 
elementariſch find, fo müßten eigentlich in einer jeden religiöfen 
Darftellung die Glieder beider Gegenfäze vorhanden fein. Ber- 
hält es fih auf die andere Weife? find ed ganze Acte ber 
Darftellung, von denen bie einen chriftlich die andern univerfell 
religiös find, ganze Acte wo der Gemüthszuftand als ein erhe- 
bender ober bemüthiger erfcheint? Wenn es fih auf dieſe 
Weife verhielte: fo würden wir Die verfchiebenen Gattungen 
ber religiöfen Darftellung gefunden haben, Abfolut entgegen- 
gefezt ift beides nit. Gehen wir auch bavon aus, daß wenn 
wir Elemente auffuchten, wir auch elementarifches finden muß- 


— 17 — 


— 


ten: fo kann man doch ſagen, es ift natürlich daß in febem be⸗ 
fonderen Darftellungsart eind von ben Gliedern ein Weberge- 
wicht Hat; und dann würben fie zugleich Principe der Gattung 
fein und wir würben fagen, &8 ift eine Gattung der Darftel- 
lung in dem individuell chriftlihen und dem allgemein religiö- 
fen, in dem erbebenden und niederfchlagenden dDominirend. Das 
würde noch mit jenem beftehen können. Ob es aber fo ift oder 
nicht, müflen wir näher unterfuhen. Die Antwort auf unfere 
Frage liegt in dem ſchon früher gefagten. Was ben Gegen- 
ſaz betrifft in dem barzuftellenden religiöfen Gemüthezuftande 
felber: fo haben wir ſchon gefagt, daß auch das religiöfe Ge— 
fühl in feiner Einzelheit nichts anderes wäre als Darftellungs- 
mittel. Das Grundgefühl, die chriſtliche Religioſität, ift nicht 
in einer von jenen beiden Formen für ſich allein, fondern nur 
in der Beziehung derfelben auf einander, und ed wird nicht 
ein Ganzes hriftlihe Darftellung fein können, wenn nicht jene 
Formen in Beziehung auf einander find, Sie find alfo ele— 
mentarifch entgegengefezt. Was den Gegenſaz zwifchen ben 
Elementen wo das hriftlihe, und folhen mo das gemeinfam 
religiöfe vorherrſcht, betrifft: fo ift offenbar, wenn man wollte 
annehmen, es Eönne Darftellungen geben die ganz univerfell 
gehalten wären, daß dann Das allgemeine müßte anders er- 
fheinen können denn als das befondbere, fo daß es erfcheinen 
fönnte ohne ein befonderes zu werden. Das ift aber nicht 
möglich, und darum bleibt nichts anderes übrig. ft nicht der 
chriſtliche Typus gefezt: jo muß entweder ein anderer barin 
gefezt fein, oder ed muß an religiöfem Gehalt fehlen. Das 
haben wir auf eine fehr beftimmte Weife vor ung in der Zeit 
wo das Chriftenthum univerfalifirt wurde; ba ift der religiöfe 
Gehalt verloren gegangen und etwas ganz anderes hineinge= 
fommen: entweder das moralifhe für fih, aber auch nur in 
feinem fubjectiven äußerlihen Gehalt, nicht in feinem fpecula- 
tiven; ober es ift rein die Außere Seite des Lebens in ber 
Darftellung bearbeitet worden. Alfo Tiegt hierin ſchon daß bie 
univerfellen Elemente nur fönnen Elemente fein, wie ein gan- 


— 18 — 


zes der Darftellung rein aus ihnen beftehen kann. Was bie 
entgegengefezte Frage betrifft: fo erledigt fie fi) eben jo. Kann 
es Darftellungen geben in denen das gemeinfam religiöfe ganz 
fehlt? Das ift in ſich ſelbſt nicht möglich, weil das allgemeine‘ 
immer in dem befonbern gefezt ift, fonft wäre dies fchlechthin 
vereinzelt. Alfo dieſe Gegenfäze find rein elementarifh. Run 
fragt fih, Haben wir in ihnen alles elementarifche zufammen, 
was daraus entfteht, wenn wir das was im Qultus fein foll 
von Seiten feines religiöfen Gehaltes betradyten? Cs ift hierin 
alles gefezt, Das unmittelbar barzuftellende und bie religiöfe 
Erregung, im Uebergang beider Elemente in einander; und foll 
bie Darftellung eine hriftliche fein: fo ift darin nichte weiter 
zu unterfcheiden als das ftarfe Hervortreten bes individuellen 
im allgemeinen und bes allgemeinen im indivibuellen. 

*) Nun ift genauer zu betradhten, wie wir ung das Ber- 
hältnig ber verfchiedenen Künfte zu dem was im Cultus gelei- 
ftet werden fol zu benfen haben. Es gehört zu dem eigen- 
thämlichen des Chriſtenthums, daß die Religiofität in bemfel- 
ben ganz geiftig ift und ausgebrüfft werben muß weit mehr 
in Worten als in fymbolifchen Handlungen; wie wir überhaupt 
fehen daß alle eigentliche Kraft im Chriſtenthum überall in das 
Wort gelegt if. Die Abweichung hievon in ber Fatholifchen 
Confeſſion ift ung als ein fremdes befeitigt, und erfennen wir 
e8 als eine verringerte Chriftlichfeit. Nun fragen wir, Wie 
fleht es mit dem Antheil der anderen Künfte? VBorläufig wol- 
len wir den Gegenfaz zwifchen Profa und Poeſie unberührt 
laſſen, die rebende Kunft als eine anfehen und hievon aus die 
Relation der anderen Künfte aufzufinden fuchen. 

Das erfte was ſich bier von ſelbſt anfnüpft ift dies. Die 
Rede ift bier nicht unmittelbar auf das Erkennen gerichtet, fon= 
bern bat ihre Dignität ald mittelbarer Ausdruff der innern 
Lebenderregung. Wir müffen auch auf dieſe zurüffgehen, Sie 
fpricht fih überall aus in der Bewegung fowol ber Gliedma— 


*) ©. Beilage A. 15, 


— 4190 — 


fen als ber Gefichtözüge. Je mehr bie ganze Thätigfeit von 
ber innern Lebenserregung ausgeht, befto mehr wird biefer 
natürliche Ausdruff berfelben bervortreten. Wenn nun das 
was in ber Geberde und ber förperlichen. Bewegung Ausdruff 
ber Lebenderregung ift, in bie Form der Kunft übergeht: fo 
iR das die Kunft die wir Mimik nennen. Hat diefe über- 
haupt und was hat fie für eine Stellung in unferer religiöfen 
Darftellung? Das eigentlich mimifche Kunſtwerk ift der Tan 
im weiteren Sinne. Kann ber eine religiöfe Kunſtform fein? 
3a, denn wir finden bies in ben priefterlih religiöfen Aufzü- 
gen bes Heidentbums und auch des Judenthums. Sobald bie 
Mimif nicht mehr ausfchließend hervortritt, fondern nur ale 
bie Rede begleitend: fo ift fie auch nicht mehr felbftänbige 
Kunſt. Bei ung im evangelifchen Cultus fann die Mimik nur 
ale die Rede begleitend hervortreten und deswegen nur auf 
untergeordnete Weife, nicht in der eigentlihen Kunftform; doch 
weil die Rede die von der Bewegung begleitet ift, fünftlerifch 
R: fo mug in Analogie damit auch die begleitende Bewegung 
etwas gemeffenes befommen. Sowie die Mimif burch fich 
ſelbſt wirkſam fein will, geht ber eigenthümlich chriſtliche Cha- 
tofter verloren. Stellen wir bas Fatholifche neben ung: fo 
werben wir fagen, in ber Proceffion ift eine flarfe Neigung 
zum felbfländbigen Hervortreten der Mimik, weil die Rebe bier 
zuräfftritt. Das gilt au von ben fymboliihen Handlungen 
die einen wefentlichen Beftanbiheil des Meßkanons ausmachen, 
wo die Rebe die Thätigfeit des Prieflers ift und weil fie in 
fremder Sprache gehalten wird, die Aufmerffamfeit nur auf 
das mimifche dabei gerichtet if. Es ift alfo das eigenthüm- 
lie des evangeliſchen Cultus, daß das mimifche fih bloß auf 
bie natürliche Begleitung der Rebe befchränft und dag nur das 
mmwillführliche darin in gewifien Grenzen gehalten fein will; 
baher bei und bas fehlerhafte weit mehr in dem Zuviel als 
bem Zuwenig liegt; das Zumwenig fann man feinem anrechnen. 
Bir Haben große Nebner gehabt, die das Deinimum der Be— 
wegung hatten, wie Herder; das ift eine Eigenthümlichfeit des 


— 110 — 


Naturells, kein Fehler; dann bleibt von dem mimifchen nur 
die Mimik der Sprache felber, die Modulation des Tone, 
das nicht mehr getrennt werben Tann. Daher auch alle mi- 
mifhe Vorſchriften Die gegeben werben fünnen, nur negativer 
Natur fein dürfen, und fo auch in ber ausübenden Thätigfeit 
ſelbſt eigentlich das Bewußtſein davon ganz zurüfftreten muß. 
Kein evangelifcher Ehrift würde es aushalten fünnen, zu wif- 
fen daß ein Prediger beim Spiegel Die mimifchen Bewegungen 
ausgedacht habe; dies Bewußtfein Fönnte nur flörend fein, Wo- 
gegen wenn wir hören baß ein Fatholifcher Geiftliher feine 
Bewegungen einlernen muß, wir und nicht darüber wundern, 
weil fie dort am fombolifchen haften. Es giebt alfo eine Mi- 
mit der Geberden und der Stimme; die leztere kann nicht fo 
ausgefchloffen werben wie die erflere; würde man es thun: 
fo entflände daraus die Monotonie ohne Abwechfelung der 
Höhe und Tiefe, ohne Heben und Sinfen, eine völlige Bewe⸗ 
gungslofigfeit, aber in dieſer eine vollfommene Gleihmäßigfeit. 
Auf der anderen Seite giebt es eine Mannigfaltigfeit in bem 
Dewegungen ber Stimme, welde einen leidenf&haftlihen Cha- 
rafter hat. Es ift offenbar daß die religiöfe Rede als geifti- 
ger Act nicht Teidenfchaftlich fein fol; entweder wäre ber lei— 
denfchaftlihe Zuftand felbfi da im innern, ober das Außere 
wäre in feinem wirklihen Zufammenhange mit dem inneren: 
fo wäre die Einheit des Actes aufgehoben. Es giebt ferner 
eine Mannigfaltigfeit der Stimme, welde wir manierirt nen- 
nen, und welde aus einer ſchlechten Gewöhnung entfteht. Dies 
darf in einer religiöfen Rede am allerwenigften fein; es fezt 
voraus daß auf dieſes eine Aufmerkſamkeit an und für fid 
verwendet fei, und das ift gegen den Kanon ber KReufchheit. 
Was nun die Mannigfaltigfeit in ben Bewegungen der Stimme 
betrifft: fo finden wir fie fehr häufig, aber rechtfertigen wer- 
den wir fie nimmer, Es giebt freilich Menfchen für Die es 
natürlich ift monoton zu ſprechen; doch dies müſſen geiftig ganz 
unbewegte Menfchen fein und einen hoben Grad von Phlegma 
haben, Dieſes natürlihe Phlegma follte aber beim religiöfen 


— 11 — 


Arte durch das Intereffe am Gegenftande befeitigt werben; ift 
alfo die Monotonie nichts abfichtliches, fo ift ein Mangel an 
Intereffe vorhanden; die Monotonie ift alfo Fein natürlicher 
Zuftand auf biefem Gebiete. Das Intereffe an dem Gegen- 
Rande und an ber Auffaffung felbft bringt eine Bewegung in 
die Stimme; ber religiöfe Act ift allemal ein erregter, unb 
Begeifterung findet immer babei ftatt. Die Bewegung anderer 
Theile hangt nur auf untergeordnete Weife mit der Rede zu— 
ſammen. Es giebt ihrer Natur nach Teidenfchaftlihe Bewe— 
gungen, 3. B. diejenigen welche That werden wollen, 
die drohende Bewegung eines Zornigen: bie bürfen nicht ba 
fein, denn die religiöfe Mittheilung kann durch feine leibliche 
That unterflügt werben. Iſt bag aber ein natürlicher Zuſtand, 
baß einer abfolut bewegungslos fpriht? Das würbe ein Er- 
tem vorausſezen; benn die Erfahrung ergiebt dieſes, daß es 
einen Charakter giebt und zwar im großen, fo daß man ihn 
nahonell nennen kann, welcher ein flärferes Maag in Beglei- 
tung der Rede unabſichtlich hervorbringt, und einen anderen, 
weiber ein fchwächeres hervorbringt; eine gänzlihe Bewe— 
gungslofigfeit ſcheint Das unnatürlie zu fein, Außer benen 
welche That werden wollen, giebt e8 Bewegungen welche Aus- 
drukk find. Das ntereffe bringt ſchon eine Bewegung ber 
Gefihtszüge hervor, ein gänzlicher Mangel daran würde der 
Monotonie gleich kommen. Sowie einmal eine kurze Bewe— 
gung eingeleitet ift in dieſem Sinn, daß fie Ausdruff ift, fo 
verbreitet fie fi über den ganzen Körper, Durch die natio- 
nelfe und perfönliche Berfchiedenheit wird das Maaß beftimmt, 
Dazu giebt es noch eine conventionelle, deren Grenzen 
ſchwer zu finden find; das conventionelle ift bach nur eine 
Modification bes natürlichen. Haben wir nun wirkliche Gren⸗ 
gen gefunden? Den Teidenfchaftlichen Charakter haben wir aus- 
geihloffen; er ift etwas in einem höheren Grade Teiblicheg, 
weil feine Aeußerungen ſchon im Gebiete ber Tranfpiration 
und des Blutumlaufs Tiegen. Es giebt Fein Organ das fo 
geiſtig ik wie das Auge, und doch giebt es Bewegungen befs 


— 112 — 


felben welche aus dem Teidenfchaftlihen Zuſtande entfpringen, 
3. B. bei Zorn und Wollufl. Aus dem Gebiet der reli- 
giöfen Darftellung foll alfo alles leidenſchaftliche 
ausgefhloffen fein, und dies Tichere Princip wirb une 
weiter führen. 

Wenn wir nun weiter gehen: fo müffen wir fagen, Die 
Poeſie fol im Cultus nicht anders öffentlich erfcheinen als un- 
ter der Form des Geſanges. Der Gefang ift an der Rebe 
haftende Mufif, nicht felbftändig hervortretende. Nun finden 
wir bie Mufif ale Beftandtheil des Cultus urſprünglich nur 
um den Gefang zu leiten, im einzelnen auch felbftändig her— 
vortretend. Was follen wir der Muſik für eine Stellung im 
Cultus zufchreiben? Hier find bie Anfichten verſchieden. Bom 
Anfang der Reformation an hat man in einigen Theilen jede 
andere Muſik ald den Gefang vom Cultus ausgefchloffen, in 
anderen hat man fie zugelaffen. Daher fragen wir nun, wie 
groß kann die Differenz fein? Wollte man weiter gehen und 
den Geſang felbft aufheben: würde bag angeben? Wenn man 
die Mufif nicht nur zur Begleitung des Gefanges und in Be— 
ziehung auf den Gefang, fondern ganz felbfländig wollte auf- 
treten laffen: würde das gehen? Beides werben wir vernei= 
nen, wie wir ed auch in Praris nicht finden. Auch wo bie 
Mufif am meiften gilt, tritt fie nie felbfländig auf. Das Or— 
gelfpiel vor dem Geſang ift nur Einleitung des Gefanges, und 
ift ed mehr, fo ift das unrecht. Das Orgelſpiel am Ende bes 
Gottesdienſtes ift eigentlich Fein Theil des Cultus mehr, fon= 
dern eine freiwillige Zugabe, daher denn die Organiften auch 
oft Märfche fpielen. Gewiß hat bie Orgel eine befondere 
Verwandtiſchaft mit bem religiöfen, weil fie eine Menge Kün- 
fteleien abweift und ein ſtrenges Maaß von Birtuofität in fi 
felhft trägt, Die Anwendung einer zufammengefezten Inftru- 
mentalmufif ift vom Wefen des Cultus fehon entfernte. So 
finden wir, daß die Praxis nie aufgefommen ift, Muſik ohne 
Poefie zu haben. Dan hat religiöfe Poefie, und dann wird 
fie gefungen; ober man hat gar Teine, wie bei einigen Selten 


— 113 — 


in England. Es Tiegt fo nahe und hat das ganze Zeugniß 
der Gefhichte für fih, daß die religiöfe Erregung fih in ber 
Poeſie manifeftirt, und daß ed auch feinen anderen würdigeren 
Bortrag der Poefie giebt ald den Geſang. Diefe beiden Künfte 
werden ſich als zunächft an die Rebe anfchließen, das mimi- 
Ihe an die Profa, der Gefang an die Poefie. 

Wie fleht es nun mit ben bildenden Künften? Da 
haben wir die Malerei, die Plaftif oder Sculptur, und die 
Arhiteftur. Hier find wir aud wieder auf einem ftreitigen 
Gebiet mit der Malerei und Sculptur, weil einige fie zuge- 
Iaffen haben in bie Kirche, andere nicht. In Beziehung auf 
bie Architektur *) fleht die Sache anders. Wir können es 
offenbar nur anfehn als einen Mangel, wenn die religiöfen 
Berfammlungen im freien gehalten wurden. Bei den Metho— 
diften ſelbſt in England, wo bies noch if, ift es feine Maxime. 
Eine Menfhenmaffe verfammelt zu einem veligiöfen Zweff muß 
ein befonderes abgefchloffenes fein. Das fann fie im freien 
niht fein, zumal bei ung wo die Hauptfahe die Rede ift. 
Aber dazu bedarf es noch feiner Kunſt. Muß nun das Ge- 
bäude einen beftimmten Charakter baben oder nicht? Noth- 
wendig ift das leztere nicht; aber wenn fich eine religiöfe Ge— 
meinfhaft wit einer gewiffen Deffentlichfeit bewegt, fo wird es 
doch das natürliche fein. Das liegt darin: Es findet ein re= 
lativer Gegenfaz flatt zwifchen dem Hervortreten ber religiöfen 
Gemeinfchaft im Cultus und in dem gewöhnlichen Gefchäfte- 
leben. Diefer Gegenfaz foll im Bewußtſein firirt fein, und 
damit er firirt werde, ift es natürlich dag man wünfchen muß, 
es fei nichts vorhanden, was fo auf die anwefenden wirfe, daß 
fe ins Gefhäftsteben zurüffgeführt werden. Diefer Gegenfaz 
Andet auch ſtatt zwifchen dem Geſchaͤftsleben und den gefelli= 
gen Zufammenfünften. Daß der Raum für die religiöfen Zu— 
fommenfünfte einen anderen Charakter habe als die Räume 
die dem Gefchäfts- oder gefelligen Leben gewidmet find, hat 





) S. Beilage A. 25. 
Raltiſche Theologie. J. 8 


— 114 — 


hierin feinen Grund. Wir finden in diefer Beziehung eine 
entgegengefeste Tendenz in der evangelifhen Kirche. Die eine 
it mehr eine Freude an der Kunft und Pracht der Kirche ale 
ardhiteftonifhem Werfe, bie entgegengefezte ift das Streben 
nad) der größten Simplieität. In biefer Tezteren Anſicht giebt 
ed ein Extrem, Nirgends fol die Birtuofität hervorſtechen; 
welches bald in Dürftigfeit ausartet und einen niederdrüffen- 
den Eindruff macht, nämlich ben, daß man das Gefühl bat 
als ob ein Mangel an Werthfchäzung ber Sache bei der Eon- 
firuction vorgewaltet habe. Wir müffen alfo eine jede Kirche 
anfehen als ein Werk welches bie chriſtliche Gemeine aufge- 
führt habe und zwar in ber wichtigften Angelegenheit, und da 
verlangen wir daß die Freude fih darin zu Tage lege. Kir- 
hen aber in benen der größte Aufwand von arditeftonifcher 
Virtuofität ift, find gegen den Kanon der Simplicität. Etwas 
anderes ift e8 mit den großen Kathedralen; die waren das 
Centrum von firhliden Provinzen und zu gleiher Zeit des 
Kirchenregiments. 

Mit den bildenden Künſten iſt die Sache ſtrenger. 
Wir fragen, Was koͤnnen eigentlich Bildwerke in dem Cultus 
fein? Nur accefforiale Beftandtheile des Raums, Berzierun- 
gen, Ausfüllungen des Gebäudes, Auf den Eultus felbft kön⸗ 
nen fie feine Beziehung haben, fonft müßten fie wechſeln je 
nachdem bie Darftellung eine andere ift, müßten Decorationen 
fein. Sollen fie nicht mitwirfend fein in der Thätigfeit bes 
Cultus: fo find fie in Beziehung auf diefe nur indireet mil- 
wirfend indem fie Störungen verhindern. Ihre poſitive Be— 
ziehung ift die, bie in ber Beziehung auf den Raum liegt. 
Aus diefen beiden werben wir alles .conftruiren können was 
folhe Kunftwerfe in Beziehung auf die Kirche Ieiften Fönnen, 
und den Streit fchlichten oder und wenigſtens in bemfelben 
orientiren, wiefern dieſe Leiftung für überflüffig oder wün- 
ſchenswerth angefehen wird. Wenn ber Gultus eine folde 
Beſchaffenheit hat daß in einem großen Theil deffelben Einer 
überwiegend felbftthätig ift, die anderen empfangend: fo ifl 


— 15 — 


dies empfangend fein ein relativer Zuftand von Paffivitätz denn 
es geht doch eine gewiſſe Selbfithätigfeit hindurch, indem fich 
in den empfangenden eigene Gedanken erzeugen. Dies Tann 
mm in Mißverbältnig fein und kann die Empfänglichfeit flören, 
und das ift Die Zerftrenung, und es ift eine Aufgabe diefelbe 
abzuhalten. Das fol nun die Kunft deffen ber im Gultus 
jelbftthätig ift bewirken; aber nun fann die befondere Gedan- 
fenerzgeugung bedingt fein durch finnlihe Eindrüffe, und diefer 
Art von Zerfireuung fann bie Kunft des im Cultus felbfithä- 
tigen freilich nicht abhelfen. Daher ift es alfo die eigentliche 
unmittelbare Wirffamfeit der bildenden Rünfte, daß fie finnliche 
Eindrüffe veranlaſſen follen die jene Empfänglichkeit befördern, 
In dem Maaß als man folde Zerftrenung von finnlihen Ein- 
drüffen nicht erwarten kann, werben fie überflüffig fein; in 
dem Maaß als fie noch zu erwarten ift, wird der Mangel an 
Bildwerfen eine Unvollfommenheit fein. Das ift der Punkt 
worauf ed ankommt; aus ihm ift aber der Streit nicht geführt 
worden, fondern er bezog füh nur auf einen momentanen Zu— 
fand; man meinte, durch bie Bildwerfe werde bie religiöfe 
Verehrung derfelben erneuert. *) Jezt aber fönnen wir bie 
Sache niht mehr fo beurtheilen, fondern nah dem Princiy, 
In wie fern Fönnen die Bildwerfe nüzlih fein um ber Zer- 
freuung entgegen zu arbeiten? Es ift ein Zeichen größerer 
Bolfommenheit, wenn fie unnüz find; das zeigt daß das reli- 
giöfe Intereffe flarf genug ift um durch den Cultus felbft feft- 
gehalten zu werben und daß feine finnlichen Hülfgmittel mehr 
nothwendig find; und es ift ein Zuſtand wonach man fireben 
muß, dag die Bildwerfe von diefer Seite überflüflig werben. 
Run haben fie auch eine pofitive Wirkung, die aber bezieht 
fh nur auf das religiöfe Gebäude. Dies Gebäude fol nit 
nur feinem Zwekk angemeffen fein, ſondern ihn auf eine be- 
ſtimmte Weiſe ausdrüffen. Nun ift offenbar dag Bildwerfe 
in großen Räumen natürlihe und überall vorfindliche Erfchei- 


) S. Beilage A. 15. 
5% 





- 16 — 


nungen find, Soll nun ein religiöfes Gebäude Verzierungen 
haben oder niht? Es laſſen fih bloß ſymboliſche BVerzierun- 
gen denken, die den Zwekk bed Gebäudes ausdrükken; aber fte 
werden nur von einigen verftanden werben und da ihren Zwekk 
erreichen. Es wird alfo immer der Raum bleiben für bie 
Bildwerfe ald Verzierungen des Gebäudes, die den Charakter 
bes Gebäudes auf das beftimmtefte ausdrüffen. Die Archi— 
teftur kann nur das Maaß befiimmen fe nachdem die innere 
Conftruction bed Gebäudes if. Es ift fein Grund bazu ba 
die Bildwerfe in den religiöfen Gebäuden auszufchließen, und 
wird dies Sache des Gefchmaffes befondere des arditeftoni- 
fhen fein, und aud eine Sade des Bebürfniffes, den Raum 
fo einzurichten, daß wenn bie übrigen Zwelfe erreicht werden, 
auch folhe Verzierungen möglich find. Als dogmatiſche Sache 
oder als Berfaffungspunft kann man weber das eine noch das 
andere ausfprehen. Die richtige Praris wäre die Annahme 
von guten Werfen der Runft; es befteht wo einmal Gemälde 
in der Kirche zugelaffen werben, die entgegengefezte Praxis; 
benn ein jeder mittelmäßige Künftler will eins feiner Geiſtes⸗ 
finder Doch probueiren, und fo ſchenkt er es den Kirchen, durch 
welche Tiberalität fih denn die ſchlechten Gemäldefammlungen 
in den Kirchen vermehren. 

*) Nun find wir auf dem Punft wo wir in dem Gebiet 
der redendben Künfte, zu denen wir ung nun wenden, den 
Gegenfaz zwifhen Poefie und Profa aufnehmen müffen. 
Daß die redende Kunſt das Centrum des Cultus ift, ift Har; 
wäre es nicht, jo müßte man die fymbolifhen Handlungen 
Dazu erheben, Denn ein Drittes ift nicht möglih. In der ne= 
gativen Behauptung, bie Rebe fei nicht bas Centrum, liegt 
doch immer das pofitive, daß die fpmbolifhen Handlungen das 
Centrum bilden; und das ift eine fatholifche Anficht. Die Rede 
it alfo das Centrum des Cultus; allein dies fann nur von 
ber Rebe im weiteften Sinn gelten, wo Profa und Poeſie 


*) ©. Beilagen A. 15. 16. B. 14. 


— 17 — 


darunter begriffen find. Verhalten fie ſich gleich oder ungleich? 
oder iſt das Verhältniß ein zufälliges? Da tritt noch dieſe 
Betrachtung ein, Sind auch beide gleich ſehr Kunſt oder nicht? 
Nämlich wenn wir ung zwei Fälle als möglich denken, ber 
eine: zu entjcheiden, bie Profa wäre das Gentrum, bie Poefie 
Nebenſache; der andere: die Poeſie wäre Hauptfache, Die Profa 
fönnte nur Erläuterung ber Poefie fein: dann wäre die Sade 
anders je nachdem man behauptet, die Proſa fei fein Gegen- 
Rand der Kunft, fondern nur die Poeſie. Sezt man dann da- 
bei die Profa als Centrum: fo ift aller Cultus nur Neben- 
ſache; die Haupiſache ift dann nicht eine darftellende Mitthei- 
fung, fonbern irgend ein Gefchäft. Anders ift es wenn man 
die Poeſie ald Centrum anfieht, oder zugiebt daß bie Profa 
Gegenſtand ber Kunft fei: dann bleibt der Cultus weſentlich 
ein Kunſtproduct. Es ift eine herrfchende Anficht, die Haupt: 
fahe des Eultus fei das Lehren; bies iſt ein Gefchäft, und Die 
didaktiſche Profa kann am menigften als Kunft angefeben wer- 
ben: aus bemfelben Grunde aus welchem man gezweifelt hat 
ob bie didaktische Poefie Poeſie fei, weil die Kunft bem Ge- 
haft untergeordnet if, Nun wird es darauf anfommen un- 
fere bisherige Borausfezung, ber Cultus fei Fein Gefchäft fon- 
bern eine veligiöfe Vereinigung zur mittheilenden Darftelung, 
hier zu rechtfertigen. Das beläuft fih aber auf die Frage, 
was ber Unterſchied ift zwifchen Profa und Poeſie? Das Sil- 
benmaaß ift bad was zuerft entgegentrittz aber offenbar ift 
es etwas ganz Außeres, und es ift auch nicht einmal etwas 
allgemein gültiges, denn es fommt babei auf bie befondere 
Beichaffenheit der Sprache an. Sf die Sprache von ber Art 
daß der Unterſchied zwifchen gemeffenen und in ihrer Dignität 
fih verlaufenden Silben fehr hervorgehoben werden fann: fo 
Tann etwas Silbenmaag haben und dem äußern nad poetifch 
fen, wenn es auch nichts firophifches hat, Kann bie Sprache 
es niht: fo wird man auch jenes nicht fagen fünnen. Ein 
griehifher Dithyrambus oder eine Epode aus einem Chor, 
bie nichts correfponbirendes hat, ift vollommen metrifch, weil 


— 118 — 


bie Silben vollfommen gemeffen find; wenn wir aber folde 
Poeſie vortragen follen wobei feine Wieberfehr bes Silben- 
maaßes zu Hülfe fommt, fo find wir nicht im Stande das 
Metrum hervorzuheben. Man fann nit auf gleichmäßige 
MWeife fagen, daß das Silbenmaaß die Äußere Form ber Poefte 
fei. Wir müffen daher verfuchen einen inneren Charakter 
aufzufuchen. Die Sprache befteht aus Wörtern, und die Wör- 
ter gehen aus ben einzelnen Gedanfenelementen hervor. Sind 
fie alle von gleihem Gehalt oder nicht? Sind fie es nidt: 
fo würbe diefe Ungleichheit die Begründuug eines Gegenfazes 
in der Behandlung der Sprache felber fein fönnen. Aber bie 
Wörter find nicht alle von gleihem Gehalt, und zwar in Be- 
ziehung auf ihr VBerhälmig zum Denfen. Was dem Worte 
zunächſt entfpricht ift der Begriff oder die Vorſtellung. Die 
Borftellung felber ift ein ſchwankendes; überall ift fie eine 
Identität des allgemeinen und befonderen, aber das fann fie 
in fehr verfchiedenem Maaße fein: je mehr das befondere ber- 
vortritt, deſto mehr nähert fie fih dem Bilde; je mehr das 
allgemeine bervortritt, defto mehr nähert fie fih der Formel, 
wo das befonbere verfchwindet. Das find die beiden Extreme 
ber Borftellung, und werben wir es ald Gegenfaz aufftellen 
fönnen. Mathematiſche Säge, wenngleich fie nur in Bilder: 
realifirt werben fönnen, haben doc die größte Annäherung zu 
Formel, weil der Gegenſtand immer in feiner Allgemeinhei 
behandelt wird; und nun werden wir fagen fönnen, daß daı 
Hervortreten der Annäherung an das Bild, wenn wir es alı 
ein Minimum fezen, immer in ber Spradhe das Gebiet de 
Poeſie bezeichnen wird, und das Hervortreten der Annäherun 
an bie Formel, ald Marimum, das Gebiet der Profa bezeich 
nen wird, Aber der Gegenfaz ift fein abfoluter, und es kan 
Punkte geben wo ſchwer zu entfcheiden ift ob Profa oder Poefi 
gefezt fei. Daß derfelbe Gegenfland auf eine poetifche un 
profaifhe Weife behandelt werben fann, ift far. Ein Ge 
Ihichtichreiber und ein Dramatifcher Dichter kann benfelben Ge 
genttand behandeln, ber eine profaifh, ber andere poetifd 


m. 


— 119 — 


Es finnen aber in ber Gefhichtfchreibung Stellen vorkommen 
w Streit über Das poetifhe iſt; man wird jeboch nie irren 
ider den allgemeinen Charakter des Werkes, fonft würde es 
ein verfehrtes fein. Können wir nun hieraus etwas fchließen 
ai das Verhältniß in welchem diefe beiden entgegengefezten 
Behandlungen der Sprade im Qultus fiehen? Das eigent- 
liche Weſen deſſelben befteht in der Darftellung ber religiöfen 
Momente, aber diefe Darftellung müffe zugleih Mittheilung 
fi. Wie wird fih dies verhalten? Sehen wir bloß auf 
bie Darflellung: fo kann ber einzelne das religiöfe Moment 
darſtellen als etwas in ihm, oder auf eine allgemeine objec- 
tive Weiſe. Das erfle würde immer bie Darftellung feiner 
eigenen Zuftände als folcher fein, da müßte Das befondere do— 
miniren und diefe Darftellung müßte poetifch fein; das zweite 
müßte eben fo nothwendig profaifh fein. Können wir nun 
fagen, daß eins oder das andere nothwendig dominiren müßte, 
und daß dem einen vor dem anderen die Gentralftellung ge- 
büsre? *) Das werden wir nicht fagen; aber was aus bem 
Begriff hervorzugehen fheint, ift doch gegen das Refultat ber 
Erfahrung, und wir müffen fehen, welches wir aufgeben wol- 
Ien, die Erfahrung oder die Erfennmiß, wenn ſich beides nicht 
vereinigen läßt, Die religiöfe Rebe tritt profaifh heraus; 
wenn der Rebner das religiöfe Dioment nicht darftellt als fein 
eigenes, fo ift es Feine religiöfe Rede mehr; wir verlangen, 
ed fol das befondere dargeftellt werben, aber unter ber Form 
die der Darftellung bes allgemeinen gebührt. Wir haben die 
religiöfe Poefie neben der Rede, aber babei verfchwinbet ber 
Berfaffer ganz und gar, und wird das religiöfe Moment nicht 
als das eines beflimmten einzelnen bargeftellt; da haben wir 
die poetifche Korm, aber bei einem Inhalt der nad der Er- 
Hörung ſchien die profaifhe Form zu erfordern. Die Sade 
iR die: Der religiöfe Rebner will und foll die religiöfen Mo- 
mente als feinen eigenen Zuftand barftellen, aber nur wiefern 


9 S. Beilage A. 11. 





— 118 — 


bie Silben vollfommen gemeffen find; wenn wir aber folde 
Poeſie vortragen follen wobei feine Wiederkehr des Silben— 
maaßes zu Hülfe kommt, fo find wir nicht im Stande das 
Metrum hervorzuheben. Dan fann nit auf gleichmäßige 
Weife fagen, daß das Silbenmaaß die äußere Form ber Poefe 
fei. Wir müffen daher verfuhen einen inneren Charakter 
aufzufuchen. Die Sprade befteht aus Mörtern, und die Wör- 
ter geben aus ben einzelnen Gedanfenelementen hervor. Sind 
fie alle von gleichem Gehalt oder nit? Sind fie es nidt: 
fo würde diefe Ungleichheit die Begründuug eines Gegenfazes 
in der Behandlung der Sprade felber fein fönnen, Aber bie 
Wörter find nicht alle von gleichem Gehalt, und zwar in Be— 
ziehung auf ihr Verhälmiß zum Denken. Was dem Worte 
zunächft ontfpricht iſt der Begriff oder bie Vorftellung. Die 
Borftelung felber ift ein ſchwankendes; überall ift fie eine 
Identität des allgemeinen und befonderen, aber das Tann ſie 
in fehr verſchiedenem Maaße fein: je mehr das befondere her- 
portritt, deſto mehr nähert fie fih dem Bilde; je mehr das 
allgemeine herportritt, befto mehr nähert fie fih der Formel, 
wo bas befondere verſchwindet. Das find bie beiden Extreme 
ber Borftellung, und werben wir ed als Gegenfaz aufitellen 
fönnen. Mathematiſche Säge, wenngleih fie nur in Bildern 
realifirt werden fönnen, haben doch bie größte Annäherung zur 
Formel, weil der Gegenftand immer in feiner Allgemeinheit 
behandelt wird; und nun werben wir fagen fünnen, daß bas 
Hervortreten der Annäherung an das Bild, wenn wir es ale 
ein Minimum fezen, immer in der Sprache das Gebiet ber 
Poeſie bezeichnen wird, und das Hervortreten der Annäherung 
an die Formel, als Marimum, das Gebiet der Profa bezeich- 
nen wird. Aber der Gegenfaz ift Fein abfoluter, und es kann 
Punkte geben wo ſchwer zu entfcheiden ift ob Profa oder Poeſie 
gefezt fe. Daß derſelbe Gegenftand auf eine poetifche und 
profaifche Weife behandelt werden fann, ift Har. Ein Ge: 
fhichtfchreiber und ein dramatifcher Dichter fann denfelben Ge— 
genftand behandeln, der eine profaifh, ber andere poetifd« 


— 119 — 


Es fönnen aber in der Geſchichtſchreibung Stellen vorfommen 
wo Streit über das poetifche iſt; man wird jedoch nie irren 
über den allgemeinen Charakter bes Werkes, fonft würbe es 
ein verfehrtes fein. Können wir nun hieraus etwas fchließen 
auf das Verhältniß in welchem dieſe beiden entgegengefezten 
Behandlungen der Sprache im Cultus fiehen? Das eigent- 
liche Weſen deffelben beftebt in der Darftellung der religiöfen 
Momente, aber dieſe Darftellung müſſe zugleih Deittheilung 
fein. Wie wird fi dies verhalten? Sehen wir bloß auf 
die Darftellung: fo fann der einzelne bag religiöfe Moment 
barftellen als etwas in ihm, oder auf eine allgemeine objec- 
tive Weile. Das erfie würde immer die Darftellung feiner 
eigenen Zuftände als folcher fein, da müßte das befondere do⸗ 
miniren und diefe Darftellung müßte poetifh fein; das zweite 
müßte eben fo nothbwendig profaifch fein. Können wir nun 
fagen, daß eins oder das andere nothwendig dominiren müßte, 
und daß dem einen vor dem anderen die Gentrafftellung ge— 
bühre? *) Das werden wir nicht fagen; aber was aus dem 
Begriff hervorzugehen fcheint, ift Doch gegen das Refultat ber 
Erfahrung, und wir müffen ſehen, welches wir aufgeben wol- 
len, bie Erfahrung oder die Erfennmig, wenn füch beides nicht 
vereinigen läßt, Die religiöfe Rede tritt profaifh heraus; 
wenn ber Redner das religiöfe Moment nicht darftellt als fein 
eigenes, fo ift es Feine religiöfe Rede mehr; wir verlangen, 
es fol Das befondere dargeftellt werben, aber unter ber Form 
bie ber Darftellung bes allgemeinen gebührt. Wir haben bie 
religiöfe Poefie neben der Rebe, aber dabei verſchwindet ber 
Berfaffer ganz und gar, und wirb das religiöfe Moment nit 
als das eines beftimmten einzelnen dargeftellt; da haben wir 
bie poetifche Form, aber bei einem Inhalt der nad der Er- 
klärung ſchien bie profaifhe Form zu erfordern. Die Sade 
it die: Der religiöfe Redner will und fol die religiöſen Mo— 
mente als feinen eigenen Zuftand barftellen, aber nur wiefern 


*) 5. Beilage A. 17. 


— 190 — 


fie übereinflimmend find mit der objectiven Allgemeinheit ber 
befonderen religiöfen Form in ber religiöfen Gemeinfchaft, und 
deswegen fann dba nur die profaifhe Form hervortreten. Der 
religiöfe Dichter, wenn er für den Cultus bichtet, kann Die re— 
figiöfen Momente barftellen als wirkliche Zuftände: aber es 
follen ſich dieſe Darftellungen alle aneignen fünnen, und des⸗ 
wegen fann der einzelne ber Urheber der Darftellung if, ver- 
ſchwinden; aber die poetiſche Form iſt nothwendig, weil fie bie 
beflimmte Anregung erfordert. Wenn wir auf den Unterfchied 
der Darftellung und Mittheilung fehen, fo verfhwindet ber 
Widerſpruch. *) 

Die Profa liegt der Wiffenfchaft näher ale die Poefte, 
aber auch in rebnerifhen Compoſitionen find poetifhe Einzel- 
heiten nicht ganz zu vermeiden. Würden bie wiffenfchaftlichen 
Ausdrüffe dominiren: fo würde fie nicht mehr Rede, fondern 
Differtation fein. Beides was wir bis jezt betrachtet haben, 
ericheint ung als ein ſpäteres. Es hat einen hriftlihen Eul- 
tus gegeben ehe ed ein bogmatifhes Syſtem gab und man 
entbehrte alſo des wiffenfchaftlihen Spradelemented, Es gab 
einen chriſtlichen Cultus ebe es eine chriſtlich religiöfe Poefte 
gab; es gab freilich die Poeſie des A. T., die mit überging: 
doch muß es im Cultus überwiegend ein anderes Element 
gegeben haben woraus ſich die eigentliche chriſtliche Poeſie 
geſtaltete. 

**) Dasjenige Sprachgebiet welches die wiſſenſchaftlichen 
Ausdrüffe conſtituirt, iſt das Eigenthum einer gewiſſen Klaſſe; 
die poetiſche Production und Sprache ebenfalls. Die ganze 
Maſſe iſt es an welche der Cultus ſich richtet und von welcher 
bie Compoſition aufgenommen werben ſoll; in dem Gebiet wel- 
bes fhon Eigenthum der Maffe ift muß der Kern liegen, und 
bas ift das vollftändige, fo daß die Maffe mit Reichtigfeit auf: 
nehmen fann. Doch dagegen ift wahr daß diefe Mittheilungs- 
weiſe das Mittel «ft woburd bie poetifchen und wiſſenſchaft⸗ 


) E. Beilage A. 15. ”) S. Beilage B. 15 — 17. 


— 121 — 


lichen Sprachelemente Eigentbum der Maffe werben, unb fo 
die Erweiterung des Spracdelements eintritt; und das ift bie 
andere Seite, welche niemals überjehen werben barf, Wir 
müflen den Gefammtzuftand ber religiöfen Gemeine erwägen, 
Die wiffenfchaftlihe Sprade ift dag Nefultat des Titerarifchen 
Verkehrs und erft in einem folchen geworden, aber nicht ein 
ausſchließliches Eigenthum der wilfenfchaftlich gebildeten und 
auh nicht ber ganzen Maſſe; fondern aus diefem Titerarifchen 
Berfehr nimmt die Maffe einen ungleichen Antheil, Es bür- 
fen alfo die Sprachelemente nicht ganz und gar dem wiffen- 
ſchaftlichen Spradgebiet angehören; man foll fih vor ber 
Büherfprahe hüten, Im Tebendigen Verkehr giebt es Die 
Sprahe worin fih die Mafle des Volkes bewegt; die andere 
iR die Bücherſprache, das ift die derjenigen Volksklaſſe welche 
vom Titerarifchen Verkehr tingirt ift und auch zum Gegenftand 
ihres gefelligen Verkehrs die Literatur mehr oder weniger macht. 
In der erften, der eigentlichen Volksſprache giebt es fein reli- 
giöfes Sprachgebiet, das Chriſtenthum ift für alle gegenwärti= 
gen europäifchen Reihe auch eine intelleetuelle Miſſionsanſtalt 
gewejen. Diejenigen welche das Chriftenthbum unter das Volk 
gebracht haben, famen immer aus dem Kreife der wiffenfchaft- 
Iihen Bildung; fo ward das Chriftenthum volksmäßig. Die 
religiöfe Sprache ift alfo entftanden aus dem höheren Sprach— 
gebiet, und in der eigentlichen Volksſprache ift fie immer etwag 
was bie Verbindung mit dem höheren und niederen vermittelt, 
Je mehr das Volk noch ganz in den Idiomen lebt, befto ſchwie— 
riger ift der religiöfe Verkehr, defto weniger werden wir den 
Geiſtlichen an allgemeine Regeln binden fünnen, Es ift offen- 
bar daß je mehr wir und das Volk oder die Gemeine auf ber 
Stufe des provinciellen denken, defto mehr ift ihnen zugleich 
fremd was dem wiffenfchaftlichen Sprachgebiet angehört. Dar- 
aus entfteht eine gewiffe Entgegenfezung zwiſchen dem Sprad- 
gebiet in der religiöfen Compofition und dem theologifchen. 
Wir muthen der religiöfen Mittheilung zu, daß fie dazu bei- 
tragen foll das Volk auf jenes allgemeinere Gebiet zu ver- 





— 12 — 


fezen; wir haben eine zwiefache Function, melde fih in der 
Thätigfeit des Religionslehrers findet: die eine, daß er ſich 
berabläßt; Die andere, daß er die Mafle feiner Zuhörer er- 
bebt; beide repräfentirt in der Mittheilung. Er muß fo weit 
entfernt fein von der Wiſſenſchaftlichkeit als nothwendig iſt da⸗ 
mit die Mittheilung realiſirt werde; aber er muß auch wieder 
fo weit ſich unterſcheiden von ber Volksſprache daß die Zu— 
hörer allmählig dadurch in ein höheres Sprachgebiet hinein— 
gezogen werden. Die Aufgabe iſt allerdings ſchwierig, und 
wirklich unmöglich zu leiſten wenn uns nicht zwei Umſtände zu 
Hülfe kämen: der eine die Volksmäßigkeit der Bibel und deſ— 
fen was fih an fie anſchließt, der religiöfen Volksbücher, denn 
Dadurch wird zuerft außer ben religiöfen Borträgen ſich ein 
lebendiger Zufammenhang zwifchen dem Bolf und biefer bö- 
heren Sprache erhalten; zweitens der Zufammenhang bes 
Bolfsunterrichtes in der Schule mit der Kirche. Die Sprache 
ber deutſchen Bibel und der religiöfen Volksbücher bie wirk— 
ih ſolche find, iftı das Fundament der religiöfen Sprade, weil 
die Borausfezung gilt, daß diefe Sprache dem Volk verftänb- 
lich fei. Für die religiöfe Volksſprache ift Die Sprade unferer 
Iutherifhen Bibel die eigentlihe Fundgrube, Innerhalb ber 
bibfifhen Sprade giebt e8 eine große Auswahl; einiges neigt 
fih zum dogmatifhen bin, unendlich viel liegt auf der Seite 
der bildlihen Darftelung. Auch braucht man nicht buchftäblich 
an eine Stelle fi) zu halten, fondern ein Spruch ift wie eine 
Saite: fo bald man daran fchlägt, tönt ed wieder; und fo 
fnüpft fih ein ganzer Zufammenhang daran. Man hat bie 
Schwierigfeit des biblifhen Sprachgebrauchs eingewandt; Died 
ift unfer eigener Fehler; denn wenn gleih im N. T. Anflänge 
und Ausdrüde aus dem A, T. vorfommen: fo muß man biefe 
lebendig erhalten und in ihrer vechten Bedeutung anſchaulich 
machen, fo daß die Chriften feinen todten Buchſtaben fondern 
einen reihen Schaz von Anfchauungen haben. So ift das re- 
ligiöfe Sprachgebiet zu organiftiren, daß es immer Iocalgeredht 
fei und daß bei allen Localdifferenzen die Beziehung auf das 


— 123 — 


gemeinfame Fundament die Hauptfache fei. Der Geiftliche re⸗ 
präfentirt zugleich das Gebiet der Kunft und der Wiſſenſchaft, 
und bie Gemeine beftebt im Bergleih mit ihm aus Laien. 
Fuͤr folhe, fich des relativen Gegenfazes bewußt, fol er reden. 
Denken wir und eine Gemeine bie überwiegend aus gebildeten 
befteht: fo Scheint der Gegenſaz Null zu werben. Doch nie 
wird ber Geiftliche eine Gleichheit haben rükkſichtlich feiner 
wiffenfchaftlichen Dignität, und das Verläugnen biefer wird 
immer das Herablaffen fein. Im wiſſenſchaftlichen Tiegt zu= 
gleih die Fertigfeit einem jeden gegebenen Zufammenhang ei- 
ner Rede zu folgen; bies können wir auch bei der gebildeten 
Kaffe nicht annehmen. Der Geiftliche iſt ſich beftimmt feiner 
Sertigfeit bewußt, zu dieſer hat er feine Zuhörer zu erheben. 
Volksmäßigkeit in Beziehung auf die religiöfe Spracde ift alfo 
die Kenntniß besjeniges Sprachgebietes in welchem er in ber 
Identität mit der Gemeine verfiren fann. Diefed richtig zu 
fennen und Feine fremden Elemente zu gebrauchen ift Die wahre 
Hopularität. Alles plebeje und gelehrte und dem litera- 
riſchen Verkehr ausfhlieglih angehörende ift augsgefchloffen, 
und zwifchen dieſen Tiegt das religiöfe Sprachgebiet und ber 
Drt deſſen was für Die Gemeine populär ift, welche Beftim- 
mung fi) aber wieder nad dem populären Charakter richtet. 
Es giebt hier fehr bedeutende Schwankungen die in ber Natur 
ber Sache Liegen; es giebt Zeiten wo das eigentliche theolo- 
giſche Gebiet und das Volksleben ganz gefondert find; es giebt 
aber auch Zeiten wo Die theologifchen Streitigfeiten in bie 
Maffe eindringen: dann berühren fich die wiffenfchaftlichen und 
populären Spracgebiete, dann werben fonft wiflenfchaftliche 
Ausdrüffe populär, das Titerarifche Verkehr tritt als Vermittler 
ein. Nur bedarf diefer Zuftand einer fehr behutfamen Be— 
bandfung; in fo aufgeregten Zeiten verftehen ſich auch die bei- 
den Klaſſen felten, es entftehen manderlei Schwierigfeiten in 
Beziehung auf das wiffenfchaftlihe Sprachgebiet und die po- 
puläre Beredſamkeit. Es ift fehr ſchwer in biefen aufgeregten 





— 124 — 


Zuſtand ſo einzugreifen daß die Mißverſtändniſſe nicht ver⸗ 
mehrt ſondern verhütet werben. 

Es fragt ſich nun, Verhalten ſich die Formen der 
religiöſen Mittheilung gleich oder verſchieden? Ver— 
halten fie ſich gleich: ſo müßten wir alles über dieſen Gegen— 
ftand zu fagende hier ſchon vorausſchikken; verhalten fie fich 
gerfchieden: fo müflen wir eine jede in Beziehung auf bie be— 
fondere Form befonders abhanden. Wir werden es natürlich 
finden daß die Profa im liturgiſchen Element eine große 
Annäherung hat an das wiffenfchaftlihe Element der Sprade, 
weil fie den eigenthümlichen Charakter der beflimmten Kirche 
in ihrer Differenz von anderen ausdrükken fann. Das fann 
nit anders gefchehen ald durch folhe Elemente, weil durd 
einen auf die Wiflenfchaft appellirenden Streit bie Differenzen 
ber Kirche unfprünglich find feftgefezt worden. Im Liturgifchen 
Element ift die Beziehung auf den Charakter der Confeſſion 
und alfo die Repetition der Gonfeflionsformel etwas in ber 
Natur der Sache gegebeneds, Dem muß ein milderndes auf 
ber anderen Seite enigegentreten, und da wird natürlich fein 
daß in demfelben Element fih die Proſa ber Poeſie nähert, 
was im Gebet *) an feiner Stelle fein wird, eben fo wie 
bas Gebet den Eharafter der rveligiöfen Rede im Element in 
fih tragen muß, und ba ift ein Gegenfaz in Beziehung auf 
bas Element auf beiden Seiten. Wir haben nun ein Gan— 
zes das wir durch enigegengefezte Endpunkte firiren fönnen 
wenn wir die profaifhen Productionen in einer Reihe denfen 
wollen. Den einen Endpunkt bildet was Confeſſionsformular 
it und am meiften bei dem Sacrament vorkommt. Diefe find 
die lebendige Erhaltung ded Moments aus dem die Kirchen- 
gemeinfchaften entftanden find; da ift das meifte verweilend 
bei dem ftrengen Begriff. Der entgegengefezte Punkt iſt die 
Predigt, die religiöfe Rebe: in diefer foll das unmittelbar re- 
ligiöfe Bewußtſein des redenden zur Anfchauung gebracht wer- 


) S. Beilage A. 18. 


— 135 — 


den; der Begriff ift nur Darftellungsmittel, und es wirb hier 
die Lebendigfeit und Anfchaulichfeit dadurch begünftigt daß der 
Begriff mehr nad der Seite des Bildes hin Liegt. 

2) Nun find nicht die Worte allein Elemente, fondern auch 
bie Säze, und in biefen findet fih wieder ein Gegenfaz ber 
tinfahen Säze und der Perioden. Denken wir und 
eine Rede aus einfachen Sägen, eine andere aus Perioden be= 
ſtehend: fo bilden beide einen ftarfen Gegenfaz; aber auf un- 
ferem Gebiet ift beides eigentlich nicht das richtige. Man hat 
gewöhnlich die Anficht, der einfahe Saz wäre populär, bie 
Periode unpopulär, weil fhwer aufzufaffen. Fragt man, Was 
if Teichter aufzufaffen, dieſelbe Reihe von einfachen Sägen in 
einer Periode oder nur nebeneinander geftellt: fo ift offenbar 
das erſtere leichter, denn in ber Periode ift dag Verhaͤltniß 
der Säge zu einander ſchon gegeben; in dem andern Ball muß 
es der Zuhörer fih erft conftruiren. Beides ift in jeder Rede 
wefentlih und feine darf nur aus einem und bemfelben Ele— 
ment zufammengefezt fein. Daß eine Rebe die aus lauter 
großen Perioden befteht, dadurch ſchwerfällig iſt, ift offenbar. 
Die Nachconſtruction der Periode ift etwas wobei man aus 
ruben fann. Der Werth der Periode ift dag fie den Zufam- 
menhang giebt. Je mehr Werth auf den Zufammenhang ge= 
legt wird, defto mehr muß bie Periode hervortreten. Der ein- 
fahe Saz ift Flarer für bie Auffaffung des einzelnen, und je 
mehr dies gefucht wird, defto mehr muß der einfache Saz do— 
miniren. Hieraus beftimmt fih das Verhältniß beider in Be— 
ziehbung auf jene beiden Theile für das Titurgifehe Element und 
das der freien Compoſition. Im Titurgifhen Element fofern 
es den Charakter der Eonfeffion ausdrüffen fol, muß ber ein- 
zelne Sa; das hervortretende fein; benn den Complexus bie- 
fer einzelnen Säze darzuftellen ift der Wiffenfchaft eigen. Das 
Gebet wird in Perioden gefaßt fein müffen, weil wenn Gott 
angerebet wird, nur der innere Zuftand kann bargeftellt wer- 
ben, und ba ift die Zufammenfaffung Hauptfache, 


) ©. Beilagen A. 21. B. 18. C. 33. 


— 1 — 


Nun werden wir im Stande fein zu der organifhen 
Betrachtung des Cultus überzugehen, 


2) Organismus des Cultus. 


indem wir unfere organifche Betrachtung des Cultus an= 
ftellen, müffen wir ihn als ein Ganzes betrachten in welchen 
alle Theile nach einer innern Nothwendigfeit, die bier freilich 
nur die der Freiheit fein kann, zufammengehören. Ein ſolches 
ganzes ift ein Organismus, wo bie Selbftändigfeit bes einzel- 
nen und bie Einheit des ganzen in folhem Wechſelverhältniß 
fteben daß jedes das andere bedingt und voraugfezt. Unmög- 
lich fünnen wir gleich mit der Behandlung der einzelnen Theile 
anfangen, indem das einzelne in feiner Beichaffenheit vom gan 
zen abhängig if. Am beften werden wir uns erfi eine An- 
fiht vom ganzen verfhaffen müffen. 

Hier entfteht zuerft die Frage, Was ift denn eigent- 
lich Das ganze was wir zu betrachten haben, und wodurch 
ift es ein ganzes? Jedes einzelne womit wir die DBetrach- 
tung anfangen Fönnten, iſt auch wieder ein ganzes wie in ei- 
nem jeden Organismus, und alles was wir als ganzes be= 
trachten Fönnen, ift in anderer Hinficht ein Theil, bis wir auf 
eins kommen das Fein Theil mehr if. Die hriftlicde Kirche 
ift ein gefchichtlich fi) entwiffelndes; jeder Zuſtand iſt ein 
Theil diefer Entwiffelung; das Ganze ift nur im vollendeten 
gefhichtlihen Verlauf. Nun ift der Eultus das Heraustreten 
bes gemeinfamen Lebens in die Erfcheinung; wenn das ganze 
vollendet ift im ganzen gefchichtlihen Verlauf: fo ift der @ul- 
tus nur ein ganzes wenn wir die ganze Succeflion vom An— 
fang der- Kirhe an zufammennehmen. Dies ganze aber Tiegt 
jenfeit8 unferer Conftruction, weil e8 nicht gegeben iſt; es find 
nur bie Theile des jezigen Zeitverlaufes gegeben. Die Eon- 
firuetion unferer Theorie können wir nicht bid zur Darftellung 
biefes Ganzen bringen, wir müffen bei etwas ftehen bleiben 
was in Bezug auf das Ganze Theil iſt. Dies kann fih auf 


— 17 — 


geitliches und räumliches beziehen. Das räumliche ift ung fchon 
begrenzt durch unfere Anfiht aus dem. Standpunft der evan- 
gelifhen Kirche; darin Tiegt auch ſchon das zeitliche jelber, daß 
wir feine Darftellung haben für die totale Entwikklung; denn 
wir müffen vorausſezen daß die Zeit kommen wird wo bie 
Differenz zwifchen der katholiſchen und evangelifchen Kirche 
aufhört. Bleiben wir biebei ftehen, fo müffen wir fragen, 
Sieht ed nicht im ganzen Zeitverlauf etwas was als ein fi 
felber gleiches in den verfchiedenen Theilen des Zeitverlaufes 
wiederfehrt und als ein ganzes gegeben iſt? Das finden wir 
zum im jährlichen Cyklus, wie der Gottesdienft eines Jah: 
red aus dem Gegenfaz der gewöhnlichen Firchlihen Berfamm- 
lungen und der in jedem Jahreslauf fi wiederholenden rift- 
lichen Feſte beſteht. Das bildet ein ganzes, und abftrahirt von 
dem was fich durch die fucceffive Befchaffenheit daran ändert, 
if e8 das was das größte ift und was wir fuchen müflen 
richtig zu conſtruiren. 

Es kommt darauf an, daß wir ben Gegenſaz ſelbſt ver- 
Reben, und zwar nicht nur als ein gegebenes, fondern auch 
daß wir ihn in feiner Natürlichkeit conftruiren köͤnnen. Da 
müffen wir auf etwas fchon gefagted zurüffgehen und etwas 
dazu nehmen, was wir nicht gefagt haben, aber aus ber all- 
gemeinen Theorie der Kunft hergenommen werden fann, Was 
wir ſchon gefagt haben ift, daß alle individuelle Darftellung 
des Chriſtenthums gebunden ift an ben hiſtoriſch ſymboliſchen 
Cyklus der chriſtlichen Urzeit. Diefer wird ung beſtimmt durch 
bie Momente von der Entſtehung des Chriſtenthums bis zum 
Heraustreten der hriftlichen Kirche als ein beftimmted Ganzes, 
welhe Momente den Eyflus der chriftlichen Fefte bilden. Das 
befondere Heraustreten folcher einzelnen Momente ift ein ge= 
ſchichtliches Naturgeſez. Die Erſcheinung Chrifti überhaupt, 
wobei es indifferent erfcheint ob man an den Anfang feines 
Lebens anfnüpft oder an fein öffentliches Auftreten, und das 
Aufhören des perfönlichen Dafeins Chrifti als Bedingung ber 
chriſtlichen Kirche im engeren Sinn (dies Teztere in feinen ver⸗ 


— 13 — 


fchiedenen Momenten aufgefaßt die ein gefchichtliches find, in 
dem Tode der Auferftehung der Himmelfahrt und der Ausgie— 
Bung bes heiligen Geiftes): dies find die Entwiffiungsfnoten; 
und daß dies Feine anderen find, beruht darauf daß das Ehri- 
ſtenthum von der Erfcheinung des Erlöſers abhing. Diefe 
Momente als den Eyflus der riftlichen Feſte fünnen wir hier- 
aus verftehen und conftruiren. Das zweite was wir zu neh— 
men haben aus dem allgemeinen Gebiet der Kunft ift, daß alle 
Darftellung die in das Gebiet der Kunft fällt eine Duplicität 
bat, die wir noch nicht betrachtet haben. *) Wenn wir alle 
Runftwerfe einer gewiffen Gattung betrachten, fo werben wir 
einen bedeutenden Unterfchied finden, der fih auf ihre Entſte— 
hung bezieht. Alle Darftellung geht hervor aus einem über- 
wiegend erregten Lebensmoment. Jeder Moment hat eine in- 
nere und äußere Begründung. Die innere an fi iſt die ei— 
gentlih fi felber immerfort gleihe, nur daß fie dem Gefez 
der Dfeillation eines in ihrer Eriftenz begründeten fteigenben 
und finfenden unterworfen if. Das äußere dabei ift der ver- 
anlaffende Moment. Mit dieſer Duplicität iſt eine Berfchie- 
benheit des Uebergewichtes bed einen Factor über den ande- 
ren gefezt. Die erregten Momente claffificiren ſich danach, 
daß es ſolche giebt in denen bie innere Lebenseinheit Haupt- 
ſache ift, und andere in denen die Äußere Beranlaffung das 
beftimmende ift. Dies bildet fih auch in der Darftellung ab, 
und wir unterfheiden die KRunftwerfe danach; und da koͤnnen 
wir alfo das erfte die unbedingte Darftellung nennen, bag 
andere die bedingte. Auf dem criftlichen Gebiet ergiebt fich 
daraus dieſes: Alle veligiöfe Darftellung kann nur hervorgehen 
aus vorzüglich religiös erregten Lebensmomenten, und wirb 
zweierlei fein: die bedingte Darftellung, zu ber gehört 
alles was ſich auf befondere Beranlaffung bezieht; die unbe- 
dingte Darftellung, zu der gehört alles was ſich auf bag 
Leben in feiner reinen Entwifflung bezieht. Geben wir auf 


) ©. Beilagen A. 14. 23. 26. 27. 


— 19 — — | 

.r 
ben jährlichen Verlauf bes Cultus zurüff: fo gehören bie hrifi 
lichen Feſte der bedingten Darſtellung an; denn bie religiöfe 
Erregung ift in ihnen beflimmt durch die Erinnerung an ei- 
nen beftimmten Punkt. Dadurch ift das religiöfe Bewußtſein 
modificirt, und diefe Mobification muß fi in ber Darftellung 
abbilden. Daraus folgt noch nicht bag was außerhalb ber 
chriſtlichen Feſte liege, der unbedingten Darftellung angehöre. 
Daher wird fich zweierlei barftellen: zuerft, daß bie chriftlichen 
Gehe ſelbſt in diefer Beziehung nicht ein beftimmt begrenztes 
find, fondern eine gewiffe Atmofphäre haben bie das ganze 
aufpebt. Ge näher der Zeitpunkt eines folhen Moments im 
Jahrescyklus kommt, defto mehr entfteht die Erregung bes 
Bewußtfeind, und darauf entfteht eine Vorbereitung auf bie 
Zeit; und weil das beflimmte ein vorzüglich ergreifendes ift, 
werben wir nicht fagen Tönnen, daß fowie der Tag vorbei if, 
der Einfluß bes Gegenflandes eo ipso verſchwindet; bas ift bie 
Zeit der Nachwirkung. Es kann nun auch im Leben der Ge- 
meine jelbft etwas vorfommen wodurch das religiöfe Bewußt- 
fein auf befondere Weiſe angeregt wird und fo fehr durch die 
ganze Gemeine hindurchgeht daß es eine Angelegenheit berfel- 
ben if. Dann ift auch das religiöfe Bewußtſein der ganzen 
Gemeine angeregt, und ber Eultus könnte nicht Darftellung ber 
religiöfen Gemeinfchaft fein, wenn er das verfchweigen wollte, 
Daher einzelne Punkte in denen die bedingte Darftellung ein- 
treten muß, außerhalb der Fefte fein können; dieſe find aber 
etwas zufälliges das wir nicht berüfffichtigen Ffönnen und nur 
bei ber unbedingten Darftellung erörtern, und das heißt num 
das cafuelle. Wenn wir das ganze, wie ed aus ben vela- 
tiv enigegengefezten Beftandtheilen in jedem Jahresverlauf zu- 
fammengefezt ift, betrachten und fragen, Wie ift das Berhält- 
niß der Theile? etwa ein folches, daß die bedingte Darftellung 
des feftllihen Gottesdienftes und bie unbedingte des gewöhn⸗ 
fihen nichts ähnliches haben? jo werben wir fagen, Nein. 
Das darzuftellende ift feinem Wefen nad baffelbe, das chriſt⸗ 
lich religiöfe Bewußtfein; bie Darſtellangemiuten ſ ſind auch die⸗ 

Yraltifge Theologie. I. 


— 130 — 


ſelben, es find nur untergeorbnete Modificationen und Unter⸗ 
ſchiede in der Compoſition der Elemente. Durch dieſe Be— 
trachtung bildet ſich eine untergeordnete Einheit, bei der wir 
von dem Gegenſaz abſtrahiren müſſen. 

Außer dem Jahrescyklus haben wir nun zu betrachten den 
Sonntag an ſich als den wiederkehrenden Termin für bie re= 
ligiöſe Darſtellung überhaupt, und es wird hier etwas geben 
auch in der Drganifation des Cultus, was dem fonntäglidhen 
Gottesdienft und dem feftlihen gleichmäßig zufommt, und aud 
etwas wodurch fih die Organifation des feftlichen Gottesdien⸗ 
fies vom gewöhnlichen unterſcheidet. 

*) Betrachten wir den Cultus in der Einheit bes 
gottesdienſtlichen Tages und fragen, Wie haben wir bie- 
fen zu conftruiren: fo werden wir auf Die elementarifhe Be⸗ 
trachtung zurüffgehend fagen, Auf alles was die bilbenben 
Künfte betrifft Haben wir hier nicht Rüfkjiht zu nehmen, das 
ift ein feßftebendes und wirb nicht anders in folder Einheit. 
Es bleibt uns alfo übrig die Rede mit der Muſik und Mimit, 
und die Rede mit dem Gegenfaz zwifchen Profa und Poefie. 

Zuerft müflen wir den chriftlihen Cultus rein betrachten 
als gemeinſame Darftellung zu welcher fi die gläubigen Ehri- 
ſten vereinigen. Was ganz beflimmt aus dieſer Beziehung 
berausfällt, gehört nicht in ben Eultus. So find z. B. öffent- 
lihe Katechifationen mit der Jugend feine organifhen Ele 
mente des Eultus, denn bier foll erft gelehrt werben worauf 
eine künftige gemeinfame Darftellung bafırt wird. Dieſe Ein- 
richtung fann nüzlich fein, bleibt aber innerhalb des Kultus 
ein fremdes Element. Der Kriftlide Cultus als organifirtes 
Zufammenfein bebt fih aus dem gewöhnlichen Leben hervor, 
und wenn er beendiget ift, tritt das gewöhnliche Leben wieder 
ein. Dies ift bei und eigentlich nicht der Fall, denn der Eul- 
tus erfüllt nicht den ganzen Sonntag, und das gewöhnliche 
Leben fängt nicht gleich nach feiner Beendigung wieder an. 


9 5. Beilage A, 24. 


— 131 — 


Bir muͤſſen alfo den ganzen Sonntag dem Gottesdienft gewib- 
met denken mit einzelnen nöthigen Paufen. Aber auch bei 
Ausdehnung diefes Begriffes ift immer die Zeit des Cultus 
nur ein Feines und muß berechnet werben auf das Ueberge- 
wit des gewöhnlichen Lebens. Doch muß das religiöfe Le- 
ben im Ehriften gar nicht ceffiren, ſondern allgegenmwärtig fein; 
dad gewöhnliche Leben drängt es zurüff, zu gewiſſen Zeiten 
macht es fi) aber frei, und bazu find die Sonntage. Zuerft 
muß dies Gefühl zur ruhigen Selbfifpiegelung gelangen, unb 
dies iſt das wefentliche des Eultus; fe vollftändiger fi das 
religidſe Gefühl nach allen Seiten hin bewußt wird, befto mehr 
iR zu erwarten daß es nicht fo Leicht unterbrüfft werben wird, 
jondern permanent bleiben. Dies Hervorheben des religiöfen 
Bewußtfeing muß aber ein gemeinfames fein; anachoretiſche 
Betrachtung bringt immer krankhafte Einfeitigfeit hervor. Wenn 
der Cultus alfo als Feft aus dem gewöhnlichen Leben ſich er- 
hebt und feine Anflänge im Leben nachhallen follen und wirf- 
ſam fein, und wenn bie religiöfe Rede als eigenthüm- 
lie und immer neue Production in ber Mitte Tiegt: fo fragt 
es ih, Wie muß zwifhen ber Mitte und den beiden Enden 
ber Gottesdienſt ſich geflalten? Indem die Zuhörer mit einer 
religiöfen Erregung herfommen, die fie aus dem gewöhnlichen 
Reben noch mitbringen: fo ift Dies freilich in allen identifch, 
aber doch wiederum in jedem eigenthbümlih. Das eigenthäm- 
liche köͤnnte am Teichteften in Widerfpruch geratben mit dem 
individuellen das in der Predigt hervortritt. Dies fpecielle 
das der einzelne mitbringt, muß alfo zurüfftreten wenn alle an 
dem Mittelpunft des Cultus gemeinfam theilnehmen follen. 
Run haben wir ebenfo zu fehen auf das Verhältniß zwifchen 
dem Mittelpunft des Gottesdienftes und dem Uebergang aus 
dem Gottesdienſt ing gewöhnliche Leben, Jeder tritt ba wies 
der in andere Berhältniffe ein, und es mäffen wieder gemein- 
fame Elemente eintreten die das eigenthümliche der religiöfen 
Rede und bes Lebens ausgleichen. Dies fann nur gefchehen 
indem man bas individuelle ber Predigt wieder verallgemei- 
9* 


— 1323 — 


nert. Sp ift alfo der Gottesdienſt das Hervorheben 
einer individuellen religiöfen Darftellung aus dem 
gemeinfamen Gebiet religiöfer Gefühle und im Zu— 
rüffgehben darauf. Wir gehen davon aus, daß ber drift- 
lihe Gottesdienſt ganz in das Gebiet der Darftellung fallt; 
bier ergiebt ſich alfo der Gegenfaz befien der die Darſtellung 
giebt und derer bie fie empfangen. Hieraus folgt fhon daß 
bie religiöfe Rede allein feinen vollftändigen Eultus giebt, weil 
ber Gegenfaz bier durch nichts vermittelt wird. Beim Kir- 
hengefang giebt auch Einer die Darftellung, nämlid ber re= 
Tigiöfe Dichter: doch ift diefer nicht vorhanden und durch den 
Gefang geben Alle ihn wieder; fo ift alfo eine wenn aud) 
nicht urfprünglide doch vorhandene Thätigfeit aller. Nur in 
dem Wechfel und Zufammenfein folcher Elemente in denen ber 
Gegenfaz auftritt, und folder in denen die allgemeine Selbft- 
thätigfeit ihn vermittelt, kann der Gottesdienſt beftehen, 

Ein anderer Gegenſaz ergiebt fi daraus, daß feine Ges 
meine ein vollftändiges felbfländiges Ganze ift und auch dies 
Gefühl nit haben foll; fondern fie fol fih als Theil der 
Kirche fühlen, und dies fol fih im Cultus abſpiegeln. Schon 
ber Kirchengefang bat ſolchen Charakter, denn nicht Leicht hat 
eine Gemeine ihr befonderes Gefangbuh, und obgleich dies 
nit für immer ift, fo ift es doch ein gemeinfames Eigenthum 
auf lange Zeit, für mehrere Gefchlechter, Der Eultus geht 
aber noch eine Stufe darüber hinaus, um die Einheit der Kirche 
zu repräfentirenz; dies kann eigentlih nur geſchehen durch et- 
was das in allen Kirchen daſſelbe ift, und Dies ift die Idee 
ber Liturgifchen Elemente, Verſchwindet dieſes gemein- 
fame und tritt Willführ ein: fo ift Dies mangelhaft. Hier 
giebt es auch einen Gegenfaz zwifchen dem was rein Sade 
des Momentes ift und dem was feftfteht. 

Bon einem Gottesdienft der aus ber religiöfen Rede und 
bem Gefange befteht ohne Gebet, werben wir fagen, Entwe—⸗ 
ber er verfchweigt etwas wozu ber Grund in ihm gefezt ifl, 
oder es fehlt ihm etwas, der Grab von Erregung bes religid- 


— 13 — 


fen Bewußtſeins durch bie Darftellung felber, welder noth⸗ 
wendig im Gebet fih ausſpricht. Iſt diefe Unvollkommenheit 
niht ba: fo wirb das Gebet nur verfchwiegen werden, wiewol 
ed der Cultus ſelbſt poftufirt, und auch das erfcheint als ein 
unvollfommenes,. 

Alfo werben wir fagen, Wo eins von bdiefen vier Ele- 
menten fehlt, iſt nur ein unvollkommener Cultus; eine Tota- 
Ität in dieſer Einheit des gottesdienfllichen Tages haben wir 
nur in der Einheit biefer vier Momente (Rede Gefang Litur- 
gie Gebet), welche nun freilich noch verfchieben gedacht wer- 
den komen. 

In Beziehung auf die Bollftändigfeit der Elemente find 
nicht alle Acte des Cultus gleich, fondern wir unterfcheiden ei- 
nen vollftändbigen und unvollſtändigen Cultus, und dies 
laͤßt fh auch aus unferen Principien ableiten. Wir fahen dag 
ber ganze Sonntag eine Erhebung aus dem gewöhnlichen Le— 
ben if, da er die alltäglihen Befchäftigungen verläßt; im 
Sonntag finden wir beflimmte Zeiten des Gottesdienſtes, einige 
die näher an die Grenzen des gewöhnlichen Lebens Tiegen, und 
ben Zeitpunft Des feftlichen Tages in der Mitte. Zugleich fon- 
dert fih der Gottesdienft in den hohen Fefttagen befonders ab, 
Run erfcheint der Zwifchenraum der ganzen Woche zu groß, 
und fo tritt unter verfchiedenen Geftalten noch ein religiöfer 
gemeinfchaftlicher Act zwifchen die Sonntage. Hier floßen wir 
alfo auf eine fihtlihe Gradation: was zwifchen ben Sonnta= 
gen fallt iſt unvollfländiger Gottesdienft, an den Sonntagen 
felhft giebt es vollfländigere und unvollfändigere religiöſe Acte 
(Hauptgottesdienft, Morgen - und Mittagsgottesdienſt), und 
unter den Sonntagen ragen die großen Feſte befonders hervor. 
Es fragt fih nun, Wie find die Elemente am beiten im un- 
vollfändigen Eultus beifammen? Weil bie religiöfe Rebe 
immer indivibualifivend ift und die Selbfithätigfeit des einzel- 
nen in Anfpruch nimmt: fo ift nicht leicht möglich daß biefe 
allein ſtehe; Dies gäbe feinen zwekkmäßigen unvollitändigen 
Gottesdienſt, für den der rein individuelle Charakter fih am 





— 14 — 


wenigſten ſchikkt. Fragen wir ebenſo, ob ein unvollſtändiger 
Cultus allein aus liturgiſchen Elementen beſtehen dürfe: ſo 
finden wir dies in der Wirklichkeit in der engliſchen Kirche. 
Die Vereinigung iſt nur ein gemeinſames Anhoͤren deſſen was 
. jeder für ſich allein haben kann, und nur die Einheit der Kirche 
wirb hervorgehoben, Auch dies ift nicht paſſend, denn aud 
dem gewöhnlichen Lehen heraus follen die Menſchen gleih an 
bie große Einheit der Kirche anknüpfen. Dies ift höchft troffen 
und nüdtern. Sp wie die religiöfe Rede nicht allein ftehen 
fann ale das allerfpeciellfte, eben fo wenig bie Liturgie ale 
das allerallgemeinfte. Es fragt fih, ob das Gebet für fid 
allein einen Act des Cultus ausmachen kann. Es giebt unter 
unferen liturgifchen Elementen Gebete; ebenfo kann das Gebet 
in die religidfe Rede fallen, und ein freies ifolirted Gebet ge— 
hört der Gattung ber religidfen Rede an. Die Wirklichkeit 
zeigt daß das Gebet oft der Inbegriff eines unvollfländigen 
Eultus if. Das Gebet fteht in ber Mitte zwifchen bem Ge- 
fang und der Rede; ber einzelne wendet ſich mit der Gemeine 
an Gott und fpriht im Namen aller. Ebenfo fiheint dag Ge- 
bet in einer gewiffen Indifferenz zwiſchen Profa und Poeſie zu 
fein; denn in wie fern fich das Gebet oft in eine Betrachtung 
Gottes auflöfet und das Gemüth felbft darin einigt: fo if of- 
fenbar daß von diefem in rein dibaftifcher Form nicht die Rede 
fein fann, weil alles an Gott nur im Bilde gehalten fein kann. 
Auf jeden Fall ift das Gebet ein vermittelndes Element und 
wird niemand läugnen daß es für fih allein ein Moment bes 
Eultus, das klargewordene religiöfe Bewußtfein bildet; denn 
der Privatcultus jedes einzelnen ift nichts anderes. Denfen wir 
es ung aber als Repräfentanten der gemeinſchaftlichen Dar- 
ftellung: fo fehlt ung immer noch etwas; unter fi haben die 
Zuhörer beim Gebet fein Verhältniß, und es muß auch etwas 
fein das diefen Mangel ergänzt. Die natürliche Ergänzung ifl 
der Gefang, der das gemeinfchaftlihe ausdrükkt. Ein Cultus 
ber bloß aus Geſang befteht fommt vor, befonders bei feier- 
lichen Gelegenheiten wo ein Tebeum einen Act bes Cultus 


— 135 — 


ausmacht, und bei ben Herrnhuthern in ihren Singftunden. 
Offenbar liegt darin mehr Befriedigung als in einem Gebete 
oder einer Rede für fih allein: doch fehlt noch etwas; denn 
in einem Lobgefang fehlt das Element das den Eultus confli- 
tnitt, der Gegenfaz zwifchen Liturg und Gemeine, und bied 
fHeint den firengen Charakter des Gottesdienftes zu gefährden, 
da der Lobgeſang dann Teicht mit der mufifalifchen Darftellung 
verwechfelt werden kann. Außerdem bat der Herrnhuthiſche 
Gotiesdienft zu fehr den Charakter des Privatgottesbienfteg, 
um für eine große Gemeine zu paſſen. Aus dieſem allem geht 
hervor dag ein unvollfländiger Eultus auch die Combination 
mehrerer wefentlicher Elemente vorausfezt. Es fragt ſich nun, 
Bas ik das Minimum? Eine Combination von Gefang und 
Gebet für einen Gottesdienſt in der Woche ift zwelfmäßig; es 
wird fh immer etwas gemeinfames finden laffen, fo daß ber 
Keriker fiher fein kann im Gebet Repräfentant aller zu fein. 
Eine Eombination von Gefang und einer liturgiſchen Borle- 
fung iR auch zwekkmäßig; alle werben ſich des gemeinfamen 
Charakters ihres täglichen Lebens in religiöfer Hinficht bewußt 
werden, Das Gefühl der inneren Einheit des Geiſtes und ber 
Gemeinfchaft des Reiches Gottes werden fie mit ind tägliche 
Leben hinübernehmen. Kommt nun zur Titurgifchen Borlefung 
noch ein Gebet, oder umgefehrt: fo ift der Cultus noch voll« 
Rändiger und zweffmäßiger. Der Gottesbienft bleibt aber im- 
mer noch unvollländig, weil die rein indivibualifirte Rebe fehlt. 
Gehen wir von dieſer aus: dann muß weder Gebet noch Li- 
turgie, fondern der Geſang fie nothwendig begleiten. Aber 
eine Berbindung von Gebet und Rede ohne Gefang würde 
diefen Charakter nicht an ſich tragen, da fländen beide Elemente 
auf der einen Seite. Wenn das dem evangelifhen Gottes⸗ 
dienſt eigenthümlich ift, Daß der Gegenfaz zwifchen Klerus und 
Laien beftehen aber auch relativ aufgehoben werben muß, und 
bie Gemeine als folche in eine religiöfe Selbftändigfeit gefezt 
fein und als folche erfcheinen muß: fo werben wir fagen, daß 
ber Geſang ein Element ift das im Gottesbienft gar nicht feh- 


— 13 — 


Ien darf, Eine Aufhebung bes Kirchengefanges oder eine Ber- 
ringerung beffelben, fo daß er nur als Rahmen oder Einfaffung 
erfcheint, if eine Verringerung bes religiöfen Gottesdienſtes. 
Wenn wir nun was wir hier aufgeftellt haben rein aus 
ber Eonftruction in Beziehung auf den formtäglihen Eultus, 
vergleichen mit dem mas befteht: fo finden wir den Unterfchied 
zwifchen vollftänbigem und unvollftändigem Gottesdienft; fehen 
wir aber, wie ber Hauptgottesdienft fih in Vergleich mit dem 
anderen conftruirt: fo finden wir aud in dem andern unfere 
Elemente, in dem Hauptgotteöbienft aber noch ein anderes, 
eine VBorlefung aus der Schrift. Es fragt fih, ob wir 
biefe als einen wefentlihen Beftanbtheil bes Cultus anfehen 
fönnen? Es ift davon daß bie religiöfe Nebe fih überall auf 
eine Schriftftelle gründet, die. vorgelefen werben muß, hier nicht 
bie Rede; das ift in die religiöfe Rede felbft eingewachſen: 
fondern von ber Borlefung beſtimmter Schriftabfchnitte ohne 
Deziehung auf bie Rede. Wir find davon ausgegangen, baf 
alle Darftellung des chriftlihen Elementes auf ben hiſtoriſch 
fombolifhen Cyklus der Schrift zurüffgehben muß, und baben 
bie Schrift in den Cultus wefentlich gefezt, weil das univer- 
felle religiöfe Element das untergeordnete fein fann. Darin 
liegt nicht daß die Schrift theilweife fo im Cultus heraustre⸗ 
ten muß, fondern daß fie in benfelben unvermerft verwebt ifl. 
Ein großer Theil ber Kirchenlieder bezieht fih auf die Schrift, 
und in ber Rede wird immer auf fie zurüffgegangen. Aber 
das befondere Hervortreten in der Vorleſung hat fih aus der 
Conftruction nicht ergeben. Wenn es nun ba iſt: wie müffen 
wir es in Beziehung auf die Conftruction beurtheilen? Ein- 
mal erjheint es ald etwas was bie Einheit Des ganzen mehr 
ſtört als fördert, wenn wir und benfen dag die Schriftabfchnitte 
in feinem Zufammenhange mit dem befondern Inhalt bes je- 
besmaligen Cultus ftehen, wie wir es auch gewöhnlich fo fin- 
ben. Wenn über die evangelifhen Perifopen gepredigt wird 
und die correfpondirenden epiftofifchen Perikopen beim Gottes⸗ 
bienft vorgelefen werben: fo ift das ein willführlicher Zufam- 


— 117 — 


menhang, fein realer. Einige haben zu zeigen geſucht, welche 
Weisheit in den Perikopen liege; aber das iſt nur Kuͤnſtelei, 
und es giebt auch keinen geſchichtlichen Grund zu glauben daß 
dabei eine beſondere Weisheit zum Grunde liege. Vielmehr 
in den meiſten Fällen wenn der Prediger der über die evan⸗ 
gelifhen Perikopen predigt von den epiftoliihen Gebraud 
machen will, wird ihm das ſchwer werben und ohne Künftelei 
wicht abgeben. Da müßte ein befonderer Grund für Dies Ele⸗ 
ment fein oder es müßte auf eine andere Art vorkommen als 
es vorfommt. Ein richtigeres tabellofes Vorkommen foldher 
Shriftabfehnitte ald Theile des Cultus möchte ſchwer zu orga=- 
nifiren fein. Der Tert, der Schriftgrund eines Cultusactes 
mag fein welcher er will: einem bibelfundigen Geiftlihen wer- 
den fh Stellen genug darbieten Die er in feinen Vortrag ver⸗ 
weben kann, aber diefe Stellen werben bald hier bald bort 
ber genommen fein; und zu einer religiöfen Rede noch einen 
Abſchnitt zu finden ber mit ihr im Zufammenhang wäre, würbe 
eine fhwierige Aufgabe fein. Sagt man, es brauche nicht ein 
zufammenhängender Abfchnitt zu fein, und es fönnte eine gute 
Einrihtung fein, wenn alle Stellen vorgelefen würben auf bie 
in der Rede angefpielt wird: fo Tönnte das feine wahre För- 
derung der Andacht fein. Es ift ein Räthſel das aufgegeben 
wird; denn da man den Zufammenbang nicht vor ſich hat, fo 
wird man nicht wiffen wie die Stellen zufammen gehören; 
das Räthſel erregt zwar, aber ganz anders wie der Cultus 
erregen fol. Ebenfo würbe e8 gehen, follte ber Geiftlihe ei- 
nen Schriftabfchnitt wählen ber mit dem Act bes Gottesdien⸗ 
fies zufammenhängt. Alle Theile eines größern vorgelejenen 
Abſchnittes Fönnen nicht in gleihmäßigem Zufammenhange mit 
bem ganzen fliehen. Wir müffen alfo zu dem anderen fchrei- 
ten und fragen, Giebt es einen befonderen Grund, warum ein 
ſolches Element da fein muß? Ein folder Grund ifl in un 
frer dermaligen Berfaffung nicht zu finden. Es mag anders 
geweſen fein in früheren Zeiten, wo die Schrift felber nicht 
in aller Chriften Händen war, man eine Bekanntſchaft mit der⸗ 


— 138 — 


ſelben nicht vorausſezen durfte und der Religionsunterricht nicht 
fo organiſirt war daß man das Gewekktſein bes Chriſten für 
das Schriftverſtaͤndniß vorausſezen konnte. Bedenken wir aber 
wie wenig Schriftabſchnitte es giebt die von ber Maſſe ver- 
ftanden werden fönnen ohne Erläuterung : fo würde ed wenige 
geben wodurch biefer Zwekk erreicht werben koͤnnte die Schrift 
zu einem aufgenommenen Berftändnig zu bringen. Sf es 
wahr, daß es in der Regel nicht möglich fein wirb baß ein 
Schriftabfchnitt außer dem Tert der Rede in dem Gottesdienſt 
auffommt: fo werben wir fagen, Die Volltommenheit bes Got⸗ 
tesbienftes befteht im organifhen Zufammenhang, daher bag 
was nicht dahin gehört von der Gewalt des organifhen Zu— 
fammenhanges erbrüfft wird. Die Wirkung ber Schriftlefung, 
wenn fie verftanden werben fann, wird alfo auch dann auf- 
gehoben werben. Wenn wir nun dies Element nicht rechtfer⸗ 
tigen fönnen: wie follen wir die Entftehung beffelben erklären? 
Der hriftliche Gottesdienſt in der älteften Kirche hat fih ur- 
ſprünglich angefchloffen an den Synagogendienſt unter ben Ju⸗ 
den, und da war ein wefentliher Beftandtheil das Borlefen 
beflimmter Schriftabſchnitte. Das vereinigt mit Dem Gebet war 
der Hauptabfchnitt des Cultus. Erklärung der Schriftabfchnitte 
war gewünfcht, aber nicht nothwendig. Damals waren bie 
Abfchriften der heiligen Bücher bes A. T. etwas feltened, bie 
Synagoge war bie eigentlihe Wohnung der Schrift, und ba 
fonnte fie auch nur vernommen werben. In ben chriftlichen 
Gottesdienft ging diefe Form mit über, aber fo daß wir nicht 
zu glauben brauchen, ed habe je die Erklärung gefehlt; biefe 
trat vom Anfang an in der Homilie befonders hervor, Da 
finden wir die Borlefung der Schrift im Zufammenhange mit 
bem Gottesdienft. Je mehr fich die religiöfe Rede erweiterte, 
deſto Feiner brauchte und konnte bisweilen das Sprichwort fein 
was eigentlih zum Grunde lag. Wenn wir und aber dies 
benfen und noch bie Seltenheit der Abfchriften ber heiligen 
Bücher erwägen und bie Nothwendigfeit bie Schriftbefannt- 
fhaft Durch die öffentliche Borlefung zu unterhalten: fo fehen 


— 19 — 


wir die Entflehung bes Elementes gerechtfertigt. Aber bie 
Rechtfertigung paßt jezt nicht mehr, und es ift nicht einzufeben 
warum wir den Zuſammenhang des Gottesdienſtes dadurch flö- 
ren follen. In der älteren evangelifchen Kirche von der Säch— 
ſiſchen lutheriſchen Seite her finden wir dies Element noch als 
ein weſentliches meift fo, daß bie Perifopen vorgelefen wer- 
ben in dem Theil des Gottesdienftes der der Rebe vorangeht, 
und beibe ihre Umgebung baben von Titurgifchen Elementen 
und Geſang. Sehen wir auf diefe Organifation befonderg: 
fo hat e8 damit feine eigene Bewandniß; es ift ein Lebergang 
vom Meßkanon ber Fatholifchen Kirche, aus dem man beibe- 
halten hatte was man konnte ohne die Einheit des Gottesdien- 
fies zu flören und ohne an die eigentlihe Meſſe zu erinnern, 
Das war eine Aufgabe der Klugheit, den Charakter bes Got- 
tesdienſtes im Geift der evangelifhen Kirche zu ändern. Se 
mehr aber bei und bad Wort das Centrum des Gottesdienſtes 
geworden ift: defto mehr müflen wir auf den lebendigen inne- 
ren Zufammenhang fehen, und es ift nicht einzufehen warum 
man auf einem ſolchen Punft der Eonftruction bes Gottesbien- 
ftes feftftehen oder dahin zurüffehren follte. 

*) Tragen wir nun nah der Anordnung der Ele- 
mente des Eultus, Wenn wir einerfeits davon ausgehen 
müffen, daß der Cultus conftituirt wird durch ben Gegenfaz 
zwifchen dem Klerifer als Liturgus und der Gemeine; auf ber 
anderen Seite davon, daß einmal ber Cultus felber feineswegs 
ein Rehrgefchäft, übrigens’ aber der Gegenfaz nad ber evange- 
liſchen Grundanficht von der priefterlihen Würde jedes Chri— 
fien ein untergeorbneter iſt: fo erklärt fi wie die wefentlichen 
Elemente in Beziehung auf diefen Gegenfaz differiven auf ih— 
rer Stelle; denn follen fie ihr Verhältniß barftellen im Eul- 
tus, fo muß dieſer Gegenfaz als ein untergeordneter aus ber 
Gleichheit der Gemeine fid erheben, und daraus folgt, daß 
Das Element das den Gegenfaz darftellt Die Spize ber Darftel- 


) S. Beilagen A. 24. C. 16. 17. 


— 140 — 


lung ſein muß, ſich aber aus dem Element das die Gleichheit 
darſtellt heraushebt und ſich darin wieder verliert. Das Schema 
der Anordnung wird ſein, daß die religiöſe Rede vom Geſang 
eingefaßt iſt, daß ſie in deſſen Mitte hervortritt. Das iſt eine 
fo allgemeine Praxis der evangeliſchen Kirche, daß nirgend et⸗ 
was entgegengefeztes vorgefommen if. Es muß alſo vorher 
bie Selbftthätigfeit der Gemeine auftreten, damit ihre Paffivi- 
tät nicht zu fehr vorherrſche; ebenfo muß der Kleriker vorher 
fih als Repräfentant der Gemeine bewähn haben und ale 
Drgan der Kirche zeigen ehe er mit feiner individuellen Selbft- 
thätigfeit auftritt, Wenn der Klerifer nicht als Liturg auftritt: 
fo bat er fein Recht als Rebner aufzutreten; unb fehlt bie 
Einheit der Kirche im Gottesdienft: fo iſt der Gottesdienſt ei- 
gentlich fein Gottesdienft, Nun haben wir außerdem noch das 
Gebet, und da fragt fi, wie wir dies ſtellen wollen. Dffen- 
bar wird es nicht Fönnen vor dem Anfangsgefang oder nad 
dem Schlußgefang ftattfinden, fondern wird zwifchen Gefang und 
Rede oder Rede und Gefang geftellt werben müffen, und bar- 
aus erklärt fih bei jedem vollftändigen Gottesbienft die Du- 
plicität bes Gebeted. Daß ber Gottesdienſt mit Gefang fchließt 
wie er damit anfängt, und die Gemeine fo mit dem Bewußt- 
fein ihrer Gemeinfamfeit entlaffen wirb, ſcheint fih faft yon 
felbft zu verftehen. Das ungeregelte Untereinanberwerfen die⸗ 
fer Elemente erfcheint immer als ungehörig. 

*) Wir haben und nun die wefentlichen Elemente bes 
fonntägligen Cultus im allgemeinen zufammengeftelit. IR darin 
nun alles was in ben Eultus gehört? Dies veranlaßt und 
das Verhältniß der Sarramente, bie öffentliche Kirchliche 
Handlungen find, und von denen wir noch feine Erwähnung 
gethban haben, zu erörtern. Es kann von einer Theorie beffen 
was bei ihrer Adminiftration vorfommt noch nicht Die Rede 
fein, fondern nur von ihrem Verhältniß zum Eultus. Das 
ift ein verfhiedenes zu verfchiedenen Zeiten und in verfchies 


*) S. Beilage A. 25. 


— 141 — 


beuen Regionen gewefen. Wir wollen glei die Extreme zu- 
fammenftellen unter der Borausfezung, wir haben nur zwei 
Sarramente: Beide Sarramente follen durchaus nur als Theile 
bes Cultus vorkommen, und, Beide find etwas vom Cultus 
ganz abgefonbertes, Es fragt fi, Sind diefe Extreme in Be⸗ 
jiehung auf beide Sacramente gleihmäßig anzufehen? Nein, 
Das Abendmahl ift urfprünglich nur als eine gemeinfchaftliche 
Handlung eingefezt, und wir können nicht fagen, daß einer bie 
Communion anders genießen fönne denn nur als ein Mitglied 
ber Gemeine. Es giebt Drie wo vornehme Perfonen die Com⸗ 
munion in ihrer Familie genießen. Das ift ganz unzuläffig 
md man fieht das ſchlechte Gewiſſen babei, daß foldhe befon- 
ders quası entfchuldigt werben follen. Es fehlt ein Beftand- 
theil der Communion wenn fie nicht Sache der Gemeine if, 
Es ſteht in allen Ritualen der Sommunion, daß das gemein- 
fhaftliche Liebesband der Ehriften foll in der Kommunion aus⸗ 
gebrüfft werben, und das hängt mit der Berbindung bes ein- 
zelnen mit Chriſto zufammen und fann feine Familienfache 
werden. Man fagt, es könne in einer Familie etwas gefche- 
ben was befondere Erregung hervorbringt und was burd bie 
Kommunion fanctionirt werden fol, Wenn aber die Erregung 
etwas taugt, wirb fie auch vorbalten bis bie Gemeine com⸗ 
munieirt. Da ſcheint alfo immer eine Corruption zu Tiegen, 
woraus aber nicht folgt daß das Abendmahl ein Beſtandtheil 
eines jeden vollfländigen Gottesdienſtes ſein fol. Wenn bie 
Taufe jezt noch wäre eine Aufnahme der gläubig gewordenen 
in die chriſtliche Kirche, fo wäre es vollkommen dafjelbe, und 
was in biefer Hinficht von ber Taufe gefagt werben kann, muß 
auf die Eonfirmation bezogen werben; dieſe zu einer Privat- 
ſache zu machen, ift eben fo wenig zuzugeben. Sowie bie 
Taufe Kindertaufe geworben ift, gewinnt die Sache eine ganz 
andere Geſtalt; bie Kinder können in den Cultus nicht gehö⸗ 
ven, der Cultus kann durch Gefchrei geftört werben, da fondert 
fih die Taufe von ſelbſt aus. Es giebt Kirchengemeinfhaften 
bie e8 zur Regel machen daß farramentlihe Handlungen nur 





— 112 — 


gottesbienftlich fein müflen, im Anfang oder am Schluß bes 
Gottesbienftes, aber noch vor dem Segen, Ein jeder aber 
wird das Gefühl haben, daß es nicht eigentlich zum Cultus 
gehört, es müßte denn eine Beziehung darauf im ganzen bes 
Cultus fein; fonft bleibt e8 ein zufälliges Einfchieben. Früher, 
wo die Taufe der Erwachſenen an beftimmten Sonntagen ver- 
richtet wurde, befam ber Gottesdienft eine Beziehung auf die 
Taufe und war fie der Gipfel; das war ein anderes, Daher 
fih beide Sacramente zum Eultus nit auf gleiche Weite ver- 
halten und die Taufe als Kindertaufe mehr der Familie an- 
gehört, das Abendmahl aber Sache der Gemeine bleibt. 

Die Anfiht daß das Abendmahl als Beftandtheil des 
fonntäglichen Gottesdienfted zu betrachten fei, hat in der Theorie 
etwas für fih, nämlih daß die Wirkung des Abendmahls als 
homogen mit der Wirkung des Cultus angefehen werben fann. 
Wiewol viele Dies nicht ald vollfländige Anfiht der Sache 
wollen gelten laſſen, werben fie doch nicht für falſch erflären 
fönnen daß die unmittelbare Erbauung immer eins if. Die 
Communion ift das tieffte Verſenken in die Gemeinfihaft mit 
Ehrifto und erfordert eine volllommene Ablöfung vom gewöhn- 
lihen Leben. Sie muß als Gipfel des Cultus nach ber reli- 
giöfen Rede erſt eintreten, und am vollfommenften wäre es, 
wenn feine Vorbereitung vorherginge, fondern nach dem Maaß 
ber Anregung jeder nad der Predigt fih erft zum Genuß bes 
Abendmahls entfchlöffe; fo hätte der Geiftlihe einen Maafftab 
für bie Erregbarfeit feiner Gemeine und bie Wirkung feiner 
Rede und die Zahl der Communicanten würbe gleichmäßig fein. 
Man fönnte fagen, wo alle wefentlihe Elemente des Cultus 
auf die gehörige Art vereinigt find und mit der rechten Kraft 
behandelt werden, da müßte eine Gemüthsftimmung entfteben 
in weldher der Geift des Abenbmahld etwas natürlihes wäre, 
Dann wäre nur einzuwenden, Es würbe eine Vollkommenheit 
son Seiten derer in denen die Wirkung vorgeht, vorausgefezt 
werben, und bies würde man nicht als allgemein gleich gelten 
laſſen fönnen, fondern überall wo eine gottesdienftliche Berfamm- 


—_ 183 — 


Ing if bie diefe Bolllommenheit hat, werben doch einige erft 
fo angeregt werben müflen daß das Berlangen nad dem Ge— 
auf des Abendmahle in ihnen entſteht. Auch gehört es zu ei- 
zer guten Kirchendifciplin, daß dieſe vorbereitende Handlung 
den Tag vorber fchon vorgenommen wird. So lange diefe 
Praris befteht und mit gutem Grunde, weil man nicht einen 
ſolchen Grad von religiöfer Erregbarfeit bei allen vorausfezen 
fan, fo Iange fann man aud jenen Saz nicht aufftellen von 
ber Rothwendigkeit daß das Abendmahl jeden vollftändigen Got⸗ 
tesbienft beſchließen müfle, und dann wird es befler fein nad 
ber Oröße der Gemeine bie Abenbmahlsfeier öfter oder feltener 
anzuftellen, fo dag die Sommunicirenden in einer gewiſſen Ge- 
meine eine weder zu große noch zu geringe Anzahl bilden, 

Ueber beide Sacramente iſt noch zu bemerfen, baß ge⸗ 
wöhnlich bei der Adminiftration dem Geiftlihen die höhere An 
dacht fehlt, aus ber die Sache hervorgeht. Dies iſt zu ent- 
ſchuldigen, da durch jede Wiederholung der Eindruff fi ab⸗ 
Amayft; aber in dem Geiftlichen foll ein höherer Grab der res 
ligidſen Stimmung erregbar fein und ein höherer Grab ber 
religiöfen Mitempfindung als in den einzelnen Gemeinegliebern. 
Sein Mitgefühl foll Die Andacht ber übrigen erhöhen, und ift 
dies nicht der Hall, fo trifft ihn immer ber Vorwurf; weder 
die öftere Wiederholung noch die unbequeme Einrichtung, über 
die er nicht Herr ift, kann dies rechtfertigen. 

*) Nachdem wir fo ben fonntäglichen Gottesdienft in fei- 
ner Einheit betrachtet haben, wollen wir nun zu der größern 
Einpeit übergehen und ben hriftlihen Jahrescyklus be- 
trachten. Hier haben wir den relativen Gegenſaz von Feſten 
und gemeinen Sonntagen; die Fefte unter fich ein ganzes bil- 
dend, welche Die wefentlichen Punkte in ber Gefchichte der Her- 
bortretung bes Chriftenthums enthalten. Diefer relative Ge—⸗ 
genfaz hängt zufammen mit einem anderen ben wir und fchon 
vorgehalten haben, dem einer durch eine beftimmte Richtung 


———— — 


) S. Beilage A. 26. 


— 14 — 


ber religiöfen. Stimmung ſchon bedingten Darftellung und einer 
unbedingten welche die chriſtliche Religiofität im allgemeinen 
vorausfezt. In den feftlichen Zeiten können wir eine foldhe 
Richtung vorausfezen daß die religiöfe Stimmung durch den 
feftlichen Gegenftand dominirt werde und materialiter und for= 
mell ben Ton und die Farbe ber chriftlichen Geſchichte ſchon 
in fi trägt; wogegen die unbedingte Darftellung an ben ge— 
meinen Sonntagen nur im allgemeinen eine gewifle Stärfe ber 
religiöfen Erregbarfeit vorausfezt und ein Verlangen biefer 
einen vom thätigen Leben eines jeden einzelnen verfchiedenen, 
aber mehreren die fih zum Cultus verfammeln gemeinſchaft⸗ 
lihen Gegenftand darzubieten und fie alle auf die nämlicdhe 
Weife zu befriedigen. Daß die unbedingte Darftellung ein eben 
fo wefentlihes Element für das ganze der chriſtlichen Religio- 
fität ift als die bedingte, müffen wir uns far machen, wenn 
wir ben fonntäglihen Gottesdienſt recht begreifen wollen; fonft 
wäre es genug am Qultus in feftlichen Zeiten, und man fönnte 
ben fonntäglichen einftellen; man müßte dann jenen fo erhöhen 
bag der Eindruff fo Tange vorbielte bis der Termin zu dem 
anderen Fefte Fame. Schon daraus daß in der dhriftlichen 
Kirche fih das anders geftaltet hat, müßte man fchließen: daß 
bie Anfiht von der Zulänglichfeit der bedingten Darftellung 
falfh wäre, Aber das wäre zuniel. Ald wir uns den Ges 
banfen bes chriſtlichen Jahrescyklus aufftellten, war es une 
natürlih, daß jeder feftlihe Punkt fi feine eigene Atmofphäre 
um fi bildet, wodurch wir feftlihe Zeiten erhalten, bie ſich 
nur in ber Kirche ſelbſt ungleichmäßig geftaltet haben aus äu⸗ 
Herlihen Gründen. Man fann biefe Atmofphären ber fefli- 
hen Tage fo weit ausdehnen daß fie fih berühren, und dann 
fönnte es einen fonntäglichen Cultus geben, aber alles hätte 
ben Charafter der chriftlichen Fefte. Würden wir dann einen 
sollftändigen chriftlihen Eultus haben? Hier wirb nachzuwei⸗ 
fen fein daß die unbedingte Darftellung nothwendig wäre, fonft 
wäre Das andere vorzuziehen. Das bringt und auf den rech⸗ 
ten Standpunft der Frage. Wir Fönnen nur davon ausgehen, 


— 145 — 


ber Cultus ift barftellende Mittheilung und mittheilende Dar⸗ 
Rellung bed gemeinfam chriftlichen Sinnes. Diefer ftellt fih 
ber That nach im ganzen Leben dar, in allen Rebensverhält- 
niſſen, und wie in dem äußeren fo auch in bem ganzen Ge— 
banfenleben und im Verhältniß aller Verzweigungen bes reli- 
giöfen Lebens. Der chriftliche Cultus ift nur vollftändig fofern 
dies alles in ihm auf ideale Weife hervortrittz und fragen 
wir, ob ber feftlihe Cultus und bie durch diefe Gegenftände 
bedingte Darftellung dies leiſten fann: fo werben wir es mit 
Rem beantworten müflen. Die fefllichen Gegenftände ziehen 
immer von biefem äußeren Gebiet zurüff rein auf das Ver— 
hiltnig zu dem Urquell des chriftlichen Sinnes hin; aber bie 
Kraft von diefem in der einzelnen Anwendung würde auf biefe 
Beife nicht zur Darftellung kommen. In einem jeden chrift- 
lichen Cultus müffen auch bie individuellen chriftlichen Elemente 
bominiren. Damit hängt zufammen daß die ganze Schrift, 
ofen fie dem Chriſtenthum ausfchließlich angehört, den Inbe— 
griff diefer Darftellungsmittel für alles individuell chriſtliche in 
ſich ſchließt. Würden wir dieſen ganzen Schaz gebrauchen bei 
einem bloß feftlichen Gottesdient? Nein; wir finden in ber 
Shrift ſolche Fülle von Ausſprüchen des chriftlichen Geiftes in 
Beziehung auf alle Lebeneverhälmiffe und auf alles was fi 
in der Seele erzeugt, bie in ber feſtlichen Darftellung nicht 
finnten zum Worfchein kommen. Auch hieraus geht hervor 
daß die unbedingte Darftellung ein eben fo wefentlihes Ele— 
ment ift als die bedingte. Wir haben bier wieder einen Ge- 
genfaz zwifchen ber Anficht der Fatholifchen Kirche und ber 
evangelifchen in Betrachtung zu ziehen. Wir fönnen nicht Täug- 
nen, es ift ein umgefehrtes Verhältniß biefer beiden Elemente 
m beiden Kirchen: in ber römifch katholiſchen eine Neigung 
das feftliche bis ing unendliche zu vervielfältigen; in ber evan⸗ 
geliihen eine Neigung ber unbedingten Darftellung immer mehr 
Raum zu verfchaffen. Es fragt fih, Worin ift der Gegenfaz 
begründet? Die unbebingte Darftellung in unferem fonntäg-. 
lichen Gottesbienft nach dem Geift ber enangekfäen Kirche ſezt 
wamiqe Dtologie. I. 


— 16 — 


voraus eine gewiſſe Leichtigkeit für alle Glieder der Gemeine 
in das einzugehen was der Liturg aus dem Gefammtgebiet 
aufnimmt; das Tiegt in der religiöfen Selbftändigfeit aller Ge⸗ 
meineglieder. Der Geiftlihe hat es nicht in feiner Gewalt bie 
Gemeine in der Woche vorzubereiten auf feine fonntägliche 
Darftellung, er muß fi verlaffen auf eine allgemeine religiöfe 
Erregbarfeit, die aber nur aus ber freien Selbftändigfeit kann 
hervorgegangen fein. Diefe fezt bie Fatholifhe Kirhe nicht 
voraus, in der für die Laien nur die Receptivität übrig bleibt, 
die urfprüngliche Produetivität ganz in den Klerus hineinfällt; 
daher ift im Fatholifhen Cultus alles Fe, weil auch an ben 
gewöhnlihen Sonntagen die Meffe Centrum bed Gottesdienftes 
ift, und man fann fagen, daß alle Sonntage bie feinem ande⸗ 
ven Feft angehören, dem Frohnleichnamefeft angehören: denn 
das ift das große Feft der Meffe und diefem find alle anderen 
untergeorbnet; der Meßfanon bleibt immer Hauptfache. Der Ge- 
genfaz zwifchen bedingter und unbedingter Darftellung findet 
eigentlich bei ihr nicht ftatt, und ift bei und nothwendig aus 
demfelben Grunde aus dem er es dort nicht iſt; aber wir wer- 
den und vorfehen müſſen nicht in das entgegengefezte Extrem 
überzugeben, ber unbebingten Darftellung eine Alleinherrfchaft 
zuzuſchreiben. Es ift in einer gewiffen Zeit die Tendenz bes 
evangelifchen Eultus gewefen, daß man in den chriftlichen Fe— 
ſten felber das chriftlihe bei Seite gezogen hat. Diefe Ein- 
feitigfeit ift eben fo verfehrt, weit fie fih nicht denken Täßt 
ohne die Tendenz das individuell hriftliche auch bei Seite zu 
fhieben; denn in dieſen Täßt ſich das hiftorifhe von dem in⸗ 
neren myſtiſchen darin, von der Gemeinfhaft mit Gott durch 
Chriſtus als Mittler nicht trennen. Die Feſte vepräfentiren 
das biftorifhe in feiner Verbindung mit jenem; tritt diefe be⸗ 
fonders heraus: fo entfteht die Gefahr daß mit dem einen 
auch das andere verloren geht. 

*) Es iſt eine Praxis die in ber evangelifchen Kirche weit 





.9) ©. Beilagen A. 27. B. 44. 


— 141 — 


verbreitet if, daß den Geiſtlichen das biblifhe Centrum für 
einen jeden Sonntag bes Jahres vorgefchrieben if; darin Tiegt 
auch eine Himmeigung zu jenem katholiſchen Extrem, nur nicht 
im katholiſchen Sinne, nämlih die Darftellung in eine be⸗ 
dingte zu verwandeln. Die Gemeine bringt zwar dann bie 
beſtimmte Richtung mit, und Tann dies einen Kreis bilden ber 
buch Das ganze Leben geht, Demohnerachtet ift auch hier 
die Einrichtung nicht zu vertheidigen. Solche Einrichtung ver⸗ 
einigt zwar bie Bollftänbigfeit die aus ber unbedingten Dar⸗ 
Rellung neben der bedingten entſteht: dennoch ift nicht zu Täug- 
nen daß in bem Vortheil den fie gewährt viel fcheinbares Liegt, 
Es brauchen nicht die vorgefchriebenen Texte zu fein wie fie 
jest find, wo es größere Abfchnitte find, wo einer das ganze 
zufammenfaßt, der andere einzelnes heraushebt; dann weiß bie 
Gemeine doch nichts vorher von dem was der Geiftlihe fagen 
wird. Wenn fie aber auch anderd wäre, fo wäre ber Vor—⸗ 
theil doch nur ſcheinbar; denn je Fleiner ber Abfchnitt ift, deſto 
mehr if der Saz aus dem Zufammenhange geriffen; der eine 
fann auf den Zufammenhang zurüffgeben, der andere nimmt 
den Saz in feiner Allgemeinheit. Da ift ed baflelbe. Ande⸗ 
rerfeits ift darin ein zwiefacher Nachtheil. Wenn ſich eine 
ſolche Reihe von vorgefhriebenen Texten einen Zeitraum hin⸗ 
dur unverändert erhält, fo entftehbt Doch im Cultus ein un- 
gleiches Verhältniß des Chriften zur Schrift: Das eine ift den 
Leuten beleuchtet, das andere bleibt ihnen dunkel; aber es iſt 
ebenfo eine Ungerechtigkeit gegen den Liturgen. Diefer bat es 
in feiner Freiheit die unbedingte Darftellung ber bedingten nä⸗ 
bes zu bringen, wenn er fi an das hält wovon er weiß daß 
es ein gemeinfames für die Gemeine grade in diefem Moment 
iſt; iſt er aber durch den porgefihriebenen Tert gebunden: fo 
geht dies verloren, weil er dem Tert nicht Gewalt anthun 
wil, Wenn wir einmal annehmen, Nicht immer ift es ber 
Hall daß fich etwas ereignet hat woburd die Gemeine in ei- 
nem folhen Zuftande fich befindet: fo ift er dann am fihwer- 
fen daran, indem er bie Aufgabe hat alle in dieſelbe Stim⸗ 
10* 


— 18 — 


mung zu bringen, und dazu giebt der Text keine Erleichterung; 
aber was ihn aufregt, wird ihm die Leichtigkeit geben die Ge- 
meine ba binzuführen, er wird die Freiheit haben feinem Le— 
ben zu folgen. 

*) Wenn wir im allgemeinen anerkannt haben, wie zur 
Bollftändigfeit des Eultug die bedingte dur einen beſtimm— 
ten Gegenftand firirte feftlihe Darftelung und die unbedingte 
gewöhnliche gehört: fo fragt fih, Was ift das richtige Ver— 
hältniß beider gegen einander? Im Katholicismus ift ein ab- 
folutes Vorherrſchen der bedingten, das der Proteſtantismus 
nicht zulaffen kann, jedoch nur fo daß das gänzliche Aufheben 
der bedingten ein Ertrem fein würde wodurch der Zufammen- 
hang der evangelifchen Kirche mit der übrigen überhaupt auf: 
gehoben und das eigentlih chriſtliche in der Darftellung felbft 
würde gefährdet werden. Wir finden und überall zwifchen 
biefen beiden Ertremen. Ohne daß wir einen Punft ale voll- 
fommen anfehen fünnen, wird doch in der Ausübung felbft eins 
von beiden gefhehen fönnen, eine Vergrößerung ber bedingten 
Darftellung, oder eine Erweiterung ber unbebingten. Wir fin- 
ben in der evangelifhen Kirche beide Denfungsarten mit ein- 
ander wechſeln. Diefer Wechfel geht bald aus vom Staat 
bald vom Kirchenregiment; aber er befteht auch in ber unmit- 
telbaren Praxis des Kirchendienftes, Wir fönnen bier nicht an 
ders als auf die Entftehung der evangelifchen Kirche ſelbſt aus 
ber katholiſchen zurüffgehen, nachdem in dieſer jenes abfolute 
Vorherrſchen der bedingten Darftellung firirt war. Hier fin- 
ben wir, daß man vom Anfang an auf verfchiedene Weife zu 
Werfe gegangen. In der Polemif gegen die bisherige Praris 
waren gleich zwei Punkte die auf dieſen Charakter des Cultus 
entfchieben Einfluß hatten, Die Polemik gegen bie Meffe 
und die Polemik gegen die Berehrung der Heiligen. 
Durch das hervortreten der Meffe in jedem fonntäglichen Eul- 
tus war bie unbedingte Darftellung etwas ganz untergeorbne- 
tes. Was im Meßkanon von noch fo allgemeinem Inhalt vor⸗ 


5 S. Beilage A. 14. 23. 26. 27. 


— 149 — 


fam, hatte durch feine Beziehung auf das Centrum der Meſſe 
feine eigentbümlihe Kraft verloren. Durch Verehrung der 
Heiligen kamen eine Menge feftlihe Tage hinzu, wo ber feft- 
liche Eultus feinen anderen Grund hatte als die Beziehung auf 
en einzelnes Individuum aus den früheren Perioden ber Kirche. 
In beiden Beziehungen ift man verfchieden zu Werfe gegan- 
gen. In manchen Gegenden behielt man vieles aus bem Meß— 
fanon bei, in anderen rottete man gleich ben ganzen Meßfanon 
aus, wodurch ber unbedingten Darftellung viel größerer Raum 
gewonnen wurde. In Beziehung auf den anderen Punkt wurde 
zwar die Heiligenverehrung überall eingeftellt; aber an einigen 
Orten ging man davon aus, daß die Erinnerung an einzelne 
Menfhen die Gott’ als Werkzeuge ber Verbreitung bes Chri— 
ſtenthums gebraudt, ſich könnte anfchließen an die Erinnerung 
bie fich auf Chriſtus bezöge; in anderen Gegenden fchaffte man 
auch dies ab, weil die perfönliche Einzelheit nicht in ber Kirche 
fo hervortreten bürfe, fondern Chriftus allein ftehen müſſe. 
Dadurch haben fich zwei relativ fehr verfchiedene Formen bes 
ultus gebildet. Es würbe vergebens fein zwiſchen dieſen 
beiden auf allgemeine Weife entfcheiden zu wollen; wenn gleich 
eine verfchiebene Anficht dabei zu Grunde liegt, fo war es 
doch die Rage felbft welche bie Verſchiedenheit mit bewirkte, 
Die Anfihten find entgegengefezt: Die eine ift, man müſſe ei— 
nen folhen Moment einer allgemeinen Umgeftaltung in feiner 
größten Kraft benuzen, weil Doch hernach Reactionen nicht zu 
vermeiben wären; und bie andere, man müffe fopiel wie mög 
lich alles laſſen was ber urfprünglichen Idee der Verbeſſerung 
nicht zuwider wäre, um bie Continuität mit dem vorhergehen- 
ben nicht zu flören. Diefe Anfichten find verfchieden, find aber 
nicht freie Urtheile über die Sache felber, fondern für ſich be= 
bingt durch das verfchiedene Gefühl darüber was fih an eis 
nem befimmten Ort und unter gewiffen Umftänden ausüben 
läßt ohne Schaden, Es ift darin nur ber Gegenfaz eines va- 
ſchen fühnen und eines Tangfamen bebächtigen Vorſchreitens. 
Beides gehört nothwendig zufammen, und wenn bie Trennung 


— 10 — 


zwifchen ben beiden Zweigen ber evangelifhen Kirche auf die⸗ 
fer verſchiedenen Anſicht größtentheild beruht hat, bie dogma⸗ 
tifhe Verſchiedenheit fie nicht würde allein hervorgebracht has 
ben: fo war es unrecht eine Trennung darauf zu gründen, 
Es waren die Brennpunfte worauf das Ganze conftruirt were 
ben und die nit als Punkte verſchiedener Kreife betrachtet 
werben mußten, weil doch auf jebem von beiden die Duplici- 
tät fih wieder erzeugt. Diefe Duplicität wird auch überall 
zum Vorſchein fommen und werben wir auf eine Gleidhför- 
migfeit in den Refultaten und in ber Art zu Werfe zu geben, 
um einen neuen Zuftand hervorzubringen in der evangelifchen 
Kirche, Verzicht Leiften müſſen. Das rechte iſt wenn ein jeder, 
fofern feine Freiheit gegründet ift im Verhältnig zum Ganzen, 
einerfeits feinem perfönlichen Charakter treu bleibt, andererfeite 
biefem in dem Maaße Freiheit läßt als es fich mit feiner Ueber⸗ 
zeugung vom Zuftande des gemeinfamen Weſens, da wo er 
wirffam tft, verträgt. 

Die erfte Frage bier ift die, Können wir annehmen daß 
aus einer Aehnlichfeit bes evangelifhen Cultus mit bem Meß: 
fanon ein wünſchenswerther Zuwachs an bebingter Darftellung 
ba wo fie fehlt hervorgehen könnte? Diefe Frage wirb man 
nur verneinen koͤnnen; denn was hier eigentlich das feſtliche 
ift, exiftirt für und nicht, bie Borftelung von der Weihung 
ber farramentlihen Zeichen zum facramentlihen Gebraud ale 
einem Opfer. Die andere Frage würde bie fein, Kann ein 
Zuwachs von bedingter Darftellung entftehen aus hiſtoriſchen 
Punkten die als ein untergeorbneter feſtlicher Kreis betrachtet 
werden? Allgemein kann bie Frage nicht verneint werben, 
und werben wir in ben meiften Theilen ber evangelifchen Kirche 
etwas Ähnliches finden. Wo man das Reformationsfeſt 
feiert, iſt ein Hiftorifcher Punkt der im urfprünglichen chriſtli⸗ 
hen Cyklus nicht Liegt. Jede Serularfeier ift ein folder bi- 
forifher Punkt, Das religiöfe Zurüffgehen auf bie vergan⸗ 
gene Zeit iſt etwas unſerem Cultus weſentliches, iſt jedem ein- 
zelnen natürlich und muß in Beziehung auf gemeinſame Punkte 


— 151 — 


bargeftellt werben. Wenn wir ins einzelne gehen und fragen, 
Bo follen wir die gefchichtlichen Punkte hernehmen: fo hat die 
Sache große Schwierigkeit. Das allgemeine Reformationgfeft 
zu feiern wird ein jeder beifallswürdig finden, und was einen 
ähnlihen Charakter hat, wird man überall unbedingt benuzen 
Tonnen; fobald man aber von einzelnen Menſchen und ihrem 
Gedaͤchmiß als Hiftorifhem Punft ausgeht, wird die Sache 
ſchwierig. Wir finden in ber evangelifchen Kirche noch jezt 
Marientage und Apofteltage gefeiert. Das kann nicht 
auf Acht evangelifhe Weife gefheben. Der Mutter Chrifti 
wird in der Schrift ſelbſt nirgend eine befondere Dignität bei- 
gelegt, und es haben die Apofteltage noch eine weit beflere 
Anfnüpfung in der Schrift, für fie haben wir ein biblifches 
Fundament. Das gehört auch zum Charakter unferer Kirche, 
bag wir ung bei foldhen Dingen nicht auf eine Tradition beru- 
fen, fondern auf die biblifche Wurzel zurüffgehen; die hätten 
wir bier. Aber was ift hier für eine große Ungleichheit im 
Stoffe ſelbſt! Wer follte nicht fagen, daß man erftaunlich viel 
\höpfen kann aus ber Perfönlichfeit des Petrus Paulus und 
Johannes wie fie uns wirklich bargeftellt find; aber was wif- 
ſen wir von den übrigen Apoſteln? Sie find ung unbefannte 
verihwimmende Geftalten. Bon den, meiften wiffen wir nichts 
was ihre Perfönlichkeit betrifft, und ihre Verdienſte um bie 
Kiche find ganz ins Dunkel gehuͤllt. Wenn wir bie Legende 
niht wollen geltend machen, fo wiffen wir von ihnen fo gut 
wie nichts zu fagen. Das biblifhe Fundament Tiegt in dem 
Auftrag den Chriſtus den Zwölfen gegeben, und ba find fie 
einander gleich, Es Liege fich ſchwer rechtfertigen wenn man 
Ayoſteltage feiern wollte; bei jenen breien würde es eine feft- 
liche eier geben, bei ben anderen müßte man auf allgemeines 
wrüffgehen, was ein in der Sache felbft unvollkommenes iſt. 
Es if eine Bereicherung der bedingten Darftellung möglich, 
aber nur mit großer Kreiheit der Benuzung. In Kleinen Ge- 
meinen finden wir noch andere Arten von Feften, wie bei ben 
Herrnhuthern befondere Feſte für bie natürlichen Verhältniſſe 


— 12 — 


die fih auf bie Gefchlechtsverfchiedenheit gründen, befonbere 
Fefte für die Verheiratheten Unverehlichten Witwer und Wit- 
wen, Das bat viel anfprechendes für fih, es find Naturver- 
hältniffe für die es eine religiöfe Behandlung giebt; aber ge— 
ben wir auf unfere Idee vom öffentlichen Gottesdienſt zurüff: 
fo iſt etwas darin was fi in ber Kirchengemeinfchaft nicht 
auf gleiche Weife realifiren Täßt, Es find Elemente ber Ge- 
meine, die auf befondere Weife herausgehoben werben; es ent- 
fteht ein zwiefahes Berhältnig daraus berer die in ben ge= 
feierten Kreis gehören und berer bie nicht hineingehoͤren; fie 
fiehen in befonderem Verhaͤltniß zum feftliden Tage, und es 
entfteht der Schein als ob die einen die von ben anderen ge- 
feierten wären. Diefer Schein hat nichts zu fagen in einer 
fleinen Gemeine die den Familienharafter an fih trägt; in 
einer großen Gemeine aber findet das nicht fo flatt, weil eine 
folhe Verbindung der einzelnen unter einander nicht flattfindet, 
und werben wir dergleichen nicht aufnehmen können wenn fich 
nicht Die ganze Tage ber Kirche änderte. Wir find ſchon durch 
ben Charakter ber evangelifhen Kirche und durch gefchichtliche 
Umftände auf ein freilich nicht überall gleihes Verhälmig zwi- 
fhen der bedingten und unbedingten Darftellung gewiefen, was 
aber überall fo ift daß das Webergewicht auf ber Seite ber 
unbebingten if. Wir werben alfo im ganzen fagen müffen, 
Es wird nicht einen Ort in ber evangelifhen Kirche geben wo 
es rathſam wäre die bedingte Darftellung noch mehr einzu⸗ 
fhränfen, ausgenommen wo bie Marientage noch herrſchend 
find. Wir werden aber wenig Stoff finden für eine Vermeh⸗ 
rung ber bedingten Darftellung und find daher gewiefen an 
das was bie Loralität jeder Gemeine an die Hand giebt, und 
das ift ber evangelifche Charakter in biefer Beziehung. Unter 
die allgemeinen Feſte önnen nur bie Punkte im urfprünglichen 
Cyklus des Chriſtenthums gehören und bas Andenken an bie 
Verbeſſerung der Kirche felbfl. Dagegen aber, weil alles 
übrige ber unbedingten Darſtellung anheim fällt, iſt unfere 
Pflicht alles was im Leben als gemeinfame veligiöfe Erregung 


— 153 — 


im Umfreid einer Gemeine vorkommt zur bedingten Darftelfung 
zu benugen, die aber nicht unter dem Charakter des Feſtes 
hervortritt. Der Eultus ift hervorgegangen aus dem was bie 
Gemeine am flärfften erregt hat, db. h. ber gewöhnliche Got⸗ 
tesbienfi wenn er nicht feftlih if, muß fo viel als möglich 
eafuell fein. Dies Fönnen wir nur auf allgemeine Weife 
hinſtellen; es Täßt fih auch nicht ausführen, fondern muß dem 
Mitfeben des Geiftlihen mit feiner Gemeine überlaffen fein 
und wird nur realifirt werben können in dem Maaß als dies 
bervortreten fann. Das gemachte ift da überall das ver- 
derbliche. 

Wenn wir hier das in der Erfahrung gegebene dagegen 
halten: fo finden wir dieſe Conſtruction bie auf einen gewiſſen 
Grad ausgeführt, und je mehr das Ganze davon abweicht, 
werben wir etwas unvollfommenes im Zuftande der Kirche 
ertennen. Aber wir werden auch noch andere Elemente fin- 
ben, die auf diefe Weife gar nicht aus biefer Eonftruction her» 
vorgehen, nämlich gewifle Acte der bedingten Darftellung bie 
nicht unmittelbar aus dem kirchlichen Leben fondern aus dem 
bürgerlichen entfpringen. Diefe find felbft wieder von fehr 
verfhiedener Art. Unfer kirchlicher Jahrescyklus fängt feiner 
Natur nah mit dem Weihnachtöfeft an, aber nicht mit dem 
dert ſelbſt, ſondern mit der Vorbereitungszeit auf das Weih- 
nachtsfeſt, Advent. Das bürgerlihe Jahr bat einen anderen 
Anfang, und biefer wird auch auf gottesdienſtliche Weife be- 
gangen; aus dem Firchlichen Leben geht dies nicht hervor, aber 
es ift doch allgemeine Praxis. Ein jeder wird es fi glei 
sorftellen, daß im Anfang des Ffirchlichen Jahres, wenn man 
ihn nicht immer bloß als Vorbereitung auf das Weihnachtsfeft 
betrachtet, Doch andere Beziehungen heraustreten ale im Neu- 
jabrstage. Diefer giebt Gelegenheit das bürgerliche Leben 
überhaupt auf veligiöfe Weife zu behandeln und einen Begriff 
der Zeit, wie er als Wechfel Eindruff auf das Gemüth macht; 
wir haben fo einen eigenthümlichen Stoff und eine Oppofition 
dagegen würde an unrechter Stelle fein. Wir finden noch ei- 


— 154 — 


nen Feſttag in einem großen Theil des evangeliſchen Cultus 
eingeführt, das Erndtefeſt. Es bezieht fih auf bie Agri- 
eultur, fofern fie als die Baſis des gemeinfchaftlichen Lebens 
angefeben wird, felbft aber wieder auf den Naturkräften und 
ber göttlichen Anordnung in Beziehung auf dieſe mit beruht. 
Daß dies nicht überall auf gleiche Weife hervortritt, iſt Mar. 
Sin einer Gefellfchaft wo der Afferbau nicht fo die Baſis wäre, 
würde dies nicht ſo hervortreten. Wo es ift, da ift Das Ernbte- 
feit freilich nicht firchliche Einrichtung, fondern ift von der bür- 
gerlihen Gewalt in Anwendung gebradt. Ob fie ein Recht 
Dazu gehabt, kann bier nicht in Unterfuchung fommen, aber ale 
Vorſchlag angefehen bat die Kirche wohlgethan ihn anzuneh- 
men, fofern die Agrieultur noch einen bedeutenden Punft im 
gemeinfamen Leben einnimmt. Andere gefellfchaftliche Beichäf- 
tigungen erfcheinen nicht fo in einem gewiffen Zeitpunft vollen 
det wie bie Erndte und gewähren aud eine ſolche Leichtigkeit 
nicht. Nun finden wir noch die öffentlichen allgemeinen Buf- 
und Bettage, bie überall eingefezt werben von ber mit der 
bürgerlichen vereinigten Kirchengewalt. Wie ift es mit dieſen? 
Die Geſchichte berfelben ift fo, daß man bei weitem mehr ge- 
gen fie einwenden möchte ald gegen jene anderen. Was am 
meiften dabei vorgefchrieben wird, ift das Gebet um Abwen- 
bung allgemeiner Landplagen, und das wird in Verbindung 
gebracht mit der Buße als Anerkennung der Sünbhaftigfeit, 
wo alſo die Landplagen als Strafgerichte angefehen werben. 
Das fünnen wir nicht als rein hriftliche Anficht gelten Laffen; 
da müffen Modificationen eintreten wenn eine folde Feier fol 
reinen religiöfen Gehalt befommen und nidt Superftition ver⸗ 
anlaffen. Bei der Beichte haben wir e8 mehr mit dem ein- 
zelnen Leben als ber Entwifflung ber Perfönlichfeit zu thun; 
an jedem Bußtage aber erfcheint das einzelne Leben als Ele— 
ment bes gemeinfamen in feiner weltlichen Beziehung: bag 
läßt fih in den Zahrescykius aufnehmen, nur werben wir nicht 
wünfhen daß dieſe Tage gehäuft werben und dag man unter- 
ſcheidet zwiſchen feftftehenden Buß- und Bettagen und zwifchen 


— 15 — 


außerorbentlihen. Aber nun ift noch eins übrig, eine grabezu 
vom Staat als ſolchem georbnete gottesdienfllihe Feier in 
Beziehung auf einzelne Begebenheiten die den Staat betreffen. 
Dergleihen find Sieges- und Friedensfeſte. Gegen bie 
Iegteren wird fih niemand opponiren wollen; ber Krieg von 
Chriften untereinander ift ein unnatürlicher Zuſtand. Die Auf- 
hebung deffelben muß offenbar eine allgemeine Beranlafjung 
zur Freude und Dankbarkeit fein, bie. in einem außerordentlis 
hen Cultus heraustreten kann. Anders ift es mit den Sie⸗ 
gesfeften, weil man nicht auch verlorne Bataillen feiert; 
baun wäre ed ausgeglichen. Wenn bag fo betrachtet wird, baß 
ber Sieger eine befondere religiöfe Anregung bat, bie der ge= 
ſchlagene nicht bat, fo ald wenn ber Sieg eine göttliche Be⸗ 
gänfligung wäre: fo iſt Dagegen viel zu fagen, und mit gutem 
Gewiffen läßt fih eine folhe Feier nur anftellen wenn man 
ganz etwas anderes daraus macht ald babei beabfichtigt wor- 
den. Es ift nicht recht daß man Gott wenn man fiegt anders 
danft als wenn man gefchlagen if. Im Sieg ift Feine göft- 
liche Rechtfertigung zu finden. Sofern die Siegesfefte auf 
biefe Differenzen gehen, follte man fie abftellen und fagen, 
Der Rrieg ift eine Zeit wo in ber religiöfen Anregung bie 
Buße eintreten foll, und Fönnen wir das unbedingte ind be— 
Dingte nur unter dieſem Gefichtspunft führen. Krieg ift nicht 
ohne Sünde, die Sünde ift allgemeine Schuld, ber Krieg führt 
auf die gemeinfame Schuld hin, und diefe Erregung foll in 
diefer Zeit dominiren. Die Freude über den Gieg ift eine 
egoiſtiſche, die jene allgemeine religiöfe Erregung unterbrechen 
würde; und ift ein ſolches Gebot gegeben, fo muß man fid 
fo aus der Sache ziehen daß jener allgemeine Charakter nicht 
dadurch geftört wird, Dies iſt etwas was man lieber anders 
wünfchen möchte, fo daß bie Geiſtlichen alle Momente bes 
Kriegsverlaufes auf die rechte Weife zu einer veligiöfen Er- 
regung benuzten. Jedoch die Obrigfeit repräfentirt den Staat 
als Perfönlichfeit, und ihre Anſicht Täßt fich nicht fo in ben re— 
Tigiöfen Standpunkt hinüberführen. 


— 156 — 


Es gäbe keine Geſchichte des Chriſtenthums wenn bas 
Kriftfiche Leben und Bewußtſein in jedem Jahre baffelbe wäre 
wie in einem andern; ed wäre flationär geworden, und das 
ift gegen die Erfahrung. Stellen wir und auf den Standpunkt, 
daß der chriftlihe Cultus mit der chriftlihen Geſchichte geht: 
fo müſſen wir fagen, daß wenn es im geſchichtlichen Ganzen 
Perioden und Epochen giebt, fih dieſes auch im Cultus ab- 
fpiegelt, und fo if ber Jahrescyklus des Qultus in der einen 
Periode nicht identifh mit dem in der andern. Wir beifen 
eine folhe Periode maden, aber ohne Bewußtfein, ohne zu 
wiffen ob wir im Anfange oder am Ende ung befinden; und 
benfen wir und im Uebergang: fo fann um fo weniger ein 
Bewußtfein davon flattfinden. In technifcher Beziehung if 
biefe Betrachtung null, der Cultus foll immer eine Dar- 
fellung des hriftlihen Lebens fein wie es wirklich 
ift; wenn wir biefen Kanon verlaffen wollen; fo wäre unfer 
Eultus immer etwas rein willführliches phantaftifches, wovon 
fih nicht viel erwarten ließe. 


Somit gehen wir nun über zu ber Theorie ber einzelnen 
organifhen Theile des Eultus, und folgen darin demjenigen 
was wir als natürliche Conſtruction berjelben angefehen haben, 
und fangen mit der Liturgie an, welche die Einheit der Ge- 
meine mit bem Ganzen ausbrüfft; gehen dann über zu Dem 
Gefange, welden wir nicht trennen, wenn glei wir ihn als 
erftes und Teztes im Cultus gefezt haben; dann behandeln wir 
das Gebet, auch als eins, obgleich es aud eine Duplicität 
bat; und zulezt die Theorie der religiöfen Rede, 


I. 
Theorie der Liturgie im Eultus. *) 


Daß dies Element im Cultus nothwendig ift, fann man 
ſehr Har machen, und überall wird die Geſchichte zeigen daß 


*) S. Beilagen B. 25— 28. C. 14. 15. 


— 17 — 


nur in ganz kleinen kirchlichen Gemeinen ein Gottesdienſt ohne 
liturgifche Elemente befteben kann, und je mehr in der großen 
Kirche ein Gottesdienſt ohne Liturgie auffommt, deſto mehr 
wird der Berband Iofe fein. Sofern der Cultus darftellend 
fein fol, fol fih das religidfe Bewußtfein ber Gemeine darin 
ausfprechen. Iſt fie ganz ifolirt, fo bat fie nur ihre Perfön- 
fihfeit auszufprechen in jedem einzelnen Moment; gehört fie 
zu einem größeren, fo muß fie ſich ihrer als Theil des orga= 
niſchen Ganzen bewußt werden. Daß durch das Nichtdarges 
ftelltwerden diefer Theil verfhwinden muß, ift eine natürliche 
Solge, weil ein Bewußtſein das nicht in Die Erfcheinung ber- 
austritt fich verliert. 

Im aligemeinen können wir nur fagen, daß ber Geiftliche 
in diefer Hinfiht eine zwiefache Perfon iſt; einerfeits foll er 
dem Kirch enregiment angehören, andererfeits gehört er der Ge- 
meine an und tritt ald ihr Repräfentant im Gottesdienſt auf; 
in ihm muß die Bermittlung Tiegen, und ihm muß obliegen 
die Gemeine und ihre Aeußerung fo zu Teiten daß ein beſtimm⸗ 
ter Einfluß des Kirchenregiments überfläffig wird, und im Kir- 
chenregiment fo thätig zu fein bag das Band der Gemeinen 
unter einander zufammengehalten werde, aber fo daß der Ein- 
fluß des Kirchenregiments fih immer mehr zurüffzieht je mehr 
fih dies aus ber Freiheit der Gemeine ſelbſt entwiffelt. 

Der Ausdruff ift befannt: Liturgie kommt aus dem 
Griechiſchen und es wurde darunter verftanden eine Dienftlei- 
fung die der einzelne dem Ganzen zu leiften hatte, aber nur 
folhe die zugleich eine Handlung war. Nun Täßt fih der 
chriſtliche Gottesdienſt auch fo anfehen als eine thätige Leiftung 
bes einzelnen zu allgemeinem Beften. So wie im bürgerlichen 
Leben bie gefezgebende Macht dieſe Dienfte beftimmte, fo ift 
es der Analogie gemäß im kirchlichen Leben das Kirchenregi« 
ment welches diefe Leiftung beſtimmt, und biefe ganze Ord⸗ 
nung nennt man num Liturgie. Es ift aber hier eine wejent- 
ide Differenz über die Selbfithätigfeit des Geiftlihen und 
dies iſt noch immer ein fehr fireitiger Punkt. Wie. viel ben 


— 158 — 


Geiſtlichen zugeſtatiet werben kann, das zu beſtimmen if eigent⸗ 
lich Sache des Kirchenregiments; aber gewöhnlich geſchieht eine 
geſezliche Aufhebung erſt wenn die Sache von ſelbſt ſchon an⸗ 
tiquirt iſt. Hier kommt es doch auf die Freiheit des Geiſt⸗ 
lichen an. Dieſe kann aber nicht näher beſtimmt werben und 
fommt auf das Gefühl und das Gewiffen bes Geiftlihen an, 
Es finden bier zwei Extreme flatt, das völlige Gebundenfein 
durch die Liturgie, und die abfolute Freiheit in dieſer Hinftcht. 
Es Täßt fih hier Dreierlei von einander fondern: 1) eigentliche 
Eonfeffionen, fombolifhe Formeln; 2) Formulare bei 
beftimmten Handlungen; 3) Gebete. Symbolifhe Formeln 
fprehen am beftimmteften die Einheit mit der Kirche aus und 
wir Protekanten haben befonders nöthig dies Element hoch zu 
achten, weil die Einheit der Kirche dadurch immer wieder ine 
Gedächtniß gerufen wird und das Bewußtfein bes ganzen Um⸗ 
fanges ber chriſtlichen Lehre gewekkt. Was bas zweite be= 
trifft: fo bezieht fih dies auf die Fanonifche Formel bei Hands 
habung der Sacramentes bie Taufe iſt in jeder chriftlichen 
Kirche dieſelbe und wir erfennen die Gültigkeit einer jeden an; 
das Sarrament bes Abendmahls trennt ung aber von den Ka⸗ 
tholifen und die Formel muß fo fein daß ber ganz beftimmte 
Charakter des Proteflantismus darin ausgefprochen if. An 
biefe zwei Hauptpunfte knüpfen fich Leicht noch andere an, 3. B. 
fettftebende Formeln bei der Ehe. Das britte Element bie 
Gebete find verfchiebener Art, Einleitungen für den vollftändi- - 
gen Gottesdienft und Schlußgebete., Es fragt fih nun, Wie 
foll der Geiftliche diefe verfchiedenen Elemente behandeln? Es 
findet offenbar ein fehr großer Unterfchied in dieſer Hinſicht 
ſtatt; es iſt nicht gleich, ob der Geiftliche im apoflolifhen Sym⸗ 
bolum oder in einem Gebete etwas ändere. Das zweite Eles 
ment ſteht ber Natur der Sache nah in der Mitte. Zunächft 
fommt es hier darauf an, dasjenige zu fiheiden was dag Kir⸗ 
henregiment anorbnen kann und foll, und was nicht. Das 
Kirchenregiment muß ein fombolifches Element in der Kirche 
anordnen, unb ber Zweit gebt ganz verloren wenn ber einzelne 


— 19 — 


ſich Aenberungen barin erlaubt, denn er bringt inbivibuelles 
hinein wo eben alles individuelle ausgefchloffen bleiben foll und 
nur das allgemeine hervortreten muß. Ganz null iſt die Frei⸗ 
heit bes Geiſtlichen aud hier nicht, die Stellung der Symbole 
fällt ihm noch anheim, und es bleibt feinem Ermeflen über» 
lafien ob er e8 vor oder nach dem Gebet fiellt, und es wäre 
überfläffig hier etwas anzuorbnen. Auch giebt es verfchiebene 
Ausgaben des symbolum apostolicum; in ber älteften fehlt 
ber Artikel von der Höllfenfahrt Chrifti, und da bies für ung 
lebende nicht von Wichtigkeit ift, fo fteht es ihm frei ed aus⸗ 
zulaſſen; desgleichen „die Gemeinfhaft der Heiligen” neben 
der allgemeinen Kirche, welcher Zufaz auch in ber älteften Aus⸗ 
gabe fehlt. Immer aber findet das Minimum von Freiheit 
für den Geiſtlichen Hier ſtatt. Aenderungen die die Geltung 
der Ausbrüffe vernichten, die aufbebend oder erflärend find, 
zerſtören den fombolifchen Charakter. Nun hat aber jeder 
Geiſtliche das vollfommenfte Bewußtſein daß er nicht Meß—⸗ 
priefter iſt und gar nichts mechanifches in feinem Geſchäft fein 
fol, Hieraus folgt bag in allen Fällen wo die größte Ana= 
logie des Eultus mit dem Meßkanon ftattfindet, der evangeli- 
ſche Geiſtliche ſich doch nicht zum Buchflaben verpflichtet. Bei 
ber katholiſchen Kirche ift es ein opus operatum, das aus der 
Reformation verfhwunden if. Wenn man fi den Geiftlichen 
als Diener des göttlichen Wortes denkt: fo if Damit fchon als 
les mechaniſche ausgefchloffen, denn Geiſt ift das lebendige, 
dem Mechanismus entgegengefezt; und daher werden wir bies 
feßftellen fünnen, baß der Geiftlihe niemals, wenn ihm auch 
ein folcher liturgiſcher Kanon gegeben ift, füh zu dem Buch⸗ 
Raben verpflichtet fühlen kann. Hier ift alfo eine abfolute 
Grenze, die wir fefthalten müffen für den Geifllihen rein aus 
feinem Standpunkt. Nun aber wenn wir benfen, es find ihm 
liturgiſche Elemente gegeben innerhalb diefer Sreiheit, aber er 
findet nun einen Streit in diefen Elementen gegen basjenige 
was feine eigene Ueberzeugung ift: fo fann dies im dogmati⸗ 
ſchen Sinn ber Hall fein; aber Dies ift nicht das einzige, Je 


— 10 — 


weniger unſer Gottesdienſt mechaniſch ift, defto mehr muß man 
vorausfezen dag die Gemeine felbft mit dem Gebanfen bie Li⸗ 
turgie begleitet. Nun kann mandes in der Liturgie vorkom⸗ 
men was nit grade dogmatiſch unrichtig iſt, aber Doch fo daß 
man es nicht für zweffmäßig halt es der Gemeine vorzutra⸗ 
gen, wie 3. B. etwas was an Superftition anſtreift. Derglei- 
hen Elemente giebt es in unferen liturgifhen Formeln fehr 
viele. Hier fommen wir auf eine große Region bes dissensus 
zwifchen bem Geiftlichen und dem Klirchenregiment. Wenn wir 
nun bie Frage fo ftellen wie fie gewöhnlich geftellt wird, Soll 
der Geiftlihe in folhem Fall gegen feine Weberzeugung die 
Titurgifchen Elemente vortragen, ober foll er den Kirchendienſt 
ba nicht verrichten wollen wo dieſe Titurgifhen Elemente gege- 
ben worden find? fo ſieht man, wie das lezte fhon gar nicht 
angenommen werden Fann, wenn man bebenft wie ed bei und 
zugeht mit den Stellen. Wie ber Geiftlihe fi nicht barein 
geben kann ein Sflave des buchftäblichen Vorleſens zu fein, fo 
kann er fich noch weniger barein geben was gegen feine Ueber: 
zeugung ift, aber er kann auch nicht vorausfezen daß es von 
ihm verlangt wird. Bon ber entgegengefezten Seite hat man 
gefagt, Was würde heraus kommen, wenn Geiftlihe der Ge⸗ 
meine vorgefezt würden bie gar nicht ben Geift der evangeli- 
fhen Kirche Haben? Wenn foldhe Fragen von Seiten bes 
Kirchenregiments kommen, fo muß ein Verſehen in Diefem ge= 
legen haben; gebt euch doch mal Rechenſchaft, wo ſolche Geiſt⸗ 
liche herkommen follen ohne eure Schuld, und daher müffet 
ihr bies am rechten Ende anfaffen, dann werbet ihr nicht bie 
Mißbräuche vorauszufezen haben. Nun fommt es nur darauf 
an, daß der Geiftlihe mit feiner Gemeine im richtigen Ver⸗ 
häftniffe ſtehe; da entſteht aljo die Frage, wenn ber Geiftliche 
bei einer Gemeine fein Amt antritt die er noch nicht Fennt, 
und er kommt in ſolchen Streit mit feiner Weberzeugung: wie 
er fih dann zu verhalten habe. Er hat nur zwei Wege, ent⸗ 
weder bie. Liturgie. zu ändern fo leiſe als möglich, oder der 
Gemeine begreiflich zu machen daß .er in biefem Punkt nicht 


— 161 — 


er ſelbſt ift fondern nur Organ bes Kirchenregimente. Das 
leztere Täßt ſich aber nicht fo allgemein fefiftellen, und da wer⸗ 
den wir bei dem erften fteben bleiben müflen: bas Titurgifche 
muß fo eingerichtet fein daß man nicht vorausfezen Tann, es 
fei gegen bie Ueberzeugung bes Geiftlichen. 

Sehen wir auf das zweite Element, welches alle litur—⸗ 
sifhe Kormulare in fich begreift: fo ift hier zu unterfchei« 
den 1) dasjenige was rein fymbolifch ift, alles unmittelbar 
bibliſche mitgerechnet, wie beim Abendmahl zwei oder drei li⸗ 
hirgifche Elemente aneinandergereibet find. Dies anzuorbnen 
ik Die Sache des Kirchenregiments, ändern barf der Geiftliche 
am gegebenen nichts; ob er aber die Zahl der Elemente ver- 
ringern darf, ift eine andere Frage, und 3. B. das apoftolifche 
Symbolum, das man an einigen Orten dem Abendmahl zu- 
fügt, iſt für ben Actus nicht mehr fo wichtig; aber foldye Frei= 
heiten können nur in befonderen Umftänden gerechtfertigt wer⸗ 
ben; oft und willführlich hier zu mindern geht aber über bie 
Befugniß des einzelnen Geiftlihen hinaus. 2) Erflärungen 
Anreden Auseinanderfezungen die man den fpmbolifchen For⸗ 
mein zufügt, diefe antiquiren oft in der That ehe man fie ab- 
ſchafft, und neue treten nicht gleich mit derſelben Autorität aufs 
in Beziehung auf diefe Grenzgegenden muß ber Freiheit bes 
Geiſtlichen ein gewiffer Spielraum gelaffen werben, wenn man 
ihn als Iebendiges Organ ber Kirche anfehen will. Es muß 
ihm erlaubt fein allmählig das antiquirte zu entfernen und das 
auffalfende im neuen durch Annähern an das alte zu mildern, 
Dies muß ber Einfiht des einzelnen überlaffen bleiben nad 
der Stimmung und bem Zuftande ber Gemeine. Man muß 
in diefer Hinfücht dem Geiftlichen nachfehen, wenn in der Ge- 
meine feine Verſtimmung baraus entſteht; follte ber einzelne 
bier das Maaß überfchreiten, fo kann das Kirchenregiment mit 
feiner Autorität eintreten. Mancher Ausdruff veranlaft Miß⸗ 
verftändniffe, dunkle Vorftellungen bie daran haften, und ſo⸗ 
bald der Geiftfiche dies bemerkt, fo müßte er ganz aufhören 
lebendiges Organ der Kirche zu fein wenn er ve ‚nicht durch 

Yraltifge Ipenlagie. 3. 








— 162 — 


Aenderungen dem Uebel abhelfen wollte; bei eigentlichen ſym⸗ 
boliſchen Elementen kann dies freilich auch entſtehen, doch kann 
er da durch gelegentliche Erläuterungen ſein moͤglichſtes thun, 
weil für heilig geltendes nicht fo leicht zu ändern if. Das 
liturgiſche das fi in die fymbolifhe Elemente einſchließt, bat 
wefentlich den Zweit bie Identität der Handlungen vorzuftel- 
(en, und dazu trägt ein gewiffer Theil ber Borftellungen viel 
bei; doch ift es mit Borftellungen nicht fo wie mit Wörtern; 
find jene verftändig gewählt, fo antiquiren fie nicht, und über 
den eigentlichen Inhalt ift dem Geiftlihen bier Feine Freiheit 
einzuräumen. Die Sprache muß er umbilden können, wo es 
nöthig ift, den inneren Schematismug aber beibehalten. Eben- 
fo ift e8 der Fall, wenn neue Formulare eingeführt find und 
ber Geiftliche merft Daß die Gemeine das neue als willführ- 
liches anſehen wirb und ihre religiöfe Stimmung dadurch ge⸗ 
flört werben fönnte: eine grelle Abftufung muß er hier erfpa- 
ren, nur Schritt vor Schritt zu Werke gehen. 

Was das britte Element die Gebete betrifft, bie theils 
für ſich beftehen theild Theile anderer liturgiſcher Elemente 
find: fo ſcheinen fie noch weiter vom rein fpmbolifchen Anfe- 
hen entfernt zu fein und wegen bes verfchiedenen Charaktere 
bes Gebetes in Beziehung auf die Sprache noch mehrerer Ver⸗ 
änderungen fähig zu fein. Die Vollfommenheit bed Bortrags 
iſt nicht erreicht wenn der Geiftlihe immer an den vorgefchrie= 
denen Buchſtaben fih halten muß. Das Gefühl der Gebun- 
denheit macht den Geiftlihen zum mechanischen Werkzeug und 
bat ben übelften Einfluß auf feinen Vortrag; das Gefühl der 
Freiheit macht ihn zum lebendigen Organ. Freilich befteht bie 
Bollfommenheit darin alle Berfchiebenheit der Stimmung und 
dergleichen zu behberrfchen und ber befte Geiftlihe wird 
ber fein der nie zu ändern braudt und den dag Be— 
wußtfein ber möglichfien Freiheit doch begleitet. Was 
den Inhalt ber Gebete betrifft: fo fezen fie gemeinfame Anre⸗ 
gungen voraus, und gewöhnli hat ber Liturg Feine Anforbe- 

rung etwas bazu noch davon zu thun. Bisweilen treten aber 


> 


& 


— 163 — 


befondere Affectionen hinzu, bie man aber boch als gemein- 
fame anfehen kann; ba ift nun bie Liturgifche Behörde gleich 
bereit Rüffficht darauf zu nehmen, z. B. Kriegszufland; es 
fann aber auch locale gemeinfame Affectionen geben bie die 
Behörde nichts angehen, 3. B. Brand einer Stadt, und in fol- 
hen Fällen ſteht es dem Geiftlichen frei zu modiſiciren, wenn 
er ih nur an den Haupttypus des gemeinfamen hält. Hier 
iR mın unter ben Gebeten felbft ein großer Unterfhied; im 
Gebet Chriſti herrſcht das ſtreng fpmbolifche fo vor, daß 
jede Aenderung babei unzwelfmäßig ift und eine jede Para⸗ 
phraſe daran verwerflich. 

Daſſelbe gilt vom Segen, dem lezten Entlaffungsgebet 
der Gemeine; er iſt etwas altteſtamentliches und hat ſich aus 
ben vorchriſtlichen Zeiten erhalten, und es ließe ſich wohl et- 
was neuteftamentliches an die Stelle fegen; dies ift aber nicht 
Sache bes einzelnen: fo lange es noch als foldhe Kormel da⸗ 
Hecht, hat es den fombolifchen Charakter, ber bie Einheit ber 
Kirhe ausfpricht, und es gehört nichts individuelles hinein, 
Paraphrafirt man den Segen: fo wird er ein guter Wunſch 
bes Geiſtlichen. Ob aber der Geifllihe bich, euch oder ung 
im Segen braucht, ift völlig gleichgültig. 

Tragen wir und, was für Gegenffände aus dem 
didaktiſchen können ins Titurgifhe kommen: fo ift es 
nur was die Einheit der Kirche ober ber einzelnen Partei cons 
ſtimirt. Liturgiſche Formulare find entweder foldhe Die in die 
Entftehung der kirchlichen Gemeinfchaft ſelbſt Hineinreichen, ober 
ſolche die erſt Werke einer fpäteren Reviſion find. In Zeiten 
wo fih eine befondere Kirchengemeinſchaft bildet, wird ein bes 
ſenderes Intereffe genommen an den Punkten welde bie Ei— 
genthümlichfeit einer einzelnen Kirche beſtimmen. Daher ift in 
folden Zeiten die Verſuchung fehr groß in ein firenges bog- 
matiſches Detail zu geben; fo findet man es in ben alten Li⸗ 
turgien über das Abendmahl, Sezt wird mandes was fich 
herauf bezieht von den meiften völlig überfehen; es giebt noch 
befondere Differenzen ber Meinungen, doch iſt ber polemiſche 

11* 





‚ 


— 14 — 


Sinn verloren gegangen und der todte Buchſtabe iſt übrig 
geblieben. Sp iſt es z. B. auch mit dem Nicaͤiſchen Symbo— 
lum, das gegen die arianiſchen Anſichten geht. Hieraus ſieht 
man die Nothwendigkeit das didaktiſche in den Liturgien von 
Zeit zu Zeit zw ändern ſowol durch Zuſäze als durch Weg- 
laffungen. Beides kann aber nur vom kirchlichen Regiment 
ausgehn. Je mehr das hriftlihe fih entfaltet, find Weglaf- 
fungen häufiger, Zufäze feltener; je mehr Raum das dogma⸗ 
tifhe einnimmt, befto mehr wirb das erbauliche eingefchränft; 
je mehr das dogmatifche eingefchränft ift, defto mehr kann das 
erbaulihe und präftifche ſich auslaſſen. Iſt das erfle ber 
Fall: fo fehen wir daraus, daß Bewegungen in ber Kirche 
find; ift das zweite der Fall: fo muß mehr bie Ruhe herr 
fhen. Wenn die weldye das Rirdhenregiment führen den Wedy- 
fel beurtheilen und einen richtigen Sinn bafür haben: fo wer⸗ 
den fie die nothwendigen Veränderungen treffen. Died barf 
aber nicht zu oft gefchehen, font hat das willführlihe das 
Mebergewicht und bie Einheit der Kirche verſchwindet im DBe- 
wußtfein. Die Erhaltung dieſes Bewußtfeins und die Borbe- 
reitung zu ſolchen Aenderungen fällt nur ber Freiheit des ein- 
zelnen Geiftlihen anheim. Es fragt fih nun, Wie bat der 
Geiftlihe bier feine Freiheit anzufehen und zu gebrauchen ? 
Leider ift der Mißbrauch nur zu gewöhnlid; viele Geiftliche 
bie veraltete Formulare vorfinden, fagen fi ganz los davon 
und fezen fehr willführlihe neue Productionen an die Stelle: 
Daburd geht der Charakter den Dies Element des Eultus hat, 
ganz verloren und wird eine Privatfache zu einer allgemeinen 
gemacht. Ein Titurgifcher Theil bes Cultus hat beftimmte 
Punkte auf welchen feine Wirfung beruht, die Neuheit ift aber 
immer ein Punkt ber die Wirfung hemmt. Das neue macht 
Eindruff, aber nicht den ben eine Liturgie machen fol, Iſt 
eine Liturgie fo verfäumt worben daß nur durch etwas neues 
zu helfen ift: fo kann dies nicht von einzelnen ausgehen, ſon⸗ 
bern von ber firchlihen Behoͤrde. Diefe wirb immer das Gefüht 
haben daß fie das neue mildern muß, und ben Charakter der 


— 165 — 


Autorität" bei fich führen, ben das vortrefflichfte das ber ein⸗ 
jelne bringt nicht hat. Die Ausübung ber Freiheit bes ein⸗ 
jeinen fängt da an, wo bie einzelnen Beziehungen nicht mehr 
verfanden werben und das Intereſſe fchwinbet für einzelne 
Punkte. Das polemifche Fann er weglaffen und in ein rein 
demonflratives auseinanderfezendes verwandeln. Wenn nun 
gewiffe nähere Beftimmungen ihr Intereffe verloren haben und 
nur Gegenfland der Schule geworben find: fo ift auch ber 
Fall möglich, daß dies ganz wegfalle und ber erbauliche Theit 
größer werde. Allerdings muß man geftehen, das Abnehmen 
am Intereffe im dogmatifchen darf in der chriftlichen Kirche 
nur bis zu einem gewiffen Grabe fleigen. Es giebt einige 
Punkte die ihrer Natur nah nur der Schule gehören und 
bloß in erregten Zeiten allgemeines Intereſſe erwekken, und 
zur von biefen gilt das Abnehmen des Intereſſes. Was 
das wefentliche des Kriftlichen Glaubens ausmacht, darf nicht 
weniger intereffiren, wenn bie Kraft des Chriſtenthums nicht 
geihwächt fein foll; ein folhes Beduͤrfniß der Veränderung 
fol der Geiſtliche nicht eintreten laſſen; es ift feine Sache als 
Ratehet die Lehre des Chriſtenthums einzuprägen und ald Pres 
diger das praftifche und theoretifche des Chriſtenthums immer 
im Zuſammenhange darzuftellen. 

Offenbar fönnen auch die bildlichen Borfellungen 
“mit der Zeit antiquiren und zulezt Tann das was erbauen foll 
grade das Gegentheil bewirken. Je mehr fih einzelnes biefer 
Art wiederholt, defto mehr geht das ganze in einen tobten 
Buchſtaben über. Wie fol nun ber Geiftliche diefem Lebel- 
Rand abhelfen? In wie fern man ein beſtimmtes Sprachge- 
biet und einen Cyflus von. Borftellungen als ein ganzes an- 
ſieht: fo iſt es nicht zweckmäßig einzelnes zu ändern ohne zur 
Umbildung bes ganzen zu fehreiten. Dies darf aber nicht das 
Werk des einzelnen Geiftlichen fein, und von dieſem Geſichts⸗ 
punkt aus fcheint die andere Methobe vorzuziehen zu fein, das 
einzelne zu ändern. Sollen wir uns bie gänzlihe Umbilbung 
wirklich denken: fo muß das neu aufgeftellte grabe aus dem 


— 166 — 


geltenden Cyklus von Vorſtellungen bergenommen fein, und 
daraus entfleht der Charakter des modernen. Doch iſt ee 
ber größte Fehler in einem ſolchen Theil des Eultus, wenn er 
mobern if, In der Kirche foll die Differenz von heut und 
geftern und einer Generation unb ber andern ſich verwiſchen, 
nichts foll als ein beutiges erſcheinen; deshalb ift jede gänz- 
lihe Umbildung unpaffend, ed muß fi immer etwas aus ei⸗ 
ner Generation in bie andere ziehen. Bei einer lebendigen 
Sprache erzeugt fih immer etwas neues; wenn wir aber eis 
nen Schriftfteller einen Flaffifchen nennen: fo meinen wir 
damit einen Charakter ber Allgemeingültigfeit, worin ber Wedh- 
fel der Sprache nicht fo fireng auftritt, fondern der lange ver- 
ländlich und fıhön bleiben wird. In den Grenzen bed klaſſi⸗ 
fhen muß fih die Sprade in biefen Elementen bes Cultus 
halten. Sprache und Gebanfe find aber nicht ganz zu tren⸗ 
nen; jedes momentane Clement muß alſo entfernt gehalten 
werden. Suchen wir uns eine Abftufung zu bilden von ben 
Veränderungen bie biefe Theile bes Cultus erhalten dürfen, 
und das Minimum und Marimum bier aufzuftellen. Das Mi- 
nimum find Eleine einzelne Veränderungen bie der Geiſtliche 
fih erlaubt zur Harmonie des Vortrags. Um möglichſt rich- 
tiger Darfteller des gegebenen in einer beitimmten Stunde zu 
fein, muß dem Geiftlichen in biefer Hinficht Freiheit geftattet 
fein; Dies if das Minimum, nur die muflfalifche Seite ber 
Sprache beireffend, Das Marimum ift eine völlige Umbil- 
dung, die aber nicht die Gegenwart allein darſtellen darf und 
in der die Einheit der Firchlichen Weberlieferung erhalten wer- 
den muß. Eine neue Redaction muß geliefert werden, aber 
feine ganz neue Production; fo nahe ald möglih muß man 
ſich an das früher beftandene halten. Es gilt bier ben 
richtigen Tact zu haben, nicht nur das fhon veral- 
tete zu ändern, fondern auch das was bald veralten 
wird umzubildben. Wenn bie Thätigfeit des Kirchenregi- 
ments nun fi anfchließen muß an das beflehende: um wie 
viel mehr muß es nicht ber einzelne Geiftlihe; nur was bie 


— 107 — 


Erbauung wirffich flören kann, hat er aus biefen Theilen des 
Cultus zu eliminiren, und bat den ungewöhnlichen Sprachge⸗ 
brauch nicht umzuändern ſobald er im Zufammenhange noch 
verftändlih if. Es ift nothwendig bag wir und noch eine 
Cautel daraus ziehen: wir befinden ung nämlich bier in ber 
Region wo bie Vorſtellungen mehr nad dem Bilde, nicht nach 
ber Form hingerichtet find, und hier fann man leicht ein ein- 
jenes an die Stelle bes einzelnen fezen ohne das ganze zu 
ſtoͤren. In der Testen Zeit finden wir eine offenbare Neigung 
an die Stelle des poetifhen etwas profaifches zu fezen; hat 
man das Gefühl, der metaphorifhe und allegorifche Ausdruff 
Werbe nicht verſtanden: fo fezt man bas eigentliche hinein und 
verändert fo gänzlich die Darftellung, und dies ift die gewöhn⸗ 
ine Klippe an der die meiften Geiftlichen bei biefen Aenbe> 
rungen fcheitern, Das troffene und bogmatifirende hat biefen 
Theilen des Cultus bie geringere Theilnahme verurſacht. Soll 
dies vermieden werben, fo ift wol ber befte Rath ber, Nichts 
von feinem eigenen hineinzubringen bei ſolchen Aenderungen, 
jondern eins aus bem anderen zu verbeffern, und wo fich dies 


nicht findet, am meiften zum biblifchen feine Zuflucht zu nehmen. 


Hiemit hängt zufammen was über ben Bortrag ber Li— 
turgie zu fagen iſt. Es ift ganz natürlich und leuchtet beim 
erſten Anblikk ein, daß die Liturgie einen anderen Bortrag has 
ben muß als die Predigt, indem ber Geiflliche fremdes vor⸗ 
hägt und nicht fein eigenes, Weil im Titurgifchen Elemente 
die größere Kirchenverbindung rvepräfentirt werben foll, bie Li⸗ 
turgie zugleich einen fombolifchen Charakter hat, entweber Ge⸗ 
funungen oder Borftellungen enthaltend die als ber ganzen 
RKirchengemeinfchaft mit jedem einzelnen gemeinfame angefehen 
werden follen: fo folgt daß hier eine große Würde bes 
Vortrages ganz nothwendig iſt. Wenn nun biefe durch ben 
Inhalt nicht unterftüzt wirb: fo muß man füh hüten daß ber 
Vortrag nicht in ein falfches Pathos ausarte, und je weniger 
swelfmäßig bie Liturgie abgefagt ift, um fo ſchwieriger ift bie 
Aufgabe für den Geiſtlichen. 


Mn. 


— 168 — 


I. 
Theorie des Sefanges im Eultus, *) 


Der Gefang ift die Verbindung von Poefie und Muft, 
und wir müffen beides in Betrachtung ziehen. Das poetiſche 
ift überwiegend, das mufifalifche bezieht fi nur auf Das poe⸗ 
tifche. Hier werben wir beides in feiner Beziehung auf ein- 
ander zu betrachten haben; aber fo daß wir in Die allgemeine 
Kunfttheorie der Muſik und der Poefie nicht hineingehen, weil. 
das in bie allgemeine Wiffenfchaft übergeht, und wir das all- 
gemeine vorausfezen müflen. Weber bie allgemeine Theorie iſt 
man nicht einig, aber bie Differenzen treten zurüff in Bezie⸗ 
bung auf ſolche befondere Relationen .wie bie religiöfe Muſil 
und Poeſie. Es ift natürlich daß wir hier an das allgemeine 
ſchon erwogene anfnüpfen und in einem jeden organifchen Theil 
feine Beziehung auf das Ganze voranfchiffen. Nun haben wir 
gefagt, daß ſich eine verſchiedene Theilnahme ober Wertbihä- 
zung bes Gefanges in Beziehung auf den Eultus denken Laßt, 
Wir werben ein Minimum und ein Marimum benfen müffen. 
Es laͤßt ſich Fein vollftändiger Cultus denken ohne daß ber 
Gefang dabei fei; die einfachfle Form beffelben ift der bloße 
Ehoralgefang, von aller Inftrumentalbegleitung abgefondert, 
Was ift nun das Marimum? Bon der Dualität haben wir 
nicht zu reden, fondern zunächft von der Form, Im Choral- 
gefang iſt die Gemeine eins; es Yäßt fi) aber auch denfen eine 
zufammengefezte Form, wo bie Gemeine fich fpaltet: das if 
ber Wechſelgeſang; wo wir wieber finden als ein gege- 
benes was fich nicht der Theorie nach conftruiren läßt, eine 
mehrfache Form des Wechfelgefanges. Ein Wechfelgefang zwi⸗ 
fhen der Gemeine und dem Liturgen laßt ſich natürlich con- 
firuiren; aber nun finden wir noch den Gefang in einem Wech⸗ 
ſel zwifchen Liturg und Chor und zwifhen Chor und Gemeine. 





) ©. Beilagen A. 28. 29. B. 28 - 30. C. 20. 


— 19 — 


Wo kommt biefer Chor ber? Er laͤßt fh erflären auf eine 
günftige Weife und auf eine ungünftige. Fragen wir bie 
Geſchichte: fo find beide Elemente wirkſam gewefen in feiner 
Entfiebung. Der Chor ift der Eünftlerifche Ausfchuß aus der 
Gemeine. Soll die Mufif in einer höheren Kunſtform hervor⸗ 
treten, fo geichieht es im Chor. Eine große Kunſtausbildung 
läßt ſich nicht von ber ganzen Gemeine poftulicen; bat aber 
die Gemeine die Mifhung mehrerer Bildungsftufen, fo fehlt 
es nicht an fünftlerifch gebildeten und das Zufammentreten ber- 
felben bildet den Chor, und bier Täßt fih das mufifalifche Ele— 
ment in einer größeren Mannigfaltigfeit hervorheben. Die 
ungünſtige Erflärung if die, daß bie Entftehung des Chores 
zufammenhängt mit der Entftehung bed Meßkanons und befon- 
ders damit, daß ber Gottesdienft in lateinifcher Sprache ge- 
halten wurde und fie anfing fremd zu werben. Der Wecfel- 
gefang follte nun in der fremden Sprache geführt werben, das 
war der Gemeine nicht zuzumuthen, und da mußte ein Aus- 
ſchuß der Gemeine gebildet werden. Ein jeder Wechfelgefang 
zwifhen Liturg und Chor erinnert fehr an den Urfprung aus 
dem Meßfanon, und bie gefundeften Elemente im evangelifchen 
Eulius werden fein Wechfelgefang zwifchen Titurg und Ge— 
meine, und Chor und Gemeine; denn der Gefang ift die Selbft- 
thätigfeit der Gemeine. Sowie der Gefang ausartet in einen 
Wechſelgeſang zwifhen Liturg und Chor, verliert er feinen 
Charakter den er im Eultus haben foll, benn bie Gemeine 
wird Dadurch wieder in gänzliche Paffivität gefezt. 

Indem der Gefang befteht aus Poefie und Muſik, müffen 
wir befonders reden vom poetifhen und muſikaliſchen Theil, 
Mit dem Testen wollen wir den Anfang machen. Da zeigt nun 
das zulezt auseinandergefezte auf verfchiedene Stufen bin, in 
welhen die Mufif beim Geſange vorfommen kann. Das 
Minimum ift der einfache Choralgefang, das Marimum ift die 
Fänflichere Muſik, die Grenzen die dieſer geftefft find, haben 
wir im allgemeinen gezeichnet indem wir fagten baß die Muſik 
nirgends dürfe als eigentliche Birtuofität für ſich hervortreten. 


— 110 — 


Was den eigentlichen Choralgeſang als das einfachfte muſika⸗ 
liſche Element betrifft, aber zugleich das was das häuftgfle und 
wefentlihe ift: fo finden wir in biefer Beziehung eine verſchie⸗ 
bene Praris in der evangelifchen Kirche; wir finden ben Cho⸗ 
ralgefang mit Begleitung der Orgel und ohne Begleitung der⸗ 
felben. Diefer Unterfchied ift bisweilen nur ein Werk ber 
North: man fingt ohne Orgel wenn man feine hat; aber dann 
ift es ein Zuftand aus dem man herausfommen möchte. Ans 
bererfeitd gebt aber ber Unterfohieb von einem Princip aus; 
man hat an manden Orten ben Grundfaz aufgeftellt, daß alle 
Inſtrumentalmuſik weltlihe Kunft fei und im Qultus feinen 
Drt finden koͤnne. Da fteht die Berweifung ber Inftrumental- 
muſik aus dem Gultus parallel mit der Bermeifung ber bil- 
benden Künfte aus dem Eultus überhaupt. Wir beziehen un 
auf das gefagte, daß man bag was in ber Periode ber Ne- 
formation aus dem reinigenden Princip gefchehen ift, müfle in 
Verbindung bringen mit dem was gefchehen fein würbe wenn 
fih der chriſtliche Cultus ohne Eorruption entwiffelt hätte, Die 
Corruption war offenbar au in das mufifalifche eingebrun- 
gen. Sowie man aber behaupten fann, Es liegt in der Na- 
tur der Sache, daß fih das religiöfe auch dur die mufifali- 
fhe Form wie durch eine jede andere Kunftform ausfprechen 
will: fo befommt die Frage dadurch diefe Stellung, Um zu 
entfeheiden ob dem Choralgefang die mufifalifhe Begleitung 
nothwendig oder zuträglih ift, muß man bedenfen, wie ber 
Geſang felbft dadurch affieirt wird, Das bleibt feft, daß bie 
Snftrumentalmufif nur ein Nebenmittel fein kann; der Cultus 
an fih beruht auf dem Wort, dies ift das Hauptdarſtellungs⸗ 
mittel, und kann dieſe Darftellung nur Theil nehmen fofern fie 
mit dem Worte verbunden iftz das gefchieht wenn fie als mu- 
ſikaliſche Begleitung des poetifchen flattfinde. Sol fie nun 
auch beim Choralgefang flatifinden? Es läßt fih viel für den 
reinen Gefang ohne Orgelbegleitung fagen; man fann bavon 
behaupten was Platon von der Buhftabenfhrift als Hülfs⸗ 
mittel des Gedächtniffes behauptet, daß das Gedächtniß als 


— 11 — 


Facultät darunter gelitten habe; fo auch durch bie Orgelbeglei⸗ 
tung hat bie Facultaͤt des Geſanges in den chriſtlichen Gemei- 
nen gelitten. Vergleichen wir ſolche Gemeinen wo gefungen 
wird ohne Orgel, in benen aber eine gewiſſe Kunftanlage if: 
fo werden wir fagen, daß biefe beffer fingen als die wo man 
fh an die Orgel gewöhnt hat. Wergleichen wir die Gemeinen 
bie mit Orgelbegleitung fingen mit denen die aus Noth ohne 
Drgel fingen und benen ed an Kunftanlage fehlt: fo fingen 
jene beſſer. Alfo bildet die Begleitung des Choralgefanges 
mit der Orgel einen mittleren Zuftand. Bei einer Orgelbe- 
pleitung wird fich eine Fertigkeit conſtant erhalten, wird aber 
nicht zu einer ſolchen Bollfommenheit gelangen wie bei ben 
Ormeinen die ohne Orgelbegleitung fingen. Die Orgelbeglei- 
kung bringt hervor daß die Harmonie im Inftrument eine hin- 
linglihe Stüze hat, und die Gemeine fingt im Unifonp, fo 
dap wenn auch unrichtige Zwifchentöne vorkommen, biefe im 
Unifono und in der Harmonie des Inſtruments untergehen. 
Ein vierffimmiger Gefang der Gemeine, woraus eigentlich ber 
Choralgefang befteht, kann bei der Orgel nicht zu Stande kom⸗ 
mean. Der Drganift ift gewöhnlich in einer gewiſſen Freiheit, 
feht fih an als Repräfentant der Harmonie und will dieſe 
durchführen. Je gefchiffter er ift, deſto mehr wirb er bahin 
fommen fih nicht gleihmäßig an bie vorgefchriebene Beglei- 
tung zu halten, fich einen anderen Baß zu fezen für verfchie- 
bene Fälle. Da die Melodie biefelbe bleibt, der Ausdrukk 
ber Lieber aber nach derfelben Melodie fo verſchieden ift: fo 
Tann die Muſik dem Inhalt des Liedes angemefjener werben 
duch den Wechfel der Harmonie. Iſt nun die Harmonie 
wechſelnd, fo Tann die Gemeine nicht daran gehalten fein und 
muß im Unifono fingen weil der Bag und die Mitteltöne nicht 
eonftant find. Wo feine Orgel if, aber eine mufifalifhe Schule, 
ba wirb ein brei und vierflimmiger Gefang möglich fein. Hier 
find zwei Vorzüge die man vergleichen müßte: der Vorzug ei- 
nes vollſtaͤndigen Geſanges ift begleitet mit dem Nachtheil einer 
für jede Melodie feftftehenden Harmonie; bie Unvollfommen- 


— 13 — 


heit bes einftimmigen Gefanges bei ber Orgelbegleitung iſt ver⸗ 
gütet dadurch daß die Harmonie ſich dem jebesmaligen Inhalt 
bes Liedes anfchließen Fann. Jede von beiden Arten hat ihre 
eigentpämlihe Güte. Wenn wir einen ſolchen Reichthum hät- 
ten von verfchiedenen barmonifhen Bearbeitungen derfelben 
Melodie, bie feflgeftellt wären, daß man Lieder in berfelben 
Melodie in verfihiedenen Harmonien finden fönnte: fo wäre 
ber Nachtheil beim Geſang ohne Orgelbegleitung aufgehoben; 
fo lange dies nicht ift, hat die Begleitung der Orgel einen 
Borzug. Wie aber alles mit einander geht: fo hat dieſe Dif- 
ferenz auch Einfluß auf die Firchliche Poefie. Der Schaz von 
Kirchenmelodien ber ſich angefammelt hat größtentheild in der 
Reformation felbft und im erften Jahrhundert ber evangelifchen 
Kirche, befommt nur einen allmähligen Zuwachs, und es ift 
leichter, Daß neue Lieder in den kirchlichen Gebraud eingeführt 
werben, als neue Melodien; daher ſich die hriftlichen Dichter 
in der Regel an die ſchon beftehenden Melodien binden, damit 
ihre Lieder gebraucht werden können. Nur finden wir bei den 
neueren Dichtern eine bedeutende Verſchiedenheit. Wenn ber 
Choralgefang mit ber Orgel begleitet wird, fo muß zwifchen 
jede Zeile ein Zwifchenfpiel eintreten; dadurch wirb jede Zeile 
abgefchnitten und will gleihfam etwas für fich fein, und wenn 
mit Begleitung ber Orgel eine Zeile gefungen wirb bie für 
fih feinen Inhalt hat, fo ift das etwas unangenehmes. Der 
Dichter ift durch die Orgelbegleitung fehr gezwungen, er muß 
fih fo einrichten daß jede Zeile ein ganzes if. Bei einem 
Gefang ohne Orgelbegleitung tritt das nicht fo ein; allerbinge 
wird wo ein muſikaliſcher Saz ift eine Paufe eintreten, fie 
wird aber nach dem Bebürfniß der Poefie abgekürzt werden 
fönnen, und daher wird ber Dichter weniger genirt fein, wird 
fih das Ineinanderfhlingen mehrerer Zeilen und eine perio- 
bifche Poefie erlauben können, Lieder die ohne biefe Ruͤkkſicht 
gemacht find, für den Gebraud einer Gemeine die mit Orgel- | 
begleitung fingt zu aboptiren, ift fehr fehwierig, und doch Tann 


— 173 — 


man ed dem Dichter nicht verargen wenn er nicht immer an 
biefen Unterfchieb denkt. 

Berfhieden vom Choralgefang ber Gemeine ifl der re— 
sitative Gefang bes Liturgus, der nicht etwas allgemeines 
iſt in der evangelifchen Kirche, aber doch in vielen Gegenden 
vorherrſcht. Im allgemeinen fcheint die Sache zu erfordern 
daß niemals reine Profa fei in folhem Gefang, und was da- 
gegen vollfommen verftößt, muß man als Funftwibrig nicht 
dulden; fo das Abfingen der biblifchen Abfchnitte und der Ein- 
fgungsworte vor ber Abendmahlsfeier, das Läßt fih nicht recht⸗ 
fertigen. Fragen wir, wie er entitanden ift: fo fommen wir 
auf den Meßkanon zurüff, und hier iſt es dieſes. Der Meß- 
fanon hat auch einen ftarfen Theil an dem was wir opus 
operatum zu nennen pflegen, ed wird ihm eine Wirkung bei- 
gelegt bloß dadurch daß er verrichtet wird. Darum iſt aber 
niht der reeitative Geſang zu verwerfen, er hat eine natür= 
fihe Stelle, 

Die dritte Form des mufifalifchen Vortretens ift der fi- 
garitte Gefang wie ihn nur ein Chor aufführen kann mit 
einer demgemäßen mehr hervortretenden Inftrumentalbegleitung. 
Dies Element koͤnnen wir nicht für ganz verwerflich erflären, 
wiewol es verworfen ift wo man bie Inſtrumentalmuſik aus⸗ 
ſchließt. Es laͤßt fih ein figurirter Gefang auch ohne Inſtru⸗ 
mentalmufit aufführen, aber das Verhaͤltniß ift nicht baffelhe 
wie beim Ehoralgefang, denn ber Chor trägt die Harmonie in 
ſich und die Inſtrumentalmuſik iſt da nur Verflärfung und Or⸗ 
namen. Wenn e8 an fich nicht verwerflich ift und bie In⸗ 
frumente nicht eigens in einer befonderen Birtuofität hervor⸗ 
beten wollen: fo feben wir, dag man nicht Urfache hat bies 
fo natürlich verbundene zu trennen. Aber alles was man zum 
Kirchenſtil rechnet, kann nicht im Eultus ſelbſt feine Stelle ha⸗ 
ben. Was wir Oratorium nennen, iſt eine poetifch muſika⸗ 
liſche Bearbeitung eines religiöfen Stoffes, aber in folher Aus- 
behnung daß es eine Kunftbarftellung für fih wird, und ba ift 
‚ Vieles an feiner Stelle was im Cultus ſelbſt an feiner Stelle 


_ 114 — 


nicht fein würde, Die Grenzen find ſchwer zu halten, und 
man findet Kirchenmufifen die darüber weit hinausgehen. Ju 
folhen Dratorien finden fih Arien und Fugen. In den Arien 
tritt die Virtuofität der Stimme ftarf hervor; wenn es bie 
reine Birtuofität der Natur ift: fo koͤnnen wir bie Arte gelten 
laſſen; wenn es aber eine folde iſt wozu eine große Uebung 
gehört, wie in Trillern und Iangen Sadenzen: fo will bas nicht 
in den Cultus hinein, weil es zu fehr auf bas ſinnliche hin⸗ 
führt. Wenn in ben Arien ber Text zu oft wiederholt wird, 
fo ift das ein beraustreten ber Muſik über die Poeſie, und 
das geht ganz aus der Natur des Eultus heraus. Das find 
Grenzen, bie nothwenbig find wenn bie Kirchenmuſik nicht ſoll 
die Andacht flören. 

Wir können nun bier nur noch über das Berhältniß die⸗ 
fer drei Mufifformen im ganzen bes Eultus etwas hinzufügen. 
Der Choralgefang der Gemeine ift ein wefentlicher Beftand- 
theil des Cultus. Was das quantitative barin betrifft: fo 
it die Praris fehr verjchieden und es Täßt fi ein beſtimmtes 
Maaß nicht geben; wol aber kann man fragen, worauf bie 
Berfchiedenheit in der Anficht beruht, Kragen wir, wie es bei 
ung felber flebt: fo finden wir einen Unterfchieb zwiſchen ben 
gebildeten Ständen und dem eigentlichen Boll, Dieſes hängt 
weit mehr an dem Kirchengefang, bei ben gebildeten Ständen 
wird es Sitte nah dem Geſang in die Kirhe zu kommen. 
Wenn eine folhe Erfcheinung eine gewilfe Allgemeinheit für 
fi bat, fo müſſen Gründe dazu da fein. Es war im Cultus 
viel veralteted, woburd bie gebildeten Stände beleidigt wur⸗ 
den, und nachdem man das Gefangbudh verändert hatte, war 
bie Sache dadurch nicht gebeflert. Das kann nun an der Be- 
fchaffenheit des neuen Gefangbuches gelegen haben, jedoch auch 
baran bag die einen ein ganz anderes VBerbältniß zum Gefang 
im Eultus annehmen als bie anderen. Für das Volk ift es 
fhwieriger einer Predigt im Zufammenhange zu folgen als für 
bie gebildeten: bie fönnen ohne Schaden glei in bie Predigt 
hineingeführt werben, bebürfen nicht bes Gefanges als Bor: 


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— 13 — 


bereitung. Das Bol bebarf biefer Vorbereitung um ſich los⸗ 
zureißen von allem was es fonft in fich hat, und nachdem bie 
religiöfe Stimmung die Oberhand gewonnen hat, bie Aufmerf- 
famfeit auf bie Richtung des Gottesdienſtes zu firiren. Bon 
biefer Seite angefehen kann die Duantität bes Gefanges eine 
ſehr verfhiebene fein. Aber ohnerachtet wir die Predigt in 
das Eentrum fiellen, werben wir nicht fagen, daß ber Gefang 
bloß fol Vorbereitung auf die Predigt fein; er ift refigiöfe 
Darſtellung und Mittheilung an fi) und muß daher betrachtet 
werden an und für fih. Jede Gattung im Gebiet ber Kunft 
hat ein Maaß, das wirb vartiren Tönnen, aber doch in gewif- 
fen Grenzen; fo auch bas Kirchenlied. Wir urtheilen auch 
leiht über eins, daß es das Maaß überfchreite, wenn fein 
Fortſchritt barin ift, der Dichter auf benfelben Punkt immer 
zurükk fommt u. ſ. w. Wenn man ben Gefang befchränfen 
will auf ein folches Maaß in dem das Kirchenlied feinen Cha⸗ 
tafter nicht entfalten kann: fo ift der Gefang verftümmelt und 
lam nicht ein eigener organifiher Beftanbtheil des Eultus fein, 
fondern ift auf das Bebürfniß der Vorbereitung zur Predigt 
beſchränkt. Nun haben wir bem Gefange verfchiedene Stellen 
mgewiefen je nachdem das Gebet in dem Cultus geftellt if. 
Wenn das Gebet einen eigenen Beſtandtheil bildet vor ber re= 
ligidſen Rebe: fo ift ed natürlih daß ‚es wieber vom Gefang 
eingefaßt fei; da bat der Geſang fchon eine zwiefache Stelle, 
Aus dem was wir früher gefagt haben folgt, daß der erfte 
am meiften univerfelle Elemente enthalten kann, ber zweite 
om meiften auf bie Predigt Bezug haben und individuell 
fein müſſe; fo aber, daß der Gefang doch ein felbfländiges 
Element ‚bildet. Das hat man nun fo bucftäblich genommen 
daß man oft zwifchen dem Gebet und ber Predigt ein ganzes 
Bieb hat fingen laſſen; es gefchieht aber häufig daß die Lieder 
einen Schluß haben ber fih auf ben Tob und bie GSeligfeit 
bezieht, was natürlich immer das Ende if, und dadurch von 
dem Zufammenhange mit der Predigt ablenfen. Warum fol 
man da ben Schluß fingen Taffen und nicht vielmehr weglaffen 


£ 


— 118 — 


fönnen? Diefe Buchftäblichkeit ift alſo befhränft, der Geſang 
muß aber fo wie er vorgetragen wird immer aud ein ganzes 
fein. Daß der Theil bes Gefanges der auf bie Predigt folgt 
der fürzere fei, finden wir in der allgemeinen Praxis; er fol 
nur ſchließen mit der Selbfithätigfeit der Gemeine und fol 
feinen anderen Charakter haben als daß er ein zufammenge- 
brangter Ausdruff deſſen fei was ber Inhalt dieſes Actes bes 
Cultus gewefen ift. - 

Was nun den fünftlichen Choralgefang betrifft: fo Fönnen 
wir ihn als ein ganz felbftändiges Element nicht probuciren; 
er fann nur auftreten in Verbindung mit den anderen, und 
muß vorzüglich in unferem Cultus aufgeftellt werben im Wech⸗ 
fel mit dem Choralgefang der Gemeine. Dies ift aber Feine 
dem Cultus wefentlihe Form, diefer Gefang bat ſchon einen 
feftlihen Charakter und ift auf feſtliche Gelegenheiten, die eine 
größere Ausdehnung des Cultus erfordern, befchränft, 

Das Eleinfte im quantitativen Verhaältniß ift der recitative 
Gefang des Liturgus. Diefen können wir ald ein wejentliähes 
Element nicht anfehben. Das Gebet fann feiner Natur nad 
sollfommen profaifhe Rede fein, fo daß es eigentlich nur ge⸗ 
fprochen werben kann; fann aber auch fo erhöhete Profa fein, 
bag es ben reritativen Vortrag zuläßt, Aber man kann des⸗ 
wegen bies nicht als ein nothwendiges Element aufftellen, weil 
ed für den Liturgus eine zufällige Eigenſchaft it ob er als 
ein Sänger auch nur in diefem Sinn auftreten kann ober nit. 
Es ift wahr daß aud die Stimme big auf einen gewiflen Grab 
ein allgemeines nicht befonderes Organ ift, und wenn nicht ein 
krankhafter Zuftand gegeben ift, kann ein jeder fo viel fingen 
fernen daß in der Aufführung nichts flörendes da fein kamn. 
Bis jest find wir aber noch nicht auf biefem Punkt. Die Form 
bes Gottesdienſtes muß eine folde fein, daß es von ben Um⸗ 
ftänden abhängen kann, ob ber Liturg fpricht oder fingt, Die 
liturgifchen Elemente wo ein recitativer Gefang vorfommen fann, 
müffen auf eine zwiefache Weife da fein, vollfommen profaifdh 
und in erhöheter Profa, die die reritative Aufführung ‚verlangt: 


— 71 — 


Jet haben wir noch zu reden vom poetifchen Theil 
bes Geſanges. Dabei ſchließt fich die erhöhete Profa beim 
zeeitativen Geſang aus, und iſt nur von ber religiöfen Poefie 
im Kirhenliede die Rede. Hier ift zu bemerfen, bag der Geift- 
lie fofern er den Kirchendienft verrichtet feinedwegs autono— 
miſch auftritt. Unfer Kirchengefang ift überall an eine be— 
Rimmte Collection gebunden, bie das geltende Geſangbuch 
iſt. Das Kirchenlied muß vorher ſchon vorhanden fein, und 
das was der Liturg gewählt, muß in ber Gemeine ſchon ge- 
geben fein. Nun könnte eine jede Gemeine ihre eigene Col— 
leciion haben; das würde aber nicht die Autonomie des Geift- 
lihen erhöhen, Denn es könnte doch nicht bei jedem neuen Geift- 
lichen ein neues Gefangbuch eingeführt werden, Es würde ba 
eine Herrfchaft des Geiftlichen hervortreten die ihm nicht ge= 
bührt, Geht die Collection nicht vom Geiftlihen aus: fo ift 
er im Kirchendienft gebunden und kann nur die befte Auswahl 
treffen and dem gegebenen. Die Collection felbft gebt von der 
Kirhengewalt aus und gehört zu deren Einfluß auf den Cul- 
tus, der hier nicht felbftändig auftreten muß, wenn es nicht 
der Zuftand ber Gemeine erfordert. Ueberall find Willführ- 
lipfeiten der Kirchengewalt auf dieſem Gebiet von wibermwär- 
hgen Folgen gewefen. Man mag nun auf ben poetifhen Ge— 
halt ſehen oder auf ben religiöfen, fo fönnen die welde bie 
Kirhengewalt conflituiren feineswegs ihren Geſchmakk für den 
allgemeinen annehmen. in Geſangbuch kann fo fein daß bie 
im Sirchenregiment viel daran auszufezen haben; fowie es 
aber ber Gemeine noch lieb und werth ift, wird ein neues ihr 
immer unwillfommen fein, weil es eine Beeinträchtigung ihrer 
Freiheit zu fein fcheint. Nun hat man den Grundfaz aufge- 
Belt, daß das Kirchenregiment die Gemeinen nicht zu befra- 
gen habe. Es beweift daß das Kirchenregiment fehlecht iſt, 
venn es noͤthig hat fie zu befragen. In diefer Hinficht ift ber 
Grundſaz loͤblich; wenn er aber den Sinn hat, daß das Kir— 
henregiment das moralifche Recht habe die Gemeine fo zu be= 

draltiſche Theologle. 1. 12 


a 


— 18 — 


handeln: fo ift das nocd weit fehlimmer als bie Unkunde we- 
gen welcher die Gemeine befragt wird. 

In Beziehung auf den Kirchengefang liegt das Uebel tief, 
weil eine zu große Differenz der Anfihten und des 
Geſchmakkes hier ftattfindet. Auf ein ſolches Auseinander⸗ 
gehen der Bildung iſt der evangelifhe Cultus nicht eingerichtet, 
ann fih auch darauf nicht einrichten. Es Tann aber auch nit 
folhe Differenz entſtehen, wenn nicht in der Kirche ſelbſt Maͤn⸗ 
gel find. Wenn der Fall eintritt, daß das Volk überwiegend 
fupernaturaliftifch iſt und die gebildeten Stände rationaliſtiſch: 
fo fann das nicht gefchehen ohne daß ber kirchliche Verband 
halb und halb gelöft iftz dann wird die Klage eintreten, daß 
die gebildeten Stände Feine Andacht haben fünnen von ben 
Liedern die das Volk fingt, fie haben fich Iosgeriffen. Da weiß 
man nit was zwekkmäßiges aufgeftellt werden muß. Da fan 
fih nur die Minprität nah der Majorität richten, und fo ein 
befferes Einverftändniß eingeleitet werben. Auf dem Stand- 
punkt auf welchem der Geiftlihe fteht in Beziehung auf die 
religiöfe Poefte in den Kirchenliedern, kann er für nichts an⸗ 
beres verantwortlich gemacht werben ald daß er das gegebene 
auf die möglichft zwelfmäßige Weife benuze und beim Kirchen» 
regiment ein getreuer Interpret von dem Bebürfniß feiner Ge- 
meine ſei; was aber ohne eine gute Verfaffung der Gemeinen 
unter einander von feinem großen Einfluß if. 

Nun aber haben wir nod einen Punkt bier zu betrachten: 
Was ift Dasjenige was dem Geiftlihen gegeben if, 
woraug er wählen fann? Das if der Schaz von Kir- 
henliedern den er bei feiner Gemeine vorfindet, Jedoch das 
wäre eine zu große Beihränfung. Wenn wir die Sache rein 
betrachten wollen: fo müffen wir fagen, Das Geſangbuch iß 
zunächſt immer Sache der Gemeine; das Kirchenregiment kann 
nur ein negatives Votum dabei haben, und darüber wird * 
viel zu ſagen fein. Es würde ſich darauf beſchränken, ba 
nichts koͤnnte aufgenommen werben in ein Gefangbuh w 
nicht wirkliches Kirchenlieb wäre oder was in Widerfpruß 


— 119 — 


Rinde mit den Grundſäzen ber evangelifchen Kirche. Dann 
werden wir geftehen müſſen, fann das Kirchenregiment fein In— 
tereffe haben eine Gemeine zu befchränfen in der Wahl ihres 
Gefangbuhes. Das was dem Prediger zu Gebote fteht, ift 
der gefammte Schaz von in der Kirche anerfannten evangeli- 
ſchen Kirchenliebern, Dean könnte fagen, das wäre das reine 
Darimum noch nicht; benn fragen wir, Wie wird etwas 
ein Kirchenlied? wie fommt ein Gedicht bas einen kirch— 
ihen Charakter hat zu der Firchlichen Anerkennung? fo kann 
man eigentlich nur fagen, Durch nichts anderes ald dadurch 
daß ed in das Geſangbuch aufgenommen wird. Das geht aus 
von ber Thätigfeit der Gemeine, die von einem Geiftlihen ge— 
leitet werden muß. So find auch in der evangelifchen Kirche 
alle Kirchenlieder aus dem Privatcharakter in den Öffentlichen 
übergegangen durch die wirkliche That, nicht durch geſezgebende 
Ace, In neueren Gefangbühern finden wir Probuctionen 
aufgenommen bie man eigentlih nicht das Herz haben durfte 
in ein Geſangbuch aufzunehmen; aber da fie einmal ba find, 
iR es wohl erlaubt fie zu ändern unbefchabet ihres kirchli— 
hen Charakters. Ein Lied in den kirchlichen Gebrauch aufzu= 
achmen, darf nur mit großer Behutfamfeit geſchehen; Negeln 
dafür aufzuftellen würde zu weit führen. 

Was über religiöfen Stil in der religiöfen Kunft gefagt 
werden, gilt auch von der religiöfen Poeſie. Man muß fi 
immer hüten bis an die äußerſten Grenzen zu gehen, fondern 
zur das aufnehmen was den religidfen Stil mit Beflimmtheit 
an fh trägt; man muß unterjcheiden zwifchen veligiöfem Stil 
überhaupt und zwifchen Angemeſſenheit für ben Firchlichen Ge— 
brauch. Es giebt Gedichte die ihrem Gehalt und Stil nad 
den fireng religiöfen Sinn haben, aber nicht zum kirchlichen 
Gebrauch paſſen, wie die fchönen Lieder von Harbenberg 
oder Novalis; fie haben etwas zu fehr fubiertived. Gehen 
wir hievon aus, und fehen ben vorhandenen Schaz von Rir= 
henliedern an als dem gemeinfamen Gebraud ber Gemeine 
angehörig, fo daß jede Gemeine ihren Theil daran nehmen 

12 * 


— 10 — 


kann: fo fragt ſich, wiefern dieſer Schaz wirklich eine Einheit 
iſt oder nicht. Wir machen einen Gegenſaz zwiſchen alten und 
neuen Kirchenliedern, und da iſt nun ausgeſprochen worden 
eine unbedingte Verwerfung einerſeits der alten Lieder und 
andererſeits der neuen. Hat einer von beiden Recht: ſo iſt 
der ganze Schaz von Kirchenliedern nicht ein ganzes. Die 
Sache verhält ſich fo: Die kuͤnſtleriſchen Producte haben auf 
allen Gebieten etwas periodiſches an ſich; es kommen Zeiten 
für jede Kunſt, wo ſie einen neuen Schwung nimmt ſowol in 
Hinſicht der Vortrefflichkeit als auch der Verbreitung des Ta⸗ 
lents. Dieſe Erfahrung haben wir auch gemacht in ber kirch⸗ 
lichen Poeſie. Drei verſchiedene Epoch en kann man un 
terſcheiden, wo die Productionen auf dieſem Gebiet ſich aus⸗ 
zeichnen: 1) die Reformationsepode ſelber; ba hat ſich 
eine bedeutende Maſſe Kirchenlieder gebildet, und bie Produc— 
tionen haben hernach wieder abgenommen; 2) das Ende des 
fiebzehnten und der Anfang des achtzehnten Jahrhunderts, die 
Periode ber Hallefchen Theologie, wo eine große Menge Kit: 
chenlieder gebichtet wurben, bie einen ganz andern Eharafter 
an fich tragen wie jene; 3) die der fogenannten neuen Lieber 
in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, Man kann 
nicht umhin den Productionen aus diefen Zeiträumen einen 
verfchiedenen Charakter zuzufchreiben. In ber erften Periode 
dominirt das fombolifche Kirchenlied; das war aud natürlich: 
es entftand ein neues veligiöfes Bewußtfein dem katholiſchen 
gegenüber, und daß es fi in der Poeſie ausſprach, ift Kar. 
Daber haben dieſe Lieder einen zu dogmatiſchen Charakter. 
Die zweite Klaffe hat einen mehr myftifhen Gehalt; bie Po- 
Iemif war zur Ruhe gefommen und nad dem breißigjährigen 
Kriege war die Kirche durch eine große Gefahr glüfflih hin- 
burchgegangen. Nun war es möglich daß bie religiöfe Erre- 
gung mehr in der Poefte bervortreten Fonnte; vorher war es 
bas Gemeingefühl gewefen. Sowie die Iyrifhe Subjertivität 
in ſolchen allgemeinen Gebrauch fam, wurde das individuelle 
Gefühl Gemeingefühl. Diefe Lieder können nicht durch bie 


| 


— 181 — 


erſten erfezt werben; bie einen koͤnnen für den Cultus Ieiften 
was bie anderen nicht Leiften Fönnen. Sehen wir auf bie bei- 
ben Hauptftellen des Gefanges im Eultus: fo haben jene bei- 
ben Klaffen eine VBerwanbdtfchaft mit einer von biefen beiden 
Haupiftellen des Kultus. Die fombolifchen Lieder find für den 
Anfang des Gottesdienſtes geeignet; bie mpflifchen können ein 
genaueres Verhältniß haben zu ber religiöfen Rede ſelbſt, bie 
auh von einem perfönlichen Erregungsmoment ausgehen fol. 
Wenn bie Erzeugungen ber zweiten Periode nicht vorhanden 
wären, fo würden wir nicht ein vollfommen harmoniſches 
Ganze aus den Acten des Gultus bilden fünnen. Was bie 
dritte Periode betrifft: fo koͤnnen wir nicht läugnen daß dieſe 
einen mehr reformatorifchen Charakter hat; die Periode hing 
zufammen mit einer neuen Periode ber Spracdentwifflung. 
Die Kritit fand viel zu tadeln an ben früheren Productionen, 
und aus dieſem Fritifhen Gefühl heraus hat fich befonderg die 
dritte entwiffelt; man wollte in einer reinen Form baffelbe 
darftellen und hatte daher eine vollfommene Indifferenz gegen 
ben relativen Gegenfaz ber Beiden erften Klaffen der Probuc- 


tionen. Diefe Klaffe ift eben fo reich gewefen an fymbolifchen 


als an myſtiſchen Liedern; fie bildet aber durch ihren Sprad- 
charakter eine neue Klaſſe. Da ift eine Auswahl für beide 
Hauptftellen des Eultus; aber es giebt eine gewiſſe Kraft ſo⸗ 
wol im fombolifchen Liede als im myftifhen, worin bie beiden 
früheren Perioden bie dritte übertreffen. Es ift ein Streben 
nach Correctheit, was wir freilich jezt nicht mehr anerkennen, 
weil wir nicht mehr baffelbe Maaß haben; die Kraft ift aber 
geſchwächt worden, und es giebt hier ſolche Ertreme daß bie 
Hoefie gefhwunden und nur die Form übrig geblieben ift, ob- 
gleich das nicht der Charakter ber ganzen Periode iſt; Era- 
mer, Klopftoff, Uz find darum nicht ohne wahre poetifche 
Tiefe. Man würde fih einen wefentlihen Schaden thun wenn 
man eins von allen dreien ausfchließen wollte; es ift ber re= 
Iative Gegenfaz in Beziehung auf die Behandlung bes Stoffes 
und auf die Zeit, wodurch fein Lieb durch das andere erfezt 


— 12 — 


werben Fann. Daher follen wir den ganzen Schaz im kirch⸗ 
tihen Gebrauch zu erhalten fuhen. Könnte man eine Samm- 
Yung anftellen, worin alles vortrefflihde aus biefen Drei Perio- 
den zufammen wäre: fo wäre das föhlich; aber auf ben Um— 
fang eines Geſangbuches rebueirt, das doch portativ fein fol, 
würde fie doch nicht als allgemeines Geſangbuch eingeführt 
werden können, benn es würbe vieles ausgefchloffen werden 
müfjen. Je mehr Mannigfaltigfeit in den Geſangbüchern ift, 
befto befier find fie. 

Eriflirt eine Berpflihtung ein Lied zum öffent- 
lihen Gebraud entweder fo aufzunehmen wie es 
ber Berfaffer gebichtet bat, ober gar nicht? Dies 
wird man nicht bejahen können; badurh bag man in einem 
Liede zum Behuf des religiöfen Gebrauchs Aenderungen macht, 
wird das Recht des einzelnen nicht aufgehoben, denn feine 
Eriftenz im Geſangbuch fchließt nicht feine Eriftenz in der ur- 
fprüngliden Form aus. Das ift auch die einzige Bedingung 
unter ber man Productionen ber verfchiebenen Zeiten in eine 
Sammlung vereinigen fann. Die Sprade leidet fo viel Ver— 
änderungen baß vieles antiquirt wird; es kann etwas aufhö- 
ven verftändlich zu fein und einen ganz anderen Eindruff auf 
bas Gefühl machen als es zu feiner Zeit gemacht bat; was 
familiär war, kann anflößig werden. Sollen im öffentlichen 
Gebrauch die Probuctionen verfehiedener Zeiten jufammen fein, 
jo müffen fie fo aufgenommen werden, daß was biefer Zeit 
widerſtrebt, mobificirt werde. Da treten auch Wechſel ein, wie 
bei den Archaismen, fo bag was antiquirt wirb wieder in den 
Geſchmakk fommt; wie vor fünfzig Jahren, wo. man vieles 
antiquirte was wir nicht thun, indem unfer Gefchmaff vielfei- 
tiger geworben ifl. Die Hauptbedingung aber bleibt daß bie 
Veränderung nicht ber urfprünglichen Eriftenz ſchade; Dann 
fann man nach dem Bedürfniß der Zeit zu dem urfprünglichen 
zurüffehren, ober fih davon abwenden. Je mehr man bag 
urſprüngliche ſchonen kann und doch ben Zweff erreichen, es 
zum gemeinſamen Gebrauch zu adoptiren: deſto beſſer iſt es; 


| 


— 138 — 


es braucht micht eine gänzliche Aſſimilation flattzufinden, fon- 


bern nur in fofern, dag was unferer Eriftenz wiberftrebt, auf- 
gehoben werbe. Je weniger der einzelne, in fo fern er über 


die Auswahl zu beſtimmen hat, parteiifch ift in Beziehung auf 


den verfhiedenen Charakter der Kirchenlieder, befto beffer ift 
es. Wie die verfchiedenen Charaktere aus dem Geifte ber 
wangelifhen Kirche hervorgegangen find, fo werben wir fagen, 
daß in derſelben Fortdauer jede Klaffe ihren Repräfentanten 
hat, und ihre Befriedigung finden muß. Es hat fih in un- 
ſerer Poefie der ganze Charakter des evangelifhen Kultus ge- 
Raltet; damit iſt die Production nicht abgefchnitien, fie kann 
wieder hervortreten, aber nur nach Maaßgabe wie die Kirche 
in der Zeit einen neuen Entwiffelungsfnoten gehabt haben wird, 
ben wir nicht vorher beflimmen fünnen; bie bahin wirb bie 
Production ſich einem biefer Hauptcharaftere anfchließen. Das 
natürliche für uns wirb ber Charakter ber lezten Periode fein; 
aber je mehr man aus allen Perioden in Gebrauch erhalten 
lann, deſto vollfommener wird dieſer ganze Zweig ber firch- 
hen Exiſtenz repräfentirt werben. 

Aun mürfen wir uns über das Verhältniß ber ſym— 
bolifhen und individuellen Geſänge zu einander ver- 
Rändigen, Inhalt und Form ber ſymboliſchen Gefänge nähert 
Kh dem Titurgifchen Element, individuelle Oefänge treten ber 
religiöfen Rede näher. Iſt das fpmbolifche Lied zu unpoetifch: 
jo wird man das Lied abfürzen um des unpoetifchen fo wenig 
als möglich zu haben, oder bie Liturgifchen Elemente vermeh- 
ten, oder ein ganz allgemeines Lied z. B. ein Morgenlied wäh- 
im. Ebenfo wenn man in der Sammlung nichts findet was 
fh auf den fperiellen Gegenfland der Rebe bezieht: fo muß 
man fih mit etwas allgemeinem begnügen. Die VBollftän- 
bigfeit eines kirchlichen Geſangbuches befteht alfo 
im Reihthum individueller Lieder und in ber Voll— 
lommenheit fymbolifcher Geſänge. 

Es giebt aber hier noch andere wichtige Differenzen. Die 
Eigenthümlichkeit der Poeſie liegt nicht im Silbenmaaß ſon⸗ 


— 4184 — 


dern in ber Vorſtellung und der Sprache; in ſymboliſchen Lie 
bern fann bie poetifche Sprache nicht hervorragen, fte müffen 
an die Formel flreifen. Davon giebt es etwas analoges in 
allen Kirchenliedern; in allen Abtheilungen giebt es ſolche Die 
and profaifche ftreifen, und andre die fi dem hoͤchſten Schwunge 
der Ode nähern. Dies find bie zwei äußerfien Punfte, und 
das hat auch einen wefentlihen Einfluß auf den Umfang der 
Strophe und auf den Charakter ber Melodie. Ein 
bochpoetifches Lied bewegt fich nicht Teiht in Furzen Strophen, 
fondern bedarf einer -größern Einheit; bie niedrigere Poeſie 
hingegen wagt fih nidt an die große Strophe, bie Kleine 
Strophe ift ihr natürlicher, verwandter. Die muſikaliſche Com⸗ 
pofition einer größeren Strophe ift mannigfaltiger und fünft- 
licher; eine kleinere Strophe kann fi) mit geringerem begnü- 
gen. Hieraus entfteht ein verfchiebener Charakter; in einem 
unvollftändigen Gottesdienft paffen die höchſten poetifhen Ge— 
fänge nicht, denn er ſteht dem gewöhnlichen Leben näher; ein 
feftliher Gottesdienſt hingegen in dem nichts ald gewöhnliche 
und triviale Melodien erfcheinen, ift unvollfommen. Eine ver- 
hältnigmäßige Mifchung von beiden ift für ben gewöhnlichen 
Gottesdienft. Dies alles ift aber cum grano salis zu verfte- 
ben und erleidet oft Ausnahmen; denn bie beften Feftlieber 
haben oft Feine Strophen und einfache Melodien. Der Geift- 
liche findet fih aber auch bier oft beengt; man getrauet fi 
nicht vieled ber Gemeine aus dem Liederſchaz vorzubringen, 
theild weil es das gewöhnliche Verftändnig überfchreite, oder 
weil es zu ſchwer zu fingen fei. Iſt dies wirklich gegrünbet: 
fo wird wenn man die Sade geben läßt es fo weit fommen 
daß aus einer reihen Sammlung höchftens 20 Lieder in Ge⸗ 
braud find und man feine andere Melodie in der Kirche hört 
als „Wer nur ben lieben Gott läßt walten.” 

Es ift die Sahe der Volfsfchule das Bolf zum 
Geſang anzuleiten; es ift der Gefang fein befonderes Ta— 
lent, fondern im gefunden Zuftande des Organs liegt ſchon die 
Faͤhigkeit Dazu, befonders in dem geringen Umfange der beim 


— 185 — 


Kirhengefang erforderlich if. Es ift bier weiter nichts zu 
tfun als einen Gegenfaz zu bilden gegen bie Unfähigfeit ber 
Gemeine, einen Chor zu errichten, beffen Grund aber auch 
auf die Schule zurüffgeht. Was das Berftehen betrifft: fo 
hat man oft eine zu geringe Vorftellung von unferem Volke. 
dreilich giebt es in der Poefie immer viel unverftändliches, das 
außer dem Kreife des Volkes fällt; doch haben wir Feine rechte 
Idee davon wie das Volk folhe Schwierigfeiten überwindet, 
bie ihm jedoch überall entgegentreten, denn alle Gefeze und 
dergleichen find aus einem anderen Spracdgebiet als dem fei- 
nigen. Es ift dies eine Kunft, wie man fi im bunfeln zu- 
tehtindet und doch ein Bild des ganzen befommt, wenn auch 
einzelnes entgeht. Hiezu fann aber der Geiftliche vieles wir- 
fen, wenn er Elemente der religiöfen Poefie aucd anders an- 
bringt als im Gefange, 3. B. gleich den Schriftftellen in der 
teligiöfen Rede. Iſt das Uebel in diefer Hinſicht zu groß, fo 
mäffen Schritte gefchehen ihm abzuhelfen,; die Liederbücher 
wüflen neu revidirt werden und bie muftfalifhe Volksbildung 
mu von vorn herein verbeflert werben. 

Es find aber nod andere Schwierigfeiten bie bem Geift- 
lihen oft in den Weg treten: erftend eine fehr zu beflagende 
doch nicht ungewöhnlihe Unbekanntſchaft mit der kirch— 
lihen Poeſie; es ift eine Unart, daß der Geiftliche fie einer 
näheren Befanntfchaft nicht werth hält und bei der Auswahl 
der Gefänge dann in Verlegenheit ifl. Dies ift eine unver- 
zeiblihe Nachläffigfeit, die fich Feiner zu Schulden kommen Taf- 
fen fann der das Wefen des Gottesdienftes erfaßt hat. Die 
Gemeine wird bazu verführt auch geringen Werth darauf zu 
legen, und es entſteht der Mißbrauch, daß man erft in bie 
Kirche geht wenn Gefang und ähnliches vorbei ift und Die 
Predigt angeht. Freilich haben die Redactoren des Gefang- 
buches das ihrige gethan um die Bekanntſchaft mit den Liedern 
zu erfchweren; denn fein Gefangbudy (1821) hat gehörige Ru— 
brifen und ift frei von Fehlern; bemuneradtet ift es Pflicht 
des Geiftlichen fich genau mit allen Liedern befannt zu machen, 


— 156 — 


Die falfche Anficht, die Kirchenlieder einzutheilen nach ben Ge- 
genftänden der Predigten, haben auch die Verfaſſer oft getheilt, 
und befonders die Lieder die Prediger gemacht haben, leiden 
daran; oft find es profaifhe in Reime gebrachte Predigten. 
Die Lieder von Laien verfertigt, find beſſer und tragen nit 
den bibaftifchen Charafter an fih. Je mehr es ſolche didak— 
tiihe giebt, beito mehr fann man bei der Auswahl verzmwei- 
fein; denn bei fo fpecielem Gegenftande findet man in biefen 
Reimpredigten oft grade das Gegentheil über den Gegenfland 
ald man in der eigenen Predigt jagen will, Je mehr Schwie- 
rigfeiten es alfo hier giebt, defto mehr muß ber Geiftliche thun 
was feined Amtes ift, und bier ift Die Hauptfache ein richtiges 
Berhältniß des Gefanges zu den übrigen Elementen des Got- 
tesdienftes. Unter den fombolifchen Liedern thun viele eine 
große Wirfung; die ift aber Feine Wirfung ber Poeſie, fon- 
bern ber alten Autorität und der Ehrfurcht vor dem befteben- 
ben. Diefe Lieder ftellen aber am meiften die Einheit ber Ge— 
meine mit ber übrigen Kirche dar. Es muß neue Lieber die 
fer Art geben von zweierlei Weife, die mehr pofitiven unb 
profaifhen, und die mehr myflifchen und poetifchen über den⸗ 
jelben Gegenftand, und beide muß man ohne Vorurtheil in 
ihrer Eigenthümlichfeit anerfennen. Was nun die indivibuel- 
len Lieder betrifft: fo nähern fie ſich in fofern ber religiöfen 
Rede, daß die Individualität des Dichters darin vorherrſcht, 
wie bei ber Predigt die des Geiftlihen. In ber religiöfen 
Rebe herrſcht eine beflimmte Einheit des Gegenflandes; wenn 
biefe fih im Liede auch darthut, fo wird das Lieb unpoetiſch 
fein, ein Begriff wird firirt fein und durch feine verſchiedene 
Punkte durchgeführt. Die Einheit des Liedes muß aber 
eine ganz andere fein, fie muß aufgeben in ber religiöfen 
Stimmung die dad Lieb ausfprehen fol, Ohne Zweifel hat 
aber auch die Rede einen vorherrfchenden Ton, wenn biefer 
auch nicht die Hauptfache ift; einen zufälligen Wechfel des Tons 
barf es in der Rebe auch nicht geben, fonbern dieſer wirb in 
gewiffe Schranfen fallen. Bei Auswahl der Lieder muß man 


— 191 — 


nur auf diefe Harmonie der Stimmung achten und weniger 
auf die völlige Gleichheit bes Gegenſtandes. 


III. 
Theorie des Gebets im Cultus. *) 


Wir beziehen und hier auf die elementarifhe Betrachtung 
beffelben, die ſchon angeftellt worden. Das worin fi) das 
Gebet befonders entwiffeln muß, find dieſe beiden Punkte: bie 
Stellung deffelben, daß es in ber Konftruction des Cultus 
eine zwiefache haben fann, vor ber religiöfen Rede und nad 
derfelben;, und Die Form deflelben, daß es in ber Indifferenz 
Rebe zwifchen Proſa und Poefie, fo dag die Profa eine größere 
Intenfität des Numerus zulaffe als die didaktiſche, und daß es 
fih in einer poetifchen Form zeige, bie weniger SIntenfive ha— 
ben würde als die bes religiöfen Liedes, und daß alsdann ein 
Bortrag des Gebets in der Korm des recitativen Gefanges flatt- 
ſinde. Es müßte hier eigentlich noch ein dritter Gegenftand 
behandelt werben, nämlich was der natürliche und wefentliche 
Inhalt des Gebetes fein fann und müſſe; dazu müffen aber 
allgemeine Principien von anderwärts ber genommen werben. 
Es giebt nämlich eine dogmatiſche Theorie des Gebets, welde 
Me Materie und Form deſſelben beftimmt; diefe müflen wir 
am Grunde Tegen und vorausfezen. Es würde alles leer fein 
was wir über das Gebet aufftellen fünnten, wenn wir nicht 
auf bie dogmatifche Theorie zurüffgeben wollten. Dies aus- 
inführen würbe ung aus unferem Gebiet beraugführen, und 
Einnen wir daher nur poftuliren daß es feinen anderen Ge— 
genftand Des Gebetes giebt ald die Förderung bes 
Reihes Gottes, und ſich alles andere auf biefes bezieht. 
Sodann finden wir in der Schrift eine Anweifung Chriſti 
felber, dab Das Gebet von aller Gefhwäzigfeit ent- 
fernt fein ſoll. (Matth. 6, 7.) Da ift zwar urfprünglic 





) S. Beilage A. 30. 31, 


die Rede von dem Gebet des einzelnen; aber wir würben 
nicht auffinden fünnen daß in dieſer Vereinigung eine andere 
Form gegründet wäre. Die Sade iſt dieſe: die Gemüthe- 
flimmung in ber ber einzelne betet, ift eine Erhöhung feines 
religiöfen Selbftbemußtfeind wie es in irgend einem Moment 
befonders beftimmt if. Daß dies die Form bes Gebetd an- 
nimmt, ift nur der erhöhte Ausbruff des Bewußtſeins der Ab⸗ 
bängigfeit von Gott. Das Hervortreten aber biefer Stimmung 
in der Rede beftebt wieder aus zwei Elementen: einmal, bie 
Rede ift nur identifh mit dem Gedanken, der Gedanke if nicht 
identifh mit dem urfprüngliden Selbftbemußtfein, dies muß 
aus ſich berausgehn um zum Gebanfen zu werden. Warum 
gefchieht das? wobei nicht von einer Abfiht fondern nur von 
einer natürlichen Tendenz die Rebe fein kann. Dies hängt 
zufammen mit dem Beftreben den Gehalt eines Momentes für 
ben folgenden Moment zu firiren, und dazu qualiftcirt ſich ber 
Gedanfe vorzüglih, grade weil fih im Denfen der gemein- 
fame Charakter aller einzelnen Momente manifefirt; und it- 
gend eine Gemüthsflimmung wirb für die Folge von den ein- 
zelnen nur firirt werden fönnen, in ber Erinnerung bleiben, 
fofern fie in eine Darftelung duch Wort oder That überge- 
gangen ift; bleibt fie in ſich felbft, fo läßt fie ſich nicht für 
andere Momente firiren. Das Denken ift die Selbftändigfeit 
bes Proceſſes; das Taute Ausſprechen beim Beten ift Neben- 
ſache und verräth nur eine Ungeübtheit im Denfen. Schon 
Daraus, daß es bier nur darauf anfommt einen inneren Mo— 
ment für fih felbft zu firiren und daß das Denken Tediglich 
dies Motiv hat, folgt daß wenn es fih über dies Bebürfniß 
hinaus ertendirt, es allein dadurch überflüflig ifl. Dies ift ber 
allgemeine Grund der VBorfehrift Chrifti. Anders ift es wenn 
bie innere Gemäthsftimmung nicht bloß für Das Subject fon- 
bern auch für andere heraustreten fol: dann muß ein größerer 
Aufwand gemacht werden; das Herportreten ber Gemüthsftim- 
mung im Gebet ift nicht für andere; denn wollen wir fie für 


— 189 — 


andere darftellen, die fie nicht haben: fo wird ſich bie reine 
Form des Gebets verlieren. 

Wie fieht es nun mit dem gemeinfamen Geber im 
Cultus? Es Tiegt zwifchen beiden; es ift nicht eine Darftel- 
Iung einer veligiöfen Stimmung in der andere nicht find, ift 
auch nicht ein firiren der Stimmung für den einzelnen felbft: 
fondern ein gemeinfames Heraustreten derjelben zum gemein- 
ſamen Bewußtfein in einer Stimmung in welcher alle begrif- 
fen find, Wenn durch das gemeinfchaftlihe Gebet die anwe- 
fenden follen in eine religiöfe Stimmung verfogt werben, fo 
IR das gegen die Natur des Gebetes; es kann nur fein ber 
Ausdruff einer erhöheren Stimmung in der fie find, oder einer 
Erhöhung der Stimmung durch den Ausdruff; aber immer 
einer Stimmung in ber fie fchon find. Daher hat die Anficht 
ald ob das Wefen des Eultus in der Belehrung beftände, 
anf alle Elemente verberblich gewirkt, auf nichts aber fo ver⸗ 
verblih wie auf bag Gebet. Daraus find die erzählenden 
Gebete hervorgegangen, die Gott erzählen was er gethan oder 
was die Menſchen felber gethan haben, in ber Abfiht die Er- 
imerung daran im betenden zu erwekken. Ein foldhes Gebet 
kam nicht in den Fehler ber Battologie verfallen, weil es fei- 
ner ganzen Form nad ſchon eine Baitologie ift, da man Gott 
nichts erzählen kann; aber große Redner verfallen barein, und 
dad liegt an jener grundfalfhen Theorie. Iſt das bie ur- 

fprünglihe Borausfezung, daß die gemeinfchaftlich betenden in 
der durch das Gebet ausgefprochenen Stimmung wirklich ſchon 
ſind: fo fieht man, baß je fiherer man in biefer Borausfezung 
iR, ſich auch das Gebet deſto weniger der Sparfamfeit annä= 
bern fann in der das Gebet des einzelnen ift, das nur ein 
friren der Stimmung if, Nur eine Differenz ift bier und 
jwar folgende. Denken wir ung, bie religiöfe Stimmung ift 
in allen biefelbe: ift deswegen auch von felbft die Art wie das 
Gefüht fih im Gedanken ausbrüfft in allen biefelbe? können 
wir deswegen vorausſezen, daß wenn ber einzelne in biefer 
Stimmung -und in ber Tendenz fih im Gebet auszufprechen 


— 190 — 


fih überlaſſen wäre, jeder auf dieſelbe Art denken und fpre= 
hen würde? Das wäre zuviel; daher ift eine Differenz zwi- 
fhen dem was der betende Liturgus thut im Ausſprechen der 
gemeinfamen Stimmung und zwifchen dem was ein jeder ein— 
zelne thun würde, und würde bas gemeinfame Gebet einen 
anderen Charakter haben als dag ftille; und dies eben iſt ee 
was die Ausgleichung der Differenz erfordert. Diefe Ausglei- 
hung wird einer ber wefentlichen Punkte in der aufzuftellen- 
ben Theorie fein. 

Nun wollen wir das ganze der Aufgabe überfehen und 
zurüffehren zu bem was wir über ben inhalt bes Gebetes 
gefagt haben, daß er immer nur das Interefie am Reiche Got⸗ 
tes und befien Förderung fein fann., Sagt man, es giebt zwei 
weſentliche Formen des Gebetes, Danffagung und Bitte: 
fo wird gegen dieſe Duplicität nichts einzuwenden fein; fte bat 
ihren Grund darin, daß der gegenwärtige Moment im Zufam- 
menhang ſteht mit der Vergangenheit und Zufunft. Das Ber- 
fenktfein des gegenwärtigen Moments in die Vergangenheit ift 
bie Bafis für die Danffagung, und das Berfenktfein beffelben 
in die Zufunft ift die Baſis für die Bitte, Die Gegenwart 
ſelbſt kann fih im relativen Gegenſaz gegen dieſe beiden Be- 
ziehungen nur ausfprechen durch die überwiegende Spontanei- 
tät; jenes ift nur die Receptivität, und das ift das Lebergeben 
in die That, der Entſchluß. Danffagung und Bitte werben 
immer Ausdrüffe des Kntfchluffes fein müſſen. Aber beides 
wird immer feinen anderen Gegenftand haben als das Reid) 
Gottes. Diefes ift nichts anderes als die Gemeinfchaft der 
einzelnen, in biefer ift es; aber hier erjcheint wieder eine Du— 
plieität. Wie überall ein doppeltes Verhältniß ift in einem 
jeden folchen zufammengefezten Ganzen, wo bald der einzelne 
erfcheint als durch den einzelnen beftimmt und unter der Pos 
tenz beffelben, bald der einzelne beftimmt durch bag Ganze und 
unter der Potenz deffelben: fo wird im bloß erregten Selbft- 
bewußtfein das Gemeingefühl bominirend fein können, aber 
much das perfünlihe, nur daß das perfönliche immer auf Das 


— 11 — 


Gemeingefühl bezogen werben muß und das Gemeingefühl im- 
mer ein in ber Perfönlichfeit hervortretendes if. Hierin ma— 
nifeftirt fi der Inhalt des Gebete, indem er auf das gemein- 
fame geben oder auch die Angelegenheit des einzelnen vertres 
ten fan, aber immer in ber Beziehung auf das Reich Gottes, 
In Bezug auf den Inhalt finden wir feine Differenz; zwifchen 
dem Gebet im Cultus und dem des einzelnen; wir haben da= 
durch nur die Form der Kriftlichen Srömmigfeit ausgeſprochen. 
Kur eine Differenz tritt hervor, Wenn wir jenen Gegenfaz 
auffaffen in Beziehung auf den einzelnen: fo ift ed die Per- 
fönlichfeit des einzelnen die im doppelten Verhältniß ftehen 
fann zu dem Ganzen; beziehen wir es auf die im Cultus ver- 
fammelten einzelnen: fo fehlt etwas in der Mitte, die Verfön- 
lihfeit des Ganzen; hier relativirt fih das eine Element, und 
ed wird baranf ankommen, wieweit dies Einfluß auf bag Ge⸗ 
bet haben kann. 

Der Geiftlihe ift im Gebet als Liturgus das Drgan der 
Gemeine in der Vorausſezung daß alle fih in derſelben reli- 
iin Stimmung befinden; er ift der Vermittler dazu, daß 
dad gemeinfame Bewußtſein in jedem einzelnen bervortritt, 
Bas er zu thun hat, ift daß er dem gemeinfamen Bewußtfein 
das Wort giebt, und da tritt bie Differenz heraus, aus ber ſich 
alles in der Theorie des Gebetes für den Eultus entmwiffeln 
muß. Wie wir aber gefeben haben, daß die Reinheit der Aus- 
führung bebingt ift durch die Sicherheit der Borausfezung, fo 
müſſen wir damit anfangen und fragen, Wie kommt ber 
Beiflihe zu Der Borausfezung, daß alle fih in ber 
religiöfen Stimmung befinden? Sehen wir auf die 
Stellung des Gebetes im Eultus: fo finden wir, daß die bei- 
den Stellen fich verfchieden verhalten zur Vorausſezung. Nach 
ber Rede foll der Liturg eine beflimmte Gewißheit haben, baß 
alle fih in derfelben Stimmung befinden; aber wie ift es mit 
dem erfien Gebet? Wenn wir die Praris fragen: fo ift fie 
(0, daß das Gebet auch ba wo es fehr vertheilt ift doch nie 
der erftie Moment ift, fondern der Gefang, auf ben erft bas 


— IN — 


Gebet folgt, Was hat ber Liturg für eine Sicherheit in Be- 
ziehung auf bie Gemeinfamfeit? Keine andere als bie, bie 
ihm der: Charakter aller als Chriften giebt und die Wirfung 
des Geſanges. Das erfie Element müffen wir ale das voll- 
fommen gleiche anfehen; aus dem zweiten geht hervor daß bag 
Gebet bier durch den gemeinfamen Geſang bedingt fein muß, 
fo wie das Gebet nach der Rede durch die religiöfe Rebe be— 
Dingt fein muß. Hier müffen wir zuräffgehen auf das was 
wir über ben Gefang gefagt haben, dem wir in Beziehung auf 
die Stellung vor der religiöfen Rede einen verfchiedenen Cha— 
rafter gegeben haben. Der Gefang der ber Anfang des Got⸗ 
tesdienftes ift, Fann nur ein Ausſpruch deſſen fein was in al« 
len ift, daher die ſymboliſchen Gefänge hieher gehören. Daran 
wird fih auch das Gebet anzufchließen haben fofern ed durch 
ben Gefang beftimmt if, Hier ſehen wir, baß je mehr ber 
Sedanfe und die Sprache in biefer Production etwas indivi⸗ 
buelles fein wollten, defto weniger biefe Aneignung vermittelt 
fein würde. Dazu tft alfo ein univerfeller Typus des Denkens 
und der Spracde erforderlich, Anders ift es mit dem Gebet 
nad) der Rede, denn durch biefe ift fchon eine Gedankenmaſſe 
angeregt die eine Gemeinſchaft aller geworben ift. 

Wenn wir nad dem Inhalte der Gebete an diefer Stelle 
fragen: fo finden wir ale das identifhe der religiöfen Stim— 
mung nichts anderes als folgende Elemente: einmal ber eigen- 
thümlich religiöfe Charakter der Kirhe zu der die Gemeine ge- 
hört; diefen muß ein jeder im Bewußtſein aufgenommen ha— 
ben, der fih zur gemeinfchaftlihen Erbauung mit anderen zu— 
fammenfindet; fodann ift es das Verlangen und ber Wille 
aller andächtig zu fein; und endlich, in wie fern ed einen äu— 
Beren gemeinfamen Zuftand giebt in dem fih bie verfammel- 
ten befinden, ift das religiöfe Bewußtfein von diefen auch ein 
gemeinfchaftlih gegebenes. Dies gemeinfame kann mehr ein 
inneres oder ein äußeres fein; das innere ift die religiöfe 
Herfönlichkeit wie fie mit dem Berlangen nad) der Erbauung 
zufammenhängt, das Bemußtfein der Zrömmigfeit im Kampf 


— 193 — 


mit bem irbifchen, das für alle bafielbe if. Hier haben wir 
rein ibentifche Elemente. Sowie fie bargeftellt werben in ei⸗ 
nem nicht indivibualifirten kirchlichen Gedanken und Sprad- 
ippus, haben wir die Vollkommenheit ded Gebets. Fragen 
wir, Sollen dieſe verfchiedenen Elemente ein ganzes bilden 
oder nicht? foll es an biefer Stelle ein Gebet geben ober eine 
Mehrheit von getrennten Gebeten? fo kann niemand zweifel⸗ 
haft fein, wie bie Frage zu beantworten ifl. Diefe Elemente 
find alle wefentlich zufammengebörig, find eins, weil der ge- 
meinfame Zuftand ber Berfammelten einer ift, und weil das 
innere Selbſtbewußtſein ſich ausfprechen fol, fo fol Die Ein— 
heit ausgefprochen werben, und bie Berfchiebenheit babei kann 
nur als untergeorbneter Beftandtheil hervortreten. Das wird 
verloren gehen wenn man die Elemente trennt. Soll ein Ge— 
bet vorgetragen werden von bem göttlichen Beiftande für das 
Gelingen der Erbauung; eins von dem Bekenntniß der Noth⸗ 
wendigfeit der Erbauung; ein brittes, welches ben gemeinſchaft⸗ 
lichen äußeren Zuftand darſtellt, Dankbarkeit für den Schuz ber 
göttlihen Vorſehung ausfpricht: fo tritt die religiöfe Einheit 
nirgends hervor, und jedes einzelne wird zu einer troffenen 
sormel. Wenn wir aber die Elemente in ihrer gegenfeitigen 
Beziehung als eins barftellen, fo haben wir etwas vollflommes 
ned was den flärffien Gegenfaz bildet zu jener Unvolffommen- 
heit des zerriſſenen. Es laͤßt fi) nichts wiberfinnigeres ben- 
fm ald wenn man ſich bie einzelnen Theile abgefondert bentt, 
hintereinander vorgetragen und nur durch Pauſen getrennt ober 
durch irgend einen MWechfelgefang gefchieden. 

Der Gegenfaz zwifchen dem feftlihen und gewöhnlis 
den Gottesdienſt muß fich hiebei auch zeigen. Es ift ein an- 
derer Zuſtand ber ber Gemeine identisch if in feftlihen Zeiten 
ald in gewöhnlichen, bie religiöfe Stimmung hat eine andere 
Richtung. Da muß im Gebet ber fefllihe Typus heraustre= 
ten an feſtlichen Tagen, und muß fi Died verhalten wie bie 
bedingte Darftellung zur unbedingten. Das kann auf verſchie⸗ 
bene Weife der Fall fein, je nachdem ber gewöhnliche Typus 

Yrattifge Theologie. I, 13 


— 194 — 


des Gebets iſt. Es kann der gewoͤhnliche vorherrſchen der 
feſtliche an einer einzelnen Stelle hervortreten; es kann der 
feſtliche vorherrſchen und der gewöhnliche untergeordnet vom 
Charakter des feſtlichen imprägnirt fein, und iſt eine Vollſtäͤn⸗ 
digkeit nur durch das Zuſammenſein von dieſen beiden Dar- 
ſtellungen. Giebt es etwas die ganze Gemeine afficirendes: 
ſo will ſie auch den Anklang davon im Gebet haben, und der 
Geiſtliche muß Freiheit ‚hierin haben, nicht an ein buchſtäbli— 
des gebunden fein. Sieht man, wie fehr durch ein zwelf- 
mäßiges Gebet Erbauung befördert wird: fo muß alles in dad 
Gebet hineingehören was nur hineingehören kann. Der ge 
fammte Zuftand muß audgedrüfft werden, und fpiegelt bad 
Gebet nicht die Modification dieſes Zuſtandes ab, fo verliert 
ber ganze Gottesdienſt feine Kraft. Das Gebet als ein biefe 
verfchiedenen Elemente verbindendes, was der Natur der Sade 
nad nur in einem periodifhen Rhythmus gefchehen fann, 
qualifieirt fich nicht zu einer an das poetifche ſich annäbernden 
Sprache und zu einem reritativen Vortrag; dieſer geftattet nur 
kurze Säge: bier aber wird erfordert ein periodifcher Bau, mit 
bem der mufifalifhe Vortrag abgefchnitten iſt. Es ift aber 
bas Zufammenfaffen Diefer verfchiedenen Elemente in einen pe- 
riodifchen Rhythmus nichts nothwendiges; es if ein verfchie- 
benes Berhältnig zwifhen den einzelnen Elementen und ihrer 
Berfnüpfung. Die Berfnüpfung kann fi die einzelnen Ele— 
mente unterorbnen, das ift das periodiſche; es fönnen die 
Elemente heraustreten, aber fo daß bie Berfnüpfung mit ihnen 
gegeben ift: ein foldhes qualifieirt fih zum recitativen Bor- 
trag. Hier ergeben ſich zwei Formen, aber auf eine fehr be- 
ſtimmte Weife, ein periobifh und ein bymnifch gebildetes Ge: 
bet, ein rein vecitirtes und ein mufifalifch vorgetragenes; aber 
das rein profaifch vorgetragene muß das periobifche fein, und 
wiederum der muftfalifhe Vortrag Fann nur das Aggregat von 
einzelnen Säzen in Anfpruch nehmen. Da hat man die Wahl, 
ob man bie anſchauliche Einheit im Periodenbau vorziehen will 
und ben profaiihen Vortrag, und alsdann muß ber reritative 


— 195 — 


Bortrag einen anderen Gegenſtand haben oder ganz wegfallen; 
oder man zieht den recitativen Vortrag vor: bann tritt bie 
Einheit bes Gedanfeneomplerus zurüff. Das ift Sache bee 
Geſchmakks und muß man mit beiden wechfeln können. 

Wir fommen nun zur zweiten Hauptftellung bes Gebete 
im Oottesdienft, zum Schlußgebet. Wir haben das Gebet 
überhaupt angefehen als ber Korm nah das Marimum ber 
Aeußerung ber religiöfen Stimmung. Nun foll die religiöfe 
Rede das Maximum hervorbringen, und da ift folche Aeuße- 
ang an ihrer Stelle. In foweit ift das Gebet noch ein Be— 
ſtandtheil der religiöfen Rebe und aus ihr hervorwachſend. 
Run it außerdem eine allgemeine Praris in ber evangelifchen 
Kirche, dag FKürbitten aller Art bier an dieſem Punft bes 
Cultus hervortreten und hernad ber Eultus mit dem Schluß- 
gefang fein völliges Ende nimmt; wie ift dieſe Praris zu ver- 
Reben? Iſt fie etwas gutes und beizubehaltendes an fih und 
in Beziehung auf ihre Stellung? Was das erfte betrifft: fo 
gehört zu dieſen Fürbitten am allgemeinften die Fürbitte 
für die Obrigkeit; die ift mit einem apoftolifhen Gebot 
verordnet (1 Timoth, 2, 1. 2.), obgleich fie nur als Pflicht der 
Ehriften überhaupt bargeftellt wird, Jede Gemeine fteht im 
befonderen Berbälmiß zum Staat, ift eine Privatgefellfchaft 
bie unter der Sanction beffelben befteht, und ba ift natürlich 
daß die Kürbitten für die Obrigfeit in den öffentlihen Cultus 
hineingelegt werben. Indeß bietet ſich hier ein Unterfchieb bar. 
Betrachten wir den Cultus unter der Korm der unbedingten 
Darfelung: fo find für diefe alle verſchiedenen Theile und 
Elemente des chriſtlichen Lebens indifferent, ba ift nur eine 
Anfnüpfung an die bürgerlichen VBerhältniffe; betrachten wir 
ben Cultus unter der Form ber bedingten Darftellung: fo ift 
das feſtliche das dominirende, auf etwas in die chriſtliche Ur- 
geihichte gehöriges ift die Stimmung gerichtet, und Da treten 
die Berhältniffe die der Kirche äußerlich find zurükk. Für bie 
feſtlichen Tage fleht die Fürbitte für die Obrigfeit in ganz an— 
derem Verhältniß als für die gewöhnlichen Sonntage; in den 

13 * 


— 16 — 


erſten iſt fie etwas ftörendes, Eigentlich find die Fuͤrbitten für 
die Obrigkeit überall etwas unter der Aufficht des Kirchenre- 
giments ſtehendes, von ihm vorgefchriebenes, welches nicht 
anders fein fann, denn an das Kirchenregiment Fnüpft ſich ja 
unmittelbar die Communication der Kirche mit dem Staaie. 
Sofern nun vom Kirchenregiment bie unausgefezte fonntäglide 
Fürbitte für die Obrigfeit befohlen ift, hat der Geiſtliche Feine 
Freiheit in biefer Beziehung; hat er eine ſolche ausdrükklich 
oder ftillfchweigend: fo wird es wohlthätig fein für ben Cul— 
tus alle allgemeinen Fürbitten an den feftlihen Tagen zu un 
terlaffen, um defto beftimmter in diefem feftlihen Charafter zu 
verbleiben. Außer ber Fürbitte für die Obrigfeit giebt es 
noch andere auf einzelne Glieder der Gemeine fi be 
ziehende, die auch eine alte Praxis für fih haben, und zum 
Theil auf bürgerlichen Verordnungen beruhen; fo unfere Auf- 
gebote. Als kirchliche Handlungen fönnen wir fie nidt ans 
ders faffen, als daß die welche fi verehelihen wollen eigene 
Drgane der Kirche werden, ihre Fuͤrbitte anfpredhen und er 
Hären daß fie die Ehe für einen religidfen Act halten. Dies 
it an fih auch etwas natürliches. Nun ift Die Proclamation 
eine vom Staat gebotene Form der Befanntmachung. Das ıfl 
etwas unnatürliches. Die Ehe hat eine bürgerliche Bedeutung 
wie eine religiöfe; Die bürgerlihe Form der Bekanntmachung 
müßte anders fein als die religiöfe. Offenbar würbe bie 
Handlung andere aufgenommen werden als jezt gefhieht, wenn 
die hürgerlihe an einen andern Ort gewiefen wäre, Darauf 
fann man nur binarbeiten durch den Einfluß auf den Staat; 
fowie das Gebot beftebt, kann der einzelne Geiftliche nichts 
daran ändern. Hieran fchließen fi, freilich nicht auf allge: 
meingültige Weife, Fürbitten für Mitglieder ber Gemeine 
bie fich in befonderen Umftänden befinden, für Kranfe, Ster- 
bende, Schwangere, Wöhnerinnen u. f. w. An man 
hen Drten ift es üblich, daß wer fi in bedrängten Umftän- 
ben befindet eine öffentliche Sürbitte verlangt. Es ift nicht zu 
läugnen daß ſich hier piel Superftition einfchleichtz aber benft 


- 17 — 


man fih andererfeits- einen Gemeineverband: fo müffen alle 
fittlichen Berhältmiffe der einzelnen ein Gegenfland ber Theil- 
nahme für die Gemeine fein, und fönnen in das Gebet über- 
gehen mit eben folhem Recht wie das Gefühl des einzelnen 
in fein eigenes Gebet übergeht. Iſt Superftition dabei, fo ift 
ed Gegenſtand der Seelforge die Superftition auszurotten, und 
mon fann nicht die Sache felbft verdammen. Mehr Sinn wer- 
ben die Fürbitten haben da wo bie Gemeinemitglieder in Be— 
rührung ftehen, woburd eine lebhaftere Theilnahme hervorge— 
braht wird; daher wo bies nicht der Fall ift ſolche Fürbitten 
weniger ftattfinden. Wenn fie nun überhaupt etwas find was 
man gelten laſſen kann: ift ihre Stelle in der alten Praxis 
der evangelifchen Kirche bie richtige? Diefe Frage wirft 
ſich beſonders auf, wenn wir auf bie Eniflehung des evangeli- 
hen Gottesdienſtes aus dem Fatholifchen zurüffgehen. Im 
ttholifchen gehört die Fürbitte für die Obrigfeit in den Meß- 
Innen, ift vor die religiöfe Rede geftellt, und fo hat man auch 
jet anfangen wollen (1824) bie Bürbitten in das Gebet das 
der religiöfen Rede vorangeht zu ftellen. Im fatholifchen Got⸗ 
teödienft war bie Rebe nur ein appendix; dag woran bie Ge- 
meine Iebhaften Theil nehmen follte, wurbe in den Meßfanon 
gelegt. Dies ift aber gegen den Geift ber evangelifhen Kirche 


die refigiöfe Rede als Anhang des Gottesbienftes anfehen zu 


wollen. Jener Grund ift bei uns unftatthaft, und es fragt 
Äh daher, Wohin gehören bie Fürbitten ber Natur der Sade 


nach? Alles Gebet zerfällt in die beiden Formen der Danf- 


gung und ber Kürbitte, Unterfeheiden wir bag eigentlich rein 
vefigiöfe im Gebet, das unmittelbar das Reich Gottes und 
feine Sörberung zum Gegenftande hat, und das was nur mit⸗ 
telbare Beziehung darauf, feine unmittelbare im Leben hat: fo 
fragt ſich, Wo gehört dies unter der Form ber Danffagung 
hin, und wo unter ber ber Kürbitte? Zum Theil ift Die Frage 
ſchon beantwortet; als ein Element für das Gebet vor ber 
Rebe ift zugleich gegeben bie Berüfffichtigung des gemeinfamen 
änferlihen Zuftandes, wie er fich in ber religiöfen Stimmung 


fe 


— 18 — 


abbildet und in ihr mit aufgenommen iſt; das iſt der Einfluß 
des äußern Verhältniſſes auf die religiöſe Stimmung der Ge— 
meine. Die Beziehung des äußerlichen Verhältniſſes, die ſchon 
wirffam gewefen, ift alfo vergangen und tritt als Danffagung 
auf, und wenn das Anfangsgebet feine Beziehung auf ben 
Cultus und den Wunſch ausfpriht daß er feine Vollftändigkeit 
erreihen möge: fo iſt das dag innere ber Fürbitte und fie 
fnüpft fih mit ber Danffagung als eind zufammen. Wenn 
die religiöfe Rede vollendet ift, fo nähert fi der Gottesbienft 
feinem Ende und treten die Mitglieder ind Leben zurüff. Das 
giebt ihnen die Beziehung in dieſe Zufunft in die fie treten, 
und da ift die Fürbitte natürlich. Alfo Danffagung einerfeits 
für die Wirkfamfeit des Cultus, aber die Verhältniſſe in die 
fie zurüffteeten, ftellen fih ald Gegenſtände ber Yürbitte bar. 
Da haben diefe Gebete ihre natürlihe Stelle; an jenem Drt 
würde ihre Einheit zerftört werden, fie würden über den Got- 
tesdienft hinüberführen. Es wäre nicht vortheilbaft von ber 
natürlihen Prarisg abzuweihen. Kine andere Auskunft bat 
man neuerdings treffen wollen, alle Fürbitten vom Hauptgot⸗ 
tesdienft abzulöfen und in den Nachmittagsgottesdienft hinein- 
zubringen, Was fann das für einen Grund haben?! Wir müf- 
fen fagen, Diefe Fürbitten find fein nothwendiges Element bes 
Cultus, find nur darum weil es von felbft entfteht zuläflig ge⸗ 
worden, und gehören mehr in ben vollfländigen Gottesdienſt 
als in den unvollfommenen; im lezteren haben nur bie noth⸗ 
wendigen Elemente Plaz; und fragen wir, weswegen man 
biefe Ausfunft ſucht: fo fann man fih nur zweierlei benfen. 
Es ift ein Widerwillen gegen die Sache felbft, und dann fommt 
dazu, dag man den Nachmittagsgottesbienft als folchen anfteht, 
wo ed weniger darauf anfommt ob etwas was beffer weg⸗ 
bliebe vorfommt oder nicht. Das erſte ift ein Berfennen ber 
fichlihen Beziehung biefes Elementes, das andere ein Herab- 
fezen des nachmittäglichen Gottesbienftes. Wenn die Fürbitten 
recht gefaßt find, fo fönnen fie nichts ftörendes fein; wenn das 
fremdartige daraus immer mehr verfchwindet, fo wird man 


— 19 — 


feine Beranlaffung haben fie aus dem Hauptgottesbienft weg⸗ 
zuwuͤnſchen. Die Kürbitten aber müffen fih an das Gebet das 
zum Gegenftande die Körberung bes Reiches Gottes hat, an⸗ 
fließen; fofern es Fürbitten für bie Kirche überhaupt giebt, 
können fie fih daran anfchliegen. Das ift das wefentlihe bes 
Schlußgebetes. 

Sofern das Schlußgebet nicht organiſch mit der Predigt 
zuſammenhängt, läßt ſich zweierlei denken: die Predigt endigt 
ſelbſt und geht über in ein Gebet was ſich auf den Inhalt der⸗ 
felben zurüffbezieht, oder fie thut es nicht. Sol in bem er- 
en Fall das Gebet welches Fürbitte für die Kirche if, als 
ganzes mit Dem Gebet erfcheinen was unmittelbar auf die re⸗ 
Iigiöfe Rede fih bezieht? Und im anderen Fall, Soll bie 
Hürbitte für die Kirche unmittelbar auf die Predigt folgen, 
oder etwas anderes? Es würde eine vollftändigere Form fein, 
wenn fih eine Selbftthätigfeit der Gemeine unmittelbar auf 
bie religiöfe Rede bezieht, dann das Gebet folgt und hernach 
mit einem Schlußgefang von allgemeinem Inhalt der Gottes- 
dient endigt. Dadurch wird die genauefte Analogie zwifchen 
dem Schluß und dem Anfang hervorgebracht. In einer abge- . 
kürzten Form, wenn auf die religiöfe Rede gleich die Fürbitte 
folgt, it nichts ftörendes fofern die Fürbitte für die Kirche als 
das weientlihe Moment anfängt; dann kann fih das übrige 
an diefe anfchließen. Hat man Raum für die vollftändigere 
Form: fo ift fie Das beſte. In Beziehung auf den erften Fall 
nun Tann das allgemeine Kirchengebet mit jenem fih auf bie 
teligiöfe Rebe beziebenden zufammengezogen werben; der Ueber» 
gang muß ſich Teicht machen laſſen von dem ſpecifiſchen auf bie 
Rede fi) beziehenden Gebet zum allgemeinen für bie Kirche 
oder die Förderung des Reiches Gottes überhaupt, weil ſich 
die Rede immer auf dieſe Förderung fpeciell bezieht. Wenn 
in dem Fall der abgefürzteren Form das allgemeine Kirchen- 
gebet unmittelbar auf die religiöfe Rebe folgt: fo gehört dazu, 
daß es eine if, wenngleich es zwei Beftandtheile hat, Wenn 
aber die Regel ift, daß zwifchen ber Predigt und dem allge- 


C. 








— 200 — 


meinen Gebet ein auf die Predigt ſich beziehender Geſang folgt: 
fo iſt offenbar dag das Gebet in der Beziehung auf die Pre⸗ 
digt vor dem Geſange bleiben muß, und auf den Gefang folgt 
das allgemeine Gebet. Das Gebet das fi auf bie religiöfe 
Rede bezieht und das Gebet der Fürbitte ohne dazwiſchen tre- 
tenden Gefang zu trennen, ift völlig unftatthaft; ſolches unmit- 
telbare Aufeinanderfolgen von verfihiedenen Gebeten ift ber 
Ausdruff eines Diangels an Einheit in dem was ſich fo Außert. 
Es ift nun noch ein Punft übrig, der Gebraud bes 
Gebets des Herrn im öffentlichen Gottesdienſt. Das Ba- 
terunfer ift eine Formel bie befteht, beftanden bat und immer 
wiederkehrt. Wirb nun feine Andacht dabei fein können? Es 
wird freilich oft ohne Andacht gebetet, aber die Schuld Tiegt 
nicht am Gebet. In der Art wie Chriftus es gegeben hat, if 
ber öffentliche Gebrauch dabei nicht mitgefezt, es ift Dabei nur 
die Autorität der Kirche im Spiel. Es ift aber ein folder 
Gehalt in ben Formeln dieſes Gebets, daß der Ehrift immer 
fann mit ganzer Seele babei fein und ber Gehalt nie als er⸗ 
fchöpft erfcheinen fann, Die Wiederholung des Vaterunſers 
im öffentlihen Cultus überhaupt beruht auf dem Grunde daß 
bie Gebet bes Herren als allgemeine Zufammenfaffung ben 
Schluß jedes Gebetes machen müſſe. Es ift die Pflicht eines 
jeden Geiſtlichen dies Gebet bei Ehren zu halten, und was er 
babei zu thun hat, muß von feiner Kenntniß feiner Gemeine 
abhängen; befürchtet er das mechaniſche gedankenleere durch 
ben öfteren Gebrauch: fo muß er ihn unterlafien und nicht eber 
wieder einführen als bis jenem abgeholfen if. Gänzlich un- 
zuläffig aber ift es, daß man um das mechanifche zu vermei- 
ben died Gebet paraphrafirt, was man dem Wort Chrifti nicht 
thun follte; und überhaupt muß man fagen, daß dies Gebet 
bie hoͤchſte ſymboliſche Autorität hat. Wenn an den Symbo- 
Ien ber Kirche das Aendern nur behutfam geſchehen kann: fo 
muß man dies bei dem von Chriſto ausgegangenen ganz un- 
terfagen. Dadurch kann die Autorität bes Gebete nur ges 
ſchwaächt werben, 


— 201 — 


Wir ſinden in unſerer Kirche noch eine eigene Form des 
Gebets, obgleich fie jezt faſt ganz abgekommen iſt, bie foge- 
nannte Litanei, dem Inhalt nach eine allgemeine Collection 
von nach verſchiedenen Rubriken geordneten Fürbitten, der Form 
nach ein Wechſelgeſang in der Gemeine ſelbſt; ſie wird von 
der Gemeine zweichörig nach einer leichten recitativen Melodie 
gefungen. Dies hat fonft einen eigenen Gottesdienſt gebildet, 
der durch ein kurzes Gebet des Geiftlichen gefchloffen wurde, 
Benn das in Uebung wäre, fo fönnte man barauf bie einzel- 
nen Fürbitten verweiſen aus dem übrigen Cultus. Dazu würde 
gehören daß die Titanei öfters wiederholt werben müßte, als 
in anderen Hinfichten angehen möchte, und es fcheint daher 
natürlich zu fein daß diefe Form in Abnahme gekommen. Sonft 
if etwas gutes darin, daß die Gemeine im Gebet felhftändig 
anftritt. Neuerdings hat man den Sinn biefer Form verfannt, 
indem man ben Geifllihen das was die Gemeine früher gefun- 
gen, ansfprechen und dann auch das Schlußgebet halten läßt. 


IV. 
Theorie der veligiöfen Rede. 


Einleitung. 


Ä Das wefentlihe davon, daß hier ber Geiftlihe zwar eben- 
falls ald Organ der Gemeine nur in ber Darftellung bes ge- 
meinfchaftlichen auftritt, aber doch im eigentlichen Sinn von 

ı feiner Perfönlichkeit aus productiv, das haben wir ſchon aus- 

einandergeſezt. *) Hier nun bedarf es offenbar einer eigent- 
lihen Technik, wozu Die Prineipien eben fo in einer allgemei- 
nen Difeiplin liegen wie die des Kirchengefanges, nämlich in 
der allgemeinen xhetorifchen; aber bier können wir ung nicht 

ſo kurz faffen wie dort, weil den Gefang weder zu Dichten noch 
| die Melodie zu erfinden das Amt des Geiftlichen if. Es hat 





*) ©. Beilage A, 32. 


f 


— 02 — 


eine große Schwierigfeit, daß wir und auf bie rechten Gren- 
zen befchränfen, und dann auch an fih für einen ber ſelbſt 
ausübenber ift, eine allgemeine Theorie binzuftellen. Die Er- 
fahrung zeigt zu fehr, wie ſchwer man dem entgeht feine eigene 
Methode ale allgemeine und das fubjective als objectiv gültig 
darzuftellen. Was bie Grenzen betrifft: fo ift ſchwer es ſich 
far zu machen durch bloße VBorfchriften ohne fie an Beifpielen 
zu verdeutlichen, und dad Tezte führt zu weil, Was bie Theorie 
eigentlich leiften fann, haben wir im allgemeinen gefehen; fie 
fann nie die Virtuoſität hervorbringen, nur die Anlage die ein 
jeder dazu hat leiten, mehr Fritifch und durch Cautelen wirken. 
Das pofitive was fie thun kann, ift daß fie die verfchiedenen 
Berfahrungsarten und die Momente die in einer jeden Tiegen 
auseinanderfezt, damit fi jeder daraus aneignen kann was 
fich für ihn am meiften ſchikkt. Die Wirkſamkeit einer folchen 
Theorie ift fehr verfchieden je nachdem das Talent ift was 
bazu gehört. Je fpecieller dad Talent ift, deſto mehr gilt daß 
die Theorie den Künftler nicht macht, So 3. B. find die poe⸗ 
tifhe und mufifalifhe Compoſition befondere Talente, die nur 
in wenigen zu einer gewiffen Stärfe fommen, und da fann bie 
Theorie nie anders verfahren, ald Cautele aufftellen, die Idee 
des richtigen geben; aber auf die Production ſelbſt kann fie 
feinen pofitiven Einfluß haben. Wie ift es in diefer Bezie- 
hung mit der religiöfen Rede? Keineswegs werben wir hier 
auf ein fperielles Talent zurüffgeführt; es wird nicht voraus⸗ 
gefezt, daß einer nicht Fönne dahin fommen auf diefem Gebiet 
zu probueiren, in weldem fih das religiöfe Clement bie zu 
einer gewiffen Stärfe entwiffelt hat. Bon biefem aus gilt zu 
der Production felbft gar fein befonderes Talent. Der Sprade 
bedienen wir ung alle und fie verfirt bier auf einem Gebiet 
wo feine Birtuofität erforderlich ift, und das woburd die Com⸗ 
pofition felber ein feinen Zweff erreihendes wohlgeorbnetes 
Ganze wird, ift das was allen bie auf dem wiffenfhaftlichen 
Gebiet verfiren gemeinfam fein muß, nämlih nur das Herr 
fein über die @ombination feiner Gedanken. Jeder ber übers 


— 209 — 


haupt in das kirchliche Leben auf ſelbſtthätige Weiſe einzugrei⸗ 
fen den wahren Beruf bat, bat alles in ſich was ihn zum 
tühtigen religiöfen Redner machen kann. Alles äußerliche ift 
bier von fehr geringer Bedeutung. Ein etwas fehöneres wohl- 
klingenderes Organ macht hier einen unbebeutenden Unterfchied, 
Andere ift ed wenn einer einmal auftreten foll um eine große 
Birkung hervorzubringen; aber ba bier das Öffentliche Auftre⸗ 
ien ein ſich wiederholendes ift, fo wird alles ftörende biefer 
Art bald verfhwinden, wenn das übrige dazu wirft bie Ge- 
meine beim Bortrag feftzubalten. Weil das Talent hier ein 
jo allgemeines ift, fönnen wir und begnügen mit bem was bie 
Theorie Teiften kann. 

Iſt das Talent für die religiöſe Rede ein allgemeines: 
mie ift es mit dem Inhalt der religiöfen Rede? iſt es 
dem Inhalte nach der ganze Cyklus ber religiöfen Vorſtellun— 
gen, ber in der Rede vorfommen fann, oder bleiben einige 
ausgefhloffen? Es fragt fih, Haben wir andere Begrenzun- 
gm für die religiöfe Rebe anzunehmen, oder giebt e8 deren 
gar feine? Die Gefchichte der Homiletif giebt Zeugniß davon, 
wie verfchieben biefe Frage beantwortet worben; jeder ausge⸗ 
zeichnete Homiletifer hat zu beftimmen gefucht, welche Borftel- 
lungen in der Rede Raum fänden und welche nicht, und hat 
ſich den Kreis groß oder Hein geftellt. Hingegen bat es im- 
mer ausübende Künftler gegeben die an diefe Vorfchriften fich 
durchaus nicht gehalten haben, fondern alle Vorftellungen be= 
handelt die in das religiöfe Gebiet fallen. Die Differenz ift 
ſo groß daß einige fchlechthin zur Hauptfache machen was andre 
grabezu verwerfen. Um bier den rechten Weg zu finden, muß 
man ausgehen vom Berhältniß ber Rede zum ganzen bes Eul- 
us und bes einzelnen Rebners zum gemeinfamen Gebiet. Was 
das erſte betrifft: fo berrfcht in ber Rede die größte Freiheit 
zwiſchen den Punkten die das Titurgifche Element begrenzen. 
Der Prediger ift auf der einen Seite Organ feiner Kirche, auf 
ber anderen Repräfentant feiner Gemeine; dies liegt in feiner 
Stellung. Als Organ feiner Kirche darf er nicht im Wider⸗ 


— WM — 


ſpruch fein mit dem was ihre Einheit conſtituirt, als Reprä- 
fentant feiner Gemeine muß er ausgehen von ber gemeinfamen 
Anregung; und dies beides ift fein Grenzpunft, weiter aber 
auch nichts. Vermittelſt des Einfluffes feiner lebendigen Per- 
fönlichfeit foll er die gemeinfame Anregung leiten und ihr eine 
beftimmte Richtung geben. Schon von dieſer Seite angefehen 
giebt es nichts was feines Inhaltes wegen aus dem Gebiet 
ber religiöfen Rede ausgefchloffen werben müßte; nur das un- 
hriftliche und das der Kirchengemeinfchaft widerftrebende kann 
ausgefchloffen bleiben, Auch giebt es feine religiöfe Erregung 
Die nicht unter Umftänden eine gemeinfame fein fönnte, von 
ber der Geiftlihe auszugehen im Stande wäre. Die Haupt: 
punkte der heiligen chriſtlichen Gefchichte treten im Kirchenjahr 
berpor, und alles was fih daran fhließen laßt, Tann an eine 
Erregung und gemeinfame Stimmung angefnüpft werden Was 
gäbe es aber was fi daran nicht anfnüpfen ließe? Jede re- 
ligiöfe Borftellung gebt auf dieſe Hauptpunkte zurüff. Alles 
was dem eigenthbämlich chriftlichen Charafter gemäß in der re- 
ligiöfen Erregung feinen Plaz findet, kann in der religiöfen 
Rede vorkommen, und wenn man bier Grenzen ftefft, fo wal- 
tet ein Mißverftändniß ob; besgleichen wenn man fagt, es 
gäbe gewiſſe Dinge Die man nicht oft genug wiederholen fünne, 
und deshalb, die andern vernachläſſigt. Man glaubt, es Laffen 
fih gewiſſe Gegenftände nicht anders behandeln als in ber 
tehnifhen Sprade, und in fo fern dies recht if, hat man 
Recht; jedoch nichts was eine eigenthümlich chriftliche Lehre if, 
ift in diefem Fall, daß es fih nur auf technifchem Gebiet ber 
Sprache behandeln Tiefe; dies fpricht ſchon gegen Die ganze 
Geſchichte und Bildung der hriftlichen Lehre, Sagt man nun, 
In die technifhe Sprache ift manches aufgenommen das ei- 
gentlich nur das Verhäftnig feftftellt zwifchen verfchiedenen Ele— 
menten des dhriftlihen Glaubens: fo fällt Dies allerdings au= 
Berhalb der religiöfen Rebe, denn es ift Neflerionsfache, nicht 
Gemuthsſache. Die meiften Theoretifer führen die Trinitäte- 
lehre zum Beifpiel an. In ihrer Form gehört fie freilich nicht 


— 205 — 


anf die Kanzel, denn fie if fein urſpruͤngliches Element bes 
chriſtlichen Glaubens, fondern ift nur im Syſtem als Berhält- 
niß verfchiebener Punkte des Syſtems zu einander. Die Ele- 
mente für fich gehören aber zum chriftlichen Glauben und bür- 
fen nicht von der Rede ausgefchloffen bleiben; nur bie fyfte- 
mahihe Auffaffung, da fie fein Act der Gemüthöftimmung ift, 
gehört nicht hieher. Das richtige fürs chriſtliche Leben find 
bie einzelnen Elemente, nicht Die Art der Auffaffung bes Ver— 
haͤlmiſſes. Dies iſt ein Normalfall für alles ähnliche, und 
alle ſolche Fälle die man ausfchließen möchte, haben dieſe zwei 
Seiten: die foflematifche Combination, und die Elemente bie 
dem chriſtlichen Glauben wefentlich angehören, Auf der an 
beren Seite, biejenigen welche meinen, es gäbe einen fleinen 
Eyflus yon Gegenfländen den man fo oft als möglich vortra= 
gen müffe und wegen Mangel an Zeit anderes ausſchließen: 
diefe wollen nicht zugeben, daß man gewiffe Regionen bes fird- 
lichen Jahres anfehen muß als folhe in denen das feftliche 
des firhlichen Jahres Null wird; denn bas wefentliche das fie 
meinen bezieht fi) auf die Hauptpunfte die in den Feſten ur- 
girt werben. Die religiöfe Rebe verlangt auch Gegenflände 
zu behandeln bie Die Gemeine gemeinfam und religiös bewe- 
gen; was das Leben ſelbſt giebt zu vernachläffigen und fi nur 
an das zu halten was bie hriftlihen Feſte barbieten, iſt ein— 
fang. Der Trieb der Mittheilung und Darftellung, das herr⸗ 
‚ ende im Geiftlichen, verhält fih in feiner Befchränfung zu 
| dem Inhalt der religiöfen Vorſtellungen. Es wirb dabei vor⸗ 
ausgeſezt Daß ber Geiftlihe mit bem Lehrtypus feiner Kirche 
in Vebeteinftimmung fteht, natürlich in ber lebendigen prote= 
Rantifhen Freiheit; indem er in der Gefchichte lebt und bas 
befondere immer aufs allgemeine bezieht: fo muß ihn ber Geift 
feiner Kirche fo durchdrungen haben daß alles was ihn affi- 
eirt ihn religiös affieirtz; niemals wird er glauben fei- 
nem Beruf Genüge geleiftet zu haben, wenn nidt bie 
zotalität feiner Amtsführung aud die Totalität ſei— 
Ber ganzen religiäfen Selbftdarftellung ifl. Wenn bie 





— 200 — — 


chriſtliche Lehre den Schematismus zu folder Totalität aus⸗ 
ſpricht und die Feſte ihn auch in ſich tragen und das gemöhn- 
liche Leben dazukommt, das mehr oder minder afficirt: ſo er⸗ 
giebt ſich, daß nicht nur im ganzen Leben des Geiſtlichen ſon⸗ 
dern fchon im jährlichen Cyklus eine Totalität religiöfer Dar: 
ftellungen gegeben fein muß. Bedenkt man, wie in ber Rede 
feibft eine große Mannigfaltigfeit von Borftellungen möglich 
ift: fo fieht man, wie die Form die Sache ſchon begünftigt, 
und wie bier gar feine Befchränfung flattfinden fann. Es fol 
nichts geben was ben Geiftlihen bewegt, das ihn nicht auch 
religiös bewege; ed darf alfo nur die Religiofität des Inhalts 
ber Form der Vorftelluug eine Grenze beſtimmen. Das fcheint 
fih von felbft zu verfteben, wenn nicht äußere Verhältniſſe un: 
fere Sache verunreinigt hätten. Der Geiftlihe in ber protes 
ftantifhen Kirche, der unter der Bormundfchaft der Regierung 
fteht, wird auch als Diener des Staates angefeben, und fo 
macht man ihm zuweilen Zumuthungen feinen Reden eine ans 
dere als religiöfe Richtung zu geben. (Kubpoffeneinimpfung; 
Gemeinefteuer.) Auch folhe Gegenftände ließen ſich religiös 
anfeben; aber dies will man nicht, fondern verlangt ein Ein- 
geben in die Sade ſelbſt. Auf der anderen Seite geſchieht 
zuweilen das Gegentheil, und die Regierungen mögen nicht daß 
gewiffe Gegenftände auf eine religiöfe Weife behandelt werben, 
fondern hätten biefes Tieber bei Seite geftelt. Dem Geiftlichen 
fallt es anheim alles religiös zu behandeln, wenn es dazu Zeit 
iſt; nie darf er fih aber aus dem rein religiöfen Charakter 
berausreißen laſſen. Eine fohwierige Aufgabe wäre num zu 
beflimmen, wie weit die Grenzen ber Religion gehen und we 
das irreligiöfe anhebt. Sobald ein Gegenfland auf eine an- 
bere als religiöfe Art behandelt wird, fo muß man auch aus 
bem Kreife ber religiöfen Borftellungen, den man ſich gefteflt 
hat, herausgeben. Sobald man 3. B. die Nüzlihfeit einer 
Sache auseinanderfezt und ihre Vortheile behandelt: fo ginge 
dies aus dem religiöfen Charakter heraus; wenn auch eine 
religiöfe Anwendung nachher erfolgte, bie Harmonie wäre doch 


— 27 — 


geſtoͤrt. Einen organifch für fich beftehenden Theil bürfen fie 
nicht bilden, fonbern müſſen immer untergeordnet bleiben. 

Es ift eine vielbefprochene Frage, Wie weit barf ber 
Beiklihe auf der Kanzel polemifiren? und was für 
Grenzen ift die bürgerlihe Gewalt in biefer Hinficht berechtigt 
ihm zu fieffen® Eine jede Erläuterung deſſen was man fi 
angeeignet hat aus dem Gegenſaz, ift polemifh, und fo ift bie 
Polemif ein nothwendiges aber untergeordnetes Element ber 
religiöfen Rede. Dies gilt nicht nur für die Polemif gegen 
die Irreligion, fondern aud gegen bie Antiproteftanten. In— 
dem nun verfchiedene Kirchen in einem Staate zufammen be- 
Reben, hat der Staat bag Recht hier die Mitte zu verlangen. 
Aus dem Intereſſe der Geiftlihen und der Natur der Sache 
muß ung hier ein Kanon entitehen ber das Sintereffe des Staates 
don mit bedacht hat, fo daß der Staat einzufchreiten nicht nö- 
thig hat. Aus dem Marimum folder Derüfffichtigungen einer 
anderen Kirchenpartei entſtehen die Controverspredigten, 
wm die ſich gleich der Staat interefjirt, weil er beide Kirchen- 
parteiem in ſich bat und die bürgerliche Einheit zu erhalten 
frebt, Einzelne Fälle kann es geben wo ber Geiſtliche wün- 
fhen muß das Gefez des Staates in biefer Hinfiht zu über- 
ſchreiten. Ein Gefez in biefer Hinficht ift immer fehr unbe⸗ 
fimmt, e8 verbietet Schmähungen zu vermeiden. Dies ift aber 
fo wenig beſtimmt daß man darunter fi) alles erlauben kann. 
Bir müſſen fuchen aus der Sache felbft etwas feftzuftellen. 
Eigentlihe Eontroverspredigten find völlig unzuläffig, 
weil da wo Die Gemeine nicht gemischt ift unnüz, dba 
wo fie es if ungefellig; fie überfchreiten auch ganz bie 
Grenzen die wir ung geftefft haben, Die Sprache in ber re= 
Iigiöfen Rede beruht auf religiöfen Vorftellungen der Gemeine, 
und um die Anficht der Kirchengemeinfchaft recht zu erläutern, 
fann man freilich den Gegenfaz anderer Kirchenparteien auf- 
flellen, niemals darf aber das Erläuterungsmittel ein felbftän- 
diger Theil ber Rede werben, und dies gefchieht eben in ber 
Controverspredigt. Sobald nur einzelne Gegenfäze zerſtreut aufs 





— 208 — 


gedekkt werden, fo iſt die Predigt Feine controverfe mehr. Die 
technifche Sprache foll aus der religiöfen Nede verbannt fein; will 
man aber gegen eine andere Rirchenpartei freiten: fo fommt 
man ind technifehe hinein, weil der eigentlihe Streit in biefem 
Gebiet verfirt. Die eigentlihen Eontroversprebigten verbieten 
fi) alfo dem Geiftlihen von ſelbſt und mit der Gefesgebung 
fann er bier nie in Streit fommen. Es giebt nun Gebiete 
wo bie Grenzfheide zwifchen ber gewöhnlich religiöfen Mit⸗ 
theilung und der Dogmatifchen wegfällt, und wenn biefe Punfte, 
die grade im Leben großen Antheil finden, der Geiftlihe zur 
Klarheit bringt: fo verlezt er die religiöfe Rede nicht. Giebt 
die Gefezgebung auch in dieſer Hinficht eine Vorſchrift und 
macht fie geltend: fo greift fie in die Rechte ein bie dem Geift- 
Iihen feine Theorie erlaubt, An und für fih iſt aber der 
Fall fehr unwahrſcheinlich. Es kann ein Gefez darüber geben, 
das aber von beiden Seiten oft überfchritten wird fo lange bie 
Sache Intereſſe hat, und gehalten werden wird fobalb bad 
Intereſſe fih gefhwädht bat, Es kann aber auch Fälle geben 
in denen ber Geiftlihe es fehr wünfcht feiner Gemeine ben 
Gegenſaz der Kirchenparteien recht Har auseinanberzufezen. 
Allein demohnerachtet muß man fi nie von den Regeln ber 
religiöfen Rede felbft entfernen, bie in ihrer reinen Theorie 
gegründet find. Sobald die Theorie im ganzen ſich bewährt, 
muß fie aud ihre Anwendung in ben einzelnen Theilen finden. 
Das Uebertreten ber Theorie in biefer Hinfiht geht auch oft 
aus Mißverftändniß hervor, denn der eigentlihe Streit, die 
“ überzeugende Wirkung gehört in ein anderes Gebiet, wo Rede 
und Gegenrede möglid if. Das Marimum, wie es uns bie 
Controversprebigt darftellt, muß der Geiftlihe ſchon aus rein 
innerem Grunde fich nicht erlauben, das Minimum wird ihm 
immer freiftehben und feine ©efezgebung, weder bie politifche 
noch Firchliche, wird ihm bier Einwendungen machen. Was 
nun das betrifft was in der Mitte zwifchen beiden liegt: fo 
fteht feft daß die Aufftellung des Gegenfazes immer nur un« 
tergeorbnnet und beifpielsweife if, unb daß das eigentliche DRo= 


— — 


— 200 — 


ment ber religiöſen Rede iſt, Das gemeinſame religiöfe Gefühl 
der Kirchengemeinſchaft aufzuftellen. Das Maaß wird bier 
befimmt burch den Gegenftand und burd die Iocalen und tem- 
porären Verhältniſſe, die fehr verfchieden find; was einmal an 
einem Orte vortrefflich fein kann, ift anderswo und ein ander⸗ 
mal ganz verwerflih, Es fiheint fonady als ob Die ganze 
Sache nicht fo ſchwierig fei als fie anfangs feheint, und als 
fönnte die politifhe Gewalt dem Geiftlichen Feine Grenzen ftef- 
en die er zu überfchreiten wuͤnſchte. Was er gegen bie Ge- 
ſezgebung fünbigt, ift entweder auch Verſtoß in feiner Theorie 
ſelbſt, oder ift etwas das bie Gefezgebung felbft muß burd- 
sehen laſſen. Wenn der Geifllihe hier das Geſez überfchrei- 
tet: fo Tiegt gewöhnlich der Mißverſtand zum Grunde, baß er 
durch die religiöfe Rebe etwas erreichen will bad er auf an 
derem Wege erreichen folltee Seine Wirkſamkeit als Seel- 
orger und Kleriker Tann hier eintreten und feine Kirchenge- 
meinſchaft fchüzen und die einzelnen Mitglieder vor Profelytis- 
mus bewahren. Die religiöfe Rede fol überhaupt nicht Mit- 
tel fein, und ihr Zweff ift nur den Geift der eigenen Kirche 
lebendig zu erhalten. 

Ein Gebiet giebt es noch hier, das auf der Grenze Tiegt 
und über welches es nüzlich fein Fönnte einiges zu fagen, Das 
Rnämlih die Anwendung ber Politik auf der Kanzel. 
Es wird oft von Staatswegen dem Geiftlihen befohlen ein 
politifhes Element in die Rede zu bringen, 3. B. wenn er eine 
Siegespredigt halten fol. Das Marimum ift bier bie 
Predigt mit Zeitungsnachrichten voll zu pfropfen, und bag Mi» 
nimum, bie Sache zu erwähnen und fogleich ins religiöfe Ge— 
biet überzutragen. Es ift nur dem Geiftlihen möglih bie 
Sache fo zu behandeln daß er bie Theorie nicht verlest. Das 
politifche ift etwas fremdartiges und muß eine untergeorbnete 
Stelle in der Rede einnehmen und fann als Beranlaffung zu 
einer anderweitigen Betrachtung angefehen werden. Es fann 
aber auch Umſtände geben in benen ber Geiftlihe bewogen 
wird das Intereſſe das bie Gemeine bewegt und grade ein 

Srattifge Theolegie. I. 14 


4 


— 210 — 


politifches iſt, barzuftellen in bem Zwekk es religiös zu ſtim⸗ 
men. Es fragt fih nun, ob dies geſchehen kann ohne die auf- 
geftefften Grenzen zu überfchreiten. Es giebt in dem politi- 
fhen äußere und innere Verhältniſſe, beide fünnen ein allge- 
meines Intereſſe gewinnen, fo daß der Geifllihe es für nöthig 
findet fie auf die Kanzel zu bringen. Bei Bebrüffungen, Un- 
glüff, können viele ſich dahin neigen ſich loszufagen vom Staats⸗ 
förper dem fie angehören, und ſich an bie mächtigen Bebrüffer 
zu halten oder ihnen zu fhmeicheln. Das verlezt die Gefin- 
nung, die Treue welche die Religion erhalten fol, und indem 
der Staat ihr darin vertraut, muß fie diefes Vertrauen redht- 
fertigen, und ein Bedürfniß finden in diefem Punkt die reli- 
giöfe Darftellung hervortreten zu laſſen. Das Uebel felbft hat 
immer feinen Siz außerhalb bes Gebietes der religiöfen Rebe; 
es darf nun nichts in das technifche Gebiet eined anderen Ge- 
genftandes hinübergehen, und die fremden unvermeiblichen Vor⸗ 
ftellungen müffen auf untergeordnete Weife auftreten. Dies 
gilt für die politifhen Mängel wie für die Laſter und Fehler 
der einzelnen in der Gemeine. Es wird nicht gelingen, wenn 
eine große Leichtigkeit fehlt das politifche in religiöfer Beie- 
hung binzuftellen ohne fih in ein Politifiren einzulaffen, das 
außerhalb der religiöfen Rede fallen würde und ihren Charak—⸗ 
ter verläugnen. Es läßt ſich nicht fagen, daß die Verpflid- 
tung des Geiftlihen bier fo groß ift um bie Webertretung ber 
Regel zu rechtfertigen. In der Ausführung ift es auch nicht 
fhwer dem zu genügen, wenn nur der Geiftliche religiös durch⸗ 
drungen ift und nicht fein eigenes politifches Intereſſe mitreden 
laͤßt. Schwieriger geftaltet fih Died bei politifhen Unruhen 
im Staat, Das bewegt alle Glieder bes Staates aufs leben⸗ 
digſte, und es fcheint faft unmöglich daß ſich der Geiftliche follte 
entbrehen Fönnen auch die zum Gegenftande der religiöfen 
Rede zu machen, Freilich ftellen einige Geiftlihe felbft die 
Marime auf, der Geiftlihe folle fih nicht in Politif milden; 
oft ftellt au der Staat das auf, vergeffend daß er ſelbſt bei 
außeren Gelegenheiten es dem Geiftlihen zur Pflicht auferlegt 


— 2111 — 


bat. Berbieten kann der Staat dies nicht, denn ber Geift- 
Iiheftellt ja nichts politifches auf, fondern faßt nur 
bie Politik religiös auf. Die andere Maxime hat auch 
ihr Recht in fo fern der Geiftlihe in den Grenzen feines Am- 
teö feine politifhe Rolle fpielen fol. So weit läßt fich Diefe 
aber nicht ausdehnen, daß er das politifhe gar nicht berühren 
mäfle; denn alsbann würbe er bei politifchen Unruhen das ge= 
meinfame Gebiet feiner Zuhörer ganz vernadhläffigen und zwekk⸗ 
wibrig handeln, indem alles andere dem Zuhörer dann gleich“ 
gültig if; er müßte dann überhaupt auf feine Bewegung ber 
Gemeine Rüfffiht nehmen, und es koͤnnten im chriftlichen Cul— 
ind die Zuhörer nicht die Befriedigung finden welde fie fuchen. 
Dazu fommt daß bei diefen Zuftänden bie Gewiſſen am leich- 
teten verwirrt werden und eine Öffentliche Belehrung am nö- 
thigſten iſt; es wäre daher unverantwortlich es nicht zu thun. 
Deshalb ift Diefe Marime nicht weiter auszubehnen. Woher 
findet fie aber fo viel Eingang? Auf der einen Seite hat fie 
ihren Grund in der Feigberzigfeit und Engherzigfeit, auf ber 
andern in der Ungefchidtheit einer Aufgabe von ber man wohl 
fühlt dag man fie fih machen muß, ohne anzuftoßen Genüge 
zu leiten. Das erfte gehört nicht in unfere Betrachtung; was 
dag zweite betrifft fo wird oft Die rechte Methode bei Behand- 
lung dieſer Gegenftände verfehlt, fo daß das Bewußtſein im 
Zuhörer entiteht, Died wäre mehr eine politifche als eine reli- 
giöfe Rede. Aber der Mißbrauch kann die Verpflichtung nicht 
aufheben. Wenn die Abficht des Geiftlihen darauf gerichtet 
iR, der politifchen Bewegung den irreligiöfen Charakter zu neb- 
men, und den Weg zu zeigen wie bas bürgerliche Intereſſe 
ein religiöfes werbe: fo wird feine Rebe immer eine religiöfe 
fein, und er wird von felbft unfern aufgeftellten Kanon nicht 
verlaſſen. Er wird religiöfe Marimen aufftellen zu benen fi 
das politifche nur beifpielsweife gefellt, er wird jede Partei 
vor dem irreligiöfen das ihr am leichteften begegnen kann war- 
nen, und feine Rede wird dann auch bie politifche Einfeitigkeit 
nicht an ſich tragen; ſobald er aber fih hüten will vor ber 
14* 


— 212 — 


Beſchuldigung auf ber Kanzel politifirt zu haben: fo ift er von 
diefer Seite verloren. Ein Urtheil, das dem Geiftlihen vor— 
fchweben fönnte um darauf Rüfffiht zu nehmen, fönnen nur 
feine Runftgenoffen fällen; der Staat fann nicht darüber ur= 
theilen. Was das Gefühl betrifft von Geiten der Zuhörer: 
fo werden die leidenfchaftlihen Parteigänger nie für feine re= 
ligiöſe Anficht empfänglih fein. So ift es aber mit allen Feh— 
fern bie der Geiftlihe befämpft; die fich getroffen fühlen, wer- 
den nicht beiftimmen. Er muß aber die politifchen Fehler eben 
fo gut behandeln wie andere Fehler auf dem fittlihen Gebiet, 
und befonders hier feine Ungelegenbeit ſcheuen, fondern fein 
Gewiffen reden laffen. Wie anderes Fehlerhafte fo bat er 
auch dies zu behandeln in den vorher aufgeftellten Grenzen. 
Der Eultus muß eine Beziehung auf den Typus der hrifl- 
lihen Frömmigkeit haben, der fih an beftimmte Punfte ber 
Erlöfung anſchließt. Die zweite Aufgabe aber ift das Verhält- 
niß des Eultus zum gefhichtlihen Leben der Gemeine. Dieſe 
beiden Aufgaben beziehen fi) gegenfeitig auf einander; herrſcht 
dag momentane Intereſſe vor in der Gemeine: fo ift das Be⸗ 
dürfnig der erfieren Aufgabe da, im umgefehrten Fall der lez⸗ 
teren. Doch beides ift fehr fchmanfend und unbeflimmt. Es 
giebt viele Gemeinen bie durchaus gewiſſe Punkte im Cultus 
wollen berausgehoben wiflen, und verheimlihen das wag ihnen 
im Leben vorliegt, d. 5. fie trennen irriger Weife das geifl- 
fihe und weltliche, während bag erftere an bag zweite anfnüpfen 
follte und einwirken. Es fragt fih alfo, Sol der Geiftliche 
fih rein daran halten was in ber Gemeine ifl? oder foll er 
fie aus ihrem unvollfommenen Zuftande berausbringen? Eine 
allgemeine Formel laͤßt fih nicht aufftellen, und die Hauptauf- 
gabe ift die, beides zu verbinden, einmal fih in bie Gemeine 
einzuleben und fih Einfluß bei ihr zu verfchaffen, anbererfeite 
fie dahin zu führen, wohin er fie führen will, Stellt man ih 
auf die Gewohnheit der Gemeine allein: fo ift dies null und 
nichtig, wenn es nicht mit obiger Abſicht verbunden iſt. Aber 
ebenfo wenn der Geiftlihe von allem herkömmlichen abfieht: 


— 13 — 


fo erreicht er feinen Zwekk nicht, weil er fich nicht vorher mit 
ber Öemeine einlebt. Diefe zwei Momente müffen alfo immer 
verbunden werben; das erſte ift der Zeit nach das erfte, dag 
zweite if ber Bedeutung nach das wichtigere. Wenn die Ge— 
meine in Gewohnheit immer mehr erftarrt, oder auf ber an- 
deren Seite das Verhältniß des Geiftlihen zur Gemeine im- 
mer lofer wird: fo Liegt in beiden Fällen ein verfehrtes Be- 
nehmen des Geiftlihen zu Grunde. Es fommt auf den Zu- 
Rand der Gemeine an, was jeder einzelne Geiflliche zu thun 
hat; er muß ihre Frömmigfeit fefthalten an dem chriftlichen 
Urbild der Gemeine, andererfeits muß er ihre Frömmigkeit in 
Verhaͤlmiß bringen zu dem was ihr äußeres Leben bewegt. 
Das weſentliche in ber religiöfen Rede ift alfo eine Mit- 
teilung des religiöfen Bewußtfeins, die die Verſammlung leicht 
auffaffen kann, und die in einer folchen Region fich bewegt, 
daß die Hörer geneigt find fie aufzufaffen. Nur unter biefen 
beiden Bedingungen erreicht fie ihren Zwekk. Behandeln wir 
fe als Theil des Eultus; fo müflen wir fie auch nad ihrem 
3eitmaag befiimmen. Das Maaß ift ein relatives und 
ein abjolutes. Das abfolute Maaß der Rede liegt in ber 
Saffungsfraft der Gemeine, das relative in dem Berhältnig 
diefes Elementes zu ben andern. Erfteres ift ſchon vag und 
verichieben, abhängig von der Gewöhnung an dieſe Form auf 


anderen Gebieten, ift aber fähig einer Erhöhung und Herab- 


fimmung je nach dem Intereſſe das man an der Sache nimmt. 
In Spland ift man an fehr lange Predigten gewöhnt ohne 
fonfiige Gewohnheit der öffentlichen Reden, nur nad dem In— 
tereſſe und der beflimmten. Art und Weife des Zuſammenſeins; 
 D. fie nehmen bie Bibel mit, fehlagen die Stellen ber Pre= 
digt auf und können fo länger aushalten. Allein dies iſt zu- 
fällig. Abfolut können wir darüber nichts feflfezen, fondern 
nur relativ, und auch dies ift verfchieden., Wenn in einer be— 
fimmten Zeit mehrere Gottesdienfte auf einander folgen in ei= 
ner Kirche: fo begrenzt dies bie religiöfe Rebe von felbft, wie 
bie andern Elemente, Anderswo ift der Geiftlihe genoͤthigt 


— 2114 — 


ein beflimmtes Maaß zu halten weil er zu beflimmier Zeit an 
einem anderen Drte auftreten muß. Wie fünnen wir nad) ei= 
nem durchfchnittlichen Verhäliniß die Capacität ber Gemeine 
für eine zufammenhängende Rede beftimmen? Die Meinungen 
gehen nicht fehr auseinander; eine Stunde wird fhon für zu 
ang erfannt, eine halbe Stunde aber ift zu wenig und fällt 
auf Rechnung bes Geiftlihen. Natürlich kann ber Geiftliche 
durch die Einrichtung feiner Rede den guten Willen und Die 
intelectuelle Capacität fehr fleigern. Hätten wir ein beſtimm⸗ 
tes Zeitmaaß für den fonntäglichen Sottesdienft: fo würde das 
Maag der Rebe dur das der übrigen Theile beſtimmt. Nun 
ift aber biefes Gefammtmaaß des Gottesdienſtes nicht beſtimmt, 
fondern in verfehiedenen Gegenden iſt es verſchieden und ebenfo 
das Verhaͤlmiß der Theile. Worauf beruhen diefe Maaß- 
differenzen? Wir flellen zwei ganz verfchiebene Geſichtspunkte 
auf. 1) Jedes Element übt eine eigenthümliche Wirfung aug, 
darum muß der Theil am meiften hervorgehoben werben wel- 
den die Gemeine am nöthigften hat. 2) Was die Genteinen 
am beften verfiehen, muß am meiften hervortreten, und das 
fhwierigere muß zurüffftieben. Aber das fehwierige kann grade 
das nothwendige fein, und umgefehrt, und fo entſtände ein 
Conflict. Meffen wir ben Gefang nad der Nothwendigfeit: 
fo muß er da am Tängften bauern wo es am nothiwendigften 
ift das Bewußtfein der Gemeinfchaft zu erregen. Es läßt fi 
nachweiſen daß fih danach auch die Sache geftaltet hat. In 
allen Gegenden der evangelifchen Kirche wo es an der Orga⸗ 
nifation ber Gemeine fehlt, finden wir die größten Gefange- 
maſſen; wo fi aber eine lebendige Gemeineverfaffung findet, 
ba wird in ber Regel weniger lang gefungen, Früher war 
bier ein charakteriſtiſcher Unterfchieb, indem die reformirten Ge- 
meinen eine Gemeineverfaffung hatten, die Lutheraner nicht. 
Darum fangen Ieztere viel länger als bie erſteren. Dies über 
bie Nothwendigfeit. Nun bie Leichtigkeit oder Schwierigfeit 
ber Auffaffung. Bei ber Predigt haben wir eine große Dif- 
ferenz vorauszuſezen: frembe Gebanfen in einem größeren Com- 


— 215 — 


plerus aufzunehmen, dazu gehört eine Gewöhnung im Lebens 
wo in feiner anderen Beziehung öffentlid) geredet wird und 
wenig gelefen, da Fann auch die Auffaffungsfraft für bie reli— 
giöfe Rede nur fehr gering fein. Indeß die Uebung im Lefen 
it von weniger Bedeutung als die im Hören oder Neben, ba 
ih dort wieder anfangen fann, wenn ich mich zerftreut habe. 
Wo alfo die wenigfte literariſche Bildung ift und die wenigfte 
Gewöhnung an Neben im öffentlihen Verkehr, da ift bie 
Schwierigkeit der Auffaffung für die religiöfe Rede am größ- 
ten, und fo fteigt es in langer Linie aufwärts. Die Rebe felbit 
fann allerdings aud) populärer fein und unpopulärer, und wenn 
fie jenes iſt, Darf fie auch länger fein. Wäre Belehrung Zwekk 
ber religiöfen Rede: fo müßte diefe da am längſten fein wo 
Belehrung am nöthigften wäre; dba aber die Erbauung Zwekk 
des Gottesdienſtes ift: fo ftellt fih die Sache etwas anders, 
Wenn ich aber erbauen will: fo muß ich mir doch auch durch 
Belehrung den Weg bahnen, und fo entfteht auch die Noth- 
wendigfeit ber Belehrung, und die Sache bleibt dieſelbe. Diefe 
Nothwendigkeit der Belehrung ift natürlich audh am größten 
wo die Kiterarifche Bildung und die Gewöhnung an öffentlie 
Reden am niedrigften ſtehen. Dies ſcheint alfo einen Gegen- 
ſaz zu bilden zu obigem. Der Gefang fehmiegt ſich der ſchwie— 
rigeren Auffaffung an: durch das Tangfame Fortichreiten Tann 
der Gedanke mit Muße fich innerlich bewegen, und es können 
Zwifhengebanfen eintreten; bei ber religiöfen Rede nicht. Auch 
in ber Rede wird das bildlihe beffer gefaßt als das abftracte; 
mn bemegt ſich der Gefang ja eben in Bildern, die Rebe weit 
mehr in Kormeln. Auf diefer Bildungsftufe ift alfo eine grd- 
here Wirkfamfeit des Gefanges, im entgegengefezten Ball ber 
Rede; und im erfteren Fall ift ber Gefang länger, im ents 
gegengefezten die Rede. Das Berhältniß zu den anderen Ele- 
menten Täßt ſich alfo nicht beflimmt ausfprechen. Es giebt Ge- 
meinen bie viel Neigung zum Gefang haben und lieber eine 
Heine Predigt, und umgekehrt. Iſt das ein Punkt wo ber 
Geiftfihe der Gemeine nachgeben muß, ober foll er auf biefe 





— 2116 — 


Richtung bes Geſchmakkes einwirfen? Der Geiſtliche muß ſich 
immer zwiefach betrachten, als Glied der Gemeine und ale 
Leiter bes Cultus. Im erften Sal bat er nur feinen beftimm- 
ten Theil am allgemeinen Urtheil, und er kann nicht anneb- 
men, daß bei jedem Gemeinegliebe der Geſchmakk auf ein Ur- 
theil fich gründet. Findet er nach feinem Urtheil das bisherige 
Verhältniß in der Gemeine nachtheilig, fo muß er auf Ber- 
änderung wirken, aber nur dadurch, daß er fi zuerſt mit fei- 
ner Gemeine einlebt und erfi dann bie leitende Thätigfeit an⸗ 
fängt. Hat eine Gemeine noch fehr wenig Caparität für Die 
Rede und hat der Geiftlihe das Mittel zur Abhülfe noch nicht 
gefunden: fo Ffann er das Marimum der Erbauung nur in ei- 
nem Uebergewicht des Gefanges finden. Diefe Borliebe für 
ben Gefang ift aber oft nur ganz äußerlich und geht nicht auf 
ben Gehalt ein; in biefem Kal muß ber Geiftliche dem Lebel- 
fand abhelfen durch Erhöhung des Interefles an der Rede, 
Wie ift das Verhältniß des Maaßes der Rede zum Titurgifchen 
Elemente? Denken wir uns das Titurgifhe Element zurüff- 
gedrängt auf ein geringes Maaß, und ben Befang zuerft in 
Beziehung auf das Titurgifche Element, dann auf bie Predigt, 
und endlich als Schluß: fo wird fo ziemlich die religiöfe Rede 
bie Hälfte des Gottesdienftes ausmachen; iſt das Titurgifche 
Clement ftärfer: fo ift fie mehr eingefchränft. 

Die beftehende Form der religiöfen Rede müffen wir ung 
als zufällig denfen, dann wird ſich ergeben, was wefentlich und 
unmwefentlih if. Dabei müffen wir auf den Begriff ber 
religiöfen Rede zurüffgehen. Sie ift eine zufammenhän- 
gende Folge von Gedanken; der Zweff zu dem fie aufgeftellt 
wird, ift fein anderer als bag veligiöfe Bewußtfein der anwe⸗ 
fenden zu beleben, fo wie wir ſchon früher gefagt haben, bie 
ganze Anftalt des Eultus fer eine Anftalt für die Girculation 
bes religiöfen Bewußtſeins. Daß nun bier die Belehrung al- 
lerdingse auch ein Moment bildet, ift natürlich nicht zu Täug- 
nen, aber nur ein untergeorbnetes. Die Hauptfache bleibt im⸗ 
mer bie Belebung bes religiöfen Bewußtfeins, die Erbauung. 


— 217 — 


Allein wenn wir nun fragen, Was fann um biefe zu bewirken, 
außer ber Klarheit und richtigen Methode in ber Darftellung 
ber einzelnen Gedanken in fo fern fie Reflerionen des Selbft- 
bewußtfeind find, gefchehen um ben Zufammenhang zwifchen 
ver Borftellung und der lebendigen Thätigfeit zu vermitteln: fo 
werben wir fagen müflen, baß ein frembartiged Motiv den 
Zweit zerflören würde; jede Einwirkung die auf ber Kraft 
ſimlicher Momente beruht, würbe offenbar dem Zwekke entge- 
gen fein. Das führt wol darauf, als auf den erſten wictig- 
ken Kanon in biefer Beziehung, daß die Kraft Dazu in ber 
Sorfiellung felbf liegen muß, und nichts anderes nöthig 
fei als nur die religiöfe Mittheilung der religiöfen Vorftellung, 
fo wie fie im mittheilenden felbft im Tebendigen Zufammenhang 
mit der Thätigkeit ſtehe; daß alfo Der Zweff nicht Die bloße 
Nittheilung bes Inhaltes if, aber Doch ber Zwekk 
erreiht werden fann dadurch daß fie ihren Inhalt 
auch rein und lauter mittheilt. *) Es ift nun ber in- 
nee Zuſammenhang poftulirt, und biefer iſt die eigentliche 
Einheit der Rede, d. h. wenn wir und die Gedanfen ber 
Rede vereinzelt denken: fo muß unter ihnen eine natürliche 
Verbindung flattfinden, vermöge deren fid) das ganze als Ein- 
peit darſtellt. Die natürliche Folge davon ift die, daß fo wie 
bie Zuhörer durch ben ganzen Act des Eultus in den Zuftand 
ber Aufregung gefezt werden, wenn das ganze gefchloffen ift 
fie fih im Zuftande der Befriedigung befinden. Wenn eine 
Menge Borftellungen erregt werben ohne Zufammenhang, fo 
koönnte folche Befriedigung nicht entſtehen. Se mehr man bie 
Gebanfen vereinzelt, defto weniger ift ein Grund, warum man 
aufhört; zeigt fi) aber das vorgetragene als abgefchloffenes 
Banze: fo ift die Befriedigung das Ziel der Aufregung. Hier- 
aus ſcheint als Folge hervorzugehen, daß bie Zuhörer vorher 
von dieſer Einheit der Rebe unterrichtet werben müffen, damit 
ihre Aufmerffamfeit auf den Zufammenhang gerichtet werde. 


) S. Beilage B. 31. 


— 218 — 


Wenn wir aber die Sache genauer anfehen: fo wirb die Folge 
nicht ganz ftreng anzunehmen fein. Dad wahre und wefeni- 
lihe ift, daß fich eine Vorftelung der Grenze bilden, daß bie 
Einheit daſein muß; aber feinesweges folgt daß fie im An- 
fang oder anderswo bingeftellt werben müſſe. Die weitere 
Anwendung werben wir erft an einem andern Drte verfolgen. 
Wir betrachten hier die Einheit nur als eine innere, als ein 
Dewußtfein des rebenden, das fih aber dem Zuhörer wieder 
mittheilen fol. Wenn wir nun fragen, Wodurch wirb dieſes 
eigentlih erreicht: fo ift nah Maaßgabe der Duantität eine 
Anzahl von Stellungen von Gedanken moͤglich; und fragen wir, 
ob durdy jede Stellung biefer Zwekk wirb erreicht werben: fo 
wird jeder Died verneinen. Es wird eine Menge von Arten 
geben das Material zufammenzutragen, woburd ber Zweit 
nicht erreicht wird; nur eine geringe Anzahl unter biefen ver- 
fhiedenen Anordnungen wird e8 geben woburd der Zufam- 
menhang des Ganzen mit dem Bewußtfein des einzelnen XThei- 
les zugleich fih bildet, und es ift alfo bie Anordnung 
des Stoffes, die Dispofition, woburd biefes Ziel er— 
reiht wird, 

Diefer nämliche Gegenſtand ift aber noch von einer an⸗ 
beren Seite zu betrachten. Hier habe ich bie jezt bloß darauf 
gefehen, worin ber religiöfe Vortrag mit jebem analogen voll- 
fommen gleich fi) verhält, daß eine Erwartung hervorgebracht 
wird und biefe vollfommene Befriedigung finden muß. Aber 
nun haben wir biefelbe Betrachtung in Beziehung auf ben re- 
ligiöfen Bortrag, daß duch das Bernehmen der Rebe bag 
religiöfe Bewußtſein belebt werden fol. Wenn ih noch nöthig 
babe mich über diefen Ausdruff zu erflären: fo werbe ich auf 
zwei Punkte befonders binführen. Erſtens auf den Zuſammen⸗ 
bang zwifhen den einzelnen Borftellungen, bie nur Ausbruff 
bes Bewußtſeins nach einer Seite hin find, und dem religiö- 
fen Bewußtfein im ganzen. So wenn bie Zuhörer nit Die 
fefte Ueberzeugung befommen, daß diefer Gegenftanb nur durch 
bie rechte evangelifhe Anficht in Uebereinſtimmung mit allen 


L) 


— 219 — 


andern fei: fo fehlt bie rechte Tebendigfeit. Das zweite ift ber 
Iufammenhang einer religiöfen Gemüthsbewegung mit ber Lei- 
tung des Willens, Es foll durch die Auffaffung zugleich eine 
Bewegung entſtehen; nicht eine einzelne und beftimmte, fo wie 
eö bei den Alten war, die auf die Feſtſezung eines Beſchluſſes 
ausgehen, denn das ift bier nicht der Fall: fondern eine Be— 
wegung im allgemeinen Sinn des Zufammenhanges bes Den- 
fend mit ber Iebendigen Thätigfeit überhaupt, wovon man frei- 
lich niht weiß wieviel fie hernach wirken wird, aber dieſe Be- 
lebung Fehrt in gewiſſen Zeiten wieder. Wenn eine religiöfe 
Rede fowie fie zu Ende ift den Eindruff eines wohlgeordneten 
Sanzen macht: fo ift dies allerdings ein wohlgefälliger Ein- 
bruft, unb es entſteht daraus eine gewiſſe Leichtigfeit das ganze 
gegenwärtig zu haben, welche Gegenwärtigfeit aber verfchwin- 
bet wenn andere Elemente bazwifchen treten. Aber wir wollen 
benfen daß nichts dazwiſchen tritt, und nun den Fall fezen, bag 
religiöfe Bewußtſein ift nicht belebt; fragen wir nun, Wird je- 
ser Eindruff dauern? und wird eine Folge für bag religidfe 
Leben entfiehen? fo muß ich beides verneinen. Der Eindruff 
wird allerdings dauern in fo fern ed eine Rebe gewefen, aber 
nicht ald ein religiöſer. Gebt ber Zuhörer darauf zurüff, daß 
das Ganze ein religiöfer Act fein fol: fo geht die Befriedi- 


gung verloren. Daher wird der Eindruff als ein in Bezie- 


hung auf bie urfprüngliche Tendenz des Zuhörers leeres und 
gehaltiofed bald verſchwinden. Umpgefehrt wenn wir benfen, 
das religiöſe Bewußtfein ift durch bas einzelne wol belebt, 
aber es if Fein Zufammenbang bes Ganzen: fo ift dem Zu=- 
hörer fein Eindruff der Berhältniffe geworben, und fo ift der 
Eindruff ein verworrener, und dieſer ift allemal ein kraftloſer, 
und der Erbauungseffect des ganzen hebt fih auf. Was ift 
die unmittelbare Folge die wir hieraus ziehen können? Wir 
haben zwei mit einander zu vereinigende Aufgaben. Wir find 
ung nicht bewußt daß fie beide gleichmäßig durch daſſelbe Ver— 
führen werden zu erreichen fein. Daraus folgt daß es zwei 
Arten geben muß, die eine in Rüffficht der andern untergeorb- 





_ 20 — 


net. Stellt fih eine Anordnung dar, von ber man gewiß if, 
fie wird den einen Effect erreihen: fo muß man die andere 
Frage auch zum Vortrag bringen und die Aufgabe ftellen, diefe 
muß fo erreicht werben daß die andere auch erreicht wird. 

*2) Die ganze Theorie ber religiöfen Rebe Fönnen wir 
von einer doppelten Seite anſehen. Sie ift eine objective; 
fragen wir danach, Wie muß das Kunftwerf befchaffen fein? 
dann ift fie die Idealität der ganzen Production. Wenn aber 
gefragt wird, Was hat man zu thun bie Production biefer 
aufgeftellten Idee fo nahe zu bringen wie möglih? fo hat man 
bie fubjective Seite. Beide haben eine beftändige Bezie⸗ 
bung auf einander; allerdings Tiegt das objective überall zum 
Grunde, das fubjective ift aber vom objectiven verfchieden. Es 
fann einer die Einfiht haben, wie eine religiöfe Rede befchaf- 
fen fein muß, eine jede Rede fehr richtig beurtbeilen, ohne daß 
er die Fertigfeit hat fo zu produciren dag auch nad feinem 
Urtheil die Production gelingt, So fann einer alles baben 
um trefflih zu prodbuciren; wenn er aber einen falfchen Ge: 
ihmaff bat, fo wird ihm jene Tüchtigfeit durchaus nichts hel⸗ 
fen. Keine Seite mag der anderen entbehren. In Beziehung 
auf die abgefchloffene Totalität der religiöfen Rebe zerfällt die 
Darftellung auf folhe Weile, dag wir 1) zu betrachten haben 
die innere Einheit aus der das ganze hervorgeht, in ber 
alles mannigfaltige feinen Grund bat; 2) das Schema ber 
ganzen Anordnung, in welhem die Grundzüge ber Gebanfen 
liegen die zufammengeftellt werden follen, und aud des Tones 
welchen das ganze haben fol. Das ift nicht mehr die Einheit, 
auch nicht die Mannigfaltigfeit, nur das Grundverhältnig Des 
mannigfaltigen zur Einheit, bie Dispofition; 3) dad man- 
nigfaltige felbft, Die weitere organifche Ausbildung des einzel: 
nen von der inneren Einheit aus in Gemäßheit mit jenem 
Grundriß, die Erfindung; 4) endlich das was fih auf bie 
Sprade bezieht, die Bearbeitung ber Sprade, bie fih nur 


) S. Beilage A. 32. 


— 221 — 


aus der Beziehung auf das Weſen der Sprache und ber Dar⸗ 
ſtellung conftruiren läßt, ber Ausdrukk. So haben wir nun 
bie Rede vollſtändig, aber nur als eine innerliche in bem re— 
dbenden; fie folk aber heraustreten, und fo fommt noch der 
Bortrag hinzu. Diefe zufammen find die Erforberniffe der 
Rede, die Hauptpunfte über bie Regeln gegeben werden follen. 
Diefe verfhiedenen Hauptiheile, aus denen fuccefiive die leben— 
dige Anficht des ganzen entiteht, flehen in einem beftimmt ver- 
ſchiedenen Verhältniß zu den beiden Hauptgefichtöpunften ber 
ganzen Theorie, dem objectiven und fubjectiven. Die Einheit 
iR offenbar etwas rein fubjectives, ein Moment in dem pro— 
dueirenden, das feflgehalten wird und aus dem ſich das ganze 
hernach entwiffelt. Was läßt fi objectiv darüber fagen, wie 
jolde Einheit der religiöfen Rebe fein fol? Nur etwas ne— 
gatives, die Sphäre feftfegen innerhalb welder die Einheit lie— 
gen muß. Es ift unmöglich daß die religiöfe Rede etwas gu— 
tes werden fönne, wenn nicht einerfeits die Einheit von einem 
tein religiöfen Gehalt if, und nicht ein vollfommen klares Be— 
wußtfein andererfeits. Iſt nun das erfte nicht: fo wird nicht 
die Mannigfaltigfeit aus der Cinheit fih entwiffeln fünnen, 
mad das fremdartige im Lebensmoment verräth. ft das Mo— 
ment nicht zum klaren Bewußtfein geworben ehe die Produc- 
fion anging: fo ift unmöglich daß der zweite Punkt, der Grund⸗ 
riß des ganzen etwas gutes und ganzes fein kann; aber wei- 
ker als diefe negative Beſtimmung wird fich objectiv nichts feft- 
jegen laſſen und bann fängt das ſubjective an. Sagen wir, 
der Redner muß bei Beflimmung der Einheit auf die Capaci— 
tät feiner Gemeine Rüffficht nehmen: fo liegt ed nur auf der 
ſubjectiven Seite der Theorie und alles poſitive geht von bie- 
fer aus, Wogegen wenn wir von bem entgegengefezten Ende 
anfangen, von der Behandlung der Sprache, das objective bie 
Oberhand hatz und wie in dem einen Endpunft das Weberge- 
wiht bes fubjectiven, in dem andern das bes objectiven iſt: 
jo wird in Dem mittleren, in ber Dispofition, das Gleichgewicht 
bes objestipen und ſubjectiven feinen Ort haben, 


— m — 


1. Bon der Einheit der religiöſen Rede.) 


Alle Beziehung auf das mannigfaltige fchließen wir vor ber 
Hand aus. Objectiv ift nun die Einheit der religiöfen Rede 
das wodurd alles einzelne in ihr grade zu dieſem Ganzen 
verbunden ift und grade fo und nicht anders zufammengeftellt; 
denn es ift offenbar, bleiben wir bei der allgemeinen Betrad- 
tung ftehben, dag man aus derfelben Maffe von einzelnen Ge: 
danfen etwas ganz verſchiedenes machen kann. Das einzelne 
bleibt daffelbe, das ganze wird ein verſchiedenes, nur weil bie 
Einheit eine andere if. Sie ift alfo dasjenige woburd aus 
dem mannigfaltigen dies und Fein anderes Ganzes bedingt if. 
Sehen wir fie fubjectiv an: fo ift fie der innerfte Keim ber 
felbfithätigen Productivität aus dem dies ganze wird, und alles 
folgende entwiffelt fih aus dieſem einzelnen Punkt, und mas 
in diefem Moment nicht gegründet ift, ift frembdartig und flört 
die Bollfommenheit des ganzen. Wir find ſchon darüber eins 
geworben, daß bie religiöfe Darftelung im Eultus überhaupt 
nicht ein Gefhäft it wodurd ein beflimmter Erfolg erreicht 
werben foll, fondern eine reine Darftelung. Das Belehren if 
ein Gefhäftz wenn das Belehren das Wefen der religiöfen 
Rede wäre, fo könnte fie in ihrer Totalität nur die Entwift- 
lung eines Begriffes fein, und die Einheit der Rede ber 
Begriff felber, das mannigfaltige die Auseinanderlegung deſ⸗ 
jelben. Wenn das Belehren nicht Wefen des Cultus überhaupt 
ift, fo wird nicht die Einheit der religidfen Rede ob- 
jectio angefehen ein Begriff fein. Das wird fih auch Teicht 
zeigen laffen. Wenn man einen Begriff als Einheit der Rebe 
nimmt, und etwa von ber dhriftlihen Bruderliebe handelt: fe 
würde ich zuerfi nach den Prädicaten fragen die im Subjecte 
liegen fönnten; darauf würde die Rede ausmitteln was zur 
hriftlihen Bruderliebe gehört oder nicht, ausfchließend auf ber 
einen Seite und anfüllend auf der anderen. Das wäre ein 


) ©. Beilagen A. 33. B. 32 — 34, 


— 23 — 


solländiger Lehrgang, und alsdann würbe bie religiöfe Rebe 
nur eine belehrende fein Fönnen, und alfo eine Abhandlung zu 
Stande fommen. Wenn ich dagegen fage, Ich will ben Be- 
griff der chriſtlichen Wohlthätigfeit zum Grunde legen, die doch 
nichts anderes ift als eine Handlungsweiſe; ich frage alfo nad 
dem Subject worin dieſe ift, und nad den Bedingungen: da 
nehme ich ſchon einen ganz anderen Gang, ber Begriff wirb 
gleih ans dem Gebiet des abftracten herausgefpielt. Die Be— 
griffsentwifflung gehört in ben Religionsunterridit und wirb 
vorausgefezt. Das ift die erfie negative Beſtimmung welde 
eine religiöfe Rede angehen Tann, Das ift aber nur eine 
Cautel, und wir muͤſſen nod zu einer beftimmteren Anfchauung 
befien gelangen was wegen biefes Charakters ber religiöfen 
Rebe die Einheit berfelben fein muß. Dazu finden wir einen 
Uebergang ber ſich von felbft ergiebt. Wir fagen, die Einheit 
ber religiöfen Rebe kann fein Begriff fein, aber fie ift Rebe, 
Derftellung durch Sprache; die Sprade aber ift felbft ein in 
önfere Erfcheinung getretened Syſtem von Begriffen. Hieraus 
folgt zweierlei. Entweder wir halten den Saz, daß die Ein- 
beit der Rede fein Begriff ift, ganz feft und fagen, Es fann 
die ganze Darftellung aus einem Complex von Begriffen be- 
fieben, die Einheit felbft ift aber Fein Begriff. Daraus wirb 
folgen dag bie Einheit felbft in ber Darftellung nicht unmittel- 
- bar heraustreten fann. Ober wir halten die beiden Säge feft, 
‚ Die religiöfe Rede ift Darſtellung durch die Sprache, ihre Ein— 
heit aber Fein Begriff; ihre Einheit Täßt fih aber entwiffeln in 
Begriffsreihen, und muß pofitiv ein folches fein welches ſich 
im Begriffsreihen entwiffeln läßt. Dann Fann fie felbft auf 
eine fombolifche Weife ald Begriff Dargeftellt werben. Dies 
nähert ſich dem pofitiven, ift aber noch nicht das woraus fich 
das Weſen ber Einheit der religiöfen Rede erfennen ließe. 
Wir wollen daher zuerft dieſe beiden Fälle näher entwiffeln, 
Was den erften betrifft: jo ift fein Widerſpruch darin, daß bie 
religiöfe Rede eine Darftellung durch die Sprache fein fönne, 
die Einheit berfelben aber nicht auf ausgeſprochene Weile herz 








— 2A — 


austritt. Daſſelbe finden wir auch in anderen Kunſtſachen, in 
den bildenden und muſikaliſchen Künſten. Man bat lange dar- 
über geftritten, was bie Einheit der Iliade feiz die Ueberſchrift 
fpricht fie nicht aus, der Anfang des Ganzen, der Zorn bee 
Achilles, auch nicht. Daß aber eine da ift, nur daß fie nicht 
heraustritt, das ift Far. So muß fih der Betrachter eines 
Bildwerfes die Einheit herausſuchen; fie rubt in der Seele 
des Bildnerd, und ber Betrachter fol fie fih reconftruiren. 
Bei den Reden der Alten tritt die Einheit befonders heraus; 
das hängt damit zufammen, daß fie an ein Geſchaͤft anfnüpf- 
ten und nicht reine Kunftwerfe waren. In den älteren reli- 
giöfen Neben aus der patriftifhen Zeit tritt Die Einheit nicht 
beftimmt hervor. In den apoftolifhen aus bem N. T. Eönnte 
fie auch ausgeſprochen fein, denn bier nehmen die Darftellun- 
gen mehr den Charakter des Geſchäfts an, weil es Inſtitutio⸗ 
nen waren die gegeben wurden, Bon biefem Punkt aus, ehe 
wir zur Betrachtung des anderen Falles übergehen, fragen wir, 
Was kann möglicher Weife die Einheit der religiöfen Rebe 
fein? : Wir haben fchon feftgeftelt, daß die religiöfe Nebe ber 
Mittelpunkt yon einem einzelten Acte des Cultus if, auf wel- 
hen fih alle anderen Standpunkte des Cultus beziehen. If 
nicht etwas inneres da, wovon biefes äußere nur die Erſchei— 
nung ift: fo muß bas ganze auch als etwas werthloſes ange- 
fehen werben. Die Hauptſache d. h. das von der Sade 
ergriffen fein it Gabe Gottes, deshalb auch Feine Kunft. 
Was gehört alfo dazu, damit die religiöfe Rede auch realiter 
dasjenige fei was fie der Form nad if, die Einheit und Boll- 
ftändigfeit eines Actes des Cultus conftituirend? Wir haben 
fhon aufgeftellt, Daß der einzelne Act nur relativ ein ganzes 
fei und nur Theil von einem größeren ganzen bes jährlichen 


Cyklus des Cultus. Alfo darf auch nicht mehr von der relie 


giöfen Rede gefordert werben als dieſes beides zufammenge- 
nommen ergiebt. Sie fol ein in fih abgefchloffener Act fein, 
aber nur in Beziehung auf das größere Ganze dem fie ange- 
hört, Wir werben und fo auszubrüffen haben: Es iſt in dem 


— 225 — 


einzelnen Acte des Cultus fo wie er durch die religiöfe Rede 
dominirt wird, eine in ſich vollendete Darftellung bes religid- 
fen Bewußtſeins, aber auf eine folhe Art befchränft daß es 
feine Ergänzung nur findet in ber Totalität der einzelnen Dar⸗ 
Relungen wie fte ben jährlichen Kreis bilden. Wodurch wird 
alfo ein darjtellender Act eine wirflihe Einheit bes Mo- 
ments? dabei haben wir offenbar auf zweierlei zu fehen, näm- 
lid anf dasjenige was die Darftellung bewirfen fol, und auf 
dasjenige woburd fie es bewirken foll. Beides muß zuſam⸗ 
menfallen und in einander aufgehen. Das religiöfe Bewußt- 
fein der Gemeine muß befriedigt fein wenn fie den Ort des 
öffentlichen Gottesdienftes verläßt. Bleiben wir bei ber reli— 
giöfen Rebe als dem Centrum ſtehen: fo ift das wodurch jenes 
bewirkt werben kann nichts anderes als eine Gedankenreihe. 
Das if das Darftellungsmittel. Das religiöfe Bemwußtfein ifl 
dad unmittelbare Selbftbewußtfein, aber die Befriedigung deſ⸗ 
ſelben ift nur wenn es fih zum Uebergehen in das Handeln 
gefaltet hat, Das ift das was erreicht fein foll wenn ber 
Moment des hervortretenden religiöfen Bewußtſeins befchloffen 
R, As unmittelbares Selbfibewußtfein ift es entweder Luſt 
oder Unfuft, oder Uebergang von einem in das andere. Wie 
nuun bier weder an reine Luft noch an reine Unluſt zu benfen 
| if, das geht aus den früheren Erörterungen hervor. Die reine 
uf ift das nicht erreichbare und die reine Unluſt unterhalb der 
Borausſezung. Der Menſch findet in feinem Lebensmomente 
Rh felbft in der vollfommenen Angemeffenheit zu der Richtung 
des religiöfen Princips, es fann bier alfo nur von einer Ver⸗ 
miſchung von beiden die Rebe fein. Iſt nun das Refultat ein 
chaotiſches, eine bloße Verwirrung zwifchen den Gliedern dies 
ſes relativen Gegenfazes: fo kann unmöglich ber Zwekk ber 
Darftellung erreicht werben. Der vollftändige Act muß alfo 
einen Typus haben in Beziehung auf biefen relativen Gegen- 
ſaz, alfo eine Unterordnung des einen Elements unter das an= 
dere. Sowie biefes mittelft der Gedankenreihe hervorgebracht 
iR, fo wird auch die Befriedigung da fein und ber Moment 
Preltifge Theologie. 1, 15 


— 226 — 


die nöthige Vollſtändigkeit haben. Indem aber das chaotiſche 
vermieden werden ſoll, ſezten wir durchaus nicht weder aus- 
ſchließend das eine noch ausſchließend das andere Glied. Wenn 
ber Typus ein ſolcher iſt daß der Gottesdienſt nur ein das re- 
ligiöſe Bewußtfein erbebender ift: fo muß doch je näher bem 
Ende ein Princip der Zuftimmung bed einen mit dem andem 
in der Darftellung fein. Alfo haben wir nur eine zwiefade 
Einheit: die erfte ift die unmittelbare ihrem Inhalte nad, Die 
Einheit des durch den Act des Cultus erwekkten religiöfen Be— 
wußtfeind, die fubjertive; bie andere ift Die der Gedanfen- 
reihe, die mittelbare, aber die objective, weil fie auf ber 
Seite des objectiven Bewußtſeins Tiegt. Diefe beiden müſſen 
rein in einander aufgeben. Wenn in einer Gebanfenreihe etwas 
gewefen ift was gar feinen Beitrag gegeben hat zur Erweffung 
bes religiöfen Bemußtfeind: fo if es unnüzer Weife bagewe- 
fen, denn es ift ein Ueberſchuß auf biefer Seite. Wenn in 
dem erwelften religiöfen Bewußtfein etwas ift was nicht burd 
die Gedanfenreihe hervorgebracht ift: fo ift dieſe nicht vollſtän⸗ 
dig. Nicht ift Die Forderung, daß alles was in allen einzelnen 
Zuhörern vorgeht vollfommen baffelbe fein fol, fondern nur nad 
Maaßgabe eines jeden Individuums Dann flimmt auch alles 
vollfommen zufammen, in einem jeden wird Die religiöfe Rebe 
erwekkend für das religiöfe Bewußtfein nach feiner Eigenthüm⸗ 
lichfeit. So wie etwas dieſem Typus wiberftrebendes entfände, 
wäre bie Harmonie geftört. Die Art alfo wie die eine Form 
bes religiöfen Selbftbewußtfeing der andern untergeordnet if, 
ift die beftiimmte Einheit des Zuftandes. Ob die Rebe 
dies darlegt an einem und bemfelben Gegenflande durch wel- 
hen das religiöfe Bewußtfein affteirt worden ift, ober ob fie es 
durchführt durch eine Reihe von ©egenftänden die verwandt 
find: in beiden Fällen ift Doch eine Einheit da. Die Beziehung 
aber auf die Gegenftände wird es möglich machen dag die Ein- 
beit au, aber nur auf ſymboliſche Weife, in Begriffgzeihen 
ausgefprochen werben kann, und fo entwiffelt fih uns der 
zweite Hall von ſelbſt. Wir können aber nicht über die bei= 


— 2 — 


ben auf abfolute Weife entfcheiden, daß nur das eine richtig 
wäre. Menn wir und für das eine entfchieden, würden wir 
die überwiegende Form ber alten Zeit tadeln, durch das an- 
bere bie der neuen Zeit. Daher wol diefe Formen in dem 
verfihiebenen Charakter der Zeiten ihren Grund haben. Wenn 
wir einen Grad von Kunſtſinn und ein Intereffe am Gegen- 
Rande vorausfezen: fo verfchwinbet Die Nothwendigfeit die Ein- 
beit der Rede beftimmt auszufprechen. Das befondere Her- 
austreten der Einheit ift eine Weberfchrift, die ift ganz zufällig 
und fann nicht in ber Rede ſelbſt vorkommen. Sezen wir den 
Kunſtſinn nicht voraus: fo wird es ein Hülfgmittel fein für bie 
Khwahen ungeübten Zuhörer, und daher ift es natürlich dag 
jo lange das Öffentliche Neden und Hören auch in anderen Ge— 
bieten einen bedeutenden Theil des gemeinfchaftlichen Lebens 
ausmachte, auch der Sinn für dad Reden auf dem religiöfen 
Gebiet eröffnet war, und wo die Form bes Gefchäftes nicht 
dominirend war, fein Bedürfnig die Einheit der Rede auszu— 
ſprechen; um fo mehr ba ber redende aus feinem inneren Be- 
wußtſein heraus confiruirte. In der fpäteren Zeit als das 
Chriſtenthum ſich bei den Abendländern verbreitete, mußte erſt 
eine Uebung im Auffaffen der Rede gebildet werden. Bei vie- 
Im Bölfern war die Einpflanzung des Chriſtenthums und der 
giftigen Bildung baffelbe, und da war natürlid daß die äuße- 
ven Formen ber Ungeübtheit zu Hülfe kamen. Aber denken wir 
ung auch auf den Punkt gefommen wo der Kunflfinn genug 
geübt ift: jo giebt es doch immer auf beiden Seiten eigenthüm— 
liche Vortheile. 

Wenn wir die Geſchichte der religiöſen Rede betrachten: 
ſo ſinden wir, daß es eine ſehr neue Forderung iſt die Einheit 
auszuſprechen. Wenn wir bie Periode ſeit der Reformation 
betrachten: fo finden wir in biefer Beziehung ein Auf- und 
Abwogen, anfangs eine große Annäherung an jene freie patri- 
ſtiſhe Form, aber je mehr das dogmatiſche Zufpizen in 
bie Kirche eintrat, je mehr das Intereffe an diefem auch allge- 


mein wurbes befto mehr nahm jene Form überhand, die bas 
15* 





— 228 — 


Zerſpalten der Einheit als Form vorſtellte. Aber wir finden 
auch daß jene freiere Korm fich geltend machen will, freilich in 
beftändigem Streit, fo daß viele Theoretifer die Anficht haben, 
daß jene Form eine ſolche fei die nur einer unvollfommenen 
Zeit angehöre. Diefe Tage der Sache macht ed und nothwen- 
Dig unabhängig davon Die Frage über bie Einheit der veligid- 
fen Rede zu behandeln. Wenn wir bei ber älteften Form an⸗ 
fangen und denfen fie ung bloß im Gegenfaz gegen jene andere 
Form die und die geläufigfie ift, als einen Bortrag in bem 
feine Einheit und feine beftimmten Abtheilungen der Rebe bes 
merfbar gemacht werden, und wollten fie nicht weiter als ne= 
gativ charakterifiren: fo Fönnten wir zu einem verworrenen 
Aggregat fommen, das die Unvollfommenheit der Rede ifl. 
Allein fo verhält es ſich Feineswegs; fondern ein Banb war 
allerdings da, wodurd die Gedanken zufammenhingen, nämlid 
daß es ein Abfchnitt aus der Schrift war. Hier bildete ſich 
ein Abfchnitt deffen Theile die Sentra find, ein durch das Ganze 
gebender Faden; und wie in jedem folchen Theil eine Rothe 
wenbigfeit ift woburd die Elemente verbunden find: fo ift eine 
Leichtigkeit gegeben, dag bie Zuhörer ſich des Inhaltes bemäch⸗ 
tigen. *) Wenn wir ben eigenthümlichen Charakter der evan- 
gelifhen Kirche in Betrachtung ziehen, die gar nicht einen Ge⸗ 
genfaz eonftituirt zwifchen Klerus und Laien, fondern beide auf 
gewiffe Weife einander gleichftellt, und namentlich als das erfte 
Princip aufftellt, daß jedem Mitgliede die Bibel gegeben fei 
um feine veligiöfen Borftellungen und Handlungen durch bie= 
felbe zu berichtigen, und wir nehmen dazu, wie ſchwierig bag 
Berftändnig doch ift für den größten Theil: fo iſt es wefent- 
lihe Aufgabe der Kirche die Gefammtheit der Mitglieder in 
das richtige Verftändniß einzuleiten. **) Nun kann ed bazu 


*) ©. Beilagen A. 36. B. 40. 

») Je mehr wir an den Grundjaz feitbalten, daß wir bei der Sache einen 
Halt an der Schrift vorausfegen mürjen: um jo mehr muß dieſes erbal- 
ten und befördert werten, 


— 29 — 


allerdings andere Mittel geben als den öffentlichen Gottesdienſt, 
aber aus unferem öffentlichen Gottesdienſt darf biefer Zwekk 
nicht ausgefchloffen werden. Was wir außer demfelben haben, 
iR auf. der einen Seite nur das Fatechetifche Verfahren, auf 
der anderen ber Literarifche Verkehr durh Schriften. Wenn 
wir bebenfen wie eingefchränft das erfte if: fo iſt es wol noth- 
wendig daß im öffentlichen Cultus dieſes Ziel erreicht werde, 
Sonach glaube ich wird niemand behaupten fönnen, daß biefes 


anf diefelbe Weife erreicht werbe durch die bei ung herrfchende _ 


Form; denn was läßt fih für das eigentlihe Ver— 
ſtändniß der Schrift thun, wenn der Zwekk der Rede 
iR einen Complex von religiöfen Borftellungen ber- 
vorzubringen? Wir finden viele Kanzelredner, die ihren 
Tert mur ale Motto betrachten. Wenn wir fagten, Das ift 
eine unbiblifche oder gar unchriftlihe Art: fo würde das ein 
voreiliges Urtheil fein; wenn wir aber fragen, Was wird auf 
diefe Weife für das Schriftverfländniß bewirkt: fo werben wir 
fügen, gar nichts. Sch wünfhe daß es wieder gewöhnlich 
werde in die Wochengottesbienfte die eregetifhe Homilie mit 
Beisheit einzuführen, fonft fönnen Teicht die Gemeineglieder 
fh folhe Leitung für ihr Bibelftudium wählen welche mit dem 
Zweit des Geiftlihen in Widerfpruch fteht, und gewiß Tiegt in 
der Vernachläſſigung der Leitung des Bibelverfländniffes ber 
Grund zu vieler Unordnung im firchlihen Weſen. Wenn wir 
dem Gegenfaz ber thematifirten Rede und ber Homilie in Be— 
jiehung der Obliegenheit bes Geiftlichen folgen: fo läßt ſich 
hwerlih ein Fall denfen mo er ben einen Zweff total bürfe 
fallen laſſen; wir werden alfo beide Formen als nothwendig 
in ber Amtsthätigfeit neben einander ftellen müſſen. 

Fragen wir, Soll die Einheit der Rede ausgefprochen wer⸗ 
den: wie ift fie dann eigentlich zu faffen? Sie hat eine dop⸗ 
pelte Beziehung. Einmal ift die zum Grunde liegende Einheit 
in der Seele des rebenden eine qualitative und quantitative 
Befimmtheit des religiöfen Bewußtfeins als Gefühl. Diefe 
Einheit kann als folche nicht ausgefprochen werben, Erſtlich 


2" 


— 230 — 


haben wir feinen Meſſer für das intellectuelle Gefühl, und 
dann ift offenbar daß der Zuftand des redenden ein beweglicher 
ift und ſolche Einheit nicht aufgefaßt werden koͤnnte. Daher 
richtet fi die ausgefprodene Einheit immer mehr auf 
das andere Element, auf den Gegenftand an welchem fi 
das religiöfe Berwußtfein manifeflirtz und der Gegenftanb als 
folder ift eine beftimmte Region des religiöfen Lebens und 
läßt fih in der Sprade barftellen. Wir haben ſchon gefagt, 
bag bier Einheit oder Mannigfaltigfeit fein fann, Wenn aber 
jemand fein religiöfes Bewußtfein an einer Reihe von Gegen: 
ftänden zeigen will: fo müffen fie verwandt fein und wieder 
eine Einheit geben. Der Unterſchied ift jezt alfo der zwiſchen 
einer größeren oder Fleineren Einheit bed Gegen- 
ftandes. 

Der Gegenftand fann ein großer oder ein Heiner fein. 
Das ift Fein beftimmter Gegenfaz, fondern es läßt fich Darin 
eine unendliche Menge von Lebergängen benfen; aber bebenfen 
wir daß die Gebanfenreihe in einem gewiſſen Zeitraum einge: 
ſchloſſen ift, freifih nicht für die Minute befchränft: fo folgt 
gleich daraus, daß eine relativ entgegengefezte Behandlung ein- 
tritt in Beziehung auf diefe Bedingtheit ber Zeit. Man bat 
oft den Grundfaz aufgeftellt, die Einheit des Gegenſtandes 
müßte die möglichft Feine fein. Das ift aber einfeitig. If fie 
eine größere: fo ift die Sdentification des rebenden mit dem 
börenden Leichter zu bewirken; denn je mehr man ins einzelne 
fih einläßt, defto ſchwerer wirb es fein bie Identität feſtzuhal⸗ 
ten, denn in ber allgemeinen Anſicht tritt die perfönliche Diffe- 
ven; mehr zurükk. Auf der anderen Seite ift wahr, daß es 
ſchwerer ift die Aufmerffamfeit bei ber Rebe feftzubalten je 
mehr man fih an etwas allgemeines hält, weil die Darftellung 
unbeflimmt bleibt. Jeder hat eine Neigung zu individualifiren 
und in biefem Gebiet ben Gedanfen aus ber großen Aehnlich- 
teit mit der Formel in die mit dem Bilde hineinzuziehen. If 
bie Einheit des Gegenftandes eine geringe: fo wird es ſchwer 
fein bie Zuhörer alle unter bie Anficht des Gegenflandes zu 


— 231 — 


vereinigen. Hat man eine Einheit der Anficht bewirkt: fo ift 
bie Schwierigfeit gehoben, und es ift dann leichter die Zuhörer 
beifammen zu halten. Der Kleinere Gegenftand wirb durch bie 
Betrachtung mehr erfchöpft werben; bei einem großen Gegen- 
Rande ift in derfelben Zeit das in das einzelne Hineingehen 
gar nicht möglich, fondern man kann ihn nur in feinen großen 
Zügen betrachten. Was ift geſchikkter dazu das religidfe Be— 
wußtfern in einer beftimmten Form auf gleichmäßige Weife bei 
allen zu beleben? Wenn man den eigentlichen Zwekk der reli- 
giöſen Rebe in dem Belehren fucht, was wir nicht thun: fo 
entiheidet fi die Frage leicht, Wenn ich einen Gegenftand 
erkhöpfe: fo ift das eine gründliche Belehrung; aber wenn ich 
einen großen Gegenftand nicht ins einzelne verfolge: fo ift feine 
fo gründliche Belehrung da; ih will mehr leiſten durch bie 
Größe des Gegenflandes den ich vortrage. Fragen wir, wie 
ſich die Sache ftellt wenn wir alles das berüdfüchtigen was 
wir fhon ausgemacht haben, den Unterfchied zwifchen dem feft- 
fihen und fonntäglihen, Bleiben wir zuerft ſtehen beim Cha— 
rafter der hohen Fefte: fo iſt da der große Gegenftand durch 
die Natur der Fefte gegeben; wenn ich einzelnes heraushöbe, 
ſo würbe der Unterfchied zwifchen dem feftlichen und gelegent- 
lichen nicht fortbeftehben. Wir haben noch einen anderen Ge— 
fichtspunkt für die Beantwortung biefer Frage. Das Ende 
lam ein folches fein, daß im religiöfen Bewußtfein, fo wie es 
durch den Gottesdienft belebt worden ift, eine Sicherftellung 
bes Einfluffes aufs Leben entftanden ift, oder in ber Beftim- 
mung des Willens von dem religiöfen Bewußtfein Dominirt zu 
werden. Was wirb dag zwedmäßigfte fein um dieſes zu er= 
sehen? Die großen Gegenflände find auch bie vom allge- 
meinten Intereſſe, die Fleinen nicht von demfelben, und daher 
it 88 fchwer ben Zwekk auf eine gleihmäßige Weile zu erreis 


dm. Wenn man eine Gemeine vor fich hat die aus homo⸗— 


genen Beftandtheilen zufammengefezt ift: dann wird aud ein 
ſehr vereinzeltes Intereſſe für alle denfelben Werth haben kön— 
nen, ed muß nur in dem Gebiet ber Hompgenität liegen. Dier- 


— 232 — 


aus geht hervor, daß es bei einem jeben Gottesdienft nur auf 
eine gefchiffte Wahl anfommt, um mit demfelben Erfolg einen 
Heinen Gegenftand zu behandeln als einen großen. Je mehr 
ber Redner feine Zuhörer kennt, deſto Teichter wird es ihm 
fein fpecielle Gegenſtände mit Succeß zu behandeln; je loſer 
biefes Verhältniß zwifchen beiden tft, deſto ſchwerer wird jenes 
fein und defto richtiger fi) mehr in dem allgemeinen zu halten, 

*) Bei unferer gegenwärtigen Form ber religiöfen Rebe 
die am meiften dominirt, ber eigentlichen Predigt, tritt die Ein- 
beit auf zwiefahe Weife äußerlich heraus, durch ben Tert 
und durch dag Thema. In der anderen Form die jezt an- 
fängt gewöhnlicher zu werden, ber Homilie, wird ein beftimm- 
tes Thema nicht aufgeftellt, die Einheit tritt nur im Text ber- 
vor. Da zeigt fih daß beide ganz verſchieden behandelt werben 
müffen; woraus nicht folgt daß in der einen weniger Einheit 
fein müfle als in der andern, Ein ganzes befteht aus dem 
Zufammenfein der Bielheit und der Einheit; wo die Vielßeit 
ift ohne bie bindende Einheit, da ift Feine Totalität; wo die 
Einheit ift ohne fih in ihre Elemente zu zerfpalten, da ift aud 
feine Totalität, fondern nur ein Anfaz. Die religiöfe Rebe 
wird alfo ein ganzes indem alles einzelne ſich auf Eine bezieht 
und durch Eins beftimmt wird. Dies ift der organifhe Cha= 
rafter der jedem Kunſtwerk zufommt. Wenn der Tert auf eine 
gefunde Weife gewählt ift, fo bildet er immer eine Reihe von 
Gedanken die eine Einheit ausmachen. Je mehr der Rebner 
in bie Einheit des Textes einbringt, wird aud in der Homilie 
mehr Einheit fein. Es geht aber ein verfchiebenes Verhältniß 
ber Rede zu dem Text für dieſe beiden Formen hervor. Ber: 
gleichen wir eine Homilie im engeren Sinn, bie ſich dem Zu⸗ 
fammenhange einer Schrififtelle von einiger Ausdehnung an- 
fhließt, mit der Form der Predigt, wo Died am wenigſten 
fattfindet: fo müßte man nod weiter geben Tönnen, und fo 
wie in der Homilie die Einheit am wenigften ald Thema aus⸗ 


) ©. Beilagen A. 34. B. 35. 36. C. 22 — 21. 


— 23 — 


gefprochen werben fann, in der Predigt aber die im Thema 
anfgeftellte objective Einheit dominirt, jo daß alles in Bezie⸗ 
bung mit dem Thema fieht und nicht fo mit dem ZTert: fo 
fonnte hier die Beziehung auf den Tert ganz verfchwinden. 
Dies find zwei Ertreme die zu vermeiden find, das eigentliche 
Berfahren Tiegt in der Mitte. Der Tert darf nicht verſchwin⸗ 
den, weil er die äußere Gewährleiftung für bie Kirchlichfeit der 
Rede Liefert. Anders ift ed bei religiöfen Reden die Kamilien- 
fahen find; da eriftirt Fein beflimmter Zuſammenhang mit dem 
Eultus, und giebt es für bie Kirchlichfeit der Handlung andere 
Gewährleiftung im fombolifchen dabei. Ebenfo ift das andere 
Ertrem ein ſolches das wir nicht flatwiren dürfen. Wenn bie 
religiöfe Rede Feine objective Einheit hat, fondern wenn man 
dem Zufammenhange bes Tertes nachgeht: fo Tann das ganze 
fehr gut fein in feinen einzelnen Beftandtheilen, hat aber die 
Kunftmäßigfeit die ed haben fol nicht mehr. Daher ift zwi- 
hen dieſen Extremen eingefchloffen was auf eine im Zufam- 
wenbang mit dem ganzen recht beftehende Weife in biefeın Ge- 
biet probueirt werben fann. 

Nachdem wir und die Grenzen gezeichnet haben, zwifchen 
denen die richtige Einheit der veligiöfen Rebe in Beziehung auf 
die Duplicität von Tert und Thema liegt, fönnen wir der Be- 
antwortung der Frage näher kommen indem wir fagen, Wenn 
auf der einen Seite ber Tert niemals Null, etwas zufälliges 
werden kann, andererfeits die Einheit der Rede als Thema 
jwar ein größeres und Fleineres fein aber nie verfchwinden 
darf und ein bloßes Aggregat von Gebanfen an bie Stelle tre- 
tn: fo fragt fih nun, Wie verhalten fih Tert und 
Thema zu einander? Beide liegen gewiffermaßen im Streit, 
denn beide wollen fih als Deittelpunft, als Siz der Einheit, 
ald Princip der Konftruction darſtellen. Wir fünnen ung auf 
diefem Gebiete Feine Anfchauung machen von zwei Mittelpunf- 
ten in ganz unbeftimmten Verhältniifen; die Mathematif macht 
Äh freilich zwei Brennpunkte in einer Ellipfe fehr gut anſchau⸗ 
lich. An fih wird niemand Täugnen daß aus einem Tert 


— 234 — 


mehrere Themata entwiffelt werben fünnen, und zwar ohne ihn 
auf eine unwahre Weife zu gebrauchen die mit dem Zuſam⸗ 
menhang in Widerfprud if. Ebenſo wenn ein Thema gege: 
ben, ausgeſprochen ift, paflen dazu mehrere Terte; nur wird 
ed aus dem einen auf etwas andere Art entwiffelt werden 
müflen als aus dem andern, und fo erfiheint das Verhältniß 
als ein zufälliges. Betrachten wir beides in Beziehung auf 
die religiöfe Rebe felbft: fo werben wir fagen, Wenn man von 
einer Rede fagen kann, das Thema hätte fih ganz anders 
ausdrüffen follen: fo ift das ein Fehler. Sobald man fagen 
kann, die Rede hätte eben fo gut den Tert haben fünnen als 
jenen: fo ift das auch ein Fehler. Wenn jede Rede nur ein 
Thema haben kann und auch nur einen Tert, der in Bezie⸗ 
bung auf alle einzelnen Theile der Rede als Centrum erfcheint: 
fo ift offenbar daß Tert und Thema in Beziehung auf die Rede 
vollfommen in einander gearbeitet fein müffen, Daß das Thema 
Repräfentant der Einheit der Rede ift, gebt daraus hervor, 
baß der ganze einleitende Proceß nicht eber vollendet ift ale 
mit der Entwiffelung bes Thema. Wenn man einen Eingang 
gemacht hat um die Gemeine aus dem Univerfellen in Die be- 
ftimmte Richtung zu bringen, und hat ben Tert audgefprochen: 
fo ift der einleitende Proceß nicht zu Ende, fondern erft wenn 
das Thema entwiffelt if. Doch ift es nicht die ganze Reprä- 
jentation und hat mehr die Neigung bie obfective Seite der 
Rede zu repräfentiren; bie fubjective Erregung wirb im Thema 
nicht unmittelbar reprafentirt. Ebenſo wenn man einen einlei= 
tenden Proceß begonnen hat, und das Thema angegeben aber 
der Tert nicht ausgeſprochen ift: fo ift der einleitende Proceß 
auch nicht zu Ende, und fängt die Behandlung nicht eher an 
als bis ber Tert vorgefommen if. Hat nun ber Tert eine 
entgegengefezte Beziehung wie das Thema, und repräfentirt das 
Thema bie objertive Seite der Einheit: vepräfentirt dann der 
Text die fubjective? Es fcheint dag man dies nicht allgemein 
beantworten fönnte, ‚Offenbar ift es wahr, wie jeder Tert in 
feinem Zufammenhang ift ſelbſt Aeußerung eines beflimmten 


— 235 — 


religiöfen Zuftandes, und alfo fowol der Ton beffelben als 
auch die Stärke deffelben muß aus dem Tert entnommen fein, 
wenn man fich in ben der den Tert hervorgebracht hat hinein- 
dent, Wenn fich der der die Rebe produeirt, den Tert fo an- 
eignet daß er Die Nachconſtruction nicht gemacht hat: fo ift die 
Anwendung eine unvollflommene. Im Gebrauch des Textes 
liegt eine Affimilation zwiſchen der beiligen Schriftfielle und 
dem vedenden, und fowol der Ton als die Stärke bes religiö- 
fen Bewußtſeins im rebenden ift eine Nacheonftruction von beis 
dem im Urheber des Textes, und es tft daher natürlich daß 
der Tert mehr die fubjective Seite der Einheit repräfentirt. 
Aber es ſcheint fich entgegengefezt zu geftalten. Betrachten wir 
die Reihe von Gnomen am Ende der apoftolifchen Briefe: fo 
find fie aus einem und demfelben Zuftande hervorgegangen. 
Was diefe von einander unterfcheidet, ift nicht dieſe fubiective 
Seite, ſondern daß ſich ber heilige Schriftfteller in dem Zu- 
Rand in dem er war, das Bild des religiöfen Lebens der Ge— 
meine oder Perſon an die er fihrieb, vorhäft und baffelbe um- 
ſchreibt. Da iſt es die objertive Seite, der Gegenftand, an 
dem fih der Zuſtand manifeftirt. So fiheint der Tert eben fo 
ſehr der objeetiven als ber fubjectiven Seite der Einheit anzu— 
gehören. Das find die Fälle wo Tert und Thema am meiften 
eins werben. Ebenſo Fönnten wir zeigen, wie ed Themata 
giebt die eben fo fehr die fubiertive als die obiective Seite 
der Einheit repräfentiren können. Aber in dem häufigeren Kal 
wo das nicht ift, fondern die Verbindung zwifchen Tert und 
Thema dargeftellt wird, wirb das Thema mehr ber objectiven, 
der Tert mehr der fubjectiven Seite der Einheit zugefehrt fein. 

Wenn das wahr ift, daß ber Tert die fubjective Seite der 
Einheit der Rede repräfentirt und bei einem richtigen Gebrauch) 
beffelben der Gemuͤthszuſtand des redenden verwandt fein muß 
mit dem Zuſtand aus dem ber Tert hervorgegangen ift: fo 
wird der richtigfte Gebrauch bes Tertes nur ber fein wobei 
biefe Verwandiſchaft if. Daher muß man fi hier im Schrift- 
gebrauch nicht zu enge Grenzen ſezen. Für diefen freieren 





— 236 — 


Gebrauch der Schrift haben wir die Autorität ber äfteften Kirche 
und ber heiligen Schrift ſelbſt. Auch die ältefte Kirche hat zus 
gegeben daß man von Schriftitellen Gebrauch machen koͤnne 
ganz außerhalb eines gewiffen Zufammenhanges; felbft im 
Neuen Teftament in ber Gebrauchsweiſe der altteflamentlichen 
Stellen finden wir Died. Dies Recht darf fih auch der chriſt⸗ 
liche Prediger nicht nehmen Taffen. Anders ift der gelegent: 
liche Gebraud einer Schriftfiele für einen gegebenen Zufam- 
menhang, und anders bie urfprüngliche Aufftellung eines Zu: 
fammenhanges aus einer Schriftftelle Die Centrum wird. Das 
fann nicht einem und bemfelben Gefez unterworfen fein, fon 
dern mit dem Tezteren muß es firenger genommen werben. 
Mir werden nun dag Refultat ziehen fönnen, daß je vollfom- 
mener Tert und Thema urfprünglich eins find ober durch den 
einleitenden Proceß in einander gearbeitet find, deſto volltom- 
mener die Einheit ber religiöfen Rede ift, 

Je mehr wir davon ausgehen, daß die religiöfe Rebe her- 
vorgehen muß aus einer individuellen religiöfen Bemegung, 
um fo fihwieriger wird es ben ganzen Proceß der religidien 
Compoſition an eine beftimmte Norm zu binden. Es fragt fi 
nun, die Freiheit vorausgefezt, Welches ift das Gebiet 
Das der Geiftlihe zum Tert wählen foll? Es ſcheint 
eigentlich faum nöthig die Frage aufzuwerfen, denn bie natür- 
lihe Antwort wäre, Die ganze Bibel; aber diefe ift ein fo 
ungleichartiged dag man doch allerlei Bedenklichkeiten dagegen 
aufwerfen kann. Erſtens ift die Bibel nicht für uns biefelbe 
wie für die Katholifen, denn da ift der Unterſchied nicht zwi- 
Shen den Fanonifchen und apofryphifhen Büchern. Es fragt 
fih, Giebt diefer Umftand, daß die Apofryphen der Bibel an- 
gebunden find, dem Geiftlihden das Recht die Terte daraus zu 
nehmen? Nehmen wir die Sadhe factifh: fo werden aller 
dinge Terte darans gewählt vorzüglich bei den Engländern. 
Eine religiöfe Rede kann eben fo chriſtlich fein ohne bibliſchen 
Tert, alfo auch wenn der Tert aus einem apofcpphifchen Bude 
genommen iſt. Die Frage, ob der Geiftlihe dadurch ein Gen 


— 237 — 


verlegt, gehört ind Kirchenrecht; ich will nur fagen, baß ein 
Tert rein biblifch fein fann, aber aus einem apofryphifchen 
Buche genommen ein Mißverhältniß ift, weil die Bibel dann 
auf ben Flügel placirt ift, und die apofryphifchen Bücher auf 
das Centrum. Sch würde es immer für eine Unvollfommen- 
heit erflären. Wenn nun religiöfe Reden vorfommen Fönnen 
bei welchen bas weniger der Fall fein kann: fo finde ich feinen 
Grund, warum man nicht einen Tert aus den Apokryphen 
wählen follte, Doch nur bei Reden die nicht in den Cyllus deg 
Gottesdienſtes gehören; das find Feine religiöfe Neben in ber 
Volllommenheit des kirchlichen Charakters, fondern fie beziehen 
ſich auf bürgerliche Berhältniffe, und da find die apofryphifchen 
Texte Yuläffig.. Nun giebt es freilich im Neuen Teftament 
felbhR noch devssgoxarorıza, von benen man weiß baß fie erſt 
fpäter in den Kanon bineinfamen und die zweifelhaft nur eis 
sem Schriftfieller aus dem Kreife des Neuen Teſtaments an- 
gehören. Ich möchte bevorworten, daß bie Vorliebe für die 
ayolalyptiſchen Texte immer etwas verbächtiges if, Es zeigt 
eine vorzägliche Beſchaͤftigung mit ber Apokalypſe. Was muß 
das für eine Duelle von Borftellungen für den Zuhörer fein? 
Deaft man ſich apofalyptifche Texte und die Zuhörer bamit 
befannt; fo find die Bilder das bominirende und jeder Sprud 
Reht unter der Potenz des Bildes, Wir erfchweren ung alfo 
dadurch die Arbeit, weil der Zuhörer in dem Bilde lebt. Ver⸗ 
frt die religiöfe Rede felbft in den Bildern: fo wird fie ſelbſt 
eme apofalyptifche, wir haben nicht mehr das eigenthümliche 
des Haren veligiöfen Lebensbewußtieins und find in einer höchſt 
fremden Region. Das werde ich denn für eine unglüdliche 
und felten erlaubte Wahl halten, Wie fteht es mit dem Ber- 
hältniffe des Neuen Teftaments zum Alten Teftament? Hier 
geben uns fchon die kirchlichen Perikopen eine fehr beflimmte 
Andentung; fie Iaffen das Alte Teftament ganz liegen bis auf 
wenige Stellen aus den eigentlich meflianifchen Weiffagungen. 
Wenn wir bavon ausgeben, es ift das chriftliche Lebensbewußt⸗ 
fein was durch bie veligiöfe Rede fol dargeſtellt und gewirkt 


— 238 — 


werden: ſo kommen wir auf die Frage, ob ein Ausſpruch des 
Alten Teſtaments eben fo geſchikkt ſei das chriſtliche Rebensbe- 
wußtfein barzuftellen und zu erwelfen wie einer bes Neuen 
Teftamente? Im Neuen Teftament ift Chriſtus das Haupt, 
base Ende des Geſezes, und das Gefez fommt nur vor ale 
etwas worauf zurüffgefehen wird. Leite ich alfo den Tert aus 
dem Alten Teftament ber: fo ftelle ich mich und die Zubörer 
auf einen hiftorifhen Standpunkt, und gebe ihnen ein fremdes 
Bewußtfein und errege eine Gebanfenverbindung die nicht im 
Zuſammenhange fteht mit dem was ich aus dem Tert ableiten 
ſoll, wenn ich riftlih reden will. Die vollfommenfte Behand: 
fung ift, wenn Text und Thema möglichft identifch find. Daher 
fönnen wir als ſolche Terte im Alten Teftament nur die wahr- 
haft meflianifhen Weiffagungen anfehen, nicht diejenigen in 
welchen zufällige Einzelheiten aus dem Leben Chrifti vorfom- 
men und daher auf Chriftum gedeutet find, fondern folche in 
welchen die meffianifhe Idee jo ausgedrüfft Tiegt daß Chriſtus 
felber und bie Apoftel fih darauf berufen; andere Texte des 
Alten Teftaments fönnen immer nur mehr oder weniger ale 
Motto behandelt werden. IR das immer eine unvollfommene 
Tertbehandlung: fo follen fie feltener vorfommen und nur eine 
Sade der Noth fein. Ich werde daher immer lieber einen 
Tert aus dem Neuen Teftamente wählen als einen bes Alten 
Teftaments, aus dem ich uneigentlih das Thema entwiffeln 
fönnte, wenn ich nicht allgemein reden wollte über diefe oder 
jene göttlihe Eigenſchaft; ich müßte mich ganz aus der Ge- 
danfenreibe der der Tert angehört entfernen. Pfalm 139, ber 
fo ſchön von ber Allwiffenheit und Allgegenwart handelt, hat 
dennoch einen gefezlihen Charakter und feinen chriftlichen. Se 
mehr der Tert poetifche Schönheiten hat, um fo mehr erfchwere 
id) mir die Arbeit Durch die nothwendige Anwendung bes Tp⸗ 
pus. So Fann ich alfo Fein anderes Refultat finden ald das 
natürlihe Zurüfftreten der Texte aus dem Alten Teſtament 
und das Hervortreten des Neuen Teſtaments. Nimmt man bie 
Sache rein ſubjectiv: was fol man von einem Geiſtlichen denken 


— 239 — 


ber feine Texte öfter aus dem Alten Teftament nimmt ald aus 
dem neuen? Offenbar fchließt man auf eine größere Beſchaͤfti— 
gung mit dem Alten Teftament ald mit dem neuen. Das ift 
aber nicht die rechte chriftlihe Methode des Bibellefens und 
das rechte chriftliche Verhaͤltniß zur Bibel; es ift eine Art von 
Berläugnung darin, wenn ich fage, die Worte Chriſti und ber 
Apoftel dominiren in meinem religiöfen Bewußtfein weniger als 
die alte Offenbarung. In welcher Region der religiöfen Aug- 
bildung fommen die Terte aus dem Alten Teftament gewöhn- 
ih vor? Gefchichtlih in zweien: erſtlich in der univerfalifti= 
hen Behandlung des Gottesdienftes, welche das eigenthüm- 
lich chriſtliche in ben Hintergrund ftellt und Die natürliche 
Religion und Moral hervorhebt, in den Pfalmen und Sprü- 
den z. B., obgleih ich geftehe daß mir die Moral in den 
Sprüchen nicht fonderlich gefällt. Das andere ift der gefezliche 
Charakter, eine gewiſſe Aengftlichkeit, ein krankhafter Zuftand, 
eine falfche Anficht vom ganzen Gang des religiöfen Bewußt- 
find. Wenn der Geiftlihe meint, er müßte erft ben Ueber— 
gang bereiten: fo ift es die pädagogiſche Behandlung, die nicht 
zum Gottesdienfte gehört. Wir müffen die Zuhörer als Chri- 
Ren aufnehmen, und nicht als folche Die es erft werden follen 
und durch die Aengfllichfeit des Gefezes hindurch geführt wer- 
ben müflen. Das ift die objective Theorie Darüber, 

*) Nun wollen wir bie fubfective Theorie hinzufügen. 
Bie macht man es, um zu einer folchen Einheit ber religiöfen 
Rede im Produciren zu gelangen ? 

Wir knüpfen hier an ein ſchon vorgefommenes an, daß 
alle fünftlerifche Producte ausgehen aus einer erhöheten Ge- 
mütbderregung; aber feineswegs fo daß beibes immer in ei— 
nem und demfelben Moment zufammentrifft, fondern es ift nur 
ſo, dag man alle diefe erhöheten Gemüthszuflände, wie fie in 


‚ interbrochenen Momenten vorfommen, als eins anfteht und 
alle kuͤnſtleriſche Eonception auch als eins und fagt, bie leztere 





°) ©. Beilagen A. 34. B. 44. C. 25. 


di 


— 4 — 


‚Reihe ift in ber erfien begründet. Der religiöfe Redner Tann 
ein folher nur fein durch eine über das gewöhnliche ſich erhe⸗ 
bende Intenfion und Reinheit des veligiöfen Elemente in ihm, 
und aus biefem permanenten Zuftande gehen bie einzelnen Pro- 
ductionen hervor. Wie fommt der im Amt ſtehende Geifliche 
aus diefem allgemeinen Zuftande zu einer beftimmten Prodbuc- 
tion? wie entfteht ihm daraus bie Einheit der Rebe? Da find 
wir an zwei Punfte gewiefen. 

Der erſte Punkt if der: Der Geiſtliche lebt in und 
mit feiner Gemeine; das ift fein amtlicher Iocaler Stanb- 
punkt, und indem er bag religiöfe Leben feiner Gemeine mit 
feinen Bollfommenheiten und Mängeln felbft in fi trägt, kann 
ihm dadurch eine Beitimmung werben. Wenn bem Geiftlichen 
feine Gedanfenreihe entfteht aus feiner Kenntnig vom Bebärf- 
niß ber Gemeine: fo entiteht fie ihm auf die rechtmäßigfte und 
unmittelbarfte Weife, fie gebt hervor aus dem gemeinfamen Le⸗ 
ben, Wenn fie ihm aus feinem eigenen Gemüthszu— 
ftande entftebt: fo ift die Sache nicht mehr ganz dieſelbe; es 
fann dadurch Die Rede eine unpopuläre werden, wenn ber Reb- 
ner fih nicht mit dem Zuftande ber Gemeine vereinbar befin- 
det. Sobald dieſe Gedankenreihe aber auch rükkſichtlich der 
anderen Seite geprüft ift, und fie läßt fih auf das Niveau 
bringen mit den religiöfen Gemüthszuftänden und dem Be— 
wußtfein der Gemeine: fo wird nichts daran auszufezen fein. 
Es ift ein bedeutender Unterfchied, wenn bie Gebanfenreiben 
entftehben aus der Kenntniß vom Bedürfniß der Gemeine und 
der Redner felbft nicht dies Bedürfniß hat, oder wenn dies 
auch zugleich fein eigenes Gemüth bewegt. Im lezteren Fall 
wird bie Rede wärmer und Tebendiger fein, im erfleren einen 
fälteren Ton haben, der ihr nur durch Fünftlihe Mittel genom- 
men werden kann. Der Geiftlihe muß ſich fo in den Zuſtand 
der Gemeine verfezen fönnen daß biefer fein eigener wird; 
fann er das nicht: fo wird immer die Geneſis feiner Rebe gut 
fein, weil fie fih ganz auf das Leben ber Gemeine bezieht; 
aber e8 wird fih doch in der Entwiffelung berfelben etwas 


— 24t — 


fehlerhaftes finden. Das iſt bei der erſten Conception die 
Grundbedingung von welcher der richtige Charakter der ganzen 
Rede abhängt, daß der Geiſtliche auch das eigene Intereſſe für 
den Gegenftand hat, der zugleich ein Gegenftandb im Leben fei- 
ner Gemeine ik. Aber offenbar wird das nur in wenigen 
Fällen fattfinden, denn in ben meiflen Momenten wo ber Geift- 
liche produciren foll, wirb eine große Mannigfaltigfeit von An⸗ 
tegungen entſtehen, und es wird ihm ein Beflimmungsgrund 
fehlen. 

Nun giebt ed noch einen anderen Punft von dem aus wir 
tonſtruiren müffen. Der Geiftlihe ift außer dem beflimmten 
Localverhältniß zu feiner Gemeine erftens felbft ein Chrift und 
fodann ein Theolog; in beiden Hinfichten müffen wir ihn den- 
fen als in beftändigem Berfehr mit der Schrift begriffen. 
Ein jeder Chriſt ſteht in einer Berwandifchaft mit der Schrift 
und in Iebendigem Verkehr mit ihr, Das ift bei vielen ein- 
fig; bei dem Geiſtlichen foll es die Einfeitigfeit verlieren 
vermöge feiner amtlichen Stellung, weil er. an die Totalität 
der Schrift gebunden ift, aus ber allein die Totalität ber Ge— 
meine conftruirt werden kann; fodann als Theolog, weil nur 
ihm bie Schrift im Totalzufammenhang verftändlich if. In 
dieſen Verkehr werben fi einzelne Momente herausheben, und 
in der Unbeftimmtbeit bie übrig bleibt von jenem Punft aus, 
wird der beftändige Verkehr mit der Schrift eine fefte Beftim- 
mung geben können, Betrachten wir alfo dieſe andere Seite, 
ver Impuls gehe dem Redner vom Texte aus: wie fann bag 
geihehen? Dffenbar ift es fehr möglich daß die Gedanfenreihe 
item erften Keime nach entſteht aus feinem eigenen ober bem 
religiöfen Zuftande feiner Gemeine, mit biefem fällt ihm ber 
Zert ein, der in Beziehung darauf flieht. Der Tert ftellt ſich 
ihm fo dar, daß er eine Folge von dem Bewußtfein war wel- 
ches er hatte. Das gehört aber nicht hieher. Entſteht aber 
die Gebanfenreibe dem Nebner rein aus dem Text: fo fommt 
died aus der Befchäftigung mit ber Bibel, bie wiederum von 
ſehr ſciedener Art ſein kann. Iſt das eine rause Weiſe? 

Fraltiſche Theologie. I 


Mi 


— 43 — 


Das fünnen wir nur bedingt befaben. Die Beſchäftigung mit 
ber Bibel fann eine gelehrte und theologifche fein, and fo fleht 
er in Gefahr flatt der Predigt eine theologifche Abhandlung zu 
liefern. Es muß immer eine Reflerion dazwifchen treten vom 
Tert auf den religiöfen Zuftand der Gemeine, und nur in dem 
Fall dag fi zeigt daß darin eine Angemeffenheit Tiegt, wird 
e8 die richtige Art fein. Die Richtigkeit des Verhälmiſſes if 
alfo bedingt durch die Annäherung beider Punfte an einander. 
Es ift wol nicht möglich daß eine richtige Amtsfüh— 
sung gedacht werden fann ohne eine fleifige Be— 
fhäftigung mit der Bibel, nämlih nit ein eigent- 
lich getriebenes und eine beftimmte Zeit einnehmen— 
des Lefen, fondern fie muß dad Centrum aller 
Bedanfencombinationen werden. Dazu gehört daß 
man fie immer haben muß. Der Inhalt ſelbſt muß 
in bag beftändige Bewußtfein eingedrungen fein, fo 
daß fein höherer Momentim Leben vorkommt worin 
wir niht auf die Schrift zurüffgingen. Eine vertraute 
Befanntfhaft mit dem Neuen Teftament und eine innerlide 
und lebendige Auffaffung müffen wir nothwendig vorausfezen; 
bann wird es auch nicht fehlen, wenn ber Impuls zu einer 
Gedankenreihe entfteht, daß nicht auch eine Stelle ung einfällt 
welche die Beſchaffenheit hat der Mittelpunft zu werben. Biele 
machen den Zufall zum Herrn; das ift ein fchlechtes Huͤlfsmit⸗ 
tel, man muß ed ja nicht zu einer befonderen Praris machen, 
und ja nicht glauben bag eine befondere Providenz darin fei; 
das ift ein fuperftitiöfes und hart zu behandelndes Verfahren. 
Dffenbar fezt dies einen inneren Mangel voraus, und baber 
fann man nichts vorzügliches davon erwarten. Ich denfe die 
Sade ſelbſt giebt ein Mittel, Es kann vorkommen daß in ei- 
ner Woche Fein Impuls ſich ereignet, Das muß man zugeben; 
bob wol in vier Wochen, und dann muß man fich gleich eine 
Reihe von Thematen *) bilden, das ift eine natürliche 


) ©. Beilage A. 35. 


— 4 — 


Prarid. Wenn ein recht Iebendig erregter Moment im Leben 
vorkommt: fo entfteht auch daraus ber Wunfch, was barin ge= 
Iegen babe fih zu vergegenwärtigen. Wenn wir eine Rebe 
wieder auf das ganze ber Amtsführung im fährlihen Cyklus 
beziehen: fo ergiebt es fi ganz von felbft, daß im Leben bes 
Beiftlihen eine Ungleichheit ift oder eine mehr regelmäßige 
Gleichheit. Der Wechfel ift die natürliche Darftellung bes ei- 
genen Lebens ſelbſt. Kigentlih foll die Verlegenheit nie ein— 
treten bag der Geiftlihe ungewiß fei über die Einheit einer 
veligiöfen Rebe; es ift alfo die erfle Bedingung, daß wenn Das 
ganze gelingen fol der Geiftliche feſt fei über den Tert und 
das Thema, 

Sowie eins von beiden mangelhaft ift, entweder bag re— 
igiöfe Zufammenleben des Geiftlihen mit feiner Gemeine, oder 
ber Schriftverkehr deffelben: fo wird er fi deſto mehr in der 
Berlegenheit der Willfür befinden und wird bie ganze weitere 
Eonftruction eine unvollfommene fein, weil die Einheit nicht mit 
der rechten inneren Lebendigkeit gefaßt ift. Es giebt feine üblere 
Simation des Geiftlichen, als wenn er probueiren foll und ift 
im einem Herumratben begriffen, worüber er predigen foll; da 
iR ein Mangel von einem von beiden. Se weniger nun der 
Geiſtliche in dieſer Hinficht fich felbft vertrauen fann, defto noth⸗ 
wendiger if es ihm daß er ſich fo fehr ale möglid dem Zu— 
Rande der Willfür entreiße. Wenn wir uns denken ben ziem«- 
lich häufigen Fall, dag jeder Gottesbienft feine Perifopen hat: 
jo fheint das eine fehr einfahe Sache zu fein, der Abfchnitt 
wird in Erwägung gezogen, und da fommt ed denn darauf an, 
wie er behandelt wird, homiletifch oder thematifh. Stellt fih 
der der die Rede halten fol, das Thema bar von bem er 
glaubt dag er es gut burchführen werde: fo entfcheidet fich bie 
Wahl. Indeß wir wollen hoffen daß diefe Einrichtung nicht 
mehr lange fo verbreitet fei, denn es ift ein Unrecht gegen bie 
übrige heilige Schrift darin, wenn diefe willfürlih gemachten 
Abſchnitte ein ſolches Vorrecht haben follten. Aber freilich, 
wenn wir denfen, es foll zu einer beſtimmten Zeit ein Entfchluß 

16* 


[N 





— MM — 


gefaßt werden uͤber eine vorzutragende religioͤſe Rede: ſo er⸗ 
ſcheint das ſehr bequem wenn man an etwas beſtimmtes ge⸗ 
wieſen iſt, aber auch nur dann bequem wenn man denkt daß 
die religiöſe Rede aus nichts entſtehen ſoll, daß ab— 
geſehen von dieſem einzelnen Auftrage die ganze übrige Lebens⸗ 
richtung damit nichts zu fehaffen habe. Wenn aber der Geift- 
liche in feinem Amte lebt: fo folte man denken, er müßte grade 
im entgegengefezten Fall fein, daß ihm aus dem Leben müßten 
eine Dienge von Gegenftänben berportreten bie ſich um ben 
Borrang ftritten. Erftens ift ja ſchon der Religionsunterridht 
den der Geiftlihe zu ertheilen hat, eine Duelle von ſolchen 
Gegenftänden; da hat er ed mit etwas beflimmtem zu hun; 
dann ift ja noch das ganze übrige Leben, das eine Duelle zu 
religiöfem Gebanfenreichthum fein muß, fo daß man ben Geift- 
fihen immer mehr oder weniger unmittelbar aus dem Leben 
heraus feine eigenen Gedanken firirend fi denfen muß, um 
fie vor der Gemeine zu verarbeiten. Allerdings ift hier ein 
großer Unterfehieb zwifchen den einzelnen Subjecten; einer bat 
weniger eine lebendige Gedanfenproduction als der andere; 
der eine kann mit dem Reichthum Fämpfen, dem anderen kann 
nichts feſtſtehen. Wenn wir den erften Anfang bes Keims ei⸗ 
ner Rede bis zum Bortrag berfelben als eine Reihe, die bei 
einem Punkt anfangen muß, denten: fo werben wir als ihren 
Anfang aufftellen müflen, daß ein abfoluter Anfang gar 
nicht ftattfinden kann. Es fommt darauf an, wieviel einer 
fih zutrauen fann in Beziehung auf das Fefthalten beffen was 
aus dem innern heraus entitehbt; denn bie Zeiten find hierin 
auch verfchieden, er kann zu einer anderen Zeit fehr arm an 
Gedanken fein. Wenn er nun die Reime von Entwifflungen 
behalten hat: fo kann er aus dem reichen Schaze hervorheben, 
und fo ift alfo die erfte praftifhe Regel, dag man 
biefe Keime fo wie fie entſtehen feftzubalten ſuche, 
um fo wenig wie möglich in ben abfoluten Anfang 
zu kommen. 


— 245 — 


“) Mir finden in ber gewöhnlichen Behandlung bes Ge- 
genflandes hergebrachte Gegenfäze, woburd man die Einheit 
ber Rebe claflificirt; fie find theild aus ber fubfertiven theilg 
aus ber obfertiven Seite ber Rede bergenommen. Das Kriti- 
firen derfelben von unferem Standpunft aus wirb manches be= 
fonders erläutern. Dan unterfcheidet unterrichtende über- 
zeugende einerfeits, und mehr bewegende andererfeite. 
Diefen Gegenfaz können wir nicht als richtig anerfennen, denn 
Unterridten und Ueberzeugen rein ifolirt ift ein Gefchäft, 
bas Bewegen ifolirt if ed auch und geht aus bem eigen- 
thämlichen Charakter ber religidfen Rebe heraus. Indeß eine 
Analogie findet immer flat. Das darzuftellende und mitzutheis 
Iende ift die religiöfe Gemüthgerregung;- die iſt in einer dop⸗ 
pelten Berwandtfchaft. Einmal fann fie dargeftellt werben durch 
die Willensbewegung die von ber Gefühlserregung aus⸗ 
geht; dann dur bie Anfhauung die das Gefühl erregt hat, 
Das giebt zwei verfihiedene Charaktere. Es if darin eine 
Einheit des barzuftellenden und bes Darftellungsmittels, aber 
der Gegenfaz ift selativ, und das Darftellungsmittel in feiner 
Innerlichkeit wird mit dem darzuftellenden eins und bifferenzirt 
fihh nach jenen beiden Seiten hin wo das Darftellungsmittel 
liegt. Daffelbe religiöfe Bewußtfein kann mehr dargeftellt wer- 
den auf ber einen oder auf der anderen Seite und dadurch 
entfteht eine Annäherung an den Gegenfaz, Ferner unterfchei- 
det man häufig Dogmatifhe und moralifche **) Prebig- 
ten; das ift ein Gegenfaz der nicht auf der einen Seite von 
jenem angegebenen liegt, fonbern fie durchkreuzen fi: eine 
bogmatifche Predigt kann mehr überzeugend ober mehr bewe- 
gend fein. Es gilt von biefem Gegenfaz baffelbe; eine Rebe 
die bloß dogmatiſch ift, geht aus dem eigenthümlichen Charaf- 
ter der religiöfen Rede heraus, und ebenfo eine bloß mora= 
liſche, weil im religiöfen Bewußtfein beides bargeftellt werben 


) S. Beilage A. 35. Anmerkung 1. 
) ©. Beilage A. 35. Anmerkung 2. B. 41. 


— 14 — 


fol, das theoretifhe und praftifche fi nothwendig durchdringt 
und fich nicht trennen Täßt, und beides wenn ed von einander 
gefondert ift, nicht fo iſt wie es in die veligiöfe Rebe gehört. 
Es liegt bei einem jeben religiöfen Moment, wie bie religiöfe 
Rede Darftellung eines folhen fein fol, das Berhältniß bes 
Menfhen zu Gott wie es im Chriftentbum befiimmt ift zum 
Grunde, was in verfihiedenen Beziehungen ausgeſprochen wer- 
ben kann. Jedes theoretifhe Dogma ift Ausdruff eines folden 
Berhältniffes und ift als folches für fi felbftändig, und bie 
Totalität folder Ausdrüffe ift die Dogmatik. Aber in dem re— 
ligiöfen Moment ſelbſt ift allemal eine Richtung auf den Wil- 
len, weil es fein Gefühl giebt was nicht in Thätigfeit über: 
ginge, und nicht vollftändig bargeftellt werben kann wenn nicht 
bies Uebergehen mit dargeftellt wird. Selbſt wenn die Rede 
jenes erfte Element abgefondert darftellen wollte, würde e8 doch 
nicht die wiffenfchaftliche Form baben dürfen: aber dann würbe 
niemals bie religiöfe Rede dadurch ihre Vollendung haben; es 
muß ber Uebergang bed Gefühld in die Thätigfeit angedeutet 
fein. Wenn die religiöfe Rede bloß bie Thätigfeit auseinan- 
derſezen wollte: fo wäre es Fein Auseinanderfezen berfelben als 
aus dem religiöfen Bewußtfein hervorgegangen, und fo wird 
ber dogmatifhe Charakter immer mit hineinkommen. Es if 
bier Fein eigentliher Gegenſaz, fondern nur eine Analogie in 
fo fern ald man fagen kann, es giebt Predigten wo das eine 
oder andere überwiegt; aber died muß doch begrenzt fein. So 
gab es früher eine Form für dogmatifche Predigten, daß fie 
am Ende einen usus, eine Nuzanwendung hatten; da iſt immer 
ein greller Abfchnitt zwifchen der theoretifhen Auseinanderfe- 
zung und dem usus. Je mehr es in einander verwebt wird, 
befto vollfommener wirb bie religiöfe Rede fein. Noch ein an= 
berer Gegenfaz, den man hervorhebt, bezieht fich nicht ſowol 
auf das Thema als auf den Text. Wir theilen die heiligen 
Schriften ein in hiftorifhe und didaktiſche, *) was aud 


) S. Beilagen A. 36, 3. B. 40. 


— 41 — 


mm ein relativer Gegenſaz iſt, aber er Täßt ſich im einzelnen 
nahweifen, denn es giebt Abfchnitte wo überwiegend das hiſto— 
riſche ober didaktiſche dominirt. Bringt das einen verfchiebe- 
nen Eharafter in die Predigt hinein? Hier kann auch feine 
ſpecifiſche Differenz entfteben, ed wäre eine Unvollfommenheit 
in ber Behandlung. Was ift das gefchichtliche auf dieſem Ge- 
biet anders als ein religiöfer Moment, und das beißt nur eine 
som religiöfen Bewußtſein ausgegangene Hanblungsweife im 
einzelnen Fall dargeſtellt; und was ift das didaktiſche anders 
als wiederum eine religiöfe Denf- und Handlungsweife, welde 
bier nur Bedeutung hat in fo fern fie in dem einzelnen Mo— 
ment beraustritt, einen Theil des religiöfen Lebens bildet. Das 
heißt, das biftorifhe Fann nur feinen Nuzen haben 
indem es bidaftifh genommen wird, und dag bibaf- 
tifhe nur indem es in das Leben und das geſchicht— 
lihe geführt wird. Die Differenz ift die, daß bei einem 
biftorifchen Text biefer einen einzelnen Fall ausjagt, und 
beim bibaftifchen fagt er einen allgemeinen aus; es ift im 
erien Fall der Uebergang vom einzelnen ins allgemeine, im 
zweiten bie Entwifflung des allgemeinen ind einzelne hinein. 
In wie fern die religiöfe Nebe das unmittelbare Bewußtfein 
wiedergeben foll, und es nur fann in einer Reihe von Geban- 
fen die Combinationen von Begriffen und felbft eine Spdentität 
bes allgemeinen und befonderen find: fo ift offenbar dag überall 
in dem religiöfen das zurüffgehen bed einen auf das andere 
fein muß, und fo ift auch bier feine eigentlihe beflimmte 
Differenz. 

Nun haben wir einen Unterfchieb angenommen in der re= 
Yigiöfen Rede ſelbſt, der auf der Eonftruction ihrer Einheit be= 
ruht, ob dieſe eine größere oder Fleinere iſt. Die größere 
fann fo conftruirt fein daß in der Einheit fih die Mannigfal- 
tigfeit hervorhebt, und es fcheint als ob ein didaftifher Text 
fih mehr eigne eine Rede von firenger Einheit darauf zu grün- 
den, unb der hiftorifche für die Rede wo bie Einheit fih als 
mannigfaltig darſtellt. Aber das ift auch nur Schein. Wenn 





— 4 — 


der hiſtoriſche Text nicht einen gewiſſen Umfang hat, ſo daß 
Die verſchiedenen Momente des Factums nicht beſtimmt heraus- 
treten: ſo giebt er ſich auch nicht leicht her eine homilienartige 
Rede darauf zu gründen; wenn ber didaktiſche Text einen grö- 
Beren Umfang hat, giebt er fi eben fo gut dazu her. Man 
könnte fagen, ein Tert von kleinerem Umfange qualificirt fich 
mehr eine eigentliche Predigt zu begründen, und ein Text von 
größerem Umfange eine Homilie. Diefer Gegenſaz aber if 
feineswegs etwas durchgreifendes. Man kann aus einem Tert 
von größerem Umfange eine firenge Einheit des Themas eni- 
wiffeln, und aus einem Text von Fleinerem ſolche Rede con- 
firuiren wo bie einzelnen Theile verfchieden find und als auf 
einander folgende Gebiete erfcheinen. Es bleiben daher nur 
bie Unterfchiede die auf der Art und Weife der Einheit beru- 
ben, fowol was die objective Seite betrifft ald auch die fuhe 
jective, die Eigenthümlichfeit des Tons in der Rebe. 

Der Geiftlihe hat zwei Gefihtspunfte: er gebt auf ber 
einen Seite auf den Zufammenhang zurüff der in feiner Schrift- 
ftelle ftattfindet; aber indem er feine Gemeine im Auge bat, 
hat er darauf zu fehen was biefe gewohnt ift, und weil er in 
einer freien Richtung fich befindet, fo muß ihm gegenwärtig fein 
wie die Gemeine über den Gegenftand zu denken pflegt. Das 
Berfahren if feiner Natur nad ein dia logiſches; es 
ift ein Dialog mit feiner Schriftftelle, die er fragt und bie ihm 
antwortet, und mit feiner Gemeine, Fragen wir, If eine von 
biefen beiden Kigenfchaften, die wir dem Geiftlichen erlaffen 
können? fo wird jeder fagen Nein; wer eines logifhen Ver— 
fahrens in feinen Combinationen nicht in bedeutendem Grabe 
mächtig ift, ift auch gewiß nicht gefchifft ein Organ bes ganzen 
zu fein; aber ber ber nicht bie Art wie das Bewußtfein in ber 
Gemeine geftaltet ift gegenwärtig hat, ift wenig zum Seelfor- 
ger geſchikkt. Beides muß fich vereinigen, und ich möchte be= 
baupten daß feine Form volllommen dargeftellt werben fann 
wenn der Geiftlihe nicht auch in der anderen vollfommen be= 
wandert ift. Man erwirbt fich dieſe Sertigfeit nur durch Uebung. 


— 249 — 


Beide Borübungen find dem Geiſtlichen beftändig nothwenbig, 
und nur in der Berfnüpfung von beiden Methoden wirb eine 
folge Bollfommenheit zum Vorſchein fommen bie erfprießlich 
it für die Gemeine, 

Nachdem wir bie Einheit der religiöfen Nede betrachtet 
haben, haben wir noch breierlei vor ung: 1) die Art und Weife 
wie bie Einheit in die Mannigfaltigfeit übergeht, die Dispoft: 
fon; 2) die Mannigfaltigkeit felber rein als Gedanke betrach⸗ 
tet, die Production der einzelnen Gebanfen ober bie Erfindung; 
md 3) die Behandlung ber Sprade und Mimif, ber Aus- 
drukk. Daß dies das lezte bleiben müffe, ift klar; aber wir 
Einnen ſchwanken, wozu wir von ber Einheit ber religiöfen 
Rede zuerſt überzugehen haben, ob zur Dispofition ober zur 
Erfindung. *) Nämlich wenn die Einheit der Rede heraus- 
kitt auf eine zwiefache Weife in Text und Thema: fo fann 
man fragen, Was fol man zuerft hervorbringen und beftim- 
men, zuerft ben Tert und aus diefem bas Thema, oder umge 
kehrt? Daß Die Einheit nur vollfommen ift wenn beides in 
einander gearbeitet ift, Das gehörte zur objectiven Seite; bier 
gehört es zur fubfectiven Theorie. Es fiheint aber unmöglich 
algemeingültiges hierüber zu beflimmen. Wenn auf zwei Mo- 
mente Rüffficht zu nehmen ift, auf das Zufammenleben des 
Geiſtlichen mit feiner Gemeine und auf die Schriftbetrachtung 
in ber er begriffen ift: fo wird es Fälle geben wo bie Beftim- 
mung von dem lezteren zuerft ausgeht, und dann ift ber Text 
zuerft da; ift aber ſchon gewählt in Beziehung auf ein Thema, 
oder die Beflimmung geht aus vom Zufammenleben bes Geift- 
lichen mit der Gemeine: dann ift bas Thema nicht eher voll⸗ 
fommen als bis der Text gefunden if. So ift es nun hier. 
Wenn ich Tert und Thema habe: foll ich nun früher disponi— 
ren oder früher die einzelnen Gedanken berbeifchaffen? Einer- 
ſeits ann man fagen, Wenn bie Einheit auf zuverläffige Weife 
gefunden ift, fo bag Thema und Tert recht aufeinander bezogen ' 





) S. Beilage A. 36. 


— 20 — 


ſind: ſo iſt auch der Schematismus ſchon darin, die Dispoſition 
if ſchon gegeben. Aber es iſt nicht möglich daß einer eine 
Sicherheit habe über die Einheit ber religiöfen Rede, wenn in 
ihm nicht in diefer Operation eine Menge einzelner Gedanken 
im Bewußtfein bervortreten ale in die Ausführung gehörend. 
Man kann feiner Dispofition nicht fiher fein wenn man nicht 
bie einzelnen Gebanfen bat, und kann von feinem Gebanfen 
beftimmt fagen daß er in die Rebe hineingehört, wenn man 
nicht die Dispofttion der Rede bat. Bon ber fubjectiven Seite 
aus kann bald das eine das frühere fein, bald das andere. 
Ich kann Thema und Tert haben, aber ebe ich auf beftimmtie 
Weiſe disponire, laſſe ich die einzelnen Gedanfen bie eine Be- 
ziehung zum Tert und Thema haben, erft einzeln zur Reife 
fommen und dann bringe ich fie in Ordnung; ebenfo kann ſich 
zuerft ein beflimmtes Schema des ganzen geftalten, und in dies 
wachfen bie einzelnen Gedanfen hinein, jo daß die Ausführung 
eine Kortentwifflung der Dispofttion if. Snneriih muß 
beides zugleich mit einander werben, das ift die voll⸗ 
fommenfte Production. Wenn man bisponirt, aber von ben 
einzelnen Gedanfen ganz abftrahirt: fo wird Leicht die Trof= 
kenheit in der Rede entftehen, weil alles nah dem Schema- 
tismus ſchmekkt; die einzelnen Gedanken find dann zu fehr dem 
ganzen fubordinirt. Ebenfo wenn die einzelnen Gedanken zu 
weit ausgebildet werben, ehe man an eine Dispofition gebacht 
hat: fo wird leicht die Verwirrung entfteben; bie Gebanfen 
haben dann eine Selbftändigfeit gewonnen, haben fih combi⸗ 
nirt, complieirt; wird das Fachwerk zu fpät gemadt: fo wird 
ein Gedanfe ber nothiwendig in einen Theil gehört, andere Ge= 
banfen mit ſich ziehen bie in einen anderen gehörten. Vermie⸗ 
ben wird dieſe Unvollfommenbeit dadurch, daß innerlich beides 
bie Dispofition und die Ausbildung der Gedanken gleihmäßig 
fortgebt, und dies nur allmählige Entwiffeln beider aus ber 
Einheit und ber lebendigen Beziehung von Thema und Tert 
aufeinander ift bie Meditation und die wahrhafte Art wie als 
lebendiges Ganzes die Rede entfteben kann. Hienach ift beides 


— 31 — 


ganz gleich, ob man eine Rede anſieht als eine ſich weiter aus⸗ 
breitende Dispoſition, wenn wir denken daß ſie nicht einſeitig 
wachſt; oder ob man fie anſieht als die vollſtaͤndige Sammlung 
ber einzelnen Gedanken, die ſich nach einer natürlichen Anziehung 
in der fie entſtehen auch auf Tebendige Weife ordnen; und je 
mehr es von felbit gefchieht, daß mit ber weiteren Ausbildung 
ber Gedanken fie fi fo ordnen daß eine tabellofe Dispofttion 
ſich bildet: deſto vollfommener wird bie Rebe fein. Daraus 
folgt daß es für unfere Darftellung gleichgültig ift ob wir zu- 
erſt von der Dispofttion oder von der Erfindung handeln. SIn- 
deß ſehen wir auf bie objective Seite der Theorie: fo wird es 
natürlich fein bag wir zuerfl von der Dispofition handeln, von 
ber Art wie die gefundene Einheit fih in der Mannigfaltigfeit 
geflaltet; denn objectiv angefehen liegt Die gefundene Einheit 
ber Rede dem Schema des ganzen näher als der einzelnen 
Ausführung. 


2, Bon der Theorie der Digpofition. *) 


Das heißt von der Anordnung und Eintheilung ber Rebe, 
[0 daß die einzelnen Glieder des ganzen bie Einheit wirklich 
erfüllen. Wir haben gefehen, es ift etwas für bie Idee der 
religiöfen Rede gleichgültiges, ob die Einheit derfelben befon- 
ders ausgefprocdhen werde oder nicht. Daſſelbe werben wir 
gen von der Dispofition. Es ift jezt gewöhnlich dag wir bie 
Einheit der Rede aufzuftellen fuhen in einem Saz, ber bag 
Thema bildet, und indem wir es ausfprechen zugleich ben 
Schematismus binftellen; aber für ben Zwekk der Rede ift das 
gleihgültig, die Wirkung auf den Zuhörer fann eben fo groß 
fein wenn es nicht gefhieht als wenn es geſchieht. Eigentlich 
widerfpricht ein ſolches Boraushinftellen bes Schemas bem 
Kunftharakter der Rede. Auf anderen Gebieten kommt bag 
Inhaltsverzeichniß außerhalb des Kunſtwerkes zu ftehen. Darum 
muß ein beſonderes Motiv bazu angegeben werben, Nimmt 


).S. Beilagen A. 37.38. B. 37. 47.48. 


— 232 — 


man bie Sache geihihtlih: fo werben wir befennen, es ifl 
biefe Methode daraus entflanden, bag man bie religiöfe Rebe 
als ein Geſchaͤft betrachtet hat deffen Gegenftand das Lehren 
wäre. Da ift nothwendig baß ber welcher die Gedanfen aufs 
nehmen foll den Faden ihres Zufammenhangs im Geifte bat. 
Die Methode ift aus Verwechslung des Kunftwerfes mit Dem 
wiftenfchaftlichen entftanden. Daraus folgt nicht, daß nachdem 
wir den rechten Geſichtspunkt des Verfahrens wieder gefunden 
haben, die ganze Praxis zerftört-werbe; fie hat etwas für ſich 
was fie befchüzt, daß nämlich bei und nicht leicht öffentliche 
Reden auf andere Weife vorfommen als im Gultus, und wir 
eine gewilfe Ungeübtheit fi das ganze zu einem gleichzeitigen 
zu machen vorausfezen müſſen. Der Eindruff eines foldyen 
Kunftwerfes kann nur unvolllommen fein, wenn ber Hörer nur 
bie Gedanfen die an ihm vorübergehen in fih hat; er muß 
bas ganze in fih verwandeln können, in ben neuen Gebanfen 
bie alten fih auffrifhen. Das wird dem ungeübten erleichtert 
wenn fih ihm das Schema des ganzen vorgeftellt hat. Je mehr 
man aber die Ungeübtheit als ein vorübergegangenes anfehen 
fann, oder anbererfeits je mehr man ber inneren Kraft ber 
Nede vertrauen kann, fo daß ohne den Zufammenhang auszu—⸗ 
fprechen in jedem einzelnen die Erinnerung an das vorberge- 
gangene liegt: deſto weniger wird nöthig fein das Fachwerf 
binzuftellen und dadurch die eigenthümliche Art und Weife des 
Kunftwerfes zu unterbrechen, 

Es fragt fih nun, wie es mit der Diepofition ſelbſt fei, 
abgefehben davon daß fie ausgeſprochen wird, Iſt fie etwas 
nothwendiges, und worin Tiegt die Nothwenbigfeit? Aus dem 
was wir über das Verhältniß der Priorität zwifchen ber Die- 
pofition und ber Erfindung gefagt haben, Fann man folgern, 
dag man ſich fehr gut denfen könne wie die Diepofttion Null 
werbe, und unmittelbar aus der Einheit, wenn fie gefunden if, 
fih die pollſtaͤndige Mannigfaltigfeit entwiffele, Denfen wir 
ung eine fruchtbare Gebanfenerzeugung und eine natürliche 
Drbnung bed Berfahrens im Probuciren: fo werben füch bie 


— 253 — 


einelnen Gebanfen auch gleich auf eine beflimmte Weife an= 
ziehen, und fo Fann ein ganzes eniftehen das alle Bedingungen 
erfüllt, ohne daß die Dispofition da if. Der Hörer oder Refer 
wird fie fih abſtrahiren fönnen ohne daß der Urheber zu einem 
befiimmten Beweiſe davon gefommen if. Wir wollen biefe 
Möglihleit vorausfezen und fo unfere Theorie über bie Die- 
poſition entwerfen. 

Man fieht oft die logiſche Richtigkeit als Vollkom— 
menheit ber religidfen Rede an. Aber einmal ift biefe noch 
weit entfernt die Vollkommenheit zu fein, und dann ift ber 
Dangel an der Ingifchen Richtigkeit oft feine fo große Unvoll- 
fommenheit als man fich einbildet. Die Iogifche Richtigkeit iſt 
etwas bloß negatives und kann deswegen nicht die Bollfom- 
menheit fein, Logifhe Regeln können feine Combination her⸗ 
verbringen, fie find durchaus nur Fritifh. -Sagt man, Die 
einzelnen Theile bes Themas müffen einander aus» 
ließen: *) fo ift das eine negative Bollfommenheit. Wenn 
Re ſih ausfchließen: fo wird es nicht möglich fein, daß ein 
Sa der in einem Theile feine Stelle hat eben fo gut in einem 
anderen ſtehen koönnte; bas heißt immer nur, daß eine Unvoll⸗ 
immenheit dadurch vermieden ifl. Aber es Täßt ſich fehr gut 


denken, bag bie einzelnen Theile ſich vollfommen einander aus⸗ 


' fließen und bie Dispofition doch ſchlecht iſt. Die Vermeidung 


der Unvollkommenheit ift noch nicht die Bollfommenheit. Diefe 


nur das richtige Verhältmig eines jeden Theilcs zu ben an- 


| deren und zum ganzen. Da die Dispofition nur der Rahmen 
iß für die einzelnen Gedanken, fo fommt es nicht nur darauf 


an, dag die Theile ſich fo verhalten daß fie Beziehung auf ein⸗ 
ander und auf Das ganze haben, fondern daß auc jeder Ge— 
danle der in einem Theile vorkommt auch feine Beziehung 
auf den andern und auf das ganze hat. Dazu gehört mehr 


| als logiſche Regeln. 


Außer der Regel daß die Theile einander vollkommen 





*) S. Beilage B. 39. 





— 234 — 


ausſchließen müfjen, führt man auch die Regel.an, Jeder 
Theil muß im Thema enthalten fein. Wenn ein Theil 
vorfommt der nicht im Thema enthalten ift, fo ift deswegen 
bie Predigt nicht ſchlecht. Das ift nur ein Fehler im Ausbruff 
bes Themas; biefer Ausbruff ift aber nur Nebenfadhe, und 
jenes bat feinen Grund darin, daß man das Thema fo fur, 
als möglich binftellen will. Daß das Thema ausgefprocden wird, 
ift eine Sache der Bequemlichkeit, auf das andere fommt gar 
nichts dabei an. Abgefehen von dem bloß logiſchen fragen wir, 
Was ift eigentlich die Vollfommenheit der Dispofition? Da 
müffen wir zurüffgehen auf bag vorangefchiffte, daß eine Rede 
gut fein kann ohne Dispofition unb ganz vortrefflih nur ohne 
Dispofition., Hieraus folgt daß die Dispofition nur ein Com- 
plement ift und nur notbwendig weil man einen Mangel vor- 
ausfezen muß. Wenn man den nicht voraugfezt, fondern eine 
orbentlihe Gebanfenerzeugung: ſo ift Feine Dispoſition nöthig 
für den der die religiöfe Rede probucirt. 

Aber nun ift fie etwas zwifchen ihm und feinen Zuhören: 
ift da die Nothwendigkeit der Dispofition für den Zubörer abs 
folut oder nicht? Abſolut ift fie auch nicht, In einer folden 
Rede wo die Einheit des Themas erfchöpft ift durch den Com⸗ 
plerus der einzelnen Gedanken und ein feber biefer Gedanken 
in einem richtigen Verhältniß zu allen andern einzelnen und 
zur Einheit des ganzen ftebt, ift in jedem Gebanfen das ganze. 
Das ganze wird in jedem einzelnen Gedanfen reprobucirt, und 
benfen wir und den gehörigen Grab der Aufmerffamfeit beim 
Zuhörer: fo wird er das ganze als ganzes auffaffen und jeder 
Gedanke ift ein Bindungsmittel für alle vorhergehenden. So⸗ 
wie wir eine foldhe Verbindung denken, ift die Dispofition Null 
für den Zuhörer und ben producirenden. Hieraus feben wir, 
worauf die Nüzlichfeit der Dispofition beruht. Sie iſt ei- 
nerfeits Dem Zuhörer zugewendet, anbererfeits be- 
zieht fie fih auf ben Redner ſelbſt. Für diefen hat fie 
ben Nuzen daß fie ihm auf jedem Punft der Compofition bad 
vorangegangene vorlegt; bat er ſolche Bergegenwärtigung nicht 


— 255 — 


nöthig, fo braycht er Feine Dispoſition. Was bie andere Seite 
betrifft: fo fol fie dem Zuhörer die Auffaffung des ganzen er- 
leihtern. Das gefchieht auf zweierlei Weife: einmal inbem 
das Gedächtniß durch die Dispofition in die mög- 
lichſte Thätigkeit gefezt und möglichſt unterſtüzt wird, 
Der Zuhoͤrer vernimmt ſucceſſiv, er vernimmt immer nur einen 
Saz, der folgende drängt den erften zurüff und er risfirt daß 
er alles vorhergehende über jedes einzelne verliert. Das Feſt⸗ 
halten des vorübergehenden ift Sache des Gedächtniſſes. Nun 
hat jeder Gedanke feine Beziehung auf ben befonderen Theil, 
Wird die Dispofition ausgefprocen: fo wirb Dies nicht ver- 
drängt durch den einzelnen Gedanfen, und bie Einheit der Rebe 
wirb durch dieſe gehalten. Der welder nicht im Stande ift 
ben einzelnen Gedanken feftzubalten, kann doch das Thema und 
die Dispofition behalten, dies wird ein Leitfaden für das ein- 
zelne, und das ift ber wefentlihe Nuzen ber Dispoſition für 
den Zuhörer. Für denfelben Zuhörer wirb aber wenn bie 
Vollkommenheit der Rede fo groß ift dag in jedem Theil ſelbſt 
das ganze fi reprobueirt, die Dispofttion überflüſſig. Nun ift 
es wahr, dieſe Leitung des Gebächtniffes, wenn fie auch ihren 
Zweit erreicht, giebt nur eine Außerliche Auffaffung, wovon der 
Effect etwas ganz verfchiedenes if. Soll die Rede ihre Auf- 
gabe Töfen fo daß die Darftellung Mittheilung wird: fo gehört 
dazu ein inneres Auffafien. Offenbar ift dies das bei weitem 
weſentlichere. Traͤgt hiezu bie Dispofttion auch etwas bei? 
Daß fie dazu nicht nothwendig ift, ift Har. Wenn das innere 
Auffaffen darauf beruht, daß in jedem einzelnen Theile bas 
ganze als ben veligiöfen Gemüthszuftand enthaltend vorhanden 
it: fo wird fein anderweitiges Hülfsmittel für das innere Auf- 
faffen nöthig fein. Nun ift offenbar daß nicht alle Theile des 
ganzen gleichmäßig beitragen koͤnnen ben Totaleindruff hervor⸗ 
zubringen. Die ausgefprohene Dispofition ftellt Das 
Gleihgewicht her, weil jeder einzelne Gedanke auf 
einen folhen gewiffen organifhen Theil des ganzen 
bezogen wird, auf dem ber Totaleindruff beruht 





— 256 — 


und dag ift ber Nugen der Dispofition von biefer 
Seite, Dies führt auf biefelbe Formel, auf die eigentliche 
Bollfommenheit der Dispofition. Der oberfte Kanon für bie 
Dispofition wird ber fein, Daß das ganze auf eine folde 
Weife getheilt werde daß in jedem Theil das ganze 
auf eigenthämlihde Weife gefezt fei. Se mehr bad 
ganze fo eingetheilt ift daß die einzelnen Theile in Beziehung 
auf das ganze ungleichartig find, deflo weniger wird die Die- 
pofition ihren Zwekk erfüllen. Den Totaleindruff zu erleich- 
tern durch das Gleichgewicht der Theile Fann fie nicht leiſten. 
SR das Verhälmiß der Theile ungleichartig: fo entfleht der 
Totaleindruff nur durch Auffaffung des ganzen. Der Antheil 
wird befto Tebendiger fein je mehr man bas Wefen 
des ganzen in jedem einzelnen Moment bat. Sehen 
wir auf das andere, daß bie Dispofition die äußere Auffaffung 
erleichtert: fo ft in einer Theilung wo bie Theile ungleichartig 
fi verhalten gegen das ganze eine Willführ, und biefe ift das 
was das Gedächtniß ſtoͤrt. Je willführliher die Eintheilung 
ift, deſto weniger befeftigt fie fih und kann deſto weniger zur 
Fefthaltung des ganzen wirffam fein. Daffelbe gilt von dem 
was die Dispofition dem Redner leiftet. Das leiftet fie ihm 
während bes Producirens, abgefehen felbft vom Memoriren, 
wo ber Redner zu feiner Rede in demfelben Verhältniß fteht 
wie ber Zuhörer; fie erzeugt den Reichthum der Gedanken und 
auch die Sicherheit der Anziehung der einzelnen Gebanfen. 
Mancher dem von dem einzelnen nicht einfällt daß es in einen 
Theil gehört, wird durch die Dispofition geleitet einzufehen daß 
etwas hineingeböre in biefen Theil. Hier ift daſſelbe die Boll 
fommenheit der Dispofition. Wenn bie Theile fih zur Einheit 
des ganzen ungleichartig verhalten, in ber Eintheilung bie Will- 
für berrfcht: fo Tann darin Feine Ergänzung der Fruchtbarfeit 
der Gedanfen erzeugt fein, fondern bie willführliche Dispoſition 
läßt ein Schwanfen und eine Unficherheit übrig, und dadurch 
wird ber Proceß ber Erfindung aufgehalten, weil das andere 


— 2357 — 


eigentlich ald unvollendet erfcheint; denn das wilffürliche iſt 
immer unſicher. 

Um dies zu erläutern, daß die Theile fi gleihar- 
tig verhalten müffen, geben wir zurüff auf den Gegenfaz 
den wir beim Charafter ber veligiöfen Nede überhaupt ange- 
führt haben, den überzeugenden und bewegenden. Eine 
gute Rebe muß beides fein; wenn fie beides ift: fol das ihr 
Organismus fein, baß ber eine Theil der überzeugende ift, der 
andere der bewegende? Das findet man häufig, aber bie 
Theile find dann ungleichartig gegen das Ganze. Der Total- 
eindruff ift in der Identität der Einfiht und Bewegung. Ein 
jeder Theil muß bie Ueberzeugung und Bewegung in ſich tragen, 

Daſſelbe gilt von dem Gegenfaz zwifchen den dogmati— 
den und moralifchen Predigten. Soll ein Theil theore- 
tiſch der andere praftifch fein? Das wäre auch eine ungleiche 
artige Theilung. Der Totaleindruff ift die Identität von beis 
ben. Das Ganze muß fo getheilt werben baß die Gegenfäze 
in jedem Theil vereinigt find, Das ift die rhetorifhe Dis— 
poſition, die darauf beruht, dag in einem jeden Moment 
ewwas gefchieht für den Effect, das was bargeftellt wirb in je= 
dem Moment enthalten ift und nicht Züge vorfommen die erfl 
verſtanden werben follen durch das was folgen foll. Das lez⸗ 
‚ tere dreht das Verhaͤltniß um, fezt den Zuhörer auf den Stand» 
punhkt auf dem ber Redner ftehen fol, und die Rede verliert 
ſo ihren eigentlihen Zwekk. 

Hieraus ergiebt ſich das beſtimmte Reſultat, daß die Dig- 
poſition nichts iſt als eine reflectirende Fortſezung 
deſſelben Proceſſes durch den aus der Geſammtheit 
des religiöſen Zuſtandes bie beſtimmte Einheit ent— 
ſtanden iſt. Unter veflectirende Fortſezung verſtehen wir eine 
ſich umkehrende. Das erſte war der Proceß, wie aus einer 
Geſammtheit ein einzelnes hervorgehoben wird, und dieſer iſt 
der, wie die Oerter für die einzelnen Gedanken gezeichnet wer⸗ 
den. Die Theilung des Gebietes mittelft der Beziehung auf 
die Gefammtheit der religiöfen Zuflände, bie bas find aus bem 

Prattiige Theologie. 1. 17 


f 





— 2353 — 


bie Einheit genommen ift, wirb das rechte fein. Wir haben 
bier nur noch einzelne Bemerkungen hinzuzufügen. 

Es giebt viele Redner die in vieler Hinfiht als Meiſter 
gelten, man klagt aber über eine große Einförmigfeit und Mo- 
notonie ihrer Dispofitionen. Achtet man auf den Gegenftand 
der Kritik: fo wird man finden, je mehr die logifhe Rich— 
tigkeit Dominirt, befto mehr entfleht dieſe Einför= - 
migfeit. Wenn die Einheit der Rede auf bie Totalität der 
religiöfen Zuftände bezogen wirb: ift ber Gegenftand dann we- 
fentlich erſchöpft? Dann müßte jede religiöfe Rede ein 
Ausdruff der gefammten Kriflliden Srömmigfeit 
fein, und das fcheint zuniel zu fein. Man findet nicht felten 
biefe Forderung, aber auf fehr verkehrte Weife. Es wird be= 
bauptet, in jeder veligiöfen Rede müßten alle Hauptibeen bed 
Chriſtenthums vorfommenz und geht man davon aus, daß bie 
Trinitätslehre das einfachfte Schema ift für Die Lehre des Ehri- 
ſtenthums: fo bat man behauptet, e8 müffe in jeder Rede bie 
Trinitätslehre vorfommen. Diefe fol aber eigentlich gar nicht 
vorkommen, weil fie ein rein wiflenfchaftliher Begriff iſt. Sagt 
man, es fol in jeder Rede ber Typus des religiöfen Bewußt⸗ 
feind wie er in biefer Lehre niebergelegt ift vorfommen: fo ifl 
darin etwas wahres; aber dann müßten alle religiöfe Reden 
baffelbe fein. Wollte man in troffenen Formeln fteben blei= 
ben: jo Fönnte man fagen, das ganze Spflem ber religiöfen 
Lehren müffe in jeder Rede vorfommen. Je mehr fie aber le— 
bendige Darftellung fein will, deſto mehr wirb fie auf jenes 
verzichten müſſen. Keine veligiöfe Rede kann eigentlidh ihr 
Thema ganz erfchöpfen, und es ift eine wunberliche Forberung, 
bag das Thema im ganzen Umfang der möglichen Behand 
Iungsweife erfchöpft werden foll, wogegen aber wahr ift, je 
vollfommener das mas ausgeführt werden foll dem Rebner 
vorſchwebt, deſto mehr wird er fih die Aufgabe ftellen, fein 
Thema fo zu faffen daß ber Zuhörer grade dieſes erwartet und 
nichts anderes. In demſelben Maaß als von jener Marime 
aus eine große Neigung zur Einförmigfeit fein wird, wirb fich 


— 29 — 


von biefer Marime aus eine unendliche Mannigfaltigkeit in ber 
Diepofition entwiffeln Taffen. 

Wenn wir fagten, eigentlich hat es feine wefentliche Noths 
wendigfeit bag Thema und Dispofition ausgefprochen werben, 
fondern es ift nur ein Hülfsmittel: fann es denn heilfam fein 
died epigrammatifche noch weiter fortzuführen? Die ganze Rede 
hat einen rein biefem entgegengefezten Charakter, und bies epi- 
grammatifche formulare iſt eine Unterbrechung deſſelben. Zwi— 
den dem Eingang und ber Behandlung felbft fann man fie 
Rh gefallen Iaffen, wenn fie aber hernach wiederfehrt, fo wirb 
ber Charakter der Rede weſentlich geſtört. Daher es nicht 
gut ift die Unterabtheilungen eben fo nambaft zu 
mahen wie Die Haupttheile; jedes Theilhen wird da— 
durch zu beflimmt von dem anderen gefondert, Die zu fcharfe 


Gliederung ift etwas unſtatthaftes. Ebenfo ift nicht zu loben 


und if eine üble Mitgabe in den in vieler Hinficht trefflichen 
Reinharbfchen Arbeiten, daß man am Ende eines Theils noch 
einmal in einem rhetoriſchen Schnörfel eingehüllt die Weber- 
Wrift Des Theils wiederholt und einen Uebergang zum neuen 
heil macht; das fieht aus als wenn bie Zuhörer follten wie 
Saleerenfflaven an das Thema und die Diepofition angenagelt 
werden; die Rede klappert dann wie ein altes Inftrument wo 
man die Claves hört flatt des Tond. Wenn man fo fehr dem 
Gedaͤchmiß zu Hülfe kommt, fo ftellt man die eigentliche Ten⸗ 


denz ber Rede in ben Hintergrund, und es gewinnt bad An- 


fehen als ob fie darauf hinarbeite daß ihr Skelett ins Gebädt- 
niß aufgefaßt werde, da fie doch mittheilende Darftellung nur 
durch die Ausführung werden Tann, Ge mehr dieſe rheto— 
riſch if, deſto fchroffer fezen ſich dieſe Formeln gegen jenes 
ab, und die Rede ift fo eonftruirt: es befommt jeder Theil zwei 
Endpunfte, wo der Charakter der Rede Null if, und in der 
Mitte Hat jede Abtheilung ihre Culmination; fo wird man auf 
Bellen gefchaufelt, die eine Art Seefrankheit herbeiführen kön— 
nen, Dan muß dem untergeordneten Mittel nie einen zu gro- 


fen Raum geben. Wenn der Redner fih ſelbſt an der richti— 
17 * 


— 260 — 


gen Conftruction feiner Rebe erfreut durch alle einzelne Theile 
hindurch: fo ift das gut; aber dieſe Freude an feinem guten 
Schema foll er für fih behalten. Nimmt man das dazu, wie 
eigentlich doch die Behandlung in einen engen Raum einge- 
fhloffen ift, und bebenft man, wieviel verloren geht für biefes 
untergeorbnete Hülfsmittel: fo muß man die Unverhältnigmä- 
Bigfeit diefer Operation fehr beftimmt fühlen. 

Das logiſche ift das bloß negative; das pofttive ift das 
fünftlerifche rhetorifhe, daß die Klarheit und Lebenbigfeit 
des Eindruffs im einzelnen und des Totaleindruffs ftarf genug 
if. Klar machen läßt ſich dies nur durch Beifpiele, wie alles 
fünftlerifhe. Neligiöfe Neben prüfe man in Beziehung auf 
ihre Anordnung; fobald ein höherer Grab von Klarheit entfteht 
und im Bewußtſein bed Zuhörers baffelbe Gefühl erregt wird 
was dem Redner Far zum Grunde lag: fo muß man unters 
fuchen wiefern biefed in der Anordnung liegt, Es giebt Mus 
fer von entgegengefezter Art; es giebt religiöfe Reden welche 
eine gute und Fräftige Wirkung hervorbringen, aber weder eine 
Fülle noch eine Tiefe von Gedanken haben; fie bringen aber 
eine Wirfung hervor duch Die Anordnung und Zufammenftel- 
Yung. Entgegengefezte Reden find weldhe Fülle und Tiefe ber 
Gedanken haben, wobei der Zuhörer dur das einzelne frap⸗ 
pirt und lebendig erregt wird, aber ein TQTotaleindruff, Das 
wohlthätige der Erbauung fehlt, Hier fann man durch bie 
Umarbeitung etwas vortreffliches hervorbringen; durch foldhe 
Uebungen kann man fich fördern, aber ih will nicht behaupten 
bag dieſe nöthig feien, obgleich ich der Meinung bin, daß bie 
Anordnung der meiften praftifhen Seminare falfch if, wo vor 
leeren Wänden gepredigt und bie Rebe von leeren Anforderuns 
gen Fritifirt wird, fo daß bei der Menge der Kritifen bie Epi- 
Frifis des Lehrers keinen Eindruff, fondern nur Confufion macht. 
Solche Uebungen der Umarbeitung find fehr nüzlih und nüz⸗ 
licher ald die Seminare, und ich glaube daß die meiften fol- 
her entrathen könnten, wenn in ber Schule ein guter Grund 
gelegt if, denn das veligiöfe Gebiet ift kein ſo abgefondertes, 


— 281 — 


Man geht von einer bem Redner und ber Gemeine gemeinfa- 
men Wahrheit aus, alfo bedarf es feiner Ueberredung; fo 
müßten die gewöhnlichen Uebungen in Gebanfenerzeugung und 
Anordnung hinreichen unter Borausfezung eines religiöfen Les 
bend. Ich ale Feind aller Methode in der Dispofition, und 
in ber Ueberzeugung daß die Dispofition mehr fünftlerifch nach 
ber Sache als logiſch nah der Methode behandelt werben muß, 
fele dies als das pofitive auf, daß man ſich feineswegs an 
bie Form binde, fondern nur auf den Standpunft ftelle wovon 
man ausgehen muß. Die Fünftlerifche Dispofition befteht darin, 
daß die Theile der Rede ihrer Art nad nicht ungleich fondern 
gleich find, fo daß nicht der eine Theil räfonnirt, der andere 
erhebt; dann würde fih der eine Theil nur zum andern als 
vorbereitender verhalten; beffer ift daß ich das erhebende ſelbſt 
theife, dann verhalten fih die Theile gleich zum Ganzen des 
Effects. Die vortbeilhaftefte Stellung der Sade ift wenn mit 
jedem folgenden Theil das vorige wieder zurüffgerufen wird, 
fh diefes Zurüffgehen aber von felbft bildet ohne daß ber frü« 
here Theil eine Borbereitung wäre zum folgenden, fondern daß 
fh die Wirkung der erfteren Theile immer wieder von felbft 
produeirt, daß eine wirkliche Ideenaſſociation herbeigeführt wird, 
Die ganze Rede ift nur ein Gefangennehmen der Zuhörer, wel- 
ches man ſich fo vorftellen muß als ob fie fih immer wieder 
los machen wollten. So ſcheint es, daß man fie durch dag 
was in jedem einzelnen Momente gefchieht fefthalten müſſe; 
daraus entfteht ein Streben durch das einzelne zu wirfen und 
dadurch reißt fih das einzelne vom ganzen los, und man muß 
die Eintheilung daher fo einrichten dag die Zuhörer gleichjam 
umftellt werben durch die Anorbnung bed Ganzen. 

Wenn die Dispofition jedem Gedanken feinen Ort noth> 
wendig anweifen foll: fo fragt fih, Darf es in der religiöſen 
Rede keine Digreffionen*) geben? Es wäre eine praftifche 
Unmeisheit wenn man es Jäugnen wollte. Manche Gegenftände 





) ©. Beilage B. 41. 


— 262 — 


kann man nur als Digreſſionen behandeln; denke man ſich ein 
religiöſes Parteiweſen: ſoll denn der Geiſtliche gar nicht reden 
von Dem was in den Streit hineingehoͤrt? Da würde er fa 
einen großen Theil bes religiöfen Lebens nicht ergreifen. Sf 
der Gedanfe wirflih aus dem religiöfen Leben entftanden: fo 
ift das Thema nicht allein mehr das Maaß woburd das ge— 
hörige und nicht gehörige getrennt werben muß. In der Ber: 
bindung mit der Idee wird alfo das was in Beziehung auf 
bas Thema Digreffion ift, doch ale ein wefentliched angeſehen 
und nicht ausgefchloffen werden. Machte er ed zum Thema: 
fo erregte er die Parteien und verfehlte feinen Zwekk. Je näs 
her die Behandlung folder Gegenftände dem Thema liegt, befto 
mehr Wirkung wird fie hervorbringen. Kann es ſchon mit ei= 
ner gewiffen Nothwendigfeit vorausgefezt werben, wo es vor— 
fommen muß: fo ift die Aufmerffamfeit darauf gefpannt und 
dag übrige verliert fih für den Zuhörer; ift dieſes ale Digref- 
fion behandelt: fo find fie fhon in den Gedanfengang hinein- 
geführt und der Redner reißt fie mit fort. Man ſchaut fich zu 
ängftlih um, wenn man ſich zu ftreng an die Diepofition bin- 
det, und doch wird am Ende nichts damit erreidt. 

Am widtigften ift Died feftzubalten, Je mehr eine Dispo— 
fttion fo geftelft ift, daß bie Haupttheile ſich nicht als ungleich 
artige in Beziehung auf dag Thema verhalten, und nicht fo 
bag jeder Theil eine Rede für fich fein Fönnte: deſto lebendi— 
ger tft das Ganze. Je mehr fih aber die Haupttheile un- 
gleihartig in Beziehung auf das Thema verhalten: deſto mehr 
wird dem Zuhörer die bloße Begriffsoperation zugemuthet, defto 
mehr wird man fih auf das vorhergehende zurüffbeziehen müf- 
fen, fi felbft citiren, und ber eigentliche Eindruff wird erft am 
Ende fommen, während er fi gleichmäßig dur bie ganze 
Rede hindurchbilden foll. 

Die Rede ſelbſt hat immer einen Theil der als Einlei— 
tung *) daſteht und dazu beſtimmt iſt die Gedankenerzeugung 


) S. Beilage A. 38. B. 37. C. 30. 


— 263 — 


der Zuhörer auf das Thema binzuleiten, damit es ihnen in 
einem folhen Moment bargeflellt werben fann worin fte fich die 
Einheit der Rede anzueignen im Stande find. Wenn wir da— 
von ausgehen, die Zuhörer fommen in die gottesdienftliche Ver- 
ſammlung mit einer rveligiöfen Stimmung bie nicht eine be— 
fimmte Richtung hat: fo werben wir es natürlich finden daß 
etwas geſchieht fie in dieſe beftimmte Richtung zu bringen und 
alles was davon entfernen fönnte in gewiffem Grade zu befei- 
tigen. Das ift alfo die eigentliche Aufgabe für das mas wir 
Einleitung in die religiöfe Rede oder Eingang nennen. Je 
genauer fi) die Dispofition auf das Thema bezieht, defto we⸗ 
niger ift etwas befonderes nöthig um die Dispofition zu ent- 
wiffeln; je weniger dies der Fall ift, deſto mehr wird es ei- 
ner Einleitung bedürfen. Es fragt fich, ob hier eine Vollkom⸗ 
menheit oder Unvollfommenbeit ber Rede neben einander gefezt 
if? ob es eine große VBollfommenheit ift, wenn ed feiner da— 
jwifchentretenben Gedanken bedarf, die Dispofition aus dem 
Thema zu entwiffeln? Wenn das Thema ausgefprochen wer- 
den foll, fo ift Doch wefentlih dag es ein nicht fehr zufammen- 
geſezter Saz fei. Kann man es in einer zufammengedrängten 
Form fo binftellen daß fih die Dispofition von felbft daraus 
ergiebt: fo ift das die größte VBollfommenheit. In vielen Fäl- 
len wird es durch einen richtigen Eingang bewirkt werben fön- 
nen, nicht aber in allen, und dann wird eg nöthig fein etwas 
dazwifchen zu fehieben um aus dem Thema die Dispofition zu 
entwiffeln. Die ganze mnemonifhe Bedeutung bes Themas 
für die Zuhörer gewinnt durch die größte Kürze beffelben. Sie 
müffen dutch den Eingang dahin gebradt fein, daß fie es in 
diefer Kürze verſtehen. Wenn nur die Dispofition aud bie 
rechte epigrammatifche Kürze hat: fo wird fie dadurch daß fie 
zwifchen diefen beiden Punkten fteht, fich felbfi dem Gedächtniß 
einprägen, und auch das feflgehalten werden was bie Hinwel- 
fung aus dem Thema auf bie Dispofüiion ift. 

Was den Schluß *) der Rede betrifft: fo giebt es eine 





) 5. Beilagen B. 37. C. 30. 


— 264 — 


zwiefache Beziehung aus welcher er zu betrachten if. Wenn bie 
Rede in mehrere Theile getheilt ift, fo hat jeder fein Ende; das 
Ende des Tezten Theile ift zugleich Ende des Ganzen; dem Testen 
Theil gehört der Schluß an durch feine Stelle, alfo muß man 
ein eben folhes Verhältnig zum erften Theil in ihn hineinle- 
gen, alfo eine Art von Recapitulation. Ein anderer Geſichts⸗ 
punft ift: Das Ende ber Rebe ift nicht ganz und gar das Ende 
bes Gottesdienſtes, aber bie religiöfe Rede ift fo fehr bag Cen— 
trum des Gottesdienftes bei ung, daß body das Ende berjelben 
auf das Ende des Gottesdienftes Rükkſicht nehmen muß, wie 
ber Anfang berfelben auf den Anfang. So muß baber ein 
Uebergang gebildet werben durch ben Schluß, wodurd die Zu— 
hörer in die allgemein religiöfe Beftimmung die im thätigen 
Leben dominiren fol, bineingeführt werden. So gewinnt bie 
religiöfe Rede eine cyflifhe Geſtalt; fie fängt an und ſchließt 
mit der allgemeinen religiöfen Stimmung. Das tft Die eigent- 
lihe Aufgabe des Schluſſes. Wenn aller Anfang fihwer if, 
fo ift bier alled Ende ſchwer, und man bat viel mehr Bei- 
fpiele von großer Birtuofität in Beziehung auf den Eingang 
ale auf den Schluß. Nichts ift nachtheiliger für die ganze 
Predigt, ale wenn der Schluß etwas ermüdendes ift. 


3. Bon der Erfindung oder der Production 
ber einzelnen Gedanfen die zufammen die 
Rede bilden. *) 


Es iſt nicht nöthig zu erinnern daß der Name Erfin- 
bung bier ein umneigentlicher if. Er ifl genommen aus der 
Theorie der Gefchäftsreden, wo es darauf anfommt Beweis- 
mittel herbeizuführen, bie einzelnen Theile von gegebenen That- 
fadhen fo zu combiniren daß Die Anficht entfteht die man ent- 
fteben laſſen will, Auf unferem Gebiet aber ift nichts zu er- 
finden, es foll hier ausgefprochen werden was nicht nur immer 


) ©. Beilagen A. 39.40. B. 42.45. 


— 25 — 


wahr geweſen ift, fondern auch in denen zu welchen man fpricht 
immer da gewefen iſt; es ift hier nur zurüffzurufen, Betrach⸗ 
ten wir die Rede in Beziehung auf die Einheit: fo ift gewiß 
daß in dieſer Einheit alle einzelnen Gedanken wie in einem 
Keim gegeben find, die ſich hernach auf eine natürlich orga— 
niſche Weife entwikkeln. Was haben wir in diefer Beziehung 
zu fügen? Wir gehen zurüff auf den Unterfchieb zwifchen ber 
ſubjectiven und objectiven Seite ber Theorie und fangen mit 
ber ſubjectiven an. 

Wenn wir den ganzen Proceß ber Denfthätigfeit des Bor- 
ſtellens, um es im weiteften Sinn zu nehmen, wie er im eit- 
zelnen wirffih vor fi) gebt betrachten: fo finden wir darin 
eine fiete Abftufung zwifchen foldhen Thätigfeiten Die auf einen 
ganz beflimmten vorhergegangenen Willen ſich beziehen, und 
folhen die im vollfommenften Sinn des Wortes unmwillfürliche 
find. Im vollfommenften Sinn ift etwas unwillfürlid 
wenn es gegen das gemwollte angeht, und wir fünnen es ganz 
in diefem ftrengften Sinn nehmen. Das erite ift wol einem 
jeden der im wiflenfchaftlichen Gange des Denkens lebt Far: 
ed entſtehen Gedanken rein durd den Willen. In fo fern alle 
Gedanken die auf diefem Wege entftehen nur eine Analyfe ber 
in der Aufgabe enthaltenen wären: fo wäre es nicht eine Ent- 
 fehung fondern eine Zertheilung der Gedanfen, Gefezt aber 
wir müßten alles analytifh zu Wege bringen: fo fommen fie 
doch erft in das Bewußtfein und entftehen erft. Es gehört nun 
eine gewiſſe Anftrengung dazu gewiſſe Gedanken hervorzurufen, 
andere abzuhalten. Wir könnten ung beffen nicht als Anftren- 
gung bewußt werben, wenn Die Gedanfen nicht immer im Ent- 


heben wären, und es gelingt nicht immer der Anftrengung ſolche 


zerſtreuenden Gedanfen die wider Willen entftehen auszuſchlie— 
Ben, fondern wir fünnen und bei angeftrengter Meditation Doch 
dabei ertappen daß foldhe Gedanken zum Borfchein kommen. 
Denfen wir die Anftrengung nachlaſſen: fo werben die zer- 
fireuenden Gedanken zunehmen, und da Tommt ein Punft wo 
diefe Zerfireuung den Proceß aufhebt. Wenn wir nun biefen 








— 2166 — 


Zufland ber Mebitation, wo wir gegen das unwillfürlice 
Spiel von fih hervordrängenden zerftreuenden Borftellungen zu 
fämpfen haben, vergleichen mit dem Zuftande deſſen der einer 
Gedanfenbildung eines anderen folgen will: fo wird ber Teztere 
fih in einer ungleich ſchwierigeren Lage befinden. Indem id 
mebitire, thue ich es nach meiner Methode, und da ift bie Ge- 
wöhnung und die ganze Conftitution des Drgand, bie es leicht 
von ftatten gehen laßt. Um fo fiegreiher Fann die Anftrengung 
fein bie zerftreuenden Gedanfen abzuhalten. Der börenbe aber 
verfährt nicht nach bes redenden Methode. Man fteht, bier 
fommt man mit einem Sprühmwort in Widerfprud, „Gelehrten 
ift gut predigen;“ es ift grade im Gegenfaz Gelehrten jehr 
fhlimm predigen, es find ſolche Die ihre eigene Methode ba- 
ben; fte haben nicht nur eine Anftrengung nöthig bie zerfireuen- 
den Gedanfen zurüffzuweifen, fondern auch die Tendenz felbft 
nach ihrer Methode den Proceß fortzufezen, beſonders wo eine 
Differenz entftebt. Aber hievon abftrahirt: fo bleibt immer bie 
Zerftreuung der Gedanfen übrig. Wir finden bier allerbinge 
eine große Differenz. Es giebt Menſchen die zur Zerfireuung 
in fo hohem Grade geneigt find daß es ihnen nicht Teicht mög: 
lich wird einem Gebdanfengange zu folgen ohne daß etwas zer- 
fireuendes dazwiſchen tritt; aber es giebt auch andere denen ed 
leichter if. Nun muß ber redende fih auch in biefem Be- 
wußtjein befinden, er muß gegenwärtig haben daß die Zuhörer 
in einer größeren oder geringeren Leichtigkeit find bie zerftreu- 
enden Borftellungen abzuwehren, Das muß Einfluß haben auf 
feine Production. Hier werden alfo ebenfalls durch diefes Be- 
wußtfein Elemente in die Darftellung fommen die der urfprüng- 
Yihen reinen Conception nicht angehören; fie find alfo nicht fo 
Theile des Ganzen wie das was urfprünglih in der Concep- 
tion liegt. Hier werben wir unterfcheiden folche Elemente die 
Cautelen find und ſolche bie Unterſtüzungsmittel find, wiewol 
beides in einander übergeht, inige werden dann Elemente 
fein die nicht eigentlich materiell find ſondern nur verfteffte 
Formen von dem was eigentlih ſchon in der Eonception lag; 


— 297 — 


denn je ſtaͤrker der Eindrukk iſt den die Theile machen, deſto 
ausdrukksvoller werben fie auch aufgenommen; je ſchwaͤcher fie 
fand, um fo Leichter giebt der Zuhörer dem unwillfürlichen 
Epiel ber Borftellung nad. Es werden aber auch folhe Vor⸗ 
Rellungen vorfommen bie den Zwekk haben das willfürliche 
Spiel der Borftelungen mit zum Zwekk heranzuziehen. Das 
find intenfive und ertenfive Elemente, um mic fo auszubräffen, 
verftärfende und binzufommende Borftellungen, die fih aber 
niht ale Theile zum Ganzen verhalten. Wir fünnen bag Bor- 
bandenfein folher Elemente richtig bezeichnen, wenn wir fagen 
daß fie nur Darftellungsmittel find, dabei aber der Regel daß 
bier eigentlich nichts Mittel ift treu bleiben; denn es Täßt fich 
eine Reihe bilden von ben mefentlichften Elementen bie zu dies 
fen ohne Unterbrechung. 

Der Geiftlihe foll in einer Continuität des religiöfen Le— 
bens verfiren, alles foll in ihm einen religiöfen Gehalt haben, 
und weil er nicht nur ein Chriſt fein foll, fondern auch ein 
wiffenfchaftlicher, fo fol er auch im Bewußtfein hierüber fein. 
Der religiöfe Gehalt aller feiner Lebensmomente fol ihm zum 
Gedanfen werden und fo ift er in befländiger Gedankenpro— 
buction begriffen; biefe ift fein befonnenes wiffendes Leben. 
Run fol er einen beſtimmten Cyklus von religiöfen Gedanken, 
der in der Einheit feines Themas Tiegt, confiruiren und ihn 
befondere berausheben und zufammenftellen und in Sprade 


: verwandeln. Da wird ein Gegenfaz ftattfinden zwiſchen diefer 


abſichtlich Fünftlerifchen Production und jener unmwillfürlichen 
fein eigenthümliches Leben conftruirenden. Beide werden ein- 
ander befhränfen. Sowie der Moment der Erzeugung, ber 
Confection der religiöfen Rede als zufammenhängendes Kunft- 
werk eingetreten ift, und von da aus ber neue Proceß ausgeht: 
wird ein relativer Gegenfaz fein zwifhen dem reli- 
gidien Leben des Redners felbft und feiner Ausar— 
beitung der Eonception. Es entftehen in ihm immerfort 
religiöfe Gebanfen aus dem Leben heraus; indem er nun feine 
Eonception weiter entwifelt, kann es nur gefchehen fofern er 


— 268 — 


ganz in die beſchränkte Einheit des Themas einkehrt und ſein 
eigenes religiöſes Leben wie es ſich entwikkelt haben würde, 
fiftirt. Wie foll diefer Gegenfaz aufgehoben werben? Die ge— 
wöhnliche Art ift die rein mechanifche, daß man fagt, der Geift- 
liche muß fi eine Zeit fezen in der er fein religiöfes Leben 
fiftirt und fich der Meditation über feinen Gegenftand widmet, 
er muß den Keim in ihm gewähren Taffen und den Entwiff- 
lungsproceß befchleunigen. Hiemit ift es eine fhlimme Sade. 
Wenige haben ſich in einer folhen Gewalt daß fie fagen Fön- 
nen, In dieſem Augenbliff will ic grade das thun und es fol 
fo gut werden ale möglih. Je weniger ſich das Geihäft auf 
Formeln und Regeln zurüffbringen läßt, defto weniger Täßt ed 
fih in eine fo beſtimmte Zeit hineinbringen. Der Proceß der 
Meditation braucht nicht in einem Stüff vollendet zu werden, 
denn die abfichtlihe Gedanfenerzeugung ift gar fehr eine Sade 
ber Stimmung und von aͤußern Umftänden abhängig. Ein 
Geiftlicher darf fih nie in die Tage verfezen daß er fagt, Jezt 
will ich meditiren; er fol immer offen fein für dasjenige was 
fih auf das religiöfe Leben der Gemeine bezieht, feine Medi— 
tation muß alfo beftändiger Unterbrechung unterworfen , fein. 
Nun ift man auch gar nicht in ber Stimmung die abfidhtliche 
Gedanfenerzeugung lange fortzufezen, wie Göthe für die Dich— 
ter als Kanon gab, dag man in ber böfen Stunde fi 
nicht abquälen müſſe. *) Doch muß man zeitig genug ben 
erfien Punkt in Drdnung bringen, damit man jede Stunde be- 
nuzen fann bie gut if. Weil diefe Gebanfen, vorzüglih Die 
welche fih im Leben felbft erzeugen, etwas flüchtiges find: fo 
entfteht die Aufgabe fie feftzufaffen, wovon der nichts weiß der 
feine Rede vorher abſchließt und begrenzt und feine anderen 
Gedanken zuläßt. Ich bin überzeugt dag auf Diefem Wege eine 
viel größere Lebendigfeit der Rede zu Stande fommt. 

Wenn wir dag Chriftenthbum überhaupt als eine Gemein- 
[haft des religiöfen Bewußtſeins anfehen, in weldher nun der- 


*) Goͤthe's Gedichte Ir Th. S. 395. Guter Rath. 


— 269 — 


felbe Geift auf eine einzelne Weife vertbeilt auch wieder in 
der Berfchiebenbeit des Momentes ftärfer oder ſchwächer fich 
regt, und ber öffentlihe Gottesdienſt an wiederfehrende Inſti— 
tntionen gebunden ift, wo die Borausfezung gilt daß ber ber 
dabei überwiegend thärig fein fol von dem Gegenftand über 
wiegend angeregt ift: fo ift auch bier jene Ungleichheit bes 
Momentes die natürlihe Vorausſezung, und jeder einzelne muß 
angefehen werben als bie Duplicität des Gebens und Empfan- 
gens in fich tragend. Daher fonnte ich nicht anders als bie 
Geſammtheit des religiöfen Bewußtfeind als Duelle darftellen 
woraus der einzelne zu fchöpfen habe, wie ich gefagt, nicht auf 
folhe Weife dag im Moment davon Gebrauch gemacht werben 
fol. Wenn wir von diefem allgemeinen ausgehen, daß jeder 
der im Kirchendienft thätig fein foll fih Durch die Geſammtheit 
anregt, auf der einen Seite durch die heilige Schrift und auf 
der anderen burch die Deffentlichfeit bes religiöfen Lebens, und 
aun ber Aufgabe der Production näher treten: fo entfteht bie 
Trage, ob fih das fo verhält daß nichts zwifchen eingelegt wer« 
den kann zwifchen jene allgemeine Maaßregel und ben Augen- 
blifk wo die Production fich thätig zeigen fol. Wenn wir bie 
Inſtitution allgemein betrachten: fo liegt die Forderung nicht 
allgemein darin, fondern es iſt ein vorberbeftimmtes gegeben. 
Wir fönnen in diefer Hinficht den Geiftlihen nicht anders alg 
im Verhaͤltniß diefer verfchiedenen Momente betrachten. Wenn 
der eine Act des Cultus vollbradt if, fo weiß er fhon wann 
er wieder einen folchen zu vollbringen haben wird, und fo ift 
fhon etwas gegeben was ihn daran mahnt; aber es giebt Ele= 
mente die eine ftärfere Erregung des Bewußtfeind mit fich füh- 
rn. Es wäre nun ganz widernatärlich, wenn feine Richtung 
für feine ganze Amtsthätigfeit ruhen follte bis der Moment 
fommt wo er den Act zu verrichten hat. Wir werben ben 
Zwifchenraum in zwei Theile theilen, den erften, um einen fe= 
fen Punkt zu faffen für die nächſte Production, wobei das Zut= 
rüffgehen auf das allgemeine das bominirende if. Aber wenn 
ſich ein ſolcher feher Punkt entwiffelt hat: fo ift von ba eine 





— 270 — 


Zeit bis zum Act des Cultus, in welcher dieſer zu feiner Vollen⸗ 
bung fommen muß. Hier haben wir es freilich mit verſchie⸗ 
denen Abftufungen zu thun; aber in welchen Verhältniſſen die 
fteben, ift größtentheild doch auch allgemein betrachtet entſchie⸗ 
den. Erftend, daß aus diefem Keim, gleichviel ob eine Einheit 
son Tert und Thenta für die thematifche Rede oder eine all- 
gemeine Anficht der Schrifterflärung in der Homilie, Gedanfen 
entwiffelt werben, ift die Aufgabe der Meditation; daß für 
biefe Gedanfen der rechte Ausdruff gefunden werde und in bie 
fer Beziehung aud eine Einheit entftehe, ift ein zweiter Punkt; 
und daß diefe beiden zu einer mündlich Iebendig vorgetragenen 
Rede werben, ift bag dritte. Wenn wir nun dad Refultat nad 
früheren Betrachtungen dazu nehmen, daß die Sprade ſich in 
der Nähe des Sprachgebietes halten foll in dem wir und ims- 
mer bewegen, und daß alled äußere das wir als begleitend 
bargeftellt haben nur foviel ald es die Befchaffenheit der Lo— 
calität erfordert vom gewöhnlichen abzumweichen hat: fo gehört 
ber größte Theil der Zeit ber Meditation. Die ſprach— 
liche Ausführung und noch ‚mehr alles was zum mufifalifchen 
und mimifhen gehört, ift ale Nebenfache und völlig unterge⸗ 
orbnet anzuſehen. Sobald wir ein umgefehrted Verfahren ben- 
fen, daß jemand mehr Zeit verwenden wollte auf die fprad- 
liche Ausarbeitung ale auf Die Meditation: fo werben wir einen 
Grundfehler vorausfezen müflen, daß der Mangel an Inhalt 
oder Ordnung verbefft werben foll durch die Sprache, bie den 
Zuhörer feithält. So werben wir biefes feftftellen, daß bie 
Meditation die innere Einheit der Rede allmählig zur geord⸗ 
neten Fülle von Gedanken entwiffeln fol, und wenn wir biefer 
den Raum gönnen den wir berechtigt find: fo wird es darauf 
ankommen ben günftigen Moment zu benuzen um ein glüffli= 
ches Reſultat hervorzubringen. 

Wenn wir das ganze Geichäft der Meditation und von 
diefem Punkt aus noch einmal Far vor Augen ftellen: fo wer- 
den wir zwei Punkte finden bie bie Grenze darftellen eines 
richtigen und methodifchen Verfahrens. Auf der einen Seite, 


— 71 — 


wenn wir ſtehen bleiben bei ber Lebendigkeit des Denkvermö⸗ 
gend und ausgehen von der freien Entwifflung von Gedanken, 
worin wir eigentlich immer begriffen find, und unterfheiden vom 
gewöhnlichen Zuftande den Zuftand der Meditation: fo gebt 
im gewöhnlichen Zuftande dieſe Entwifflung nad) gewilfen Na— 
turgefegen vor ſich, d. h. es giebt eine Anziehungsfraft des Ge- 
genftandes im Berbältnig mit dem Zuftande worin fih ber 
Denfende befindet, Wir verlaffen mit Reichtigfeit eine Reihe 
von Borftellungen, wenn fih ein neuer Gegenſtand barbietet 
der eine andere hervorruft. Die Freiheit nimmt allerdings 
babei die Geflalt des Zufälligen an. Was gefchieht alfo auf 
biefem Gebiet, wenn wir denfen, nun ift ein Enifchluß gefaßt 
über eine zu vollbringende rveligiöfe Rede? Diefer wird num 
ein folher fortwährender Anziehungspunft. Mit dem Entfchluß 
beginnt ein Beftreben diefe Entwifflung zu begünftigen; es if 
dazu, wenn wir und eine Lebendigfeit des religiöfen Intereſſes 
benfen, nichts weiter nothwendig ale daß man feithält was ſich 
in ber freien Gedanfenerzeugung auf biefen Punft bezieht. Se 
mehr der Entſchluß mit einer gewiflen Zuftimmung gefaßt wirb, 
um fo fräftiger wirb er als Impuls wirken, und man wirb 
me die Gedanken abzuwarten haben. Was von dieſem Yunft 
bommt, muß man fefthalten, und indem das Princip der An—⸗ 
ordnung ſchon gegeben ift, wird ein jedes an feine rechte Stelle 
fommen. Dies ift ber eine Grenzpunkt, benn babei ift ein 
Rinimum vom gewollten, Abſichtliche Thätigfeit if, 
daß dabei ein Vertrauen ift auf die unwillfürliche Gedanfen- 
entwifflung. Nun wollen wir und ben anderen Punft verges 
genwärtigen, Die Kortfezung des Schematismus. Diefer ift ein 
migegengefezter, aber nur formell, Man gewinnt das Mates 
trial nur durch Meberfchriften. Wenn man fi denft, man 
wolle darauf weiter verfahren: fo fällt alsdann was nod fehlt 
größtentheils oder allein in dag zweite Gefchäft der fprachlichen 
Ausarbeitung, und die Entwifflung der Gedanken foll entfliehen 
aus biefem untergeorbneten Geſchäft der zweiten Klaffe, und 
da entſteht Die Phraſeologie, die nichts anders ift als bie 


* 


— IM — 


Haut über die Knochen bes Schematismus, Fein lebendiger Or⸗ 
ganismus. Zwifchen biefen beiden Ertremen bewegt ſich das 
eigentlich richtige Verfahren. Wenn wir von ber Einfeitigfeit 
der einen und ber andern abfehen und fagen, Der thut Unredt 
ber die Gedanfenentwifflung gleihfam dem Obngefähr des Le⸗ 
bens überläßt,. und der thut gewiß Unrecht der die bloße Fort: 
fezung des theilenden Verfahrens, woburd er immer nur ein 
allgemeines befommt, als das eigentlihe Verfahren anfteht: fo 
geht das richtige Verfahren aus einer Vereinigung beider her⸗ 
vor; aber über das Maaß des einen oder des anderen werben 
wir fchwerlih etwas beftimmen fönnen, fondern das liegt im 
Gebiet des individuellen. Der eine wird fuchen daß bie freie 
Gedanfenproduction erfolgt, wenn er fih den ganzen Schema- 
tismus bis auf einen gewiffen Grab ber Beſtimmtheit gedacht 
hat, und man wirb mit Recht fagen fünnen, wenn er fi nicht 
feine freie Gebanfenentwifflung verderben foll: fo dürfe er nicht 
zu früh die Eintheilung anfangen. Dies find individuelle An- 
fihten, über die fih nichts fagen läßt als nur daß jeber wirt: 
lich das thun foll was feiner eigenthümlichen Natur 
gemäß if. Das ganze Gefchäft beftebt doch auf jeden Fall 
in einer Beweglichfeit bes Denfvermögens zwifchen biefen bei- 
ben Punkten: auf der einen Seite, indem er den urfprünglicden 
Keim und bie ganze unmwillfürlihe Gebanfenerzgeugung unter 
feine Gewalt bringt; je größer dieſe Gewalt ift bie ber ge 
faßte Entfhluß auf die unwillfürlihe Gedanfenerzeugung aus— 
übt, befto größer iſt die Sicherheit von dieſer Seite. Auf der 
anderen Seite muß aber zurüffgefehen werden auf das was 
als formelles Anorbnungsprincip aus diefem Impuls fich er- 
giebt, Je ſchwächer das erfte ba ift, deſto bürftiger wirb das 
Product; je weniger das zweite, defto weniger Funftgerecdht wird 
ed fein und weniger geeignet für Die Zuhörer feft zu bleiben; 
denn biefe müflen einen Faden in der Rebe haben, Wenn wir 
nun dazu nehmen das ber religiöfen Rebe angemeffene Ber: 
haͤltniß zwifhen Haupt- und Nebengebanfen *) und bie 


*) ©. Beilage B. 31. 


— 73 — 


Gewalt die ein jeder haben muß fich nicht aus dem eingefchla- 
genen Wege hinaustreiben zu Yaffen durch irgend eine blen- 
dende Einzelheit: fo werben wir auch wieder den anderen ne=. 
gativen Theil des Berfahrens finden, nämlich das Abdftoßen 
alles Differenten was einen Schein haben fann in das einzelne 
hineinzugehören, aber doch eigentlich nicht hineingehört. 

Das führt mich auf eine Bemerfung bie ſich bier am be- 
Ren einfchalten Taßt. Wenn wir von dieſem Gefihtspunft aus 
die Beſchaffenheit der religiöfen Rede betrachten: fo werben 
wir finden daß es eine doppelte Art von Fehlern giebt. Eine 
Rede kann unvollfommen fein dadurch, daß etwas nicht in bie 
Meditation eingegangen ift, ober nicht feft genug gehalten um 
feinen gebührenden Ort in der Rede zu finden. Daraus ent- 
Reht dag die Zuhörer das Gefühl befommen daß etwas fehle, 
Fragen wir, Warum hat der eomponirende dieſes Gefühl nicht 
auch gehabt: fo kann das nur daher fommen, daß dieſes in 
ihm gewefen ift, er hat es aber nicht richtig genug gefchägt, 
hat es nicht genug heraustreten Taffen. Aber oft if eine Rebe 
anvollklommen, in bie etwas aufgenommen ift das nicht 
hätte aufgenommen werden follen. Kein Gebanfe Fann 
in folhem Complexus ifolirt fein; ift er einmal ba: fo ift er 
auch fortwirfend für das folgende, und daher kann ein folder 
Gedanke ftörend auf die ganze weitere Auffaffung wirken, weil 
: man Zufammengehörigfeit vorausfezenb eine größere Wirffam- 
keit von biefem erwartet, Wenn ein Gedanke feiner ganzen 
Form nach parenthetifch erfcheint, fo erwartet man ſolche wei— 
tere Wirkfamfeit nicht, das ift die Natur des parenthetifchen; 
alfo davon Kann hier nicht die Rede fein, obgleich parentheti- 
ſhes Teichs zu viel werden kann. Wenn aber ein Gebanfe 
nicht auf ſolche parenthetifche Weife vorgebracht wirb: fo hat 
jeber das Recht auf eine weitere Wirkſamkeit befielben zu rech— 
nen, und ift das nun nicht der Fall, fo ift es ein Fehler. Hier 
fieht man den wohlthätigen Einfluß, wenn ber andere Gefichts- 
punkt, bie Anordnung, in Parallelismus bleibt mit der Geban- 
lenentwikklung. 

Veoitifäe Therlegie. 1. 18 


— 2714 — 


Die Production auf diefem Gebiet ift an gewiffe Zeitpunfte 
gebunden und biefe Tiegen in einer befiimmten Weite augen 
ander. Es fragt fih, wie fi bie Entfernung verhält 
zu der Kraft Des Redners. Wenn einer jagen kann, ich 
brauche die ganze Zeit rein zu dieſem Gefchäft: fo if er in 
einer Rage worin er nicht fein fol, weil fein ganzes veligiöfes 
Leben fiftirt würde. Die Productionen dürfen nicht fo nahe 
an einander treten daß ber Geiftlihe Feine Zeit für das ei- 
gene religiöfe Leben behält. So giebt ed nun auch ein Mini» 
mum, und daher .‚verfchiedene Arten zu Werfe zu gehen, die 
alle gut find, nur jede für einen anderen. Es wird jeder von 
ferpft fühlen daß je mehr die Zeit der Production von dem 
eigenen religiöfen Leben gefchieden ift, defto weniger bie Pro- 
duction die rechte Lebendigkeit haben kann; fie wird an dem 
erzwungenen und troffenen leiden. Iſt dad nun wirklich noth- 
wendig? Es iſt hier nicht die Rebe von ber Ausarbeitung bed 
ganzen in Beziehung auf den Ausdruff, nur von der einzelnen 
Gedankenproduction. Natürlich fcheint es zu fein, Daß dies eine 
fortgefezte Befchäftigung ift von dem Moment an wo fi die 
Einheit beftimmt hat, ohne daß fie eine für fich verfchiebene 
Zeit einnimmt. Es ift eine Idee bie fih im Leben fortiegt 
und von welder ſich die einzelnen Gedanken entwiffeln mäflen 
- aus dem Leben und der Schriftbefchäftigung heraus, und wird 
man die Vollſtändigkeit derfelben inne: fo wird man an bie 
Ausarbeitung der Sprache gehen fönnen. Kine reiche leben- 
bige Production wird nicht auf dem einen Wege fo gut zu 
Stande fommen wie auf dem anderen. Die Hauptregel ift 
bier, bag man fo zeitig als möglich mit der Conception 
ins reine fomme und die Idee fortwirfen laffe, 

Wir können hier nur zwei Gefichtöpunfte fefihalten. Ma⸗ 
hen auf eine willfürlihe Weife Täßt fih die Gedankenerzeu⸗ 
gung nit. Iſt einmal eine dee zu einer Compoſition gefaßt, 
fo iſt aud ein Proceß der Gedanfenerzeugung in Beziehung 
auf dieſe Idee im Gange, und es fann nur darauf ankommen, 
einerfeits ihn richtig zu Teiten, anbererfeits ihm das vente 


— 25 — 


Maaß zu geben. Was die richtige Leitung betrifft: 
fo defteht fie darin, daß nichts mit aufgenommen werde was 
nicht bineingehört, und das ift Sache der fi mit entwiffeln- 
den Dispoſition; fobald fie feſtſteht, muß auch feftftehen was 
in die Rede bineingehört und was nit. Was das rechte 
Maap betrifft: fo kann der Gedanfenproch zu ſchwach 
fein, und dann fol ihm nachgeholfen werben; oder zu flark, 
und dann muß er befchränft werden. 

Mit dem Ueberfluß denft man ift nicht ſchwer zu wirth- 
haften; es ift auch nicht, Denn wenn man- die Elemente feiner 
Rede zufammen hat, fie mögen entftanden fein wie fie wollen, 
und man findet daß fie über dag eigentlihe Bebürfniß hinaus- 
gehen: fo kommt ed auf die Auswahl an dasjenige zu ſcheiden 
was überflüffig ift und dasjenige zufammen zu halten was dem 
Thema genügt. Diefe Auswahl ift eine Kritif, und fo fommt 
ed darauf an die Principien dieſer Kritif aufzuftellen. Für 
diefen Fall giebt es feinen anderen Kanon ald daß die Be- 
ſchhränkung eine gleihmäßige fei, damit bie einzelnen 
heile ber Rede in ihrem natürlihen Verhältnig bleiben. Das 
Berhälmiß ift keineswegs das einer abfolut abgemeffenen Zeit- 
gleihheit, Es ift nicht möglich daß in jeder Rede alle Haupt- 
heile ſolche Gleichheit haben, aber das Verhältniß derfelben 
liegt fchon in der Beziehung ber Theile auf die Einheit bes 
Ganzen, und in dieſem Berhältnig muß es bleiben. Sofern 
als die Dispofition eine Priorität hat vor der Erfindung, muß 
es fih in der Dispofition ſchon firiren, und dies Verhältniß 
welches natürlich enifteht zwifchen der Einheit des Themas 
und der Dispofition muß feftgehalten werden. Nun aber giebt 
ed außer dieſer quantitativen Negel und Befchränfung noch 
eine qualitative, bie fih natürlih aus dem gefagten ergiebt. 
Wir Haben gefehen, wie der Ausdrukk und die Aufftellung dee 
Themas und ber Dispofition etwas zufälliges if. Die gege- 
bene Regel bezieht fih auf diefe Aufſtellung. Wir haben ge- 
fehen, daß beides überflüffig wird in dem Grabe als in jedem 
einzelnen Theil der Rede das Ganze mitgefezt ifl. Das ift 

18* 


Lei 


— 21716 — 


beswegen auch bie qualitative Bollfommenheit ber einzelnen 
Theile, und fowie eine Befchränfung eintreten muß, muß fie 
hienach gemeffen werben. Das ift bad wefentlihe was am 
beftimmteften die Idee des Ganzen in fih trägt; alles was 
einzeln für fich fein will, iſt ein Ueberfluß. Was biefer Form 
des ungehörigen am äbnlichften ift, iſt das was mit ber ge= 
ringften Aufopferung muß weggeworfen werben koͤnnen. Es 
wird fih in ber Praris Teicht zeigen was am meiften biefen 
Tadel auf fih ladet und zu eliminiren if. Das gefagte muß 
jedoch nicht zu fireng genommen werben. Alles einzelne was 
fein völliges Necht hat in die Compoſition zu gehören, muß 
an feiner Stelle die Idee des Ganzen in fi tragen; aber daß 
alles einzelne mit einander verglihen von bemfelben Werth 
fein müffe, ift nicht möglid. Der Gegenfaz zwifchen dem was 
eigentlich Element ber Darftellung ift, felbft bargeftellt werben 
foll, und demjenigen was Ausdrukk ift und Darftellungsmittel, 
ift relativ. Es giebt auch Gedanken die nur Darftelungsmit- 
tel find, und diefe dürfen in Feiner Rede fehlen. Jedes Bild 
und Beifpiel ift Darftellungsmittel. Es. giebt alfo in ben ein- 
zelnen Gebanfen eine Differenz des unwichtigeren und wichti- 
geren, und man muß nur bie Einheiten recht conſtruiren um 
das Ehenmaaß zu finden. Das was Darftellungsmittel if, iſt 
nur ein Theil eined größeren. Wenn wir bad vorwegnehmen: 
fo ift offenbar daß in einem jeden organifchen Theil ber Rebe 
in Beziehung auf die Bebeutfamfeit des Inhaltes bes darzu— 
ftellenden ein Steigen und Sinten if. Diefe Differenz gehört 
zu der Lebenbigfeit des ganzen, und es koͤnnte nur eine me= 
hanifche Compoſition fein die nicht eine ſolche Dfeillation hätte. 
Dies wechfelnde Steigen und Sinfen ber Bedeutfamfeit des 
Inhaltes und des Tones kann fehr verſchieden georbnet fein, 
hängt aber von ber Natur der Dispofition ab. 

Man kann eine Vorliebe haben für einen Gedanken feiner 
Form wegen ober wegen ber Art wie er entfianden if. 
Das erfte ift im Zufammenhang mit dem was man Manier 
nennt, eine häufig wiederkehrende und beftimmt ſich auszeich⸗ 


— 2171 — 


nende Form ber Gedanken. Wer eine Neigung zu bem ma- 
mierirten bat, wird am leichteften eine falfche Auswahl halten, 
weil er durch die Idioſynkraſie beftochen wird. Das zweite 
hängt zufammen mit dem was wir Laune oder Humor nen- 
sen. Das findet in manchen Compofitionen feinen natürlichen 
Ort; aber finden wir in der religiöfen Rede Gebanfen bie aus 
einem Anfall von Laune entftanden find: fo werben wir fie ta= 
bein, weil dergleichen immer den reinen Proceß des Auffaſſens 
hemmt und zu fehr an das einzelne firirt. Das einzige was 
bier zu fagen ift, if die Sorberung eines firengen Achtgebens 
auf ſich ſelbſt. 

Einem zu ſchwachen Gedankenproceß nachzuhelfen 
M ſchwieriger. Es kann damit eine verſchiedene Bewandniß 
haben. Iſt er deswegen zu ſchwach weil des Geiſtlichen reli— 
güöfes Leben zu ſchwach iſt: dann iſt ihm gar nicht abzuhelfen, 
daun wirb ber Geiftlihe nur ein Echo eines andern und ein 
Compilator fein, und beffer gethan haben einen anderen Stand 
m wählen. Aber davon abgefehen fann es doch möglich fein 
daß der Gebanfenproceß in einzelnen Fällen zu ſchwach ifl. 
Boher Tann das kommen? Eigentlich muß man es zurüfffüh- 
ren auf den Act ber Conception felber, entweder daß die Wahl 
mrichtig gewefen ift, ober der Moment fein recht fruchtbarer; 
denn das Gelingen der Gebanfenerzeugung hängt ab von ber 
Lebendigkeit und Richtigkeit der erften Conception, es ift Sache 
des Tactes und bes Vorgefühls. Je öfter biefer Fall eintritt, 
deſto träbfeliger ift die Gefchäftsführung bes Geiftlihen von 
biefer Seite, und es iſt am wichtigften feftzuhalten daß ber 
Moment wo man coneipirt der rechte if. Im ganzen Proceß 
der Eompofition von Anfang an muß das begleitende Gefühl 
fein daß der Geiftliche in der Gemeinfchaftlichkeit bes religiöfen 
Lebens verfirt und daß er in einer fehriftmäßigen Compoſition 
iſt. Wenn dies Bewußtfein Iebendig ift, muß auch die Ge- 
danfenerzeugung ihren richtigen Gang geben; fobalb eins von 
beiden fehlt, muß eine Unficherheit entſtehen. Entſteht ein Be- 
benfen über bie Schriftmäßigfeit der Compofition: fo ift es 


— 7718 — 


ein Zweifel an der Wahrheit derfelben und muß den Proceß 
bemmen; ift ein Bebenfen darüber, daß das concipirte nicht 
im gemeinfchaftlihen religiöfen Gebiet Tiegt: fo ift ed ein Zwei: 
fel an der Fruchtbarkeit und Nüzlichfeit der Compofition. 
Tritt dieſes beides nicht ein, fo muß jede Konception ihren 
glüfftichen Fortgang haben. 

Die Geiftlihen fommen nicht durch einen allmähligen Ueber⸗ 
gang fondern oft zu yplözlih aus dem rein wiffenfchaftlichen 
ohne Praris ing geiftlihe Amt: fo entfteht fo leicht ein Miß— 
verhältniß, daß ſich eine Idee aufdrängt von der man fich viel 
verfpricht als Einheit der Rede; bei der Gebanfenerzeugung 
ſtößt man aber auf Mängel. Oft ift das Thema nicht unter- 
fügt dur die unmittelbare Erfahrung und Beobachtung anf 
bem religiöfen Gebiet. Je mehr die Tücdhtigfeit im Leben zu⸗ 
nimmt, deſto mehr firirt fih das Verhältniß beider Arten der 
Gedanfenerzgeugung. Der Act der freiwilligen Gedanfen- 
erzeugung befommt mehr Uebergewicht und bie abſichtliche 
Meditation nimmt immer mehr ab. Sch fürchte daß dieſe meine 
Weberzeugung Kezerei fei, denn in den übrigen Theorien wirb 
immer die abfihtlihe Meditation oben an geftellt. Das 
fheint mir nicht das richtige zu fein. Don eigentliher Reife 
benfe ich mir die Frucht nur aus der Erfahrung und bem Le— 
ben heraus; fowie bie erfte Conception geſchehen, if eine Ges 
banfenerzeugung entflebend bie nicht eined Sporns und einer 
Teile bedarf. Sowie die abſichtliche Meditation bleibt: fo 
glaube ich daraus fchließen zu Fönnen daß der Geifllihe nicht 
wohl in feinem Amte lebt. Wie fann man dem Mangel der 
freiwilligen Gebdanfenerzeugung abbelfen? Dean fol aus Tert 
und Thema Gedanfen ſuchen. Das nennen die alten Rhetori- 
fer inventio. Ich finde das befonders hinfichtlich der religiöſen 
Rede durchaus unpaſſend. Was follen die Gedanfen ber re- 
Tigiöfen Rede fein? Ausdrukk des im gemeinfamen religiöfen 
Leben vorfommenden Gemüthszuftandes. Da kann nichts er- 
funden werden und alles erfundene ift falfh. Das Vermögen 
durch Sprache ſich mitzutheilen muß jeder haben der eine wiſ⸗ 


— 779 — 


ſenſchaftliche Bildung bat; alfo zuerſt das Vermögen der Re— 
flerion über fein religiöfes Bewußtfein, und dann dieſe feftzu- 
halten und in ber Sprache wiederzugeben. Eine gewiffe Hebung 
in ber Compofition der Sprache muß man auch bei jedem vor- 
ausfezgen. Giebt es ein eigenes Studium ber religiöfen Rebe: 
fo ift es fein anderes als das religiöfe Leben überhaupt mit 
ber religiöfen Weltbetrachtung. Das ift ein fortgehendes. Da 
das Studium ſchon vor dem eigentlichen Eintritt ind Amt an- 
gefangen hat, fo wirb der Zeitraum ſich abfürzen wo bie Com⸗ 
pofition noch an diefem Mangel leidet, Da giebt e8 ein Mit- 
tel was aber feine bedenflihen Seiten hat, dag iſt das Stu- 
dium von ähnlichen Productionen, in denen man bag Material 
findet. Das ift eine Ergänzung der eigenen Erfahrung. Alte 
Meifter haben ihre eigene Erfahrung von dem Gefammtleben 
in ihren Eompofitionen niedergelegt. Doch muß man das Stu- 
binm nicht zu dem Bebürfniß einer einzelnen Rede treiben, ba 
wärbe man ſich für das Ganze mehr ſchaden als für ben ein- 
seinen Fall Vortheil fhaffen; es würde fih eine Nachahmung 
gehalten, welches fein Unglükk ift wenn fi nur nicht Einfei- 
tigkeit geſtaltet. Man eignet fih nur eine bee besjenigen an 
welcher der eignen Individualität am meiften zuſagt. Gewoͤhnt 
man fich daran nach einer fremden Anorbnung zu arbeiten: fo 
töbtet man bie Kraft der eignen Compofition im erften Keim; 
daher kann ich nur Dagegen warnen. Der Stoff der religiö- 
ſen Rebe muß fih durchaus im Leben entwilfeln, die Form 
iR dem Studium überlaffen, aber niemals in Beziehung auf 
eine einzelne Rede. Man muß befto eifriger fihöpfen wo eine 
Hülle religiöfen Lebens niedergelegt if. Es giebt außer Pre- 
digten noch andere Bücher wo ſich das religiöfe Bemwußtfein 
mehr aus dem Leben heraus ausfpricht. Daher je mehr Pre« 
bigten aus Predigten entſtehen, um deſto mehr entfernen fie 
fih von ber linmittelbarfeit des religiöfen Lebens und werben 
deſto tobter; wogegen wenn ein Anfänger ben Mangel an frei- 
williger Gedankenerzeugung durch abfihtlihe Meditation ergän- 
zen will, ohne bag er vorher wirflihen Stoff aus bem Leben 


— WO — 


gefammelt hat: fo wird er nie etwas anderes als eine trokkene 
Chrie proburiren, und es werben bie gewöhnlichen Mittel an⸗ 
gewandt, welche diefen Mangel an Gebanfen verbelfen follen, 
Phrafeologien. Nicht ohne Seufzer fann man den Troß von 
Büchern betrachten, den man ben Geiftlihen als Hülfsmittel 
in die Hand giebt um ihnen einzelne Gedanken zuzuführen. 
Das fezt Prediger voraus bie nicht fein follten. Der Prediger 
der ſolche braucht, ift nicht zu entfchuldigen; er muß fich ſelbſt 
als gemeiner Rechenknecht ober als fchlechter Rhapſode erjchei= 
nen, und das befte Autobafe wäre alle dieſe Hülfsbücher dem 
Feuer zu übergeben, 

Hier find nun noch einige Bemerfungen hinzuzufügen. 
Wenn es darauf ankommt entweder einer zu fparfamen Ge= 
banfenerzeugung nachzuhelfen oder eine zu reihe zu befdhrän- 
fen: fo bietet ſich beſonders zweierlei dar, was fich jedes auf 
ben einen Punft aus welchem die Gebanfenerzeugung hervor⸗ 
geben muß bezieht. Sie muß hervorgehen aus der Gemein- 
famfeit bes religidfen Lebens; das Leben der Gemeine in fei- 
nem religiöfen Gehalt muß dem Geiftlihen gegenwärtig fein. 
Andererfeitd muß der Proceß der Conception auch aus bem 
beftändigen Schriftverfehr hervorgehen. Aus dem lezteren Moment 
entftieben Sthriftanführungen, aus dem erfieren Erem- 
plificationen. *) If die Gebanfenerzeugung zu ſchwach, 
fo ift das ein gewöhnliches Hülfgmittel; ift die Gedankenerzeu⸗ 
gung zu reich: was fönnte man eher weglaflen, zu mannigfal- 
tige Eremplificationen oder zu gehäufte Schriftetate? Wie 
fteht es mit ſolchen Hülfsmitteln, die ald Ergänzung gebraudt 
werben fönnen und auch weggeworfen werben?! Es ſcheint 
baß fie beide ein Weberfluß find und daher auch eine mangel=- 
bafte Ergänzung. Das fiheint aus dem gefagten natürlich zur 
folgen; andererjeits wird es jeder paradox finden wenn man 
fagt, es fei überflüffig. Es ift eine gewöhnliche Vorftellung, 
daß eine Predigt recht populär würbe durch die Eremplification. 


) S. Beilage A. 40. 


— 281 — 


Dos iſt falſch. Gewöhnlich denkt man ſich, die Maſſe vers 
moͤge nicht allgemeinen Vorſtellungen zu folgen, man müſſe es 
ihr in ſinnlichen Vorſtellungen geben. Das ſinnliche in ſeiner 
Einzelheit als Beiſpiel iſt aber nicht auf die Mehrheit der ein- 
zelnen anwendbar, und nichts kann fih jemand Teichter vom 
Halfe fchieben als ein Beifpiel; er fagt, das ift nicht mein 
Ball, und dann ift Die Gefchichte zu Ende. Soll das Beifpiel 
fruchtbar fein: fo muß er das allgemeine hineinlegen und feine 
befondere Einzelheit Doch wieder darin finden und dem allge- 
meinen fubfumiren. Die rechte VBerfinnlihung ift das 
Bild, das hat auch eine relative Allgemeinheit, und nur wie- 
fern das Beifpiel einen bilblichen Charakter hat, ift es ein rich- 
tiges Element ber Rede, Was ben Schriftgebraud be— 
trifft: fo if Die gewöhnliche Borftellung, daß eine religiöfe Rede 
erſt recht chriftlich würde durch eine große Maſſe von Schrift- 
citaten. Eine Predigt kann aber ganz hriftlih und bibliſch 
jein ohne daß eine einzige Bibelftelle darin vorfommt. Je mehr 
fe eine reine Entwilflung des Textes ift, befto bibliſcher iſt 
ſie. Je mehr ich die Kraft des Textes in Anſpruch nehme, 
deſio weniger Veranlaſſung werde ich finden zu anderen Stel- 
len überzugehen, und der eigentliche wahre Schriftgebrauch ifl 
bie ganze Benuzung bes Textes. Wenn man fi eine Noth- 
wendigfeit einbilbet, innerhalb gewiſſer Diftancen Schriftftellen 
zu haben: fo ift das verkehrt, und die Meinung baß nichts 
mehr die Aufmerkfamfeit des Zuhörers fefthalte, ift eine falſche. 

Gehen wir auf den Unterfchied zwifchen Homilie und Pre- 
digt zurükk: fo ift offenbar daß die Homilie weniger aus dem 
Zert herausgeht. Wenn fie ihrer eigentlichen Beftimmung treu 
bleibt, einer paränetifhen Auslegung: fo wird fie immer am 
Zert feftbalten, und es findet bann fein anderer Schriftgebraud 
Ratt, als andere Stellen nur zum Behuf der Auslegung ber- 
beiquzieben. Gehen wir zur Predigt: fo finden wir einen di— 
vergenien Schrifigebrauch. In dem Maaß als fie ben Text 
als Einheit verläßt und den Schriftgebrauch anwendet, erwei⸗ 
tert fie fich nach der Peripherie hin auf Koften bes Eentrumsg, 


— 2 — 


das mit dem Thema als Brennpunkt des ganzen daſtehen ſollte. 
Hier wird auf der einen Seite ſo viel verloren als auf der 
anderen gewonnen am Schriftgebrauch ſelbſt. Was ben Ein- 
wurf gegen einen häufigen Schriftgebraud betrifft: fo kommt 
ed darauf an, wiefern die Zuhörer mit der Schrift befanut 
find oder nicht. Sind fie mit der Schrift unbefannt: was ge- 
winnen fie dadurch? Sezen wir neben ber Unbefanntfchaft ein 
Berlangen nach der Schrift voraus: fo werben fie die Stellen 
behalten. Das ift aber ein fremdes Intereffe, wodurch fie vom 
unmittelbaren abgezogen werben, fie werden zerſtreut. Sezen 
wir den Fall daß fie mit der Schrift befannt find, fo tritt Died 
ein: die Befanntfchaft des Volkes mit ber Schrift iſt eine frag- 
mentarifche; Die einzelnen Stellen haben einen gnomifchen Werth, 
find von einem jeden ber fie fennt auf verfchiedene Weife an- 
gewandt worden und es haftet an ihnen eine Menge folder 
Erinnerungen. Je mehr der Schriftgebrauch ſich Ioslöft vom 
Zufammenhang des Vortrags und die einzelnen Stellen ihrer 
ſelbſt willen da find, deſto mehr regen fie alle jene Erinnerun- 
gen auf, und das hat fein gutes, nur nicht in der Prebigt; da 
-wirb es ein fortwirfender Reim der Zerfireuung und ber Stö- 
rung des Zufammenhanges zwifchen dem Zuhörer und Redner, 
und kann man es nur rechtfertigen in dem Maaß ald man 
feinen Werth Tegt auf das wirkliche Auffaffen der Rede und 
ihrer Einheit, ine jede angeführte Schriftfielle muß baber 
zugleich angefehen werden ale ein einzelner Theil der Rebe, 
Iſt er vollfommen, fo if Die Sache gut; wo nicht, fo wirb 
ber Eindruff und der Zufammenhang der Rebe auf gleiche 
Weife dadurch geflört. Das wahrhaft biblifhe befteht 
gar nicht in einer Maffe angeführter Schriftſtellen, 
fondern darin, daß alle einzelnen Gedanken ihr bi— 
blifhes Kundament haben, ohne daß es ausbrüfflich her— 
vortritt, und daß bie Rede im Zufammenbang der ihr zum 
Grunde Tiegenden Schriftftelle felhf gedacht und burchgeführt 
iſt. Je mehr die Rede aus folhen Sägen befleht bie ein bi⸗ 
bliſches Aundament haben, deſto mehr werben den Zuhörern 


— 283 — 


die mit der Schrift bekannt ſind Schriftſtellen einfallen, und 
das iſt fruchtbarer als wenn Schriftſtellen vorgetragen werden 
die außer dem Context liegen, und jenes Einfallen kann den 
Zaſammenhang niemals ſtoͤren. 

Das nächſte was wir zu betrachten haben, iſt die frag— 
mentarifhen Gedanken, wenn fie geordnet find, auf 
die paſſendſte Weife auszuſprechen. Es giebt Feine 
Sorfiellung ohne Wort und in einem Complex von Gedanken 
mfteht erft bie wahre Einheit durch bie Mebereinfiimmung bes 
Auspruffs. Dies führt auf eine zwiefache Art, wenn bie Vor⸗ 
Rellung fragmentarifch gekommen, und wenn fie im Zufammen- 
ange der Rebe mit dem übrigen verbunden und im Ausbruff 
ibereinſtimmend dba if. Fragen wir, ob beibes baffelbe fein 
kann, d. h. wenn ein Gebanfe entfteht, ob er auch entfteht mit 
vemfelben Ausdruff, wonah er volllommen mit bem anderen 
mfammenflimmt. Wenn mir babei biefes bebenten, daß wir 
hier ebe dieſer Proceß diefes einzelnen Entwurfs anfängt, bie 
Theile die auf einander folgen follen zugleich im Sinn haben, 
die Hauptdispofition feftfteht: fo ift offenbar zwiſchen dieſen 
 Theilen ein Verhaͤltniß. Es foll, wie wir gefagt haben, ein 
ſolches fein daß jeder Theil das ausichließt was in den an⸗ 
beren gehört. Die Gewißheit daß ein ſich bdarbietender Ge⸗ 
danke in einen beſtimmten Theil der Rebe gehört, iſt Diefelbe 
mit ber, daß er von einem andern ausgefchloffen wird, aber 
in dem Thema feine Wurzel bat, Wir brauchen dieſes nur 
feftzuhalten, um gewiß zu fein dag indem man mit dem erften 
Theil beſchaͤftigt ift, man den zweiten Theil vorausdenken muß. 
Run iſt es nicht möglich den anderen Theil zu denken bloß in 
der Negation des Ausfchließend. Haben wir ihn im Sinn: fo 
wird Diefer auch productiv wirkſam. Daher wirb es nicht 
durchzuführen fein, daß die Production der einzelnen Gebanfen 
der natürlichen Ordnung folge. Wir werden doch indem wir 


im erften Theil arbeiten, Gedanken befommen die in ben zwei⸗ 
ten und dritten Theil gehören, und diefe können nicht in dem= 


ſelben Ausbruff emſtehen in welchem fie hernach bleiben können. 


4 


— 3 — 


Hieraus geht aber ſchon hervor daß es auch unrichtig fein 
würde auf dieſe Weife nur beim erften Theil ber Rede zu 
beginnen, wenn wir vorausfezen, in Bezug auf biefen habe 
nichts ähnliches fattgefunden, ba hätten nicht andere Gebanfen 
vorgeſchwebt. Nun wollen wir benfen, bie Gebanfen bie in 
den erften Theil oder die erfte Unterabtheilung gehören, ent⸗ 
ftänden erft indem man anfängt den ganzen Zufammenbang 
bervorzubringen, und nun entflehen andere aus fpäteren Ab- 
fhnitten zuerft fragmentarifh, würden aber bernach in Leber= 
einftimmung gebracht; würde nicht die Folge fein, baß ber fol= 
gende Theil beſſer durchgearbeitet fein würde als ber erfie? 
Und fo werben wir alfo auch beim erften Theil eine fragmen⸗ 
tarifhe Vorarbeit fezen muͤſſen. Bei der Homilie wird baf- 
felbe ftattfinden, Hier haben wir als Hauptaufgabe geftellt Die 
boppelte Richtung die in der Production nothwendig genommen 
werden muß, in bie Seele des Schriftftellers hinein, um feine 
Gedanfen im wahren Zufammenhange ſich anzueignen, und 
dann in bas religiöfe Leben unb den Gemüthgzuftand im Gan- 
zen der Gemeine, auf welchen wir biefem Schriftabfehnitt eine 
Yebendige Beziehung geben wollen. Das werben wir auch als 
zwei ſich beftändig unterbrechende Operationen benfen müflen. 
Sp gefhieht alfo Hier baffelbe und ber richtige Ausdrukk kann 
erſt als eine zweite Geftaltung werben. Hieran fnüpft ſich 
alfo zuerft eine allgemeine Regel für das ganze Verfahren ber 
Eompofition, nämlich daß fie nicht als eine ununterbro- 
hene entfieben kann, fo bag jeber Theil fo bliebe wie er 
vom Anfang an zuerft gewefen ift, fondern daß wir ung we- 
nigftens zwei verfchiebene Operationen zu benfen haben, das 
Werben ber einzelnen Gedanken als einzelner, und bag Zu= 
fammentreten des richtigen Ausbruffs in dem Zufammenhang. 
Hierans folgt, bag man niemals die Form in der fih ein Ge— 
banfe zuerft darbietet, als die Definitive aufftellen faun. Wenn 
man fi) das auch nur möglichft genau zur Negel machen wollte z 
fo würde daraus nichts anders entftehen als eine Ungleihmä= 
Bigfeit im Ausdrukk; denn wir müffen bier auf die Ungleihheie 


— 285 — 


des Moments Rüfkficht nehmen: nicht jeder hat in jedem Au- 
genbliff eine günflige Rage die Gebanfen vorzunehmen. Wie 
ed eine befondere Operation ift für den Gedanfen die Form 
iu finden die er im Zufammenhange mit dem Ganzen haben 
muß: fo wird dieſes nicht die Sache des Augenbliffes fein. 
Se vollfommener die Form erfiheint, in der ein Ge— 
banfe fih zuerft darftellt, ein defto größeres Miß- 
kauen muß man bagegen haben, ob es bie richtige 
fei. Weil ein Ausdruff auch einen Grad von rhythmifcher 
und mufifalifcher Vollkommenheit haben muß: fo ift Far, daß 
mar einen Ausdruff nur für vollfommen halten kann wenn 
Ihm auch diefer zufommt. Man kann im erſten Augenbliff aber 


mnichtt überfehen welder Accent ihm zufommt. Wenn man ber- 


nah den Ausdrukk feftbalten wollte: fo würde man oft in ben 
Ball fommen etwas verkehrtes feflzuhalten. Daraus entfteht 
auch dieſes, daß die Gedanfen die mit folder Vorliebe feftge- 
halten werden, nicht von folder Bedeutung find. Doc ift es 
feine Unvollkommenheit, fondern das günftigfte, wenn die Ge- 
danken fich für den Ausdrukk auf eine unbeftimmte Weife dar⸗ 
Rellen, Dann werden fie fih in Beziehung auf die Sprache 
bearbeiten Taffen ohne daß etwas vorberbeftimmt ift wenn fie 
in den Zufammenhang treten, und fo wird man als Regel bie 
für den Anfang ber Arbeit nothwendig if anfehen, daß die 


Reinzelnen Gedanken erfi vorläufig gefaßt werden, 
and eine zweite Arbeit erfi ihnen bag äußere Gewand 


giebt wie es im ganzen fein kann. Hiemit erfcheint es 
als ganz abgeſchmakkt, dag die Rede in Beziehung auf bie 
ganze Folge der Gedanken und in Beziehung auf die Sprad- 


bearbeitung erft im Moment eniftehen kann wo fie vorgetragen 


werden fol, und ift das Extemporiren in dieſem Sinn für et= 
was ganz unftatihaftes zu erflären. Das eben gefagte giebt 
ws am beften den Uebergang zur Theorie bes Ausdrukkes - der 
religiöfen Rebe. 


— 286 — 


4. Bon der Theorie des Auspruffes, 


Wir weifen auf bag frühere zurüff, daß man feine ſtrenge 
Grenze ziehen Tann zwifchen der Gebanfenerzeugung fofern fie 
Erfindung ift, und zwifchen ber Sprachbehandlung fofern fie Dar⸗ 
ftellung ift, weil es einzelne Gedanken giebt bie ſelbſt fhon 
Darftellungsmittel find. Wir unterfcheiben wieder eine fub- 
jective und objective Seite der Theorie; bei ber Yezteren 
wollen wir anfangen und fragen, Wie muß der Ausdrukk 
in der religiöfen Rede befhaffen fein? Manches bie- 
hergehörige ift in der Elementarbetradhtung ſchon vorgekommen. 
Das erfte worauf wir zurüffgehen ift, daß ber Ausdruff in 
ber religiöfen Rede aus bem reinen Gebiet der Profa*) 
genommen fein muß, daß alles poetifche in berfelben außer 
feiner Stelle fein würde. Die Unterfuchung, was eigentlich in 
ber Sprache profaifch und was poetifch ift, ift von zu allge⸗ 
meiner Natur um bier angeftellt werben zu Tönnen und muß 
aus der allgemeinen Kennmiß der Sprache vorausgefezt wer- 
den. Es giebt einen Unterſchied zwifchen Profa und Poefte in 
ben Spradelementen, worunter ſowol bie materiellen ale for⸗ 
mellen zu verftehen find, die Worte fowol als die Formen. 
Aber es giebt noch einen Unterſchied, abgefehen von dem zwi— 
fhen Silbenmaaß und Numerus, den im Periodenbau, ber 
durch jenen influenzirt iſt; der poetifche ift anders als ber pro- 
faifhe., Der Periodenbau ift das was am meiften in ber 
Compofition des componirenden bominirt und flelt man fich 
den Kanon, in einem vollfommen profaifhen Ausdrukk zu blei⸗ 
ben und in dem Wechfel von kurzen Sägen und zufammenge- 
festen Perioden, der der Proſa charakteriſtiſch if: fo ift man 
in gewiffen Grenzen gehalten, und wird ſich nicht in das Ge— 
biet des poetifchen hineinverirren, Es ift eine Hauptregel, nicht 
im den Gebrauch der poetifchen Profa geführt zu werden. Da 
läßt ſich nichts befferes empfehlen als das Studium der alten 


*), 2. Beilage A. 41. h 


— 31 — 


Rebner, wo man and nicht die geringfte Affimilation an das 
poetifche finden wird und wo ber Typus ber Profa in feiner 
Strenge fih lebendig machen fann. Keinesweges find fie aber 
in der Erfindung zu imitiren, das verfteht ſich von ſelbſt. In 
unferer Sprache haben wir mehrere Schriftfteller die wir als 
llaſſiſch aufſtellen, die zugleich poetifch und profaifch find, be= 
jonders vier: Göthe, Schiller, Herder, Wieland. Da 
kann man beobachten bie BVerfchiedenheit der Meifterfchaft in 
bem Auseinanberhalten von beidem. Wieland ift der der am 
lihteen in feiner romantifchen Profa in bie Poeſie übergeht; 
Böthe trennt beides am meiften von einander; Herber ift mehr 
in der Annäherung an Wieland, und Schiller mehr in ber an 
Goͤthe. Herber bat ein befferes Maaß als Wieland, Schiller 
iR nicht fo ſtreng unterfeheidend als Göthe. - Beides zufammen- 
genommen foll ung bewahren vor allen Fehlern gegen bie erfte 
Orundregel. Es ift von großer Wichtigkeit für den Totalein- 
druff einer Einheit die Stimmung zu erhalten, und bie wirb 
durch das poetifirende immer verlest. 

Die zweite Bollfommenheit des Ausdrukks, die freilich ſehr 
genau mit der Gedankenerzeugung zufammenhängt, ift, daß der 
Ausdrukk durchaus populär *) fein muß, aus dem Sprad- 
keife ber Gemeine hergenommen, fo daß fie fich das gefagte 
. mmittelbar mit der Sprade aneignen und in einer durch bie 
Sprachdifferenz nicht geftörten Nacheonftruction der Gedanken 
bleiben könne. Nun find wir in einer üblen Lage hiebei. Wenn 
wir auf unfere Randgemeinen fehen: fo haben dieſe einen fehr 
beihränkten Sprachfreis und kann man dem nicht genügen ohne 
dag man in dem plebejen verfirte. Andererfeits, fehen wir 
‘auf die fäbtifchen Gemeinen: fo find dieſe gemifcht aus ganz 
verſchiedenen Bolfsklafien, und die Aufgabe ift, Daß die Sprache 
verfiten muß in dem Sprachgebiet das allen dieſen gemeinfam 
iR, und das ſcheint fehwer zu firiren. Alle Familien die un- 
fere Gemeinen conftituiren, find im bürgerlichen Verbande ge= 





) ©. Beilage A, 41. 


— 288 — 


faßt, im Verkehr mit der Sprache die auf dem bürgerlichen 
Gebiet zwiſchen Obrigkeit und Unterthanen geführt wird, find 
von ber glebae adscriptio befreit, auf das Gebiet der gemein- 
famen Sprache hinübergefeztz das ift das worauf man in Be: 
ziehbung auf die religiöfe Sprade bauen muß. Das ungebil- 
dete ift das plebeje, das durch alle Sorietätsfreife gebt, in 
ben höftfhen Zirfeln fo gut wie in den Bierhäufern zu finden, 
nur anders conftruirt. Da ift ed das Hecht ber Kunft, daß fie 
fih in denen die fih mit ihr identificiren an das gebildete in. 
ihnen anfchließt und die Gewöhnung an das ungebildete nicht 
förend einwirken fann, Wir brauchen nicht anzunehmen, daß 
es in ber Differenz des antifen und modernen gegründet fei 
daß die Alten hierin einen Vorzug hatten; unfer Volk ift eben 
fo fähig das gebildete aufzunehmen, wenn es auf gehörige 
Weiſe angebracht wird. Das zweite was zur Popularität bes 
Auspruffes gehört ift, daß er durchaus nicht technifch fein 
muß, nicht aus der Berufsfprache irgend eines beftimmten Krei- 
ſes genommen, und nicht etwa nur eines fremden ſondern auch 
nicht aus der Beruföfprache berjenigen zu denen man redet. 
In jenem Fall würde das techniſche unverftanden fein, in die— 
fem nicht; aber durch die Affimilation an das Berufsleben wird 
bas continuell begleitende Bewußtfein organifcher Theil einer 
religiöfen VBerfammlung zu fein geſtört. Hier ſtellt fih als 
einzelner Fall dar was wir ſchon im allgemeinen getabelt ha= 
ben. Die dogmatifch theologifhe Sprache hat denfelben Cha— 
rafter, ift aus der Berufsſprache des Geiftlichen als Theologen 
bhergenommen, und gehört nicht in die Rede, Man verwechielt 
oft, ob eine religiöfe Rede einen großen religiöfen Effect ober 
ob fie einen theologifchen gemacht hat; das erfte foll fie, das 
zweite ſoll fie nicht. Sind die Leute von theologifchen Gegen- 
fügen durchdrungen worben: dann find fie nicht erbaut fondern 
gehezt, was das Gegentheil davon if. Wir müflen uns babei 
bewußt werben was theologifch iſt und was nit. Vieles wird 
populär was früher rein feientififch war. Die richtige Kritik 
hierüber ift nichts Teichtes, und es kommt meift auf ein gefun- 


— 289 — 


des Gefühl an. Das wird leicht zu haben fein wenn bie Ge: 
ſimung und ber Zwekk bei dem religiöfen Vortrag rein find 
und richtig, 

Benn wir ben Charakter ber verſchiedenen Sprachgebiete 
vergleihen: fo ift offenbar daß ber bildliche Ausdrukk, weil er 
der Form bes einzelnen fih annähert, und alle Impulſe die 
von ber Erregung bes Gemüths ausgehen immer einzelne find, 


am meiften geeignet fein kann eine Kraft zu geben in Beziehung 
auf die Belebung ber Thätigkeit, Wenn man ben Charakter 


des dogmatifchen betrachtet, der am meiften bialeftifch ausge- 
bildet iſt: fo iſt offenbar daß dieſer bem Vortrag bie größte 
Sollfommenheit geben kann in Beziehung auf die Klarheit und 


Beſtimmtheit. Wenn wir den Snbifferenzpunft betrachten: fo 


hat der nicht einen fo beftimmten Charakter, Die Sprache bes 
Umgangs ift in gewiffem Sinn antidialeftifh und nimmt es 
mit der Beftimmtheit der Borftellungen und ber Angemeffenheit 
bed Auspruffes nicht fo genau, weil man ſich darauf verläßt 


daß ans dem Zufammenhang ergänzt werben fann was ben 
einzelnen Elementen fehlt. Wenn wir einen Charakter feſtſtel⸗ 
len wollten für dieſen Punkt, der etwas pofitives wäre: fo 


würde ich nur fagen, es fei ber Charakter ber Bequemlichkeit; 
ed herrfcht die Borausfezung, daß der ber in ber Sprache ver⸗ 
fehrt, mit Leichtigkeit in biefelbe fich fügen fünne. Diefe Vor⸗ 
ausfezung ift aber nur möglich bei einer gewiſſen Gleichheit 
der Bildung, und wo biefe nicht flattfinbet, ift immer ein ge= 


Miffes Nachlaſſen von einer Seite nothwendig; benn je mehr 


ih der Ausdruff von diefem Indifferenzpunkt entfernt, befto 
umugänglicher wirb er für einen Theil, ber doch am Eultus 
Theil nehmen foll, und je bilblicher er wird, deſto unzugäng- 
liher wieder für einen anderen. Dies ift aber nicht abzumeſ⸗ 
ſen nach den äußeren Verhälniffen, fondern mehr eine Ver⸗ 
ſchiedenheit die fih auf die individuelle Art und Weife bezieht, 
Wenn fi) die Sprache des gemeinen Lebens vom bialeftifchen 
entfernt: fo nähert fie ſich deswegen nicht dem bilblichen, fie iſt 
aut eine Entfernung vom beftimmten, Wir finden in ber Sprache 
Sraltifge Theologie. I. 19 


— 20 — 


bes gemeinen Lebens ein Element das große Aehnlichkeit mit 
dem poetifhen bat und darauf ausgeht das einzelne ald Typus 
des allgemeinen zu behandeln, das ift was wir durch den And 
drukk des ſprüchwörtlichen bezeichnen. Wenn wir und ben 
religiöfen Vortrag fi) überwiegend im Gebiete des fprädhwört- 
lichen bewegend denken: fo wirb barin eine Hinneigung zum 
plebejen fein und zum Idiotismus der Volksſprache. Das 
plebeje ift die Unfähigkeit für das allgemeine, die dieſem Sprach⸗ 
typus eingeprägt iſt; es ift ein ungenügendes Surrogat für 
das allgemeine, weil die Anwendung immer wieder eine unbe 
fimmte wird, Wir kommen bier auf einen merkwürdigen Un- 
terfchieb in unferer und der roͤmiſchen Kirche. Die roͤmiſche 
Kirche fordert gar nicht auf diefelbe Weife bie wiffenfchaftlice 
Bildung wie wir. Bei der römifchen Kirche iſt das relative 
Hervortreten der fombolifchen Handlungen und das Zurüfftte 
ten der Belebung durch Borftellungen im Gegenſaz ber evan⸗ 
gelifhen. Daher hat bei ihr ein gewiffer Grab von plebejem 
Anſtrich im Vortrag gar nicht das anftößige wie bei und, Es 
giebt eine gewiffe Richtung in der evangelifchen Kirche, in der 
fi diefes wiederholt, freilich in einer anderen Form, nicht beim 
Katholicismus annähernd indem fie nicht die wiſſenſchaftliche 
Bildung zurüffdrängen will, ſondern den an füch richtigen Grund» 
faz aufftellt, daß wenn eins von beiden fehlen foll, die Leben 
digkeit des religiöfen Bewußtfeind oder die wiſſenſchaftliche Dil- 
bung, es befier fei dag das leztere fehle. Diefe ift gegen eine 
Unvollfommenbeit gerichtet, aber fo daß Leicht auf einer an 
deren Seite eine Unvollfommenheit hervorgebracht wird. 

Der Indifferenzpunft von dem wir ausgegangen find, die 
Sprache des Umgangs, das gemeinfame Element, ift kei⸗ 
neswegs ein Punkt fondern ein bedeutender Raum ber ſelbſt 
große Differenzen in ſich fchließt. Es Tann Fälle geben wo 
bie Ungleichheit nach beiden Seiten eine geringe if, wo alle 
Annäherung an bialektifche Beftimmtheit und an bilblichen Aus⸗ 
bruff in diefem Gebiete felbft Liegt; das iſt Die Sprache des 
höheren gefellfchaftlichen Lebens, die Sprache ber Kreife we 


— 291 — 


man eine Färbung durch die wiſſenſchaftliche und Kunſtbildung 
vorausſezt. Dagegen wirb ed andere Verhältniffe geben wo 
die Ungleichheit nach beiden Seiten fehr groß ift, und dann 
wird es eine fehr fchwere Aufgabe etwas für die Aufhebung 
der Ungleichheit zu thun. Es wird oft der Fall eintreten, daß 
eine gewiſſe Beſtimmtheit der Borftellungen gar nicht erreicht 
werben faun durch den Gebrauch des dialektiſchen Sprachge⸗ 
bieted, weil biefed noch ganz verfchloffen ift, fondern nur durch 
große Umwege, nur durch zwekkmäßigen Gebrauch bes Sprad- 
gebietes bas das einzelne an die Stelle des allgemeinen fegt, 
wo dann wol für den Moment der Zwekk erreicht wird, aber 
nicht von ferne der Grund gelegt die Ungleichheit aufzuheben 
um in den bialeftifhen Sprachgebrauch einzugeben. Es fann 
fein dag jemand Leute von verſchiedenem Sprachgebiet vor ſich 
hat, und dba muß er ben ganzen Spradhumfang ganz in fi 
tagen, und immer das paffende herausnehmen. Das tritt beim 
Lultus mehr oder weniger ein. In gewiffen Fällen ift es nö- 
thig das provinziale zu adhibiren, weil Die hochdeutſche Sprache 
ins Volk nicht burchgedrungen if. Es fommt bier auf eine 
Differenz an, die au bei den fremden Sprachen bemerkt wird, 
den Unterfchieb zwifchen Iefen und hören. Unſer Volk verfteht 
überall das Hochdeutſche zu leſen, aber es giebt viele Gegen⸗ 
den wo es ben Leuten ſchwer ift das Hochbeutfche zu faflen 
wem fie es hören. Nun fommen wir aber häufig in den Fall 
daß dieſes nicht auszuführen iſt. Der Lebensfreis bes einzel- 
nen iR nicht mehr auf biefelde Weife provinziell, es bleibt 
ruht jeder in ber Provinz in der er geboren; und dann iſt es 
ſchwierig ſich noch einen provinziellen Dialekt anzueignen, Wir 
ſinden und auf der Stufe wo ein Fortfchritt gefcheben, ein an⸗ 
derer aber noch nothwendig if. Das Hochdeutſche ift in ber 
biteratur hergeſtellt; aber der zweite Schritt, daß es auch nicht 
mehr nöthig wäre es nicht zu adhibiren wenn man ed mit bem 
Volle zu thun hat, iſt noch nicht geſchehen. Das läßt ſich nur 
durch den Bolksunterricht hervorbringen. Es gilt auch in Be⸗ 
ziehung auf die Sprachelemente ſelbſt und abgeſehen vom pro⸗ 
19* 


pinziellen und ben Idiotismen, daß es eine ſolche Differen 
giebt die auf dieſelbe Weife nur gelöft werben kann. In dem 
Berhältniß zwifchen zwei einzelnen Menfchen die fich zuerſt tref⸗ 
fen, muß allein in Beziehung auf die Sprache eine Boraus- 
fezung gemadt werben; die begründet fih durch den Kreis in 
dem ich den Menſchen finde, Hier giebt es nun ebenfo eine 
gewiffe gemeinfame Region, die man überall vorausfezen zu 
tönnen glaubt, was aber nicht immer der Fall iſt; das if das 
Gebiet der Umgangsſprache. Diefe Region ift für bie Man 
nigfaltigfeit der Sprache, was bie hochbeutfche für bie geogra- 
phifche if. Der Geiftlihe kann alle Elemente hineinzieben die 
ben Zuhörern auch nicht befannt find, fo daß fie ald Reben 
theile vorkommen und nur buch ben häufigen Gebrauch ger 
läufig werben. 

Nun aber hat der Geifllihe noch eine andere Funchem, 
die katechetiſche, und die völlige Ausgleichung für diefe Auf⸗ 
gabe ift nur in ber Verbindung ber Functionen in berfelben 
Perſon; denn in dem Fatechetifchen findet es nicht ftatt, daß bie 
Einführung fremder Sprachelemente etwas unvollfommenes mit 
fih führt, weil durch die dialogiſche Form fi der Geiſtliche 
davon überzeugen kann ob fie verftanden find. Daraus folgt 
nun, daß die Aufgabe von der wir fezt handeln wefentlid die⸗ 
ſelbe if für den Katecheten wie für den Homileten, aber daß 
bie Ausgleihung der Sprachdifferenz überwiegend von bem 
Katecheten ausgehen müfle, d. b. daß der Geiſtliche in Bezie⸗ 
bung auf den Eulius nicht eher auf dem Punkt fteht, daß er 
die Aufgabe loͤſen fann, bis er die Gemeine durch den kateche⸗ 
tifchen Unterricht gebildet hat. 

Ich will beiläufig etwas erwähnen. Wir haben in der 
Praris der evangelifchen Kirche ein Element, das freilich nicht 
überall vorkommt, das find bie öffentlihen Katecheſen, 
wo außer der Jugend auch bie Gemeine gegenwärtig fein fan, 
befonders gewiſſe Klaffen von Gemeinegliebern, erwachfene noch 
nicht verheirathete Jugend, Das ift ein binbender Mittelpunkt 
von bebeutendem Werth, und es follte überall fein wo bat 


— 293 — 


provinzielle und das was unter ber Umgangsſprache fleht une 
ter dem Volle noch herrſchend ift. 

Dan findet nicht felten die Theorie des Ausdruffes fo be- 
tieben daß man meint, wenn man einen index verborum pro- 
kibitorum auffezen könnte, fo wäre die Sache abgethan. Ein 
folder aber, wenn er vollfommen fein könnte, würbe fehr all- 
gemein fein; es giebt hier Iocale Differenzen, an einem Ort 
lam etwas erlaubt fein was es an einem anberen nicht ifl. 
Darum iſt Haupifache, dag der Geifllihe durch das wirkliche 
Leben mit feiner Gemeine fih den gefammten Sprachfreis der⸗ 
ſelben aneignet und fich vor dem hütet was flören fann. Im 
ganzen iR ein Unterſchied zwifchen allem übrigen technifchen 
ud demjenigen was ber theologifchen Technik angehört. In 
der erften Beziehung find die Grenzen oft enger ald man fie 
ſh bei gebilbeten Gemeinen zu fezen pflegt. Es giebt viele 
Ansprüffe die man auf der Kanzel hört, die aber eher in bie 
Saherfprache gehören und verwerflich find weil fie in einen 
ganz anderen Lebenskreis zurüffführen. Sobald man fagen 
lann, bie Zuhörer kennen den Ausdruff nur aus ihrer Referei: 
ſo if er Deswegen verwerflich weil er fie daran erinnert und 
ein frembes Element. Was von technifchen Ausbrüffen auf 
dem religiöfen Gebiet nicht rein ber Theologie angehört, zu- 
gleich theologiſch und bibliſch iſt, iſt nicht auszufchließen; das 
libliſche muß man überall vorausſezen, nur muß man ſich hü- 
ka vor dem technifchen Gebrauch der theologifch ift, und fich 
mehr beim allgemeinen balten der bibliſch ift und das bibaf- 
liſch populaͤre Gebiet hält. 

Bir kommen jezt in Beziehung auf bie Richtigfeit des 
Ansdruffes in der religiöfen Rebe auf einen befonders ſchwie⸗ 
tigen Punkt, wo auch natürlich die Theorie fehr weit augein- 
andergeht und eine Einheit der Anficht fo bald nicht zu erreichen 
fin wird. Es ift nämlich die Frage, Wieviel eigentliche 
Kunf der Ausdrukk in der religidfen Rebe erfordert 
oder verträgt. Es ift hier ein fo weites Feld und wir ha= 
ben ſoviel vortreffliches in fehr verfchiedenen Manieren, daß 


— 294 — 


es ſchwer iſt etwas beſtimmtes darüber zu fagen, und doch laäßt 
ſich nicht alles für gleich gut erklären, wenn es auch gut in 
feiner Art iſt. Wir haben vortreffliche Reden in der größten 
Simplieität, und vortrefflihe Reden die allen Reichihum bee 
Schmukkes an fih tragen. Iſt das eine aber ber Idee eben 
fo angemeffen als das andere? Es kann bag einen fehr fub- 
- jectiven Grund haben; am meiften wenn man fich gegen bie 
Häufung des Schmuffes erklärt, kann man Gefahr laufen baf 
einer fagt, „Die Trauben find nidt reif!“ Du wuͤrdeſt es 
ſehr gut finden wenn bu es Fönntefl. Dei mir jedoch iſt das 
Nichtkonnen nicht weniger flarf als das Richtwollen, und kann 
dies feinen Grund haben in der Borliebe zum antifen. Wem 
wir im antiken den rednerifhen Stil betrachten: fo finden wir 
eine große Kunſt, aber fie liegt rein in der Compofition, und 
der Ausdruff hält fih in einer gewiffen Einfachheit; alles was 
poetifirend ift, halten die Alten fern, es ift im antifen Stil ein 
Zeichen ber Corruption. 

Es kann mandhes Element, wenn man auf das was es 
eigentlich bezeichnen foll, auf feinen Inhalt fieht, ganz untabel- 
haft fein, ed wird aber unzuläfftg durch feinen Ton; er kam 
als ein zu ſchwacher und wieder als ein zu flarfer unzu⸗ 
Täffig fein. Ich will annehmen, daß es eine große Menge von 
Sprachelementen giebt denen Feine befonbere Stärke einwohnt. 
Wenn wir und nun benfen eine zufammengefezte Rebe, die aus 
lauter folden Elementen beftände: fo würben wir fagen, daß 
fie fade feiz das iſt das was eine Succeflion, eine Totalität 
von unbebeutendem enthält; aber wenn wir eine Rede uns 
benfen, wo alle Elemente die nicht einen flarfen Ton in fi 
trügen ausgefchloffen würden: fo würbe der Eindruff auf ber 
einen Seite der entgegengefezte fein, auf der anderen berfelbe, 
Geſezt man bezeichnete eine Schrift fo, Es geht alles fo ein- 
tönig fort daß es nichts zu unterftreichen giebt: fo gift bas 
erfie; wenn man aber alles unterflreicht, fo kommt daſſelbe 
heraus und es giebt feine Differenz. Wenn man fagt, es giebt 
Elemente die durch ſich ſelbſt das eine find oder das andere: 


— 295 — 


ſo giebt es keine Regel über den Gebrauch und Nichtgebrauch; 
beides iſt noihwendig, es kommt auf bie Verhaͤltniſſe an. Ein 
Element das an und für ſich feinen Ton bat, will aud an und 
für ich nichts fein, es ift nichts als ein Zeichens aber wag 
einen befimmten Ton bat, will etwas für fich fein, es will 
als Zeichen ſchon wieder etwas bezeichnetes fein. Wenn wir 
nun fragen, IR das etwas durchaus verwerflihes, dag die 
seligiöfe Rede aus folchen Elementen beſtehe, bie auch für ſich 
gewilfe Anfprüche machen: fo werben wir das keinesweges be= 
jahen können, fonbern wir werben fagen, Jede Rebe bat au- 
ßerdem daß fie Gedanfen mitiheilen will, auch die Abficht mehr 
oder weniger ein Wohlgefallen bervorzubringen vermittelſt 
befien was fie rein ale Rede iſt. Das kann fih auf den 
Wohllaut befchränfen, das mufifalifche Element der Sprache, 
mb auch auf das Verhalten der Rebe zur Sprade überhaupt 
ſich erfireffen, fo daß es alfo für ſprachliche Virtuoſität ange- 
fehen fein will. Das werben wir in gewiffen Fällen nicht nur 
zuläſſig jondern auch nothwendig finden. 

Nun find wir ſchon übereingefommen, daß wir bie reli- 
gife Gedankenmittheilung aus bem Geſichtspunkt eines Kunſt⸗ 
werkes betrachten müflen; bier werben wir aber fragen, Iſt 
fe auch zu betrachten als ein Kunſtwerk in dieſem Sinn, daß 
fe au Wohlgefallen erregen will durch die Darftelung? Dies 
werden wir wol auf Null rebuciren müflen nach dem Kanon 
ben wir ſchon aufgeftellt haben, denn biefes Wohlgefallen ift 
etwas was auf die Perfon zurükkgeht; es ift eine finnliche Ten- 
benz, und in fo fern die Handlung eine finnliche Tendenz zu 
gleiher Zeit hat, wirkt fie dem wozu fie da ift eigentlich) ent⸗ 
gegen, denn fie lenkt die Aufmerkfamfeit auf ein Einzelweſen 
an und für fih, und das kann nicht geſchehen ohne fie von 
dem was allem einzelnen enigegengefezt ift abzuziehen. Daber 
wüflen wir und in biefer Beziehung auf das rein negative be= 
fhränfen. Wo die Handlung als Darftellung betrachtet flören« 
den Effert macht, ſchadet fie ebenfalls dem Zwekk. Da Toms 
men wir auf eine ſchwierig zu ziehende Linie, eine Regel bie 


— 26 — 


nur wird angewandt werden koͤnnen unter Vorausſezung von 
einem hohen Grad gebildeten Gefühls und Geſchmakkes. Wo 
dieſer nicht iſt, wird es bei dem beſten Willen immer Berftöße 
gebenz aber in bem Inhalt Tiegt wieder eine Rectification bes 
Gefühls, wenn man fih dem Gegenftande ganz hingiebt. 

Als wir von der Sprache im allgemeinen redeten, wurbe 
bie Maxime aufgeftellt, daß ber Rebner fi feinen Zuhörern 
affimiliren müffe, aber fie auch zu ſich beranziehen, und zwar 
durch die allgemeine Spracdregion der allgemeinen Umgange- 
ſprache in der fih der Redner zu halten hat; wenn man aber 
bier fügen wollte, daß der Geiftlihe feine Gemeine heranzie- 
ben müſſe für diefe Differenz in der Empfänglichfeit des Ohres: 
fo wäre Died gar nicht feines Amtes, weil es gar nicht zu den 
wefentlichen Mitteln der Dittheilung des religiöfen Bewußtfeind 
gehört, Auf der anderen Seite müflen wir und an die Regel 
erinnern die wir ganz im allgemeinen anfgeftellt haben, daß 
nichts um beffen willen fich geltend maden foll, weil dadurch 
ein größeres Wohlgefallen an der Darftellung als folcher ber: 
vorgebradht wird, Nun läßt fih nicht läugnen, dag wenn man 
einen Bortrag in welchem mit einer gewiffen Sorgfalt alles 
übelflingende vermieden und auf den Wohllaut hingearbeitet ift, 
mit einem folchen vergleicht, wo Sorglofigfeit herrfcht: fo wird 
jeder der in ber Sprache bes gebildeten Lebens verfirt, einen 
verſchiedenen Eindruff empfangen. Der erftere Vortrag wirb 
ein pofitived Wohlgefallen erregen, ber andere einen pofitiv 
üblen Eindruff mahen. Wenn wir fragen, Wie verhält ſich 
zum ganzen jenes pofitive Wohlgefallen? fo werben wir fagen, 
Soweit dieſes hervortreten fol, ift auch eine Aufmerffamfeit 
von dem Zuhörer Darauf verwendet worden. Darin Tiegt alfo 
eine Theilung der Aufmerkſamkeit; je mehr eine foldhe vor⸗ 
ausgefezt ift, um fo mehr ift Abbruch gefchehen der Gefangen- 
nehmung der ganzen Aufmerffamkeit, und die lezte ift doch das 
wonach allein auf diefem Gebiet geftrebt werden fol. Seber 
ber bie religiöfe Mittheilung in unferem Gottesbienft mit dem 
rechten ernften Sinn betrachtet, wird allemal fih auf unange= 


— 207 — 


nehme Weiſe afficirt fühlen wenn er bes Rebners Sinn auf 
das angenehme gerichtet fieht, denn das kann gar nicht beitra⸗ 
gen ben religiöfen Inhalt zu empfehlen, es kann höchftens die 
Derfon empfehlen. Aber es ift das auch nicht die rechte per— 
ſonliche Empfehlung. Wenn fih das fo trennen ließe dag man 
fügen Fönnte, Ich finde mich bei beiden gleich religiös afficirt, 
aber bei dem einen angenehm, bei dem andern unangenehm: 
fo wäre nichts verloren. Aber dies tritt nicht fo poſitiv her⸗ 
vor, ausgenommen wenn eine ſolche Aufmerffamfeit in An 
ſpruch genommen wäre bie in ber That fchon ein Einbruch in 
bie religiöfe Aufmerkfamfeit wäre. Es ſchließt ſich alfo dieſes 
Element fehr unmittelbar an das Berhältniß der Iogifchen Ele⸗ 
mente bie nur Darftellungsmittel find. Jene haben auch nur 
einen negativen Zweit, das unmwillfürlihe Spiel der Vorftel- 
tungen abzuhalten; aber fowie hievon Gebrauh gemacht wird 
um einen pofttiv angenehmen Eindruff hervorzubringen, ift ee 
gegen ben Geiſt der religiöfen Rede. So werben wir auch 
in Beziehung auf das mufifalifche *) Element feine andere 
als negative Marime aufftellen können, baß vermieden werde 
was den Zuhörern flörend fein koͤnnte. Indeſſen möchte ich 
biefes nicht fo verfianden willen daß eine VBernadhläffigung 
daraus entſtehen fönnte, Ich glaube, wir müffen zu gleicher 
Zeit von dem Gefichtspunft ausgehen, daß der Geiftliche nicht 
nur für die Gemeine predigt, fondern auch für fich ſelbſt. Das 
leztere tritt flärfer hervor wo ein fehr beftimmter Linterfchied 
jwifchen ber Probuction und ber Darftellung iſt; denn wenn 
der Beiftlihe indem er vor ber Gemeine redet nicht mehr pro- 
ducirt, fondern probueirt bat: fo iſt er ſchon ber hörende. Hier 
muß ihm fa felbf Das unangenehm fein was in anderen Ge- 
meinen ftörend fein würde, 

Bei der elementarifhen Betrachtung fagten wir in Bezie- 
hung auf den religiöfen Stil, dag das mimifche in ber religiö- 
fen Kunft durchaus zurüfftreten müfle und nie als um fein 


9 ©. Beilage B. 18 — 20. 


— 18 — 


ſelbſt willen daſeiend erſcheinen. Die Muſik der Sprache, des 
Tones der Rede gehört aber mit zum mimiſchen, und alles 
Hervortretenwollen der Modulation iſt im religiöſen Stil vom 
Uebel; es kommt dabei nur auf die Richtigkeit an, alles übrige 
muß zurükktreten. Geben wir noch weiter zurüff: fo werben 
wir fagen, die Sprache felbft hat diefe beiden Seiten, die Io- 
giſche und muſikaliſche. Erftere ift mehr der Compoſition zu⸗ 
gewendet auf ber entwiffelten Stufenfolge, das mufifalifche 
mehr dem mimifhen. Was als Birtuofität bie ſich ſehen laſ⸗ 
fen will, auftritt, fällt aus dem religiöfen Stil heraus; alles 
was eigentlih bloß Schmukk ift, ſcheint auf diefer Seite zu 
liegen; fowie ein Beftreben da ift daß es für fi hervortreten 
will, geht es aus dem Charafter ber Gattung heraus, Daber 
alles Berweilen bei demjenigen was nur Darftellungsmittel 
fein fann und nicht Element der Darftellung felber vom Uebel 
iſt. Die religiöfe Rede ift einmal auf einen gewiffen Raum 
eingefehränft, und wir müffen geftehen, baß bie Zeit Die dem 
Darftellungsmittel gegeben wird, den integrirenden Beftandihei- 
len der Darftellung entzogen wird, daß der Reichthum im dar⸗ 
zuftellenben leidet wenn ber Schmuff zuviel Raum einnimmi. 
Als allgemeine Lebensregel ift das zwar nicht aufzuftellen, weil 
man dann immer müßte das befte thun; das untergeorbnete 
will eben auch fein Recht haben, aber dies ift nit überall 
gleih. Wenn der Redner zu ben Zuhörern in bem Verhältniß 
fteht, daß er fih fagen fann, Sie willen was du fageft eben 
‚fo gut wie du, ihr rveligiöfes Leben iſt eben fo angeregt wie 
beined, und ihre religiöfe Beobachtung fo feharf wie beine: dann 
wäre geftattet daß die Ausführung in der Birtuofität beſtehe. 
Das ift ein Fall wo bie religiöfe Rede als darftellende Mit 
tbeilung fchon etwas überflüffiges wäre, Dieſe Suppofition 
hebt aber das ganze Fundament unferes Cultus auf; bie reli- 
giöfe Darftellung müßte dann etwas in ber Gemeine gleich 
herumgehendes fein. Wie würde fih bann das oflicium bes 
rebenden geftalten? Doch gewiß nicht fih ganz im Schmukk 
ber Rede gehen zu laſſen. Er würbe fich fagen, Das ganze 


refigiöfe Gebiet ift jedem aufgeſchloſſen wie bir: was liegt bir 
ob, wenn bu als barftellender auftreten fol? Daß die per- 
fonlihe Eigenthümlichkeit in der Darflellung auftrete. Dann 
time die Gemeine in ihren verwachfenen Individuen zur Selbſt⸗ 
barftelung, dann würbe die Gemeinschaft erhöht, und die fol 
der Cultus befördern. Das erforbert aber ein Eingehen in 
ben inneren Gehalt der Sade, und felbft unter diefer Voraus⸗ 
fegung iſt e8 daher auch nur ein Schein, daß der Schmuff 
Hauptfache fein müfle. Nehmen wir das Verbälmig wie es 
ik: fo Tiegt und überall etwas wichtigere ob, und muß ber 
Shmuff der Rebe zurüfftreten. Alle oratorifhe Virtuofität 
iR etwas die Aufmerkſamkeit anziehendes, und es ift offenbar 
dag die Nacheonfruction dadurch gehemmt wird. Der Schmufl 
muß nur den ftätig fortgehenden Zufammenhang ber Rebe auf 
gleihmäßige Weiſe begleiten, und wollen wir nicht ein Pau« 
firen annehmen nad) einer jeden oratorifhen Stelle, damit ſich 
bie Gemeine erholen und ber Zufammenhbang wieder aufge- 
nommen werben fönne, was doch eigentlih dann gefchehen 
mäßte: fo werben wir bei bem Charalter der Simplicität 
bleiben. Ä 

Ein anderer Punkt wird fih von felbft erledigen, bag alle 
Formen der Rede die pathematifch find, in bie religiöfe Rebe 
nicht gehören. Dahin gehören eine Menge rebnerifcher Figu- 
ren, wie 3. B. Perfonificationen, Apoftrophen an fingirte Per- 
fonen. Das find Formen die wir nicht felten bei guten Mus 
fern finden; fie ſezen aber eine leidenſchaftliche Aufregung ber 
Phantaſie voraus, follen fie nicht als erfünftelt erfheinen. In 
diefem Fall machen fie keinen Eindruffz find fie wahr, fo fom- 
men fie aus einem ungehörigen Zuſtande. Alle coneitirte Rede⸗ 
formen find daher zu verbannen; bahin gehören auch alle ab⸗ 
ſfichtlich hervortretende Antithefen, die allemal etwas epigrame 
matiiches haben und einen gereisten Gemüthezuftand voraus⸗ 
fegen; für alles was polemifch ift find fie vortrefflich, Die Po⸗ 
lemik gehört aber nicht auf die Kanzel, Alles was entweder 
deswegen weil es epideiktiſch ift den Verdacht ber Selbfigefäl- 


f 


— 00 — 


ligkeit bes redenden in feiner Darflellung mit fi bringt, ober 
den Zuhörer in feiner Nachconſtruction flört, iſt zu viel und 
it vom Uebel. Alle dieſe Regeln find nur negativ; jedoch 
andere wird man nicht geben Tönnen. Yür ben religiöfen Reb- 
ner in Beziehung auf die Behandlung ber Sprade if fein 
fperififches Talent nothbwendig, fondern nur das allgemeine, das 
ein jeder bat ber in ber Literatur verfirt und bie Sprade in 
feiner Gewalt bat, was wir doch alle follen. Aus diefem Ta⸗ 
lent heraus muß fi der richtige Ausbruff für bie religiöfe 
Darftellung entwilfeln. Wenn einer dies allgemeine Talent 
gehörig in ſich gebildet hat und wenn er mit ber richtigen Ge⸗ 
finnung in dies Gefhäft fommt: fo wird er aud bie negativen 
Cautelen nicht einmal brauchen, nicht die Neigung haben in 
diefe Ertravaganzen zu verfallen, die aus einem weltlichen Zu⸗ 
faz und der weltlihen Berüfffichtigung ber Zuhörer entftehen. 
Allerdings tritt da auch eine gewiſſe Differenz ein. So finden 
wir bei den Alten auch Prunfreden, und bie haben bei ihnen 
einen ganz anderen Stil. Aber bloße Prunkreden giebt es bei 
ung nicht; die eigentliche Tendenz der mittheilenden Darftellung 
ift überall diefelbe; von biefer muß die Conftruction des Aus⸗ 
druffes ausgehen. Die Differenzen geben nur hervor wo be= 
flimmte Berhältniffe zwifchen dem redenden und ben Zuhörern 
eintreten; eine religiöfe @elegenheitsrede in einem Familien- 
freife Tann eine andere Geftaltung haben wie eine öffentliche 
vor ber Gemeine, nur daß der grandiofe Schmuff dba auch 
nicht an feiner Stelle iſt; für die Zierlichfeit wird mehr ge⸗ 
ſchehen können ohne Nadıtheil der Sache. 

Wir würden nun überzugehen haben zu dem lezten Punkt, 
bem mimifchen, dem Moment ber wirklichen Darftellung Der 
Rede; aber wir müffen noch erfi die Frage beantworten, Wie 
weit muß vor bem wirfliden Moment der Darftel- 
lung die religiöfe Rede ſelbſt gediehen fein? Diefe 
Frage ift eine ganz andere als bie, ob die Rebe foll aufge— 
fhrieben werden oder nicht. Es Täßt fich denken, daß eine 
Rede nicht nur in Beziehung auf die Dispofition und Gedan- 


— 01 — 


fenerzeugung fondern auch auf den Ausbruft vollkommen fertig 
fei ohne daß eine Feder angefezt worden, und fo aud, baß bie 
Rebe vor dem Moment der Darftellung nicht fertig iR und 
doch Wort für Wort aufgefchrieben iſt. Bon ber Frage des 
Concipirens wollen wir abfirahiren und die Sache fo ftellen: 
Bir haben uns verfhiebene Momente bis jezt vorgehalten, und 
bie Rede erfcheint als ein allmählig entſtehendes; wir haben 
es für das volllommenfte gehalten, wenn die Dispoſition ſich 
allmaͤhlig geftaltet und reift. Es giebt einen Lebergang von 
der Gedanfenerzeugung zum Ausbruff, indem der Gedanke nie 
fertig iR als mit feinem Ausdruff zugleih, Soll nun der Aus⸗ 
drukk auch vollfommen fertig fein? der Redner einer jeden 
Periode, eines jeden Wortes volllommen ficher fein? foll das 
feßfteben vor dem Moment der Darfiellung? Zu ber Rebe 
felbR wie fie im Moment der Darftellung ift, gehört auch das 
mimifhe in der Stimme und den Gebärden, das phyfiognomi- 
Ihe und bie Gefticulation. Wenn die Rede vor dem Moment 
ber Darftellung ganz fertig fein muß: foll fie e8 auch in Dex 
ziehung auf das mimifhe? Wenn wir bies bejahen: fo if 
der Moment ber Darftellung felbft eine bloß mechaniſche Re⸗ 
production. Der Moment der Darftellung ift dann für ben 
. Rebner ſelbſt eigentlich nichts. Iſt dies nun für bag richtige 
zu halten? Da iſt die Antwort fchwierig. Ganz im allgemei- 
nen werben wir fagen, Iſt bie ganze Rebe vorher fertig: fo 
giebt das eine Sicherheit, die nicht ſcheint hervorgebracht 
werben zu Tönnen wenn etwas in ber Nebe nicht vorher ſchon 
fertig if; auf ber anderen Seite aber befindet fih ber Rebner 
in der Darftelung ſelbſt in einer mechaniſchen Reproduction 
und daher in einem unangenehmen Zuftande, und das kann 
mr ber Lebendigkeit der Rede ſchaden. Das ift der Nach⸗ 
theil ber einen und ber anderen Methode. Im allgemeinen 
find beide Methoden glei gut, und würde nur eine bypothes 
tiſche Beantwortung möglich fein, nämlich fo: Haft bu dad Bes 
wußtjein daß beine eigene Indifferenz ſtark hervortreten und 
nachtheilig auf bie Zuhörer wirken wird: dann folge nicht ber 


— 30 — 


Methode daß bie Rebe vollfommen fertig fei vor dem Moment 
ber Darftellung, laß dir etwas übrig; haft du aber zu fürch⸗ 
ten, daß die Unficherheit dir fchaden wird und in ber Produc⸗ 
tion ſelbſt Dich flören: Dann made beine Rede vollfommen fer- 
tig und feze dich dem Nachtheil aus ber bei bir ber geringere 
if. Diefe Antwort ift wieder verfchieden, wenn wir auf bie 
verfchiedenen Momente felbft fehen. Wenn der mimifche Theil 
ber Darftellung auch vorher fertig fein foll: fo muß man ihn 
fi vorher gemacht haben, feine Rebe ſich ſelbſt declamirt ha⸗ 
ben. Das wird für einen jeben etwas wibriges fein, weil es 
als ganz leer erfheint. Das iR einerfeits überflüffig, weil das 
mimiſche das ganz untergeordnete ift, und bie Peinlichfeit muß 
hiebei fo hervorſtechen daß es ein jeder merfen muß, ja daß es 
ben Redner felbft flören wird, er müßte denn in ſich ſelber 
verliebt fein und im Moment der Reproduction an fich ſelbſt 
Gefallen haben. Das ift aber nicht die rechte Art wie bie 
Störung aufgehoben werben könnte. 

Denfen wir uns eine Lebendigfeit bes Denfens und eine 
Uebung der Darftellung und einen Geiſtlichen ber fih ein Thema 
firirt hat: fo könnten wir glauben er fei hinlänglich gerüftet 
und er koͤnnte nun zu fpredhen anfangen, feine Gebanfenpro- 
duction fei im lebhaften Gange und Zeit und Drt würben fie 
noch mehr beleben; aber Liegt darin eine Bürgfchaft für den 
Erfolg? Die Rebe eriftirt nicht als georbnetes Ganze in ihm, 
fondern er hofft dies nur. Daß dieſe Hoffnung gegründet fei, 
fann niemand behaupten; zwifchen dem Thema und der Ge- 
banfenprobuction im einzelnen liegt noch viel in ber “Mitte, 
Lestere ſtokkt vielleicht nicht, aber es ift eine beſtimmte Einheit 
und eine unbeftimmte Vielheit neben einander, und bies ift im⸗ 
mer ein Grund zu einer unordentlichen Organifation ber Ge- 
banken; es fehlt das Gruppirungsprineip, das erſt aus ber 
Stellung des Themas entſteht; ift dies noch nicht dba: fo bringt 
ber Geiftlihe zu wenig mit, Darum Eönnen aud bie Zuhörer 
nicht folgen, oder fie müßten ganz identiſch fein mit feiner ſub⸗ 
jectiven Berfnüpfungsweife, was nie bei mehreren Menfchen 


ft. Hat num der Rebner Thema und Tert, und es find ibm 
auch die einzelnen Sruppirungen Har, doch fo daß er noch 
nicht weiß was alles in dieſe Gruppen fommen werde: fo if 
eine Ordnung da, aber bas einzelne präeriflirt noch nicht. Hat 
er bier die rechte Sicherheit daß er beginnen fann? Allerdings 
befier als vorher, aber noch nicht zureihend, Er bat nur die 
Hauptgebanfen, und einiges georbnet um biefe herum; aber ob 
vieles oder weniges fi) daraus entwiffele, will er dem Mo- 
ment überlaffen. Betrachten wir jede ſolche Gruppe für ſich: 
fo exiſtirt nicht jede ale ein wohlgeorbneted Ganze für fi, 
fondern die Gedanken bie fich erfi noch während ber Rede in 
ipm entwifleln, find nad ihrer Stellung verworren. Nun ges _ 
ben wir weiter. Der Geiftlihe babe nicht nur fein Thema 
und feine Hauptigebanfen, fondern auch in jeber einzelnen Maſſe 
ferien ihm die einzelnen Gedanken an ber gehörigen Stelle ge= 
genwärtig, fo daß er fih fagen fann, Wenn ich jezt die Rede 
ausfähre, jo gebe ich fie in diefer beflimmten Orbnung und 
Form. Nun if er fertig bis auf die Sprache, und es fragt 
ſich, IR dieſe GSedanfenräftung binreihend? Es fann ſich nie= 
manb bewußt fein bag er etwas gedacht habe, ehe er es inner⸗ 
lich geſprochen, font ift es nur ein unbeftimmter Keim; aber 
allerdings bramcht dieſes innerlihe Sprechen nicht fo zu fein 
wie e3 beim Halten der Rede fein muß. Freilich Fönnte man 
fagen, Ein Gedanke mit anderen Worten ausgefprochen ift nicht 
mehr berfelbe; aber dies ift nur bedingt wahr. Bleiben wir 
bei der Umgangsſprache fleben: fo nehmen wir einen Unter⸗ 
ſchied zwifchen den einzelnen Elementen ber Geſellſchaft wahr, 
Einige erſcheinen und troffen, unbeholfen ohne Eindruff; an⸗ 
dere dagegen find fo daß ſich jeder freut mit ihnen zu veben, 
nicht nur um ber Belehrung willen fondern um der Handhabung 
ber Sprache und angenehmen Färbung willen. Dies if nun 
allerdings Product des Augenbliffes, aber doch die Folge gro- 
Ber Uebung und Anlage. Wol ſelten bringen fie fo augen 
blikklich neu in ihnen entfiandene Gedanken zum Borfchein; 
aber die Art ber Hervorbringung ift neu und dem Moment 


_ 34 — 


angemeffen. In ber religiöfen Rebe ift der Fall zwar fehr 
verfchieden, aber gewiffe Achnlichkeiten find nicht zu überfehen. 
Häufig ift es der Fall, daß der Geiftlihe es zu thun hat mit 
einer Berfammlung die weniger Caparität hat für Auffaffung 
einer zufammenhängenden Rebe; haben diefe auch fo wenig 
Capacitaͤt für das Gefprah? Nein, der Zuſtand der Recep⸗ 
tipität ift im Geſpraͤch nicht fo anhaltend, fondern durchbrochen 
von Spontaneität, und zubem wirb jeder Gedanke aus dem 
Anftoß des anderen motivirt, Je mehr bie Rebe in die Form 
des Geſpräches fich binüberzieht, deſto verſtändlicher ift das 
ganze für eine ſolche Verſammlung; alſo die dialogiſirende 
Form iſt hier die beſte. Der Charakter des Geſprächs iſt der, 
daß jeder während er redet afficirt iſt durch die Gegenwart 
des anderen; ſo der Geiſtliche von der Anweſenheit der Ge⸗ 
meine. Dies ſpricht gegen das Vorherbereithalten bed Aus⸗ 
druffes, denn beim bloßen Reprobuciren ift der Redner nicht 
von ber Gemeine afficirt. Stellen wir ung auf ben Punkt, 
dag ber Geiftlihe alle Gedanken für feine Rebe gegenwärtig 
habe: fo find bie Hauptgebanfen ihm gewiß auch nach dem 
Ausbruff gegenwärtig, da von biefen alles abhängt. In Be— 
ziehung auf die Nebengebanfen und Erläuterungs- und Ver— 
fhönerungsmittel ift es Far, daß dieſe ihm nicht nothwendig 
gegenwärtig fein müflen. Steht ber Geiftlihe im Umgange- 
und Gefprächsleben auf der Stufe auf ber er ſtehen foll: fo 
wird er auf der Kanzel wie im Gefpräh den rechten Ausbruff 
finden. Man fagt nun, died wäre gut wenn ber Geiftliche im- 
mer gleich auf ſich rechnen könnte, was aber nicht einmal die 
fönnen bie Birtuofen find im Geſpraͤchsleben; es gehört große 
Charafterftärfe biezu, die Hemmungen des Momentes durch die 
Kraft des Willens zu unterbrüffen. Hat einer biefe nicht: fo 
entzieht er fi dem Gefpräh, und bies hat nichts zu ſagen; 
benfen wir uns aber den Geiftlichen in dieſem Fall bei den 
beflimmten Zeiten: fo entfteht eine Ungleichheit in feinen Reben, 
bie nacdhiheilig wirken muß. Verwahrt nun das Borherbereiten 
bes Ausbruffes bagegen: fo legt dies ein großes Gewicht in 


— 905 — 

bie andere Schale, und je weniger ein Geiftliher ſich hier auf 
ſich verlaſſen kann, um fo beffer ift es wenn er ſich präparirt. *) 

Wenn wir auf bag zurüffgehen was wir im allgemeinen 
gefagt haben, daß jede Methode ihre Vorzüge und Nachtheile 
babe, und dies auf ber Befchaffenheit des rebenden berube: fo 
können wir fragen, Giebt es nicht Gründe in der Sade ſelbſt 
oder in anderen Berhältniffen, welche das eine oder andere im 
allgemeinen oder für gewifle Fälle rathſamer machen? Der 
Ausdruff ift das woburd die Gedanken bes rebenden ins DBe- 
wußtfein der Zuhörer übergehen, und der Ausdrukk ifl ber 
vollfommenfte der dieſen Proceß am meiften erleichtert und am 
genaueften durchführt. If es nun möglich einen vollfommenen 
Ausdruff hervorzubringen ohne Belanntfhaft mit feinen Zus 
börern? Die natürliche Vorausſezung ift daß die Zuhörer bie 
Sprache verftehen, aber bas ift fehr unbeftimmt; und denkt 
man ſich zwei verfchiedene Zuhörerfchaften: fo wird der voll- 
Iommene Ausdruff für die eine nicht vollfommen für die an- 
bere fein. Wenn nun der Geiftlihe feine Zuhörer fennt und 
es immer biefelben find bie er vor fih hat: fo kann er den 
Ausdruft in Beziehung auf fie einrichten, und es ſchadet nicht 
wenn der Ausdruff vorher fertig ift, indem baraus ber Vor⸗ 
theil ber Sicherheit entſteht. In dem Maaß als das nicht ber 
Fall if, und ſolche Differenzen unter den Zuhörern möglich 
find bie nicht vorher gewußt werben fünnen und boch auf bie 
Angemeflenheit des Ausdruffes Einfluß haben: ift ein Verhält— 
niß aufgeftellt in dem die Production des Ausdruffes in dem 
Augenbiift wo bie Rede gehalten werben foll das vorzüglichere 
if. In welchem Verhaͤltniß befindet fih der Geiftliche in bie= 
fer Beziehung? Es if fehr verfchieben. Zwifchen den Land⸗ 
geiffichen und den großfäbtifchen Geiftlihen if ein ziemlich 
bedeutender Linterfchied. Das Publicum bes lezteren ift zufäl- 
liger und wechfelnder als das des erſten; biefer kann beſſer 
wiffen wie er feinen Ausbruff einrichten muß. Dagegen hat 





9 ©. Beilagen A. 42.43. B. 51. C. 26—28. 
Praltiige Theolegie. 1. 20 


> 90 — 


ber Landgeiftlihe weniger Nothwendigfeit feinen Ausbruff vor- 
ber fertig zu machen, weil feine ©emeineglieder es micht ſo 
genau damit nehmen; wogegen dem Stabtgeiftlichen Vortheil 
daraus erwachſen muß. Hat man ben Ausdrukk vorher ge 
madt: fo fann man ihn prüfen, ihn in Togifcher und mufifali- 
fher Hinficht vervollkommnen. Das ift nun bei dem Fall bed 
Extemporirens nicht möglich, und niemand kann von fi bes 
baupten, er fönne eben fo vollfommen fprechen beim Ertempo- 
riren, als er ſprechen kann wenn er ben Ausdruff vorher ge: 
prüft bat. In dem erften Fall giebt es ein Marimum in ber 
Behandlung der Sprache, zu dem in dem Iezteren nur Appro⸗ 
ximationen flattfinden können. Es ift nicht nur die Beſchaffen⸗ 
heit der Zuhörer die einen Einfluß auf den Ausdruff hat, ſon⸗ 
dern auch die Menge derfelben. Das läßt fi ſchwer bemon- 
firiren, aber ift Doch nadhzuweifen, indem es niemand abläng- 
nen fann daß der Ausdruff der angemeffen erfcheint wenn eine 
große Berfammlung da ift, kann unangemeffen vorfommen, ſelbſt 
Yächerlich, wenn nur vier oder fünf Leute da find. Die Dife- 
xenz fängt von dem mimifchen an, gebt aber in ben Ausbruff 
über. Wenn die Differenz in der Quantität ber Zubörer groß 
ift, und für den redenden zufällig: fo wird es beſſer fein wenn 
er feinen Ausbruff probucirt im Moment der Darftellung. Es 
wird aber noch ein drittes geben, und das wirb das vollkom⸗ 
menfte fein. Wenn der Rebner weiß, dieſen ober jenen zu⸗ 
fälligen Differenzen bift du unterworfen; wenn er ſich fo die 
verſchiedenen Verhältniffe auf gewiffe Weife claffificiren kam, 
und er macht feinen Ausdruff vorher für alle verfchiebene Fälle 
fertig: fo ift er gebefft und kann alle Bortheile des Vorher⸗ 
fertigmadyeng genießen. Damit werden auch die Bortheile bes 
im Augenbiiff entftebenden Ausdruffes verbunden werben fün: 
nen. In dem Augenbliff wo ich die Zuhörer fehe, entfchließe 
ih mich weldhen Vortrag ich wählen will; der Nachtheil ber 
mechanifchen Reproduction wird dabei nicht eintreten. Dad 
wird niemand Täugnen, daß das das vollfommenfte ift, daß 
bazu aber auch am meiften Vorberbefchäftigung mit ber Rede 


— 507 — 


gehört, und es unanwenbbar ift für ben ber fih an ben ge= 
ſchriebenen Buchſtaben bindet und nicht den Ausdrukk inne ha= 
ben kann ohne ihn aufzufchreiben. Die größte Approrimation 
zu biefer vollfommenfien Methode wird in dem fein ber im 


Stande ift den Ausbruff vorher fertig zu machen, aber ohne 


ihn zu fchreiben, 

Das unmittelbar producirte bat eine Friſche und Leben- 
bigfeit welche das einfiubirte nicht hat; beim lezteren wird ber 
Zuhörer doch immer inftinctartig fühlen daß es nicht unmittel- 
bare Production if. Fragen wir die Leute, Wenn der Prebi- 
ger alles vorher weiß was er fagen will, macht das auf euch 
einen üblen Eindruff? fo werden fie fagen, Nein, wir find um 
fo fiherer. Wenn er aber auch die Worte vorher beftimmt 
Hat? Auch nicht. Stellen wir aber bie Frage fo, Gefällt es 
euch daß der Geiſtliche die Rede auswendig lerne? fo ift bie 
Sache eine anbeie; das Auswendiglernen if eine Muͤhſeligkeit 
und ba befommen die Zuhörer eine Sympathie und fagen, Der 
arme Mann hat das Ding ſchon fat. Kommt dazu noch daß 
der Prediger die Rede einigemale laut ſich vorgeſprochen 
bat: fo befommen bie Leute den Gedanken von einem Kunfl- 
Büff, von etwas äußerlich abfichtlihem, und bag giebt den Ver⸗ 
bat des Weberredenwollens durch etwas Außerliches. 

Stellen wir eine Revifion an über das gefagte, und fra- 
gen, Können wir nicht anders als eine bypothetifche Antwort 
bier geben? ober giebt es eine entfchiebene Billigung der einen 
sder anderen Methode, bie allgemein wäre? fo werden wir bie 
allgemeine Antwort verweigern müffen. Könnten wir fagen, 
Eine hinreichende Gewalt über die Sprache, um ben Geban- 
tn für die Zuhörer auszubrüffen, gehört eben fo zur Bildung 
befien der in das Gefchäft eintritt, wie beim mimiſchen; fäme 
auf die VBollfommenheit des Ausbruffes eben fo wenig an wie 
auf die der Mimik: dann fönnten wir auch fo allgemein ant⸗ 
worten. Das ift aber nicht der Fall, fondern es ift immer ber, 
daß die die in das Gefchäft hineintreten nicht mit einem ſolchen 
Grad von Gewalt über bie Sprache eintreten wie nöthig iſt. 

20* 


| 


— 30 — 


Deswegen iſt es allgemein nicht zu rathen, daß man die Aus- 
übung des Gefchäftes damit anfange, den Ausbruff nicht vor⸗ 
ber vollkommen fertig zu haben, Fragt und jemand noch weis 
ter aufs Gewiffen, Soll ich fo lange bis ich in dieſer Hinficht 
mich frei fühle, mich gewöhnen die Gedanken ſchriftlich fer- 
tig zu machen oder innerlih? fo wird davon abzuraihen fein 
fih in die Gewalt des gefchriebenen Buchſtaben hinzugeben. 
Macht man den Ausbruff vorher fertig: fo wirb ihn das Ge- 
bachtnig fo wieder barbieten wie man ihn fertig gemacht hat. 
Diefe Vorausfezung fann auf zweierlei beruhen. Der Ausdruff 
in feiner äußerlihen Vollkommenheit bildet fih aus der wes 
fentlihen Bezeichnung des Ausdruffes, die wir zum Gedanken 
rechneten. Die Operation von der fahlen formalen Bezeid- 
nung des Gedankens aus zu probuciren, ift eine lebendige. 
Wenn ich mir der wefentlihen Reihe von Gedanken bewußt 
bin, und die Operation ift hervorgegangen aus ber Beruͤkkſich⸗ 
tigung aller Verhältniffe bei der Rede: fo ift es die lebendige 
Production, von der ich vertraue daß fie wieberfommen wird, 
und bie beruht auf der Lebendigkeit des ganzen in ber Seele. 
Dann kann auch die Zuverficht beruhen auf dem blog mecha⸗ 
nifhen: ich babe den Ausdrukk fertig gemadt und wieberhole 
ihn zwanzig breißig mal; dieſe Zuverficht aber beruht auf ber 
Zerftörung des ganzen — benn indem ich einen Theil wieder 
hole, bin ih an ber mechaniſchen Operation feftgebeftet — und 
it Schlecht ihrem Fundament und Eindruff nah. Nun ift of⸗ 
fenbar dag das Memoriren des gefchriebenen Buchftaben noch 
eine Station weiter vom urfprünglien Act entfernt if. Das 
Auge leitet da und das Gedächtniß wirb eine memoria localis. 
Auf eben diefe Weife Fann ich etwas im Gedächmiß befeftigen 
was ich nicht felbft gemacht, was ich vielleicht nicht verftebe, 
felbft was feinen Zufammenhang bat. Wer fo die Rebe pro- 
ducirt, tritt auf mit einem mechanifchen Kunftflüff und von fei= 
ner lebendigen Production ift nichts mehr übrig. 

Fragen wir noch, Gefezt e8 wäre nicht ganz rathfam, kann 
es nicht erlaubt fein in manden Fällen den Ausdrukk nicht 


— 30 — 


ganz fertig zu haben? Vorausgeſezt die Gebanfen find fertig: 
fo kam man die Erlaubnig dem geben der eine entfchiedene 
Gewandtheit in der Sprache befizt und jedesmal ben beiten 
Ausdruff findet; anders aber als Erlaubniß weiß ich 
bie Sache nicht zu ſtellen. | 

Wir gehen nun zum mimifchen in ber religiöfen Rede 
über. Das mimifche in der Rede gehört mit ber Spradhbe- 
handlung eben fo zufammen wie Dispofition und Gedanken⸗ 
erzeugung in Bezug auf das Thema. Der mimifhe Vortrag 
muß fih unmittelbar an den Ausbruff anfchließen. Hier haben 
wir zweierlei zu betrachten, die Mimik ber Sprache und ber 
Gcherden (der Stimme und der Gliedmaßen). Offenbar ift 
bie erfie bei weitem ber Haupttheil, weil durch einen richtigen 
Gebrauch der Stimme die Auffaffung erleichtert, durch einen 
mrichtigen erſchwert wird. 

Was die Mimik der Stimme *) betrifft: fo erfcheint 
der organifhe Gebrauch davon mehr als Gabe der Natur, 
Jeder unterfcheibet eine metallreihe Stimme von einer troffe- 
nen hoͤlzernen. Je mehr fih das Drgan für den Gefang eig- 
net, um deſto klangreicher ift auch die Stimme für den pro- 
faifhen Bortrag; aber man hat bas nicht ald Talent anzufehen. 
Bir werben eine negative Maxime aufftellen, daß feder ſich 
mäffe ein Organ aneignen bad nicht ſtörend werde, 
Ausbauernde Uebung hat großen Einfluß auf die Stimme, 
Ehenfo fommt auf der anderen Seite die Gewöhnung ber Zu«- 
börer zu Hülfe. Das Verhältniß ift ein conftantes, an folche 
rein organische Zuftände gewöhnt man fi leicht. Unvollkom⸗ 
menheiten anf biefem Gebiet find zwar nicht von fo großer 
Bedeutung; wenn aber im Vortrag Fehler vorfommen bie von 
Zactlofigfeit zeugen: fo wirb der Zuhörer affieirt, und beforgt 
ed werbe etwas Ähnliches auch in den Gedanken vorkommen, 
und das fann nur durch eine ange Erfahrung gehoben wer- 
ben. Die Fehler darin zu vermeiden, find wenige Anftalten 





) ©. Beilage B. 19. 


— 310 — 


bei ung, und bie welche wir haben, find ſolche bie mehr ſcha⸗ 
den als nüzen, wie die beclamatorifchen Webungen in ben öf⸗ 
fentlihen Schulen. Die Uebung in ber öffentlichen Production 
muß im Leben felbft Tiegen. 

Der erfle Punkt den wir hier in Drbnung zu bringen ha⸗ 
ben und der die Mimik der Sprache zunächft betrifft, aber auch 
auf die Mimif der Geberben Einfluß hat, ift der: Geſezt die 
Rede ift dem Ausdruff nach nicht nur vor ber Darftellung fer- 
tig geworben, fondern ber Ausbruff ift auch fhriftlih verfaßt 
worden: foll die Rede abgelefen oder memorirt wer- 
den? *) Hier läßt fi kaum etwas anderes ald ein para⸗ 
bores vortragen. Dan verwirft gewöhnlih das Ablefen gänz- 
ih, es ſcheint aber als ob beides gleich fände; jedes bat feine 
eigentbümlichen Vorzüge. Das Memoriren gewährt noch eher 
einen Uebergang zur freien Production, zur Entwöhnung vom 
gefchriebenen Buchſtaben. So fern man das Memoriren nur 
als einen Mebergang betrachtet um mit dem Ausdruff der Rede 
fertig zu werben ehe man fie hält, hat ed ben Vorzug; aber 
fol es bleiben und foll immer aufgefährieben werben: fo if 
beides gleih. Das Memoriren entzieht dem Zuhörer den Ge⸗ 
banfen an das vorhergegangene Schreiben, und er fan eher 
glauben daß er eine urfprünglihe Probuction vor fih hat; 
aber dagegen ift offenbar daß das Ablefen ehrlicher ift, denn 
nun weiß ein jeder daß er es mit einer Schrift zu thun hat. 
Offenbar kann der Vortrag nicht derfelbe fein, wenn abgelefen 
wird oder memorirt worden iſt. Nicht nur auf das mimifche 
ber Beberben, wo das Gebundenfein des Auges an bie Schrift 
auch ein allgemeines Gebundenfein ber ganzen Geftalt nach fi 
zieht, fondern auch auf den Vortrag der Sprache hat es einen 
großen Einfluß; aber hieraus koͤnnte Fein beſtimmter allgemei- 
ner Nachtheil des Ablefens gefchloffen werben, Was bie Mi— 
mit der Geberben betrifft: fo wirb fie durch das Ablefen be- 
ſchraͤnkt; das ift etwas heilfames, denn biefe Mimik, geht fie 


) ©. Beilagen A. 43. 44. 


— 311 — 


über ein zartes Maaß hinaus, iſt eine Pratenſion, weil alles 
was an das pathematiſche grenzt muß ausgeſchloſſen ſein. Im 
Ableſen liegt eine Tendenz die Mimik des Geberdenſpiels zu 
verringern. Es giebt auch hier Unnatürlichkeiten; mancher ber 
ablie, glaubt dag ein gewiffes Maaß von Bewegung noth- 
wendig ift, und daraus entfteht leicht etwas unnatürliches und 
lächerlihes. Aber deswegen fol das Ablefen nicht beſonders 
befehüzt werden, fondern indem es nur bem Memoriren gleich- 
geteilt wird, ift aufmerkffam zu maden daß beides fih auf 
folhe Methode bezieht die man nur als Durchgangspunkt an- 
fehen ſollte. Was den Einfluß von beiden auf die Sprad- 
mimif befonders betrifft: fo ift es wahr, wenn das Ablefen 
ſich nicht verheimlichen will, bekommt die Berfammlung dadurch 
einen anderen Charakter, die Predigt wirb eine Borlefung und 
es fcheibet fich Diefer Act von dem übrigen auf eine viel flär- 
fere Weife. Da ift Teicht zu ſehen, daß diefe Methode zufam- 
menhängt mit der rein didaktiſchen Anficht der Predigt. Wenn 
man von der Idee der mittheilenden Darftellung ausgeht: fo 
fheint darin zu liegen, daß der ganze Act mehr ein perfün- 
liher fein muß. Das Ablefen verringert bie Perfönlichkeit; 
die freie Darftellung if ſchon etwas ganz anderes. Es ift für 
bas Ablefen nur die am meiften didaktiſche Form ber Predigt 
geeignet; je mehr ceoneitirte Stellen vorfommen, beflo weniger 
qualifieiren fie fih zum Ablefen, und jeder wird fühlen daß 
die freie vom Buchſtaben unabhängige Darftellung die einzig 
richtige iſt. 

Was die Vollkommenheit in der Mimik der 
Sprache betrifft: fo gehört dazu 1) die Natürlichkeit, ge— 
gen welche fehr häufig und in einem hohen Grabe gefehlt wird. 
Biele haben einen ganz anderen Ton auf ber Kanzel, Es ifl 
fehr Häufig, daß wenn man einen Geiftlihen nur auf ber 
Kanzel gehört hat, und ihn hernach im Leben wieber Hört, 
man die Identität der Stimme nit wieber kennt. Das tft 
das Product von der Borftellung ald wenn man beim öffent- 
lichen Reden in einem ganz fremden Zuflande wäre. Es if 


— 312 — 


nicht möglich daß eine Rebe Tann einen reinen Eindrukk ma⸗ 

hen, wenn biefe Unnatur beim Bortrage zum Grunde liegt, 
Die Loralität hat hier einen großen Einfluß; es wird eine au⸗ 
bere Behandlung bes Organs erfordert, wenn man einen gro- 
Gen Raum ausfüllen fol, oder einen der ſchlecht conftruirt iſt 
und nicht gehörig angefüllt. Aber es giebt eine Erhöhung des 
Drgans die mit dem Raum im Verhaͤltniß ftebt, und eine 
Hemmung der Schnelligkeit die davon abhängt, wobei das 
harakteriftifche im Ton ſich doch nicht ändert. Macht man ben 
Berfuch fich felber zu hören im Bortrag auf der Kanzel: fo 
wird jeder felbft frappirt werden, wenn er im unnatürlichen 
bes Tone ſtekkt. Es darf feine andere Abweichung im Ge- 
brauch des Organs vorkommen als die von ber Localität be= 
dingte. 2) Die Deutlidhfeit, Wenn man biefe zu erfüllen 
fucht, erleichtert man ſich das erfte fehr. Es gehört eine deſto 
geringere Anftrengung dazu in einem großen Raum vernon- 
men zu werden, je vollftändiger man artieulir. Darin kann 
man fih eine große Uebung verfchaffen durch Borlefen vom 
folhen Werfen in denen dag numerifhe der Sprache eine be 
beutende Rolle fpielt. Bor nichts mehr muß man fi hüten 
als vor nachtheiligen Fehlern in der Ausfprache, befonbere in 
Beziehung auf die Accentuation. Es giebt bier auch provin- 
zielle Sehler denen man entgegenarbeiten muß. Cine in fi 
undeutlihe Ausſprache aber wird nie buch Erhöhung bes Tones 
verbefiert. 3) Die richtige Modulation. *) Es if eis 
gentlih unbegreiflih daß jemand hierin fehlen follte bei dem 
was er felbft gemacht. Wenn man etwas vorträgt bag man 
nicht Fennt, fo fann man fih am Anfang einer Periode über bie 
Structur derfelben täufchen; aber wenn einer felbft den Aus⸗ 
bruff hervorgebracht bat, fo ift es ſchwer zu begreifen wie er 
falfch werden fönne, und es ift Doch nicht felten. Das hat ei- 
nen zwiefachen Grund: der eine ift die vorausgeſezte Unnatür- 
lichkeit der Situation, und ber zweite, daß im Mechanismus 


*) ©. Beilage B. 20. 


— 313 — 


bes Aufihreibens und Memorirens einem bis auf einen ge= 
wien Grad bie Sache felber entfremdet werben kann. Bei 
vielen ift die falfche Vorſtellung als 0b auf der Kanzel ein 
ganz befonderer Typus der Stimme nothwendig wäre. Wenn 
wir aber davon ausgehen, daß die ganze Behandlung ber 
Sprache bie eigentlihe Umgangsfprahe zum Niveau hat: fo 
wird jeder zugeben daß in Beziehung auf die Stimme baffelbe 
Niveau gilt. Ganz etwas anderes ift ber Gebrauch ber Stimme 
im poetischen Vortrag, da will der gemeffene Ton fih auch in 
der Stimme geltend machen; aber in unferem Kanzelvortrage 
find wir in ber Witte der Profa, und da ift alfo feine Ur- 
ſache die Stimme von ihrem natürlihen Gange abweichen zu 
laſſen. Wenn überhaupt in der Stimmung bes rebenden bie 
Differenz zwifchen diefem Act und feinem gewöhnlichen Lebens⸗ 
gange zu groß ift: dann ift und bleibt es ihm immer etwas 
fremdes, und davon iſt ein abweichendes im Gebrauch ber 
Stimme ein natürliher Ausdrukk. Nun glaube ich wird fi 
jeder fagen müflen, Daß dieſe Borausfezung doch eigentlich gar 
nicht ftatt finden follte. Der zweite Grund aber mag wol no 
häufiger fein, daß ber Redner dem Act bes Bortrags in einem 
anderen Sinne entfrembet ift, wenn in Beziehung auf benfel- 
ben mechanifche Operationen vorgegangen find die ben natür- 
lichen Zuſammenhang unterbrochen haben, Es ift das Memo- 
tiren oft der Grund von einem nicht natürlichen Gebrauch der 
Stimme, ich füge aber gleich hinzu, daß dieſes nicht eine Folge 
des Memorirend überhaupt fondern eines falfehen Verfahrens 
dabei iſt. Je mechanifcher es getrieben wird, um befto mehr 
fommt etwas ber Sache fremdes hinein, um befto mehr geht 
die Rede auf der Kanzel in dieſe mechanifche Operation zu— 
rükk; dadurch wird der Zuſammenhang zwifchen der urfprüng- 
Iihen Abfaffung und der Iezten Darftellung unterbrochen, und 
ed geht das richtige Maaß dabei verloren. Diejenigen bie 
von ber Kanzel herab frei reden d. h. ohne vorher zu memo- 
tiren, und die welche wieber mechanifch memoriren, werben 
diefem Fehler ferner flehen. Wenn einer feine eigenen Ge- 


cç 


— 3114 — 


banfen nicht richtig vortägt: fo müſſen fie ihm fremb gewor- 
ben fein. Wir fönnen und die Analogie leicht vergegenwärti- 
gen, Hat er einen Gedanfenreihthum ſchriftlich verfaßt und 
fie haben fchon lange gelegen: fo Fönnen fie ihm fremd gewor- 
ben fein, und immer wird einem das fremd was man nidt 
recht con amore gearbeitet hat, Wenn fi der Geiſtliche nicht 
in einem angenehmen Zuftande befunden hat bei der Compo— 
fition, fo wird fie ihm um fo leichter fremd werben, und wenn 
ein Zeitraum dazwiſchen ift, fo wird er um deſto mehr zu fei- 
ner Rede als zu etwas fremdem fommen. Wenn wir bie 
mechaniſche Richtung des Memorirens dazu nehmen, wo man 
bie einzelnen Elemente für fih memorirt, nicht in Beziehung 
auf ben Zufammenhang: fo ift der Zufammenhang der Rebe 
aufgelöft, und je weniger biefer beim Act des Vortrags gegen- 
wärtig ift, um fo leichter ift es in der Detonung Fehler zu 
machen. Er mag alfo in Beziehung auf dieſe ganze Reihe, 
bie zwifchen ber erſten Arbeit und dem wirklichen Halten Liegt, 
zu Werfe gegangen fein wie er will: er wird einem richtigen 
Bortrage nur gewachfen fein wenn fie ihm im ganzen Zuſam⸗ 
menhange gegenwärtig iſt. 

Ich kann nicht umhin noch einmal ausdrükklich aufmerkſam 
zu machen daß Fehler in dieſer Hinſicht ſo ſehr gewöhnlich 
find; man kann ſagen, daß die Majoritaͤt unſerer Geiſtlichen 
in dieſer Hinſicht nicht tadelfrei iſt. Daß dies beſonders der 
Fall iſt, ſieht man auch daraus, daß ein gewiſſer Mechanismus 
ſtatt findet, aber ein falſcher. Manche haben an ſich ein pe- 
riobifhes Steigen und Sinfen der Stimme, andere ein Ber- 
fhluffen des Endes jeder Abtheilung der Rede zur Gewohn- 
heit, ganz unabhängig davon, ob es Theile find bie betont wers 
den müffen oder nit. Die wahre Richtigkeit und Vollkom⸗ 
menbeit befteht alfo darin, daß der Vortrag mit dem beftimm- 
teften Denten des Inhaltes verbunden fei, fo daß man das 
Bewußifein des ganzen hat, Wenn dieſes ber Fall ift, wird 
ein unrichtiger Gebrauch der Stimme in Beziehung auf ben 
Inhalt etwas unmögliches fein. Es ift aber dieſes eine Sade 


— 315 — 


fräber Bildung, und es ift in die Bildungsanftalten einzufüh- 
ren, daß Uebungen in Beziehung auf ben Bortrag gehalten 
werben. Es ift freilich ein bedeutender Unterſchied zwischen 
bem was nur als Uebung geſchieht und dem was in ber Praris 
vorfommt; falſche Gewöhnung entfteht aber wo fie entfteht ziem⸗ 
fi zeitig, und es fommt barauf an, daß man auf fih Acht 
giebt und fich felbft hört. Das überfieht man leicht; wenn ein 
gewiffer Grad von Anftrengung erforderlich ift die Nede fo wie 
fie ausgearbeitet ift zu halten: fo ift man mit ber Aufmerffam- 
feit zum Theil beim künftigen. Diefem muß das Selbfthören 
u Hülfe kommen; bas fommt zwar freilich zu fpät, aber man 
merkt dann doch darauf. 

Wenn hier das mimijche relativ zuräfftreten fol, nichts 
für fih felbft fein darf: fo wird Feiner etwas anderes nöthig 
haben als das ausgeführte, und alles andere wirb bag erfün- 
Relte verrathen. Es giebt einen natürlichen Unterſchied im 
Organ der Stimme; aber darin etwas erfünfteln zu wollen, 
giebt umleidliche Nefultate, über bie fich der felbft täufchen fann 
der fih eine große Mühe gemacht hat etwas zu erhalten was 
er für gut halt. Wer fein gutes Organ bat, muß das feinige 
verbrauchen wie er es hat; ſich etwas befieres als einem bie 
Ratur gegeben hat anfünfteln zu wollen, kann nichts gutes her- 
sorbringen; denn man merft leicht die Mühe die barauf ver- 
wendet worben ift, und bag macht einen nadhtheiligen Eindruff, 
Dies läßt fich nicht weiter ins einzelne ausführen; die Princi- 
pin aber ftehen feft, und im übrigen wird immer ein geſunder 
richtiger Geſchmakk am ficherften leiten, 

Der andere Theil der mimifchen Darftellung, den wir noch 
iu betrachten haben, ift Die Geftieulation. Es ift hier of- 
fenbar eine allgemeine Theorie zum Grunde liegend, die vor- 
ausgefezt werden muß und bier nicht erörtert werben kann. 
Bir müflen davon ausgehen, daß in jeber Action die von 
ber Freiheit ausgeht auch ber ganze Menſch thätig 
iſt. Das if ein allgemeiner Saz, ber mit der Lebenseinheit 
ud dem untrennbaren Zufammenbang aller Lebensfunctionen 





NINA 


— 316 — 


eigentlih ein und baffelbe if. So wie es Fein Denken giebt 
ohne Sprechen, die Sprache aber immer einen Organismus 
in fih fohließt: fo giebt es Feine Bewegung der Spradwerf- 
zeuge ohne andere Bewegungen, dir durch ben allgemeinen An— 
theil an dem Inhalt des gefprochenen hervorgebracht werben. 
Alles dies ift nun freilich etwas fehr verfihiebeneg feinem Um- 
fang nad. Gehen wir von der Hauptthätigfeit aus: fo muß 
biefe bei weitem bie ftärffte fein, und die ſympathetiſche Be— 
wegung und Mitthätigfeit wird nad Maaßgabe der Entfer- 
nung von ber Hauptthätigfeit immer ſchwächer, zulegt eine 
Null, Nun ift aber die Mitthätigfeit des Leibes bei geiftigen 
Actionen fehr verfchieden. Es ift hier etwas zu fagen über 
eine Anftcht, die fich bisweilen laut gemacht hat, jezt aber ziem⸗ 
lich antiquirt if. Weil die Mimik in unferem Gebiet auf der 
allgemeinen Theorie ruhen muß, dieſe aber bei ung ihre vor— 
züglihe Anwendung findet auf ber Schaubühne: fo hat man 
gefagt, der Geiftlihe müffe von dem Schaufpieler 
fernen. Nun foll der Geiftliche nichts weniger fein ald was 
der Schaufpieler iſt; was den Schaufpieler zum Scaufpieler 
macht, qualifteirt den Geiftlichen nicht zum Geiftlichen. Diefer 
foll immer er felber fein, der Schaufpieler fol immer ein an 
berer fein und ſich felber verläugnen. Hier ift ein reiner Ge— 
genfaz, und es ift nicht zu verfennen daß dieſer Gegenfaz im 
wefentlihften die fubjective Seite der Theorie betrifft. Anders 
muß man es anfangen um fi in einen andern hineinzuver- 
fezen, und um fich felber darzuftellen. Was die objective Seite 
betrifft: fo wird es Regeln geben bie für beide Gebiete gelten; 
e8 wird negative Cautelen geben, ſchoͤnes und unſchönes. So 
wird das marionettenartige auf beiden Gebieten unfhön fein. 
Aber das will nur wenig fagen, und deswegen braudt der 
Geiſtliche noch niht vom Schaufpieler zu lernen. Hin= 
fihtlih der pofitinen Seite kann es auch Regeln geben die fo 
allgemein ausgebrüfft werben fönnen daß fie für den einen wie 
für den andern paſſen. Beſſer aber thut man wenn man bei— 
Des geſchieden läßt, ba bie Darftellungsgebiete wejentlih ver— 


— 97 — 


ſchieden find. Es hat etwas verlegenbes wenn reli— 
giöſe Momente auf der Bühne dargeftellt werden, 
und ebenfo wenn auf der Kanzel Momente darge- 
Rellt werden die auf die Bühne gehören, weil alles 
pathematifche von ber Kanzel verbannt fein muß und es feinen 
Hauptplaz auf ber Bühne hat. Da giebt es alfo wenig Ge- 
meinfhaft. Wir haben indeß noch andere Analogien. Bei 
und zwar nicht, aber anderwärts findet fich das öffentliche Re— 
den, ber beſtimmte profaifhe Vortrag in politifhen und ge= 
tihtlihen Verhandlungen. Giebt es hier Principien bie iben- 
Kih fein könnten? Nur in fo fern als auch aus diefen Vor— 
tragen bas pathematifche verbannt if. Wo das nicht der Fall 
iR, Einnen wir die Predigt zuräffführen auf die Analogie mit 
bem täglichen Reben, und das ift bie einzige wobei wir beſtimmt 
fehen bleiben koͤnnen. 

Es liegt in ber Natur bag überall die Rebe von ber Be- 
wegung begleitet ift, und zwar in demſelben Maaß als fie bloß 
Uebertragung ber Erfenntniß fein will. Diefe Begleitung ber 
Rede durch die Bewegung hat einen zwiefachen Urfprung: 
1) daß die Bewegung das allerurfprünglichfte Darftellungsmit- 
tel für die Einheit des gefammten momentanen Zuſtandes iſt; 


2) dag überall die Menfchen wo fie noch nicht fih durch die 


Sprache verftändigen, fi) fogleich eine Zeichenfprache erfinden 
bie in Bewegungen befteht. Nun ift die Berftändigung durch 
bie Sprache eine Approrimation daran, und es bleibt etwas 


üblrig von dem Bewußtfein daß in jedem einzelnen ber Ge- 


brauch der Sprache feiner Subjectivität untergeorbnet, nicht 
sollfommen eins mit dem des andern tft, und daß es eines 
Supplements bedarf; und dies tft die Bewegung, nicht ale 
Ausdruff des Gefühls, fondern als Zeichenſprache. Eine 
teine unmwillfürliche Zeichenfpradhe Fann nicht das Werk eines 
Augenbliffes fein, fondern nur im bemonftrativen und bem ur- 
ſpruͤnglichen Ausdruff des Gefammtzuftandes Tann die Zeichen- 
ſprache fi bilden. Aus biefen beiden Elementen ift die Be- 


wegung zufammengefezt. Einige Bewegungen haben ben Cha= 


n 


— 318 — 


rafter Ausdruff des Gefühle zu fein, andere Supplement 
für die Sprade zu fein. Das find die Principien auf denen 
fih eine beflimmtere Theorie bauen ließe, wiewol eigentlich m 
dem was man bisher darüber hat nichts geleiftet worben if. 
Diefe Theorie würde aber auch nur allgemein fein, und wir 
fönnen fie bier nur vorausfezen und fragen, was für eine Mo- 
dification fie auf unferem Gebiet erleiden würde. Diefe Frage 
muß man in zwei andere auflöfen, Giebt es auf der Kan- 
zel und für die Kanzel eigentliche Principien bie aus 
ber befonderen Befchaffenheit der durch die Bewe— 
gung zu begleitenden Rede entſtehen? und, Giebt es 
eine allgemeine Norm die diefelbe fein fann für 
alle? 

Was das erfte betrifft: fo werden wir nur fagen, Es ifl 
der Natur der Sache nad) von unferem Gebiet alles ausge: 
fchloffen was nur begleitende Bewegung fein Tann für Geban- 
fenreiben bie von unferem Gebiet felbft ausgeſchloſſen find; 
3. DB. aus der religiöfen Rede ift alles ausgefchloffen was 
Scherz beißen kann. Geſezt es gäbe ſcherzhafte Gefticulationen, 
denen man es anfehen fann daß fie nur eine feherzbafte Ge- 
banfenreihe begleiten fünnen: fo ift Har dag dieſe völlig aue- 
gefchloffen fein muͤſſen. Daffelbe wird von allem Teidenfchaft- 
lichen gelten. Aber das geht ganz zurüff auf den Inhalt ber 
Rede felbft, und ift die Anwendung der Formel, daß wenn bie 
Dewegung die Rebe begleitend fein foll, fie dem Inhalt ange- 
mefjen fein muß. In Ermangelung einer Theorie werben wir 
bie befte Analogie immer in dem gewöhnlichen Leben finden, 
in einem ernften Umgang und Gefprad. 

Anders ift ed mit der zweiten Frage, die auch allgemeiner 
Natur ift, Giebt ed eine allgemeine Norm für bie die Rebe 
begleitende Bewegung überhaupt? Nein; eine jede Nation hat 
ihre eigene Art zu gefticuliren, nicht nur der Quantität nad 
fondern auch qualitativ verfchieden. Die Bewegung bie bie 
Rede begleitet, fofern die Zeichenfprache nicht etwas durch 
die Willfür hinburchgegangenes if, hat etwas unwillfürliches, 


— 319 — 


und das hängt zufammen mit ber innerlichften Conſtitution je= 
des einzelnen. Wenn wir an die Differenzen ber Conftitution 
oder des Temperamentes benfen: fo hat jebes Temperament 
feine eigene Bewegungsweife und Geftieulation, und eine voll- 
fommen allgemeine Norm findet bier nicht flat. Wenn wir 
auf das was dem religiöfen Redner obliegt feben: ſo werben 
wir eine Differenz finden zwifchen dem nationalen und dem 
zZemperament. Die chriftlihe Kirche iſt etwas alle Nationen 
ihrer Beftimmung nad) umfaflendes; aber bier haben wir es 
wit zu thun mit dem Berhältniß des einzelnen zu der Tota— 
Ität der Kirche, fondern zu der Gemeine, und da ift die na= 
tionale Zufammengehörigfeit Die Regel. Diefer Differenz un— 
terliegt der religiöfe Rebner überhaupt; deswegen Eönnen wir 
wicht denfelben Maaßſtab anlegen für die Beurtheilung in bie- 
fer Hinfiht. Wenn wir einen italienifhen oder franzöfifchen 
Faſtenprediger hören, wo ber ceoneitirte Vortrag gewöhnlich ift 
und alle Regeln für ben Vortrag Iofe geftefft werben: ba wer- 
den wir ein Gewebe von Linfchifflichkeiten finden, aber dem 
nationalen Zuhörer ſcheint das nicht fo. Sie find an dieſe 
Form gewöhnt und haben das Gefühl, daß der Zeitraum wo 
der Geiftliche das Gemüth erſchüttern ſoll bejondere Licenzen 
- gewährt, und fo finden fie meifterhaft was ung unerträglich iſt. 
Ebenfo wird unfere Geftieulation den füblihen Bölfern unge- 
nügenb erfcheinen, Anders iſt e8, fragen wir nach den Diffe- 
renzen die auf das Temperament, auf die phyfifche Eonftitution 
der Derfönlichkeit fich beziehen. Diefe follen in Dem überwie- 
gend religiöfen Moment fih mehr nah der Mitte bewegen, 
und die natürliche Differenz fol zurüfftreten, weil bier dag 
natürliche im Dienft eined höheren Principe if, Je weniger 
man der Geftieulation bes Redners fein natürlidheg 
Zemperament anmerft, defto beffer ift es, wenn er 
niht Künfteleien braudt es ſelbſt zu beherrſchen. 
Da giebt es ein gewiffes Maaß das alle anftreben fönnen, und 
De perfönliche Differenz foll mehr verfehwinden. Sehen wir 
auf Die verfchiebenen Elemente: fo betrifft Dies mehr die Be⸗ 





— 590 — 


wegung fofern fie Ausbruff bes Gefühle ift, weniger fofern fie 
in bas Gebiet der Zeichenſprache fällt. Alles übrige if fo 
wenig fähig unter allgemeine Regeln gebracht zu werben, daß 
es nur der Beobachtung überlaffen bleiben muß, für die wir 
die Principien aufgeftellt haben. 

Wenn wir nun fragen, wie es in biefer Beziehung feht, 
ob wir und im ganzen darauf verlaffen fönnen, daß jeder der 
vor der Gemeine auftreten foll ein richtiges mitbringe: fo wer: 
den wir Urfache haben zu zweifeln, aus dem Grunde weil ein 
fo langes ununterbrodened Fortreden etwas tft was fonft im 
übrigen Leben nicht vorkommt; und fo muß man fi) nicht wun- 
bern wenn bloß aus diefem Grunde fi etwas einmifcht was 
ber Natur der Sache nicht angemeffen ift, entweder daß alle 
Dewegungen aufhören, oder etwas wollen ohne bag man be 
flimmt weiß was. Daher giebt es auch bier fehr häufig folde 
Elemente die etwas flörendes in fi tragen, und daher fommt 
es daß den Zuhörern die Rede nicht in einem natürlichen Zu- 
ftande erfiheintz ber Fehler Tann im Moment felbft Tiegen ober 
in einer früheren Gewoͤhnung. Es giebt hier eine Maxime, 
die nicht felten aufgeftellt ift, Weil e8 fo Leicht fei Das Maaß 
zu überfchreiten oder etwas falfches einzumifchen, fo fei es am 
beften fih aller Bewegung zu enthalten. Das hat 
etwas für fih, wenn man von dem Princip ausgeht baß der 
ganze Gemüthezuftand des redenden rein durch fi ſelbſt wir- 
fen fol, Aber es handelt fih Darum was nothwendig if, und 
was natürlich ift das iſt auch nothwendig; und giebt man weiter 
zu, es ift natürlich daß man Gebanfen mit Bewegung beglei- 
tet: fo wird folgen Daß das fih der Bewegung enthalten un⸗ 
natürlich fei, und das unnatürlihe ftören muß. Aber die Ma- 
xime hat auch etwas unpraftifabeles, weil fie begrenzt werben 
muß und fein Grund dazu if. Wenn das nächfle der Bewe—⸗ 
gung die Geſichtszüge find: fo ift das weitere die Bewegung 
ber übrigen Glieder. Begrenzt man die Marime auf bag Iez- 
tere: fo ift diefe Begrenzung wieder etwas unnatürlices; follen 
‚bie Geſichtszüge mit hineingezogen werben und das mimiſche 


— 321 — 


Element der Stimme fliehen bleiben: fo ift daffelbe da. Es 
muß vorausgefezt werben, daß der Geiftlihe im Gebrauch der 
nahonalen Mimik fei und für feine Rebe nichts bazu und ba= 
von nehme. Dies leidet eine große Menge von Differenzen; 
imerhalb des nationalen Gebietes macht ſich die Perfönlichkeit 
and geltend. Das fefte giebt bier die gute Gefellfehaft, die 
iR das Maaß des mimifchen. Es werben auch die Fehler ſich 
dahin charakterifiren laffen, indem man fagt, fo etwas komme 
in einer guten Geſellſchaft nicht vor. 

Die Hauptregel wird fein, daß die Mimif nicht hervor⸗ 
keten darf. Wenn dem Zuhörer ſich aufbringt daß der Neb- 
ner auf die begleitende Bewegung einen großen Fleiß gewen- 
bet hat: fo ift Die Grenze überfhritten, weil das auf unferem: 
- Gebiet diefem Clement eine Bedeutung giebt die es nicht ha= 
ben darf. Daraus folgt, daß es fehr wefentlih ift im tägli 
hm Leben fich in diefer Beziehung fo auszubilden daß man in 
der Berrihtung bes Amtsgefchäftes nicht mehr nöthig hat daran 
zu denfen. Nur fo kann alles überflüflig werden was wenn 
td angewendet wird einen nachtheiligen Eindruff zurükk läßt. 


Mebergang zum zweiten Abfchnitt. 
Bon Cafualreden. 


Alles bisher gefagte bezogen wir auf die Reben im öffent- 
lichen Gottesdienſt; von Fleineren Reben im geiftlichen Amte 
haben wir noch folgendes zu bemerken, Diefe Reden haben 
zwei Hauptpunfte von denen fie ausgehen: einmal die Aus- 
theilung der Sacramente, und bann die fpecielle Seel- 
ſorge; und fie find verfchieden charasterifirt je nachdem fie ſich 
mehr an das eine oder an bag andere anſchließen. Wir müſ— 
fen fie alfo claſſificiren. Es kommen foldhe Neben vor bei ber 
Zaufe, dem Sarrament des Altard (Beichtreden), bei Trauuns 
gen, und bei Leichenbegängniffen. Die Trauung ift bei uns 
fein Sarrament, und es fcheinen die beiden erften mehr einen 
ſymboliſchen Haltungspunft zu haben, die beiden lezteren mehr 

Yraltifge Aheologie. 1. 21 











4 


— 12 — 


ber Seelforge anzugehörenz es ift aber doch nicht ganz fo. 
Der Geiftlihe verrichtet die Trauung auch als Repräjentant 
der bürgerlichen Geſellſchaft. Das ift num einmal fo, und da⸗ 
durch befommt die Handlung einen Charafter der fie von der 
Seelforge entfernt und zum ſymboliſchen hinführt. Ebenfo bat 
die Beichtrede den Charakter der Seelforge, beſonders die Pri- 
vatbeichte. Gefchieht die Taufe in ber Familie: fo hat die 
Handlung auch etwas von ber Seelforge an fih. Der Unter- 
ſchied ift der: alles was fi) auf die Ausfpendung der Sacra⸗ 
mente bezieht und einen fombolifhen Charakter hat, entfernt 
fih vom perfünlichen; wogegen bie Seelforge ald etwas per⸗ 
fönliches den Charafter der Vertraulichkeit haben fol. Es tritt 
aun bald das eine bald das andere mehr hervor. Wenn ber 
Geiftlihe eine Taufe oder Traubandlung in einer befannten 
Familie zu verrichten hat: fo wird die Vertraulichkeit weit mehr 
berportreten; wo bies nicht der Fall ift, wird ſich bie Handlung 
mehr an das Titurgifche anfchliegen. Es kommt alfo alles auf 
ben richtigen Tact an, der aus der Mifchung beider entftebt, 
und ber in verfhiedenen Fällen verfchieden if. Es fann Die 
Sndividualität der einzelnen dem Geiftlihen fo gut wie Null 
fein: dann ift ed das häusliche VBerhältniß auch, und ber Cha= 
rafter der Rede wird mehr fombolifh fein; im umgefehrten 
Tall kann der fymbolifhe Charakter zu kurz kommen durch das 
Eingehen in das häusliche Verhältniß. Es kommt hier auf 
bie Stellung ber Liturgie felbft anz ift fie fireng, fo wird die 
lezte Abfchweifung wenig zu beforgen fein; wo fie nicht fe 
fteht, ift die Abweichung eher möglih. Da muß man alfo 
Rükkſicht nehmen auf die verfchiedenen Verhältniſſe, ob der 
Geiftlihe eine große Freiheit zu feiner Gemeine hat ober nicht, 
Der Hauptgefichtspunft für den ganzen Gegenftand ift der, ſich 
ein richtiges Bild vom ganzen zu machen; je mehr die Hand⸗ 
lung der Kirche angehört, um fo forgfamer muß man in ber 
Sonderung fein, damit das ſymboliſche fein Recht behalte; je 
mehr fie der Familie angehört, um fo mehr ift das andere am 
feiner Stelle; nur darf Feind auf Null gebracht werben. In 


— 33 — 


einem Heinen Familienkreife kann das ſymboliſche Teicht zurüft« 
treten, und dann leidet ber kirchliche Charakter ſehr; gehört 
aber die Handlung ihrer ganzen Stellung nad der Kirche an: 
ſo kam ber Anfchließungspunft an die Seelforge Leicht gang 
Null werden. Iſt das tadelnswerth oder nicht? Wir fommen 
hier auf einen Punkt den wir noch nicht vor ung hatten. Es 
giebt Amtsverhältniffe womit gar feine Seelforge verbunden 
iR; dann bat der Geiftlihe auch gar feine VBeranlaffung fie 
aufzunehmen; wo bas nicht ift, giebt es noch einzelne Theile 
ber Gemeine wo ber Geiftlihe nicht darauf angewiefen if. 
Denfen wir und ben Geiftlihen in feinem fperiellen Verhaͤlt⸗ 
aß zu den Gemeinegliebern bei denen er eine Taufe oder 
ztaubandlung in ber Kirche verrichtet, und er hat dazu eine 
liurgiſche Vorſchrift: fo fehe ich nicht ein, wenn dieſe Vor⸗ 
ſchrift alle Hauptſäͤze umfaßt, wie ber Geiſtliche da zu tadeln 
if wenn er nur das fpmbolifche vorträgt. Wird nun aber die 
Handlung im Haufe vollzogen: fo Tiegt darin eine Aufforderung 
daß der Geiftliche in ein Privatverhaͤltniß treten foll; da muß 
er alfo auch bei der beften Titurgifchen Formel etwas eigenes 
hinzufügen, Ebenfo ift es mit dem Begräbniß; dba haben wir 
ſelten eine Liturgifche Vorſchrift; Hat der Geiſtliche alfo nicht 
perſonliche Verhaͤltniſſe: jo ift er auch an das allgemeine ge= 
wieſen. Es ift bier alfo nur bie reine Harmonie des Charafe 
ters der Rede mit der Localität und ben Perfönlichkeiten, wor⸗ 
ans das richtige hervorgehen muß. Sind die Berhältniffe fo 
daß die Rede einen vertraulichen Charakter befommt: fo darf 
doch darüber nicht ber Charakter des chriſtlich religiöfen ver- 
Ioren gehen, weder was bie Simplicität noch was bie Würde 
betrifft. Das ift eine Regel wogegen fonft vielfältig gefehlt 
wurde; es entfteht aber daraus geſchmakkloſes, die Erbauung 
Rörendes, Das liturgifche wird dem Geiftlichen gegeben, und 
das muß er von feinen eigenen Productionen felbft dem Tone 
nah unterfcheiden. Aber war jenes etwas allzu familiäre; 
ſo iR es hier ein Schein von Anmaßung, wenn ber Geiftliche 
feinen .perfönlichen Productionen einen ſolchen Typus giebt daß 
21* 





— 324 — 


ſie demjenigen ähnlich werden was die allgemeine Kirche re⸗ 
präfentirt, dem liturgiſchen. 

Nun ift auch allemal bei folhen Gelegenheiten eine grö- 
Bere Gleichheit der Zuhörer anzunehmen, und darin liegt ſchon 
eine beftimmte Indication, wie der Ton im ganzen zu halten 
if. Es if aber hier noch etwas befonderes zu bemerfen: näm- 
lich dieſe Gleichmäßigkeit in einem ſolchen Kreife hat man als 
lerdings größtentheils auch Urſache in Beziehung auf bie ganze 
religiöfe Anſicht vorauszuſezen; doch ift das immer nur mit 
einer gewiffen Vorſicht auszufprechen, gilt auch nicht ohne Aus⸗ 
nahme, denn in einer beflimmten religiöfen Anſicht Tiegt das 
Ausfchliegen einer beftimmten Behandlungsweife bed Gegen: 
ftandes und der Wunfh ihn auf die Weife die dem Ge- 
fichtöfreife die angemeffenfte ift zu behandeln, Nun entfleht die 
Frage, wie weit ber Geiftlihe fih dem Kreife zu af- 
fimiliren bat, mit dem er jedesmal zu thun hat? Wir 
müffen bier eine gewiffe Reciprocität zum Grunde legen; ber 
Geiſtliche fol eine beftimmte charakteriftifche religiöſe Anſicht 
baben, und er hat Urfache vorauszufezen daß fie von der Ges 
meine gekannt fei. Sp wie nun ein folder Kreis Urfache hat 
zu verlangen baß er auf feine Weife religiös angefaßt und 
angeregt werde: fo bat auch der Geiftlihe fein Recht zu ver- 
langen daß fih die Zuhörer in feine Weife bineinverfichen. 
Hier find alfo Anſprüche die entgegengefezt fein Eönnen, was 
zu einer Zeit wie bie jezige und in einem gebildeten Kreife 
fhon immer wirb erwartet werben fönnen. Auf der einen Seite 
ift hier allerdings die Vorſchrift des Apoftels fehr anwendbar, 
daß der Geiftlihe „allen alles fein” fol (1 Corinth. 9, 
49 — 22); auf der anderen Seite ift es eine Klippe, an ber 
‚er leicht mit feiner kirchlichen Selbftändigfeit fcheitern kann. 
Soil beides vereinigt werben, fo fann man bie Sache nur fo 
faffen: Jeder Geiftlihe der fih in feine Zeit hineingelebt hat, 
und bem alfo bie verſchiedenen veligiöfen Anfichten geläufig 
find, wenn er auch ſelbſt ganz feft ift, wird doch eine gewiſſe 
latitudo in fih haben, d. h. er wird ſich ſelbſt getreu bleiben 


— 335 — 


fnnen, wem er fich bas eine Mal mehr auf bie eine Seite 
neigt, dad andere Mal mehr auf die andere ohne mit fü) ſelbſt 
in Widerfpru zu kommen; aber das wird nicht gefchehen 
wenn er davon ausgeht füch zu aflimiliren mit den Zuhörern, 
denn dann fommt er gewiß in Widerſpruch mit fich ſelbſt; aber 
wenn er davon ausgeht, das zu vermeiden was denen mit 
welhen er es zu thun bat wiberfireben könnte und anftößig 
fein: fo ift das bie rechte Maxime. Es ift gleichfam eine ge- 
wife Reflerion über bie religiöfe Denfart feiner Zuhörer, die 
in feiner Rede vorfommen muß, ohne aber daß die Richtung: 
die von ihm ausgeht dadurch getrübt werde. Ich habe vor- 
jäglih um dieſes Punktes willen, welcher allerdings nicht für 
alle Geiftliche gleich wichtig ift, bei diefer Nebenfache noch ei— 
nen Augenbliff verweilen wollen; was fonft noch zu fagen 
wäre, ergiebt fih aus dem was von der religiöfen Rede im 
allgemeinen gefagt ift, in den einzelnen Fällen von felbft, 

Ich habe nur noch etwas hinzu zu fügen über das Ber- 
haͤliniß dieſer Reden zu den öffentlichen religiöfen Neben. Die 
religiöfe Rede ift beflimmt an einen Text gebunden: follen 
nun bie fleineren Amtsreden auch immer dieſen Ty— 
pus haben? Man Iegt fi dadurch einen unnöthigen Zwang 
auf; doch möchte ih da auch verfchiebene Fälle unterfcheiden. 
Der Tert ift in der Handlung, und da diefe einen fohrift- 
mäßigen Grund hat, fo bedarf es nicht eines befonderen Ter- 
ke. Hat nun die Rede des Geiftlihen einen allgemeinen Cha- 
tafter: fo ift der Tert ganz überflüffig; nur wenn das Titur- 
giſche Formular fehlt, oder wenn es zu dürftig iſt, wäre der 
Zert an feiner Stelle. Iſt die Rede mehr eine perfönlide: fo 
wird wegen Mangels an folhen Texten ein längeres Stüff 
aus der Schrift als Text nöthig fein, und das erlaubt nicht 
bie Zeit zu folchen Heinen Reden. In folhen Fällen fann id 
bie Wahl eines Tertes nur rathſam finden, wenn eine befon- 
dere Richtung für die flattfindenden perfönlichen Verhältniffe da 
iſt. Allerdings muß wenn fein Tert da iſt doch ein Haupt- 
gedanke dabei zum Grunde liegen, fonft würde feine Einheit 


— 126 — 


fein; aber von einer hervorſtechenden Eintheilung kann nid 
dabei die Rede fein. 

Alles bisher gefagte hat mehr Beziehung auf Tauf- Trau⸗ 
und Begräbnißhandlungen; für Beichtreben ift es nicht an- 
zuwenden, weil man dba mehr verfchiedene Theile der Gemeine 
als Familien vor fih hat. Die Beichte muß in innigem Ver⸗ 
hälmiß zur Privatbeichte ſtehen. Soll die Privatbeichte nicht 
etwas leeres fein: fo muß fie eine Anfnüpfung der Seelforge 
an das Sarrament werden; folgt alfo bie Beichte auf die Pri- 
vatbeichte: fo muß ber Geiftliche feine Rede halten als ein 
folcher der mit den yperfönlichen Verbältniffen der Zuhörer be- 
kannt iſt; iſt es umgefehrt: fo foll er auf bie Perfönlichkeiten 
vorbereiten; durch das Zufammenfaffen aller Perfönlichkeiten 
entfteht aber doch wieder das allgemeine, und das moͤchte ber 
Allgemeinen Beichte den Vorzug vor der Privatbeichte geben. 

Ale Vollkommenheit, die Richtigkeit der Anordnung und 
bie richtige Art der Ableitung muß aus dem innerften Leben 
bes Geiftlichen ſelbſt unmittelbar hervorgehen, alles mechanifi- 
rende Mittelglied fehlt. Wir haben hier eine Analogie mit 
einem Gebiet das offenbar mit unferem Gegenflande verwandt 
if, Die Lyrik. Sn der Iyrifchen Poeſie verſchwinden alle Gat- 
tungen, eben weil bie Iyrifche Compofition von einer unmittel- 
baren individuellen Bewegung ausgeht und nur in fo fern Ein- 
gang findet als ber Dichter dieſe darzuftellen weiß. 


— 327 — 


Zweiter Abſchnitt. 


Von den Geſchäften des Geiſtlichen außerhalb 
des Cultus. 


Einleitung. *) 

Unfer zweiter Abfchnitt hat „die Anordnung bes religiöfen 
Lebens auf unmittelbare Weife zum Gegenſtande. Wir haben 
don im allgemeinen aber nur als Möglichkeit aufgeftellt, daß 
auch Verhältniſſe der leitenden zu einzelnen vorkommen fün- 
nen. Dies tritt bier gleich hervor und zeigt ſich als weient- 
licher Theilungsgrund. Nämlich es giebt nun eine leitende 
Ahätigfeit welche völlig gemeinfam ift für alle bie auf ber 
Seite der überwiegenden Empfänglichkeit ftehen, bie alfo all- 
gemeines vorausfezt; aber bie leitende Thätigfeit kann biebei 
immer nur einen allgemeinen Durchſchnitt vorausſezen. Denn 
allerdings wenn man aus einem gegebenen Zuftande einen an⸗ 
deren bervorbringen will: fo muß der gegebene Zufland eine 
Einheit fein. Das if nun fireng genommen nicht der Fall, 
ſondern es ift eine große Verſchiedenheit; aber in fo fern wir 
biefe Berjchiedenheit im voraus annehmen können: fo liegt darin 
bie Regel, dag man nicht darauf Rüffficht nimmt, fondern man 
kann annehmen baß jeder fi als Glied des ganzen anfieht 
und von feiner Perfönlichkeit abftrahirt. Aber ein anderes ift, 
wenn folche Differenz eintritt wo einige der einzelnen gar nicht 
können als Theile des Ganzen angefehen werben, fie aber doch 
wirklich Theile des Ganzen find. Dann find fie alfo in einem 
Zuftande welcher nicht fein follte, und daraus entfteht das Be⸗ 
bürfniß einer befonderen leitenden Thätigleit in Bezug auf 
folde die in einem zurüfftretenden Zuftande find, und bas bil 
det dies befondere Gebiet des Kirchendienftes bei den einzelnen. 


*) Berl. Schleiermacher, Kurze Darftellung des theologiſchen Studiums, 
$. 290 — 308. 


— 33 — 


Dies Fönnte man als zufällig und willfürlih anfehen, ja man 
würde fagen fünnen, Da die ganze Richtung des Kirchendien⸗ 
fles darauf geht die Ungleichheit auszugleichen durch den Um⸗ 
fauf des religiöfen Geiftes: fo müßte dies verſchwinden und 
es wäre nur etwas vorübergehendes; als ſolches Fönnte es 
nicht in den Organismus aufgenommen werben. 

Eins ift aber beftändig, nämlich das Verhälnig ber bei- 
den Generationen, der Mündigen und Unmünbigen; und 
da iſt es Far daß die Iezteren nicht zur Einheit gerechnet wer- 
den koͤnnen. Diefes conftante Verhaͤltniß fordert eine Rid- 
tung der Thätigfeit der Gemeine auf die Unmündigen, um fie 
fo weit zu entwiffeln daß fie zu der Einheit gerechnet werben 
fünnen. Ich fage ausbrüfftich, dag es eine Thätigfeit der Ges 
meine ift, denn fie fängt nothwendig in der Familie an, und 
ba wird fie von den Eltern ausgeübt. Sowie wir nun aber 
in der Gemeine felbft den Gegenfaz von Receptivität und Spon⸗ 
taneität benfen: fo haben wir hiemit biefen Unterfchied als 
unter ben Mündigen beftebend aufgeftellt, und daß die Fami⸗ 
Vienthätigfeit Doch eine folche fein muß welche durch bie Tei- 
tende Thätigfeit der Gemeine erft ihre gehörige Richtung er- 
halten kann. Diefe Thätigfeit iſt nun fo in das wirkliche Le⸗ 
ben eingewurzelt, daß fie nicht auf diefelbe Weife einer Theo- 
vie unterworfen fein kann; denn es giebt wol eine Pädagogik, 
aber bier ift die religiöfe nicht ausgefchieden. Aber daſſelbe 
Princip, wie wir unferen Gegenfaz aufgeftellt haben, nöthiget 
ung auch ber leitenden Thätigfeit einen Einfluß auf die Un- 
mündigen einzuräumen, und biefe bebarf einer Theorie wie 
alle anderen Zweige ber leitenden Thätigfeit. Diefe Theorie 
fennen wir unter dem Namen der Katechetik. Es fommt 
Darauf an zu unterfuchen, wie biefer Ausdrukk fih zu ber 
Sache ſelbſt verhält, er ift der eigentlihe Ausdrukk ber be- 
fonderen: Form eines Berfahrens, und es ift die Frage, ob 
bies Berfahren in der Eigenthümlichfeit wie fi der Ausbruff 
barauf bezieht etwas wefentliches ift, fo daß fein anderes denf- 
bar ift, ober ob es fich entgegengefezt verhält. Iſt Das leztere, 


— 329 — 


dann wird ſich bie Theorie ganz anders geftalten. Daß die 
ganze Gemeine ein Intereffe hat am glüfflihen Ausgang des 
Gefhäfts, ift unläugbar, und daß dieſes Intereſſe auch eine 
Zhätigfeit hervorbringen muß bie fich in der Organifation der 
Gemeine ausfpricht, iſt auch fehr natürlich. Wir werden hier 
anf Endpunfte fommen, die weit auseinander liegen. Geben 
wir darauf zurüff, daß der Unterſchied ber Gemeine in, den 


Elementen ausgeglichen werben fol, und wir denken, daß bie. 


Gemeine auf dem Punft fleht wo die Ungleichheit ein Mini—⸗ 
mum ift: fo folgt von felbft, daß das Geſchäft in der Familie 
fo weit geführt werde daß für Die leitende Thätigkeit nichts 
mehr zu thun if. Alsdann wird bie ganze Leitung ber Ju⸗ 
genb ein Gefchäft des häuslichen Lebens. Wenn wir aber bie 
Ungleichheit ald Maximum denfen, fo daß der größte Theil 
ber Gemeineglieder nur auf der Stufe der Empfänglichkeit 
fleht: fo werben biefe nur ein Minimum vom Gefchäft thun 
finnen, und die größte Thätigfeit wird von ben felbfithätigen 
ausgehen müflen. Ja es Fönnte entfieben, daß bie Thätigfeit 
durch die Teitenden Organe der Thätigfeit der Familie müßte 
entgegengefezt fein; und da haben wir die beiden Endpunkte, 
wo die Organe weiter nichts zu thun haben ald das Refultat 
in das Bewußitfein der Gemeine zu bringen; auf ber anderen 
Seite eine Wirkfamfeit auf die Unmündigen auszuüben, bie 
der in der Familie entgegengefezt if. Im lezten Fall würde 
ed eine Theorie geben, die es im erften gar nicht giebt. Der 
erfte ift nur ber Act, daß eine gewiffe Zahl der Unmündigen 
in die Gemeine aufgenommen werben fönne; in dem andern 
Fall ift eine große Diannigfaltigfeit von Berfahrungsweifen 
möglich, und da kann das Gefchäft einen großen Umfang haben, 

Auf feinen Fall können wir es ganz überfehen, daß es 
eine Berbindung geben müfle zwifchen diefem Verfahren und 
ber Familie. Auf jede Weife tft es nothwendig daß ein Zu- 
fammenfein der Gemeinemitglieber und der Jugend herporge- 
bradit werde. Sp entfleht die Frage, Wie foll dieſes Zufam- 
menfein befteben? Die Jugend ift doch in ber elterlichen ®e- 


A} 


— 330 — 

walt, fie kann weder über ſich ſelbſt disponiren noch ohne bie 
elterlihe Gewalt über fie bisponirt werben. Alfo bie natär- 
lihe Form ift, daß die Eltern ihre Kinder in dieſen Jufam- 
menhang bringen. Was nun auf ſolche Weife gefchehen muß, 
muß auch irgendwann gefhehen. Wenn nun die Eltern ihre 
Kinder in diefen Zufammenhang bringen wollen zu berfelben 
Zeit die auch ben Organen ber leitenden Thätigfeit ale bie 
richtige erfheint: dann geht die Sache von felbft. Aber wir 
fönnen auch denken, daß die Eltern fie früher bereinbringen 
ober auch es länger auffchieben wollen ald es jenen Drganen 
gefällt. Da muß eine Einigung flattfinden, und die Fann nur 
von der ordnenden regierenden Thätigkeit ausgeben; fie iſt Par- 
tet und Richter, und fo fehen wir daß dies eine fchwierige 
Aufgabe if. Wenn wir zweiten die Sache felbft betrachten, 
was eigentlich der Zwekk der ganzen Pragmatif ift: fo iſt ee 
ber, daß die Jugend in die Gleichheit der Gemeine wachen 
fol, Dies fönnen wir auf nichts anderes beziehen als auf 
ben Gegenfaz ber die Gemeine conftituirt. Wir koͤnnen bier 
nicht den Zwekk fezen die Ungleichheit aufzuheben, fondern ber 
Zwekk ift hier die Jugend zu dem Punkt heranzubilden bie fie 
für die leitende Thätigfeit empfänglidh fei. Sie muß eben fo 
empfängli werben für den Cultus wie für die regierende 
Thätigfeit, die die Sitte aufftellt. Nun koͤnnen wir aber für 
biefes zweite feine verfchiedene Thätigfeit aufftellen, weit fein 
anderes Verhältniß ftatifindet ald das periodifhe Zufammen- 
fein in der Rebe und dem Geſpräch. 

Nun ift allerdings bier auch noch auf einen anderen Punki 
zuräffzugehen, daß bie Ungleichheit die eine wirkliche Ungleid: 
heit in der Kräftigfeit des religiöfen Princips if, immer mehr 
abnehmen foll, daß dahin gefirebt werben foll dag die Fünftigen 
Gefchlechter hinausgehen über die früheren. Es fragt fid, 
Kann das Gefhäft zugleich die Richtung haben ein 
fünftiges Geſchlecht über das gegenwärtige zu er— 
heben? Das ann gefchehen in fo fern die Organe ber lei⸗ 
tenben Thätigfeit different wirken von den Mündigen in ber 


— 31 — 


Familie. Sie müffen den Grund Iegen zu Borftellungen zu 
einem veligiöfen Bewußtfein, wogegen das Bewußtfein der Un- 
mündigen ale ein‘ verworrened erfcheint; und ed muß ber 
Orund gelegt werben zu einer Kräftigfeit bes Bewußtſeins, wos 
gegen bas ber Mündigen ald Mangel erfcheint; und es ent- 
Reht die Aufgabe ben Zwekk zu erreichen ohne bie natürlichen 
Berhältniffe zu flören, und babei zugleich die Aufgabe, wie der 
Zwelt zu erreichen fei ohne diefen Nachtheil. 

Man kann den Unterſchied nicht läugnen zwifchen das re= 
figtöfe Bewußtfein erweffen und die hriflliche Form und ben 
evangeliſchen Charakter entwikkeln. Wenn man gleih vom 
chriſtlichen anfängt: fo ift das univerfelle im individuellen ſchon 
mit enthalten; aber auf der anderen Seite wäre bas ein Sprung, 
und wenn ein klares Bewußtfein entwilfelt werden fol, fo 
mäßten die Differenzen zwiſchen dem univerfellen und indivi- 
duelfen mit zum Bewußtfein fommen und mit bem univerfellen 
müßte angefangen werben. Diefe beiden Methoden ſtehen ge⸗ 
gen einander über, und die Aufgabe ift zu entfcheiden, entwe⸗ 
der im allgemeinen oder für verfchiebene Verhältniſſe auf ver- 
ſchiedene Weife. 

Dies wären die wefentlichen Punkte, nad) denen die Be— 
handlung diefer Theorie müßte aufgeftellt werben. Dabei ift 
nun doch erft der Weg gebahnt, um die Methode bes Ber- 
fahrens hernach zu beflimmen. 

Ich gehe nun auf den Punkt zurüff, wo und dieſe Aufz 
gabe entftanden war, nämlich auf die Differenz einer leitenden 
Thätigfeit in Beziehung auf die Gemeine und in Beziehung 
auf einzelne in fo fern fie zu dieſer Gemeine nicht gehören. 
Was die ermwachfene Jugend betrifft: fo kann die Frage gar 
niht aufgeworfen werben, ob bie Abficht eine richtige iſt und 
ob fie in der Natur der Gemeinfchaft liegt; denn das Ver—⸗ 
fahren fchließt fih an die Liebe der Eltern zu den Kindern. 
Wenn wir aber fragen, Kann es andere geben, die ſich auch 
in dem Fall befinden daß eine ſolche Thätigfeit auf fie zu rich⸗ 
ten if: fo führt uns das auf bie beiden Fälle, daß die Un— 


N 


— 332 — 


gleichheit Tann das vorangehende fein und die Gleichheit ſich 
baraus entwiffeln, oder daß bie Ungleichheit aus der Gleich⸗ 
heit entfteht. Daß diefe Teztere Rubrik neben ber erften mög- 
lich iſt, Tiegt fchon in der Natur der Sade, und es fleht als 
allgemeines Refultat der biftorifhen Theologie feſt, daß alles 
Kortfchreiten immer wieder unterbrochen wirb von partiellen 
Rükkſchritten. Aber es fragt füh, ob es noch welde von der 
erſten Art giebt. Nun gehört ſchon die erwachfene Jugend ehe 
fie in die Gemeine aufgenommen ift, in gewiffem Sinne zu 
ber Gemeine, auf äußerlihe Weife durch die Kindertaufe, auf 
innerlihe vermöge des VBerhältniffes zu den Eltern. Wenn 
wir aber nach anderen fragen: fo Fönnten das ſolche fein bie 
auf feine Weife zur Gemeine gehören. Wenn wir hier zu- 
rüffgeben auf einen Dogmatifchen oder apologetifchen Punkt: fo 
gilt ed überwiegend in ber hriftlichen Kirche als Vorausſezung, 
daß das Chriſtenthum dazu beftimmt ift alle anderen Glaubens⸗ 
weifen zu verdrängen nur dadurch daß andere in das Chri- 
fentbum aufgenommen werden. Wenn alfo gefellige Beräh- 
rungen mit foldhen ftatifinden, fo entfteht ein ähnliches Ber: 
hältniß wie das zu der riftlihen Jugend. Hier ift bie Bor- 
ausjezung des Glaubens, dag Nichtchriften die zu einem gefel- 
ligen Kreife mit Chriften gehören, früher oder fpäter eine Rich⸗ 
tung zum Chriftentbum befommen mäffen; und biefe Borand- 
fezung wird eine Thätigfeit hervorbringen. Denfen wir babei 
an den gegenwärtigen Zuftand der Kirche, an ihr Getrenntfein 
in Gemeinschaften, und ftellen ung auf ben Standpunft einer 
praftifchen Theologie für die evangelifche Kirche: fo haben wir 
zunächft zu benfen an Mitglieder anderer Gemeinſchaf— 
ten bie in Berührung mit unferer fommen, und dann erft an 
folhe die gar nicht in der hriftlichen Gemeinfchaft find. Es 
fragt ih, ob beide Fälle gleich zu achten find. Wenn man 
die Thätigfeit durch Proſelytenmachen bezeichnen will; fo wird 
man geneigt fein bie Frage zu verneinen, und fie gar nicht 
aufzunehmen; denn es gilt als Unterfcheidung zwiſchen ber 
svangeliihen und Fatholifchen Kirche, indem man fagt, bie lez⸗ 


— 33 — 


tere mache ihrer Natur nach Profelyten, die erfte nicht, weil 
fie riftlihen Gemeinschaften ein volllommenes Maaß zuges 
ſtehe hriftlich zu fein. Allein die Sache ſteht doch nicht ganz 
auf diefem Punkt. Was man Profelytenmachen nennt, ift wenn 
man fucht die Neigung zum Webertritt hervorzubringen, und 
das ift ber evangelifchen Kirche nicht angemefien; wenn aber 
in einem Mitgliede einer anderen Kirhe durch das Leben uns 
ter evangelifchen Ehriften eine Neigung entfteht: fo wäre ed 
ein Abftoßen, wenn die Gemeine fih aller Thätigfeit in diefer 
Hinfiht entziehen wollte, vielmehr tritt dann ein folcher gleich 
in bie Kategorie Anſprüche zu haben wie die Jugend, nur in 
einem anderen VBerhältnif. Das erfle was hier gefhehen muß, 
it das religiöfe Element der freien Gefelligfeit, das mitein- 
ander eingehen in Mittheilungen die den gemeinfchaftlichen Le— 
bensfreis betreffen, wo man nicht vermeidet über religiöfe Ge— 
genftände zu reden. Hier ift die Frage aufzuftellen, ob folde 
Zhätigfeit mit in das Gebiet der Ieitenden Thätigfeit gehöre, 
oder ob diefe ganze Art und Weife wie die Gemeine wachfen 
fann, nur ausſchließlich dem gefelligen Leben anheimzuftellen if, 

Wenn man nur die Sache erft zugiebt, dann ergeben fich 
von felhf die Punkte worauf es hauptfählih ankommt: - zuerft 
fih zu überzeugen, ob es wirklih eine Vermehrung ber Ge— 
meine wäre; es wäre Feine, wenn falfhe Motive zum Grunde 
lägen, und feine, wenn mit einer gewiffen Wahrfcheinlichkeit 
angenommen werben Fönnte daß eine gewifle Mebereinflimmung 
nicht konnte erreicht werben. 

Es Tiegt nun bier wol fehr nahe, weil und der ganze 
Bang der Unterfuhung auf diefe Form bes Wachsthums der 
Gemeinſchaft nad außen geführt hat, diefe im allgemeinen auch 
in unferer Beziehung zu betradhten. Daraus entfteht Die Srage, 
ob es auch eine Theorie des eigentlihen Miſſionsweſens 
im engeren Sinne bed Wortes geben kann und giebt, Der 
Unterfchieb ber hier noch ftattfinbet zwifchen den Fällen die wir 
vorher betrachtet haben und denen bie wir im engeren Sinn 
mit Miffion bezeichnen, if, Daß. wir im erſteren Fall fchon ein 





— 34 — 


Zuſammenſein mit Fremden vorausſezten; das eigentliche Miſ⸗ 
ſionsweſen aber darin beſteht, daß man ſie erſt aufſucht um 
ihnen die Luſt zum Chriſtenthum zu erregen. Sowie wir die 
Frage auf dieſe Weiſe gefaßt haben, wird niemand die Frage 
gleich beantworten, ob es eine Theorie daruͤber geben kam; 
denn dieſe Frage ſezt voraus daß die Sache aufgegeben iſt, 
ſonſt kann es keine Theorie darüber geben. Es laſſen ſich von 
der Ethik aus Zweifel dagegen aufſtellen, ob es ſolche Aufga⸗ 
ben geben ſoll oder nicht. Die Trage gehört in bie Ethik, und 
werden wir auf dieſe zurüffgehben müffen; aber wenn fi in 
diefer Feine allgemein anerfannte Antwort ergiebt, dann wür⸗ 
ben auch die Zweifel in unfer Gebiet berüberfommen. Weiter 
Sonnen wir in biefe Sache bier nicht eingehen. 

- Sezt haben wir nichts weiter was unter biefen Typus fal- 
len könnte, und gehen zu der anderen Borausfezung über. 
Die Möglichkeit zugegeben und ale Thatfache im großen ſchon 
vorausgeſezt vermöge ber Form ber Dfeillation bes Gegenfazed 
zwifchen Fortſchritt und Reaction, dag in einigen die Gleichheit 
mit der Gemeine verloren gegangen fein fönnte: fo ift Die Rebe 
von ber leitenden Thätigfeit die hier auszuüben if. Es fragt 
fih im allgemeinen, ob ſolche aufgegeben, und zweitens, ob fie 
aufgegeben ift als eine Thätigfeit der leitenden Drgane ber 
Gemeine, und dann, was darin mannigfaltiges zu unterſchei⸗ 
den iſt? Was die erfte Frage betrifft: fo würde fie ebenfalld 
eine etbifche fein, wir werben aber biefe Frage vielmehr ale 
eine allgemeingültig entfchiebene anfehen können; benn es if 
offenbar, wenn einige -in einer Gemeine ihre Gleichheit mit ber 
Gemeine verloren haben: fo ift das in Beziehung auf bad 
Ganze ein Kranfheitszuftand, und fo bald diefer zur Wahr: 
nebmung fommt, muß es auch aufgegeben fein eine Thätigfeit 
darauf zu richten um ihn aufzuheben. Eine ganz andere Frage 
ift, ob eine befondere Thätigfeit der Teitenden Organe flattfin- 
bet. Das ift ein Punkt in welchem die Anfichten und die Prarid 
fehr verfchieden find, und worüber wir eine Unterfuhung wer: 
ben anzuftellen haben, Auf der einen Seite ſcheint es watür- 


— 535 — 


ih, da der Fall in einer fo genauen Analogie mit dem bisher 
behandelten fleht, daß wie für jene die leitende Thätigfeit gilt, 
für diefe auch eine gehöre; auf der anderen Seite fagt man, 
bag ber fperielle Charafter ber evangelifhen Kirhe im Ges 
genfaz gegen bie katholiſche biefe nicht zulaffe, Daß dadurch eine 
Analogie entfiehe mit dem in der fatholifchen Kirche beftehen- 
den Berhältnig zwifchen Klerus und Laien. Dies find bie 
beiden Anfichten zwifchen denen enifchieden werben muß. Wenn 
die Entſcheidung dahin ausfällt, dag folche leitende Thätigfeiten 
nicht Ratifinden, fondern daß es dem gefelligen Leben und dem 
Eultus anheimfällt: fo wird eine Theorie darüber nicht aufzu⸗ 
Rellen fein; wenn aber die leitende Thätigfeit aufgegeben ift: 
jo muß eine Theorie flattfinden. In fo fern man biefe zuzu—⸗ 
geben hat: fo iſt es bie, die mit dem Namen der Seelforge 
im engeren Sinn bezeichnet wird. 

Nun fezen wir voraus daß die Aufgabe ftattfinde: ſo ſtellt 
fie fih fo, daß ein Verhältniß zwifchen den einzelnen und ben 
leitenden Drganen beftehen fol, das vorher nicht befanden hat. 
Die Gleichheit ift verloren gegangen allmählig auf unmerfliche 
Weiſe. Die leitende Thätigkeit findet ihren Gegenſtand erft 
wenn der Gegenfland zur Wahrnehmung gefommen. Das Ber- 
bältnig muß angefnüpft werden; fo entfteht eine Dupficität: es 
kann angefnüpft werden von benen bie im Bebürfniffe find, 
oder von denen bie wirffam fein follen; und es ftellt fich gleich 
die Frage, ob biefe beiden Arten einander gleich ftehen, oder 
ob nur die eine Art flatifinde. inige behaupten, es fei bie 
Mit der leitenden Organe, bie aufzufuchen die ihre Einheit 
verloren haben; andere behaupten, die Organe müßten ſich rein 
yaffiv verhalten bis jene das Berhältnig anfnüpfen wollen, 

Eine andere Differenz ift nun in Beziehung auf bie Art 
wie diefe Einheit Fann verloren gegangen fein. Es laſſen fih 
babei innere und äußere Urfachen benfen. Die inneren 
müflen fein, da ber allgemeine Charakter der Gemeine in einer 
Kräftigfeit bes religiöfen Principe befteht, eine Reihe von Zu- 
Händen oder ein plözlich eingetretener Umftand, wodurch biefe 








— 556 — 


Kräftigfeit aufgehoben und eine Schwächung des geiftigen Prin- 
cips durch freie Handlungen entitanden if. Aber es Taflen ih 
auch äußere denfen, wenn wir darauf zurüffgehen, daß wir 
erfannt haben der Umlauf fei nothiwendig um den Gefundheite- 
zuſtand der Gemeine zu erhalten. Wenn durch äußere Urſachen 
die Theilnahme an dem Umlauf gehemmt ift: fo wird bie Ein- 
heit verloren gegangen fein in fo fern der einzelne deſſen eni- 
behrt was die anderen in der Zeit durch den Umlauf gewon- 
nen haben. Nun ift aber nicht Har, ob es dem gefelligen Le: 
den anheim fallen foll oder dem Lehrer, Das erfte ift offenbar 
das urfprünglihe und natürliche, daß Freunde und Bekannte 
ihm den Berluft zu erfezen fuchen. Wir haben alfo hier wie 
der baffelbe was wir bei der Wirkfamfeit auf die Jugend be 
merfen mußten, daß wenn das Gefchäft auf dieſe Weife be- 
forgt werden fann, alsdann ein Eintreten durch die Gemeine 
nicht nothwendig if. Nun aber tritt bier ein befonderer Punkt 
ein, wo wir gleih eine Wirkfamfeit beginnen müſſen; nämlich 
wenn wir binzudenfen, daß zu dem Gottesdienft auch das Sa- 
crament des Altars gehört, um das religiöfe Bewußtfein mil: 
zutbeilen und zu fleigern, daß dieſes auf jenem Wege nicht 
fann ergänzt werden, daß ed nur fann durch den Dienf derer 
bie die Organe ber Gemeine find erlangt werden. Wir kom⸗ 
men bier auf eine Theorie die ihren Zufammenhang wit der 
Dogmatik hat. Wenn wir bie Frage ftellen, If der Gemß 
bes Sarraments ein nothwendiges, eine conditio sine qua non: 
fo ftellt fi die Sache ganz anders als wenn bie andere Mei: 
nung gilt. Eine bedeutende Verſchiedenheit in der Praxis ber 
evangelifchen Kirche findet auch bier flatt, und zwar fo daß 
fie auf diefe Dogmatifche Differenz zurüffgeht. Wenn man jene 
Borftellung hat, daß der Genuß der Sacramente eine conditio 
sine qua non fei: fo knupft ſich Leicht viel fuperftitiöfes an, an 
die geiftige Wirkung Borftellungen verwerfliher materieller 
Wirkungen, bie allerdings auch in dogmatifchen Theorien einen 
Grund haben und Vorſchub finden. Doc giebt es Zweige ber 
eyangeliihen Kirche, die ganz analog mit dem was fie aufge 


— 37 — 


ſtelt für den Kunſtgehalt bes Gottesdienſtes, auch aufgeſtellt 
haben, daß es eine Mittheilung des Sacraments nicht außer⸗ 
halb der Berfammlung ber Gemeine geben foll, um zu verhu⸗ 
ten daß ſich fuperftitiöfe Vorſtellungen anknüpfen. 

Iſt die Einheit verloren gegangen durch freie Handlungen 
ſitlicher Vernachlaͤſſi igung der einzelnen: ſo kann man ſehr 
leicht den Geſichtspunkt faſſen, daß ein nicht in der Gemein— 
ſchaft ſen wollen zum Grunde liegt; das Verhaͤltniß alſo ale 
ein freiwillig aufgegebenes anzuſehen iſt. Wenn man dieſen 
Geſichtspunkt aufſtellt: ſo gewinnt die Frage in Beziehung auf 
bie Anfnüpfung eine ganz andere Geſtalt, als wenn man ſagt, 
Ne Gemeine und bie Drgane fönnen von folher Borausfezung 
nie ausgehen, ſondern ein folhes Mitglied fei als ein geiftig 
Kranfer ein Gegenftand der Fürforge. Bon welchem Geſichts⸗ 
‚punft man auch ausgeht: fo’ ift die Frage, If es eine ſolche 
Aufgabe bie der häuslichen Wirkffamfeit anheimfällt, oder ein 
Befhäft wobei die Thätigfeit der Organe ber Gemeine noth— 
wendig eintritt? Beide Fragen flehen in genauer Beziehung 
anf einander, und es ift kaum anderd möglich ale daß die 
Theorie fih auch Hier auf die verſchiedenen Fälle einrichten 
muß, wiewol allerdings bier einige Schwierigfeiten eintreten, 
die auf das Verhaͤltniß der Tirchlichen Gemeinfchaft zur bür- 
gerfichen zurüffgehen. Das ift an und für ſich nicht Teicht zu 
feben, die Sache verhält fi aber fo. Das Verbältniß ber 
Gemeineglieder zu ber Gemeine felbft und den Organen ber- 
ſelben muß feiner Natur nach aus bürgerlihem Gefichtspunft 
ein ganz Freiwilliges fein. Sowie die firhlihe Gemeinfchaft 
aus der Bahn Feine äußerliche Sanction anzunehmen nicht her⸗ 
austritt, fo ift fein Intereſſe der bürgerlihen Gefelihaft im 
Spiel; ſobald fie aber dieſe Bahn verläßt: fo läßt fih ber 
Gefihtöpunft aufftellen, daß der Staat bie perfönliche Freiheit 
ber einzelnen in Schuz nehmen müffe. Daher Tönnen Gefeze 
entſtehen die die Wirkfamfeit ber kirchlichen Organe befchrän- 
fen, indem man das Gefez aufftellt, eine ungebotene Einmi« 
dung des Geiftlihen in bie inneren Angelegenheiten fei ein 

Yraltilge Theologie. T. 223 


— 98 — 


Eingriff in die Freiheit. Sowie das Factum da iſt, entſteht 
die Frage, ob die Geſeze im Geiſt der Kirche gegeben, oder 
eine Beeinträchtigung derſelben find. Aber dieſe Frage gehört 
bier nicht ber, fondern in das Gebiet des Kirchenregimentes, 
wo vom Verhaͤltniß bes Staates zur Kirche gehandelt werben 
muß. Die Theorie des Kirchendienftes kann nur von den ges 
gebenen Berorbnungen ausgehen, indem bie bie ben Kirchen 
dienſt verwalten nichts dazu thun können. Das ift ihnen ein 
ſchlechthin gegebenes; daher ift hier das complieirte aufzuftellen, 
Wenn einmal nicht ganz und gar jede foldhe freiwillige Ein 
mifhung im allgemeinen geläugnet wird: fo kann die Aufgabe 
nicht anders gefaßt werben, ald daß unter jedem gegebenen 
Berhältniß das Maximum geſchehen kann zur Heilung folder 
geiftigfranfen einzelnen. 

Es giebt hier noch befondere einzelne Fälle wo in vielen, 
Gegenden der evangelifhen Kirche das bürgerliche Element auf 
eigenthümliche Weife concurrirt, in Beziehung auf Diejenigen 
wo bie innerlihen Umftände die die Gemeinfhaft aufgehoben 
haben zugleich bürgerlihe Verbrechen find; wo bie Obrigfeit 
diefe aus der kirchlichen Gemeinfchaft herausreißt. Da entkeht 
für die bürgerlihe Regierung die Frage, inwiefern fie die Ber: 
pflichtung habe dafür zu forgen, bag auch in foldem Zuftande 
Die Freiheit bewahrt werde ein Berbältnig mit der Gemeine 
anzufnüpfen; und auf der anderen Seite, daß von Seiten bed 
bürgerlihen Regimentes die firchliche Organifation in Anſpruch 
genommen werde ein Verhältniß anzufnüpfen. Hier finden 
wir in ben Geſezbüchern eine bedeutende Differenz der Anſich⸗ 
ten und des Verfahrens, und der Kirchendienft kann nur Res 
geln ftellen in Beziehung auf dies verfchiedene gegebene in der 
bürgerlichen Geſezgebung. Wenn es bier ragen giebt bie na 
türlih in bie Theorie bes Kirchenregimentes fallen: fo Fam 
es auch ſolche geben die ganz eigentlich bie Perfönlichkeit derer 
bie ben Kirchendienft verwalten, betreffen, Es kann fein, daß 
fie fih zu einer Thätigfeit gedrungen fühlen, wozu die bürger- 
liche Gemeinſchaft ihnen den Zugang abgeſchloſſen bat; anf der 


— 339 — 


anderen Seite, daß fie fih abgeſtoßen fühlen ein Verhäfmiß 
anzufnüpfen, welches ihnen bie bürgerliche Gefellfchaft zur Pflicht 
macht. Das macht für die Theorie große Schwierigkeit, weil 
ed auf eine caſuiſtiſche Frage der Sittenlehre zurüffführt, bie 
verſchieden beantwortet werben Tann; und fo bilden fi eine 
Reihe fchwieriger Fälle, die in der Theorie vorkommen müſſen, 
aber doch fchwerlich durch Formeln zu befeitigen find. 

Wenn wir nun biefes aufgeftellt haben, und fragen, Ges 
fegt diefe Fälle wären in Drdnung gebracht und es handelt 
fh um die Ausübung ſelbſt: ift eine Theorie für die 
Ausübung aufjuftellen oder nicht? Ich knüpfe hier an das 
ſchon oben gefagte, daß für die Thätigfeit die die einzelnen 
Gemeineglieder an anderen auszuüben haben, am wenigften 
eme Theorie aufgeftellt werden kann; die Thätigfeit fällt dann 
in das allgemeine Gebiet des chriftlichen Lebens, wofür es feine 
andere Theorie giebt als die in der chriſtlichen Sittenlehre; 
von einer Technik kann nicht die Rede fein, weil alles das uns 
mittelbar einzelne if. Wenn aber die Rede ift von einer Thaͤ⸗ 
Kgfeit der Drgane ber Gemeine: fo fiheint die Frage von ei⸗ 
ner Theorie ſich von ſelbſt zu verfiehen, weil alle einzelne 
Zweige des Kirchendienftes eine ſolche poſtuliren. Es fragt 
fh hier nur, If das ganze Verhaͤltniß nicht von folder Art 
daß auch die Thätigkeit der Organe ganz in die Form des ge⸗ 
ſelligen Berfehres fällt, in eine ſolche die feine Theorie zuläßt? 
Aber wenigſtens diefes müßte auf eine theoretifhe Weiſe feſt⸗ 
gefellt werben. Es beruht auf einem Dilemma, Es finden 
feine anderen Berhältniffe ftatt ale die eines freien gefelligen 
Berfehres; und, Es find auch andere Formen übrig, mehr in 
ber Analogie folher bie der Kirchendienft zu verwalten hatz 
z. 3. wenn ber Geiftliche mit einem Verbrecher zu thun hat: 
jo kann man fragen, Liegt die Sache nur fo, daß er mit die⸗ 
fem ein Gefpräch führen Tann, oder fo, daß er zufammenhäns 
gende Reden halten kann nach ber Analogie bed Gottesdienſtes, 
babei aber auf das befondere Verhältniß Rüffficht zu nehmen 


hätte? Das ift eine rein theoretifche Frage. Wenn wir bas 
22? 


— 240 — 


Teste für unftatthaft erflären: fo giebt es Feine befondere Theorie 
darüber; im anderen Fall if eine Theorie möglih, und es 
fragt fih: wie modificirt fih die Theorie ber allgemeinen Ra 
tehetif in biefer Beziehung? 

Nun werben wir übergehen können zum zweiten Theil ber 
ordnenden Thätigfeit, die bie einzelne Gemeine unter ſich hat, 
und da giebt es Feine andere Form als daß Vorfchriften für 
bie Lebensweiſe aufgeftellt werden. Wir haben fchon gefagt, 
daß folhe Vorſchriften der äußeren Sanction entbehren und 
nur wirfen können vermöge der Ueberzeugung durch Vorſtel⸗ 
Iungen, fo baß die Einheit zwifchen der Gemeine und den Or⸗ 
ganen flattfindet, aber in den Organen das chriſtliche Bewußt⸗ 
fein Eräftiger ift. Ich habe das zufammengefaßt unter den Aus- 
druff Sitte, wo eine Gemeinfamfeit ift ohne äußere Sanction. 
Sie ift für den einzelnen eine Autorität, denn er findet fid 
gebunden indem er fi bewußt if, Wenn du dagegen handelſt, 
verlezeſt du das Gemeingefühl; und das ift für ben einzelnen 
ein Band, aber ein ſolches welches auf feine äußere Sanchon 
zurüffgeht, Daher ein ſolches Verhältniß nur Realität hat 
unter ber Vorausſezung Die ich oben aufgeftellt habe; benn 
wenn man benft, Die Organe find nicht in der Einheit mit ber 
Gefammtheit: fo wird wenn fie Lebensordnungen aufitellen, 
es eine große Menge geben die Luft hat gegen diefe Ordnun⸗ 
gen zu handeln; benn wenn das religiös fittlihe Bewußiſein 
nicht im weſentlichen daſſelbe ift: fo ift auch in den Mitglie- 
bern der Gemeine fein Impuls zu dem was ihnen vorgehalten 
wird, Dann hört es auf ein Band zu fein, du verlezeft nicht 
das Gemeingefühl, fondern nur die welche die Lebensorbnungen 
aufgeftellt haben, bie aber nicht ber Ausbruff des Gemeinge⸗ 
fühls find. Hier fehen wir, daß auf dieſem Gebiet bie Bes 
bingung ift, daß bie welche ſolchen Einfluß ausüben follen, auf 
ber Wahrheit nach Repräfentanten der Gemeine fein müffen, 
das veligiöfe Sefammtbewußtfein ber Gemeine barftellen, aber 
fo, daß das was in ben einzelnen das befte ift, zugleich. in 
ihnen das Fräftigfte if, Wenn das Verhälmiß ein folches if: 


— 3541 — 


fe wird das Gebiet auch feine Realität haben; wenn es nicht 
ein ſolches iſt, mag man noch fo viele Verſuche machen ein 
ſolches Gebiet aufzuftellen, um durch einzelne einen foldhen Ein- 
Fuß auf die Sitte ausüben zu wollen: fo wirb es feine Rea— 
Ität haben, wenn man ihm nicht auf verbotenem Wege irgend 
eine äußere Sanction zu Hülfe giebt. 

Hier muß alfo dahin geftrebt werben, daß die perfön- 
lihe Freiheit ungefährbet bleibe fih nad feinem Gewiffen 
zu richten. Wenn wir an das Berhältniß bes Kirchendienftes 
zum Rirchenregiment benfen: fo fommt diefem auch nur eine 
ſolche Thätigfeit zu den Drganen zu. Die leitende Thätigfeit 
in ber Gemeine verhält fih zu den Handlungen bes Kirchen- 
vegiments, wie ſich bie Gemeineglieber verhalten zur Iofalen 
fichlihen Autorität. Wenn wir uns nun biefes mittlere Glied 
binwegbenfen, und nehmen an es gäbe ein unmittelbares Vers 
hälmig zwifchen dem großen Kirchenverband und der Kreiheit 
der einzelnen: fo müßte die Autorität des ganzen firchlichen 
Berbandes diefelbe Marime haben, die die leitende Autorität 
im ber Gemeine bat; alfo fo zu verfahren Daß bie perfönliche 
Freiheit der einzelnen dadurch in Geltung bliebe, weil fie fonft 
ihre Grenzen überfchreiten müßte und eine äußere Sanction 
zu Hülfe nehmen. Es ift Far daß hier Die Aufgabe viel ſchwie⸗ 
riger fein würbe, und man fieht daraus wie unerläßlich un- 
ter dieſer Vorausſezung einer gänzlich ermangelnden äußeren 
Sanction, dieſes Mittelglied zwifchen beide tritt, um bie freie 
Zufammenfimmung und Harmonie zwifhen dem Gemeingeift 
und der Freiheit der einzelnen zu erleichtern. Wir fehen dar⸗ 
ans daß bie Grunbbedingung zu biefer ganzen Thätigfeit Feine 
andere fein kann, als das möglichft genaue Aufgenommenfein 
des Zuftandes der einzelnen im Gefammtleben; denn wenn bie 
leitende Thätigkeit das Maaß für die Differenzen nicht bat, 
muß fie immer unfiher fein, und in dem Maaß fie oft in den 
Fall kommt etwas auszufprechen, was wegen der Oppofition 
ſich nicht realifirt, erfcheint fie als Null. Wir haben gegen- 
wärtig biefes nur anzuwenden auf bas Gebiet bes Kirchenbien- 


— 342 — 


ſtes, und werben alfo fagen muͤſſen, daß nur durch bie richtige 
Kenntniß von der Gefammtbeit der einzelnen Zuftände ber vers 
fhiedenen Anfichten und Maximen, die die einzelnen Gewiſſen 
conflituiren, eine richtige Ausübung der Thätigfeit möglich wird, 
Es ift aber offenbar, wenn man fih die perfönlichen Differen- 
zen ganz verfchwunden denkt: fo wird es auch überflüffig etwas 
aufzuftellen. Die Möglichkeit einer richtigen Verwaltung be: 
ruht darauf daß die perfönlichen Differenzen ſich in gewiſſen 
Schranfen bewegen. Se mehr Spaltungen find, befto weniger 
wird aufgeftellt werben Fönnen, was ſich eigentlih macht; aber 
die Nothwendigkeit der Borfihriften beruht auf dem Vorhan⸗ 
benfein der Differenzen. Wenn man fragt, Was kann bie 
Tendenz fein, welche bie leitende Thätigfeit haben Tann? fo 
fann es Feine andere fein, als die vorhandenen Differenzen zu 
verringern, und alfo das, was in der Majorität ſchon von 
ſelbſt gilt, auch für Die Dinorität geltend zu machen, und burg 
die Art, wie ſich das, was gelten fol, ausfpricht, wirklich auf 
die Seite hinüberzuziehen. Dies ift nur vorläufig gefagt, Wir 
werben gleih eine Betrachtung anftellen müffen, bie auf bad 
Gegeniheil führt, Alle Berbefferungen fangen doch erſt von 
einzelnen an und das Gefühl verfeinert ſich in einzelnen. Die 
leitende Thätigfeit wäre Feine Teitende, fondern eine nachtretende, 
wenn fie nicht eher aufträte, ale wenn das beffere in der Ma 
jorität ſchon ift, fondern fie muß dem befferen eine Maforität 
verfhaffen. Wir haben bier alfo zwei ganz verfchiebene Ber: 
bältniffe, die wir als verfhiedene Rubriken zu ftellen haben: 
einmal bie leitende Thätigfeit wird das, was in der Majorität 
gilt, ausſprechen fofern eine Minorität Dagegen vorhanden if; 
aber dann, fie wird aud was in ber Minorität fich befindet 
ausſprechen, um ed zur Maforität zu machen. Jenes iſt ihre 
Thaͤtigkeit die gegen Rüfffchritte gerichtet iſt; es wirb voraus⸗ 
gefezt, es entfleht eine Ungleichheit fo daß die Majorität auf 
der guten Seite iſt; das andere iſt das Verfahren welches zum 
Fortſchritt führt, es wirb aber nur Erfolg haben, wenn ber 
Minorität einen Zuwachs zu verfchaffen, und das was in weni⸗ 


— 343 — 


gen iſt als Ausbruff des Gemeingeiftes feflzuftellen gelingt. 
Hier fehen wir alfo, wie weit es auf bie richtige Beurtheilung 
ber einzelnen anfommt. Die Borfchriften werben nur fehr im 
allgemeinen gehalten werben Fönnen. 

Nun wollen wir aber auch ferner fehen, wie weit wir 
ben materiellen Umfang der ganzen Thätigfeit ins Auge faffen 
können; das ift eigentlich etwas, was in die hrifliche Sitten- 
lehre zurüffgebt, denn dieſe foll der Ausdruff fein für das 
was ale gut anfgefaßt wird. Alfo muß auch Die chriftliche 
GSittenlehre in Beziehung auf die Art wie ein Zufland vom 
Begriff der Kirche noch zurüffbleibt, für einen jeden der darin 
Beht die Regeln aufftellen, was er zur Verbeſſerung wirken 
fan, Was wir hier fagen fönnen fann alfo nur zurüffwei- 
fen anf das was dort follte in Richtigkeit fein, indem wir die 
Sittenlehre als ſchon vorhanden anfehen müflen bei ber Be- 
handlung ber praftifchen Theologie. Ich will nur auf die beis 
den Hauptpunfte aufmerffam machen. Wir ftellen ung auf ben 
Standpunkt ber evangelifchen Kirche und müffen dieſe alfo be- 
trachten als eine werdende, benn fie hat an einzelnen Punkten 
begonnen und ift ein in ber Entwifflung begriffener Organis⸗ 
mus. Es ift auch vorauszufezen daß fie ſich nicht gleih von 
Anfang an felbft richtig begriffen hat und von allen Däitglies 
dern. immer richtig begriffen if, Daraus folgt daß zu jeber 
Zeit noch in ber Praxis etwas vorkommen fann, was bei Weis 
terem Fortfchreiten ihres Sichfelbfibegreifend für den Geift wi- 
berfitebend erfannt wird, was zu ber gegebenen Zeit noch nicht 
ind Bewußtfein aufgenommen if. Es wirb in jedem Moment 
folhe geben, denen es erft ins Bewußtfein fommt, daß etwas 
bem Geiſt ber Kirche widerftreitet. Wir werben bier eine 
swiefache Richtung erkennen Fönnen: erftens, es Tann etwas 
bem Geiſt der evangelifhen Kirche in fo fern wiberftreitendes 
fein, als fie fih im Gegenfaz gegen bie römifhe Kirche ent⸗ 
wiffelt hat, alfo eigentlich etwas Ratholifirendes was aber 
noch nicht als ſolches erkannt if. Zweitens aber wiffen wir 
daß es noch immer in der Ehriftenheit den allgemeinen Kampf 


— 34 — 


giebt zwiſchen dem religiöfen Princip und den ſinnlichen Mok- 

ven, und kann ber in lezteren liegenden Tendenz es gelingen 
einen Schein des Guten hervorzubringen, und unter dem Schein 
bes Guten das geltend zu machen, was wider ben Geift firebt, 
Das ift die antireligiöfe und antichriſtliche Richtung 
Sn Beziehung auf beide wird die kirchliche Autorität Rüff- 
fohritte zu verhüten und Fortfchritte zu befördern fuchen, aber in 
Nüffficht auf die aufgeftellten Grenzen der Freiheit der einzelnen 
Gewiffen und der Autorität des großen kirchlichen Verbandes. 

Ein zweites Gebiet für ben Gegenſtand if diefes: Bei 
dem, was ich vorher fagte, haben wol alle gedacht an bas ei⸗ 
genthämliche chriftliche Leben als ſolches; nun aber if die 
chriſtliche Gemeinfhaft nicht entflanden aus der abfoluten Ge⸗ 
meinfchaftlofigfeit, fondern im Zuftand ber Gefelligfeit, der bür« 
gerlihen und freien, wobei fhon ein Proceß war die Hanblun- 
gen der einzelnen zu beflimmen; aber weil das religiöfe Pria- 
cip eine allgemeine Geltung poftulirt: fo muß aud die drifl- 
- The Gemeinſchaft einen Einfluß ausüben auf dieſe Gebiete, 
und fie muß fich immer mehr biefe affimiliren. Manches man 
gelhafte in ben bürgerlichen und geſellſchaftlichen VBerhältniffen 
muß geändert werben, fo fern wir ihnen angehören ober bie 
bürgerlihen Berbältniffe zu ändern haben, weil ein Wiber- 
fpruh gegen den Geift des Chriſtenthums darin entbefft if. 
Daſſelbe gilt von dem Geift der evangelifchen Gemeinfchaft um 
bier fowol die Nüfffhritte zu verhindern als die Fortiehritte 
zu befördern. Aber wenn die chriftlihe Gemeine in ber lei 
tenden Thätigkeit auftritt, muß fie eine andere fein, weil fie 
es nicht mit ben einzelnen ober der Gemeine, fondern mit dem 
Berhältniß derſelben zur bürgerlichen und gefelligen Ordnung 
zu thun bat. 

Noch ein Gebiet if aufzuzeigen. Wir haben nämlich bie 
ordnende Thätigfeit getheilt, daß fie einzelne zum Gegenſtand 
haben könne oder die Gemeine als ſolche. Nun aber liegt of⸗ 
fenbar ein ganzes Gebiet dazwiſchen. Es iſt ſchon ein altes 
Princip der chriſtlichen Gemeinſchaft daß es eigentlich keine 


— 345 — 


einzelne Berbienfte in ihr gebe, weil es Feine einzelne That 
it, fondern immer mehr oder weniger gemeinfchaftlih. Der 
einzelne handelt nicht durch einen perfönlichen Impuls, fondern 
ber perfönliche Wille it beflimmt durch ben gemeinfamen, und 
fo giebt es feinen Erfolg, den ein einzelner fich allein zuſchrei⸗ 
ben kann. Es giebt aber Handlungen wo biefer Zutritt der 
anderen nur als zufällig erfcheint, und wieder andere, bie nur 
durch das vorher geäußerte Hinzutreten vieler hervorgebracht 
werben koönnen. Diefe Tezteren bezeichnen wir ald gemein 
fame Werte. Hier if alfo nothwendig das Zufammentreten 
vieler, um einen Erfolg bervorzubringen. Wenn wir anneh- 
men, es giebt in der Gemeine fihon eine organifirte leitende 
Thätigfeit: wie hat die Gemeine dieſe Drganifation in Bezie⸗ 
hung auf die gemeinfamen Werfe zu betrachten? Soll fie fa- 
gm: Weil fie eine Organifation ift, fo muß fie die Impulſe 
befommen von ber biefe Gemeine organifirenden leitenden Thä— 
figfeit? ober, Weil fie von einzelnen ausgegangen ift, gehört 
fe der yerfönlichen Freiheit an? Es ift Leicht zu fehen dag in 
beiden Wahrheit ift und alfo für beides ein Maaß gefunden 
werden muß. Gemeinfame Werfe gedeihen beffer wenn fi 
bie freie Thätigfeit der einzelnen mit der organifirten leitenden 
Thätigfeit verbindet, und es kann vortheilhaft fein wenn bie 
beſtehende Drganifation fich der freien Thätigfeit hingiebt. 

Dffendar wird das Verfahren der leitenden Thätigfeit ein 
richtiges und unrichtiges fein fönnen, und deſto nothwendiger fein 
den allgemeinen Charakter aufzufuchen, um zu fehen was nad 
Umftänden das beffere if. Das fchließt Das ganze Gebiet der 
ordnenden Thätigkeit ab indem wir auch das Mittelglieb ge= 
funden haben, und außerdem giebt es nichts worauf ſich ord⸗ 
nende leitende Thätigfeit richten könnte. 

Wir find immer nur ausgegangen von dem Gegenfaz, ber 
eben fo eine kirchliche Gemeine conftituirt in ihrer Einzelheit 
für fi) betrachtet, wie überhaupt ein Gegenfaz zwifchen Obrig- 
feit und Untertban eine bürgerlihe Gemeinſchaft conftituirtz 
wir haben fogar den Punkt ganz im Zweifel gelaffen, ob bie= 





— 36 — 


ſes ein perfönliher Unterfchied fei oder nur einer der an den 
Momenten haftet, wobei bie Perfonen wechfeln können. Alles 
was die DOrganifation diefer leitenden Thätigkeit an ſich ſelbſt 
betrifft, haben wir gänzlich bei Seite geſezt. Alfo haben wir 
fireng genommen vom Unterſchied zwifchen Geiftlichen und Laien 
gar nicht geredet. Ich habe mid zwar oft des Ausbruftes 
Klerus bedient; aber es ift ein großer Unterfchieb zwiſchen 
Klerus und Geiftlichkeit, wenn wir ben Begriff bebenfen. 3.8. 
bie Aelteften gehören wefentlih zum Klerus, aber zur Geif- 
Tichfeit gehören fie nicht. Diefer Zuftand, daß bie welde ge⸗ 
wiffe Gefchäfte in der Teitenden Thätigfeit verrichten noch auf 
eine andere Weiſe audgefondert find, ale der übrige Klerus, 
ift rein zufällig. Wenn man das gefchichtlich betrachtet, Neil 
ed fih zwar anders, aber da muß man achten auf bie ver- 
ſchiedene Art, wie im Anfang der Reformation in verſchiedenen 
Gegenden verfahren if. Wenn wir fragen, Woran haftet bei 
uns biefer Charakter der Geiftlichfeit? fo ift nicht zu Täugnen, 
es rührt noch ber vom Uebergang vom Katholicismug, und e6 
if das was von ber priefterlihen Würde aus dem Judenthum 
und Heidenthum fich eingefchlichen hatte; und nicht an der Ber- 
rihtung des Gottesbienftes überhaupt haftet es, nicht an ber 
Öffentlichen Lehre überhaupt und der Austheilung der Sa- 
eramentes; fondern es hängt wefentlih am Sacrament bes Als 
tard und vorzüglih an ber Abfolution, denn die Sünbenver- 
gebung und die Bewirfung der Transfubflantiation waren bie 
wefentlihen Punkte. Wenn man von dem Grundfaz ausgeht 
bag wir ben Gegenfaz von Prieftern und Laien ganz aufhe⸗ 
ben: fo müßte dieſer unterjcheidende Charakter der Geiſtlichkeit 
ganz wegfallen; nun aber befleht er. Die Frage, ob bie In- 
flitution auf dieſem Punft hätte gelaffen werben follen, bie 
noch einen flarfen Refler an fich trägt von ber römifch katholi⸗ 
ſchen Priefterfchaft, und ob man nicht einen Schritt weiter ges 
ben müfje? iſt eine Frage die in die Theorie des Kirchenregis 
ments gehören koͤnnte. 

Wenn von der Verrichtung bes Kirchendienftes die Rede 


— 37 — 


ik, mäflen wir doch den Unterfchieb im Auge behalten. Sch 
fage dieſes befonders, weil man darauf eine befonbere Disci⸗ 
plin gegründet bat bie jezt ziemlich verfcholfen ift, nämlich bie 
fonft mit bem Namen ber Paftoralflugheit aufgeführt wurbe, 
Sie follte die Frage beantworten, Wie im übrigen Leben fich 
der Geiſtliche zu betragen babe, um biefe ihm eigenthämliche 
Würde zu behaupten, und auf der anderen Seite ſich nicht zu 
fehr von dem Ganzen der Gemeine zu fondern. Sp bald wir 
anf den Begriff des Klerus zurüff geben, wie ich ihn gefaßt 
babe und von dem unterfiheidenden Charakter des geiftlichen 
Standes abfirahiren: fo müßte die Frage eine allgemeine wer- 
ben, und fich auf biefen Charakter an ber leitenden Thätigfeit 
Theil zu haben, beziehen, und fie wäre fo zu verflehen: Ob 
he auch auf Das übrige Leben Einfluß haben müſſe und was 
fir emen? So lange nun diefe Auszeichnung bes geiftlichen 
Standes noch befteht, werben wir bie Frage nicht umgehen 
konnen, aber mit Rüfffiht darauf, daß es eine zufällige fei; 
| nd bas ift das Iezte, womit ber ganze Eyflus von einer Theorie 
ind Aufgabe des Kirchendienſtes befchloffen ift. 


A. Die ordnende Thätigkeit, welche die ein- 
zelnen in der Gemeine zum Gegenftand hat. 


1) Vom Religionsunterricht der Jugend. *) 


| Mit der ganzen Gemeine hat ber Geiftlihe es nur im Eul- 
8 zu thun, und wo er ald Geiftlicher fonft auftritt, da bat 
er nit die ganze Gemeine fi gegenüber, fondern nur einen 
Teil. Die Fälle find hier fehr verfchieden, und das bringt 
die Ratur der Sache mit fih. Ein natürliches und nothwen— 
diges Berhältniß des Geiftlihen zu einem Theil der Gemeine 
iR das was er hat zur chriftlihen Jugend. Gehen wir auf 
bie Geſchichte zurükk: fo hat es allerdings eine Zeit gegeben, 
wo bad Verhältnig nicht eriftirte, nämlich als es überhaupt 





— 1.8 — 


noch Feine Kindertaufe gab und nicht Familien, fonbern nur 
einzelne Menſchen Elemente der Gemeine waren. Es gab frei- 
lich ein Verhältniß der Geiftlihen zu ben Katechumenen, doch 
war bies feines zur Jugend. Kehren wir die Sache um und 
fragen wir: Wird e8 wol eine Zeit geben, wo dies Berhält- 
niß wieder aufhört? fo ift bag wol möglich, wenn bad Fami- 
lienleben fo religiös fih ausgebildet hat, daß aus dem bloßen 
Zufammenleben mit den Eltern die Kinder das Chriſtenthum 
empfingen und fo durchdrungen würben vom criftlichen Geif, 
daß fie am Gottesdienſt theilnehmen Fönnten und mit vollem 
Gewiſſen Glieder der Gemeine hießen. Diefer Punkt orientire 
ung über das Berhältnig überhaupt. Denfen wir und ein 
vollkommen religiöfes Familienleben: fo fann man nicht fagen, 
bag die Gemeine in einem ſolchen Zufande ſich befinde und 
fhwerlih wird in ber ganzen Kirche dies je der Fall fein 
Diefe Unvollfommenheit des chriftlichen Familienlebens foll er- 
Hänzt werben durch die Wirkfamfeit des Geiftlihen, der bildet 
das Supplement zu höherer Zucht und Bollfommenheit, welde 
bie Familie ſelbſt hervorbringen follte. Nicht zu läugnen if 
daß das Supplement wegfallen koͤnnte; den chriſtlichen Sinn, 
ben wahren Glauben fann weber ber Geiftlihe noch bie Fu 
milie geben, aber entfteben fann er ohne Zuthun bes Geil: 
lichen aus einem ächt chriftlichen Familienleben. Wer in bie 
chriſtliche Gemeinſchaft eintritt ift aber auch in Sitte und fe 
ben ihr angehörend; hiezu kann der Geiftlihe unmittelbar auf 
nichts thun, er kann nur einzelnes einfchärfen; ein wohlgeord⸗ 
netes chriftliches Hausweſen kann da viel wirkſamer fein, Zucht 
und Sitte ergiebt ſich da am beſten. Endlich muß ein Glied 
der Kirche nicht nur den Glauben theilen, ſondern auch ihn 
darſtellen und Antheil nehmen an den öffentlichen Darſtellungen 
im Cultus. Ein chriftliches Hauswefen muß natürlich auch 
die chriftlihe Sprache üben, unb wie ein Kind im Haufe die 
Mutterfprache Iernt: fo muß es auch bie chriftlihe Sprade 
lernen und fo fih zum Verſtändniß des Gottesdienſtes vorbe- 
reiten. Daß ber Geiftlihe bier noch eintrete, if alfo nicht 


— 39 — 


weientlich nöthig, es findet fih aber doch im allen Familien, 
und es fehlt auch nicht das Bedürfniß dazu. 

Bir bemerfen bier einen wefentlihen Unterfchieb z wi—⸗ 
jhen der katholiſchen und proteflantifhen Kirde. 
Die Fatholifhe Kirche macht den Unterricht fehr früh und in 
finger Zeit ab. Der Grund liegt darin daß bei den Katho— 
liten mehr der fombolifche Gebrauch, den man aus Webung 
lernen kann, vorberricht; das Verſtehen diefer Gebräude ift 
dem Laien nicht nöthig, wenn das Verſtändniß nur im Clerus 
ald der Seele der Kirche wohnt; bie Erklärung ift übrigend 
vorhanden, und wer fich belehren will Tann es felbft thun, 
Die proteftantifhe Kirche Tegt mehr Gewicht auf das Wort, 
und verlangt ein helles Verſtändniß befielben; fie will baß je= 
der einzelne ein lebendiges Glied der Kirche fei. In der fa- 
tholiſchen Kirche herrſcht die Anfiht daß es für ben einzelnen 
genug fei, wenn er in der Kirche tft, und er iſt nur etwas 
wenn die Kirche ihn anerkennt; ihr Maaß iſt nicht ein felbflän«- 
diges Haben fondern der Gehorfam; fie macht alfo weniger 
Sorderungen bei ber Vorbereitung als wir. Wie fleht es num 
bei uns? Den Glauben Tann der Geiftlihe nicht mittheilen, 
fein Entſtehen ift das Werk des göttlichen Geiftes, und biefer 
wirft aus der Geſammtheit des Lebens, Das temporäre Ver⸗ 
hälmig zwifchen dem Geiflihen und ber Jugend fann unmög- 
li alles das aufwiegen was im Leben fehlt. Eben fo Tann 
er nicht auf Zucht und Sitte wirken, fondern dies findet nur 
Batt wenn es auch im Haufe herrfht. Seine Hauptwirkfam«- 
keit bezieht ſich alfo auf das dritte, nämlich das Verftändniß 
für das Wort zu öffnen und das religiöfe Gefühl an die Worte 
in gewöhnen und fie in ihnen zu geftalten. Dies Gefchäft hat 
nun feine befonderen Schwierigfeiten. 

Da ift die erſte Frage: Was fol durch den Unterricht ben 
ber Geiftliche der Jugend feiner Gemeine ertheilt geleiftet wer⸗ 
ben? Die Anfichten darüber find nicht übereinfiimmend in der 
Paris, und müffen wir fuchen zu einer feſten Weberzeugung 
durch bie Natur ber Sache zu kommen. Das können wir nicht 





— 350 — 


anders als wenn wir ben Anfangspunkt und ben End: 
punft vergleihen. Der Anfangspunft ift der ſchwierigere, der 
leichtere ift der Endpunkt, und müffen wir auf biefen zuerſt 
fehen. Wenn ber Religionsunterriht der Jugend in unferer 
Kirche beendigt ift, wird fie in Die Gemeine aufgenommen, fie 
wird als ein Glied des Ganzen zu denfelben Rechten wie je 
bes andere berechtigt angefehen und in ber chriftlichen Gemeine 
giebt ed dann feinen Unterfhieb mehr. Der confirmirte evan- 
gelifhe Chriſt hat nichts mehr was er als Glied ber Gemeine 
noch fein müßte, Died nun aber drüfft fich noch befonders 
aus dadurch, daß bie Jugend nah Beendigung bes Unterrichts 
zum Sacrament bes Altars zugelaffen wird, Es fragt fid: 
Iſt das etwas wefentlich miteinander verbundenes ober nicht? 
Könnte man fih nicht denfen, daß einer übrigens volllommen 
alle Rechte eines chriftlihen Gemeinegliedes ausüben koͤnnte 
und wäre nicht zum Sacrament bed Altars zugelaffen, odet 
auch umgefehrt? Es if nicht gleichgültig oder ſpitzſindig, daß 
wir diefe Frage aufftellen. Es fommt darauf an, die Jugend 
fol nach Beendigung des Religionsunterrihts als Gemeine: 
glied angefehen werben, d. h. fie tritt aus dem mittelbaren in 
bas unmittelbare Verhältnig der Gemeine ein. Nun manifes 
flirt fih die Gemeine zunähft im Cultus, und tritt Die unmit⸗ 
telbare Beziehung des einzelnen auf den Cultus auf, worin 
liegt, daß man einen jeden einzelnen einer unmittelbaren Theil⸗ 
nahme am Cultus fähig halt. Das ift ber Gefichtspunft der 
fih für den NReligionsunterriht fell. Das Wefen bed 
Religionsunterrichts befteht demnach darin, daß ber 
einzelne foll fähig gemacht werben an dem Eultus 
Antheil zu nehmen Sehen wir auf bie Zulaffung zum 
Sarrament des Altars, fo drängen fih ba andere Anfichten 
auf, und ſcheint das Gefchäft dann eine andere Beziehung zu 
haben, und müffen wir natürlich fragen: Ob hier ein Unter- 
fehied ift und welche Beziehung dominirend fein mup? Bas 
bie Zulaffung zum Sacrament bes Altare betrifft, fieht man 
da auf die Inflitution des Sacraments, und bie Idee, welde 


— 351 — 


bie Kirche damit verbunden auf den Grund eines biblifchen 
Wortes, daß fie nur erfolgen fünne, wenn eine vollfommene 
Ueberzeugung dba fei, daß der, ber zugelafien wird, nicht in dem 
Fall kommen könne, das Sacrament fich felber zum Ge- 
riht zu genießen: (1 Eorinth. 11,27) fo müßte die hrift« 
fihe Gemeine als das zulaffende Subject dieſe Unwürdigkeit ver- 
ſchulden. Dean kann daher fagen, da ber NReligiondunterricht 
mdigt mit der Zulaffung zum Sacrament, muß ber Zwelkk deſ⸗ 
jelden fein, den lebendigen Glauben in einem jeden 
einzelnen zu begründen. Indeß müflen wir und hüten in 
dieſer Hinficht zu ängflich zu fein; es fönnte daraus folgen ei⸗ 
nerjeits die Auflöfung der Firchlichen Gemeinſchaft felber; an⸗ 
dererfeitö würde darin liegen, daß man dem öffentlichen Reli- 
giondunterricht eine Aufgabe ftellt, Die er unmöglich Iöfen kann, 
denn er kann nicht eine fperielle Bearbeitung ber einzelnen 
Seelen fein; fo iſt er nicht inftituirt und müßte dazu ganz an- 
ders eingerichtet fein, als er durch die Verfaſſung ber Kirche 
eingerichtet if. Soll jenes erreicht werben, daß jedes einzelne 
Erhlihe Gemeineglieb, ehe es zum Sacrament zugelaffen wird, 
ben lebendigen Glauben in füch entwikkelt babe: fo muß dies 
buch etwas anderes als den Öffentlichen Neligionsunterricht 
erreicht werben. Dei der großen Berfchiebenheit der. Einzel- 
weien läßt fich nicht denfen, daß durch ein gemeinfames Ver⸗ 
fahren dieſelbe Veränderung in allen follte hervorgebracht wer- 
den; foldhe Thätigkeit müßte eine einzelne Seelforge fein. Es 
gehört aber nicht zur Pflicht bes Geiftlichen, die einzelne Seel⸗ 
forge zu übernehmen bei denen, die nicht ſchon Gemeineglieder 
ſind, und fann man nie dem Kirchendienft die Verbindlichkeit 
zumuthen, daß er fi) anheifchig machen follte, alle, deren Uns 
terricht er für vollendet erflärt, auch zu dem lebendigen Glau⸗ 
ben gebracht und diefen in ihnen erwelft zu haben. Die chriſt⸗ 
lie Jugend in ber Zeit, wo fie den Religionsunterricht ge⸗ 
nießt, iſt in ber väterlichen Gewalt, und eine fpecielle Seel⸗ 
jorge, die der Geiftlihe an den einzelnen unter ber väterlichen 
Gewalt ſtehenden Bamilien nehmen wollte, würbe ein Eingriff 


— 32 — 


in die Familienrechte fein; er Fönnte fie nicht anders üben als 
mit Zuftimmung oder Aufforderung der Eltern. Will man 
den Saz aufftellen: Wenn bie Gemeine einen einzelnen zum 
Genuß des Sarraments zuläßt, muß fie von der Wuͤrdigkeit 
deffelben verfichert fein, fonft ladet fie die Schuld auf fi; und 
fragt man: Wer foll eigentlih die Verantwortlichkeit tragen? 
fo fann man nicht fagen, der Geiftliche, auch nicht die Gemeine 
im Ganzen, fondern die einzigen die fie tragen find bie Eltern; 
auf deren Gewiffen muß gelegt werben, daß fie ihre Rinder 
nicht eher zur Zulaffung zum Sacrament präfentiren, als bie 
fie diefe Weberzeugung hegen. Wenn wir davon ausgehen, 
daß jedes wahre Mitglied einer chriftlihen Gemeine aud fol 
feinen eigenen Antheil am inneren chriftlichen Leben haben, und 
um die Sache ſcharf durch einen dogmatiſchen Ausbruff zu be 
zeichnen, fih im Stande der Gnade und Heiligung befinden, 
und der Religiondunterricht fih dadurch endigt, daß bie ganze 
Jugend in dieſen Zuftand aufgenommen wird: fo ift Die Aufgabe, 
daß ber natürlihe Menfh in den Zuftand des Wiedergebornen 
verfezt werben fol. Aber das ift gar Feine Sache, bie ber 
einzelne mit Gewißheit beurtheilen kann; mit Sicherheit Täpt 
fih das erſt aus den Folgen wahrnehmen, aber aus einzelnen 
Momenten und Gemüthserregungen dies ſchließen zu wollen 
ober läugnen, dazu bat niemand ein Recht. Hier kann man 
fragen: Waren bei ber erften Einfezung bes h. Abenbmahle 
bie Apoftel felber ſchon im Glauben fo befeftigt, daß feine 
Beforgniß hätte flattfinden können, fie koͤnnten wieder abfallen? 
Wir werben fagen, die engere Gemeinſchaft, welche dadurch 
geftiftet wurbe, follte erft den hinreichenden Grund in fi ent- 
halten zu einer ſolchen fortfchreitenden Befefligung des Glau⸗ 
bens. Erft in der Firchlichen Gemeinfchaft, indem die Jugend 
in biefelbe vollftändig aufgenommen wird, fann fi) der leben⸗ 
bige Glaube recht befeftigen. In der älteren chriftlichen Kirche 
finden wir eine verfchiebene Prarid, Im erften Anfang, wo 
fih die riftliche Kirche aus den Erwachfenen bildete und er⸗ 
gänzte, und ihr Beſtehen nicht Durch das chriſtliche Hausweſen 


— 353 — 


gefihert war, ba finden wir eine große Beforgnig für bie Zu— 
Iaffung zu den beiden Sacramenten. Das reine Ertrem tritt 
heraus fobald die Kirche fi) überwiegend aus ſich felber er- 
ganzes da war eine fehr zeitige Theilnahme der Kinder am 
Sarrament des Altars, wie die Fatholifhe Kirche ſich hierin 
auch jezt noch von der unfrigen unterſcheidet. Die erfte Prarig 
hatte ihren Grund darin, daß man nicht zu zeitig den Aeuße— 
rungen des chriſtlichen Glaubens folder, die urfprünglich einer 
anderen Religionsgemeinfchaft angehörten, traute, Die andere 
Prarid hat ihren Grund darin, bag man mit Recht voraus- 
jegen konnte, das chriſtliche Princip wäre in den chriftlichen 
Kindern entwiffelt und dieſe Entwifflung müffe durch die Theil- 
nahme an allem, was bie religiöfe Gemeinfchaft darbiete, un- 
terffügt werden. Das Teste ift das wovon wir ausgehen müſ— 
jen, und es ift niemand ale die Eltern, die darüber urtheilen 
finnen, ob ausnahmsweiſe ein Kind nicht koͤnne mit gewiffer 
Zuverfiht in die Gemeine aufgenommen und zum Sacrament 
igelafien werden. Denn daß eine pofttive Unmürbigfeit ba 
fü, wie die in dem biblifhen Worte ausgefprochene, ift ein 
Fall der nicht vorausgefezt werben und fich nirgend zeigen Tann, 
wenn er da ift, als nur im häuslichen Leben. Da geht bie 
Entwifflung bes religiöfen Moments vor fih, und fann aud 
mr da in ihrem Fortfchreiten recht beurtheilt werben. Wenn 
öriflihe Eltern in bedenklichen Zällen ſich Teichtfinnig zeigen, 
fo iR das ihre Gewiſſensſache; der Geifllihe kann es ihnen 
aufs Gewiſſen Tegen, aber nicht eingreifen. 

Soll die Jugend nach erfolgtem religiöfen Unterriht am 
Sarrament theil nehmen: fo liegt darin, daß die chriſtliche 
Gefinnung in ihr fol Tebendig geworben fein; foll bie Ju— 
gend fähig geworben fein vom Öffentlichen Gottesdienſt in allen 
feinen Tpeilen den gehörigen Nuzen zu ziehen: fo vepräfentirt 
und das hier das Verſtändniß. Etwas drittes als Gefin- 
zung und Verſtändniß Tann nicht gefordert werden. Alles, 
was von einem Mitgliede einer Gemeine gefordert wird, muß 

Seattifige Theologie. 3. 23 





— 9554 — 


baraus hervorgehen; doch fehlt eins von beiden: fo wirb bie 
Sorderung nicht gemacht werben fönnen. 

Wie ift nun aber beides zu erreichen in jener Form des 
Verkehrs des Geiftlihen mit der Jugend? Da ftellen ſich gleih 
beide Aufgaben verfchieden. Einen in einem gegebenen Zeit- 
raum zum VBerftändnig über eine gewiffe Sache zu bringen, 
das ſtellt fih von ſelbſt; ift die Zeit zu Fein: fo muß eine 
größere Intenfität der Mittel gebraucht werben; ift aljo bie 
Zeit nicht zu eng abgeftefft: fo muß fi in ihr der Zwelk er⸗ 
reihen laſſen. Wie fleht es aber mit bem anderen, wo das 
Mittel das ung zu Gebote ſteht blos ein inbiveftes if? Es 
wird ſich niemand dazu anheiſchig machen koͤnnen, bie Kraft 
bes religiöfen Bewußtſeins in einer befimmten Zeit bie anf 
einen beſtimmten Punft zu entwiffeln. Je mehr man nun eine 
nachtheilige Vorftelung hat vom Religionszuftand des Volles, 
befto nachtheiliger erfcheint auch das Mißverhältnig. Bon ber 
anderen Seite, denfen wir an bie große Berfchiebenheit ber 
Anfichten über dag was das Weſen bes chriftlichen Lebens aud- 
macht, Soll es da von dem Urtheil bes Geiftlihen abhängen, 
ob ein religiöfes Leben reif ift, da er vielleicht dasjenige was 
ba ift nicht als ſolches gelten Täßt, weil es nicht feine Parteis 
form it? Das Verhältniß ift fo complieirt, daß es felbft nicht 
möglih ift in biefer Beziehung fih einen Endpunkt zu fezen, 
felbft nicht einmal ein Minimum ſobald es quantitativ beftimmt 
wird, Iſt das religiöfe Leben ſchon in den Familien: fo bes 
fommt man die Rinder ſchon in dieſem Zuſtande und dann 
läßt ſich weiter mit dem Gefpräche wirken; find fie nun fo weit 
gebracht daß fie den Gottesdienft verfteben, fo daß er mit ſei⸗ 
ner ganzen Kraft auf fie einwirken Fann: fo ftellen wir das 
übrige Gott anheim. Wenn der Geiftlihe fein Beftreben dar⸗ 
auf richtet das Verſtändniß in den Kindern zu erregen, in ihm 
feld aber. die Wahrheit ift: fo wird es nicht fehlen koͤnnen, 
wenn ;in den Kamilien ſchon ein religiöfes Leben tft, daß biefe 
Wahrheit auch ihre Kraft an den Kindern äußere. 

Nun aber werben wir bie Sache beffer überfehen, wenn 


— 955 — 


wir auch ben Anfangspunft berüfffichtigen. Was ift vor⸗ 
auszufezen wenn das Gefchäft des Geiftlichen beginnen ſoll? 
IR es ein reiner Anfang und das religiöfe Leben und Ber- 
Bandnig gleich Null, oder iſt es nicht ein reiner Anfang, und 
it er dann fehr verfehieden? Da der Geiftlihe fein Amt nur 
in der chriſtlichen Gemeine verwaltet: fo wird wenigſtens nicht 
räfffichtlich beider Punfte der Religionsunterricht ein reiner Ans 
fang fein. Sf Fein chriftliches Leben in den Familien: fo ift 
es feine Gemeine, die Geiftlihen wären nur Miffionäre; alfo 
man mug auch Einwirkung des religiöfen Lebens und einen 
Grad des -religiöfen Verſtändniſſes vorausfezen. Was darf 
alfo der Geiftliche vorausfezen wenn es nicht reiner Anfang iſt, 
und welcher Punkt muß vorher erreicht fein? 

Wir haben es zunächſt mit dem erfien zu thun, der reli- 
giöfen Sefinnung. Wird man dem Geiftlihen das Recht zu- 
IHreiben von ber Familie zu verlangen, baß die Kinder, ehe 
fe ipm übergeben werben, von einer gewiffen Charafterbildung 
ſind? Schwierig würde das dadurch, weil man nicht weiß 
woran das erkannt werden kann, und es auch gefährlich if fo 
etwas zu verſuchen. Soll ber ©eiftlihe eine Kenntniß haben 
vom Leben der Kinder: fo kam er nur negative Merkmale 
haben. Kinder Fönnen fehr wohl gezogen fein ohne ein reli= 
giöfes Leben in ſich zu haben; der Geiftlihe müßte fie alfo in 
die Beichte nehmen, um fie über ihren Zuftand referiven zu 
laſſen. Das läßt fih aber niht machen; mande Kinder Tön- 
uen ſich nicht auszudrükken wiffen, wepn fie aud ein größeres 
teligiöfes Leben befizen, und fo wäre Täufhung nit zu ver⸗ 
meiden. Findet man noch fein religiöfes Leben im Kinde, 
ſchienen Krivolität dieſem grabe zu wiberfireben, und nähme 
man dies als ein Zeugniß, daß der Geiftlihe gar nicht im 
Stande wäre im Kinde das religiöfe Leben zu erwekken, und 
wollte nun baffelbe von ber Theilnahme am religiöfen Unter⸗ 
richt ausgefchloffen wiflen: fo wäre Died ungerecht, das Kind 
fele dann mehr dem elterlichen Haufe anheim, büßte alfo bie 
Schuld der Eltern, da doch grade ber Religionsunterricht das⸗ 

23* 


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jenige foll zu erfezen fuchen, was bie Eltern verfäumten, Bon 
Familien die fih in einem fhlechten Zuftand befinden, läßt ſich 
auch nicht erwarten, daß fie dem Geiftlihen ein Recht in ihren 
Kreis einzugreifen einräumen werben. Der Geiftfiche muß alſo 
die Kinder nehmen, wie er fie befommt. 

Was das religiöfe Verſtändniß betrifft: fo befindet ſich 
der Geiftliche in einer befferen Rage vermöge -feines Einfluſſes 
auf die Schulen. Doch wenn au die Bolföfhule in einer 
genauen Berbindung mit der Kirche ſteht: fo if fie es bob 
nicht ausſchließlich, fondern fte ift auch in den Händen be 
Staats, und da fommt es darauf an, wieviel dieſer dem Geifi- 
lihen einräumen wird. Wo die Tendenz ift die Schule aus 
ber Verbindung mit ber Kirche herauszureißen, ift auch das 
Beftreben bie kirchlichen Gegenftände aus der Schule zu ver- 
drängen. Haft allgemein finden wir bie Regel, daß ber Geifl- 
liche nicht verpflichtet werben fann Kinder aufzunehmen, die 
nicht Lefen fönnen. Dies fezt allerdings einen fehr man- 
gelhaften Unterricht voraus, aber man fann auch fragen: In 
welchem Grab ift das Lefen unentbehrlich für den katechetiſchen 
Unterriht? In unferer Kirche wird das gefchriebene göttliche 
Wort ald Gemeingut angefehen, und fol auch alles im Cultus 
immer im Zufammenbang mit biefem fein, alfo auch ber kate⸗ 
hetifche Unterricht. Alſo müffen auch die Kinder in bie Schrift 
eingeleitet werben Fönnen; aber das Lefenfönnen ift bazu nicht 
nöthig, fondern fie müflen fih das, was für den Fatechetifchen 
Unterriht aus der Schrift nöthig ift, eigen machen. Dies fann 
aber durch das Gedächtniß eben fo gut geſchehen. Wir wollen 
die Oefezgebung nicht tadeln, aber Toben wollen wir fie aus 
einem anderen Grund, ba biefes Gefez ein Antrieb ift für 
bie Eltern. Die hriftliche Liebe und Erbarmung erlaubt nit 
von dieſem Rechte Gebrauch zu machen. Um einen Maaßſtab 
zu haben über das was ber Geiftlihe vorauszuſezen hat, kann 
er fich mit Teichterer Mühe an die Schule als an die unmit⸗ 
telbare Familie dabei halten, benn in die Schule if die ge- 
meinfame Erziehung niedergelegt, Wir haben uns an das 


— 357 — 


Gegebene zu halten. In den meiſten proteſtantiſchen Ländern 
liefert die Schule ſchon etwas für die Religion und darauf 
fann der Geiſtliche bauen und die Kinder abweiſen, wenn fie 
das noch nicht haben was die Schule geben fol. Hier ift nun 
eine große Verſchiedenheit möglich; oft hat ber Geiftlihe das 
aufzuheben was die Kinder mitbringen, und vortheilhafter ift 
es alfo dag ein eigentliher Neligionsunterricht, wenn ihn nicht 
ber Katechet felbft eriheilt, lieber ganz wegfällt. Daher ift es 
ſehr zwekkmäßig denReligionsunterricht in derSchule 
ganz hiſtoriſch zu betreiben und durch zwekkmäßiges 
Bibelleſen auszufüllen. In höheren Bildungsſchulen hin- 
gegen follte der Religionsunterricht auf ſolche berechnet fein, 
bie fhon die KRatechifation hinter fh haben und die Unter- 
ſchiede ausgleichen lernen follten. Der Geiſtliche hat alfo 
nur bies vorauszuſezen: eine partielle Befannt- 
(haft mit den der Jugend zugänglichen Theilen ber 
Shrift und eine hiedurch und aus dem Familien 
leben bewirkte religiöfe Erregbarfeit, 

Dies als befeitigt angefehen fragt es fih, wenn wir ba- 
von ausgehen, daß das eigentlich innere veligiöfe Leben fich in 
der Familie entwiffeln muß, Hat nun der öffentliche Un- 
terriht feinen anderen Zwekk als den, der fi in 
biefem Worte ausbrüfft, den Unterricht? Dies würde 
eine viel zu enge Beftimmung fein. Sofern bie Sprade das 
Medium ift muß die Vorbereitung zum Cultus allerdings Un⸗ 
terricht fein; fofern aber das Wefen des Eultus die barftellende 
Rittheilung ift, muß die Vorbereitung zum Cultus die Ten- 
denz haben, diefen Proceß durch die Darftellung mitzutheilen, 
einzuleiten und ihn fo zu fördern, baß er im Cultus hernach 
fortgefest werben Tann. Der Religionsunterricht muß durch ein 
ähnliches Verfahren was fih mehr an die allmälige Entwiff- 
fing der Jugend anfchließt, den Proceß des gemeinfamen reli- 
giöſen Lebens einleiten. Das ift etwas anderes ald ber Un- 
terricht. Dies andere Element ift ein mitwirkendes zur Yort- 
entwikklung bes religidfen Lebens, bas in ber Familie begon- 





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nen iſt, und hat daher der Religionsunterricht zwei Elemente, 
das didaktiſche und paränetiſche. Das erſte iſt der ei- 
gentlihe Unterricht; das andere, dag im Unterricht felbft bie 
darftellende Mittheilung und mittheilende Darftellung fein muß, 
die im Cultus if, aber auf eine auf bie Beſchaffenheit ber 
Kinder ſich beziehende Weife und feineswegs unter der Form 
des Cultus. Daß die Abſicht des Religionsunterrichts nicht 
anders erreicht werben fann als durch das Zufammenwirfen 
diefer Elemente, ift Har. Der Unterricht ohne das belebende 
Element ift etwas todtes, und fann dahin führen daß Die Ju— 
gend verfteht, was im Cultus vor fich geht, aber nicht daß fte 
fih anfchließt. Das belebende Element für fih würbe den 
Proceß der religiöfen Entwifflung weiter führen, aber es wird 
nicht folgen, daß der einzelne angemeffen wäre für den Eultus, 
Wie muß nun beides verbunden fein? Wir Tönnen ung den- 
fen beides neben einander hergehend, gleichzeitig, aber getrennt, 
ober ein Sjneinanderfein beider Elemente in einer beides ver- 
einigenden Form. Ehe wir aber fragen welches die befte bie- 
fer Formen ift, müffen wir ung noch dabei aufhalten, Die Rage 
in welcher ber Geiftlihe indem er das Gefchäft beginnen will 
fih befindet, mit den Schwierigfeiten berfelben aufzuftellen. 

Sehen wir voraus dag die Entwilflung bes religiöfen Le- 
bens in der Familie einen fihern und erfreulichen Gang geht, 
fo wird in bemfelden Maaß das zweite Element überfläffgs. 
Nun können wir ung bier Feine Gleichheit in den chriftfichen 
Familien denfen. Eine jede Gemeine wird befteben aus Fami- 
lien, in denen es relativ vorzüglich da ift oder fehlt. Soll 
ber Religionsunterricht in Feine fpecielle Seelforge ausarten 
oder ſich theilen, fo kann auch bier ber eine nicht anders be- 
handelt werden als ber andere. Kür ben einen würde leicht 
dem didaktiſchen Theil unnöthiger Weife etwas entzogen, wäh— 
rend dem andern für das belebende zu wenig wäre. Die an- 
bere Schwierigkeit ift bie: je mehr eine Ergänzung bes reli- 
giöfen Familienlebens nöthig ift, entſteht ein velativer Gegenfaz 
zwifchen dem, was bie Kinder im Religionsunterricht als fie 


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belehrend auffaflen und was in ber Kamilie die Vernachläſſi— 
gung dieſes Proceſſes if. Je mehr der Gegenſaz von ben 
Kindern wahrgenoinmen wirb deſto mehr ift eine Verringerung 
der Wirkung zu befürchten. ine Schwierigfeit auf der ent- 
gegengefezien Seite ift Die: je weniger eine Ergänzung bes 
Familienlebens nöthig ift, deſto mehr tritt das bibaftifche her⸗ 
vor und beftimmt die ganze Form, und der Religionsunterricht 
wird eine Schule; dann entfleht die Schwierigkeit die Mitthei- 
lung und didaftifhe Methode in den Grenzen zu halten, bie 
biefem Gefchäft eigen find ohne in bag thedlogifch fpeculative 
zu verfallen. Wird in das theologifche übergegangen, fo wird 
in Beziehung auf den Eultus eine Kritif erwefft, bie kein Le— 
benselement in ber Gemeine fein fol. 

Dazu fommen äußere Schwierigfeiten: die Befdhrän- 
fung der Zeit in die das Gefchäft bes Religionsunterrichts ein- 
geſchloſſen iſt. Se mehr religiöfes Intereffe in den Eltern if, 
deſto mehr fuchen fie die Zeit für den Religionsunterricht auf- 
infparen, obgleich dann wenig Zeit erforberlich iſt; je geringer 
bies ift, deſto mehr fuchen die Eltern die Zeit für benfelben 
zu befhränfen, aber deſto mehr Ergänzung ift nothwendig; und 
zwifhen dieſen beiden fol fich der Geiftliche fo bewegen baß 
für beide das beftmögliche gefchieht, ohne daß er felbft etwas 
ihun fann das rechte Zeitmaaß bervorzubringen. Es ift nicht 
ju läugnen daß dies Geſchäft eins ber fchwierigften ift, dem 
ohmerachtet müflen wir bie Frage: Iſt dies etwas wozu ein 
befonderes Talent gehört? wieder verneinen; ein Talent mit 
ber Jugend zu leben muß ein jeder Erwachſene haben; fi 
über Gegenftände mit foldhen verfländigen die weniger bavon 
wifien, ift auch ein allgemeines Talent, und aus biefem beiden 
muß alles hervorgehen obgleich die Umftände hier erfchwert find. 
Daher eine gute Anleitung und eine richtige Theorie hier etwas 
fehr bedeutendes if. Es ift das Uebel dies, daß die Theorie 
aufzuftellen wieder feine eigenthämlichen nicht minder großen 
Schwierigkeiten hat. Eine Theorie foll etwas für das ganze 
Gebiet alfgemeingültiges fein, wenn fie deshalb auch aus fol- 


— 360 — 


chen Formeln beſtehen kann die überall einer näheren Beſtim⸗ 
mung bebürfen;z fie muß fo geſtaltet fein, daß fie das angiebt 
worauf die Beflimmung des an ſich unbeftimmten beruft. An- 
bers würde man etwas allgemeingültiges nicht zu Stande brin- 
gen; aber da ruht die Anwendbarkeit der Theorie darauf, baf 
bie verfchiedenen Verhältniffe die eine Modification des Prin- 
cips erfordern mit Beftimmtheit aufgeftellt werben köͤnnen. Auf 
unferm Gebiet finden nun eine unendlihe Menge von verfdhie- 
denen Abftufungen ftatt, und es ift ſchwer feſte Punkte ind Auge 
zu faffen. Wir wollen es verfuhen und allerdings werben 
fih einige darftellen. 

Der Religionsunterricht iſt ein didaktiſches Gefhäft, kann 
aber nicht anders geführt werben als im lebendigen Geſpräch; 
dadurch gewinnt er bag Anfehn der Converfation und fällt in 
das Gebiet ber Gefelligfeit hinein. Das führt uns auf die 
verfhiedenen Stände, und ba finden wir bedeutende Dif- 
ferenzen die wir auszeichnen können. Zuerſt ift da die Kaffe 
die wir das Volk nennen, diejenigen in beren eigenem ge= 
wöhnlihem Leben bie Rede gar wenig gilt. In diefem immer 
mehr durch die Thätigfeit als die Sprade fich barftellenden 
Kreife wird die Volksjugend erzogen, die ber Geiftlihe zum 
Unterricht befommt und muß durch ein Medium wirken, für 
welches fie wenig Zugänglichkeit bat. Die Schule ift freilich 
ein Mittelglied zwifchen dem häuslichen Zuftand der Kinder 
und dem Religionglehrer, aber bie fann nur in dem Maaß 
wirken als fie die Form der Gefelligfeit annimmt und fich dem 
Religionsunterricht nähert; was aber in Volksſchulen nicht gut 
möglich ift, obgleih eine gewiffe Vorbereitung auf den Reli- 
gionsunterricht immer ftattfindet. Auf jeden Fall läßt fich ein- 
feben daß es ſchwierig ift, mit der Jugend biefer Volksklaſſe zu 
einer rechten Austaufhung bes Religionsunterrichts zu gelan- 
gen und eine Ueberzeugung vom Effect zu haben. Die zweite 
Klaffe ift, was wir den Mittelftand nennen, ein in fich felbft 
wieder verfchiebenes, einerfeits in ber Approrimation zu dem 
Volk und andererfeits in der zu ben höheren Ständen, Dur 


— 361 — 


nichts anders als dadurch, daß fie in das Gebiet bes Redens 
hineingezogen iſt, können wir auf die allgemeinſte Weiſe dieſe 
Klaſſe vom Volk unterſcheiden. Hier hat der Geiſtliche eine 
groͤßere Leichtigkeit, mehr, was er vorausſezen kann, und eine 
groͤßere Zuverſicht daß er ſich verſtändlich machen kann; aber 
die große Mannigfaltigkeit die in der Klaſſe ſelber iſt, hebt bie 
Einheit des Berbältniffes wieder auf. Im erften Fall ift es 
eine Erleichterung, daß die Kinder aus der Volksklaſſe unter 
Kb in größerer Gleichheit find; im zweiten Fall ift eine große 
‚Ungleichheit ſelbſt in Beziehung auf die Schule indem die Kin- 
der an verichiebenen Spftemen bes Unterrichts Theil nehmen 
und eine fehr bifferente Vorbereitung mitbringen. Da liegt 
die Schwierigfeit darin, daß indem man fihb an die weiter 
vorgefchrittenen wendet, bie zurüffgebliebenen nicht vernach⸗ 
läffigt werben, oder umgekehrt. Endlich die dritte Klaſſe find 
die fogenannten höheren Stände; bei dieſen entfleht eine 
ganz eigene Schwierigfeit daraus, daß ber gefellige Lebenskreis 
in den bie Kinder gehören ſich für wefentlich höher halt als 
ben, in ben ber Lehrer gehört, und baß einerfeits das richtige 
Berhäftnig ſtattfinde, andererfeitd aber jenes dazwiſchen durch⸗ 
fpielt, daß beide ſich deſſelben nicht entfchlagen können, bes 
Berhälmiffes des Gefellfchaftkreifes, zu welchem die Kinder ge= 
hören, Sezt leiftet die Schule ald vermittelndes etwas bedeu⸗ 
tendes darin, aber das ift noch nicht lange her, und treten jest 
bie Schwierigfeiten mehr zurüff wenn nicht Die Bornehmen ihre 
Kinder einen befondern Religiondgunterricht genießen Taflen wol- 
im. Hier haben wir beftimmt auseinandertretende VBerhältniffe, 
ur bag in der mittleren Klaffe doch wieder ein buntes unter= 
einander und eine ſchwer zu verhindernde Mannigfaltigfeit iſt. 
Geſezt es ift unter den Rindern felbft eine ziemliche Gleichheit, 
fo it es Doch nicht anders möglich als daß fi im Religiong- 
unterricht ſelbſt eine Ungleichheit erbliffen läßt, und die Schwie- 
rigfeiten, die biefe bervorbringt, werben nirgends fehlen und 
werben richtig behandelt werben müffen. Hier fommt es aber 
nicht allein auf den Unterfchieb ber Fähigkeiten an, fondern auch 


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— 362 — 


auf den ber Gemüthsrichtung. Je größer die Differenz in ber 
Gemeine felbft if, deſto größer wird fie auch in der Jugend 
fein. Wenn es in ber Gemeine eine herrſchende gute Sitte 
giebt, wird man auch ziemlich auf eine gleiche Vorbereitung 
rechnen bürfen. Wo bedeutende Differenzen ftatifinden wird es 
Individuen geben, die die Folgen fchlechter Erziehung reprä- 
fentiren. Allerdings fann unter ber Jugend der nieberen Stände 
eine folhe Unfähigfeit entgegentreten, daß es fehr Teicht if die 
Hoffnung eines Erfolgs aufzugeben; aber bie Sade ift nur 
bie, daß dieſe Unfähigkeit oft größer erfcheint als fie wirklich. 
it und auch, wenn man nicht die richtige und zweffmäßige 
Methode beobachtet. 

Das erfte was wir nun zu thun haben, ift die Frage zu 
entfeheiden über Das Berhältniß der beiden Elemente, 
bes didaftifhen und paränetifhen im Religionsunter⸗ 
richt. Wollten wir uns darauf befchränfen eine Theorie auf: 
zuftellen mit Bezug auf die vorhandenen Berhältnifie, fo könn⸗ 
ten wir bie Frage umgehen. Es ift in unferer Kirche nur fo 
gegeben daß die beiden Elemente zufammen find; fie find nit 
gefondert, außer in einzelnen Kleinen ®emeinfchaften wo dies 
nur möglih if. Das würbe aber eine befchränfte Art fein die 
Theorie aufzuftellen. Die Srage hat immer einen großen Ein- 
flug auf die Entwifflung der Theorie ſelbſt. Es ift alfo eine 
Möglichkeit da, daß man bies beides von einander fondern 
fann und aud die, bag man beibes verbindet. Welches ift 
das befte? Die Trennung ift wieder zmwiefach, entweder baf 
bie beiden Elemente fedes für fich behandelt auf einander fol- 
gen, oder auch, daß fie ebenfalls gefondert, aber wechfelnd ne 
ben einander fortgehen; das dritte ift, daß fie überall mit ein- 
ander verbunden find. Man fteht Teicht, dag ſich ein Leber- 
gang zeigt zwifchen dem zweiten und dritten. Denfen wir und 
abwechfelnd rein didaktiſche oder paränetifhe Zufammenfünfte, 
und Borträge, wo in jedem beides gemifcht ift, fo werben wir 
bas lezte zwiefach denken fönnen, die einen mit Uebergewicht 
bes paränetifchen, bie andern mit Nebergewicht des bibaftifchen. 


— 363 — 


Fragen wir nach dem Verhäliniß ber beiden fcharf gegen ein⸗ 
ander übertretenden Möglichkeiten und betrachten die Sonde 
rung, vermöge beren didaktiſches in Maſſe und paränetifches 
in Maſſe auf einander folgt, was wäre dann bie natürliche 
Ordnung? Dffenbar, wenn das yaränetifche vorangehen foll, 
muß es eine Bekanntſchaft mit der religiöfen Sprache voraus- 
ſezen. Das didaktiſche hat nun die Tendenz die Jugend in den 
religiöfen Sprachgebrauch bineinzubringen, und ba fcheint bas 
didaktifche vorangehen zu müffen. Hat aber ber didaktiſche Theil 
feine Vollendung erlangt, fo ift das paränetifche überflüffig; dann 
if die Jugend fähig am öffentlichen Gottesdienft Theil zu neh⸗ 
men und findet die Erbauung das hiernach müßte alfo das 
paränetifhe vorangehen. Daraus folgt, daß Feins bem andern 
vorangehen noch folgen Fann, und müffen wir unfere Theorie 
Rellen auf das Sneinanderfein beider Elemente. 
Die Aufgabe ftellt- fih alfo fo: die Methode zu finden 
mit ber man unter den ungünftigften Umftänden das günftigfte 
Refultat hervorbringen kann. Wir fünnen ung zweierlei Kor- 
men des Religionsunterrichts denfen, bie eines zufammen- 
hängenden Vortrags und bie der Gefprädhsführung. 
Ales, was wir außerbem denfen können, würbe eine Mifchung 
aus beidem fein. Wir haben gefeben, daß zwei wefentlihe Ele- 
mente im Neligionsunterricht find, das paränetifhe und 
didaktiſche. Wenn man unterrichtet muß man auch willen, 
wie weit ber Unterricht gefaßt worden ift, damit man weiter 
fortbauen könne, Das paränetifche Element aber bebarf eines 
folhen zweiten nicht, denn wiefern das Eindruff gemacht hat, 
kam fih bloß im Leben zeigen; wogegen offenbar von dem 
Eompler ber religiöfen Vorftellungen gewußt werben muß ob 
er gefaßt worden. Denfen wir ung bie allgemeine Form ale 
. die eines zufammenhängenden Vortrags, fo würden Prüfungen 
dazwifchentreten müffen, um inne zu werben, ob der Vortrag 
gefaßt worden, und das gäbe einen folhen Wechſel. Wenn 
wir die Gefprächsform betrachten, fo ift Die beides zugleich; 
da erfährt man von felbft, ob bie Vorſtellungen gefaßt worden, 


* 


— u — 


weil fie mit erzeugt werben, unb obgleich das Gefpräh nur 
mit einem geführt werben Fann, Täßt fi doch etwas hinzu 
benfen, um zu ſehen, ob die mit denen das Gefpräcd nicht ge- 
führt worden, das fo vorgetragene gefaßt haben. Iſt nun bad 
Lehren und das fih Drientiren über den Erfolg zu trennen 
oder zu verbinden? oder ift eins dem andern vorzuziehen? Es 
erfcheint die Methode ber Trennung als eine nicht nothwendige, 
in fih felbft unvollfommene, weil das fi Drientiren immer 
nur in einem Zwifchenraum erfolgen kann; denn es kommt 
beim Bortrag immer ein Nicht- und Mißverſtehen vor, das 
dann wieder aufgehoben werden muß. Durch das Geſpräch 
wird das erfpart denn da ift ed ein und derfelbe Act, Prüfung 
und Mittheilung ift ineinander. Deswegen erfcheint die Ge- 
ſprächsform die vorzüglichere zu fein. Das yparänetifche aber 
fann nicht die Gefprächsführung in fh tragen. Sehen wir für 
das bidaftifhe die Geſprächsform für Das beflere an: wie foll 
nun das paränetifche behandelt werden? Es if nicht zu Täug- 
nen, daß die Gefprächsform Teicht zu einer gänzlichen Vernach⸗ 
Yäfftgung deffelben führen kann; alfo ift der vollfländige Bor: 
zug der Gefprähsform nur unter der Bedingung, wenn ber 
Zutritt des paränetifhen weniger nöthig ift und man darauf 
in den Familien rechnen kann. Wo bied nicht ift, wirb bie 
Sefprächsform unterbrochen werben müſſen zum Behuf des 
paränetifchen Elements. Dies wird erfcheinen in ber Fortent⸗ 
wifffung bes didaktifchen, das an der Gefprächsform gebunden 
bleibt, als eine Diverfion, in der fih der Lehrer in eine fort- 
laufende Rebe ergießt. Das kann nirgenb anders als wo es 
die Sache felber herbeiführt gefchehen; der natürlichſte Ort dazu 
wird fein, wo etwas zu Ende ift, etwas im Gefpräch entwil- 
felted zufammengefaßt und dem der paränetiihe Charakter ge 
geben werden kann. Es ift offenbar daß in ber Form bes 
Geſpraͤchs die Jugend beim Unterricht felbftthätiger iſt; fie hilft, 
wenn nicht die Borftellungen entwiffeln, doch die Entwifffung 
zur Erſcheinung bringen; in der fortlaufenden Rede ift fie mehr 
in einem pafliven Zuftand, Nun foll der Religionsunterriht 


— %5 — 


eine Borbereitung auf ben Eultus fein; im Cultus find bie 
Gemeineglieder in ſolchem pafjiven Zuftand, und foll der Un— 
terriht eine Vorbereitung darauf fein baß fie geübt werben 
zuzuhoͤren. Dies fcheint einen Borzug ber anderen Methode zu 
begründen. Allein es macht fi dies im Geſpräach von felbft 
gut; weil das Geſpräch immer nur mit einem geführt werben 
fann: fo find die andern auch zum zuhören genöthigt, weil fie 
niht wiffen, wie bald fie in das angefangene Geſpräch ver- 
wiffelt werden, und es ift fchwieriger dem Gefpräch als ber 
Rede zu folgen, weil immer zufällige Elemente dazwifchen tre⸗ 
ten und bie falfche Antwort auf den Siz des Irrthums zurüffs 
führt; hingegen die Rede immer den Schein bes Zufälligen 
verliert. Diefe größere Schwierigfeit wird aufgehoben durch 
ben Wechſel, daß die Zuhoͤrenden auch Geſprachführende wer- 
den. Es vereinigt ſich in dieſer Methode alles und es läßt 
fih nichts anführen, wodurd fie der anderen zurüffftände, Wenn 
man fih den Neligiondunterricht in der Korm überwiegend zu⸗ 
fommenhängender Rede denkt, wird doch eine prüfende Ge- 
rahsführung dazwiſchen treten, es ift aber nicht jene leben⸗ 
dige, fondern nur ein Abfragen. Diefe kann auch nicht ein- 
mal ein fo allgemeines Intereſſe erregen, wie die urjprüngliche 
Geſprächsführung, denn die Frage gebt immer ben einzelnen 
an wie er die Sache aufgefaßt, und nehmen bie andern daran 
feinen Antheil; diefe prüfende Geſprächsform ift daher etwas 
ſehr untergeorbnetes in Vergleich mit jener urfprünglich leben⸗ 
digen. Wenn wir ihren eigentlichen Charakter entwiffeln, muß 
fe von der bloß prüfenden ganz verfchieden fein, fih auf kei⸗ 
nen vorhergehenden zufammenhängenden Bortrag zu beziehen 
brauchen; die Mittheilung muß in jedem Moment diefe Form 
in fih tragen. Das fcheint für den Unterricht nicht zu paſſen; 
was mir einer fagen foll, muß er fihon willen. Das würde 
wahr fein, wenn von einem eigentlichen Wiffen die Rede wäre. 
Run ift aber die Rede nisht von einem urfpränglichen Wiffen, 
jondern von ber Reflerion auf dag, was im urfprünglichen 
Selbſtbewußtſein if. Etwas muß freilich vorausgefezt werden, 


— 566 — 


bas iſt aber nichts anders ald das angefangene religiöfe Leben 
felber. Wir können unmöglich annehmen, daß die Jugend, wie 
fie dem Geiftlihen übergeben wird, ganz eine tabula rasa fei; 
es ift natürlih da fie in ihren Häufern erzogen ift, daß fid 
fhon eine gewiffe religiöfe VBorftellung entwiffelt hat. Das 
fol auch vorausgefezt werben, etwas davon muß in jeder chriſ⸗ 
lihen Familie fein. Außer diefem fcheint noch das Vermögen 
der Reflexion vorausgefezt werden zu müflen und ein Grab 
von Fertigfeit darin. Nun läßt fich Fein Leben auf biefer Ent: 
wifflungsftufe wo ber NReligiondunterricht angefangen wird ohne 
Reflerion denfen; daß aber diefe fih vorher fchon auf dad res 
ligiöſe Leben gerichtet hätte, wirb nicht vorausgeſezt; biefe Rich— 
tung fol erft da gegeben werden. Wahr ift es, je weniger 
bas entwilfelte religiöfe Leben und die Uebung in ber Reflexion 
it, deſto ſchwerer wird es fein das Geſchaͤft in dieſer Form 
zum rechten Ende zu führen. Wenn eine folche Ungleichheit 
ftattfindet: wirb es nicht befier fein einen andern Proceß ein- 
zufchlagen und wird nicht für die, die auf ber niederen Stufe 
ftehen, der zufammenhängende Vortrag befier fein? Nein, denn 
es wird immer bei diefen eine Unfähigkeit und ſelbſt Unmög- 
lichfeit da fein dem zufammenhängenden Vortrag zu folgen; es 
bleibt das immer nur ein leeres Strohdrefhen. Wahr if ee, 
baß eine große Ungleichheit der Kinder den Religionsunterridt 
erfchwert, das ift aber der Fall bei beiden Formen. Aber in 
ber Geſprächsform, wenn man fi bei den weniger geübten 
mit etwas aufhalten muß, was bie andern fchon inne haben, 
werben biefe doch immer in ber Aufmerkſamkeit erhalten und 
müffen immer gefaßt fein in das Geſpräch verwiffelt zu wer- 
ben. Sie werben theils aufmerkſam gemacht werben auf das 
richtige in ihren Vorftellungen, das ihnen unbewußt geblieben 
und erſt durch die Vergleihung mit bem unrichtigen zum Bes 
wußtſein kommt; theils wird immer etwas vorkommen, was 
fie bisher überfehen haben. Ye mehr die Jugend bie Vorſtel⸗ 
Yung felber entwiffeln hilft, deſto pollkommener wirb ber Un 
terricht fein. 


Bas die dialngifche Form betrifft: fo ift es eine ſchwie— 
rige Runftaufgabe in der Form des Geſpraͤchs einen beflimm- 
ten Gedankengang barzuftellen, weil bie beiden Redenden im— 
mer wieder auseinander geben; bie Abweichungen beider müffen 
fih fundgeben und ausgleichen; wo eine Differenz eintritt wird 
ber Gang abgebrochen und es muß nachher wieder eingebogen 
werben. Die dDialogifhe Form entfpridht ihrem Zwekke 
aur, wenn ber Lehrer alle Abweihungen der Schü- 
ler wahrnimmt. Es fommt hier darauf an daß der Lehrer 
in der Ebene der Schüler bleibt, über fie aber doch babei do— 
minirt. Es ift daher im einzelnen unmöglich fih für jede Ta» 
tehetifche Unterredung ein beflimmtes Ziel zu fteffen, weil es 
babei auf die Schüler zu fehr anfommt. Der Lehrer muß nur 
gehörig berechnen, wo eine weitere Erörterung nötbig und an 
isrem Plaz ift, und wo nicht. Die Ungleichheit der Schüler 
erſchwert Dies Verfahren außerordentlich; Kinder die weit hin⸗ 
te ben andern zurüfffteben geben verfehrte Antworten, deren 
Berichtigung für fie wol nöthig ift, die andern aber unnüz auf⸗ 
haͤlt; eben fo fönnen fie in der Auffaffung Tangfamer bleiben, 
und berüfffichtiget man fie: fo ift bie Zeit für die andern Ieer 
md bringt fie zu Zerfireuung. Nach diefer Differenz muß ber 
ganze Zufchnitt des Verfahrens abgefehen fein, denn es giebt 
feinen größeren Fehler der Geifllihen als fih an bie einen 
anzuſchließen, Die andern aber zu vernacläffigen. Der Dialog 
muß alfo für die einen etwas anderes fein als für Die andern. 
Hat ber Geiftliche feine Katechetif nach einem gewiffen Durch 
fHnitt berechnet, Daß der Dialog allen baffelbe ift: fo hat das 
einen Uebelſtand; fie wird den Gebildeten trivial und lang⸗ 
weilig. Dies ift bei gemeinfchaftlichem Unterricht das gewöhn- 
lichſte aber auch verwerflichfte; die fihwierigere Aufgabe ift 
offenbar die beſſere. Es ift zugleich die Aufgabe die jeder 
Redner, fa jeber Schriftfteller fih mahen muß. Nach Manf- 
gabe feiner Empfänglichfeit muß die Darftellung jedem eine 
andere fein, Teinem, ber bas Sprachgebiet Tennt, ganz ver= 
ſchloſſen; denen aber, bie finden Fönnen, mehr bietend. In 





jeder Darftellung findet einer Beziehungen, die fi) dem andern 
verbergen; einer faßt den Schriftfteller viel tiefer und voll- 
fländiger auf, der andere wird nur durch einzelnes aufgerept, 
Der Darftellende muß unmittelbar wirffam fein zu biefem Re 
fultat, im Dialog follen es alle fein und die Hauptfunft be- 
fteht darin, jedem feinen rechten Theil zu befcheiden. Eine 
bloße Paffivität darf bei feinem fein, Died wäre eine Ungerech⸗ 
tigfeit und brächte die Vernachläffigten auch zur Zerftreutheit, 
wobei fie bas fogar nicht gewinnen würben, was für fie if. 
Das Ziel allen einen gleihen Nuzen vom Unterricht zu ver: 
ſchaffen, ift unmöglich; die beftändige Aufmerffamfeit auf die 
Schüler muß den Lehrer wiffen Iaffen, wann es nöthig ifl ei- 
nen aus ber Paffivität und ber Zerftreutheit zu reißen und in 
das gemeinfame zu verflecdhten, und welden er jedesmal am 
beften zum Repräfentanten des Ganzen wählt. 

Wenn bie dialogifhe Form bominirt: fo fpielt Die andere 
eine zwiefache Rolle dabei; entweder fie ift ein bloßer Erguß, 
dem ſich ber Geiftlihe überläßt ohne aus dem Dialog heraud- 
geben zu wollen, fonbern mit befländigem Bewußtfein deſſelben; 
oder er tritt aus ihm heraus und will durch einen zufammen- 
hängenden Bortrag einen Fortfehritt machen, Die bialogifhe 
Form iſt nothwendig bialektifh, die Differenz in ben Begriffen 
und in ihrer VBerfnüpfung auseinanberzufezen und auszuglei- 
hen. Zur Entwifflung bes Spracdhgebiets ift fie alfo die befte, 
für das Erregen ift fie unmittelbar nicht, und daraus erflärt 
fih die Abficht der in den Dialog eintretenden bomiletifhen 
Maffe. Sie it alfo nit nur Ergänzung für den Mangel an 
Erregung in ber dialogifchen Form und auf die lezte Art ent- 
wiffelt fie fih unmittelbar aus dem Dialog ſelbſt. Der Geifl- 
liche wird als religiös erregt gedacht und die reine dialogiſche 
Form hemmt eigentlich feine religiöfe Erregung, und nothwen⸗ 
dig muß fie an gewiſſen Punkten ausbredhen und das Gleid- 
gewicht in der Darftellung wieder herſtellen. Hiezu bedarf ed 
feiner Anmeifung, fondern ed muß von ſelbſt hervorgehen in 
bem Maaß als der Geiftliche ſelbſt erregt iſt; erfünftelt dürfen 





— 369 — 


Momente dieſer Art nicht fein, um ihre Wirkung nicht zu ver- 
fehlen. Es laͤßt fih nun bier eine große Verfchiedenheit ber 
vorm benfen; die dialogifche Form, wenn fie ihren Gegenftand 
m feiner innerften Tiefe ergreift, bat durch dieſen fchon den 
erregenden Charakter in fi, und darf hier alfo aud nie feh- 
im, und wenn er nicht paränetifch und äußerlich hervortritt, 
jo geht er doch immer innerlich und im Stillen mit. Wo der 
Geiſtliche das Bewußtfein hat daß die bialogifche Form troffen 
wird: fo ift Dies ein Zeichen daß fie aus ihrem eigenthümlichen 
Gebiete Herausgegangen und technifch geworben ift, was nie 
geſchehen follte; bat der Geiftlihe Dies theilmeife gethan: fo 
wird er nothwendig homiletifhe Maſſen dazwifchen fchieben. 
Die anderen Maſſen die ihm fortfchreiten helfen follen kann er 
niht vermeiden, nur muß er fie an den rechten Punkten ein- 
ſchieben und den rechten Drt treffen, wo ber ftrenge Dialog 
nothwendig ift zu feinem Zwekk und wo er wieder als Allein- 
sevner auftreten Tann. Offenbar bag legte da, wo er am fiher- 
fen it daß ihm die Zuhörer folgen und daß feine Differenz 
entſtehe zwifchen ihm und ben Zuhörern, die fie fich nicht ſelbſt 
gleich befeitigen Fönnten; alfo nur da wo alles aus einem frü- 
heren Dialog gehörig vorbereitet ift und die Hauptpunfte in 
ihren Differenzen bereits ausgeglichen find, 

Wenn wir in dem bibaftifhen Zwekk als bie eigentliche 
Hanptfache anfehen daß die fünftigen Gemeineglieder bahin ge- 
hracht werden follen, daß fie mit Nuzen bem öffentlichen Got— 
teödienft folgen fünnen und daß auch eine Neigung dazu in 
ihnen entftebe: fo ift fteilih die Hauptfache eine gewiſſe Ent- 
wifflung des Borftellungsvermögens und eine Richtung beifel- 
ben auf das religiöfe Gebiet. Hier werben wir einen bebeu- 
tenden Unterfchied zugeben muͤſſen. Wenn wir benfen einen 
Geiſtlichen der zu einer Gemeine fommt, den Religionsunter- 
ht der Jugend anfängt ohne Kenntniß davon, auf welchem 
Punft die Gemeine fteht und noch weniger auf welchem Punft 
das Kamilienleben: da ift ihm alfo gänzlich unbekannt, was 
in den jungen Gemüthern ſchon entwiffelt iſt; es Fann mandes 

Sreltifäe Theologie. I. | 24 





— 370 — 


ſein was er ſich zu Nuzen machen, und manches wogegen er 
zu kämpfen hat und das er erſt umgeſtalten muß. Daraus 
geſtaltet ſich als vorläufige Aufgabe, den Zuſtand der Jugend 
in Beziehung der Aufgabe kennen zu lernen. Wenn nun aber 
auch manches vorangegangen iſt: fo iſt doch die ganze Ent— 
wifflung der religiöſen Vorſtellungen nicht vorhanden. Dieſe 
folf erft mitgetheilt werben. Es hilft nit daß der Geiftliche 
feine Vorftellungen mittheilt, wenn er nicht die Weberzeugung 
befommt, daß in der Jugend nichts hinderfich if. Wenn wir 
fragen: Was ift das natürliche Verfahren ber einen und ber 
anderen Aufgabe? fo ift es ein entgegengefeztes; der Geiſtliche 
fann nicht wiffen wie es in ber Seele der Jugend fleht, fie 
muß es ihm fagen, er muß es abfragen. Das ift alfo weſen⸗ 
Lich ein Dialogifhes Verfahren. Nun fommt es aber bar 
auf an, dag Vorftellungen mitgetheilt werden; biefe möüflen 
doch ausgefprochen und aneinandergefezt werben, und fo, daB 
fie auf lebendige Weife im Zufammenhang erfcheinen mit fol- 
chen, die ſchon mitgetheilt find, und ba erfcheint der Geiſtliche 
barlegend. Das ift das akroamatiſche Verfahren, wobei 
ber Geiftlihe lehrend einwirft und die Jugend zuhört. Died 
find verſchiedene Methoden. Je weiter der Abftand ift zwiſchen 
dem Geiftlihen und ber Jugend, um fo weniger wirb er fiher 
fein, wenn er das afroamatiiche Verfahren durch eine lange 
Reihe fortfezt, ob ed aufgefaßt if, und da wirb es nothwen⸗ 
big fein das afroamatifche wieder durch das Dialogifche zu un 
terbrehen. Es giebt nun in dieſer Beziehung eine Borfel- 
fung bie weit verbreitet ift; man fagt: es fei eigentlich ein 
falfher Ausdrukk dag man Borftellungen in jemand hineinle 
gen könne die er noch nicht bat, außer in fo fern es Saden 
der äußeren Erfahrungen find, wo es nur Ergänzung ber finn- 
lichen Erſcheinung iftz aber fo wie man fie von fichtbaren Ge- 
genftänden abftrahirt könne man ſolche nicht hineinlegen, fon 
bern jeder habe fie, aber man müffe ihn überzeugen baf er fe 
babe. Jeder wirb Dies zugeben von ben xoıwas Evvoras, von 
gemeinfhaftlihen Vorftellungen. Es if bier der Ort biefe 


— 1 — 


Theorie näher zu beleuchten. Man hat im Auge gehabt den 
Gebrauch der dialogiſchen Methode auf dem philoſophiſchen 
Gebiet, wie er ſich bei den Alten findet und durch die So— 
tratiſche Methode bezeichnet wird. Auf ſolche Weiſe von 
innen heraus fei der chriſtliche Glaube zu entwiffeln. Dei ei— 
ner philofophifchen Entwifflung fann man zurüffgehen auf et= 
was, was dem mit bem man es zu thun hat fchon eine Ge- 
wißheit if. in jeber hat gerebet ehe von einer philofophi- 
ſchen Entwikklung die Rede fein kann, und gedacht, und iſt da- 
durch zu gewiflen ihm und anderen gemeinfchaftlichen Borftel- 
lungen gefommen, und bie ganze Sofratifhe Methode beruht 
darauf, daß es ſolche Grunbvorftellungen giebt bie jeder zum 
Bewußtſein bringen kann. Wenn man fi nun den hriftlichen 
Glauben vorftellt als auf diefem fpeculativen Gebiet gelegen, 
ſo daß die chriftlichen Glaubensfäze als allgemeine Wahrheiten 
vorgeftellt werben, bie aus jedem eben fo entwiffelt werben 
Kommen, und wenn man fie auch jedem müßte bemonftriren fün= 
am: fo würde eine Anwendung diefer Methode ftattfinden, 
Benn wir aber davon ausgehen, daß dem chriſtlichen Glauben 
Zhatfahen zum Grunde liegen: fo fieht man wol baß biefe 
Methode fo grabezu nicht anwendbar fein kann. Allerdings 
lann man in einem jeden unter ber bloßen Vorausfezung des 
Gewiffens das Bemwußtfein der Sünde erwekken indem man 
nur auf Thatfachen allgemeiner Form zurüffzumweifen braudt; 
auch läßt fich allerdings in folhem Alter eine gewiſſe Ahndung 
davon entwiffeln, daß ber einzelne für ſich felbft Diefen Streit 
ht werde hinwegräumen fünnen, und alfo auch, daß wie es 
eine Befreiung geben fol, es aud eine Hülfe geben müſſe; 
diefes wird fich auch entwiffeln Taflen, aber ſchon nicht mit ber 
Gewißheit. Aber dag Ehriftus als der Erlöfer aufgefaßt wer- 
den foll läßt fih unmöglih von innen heraus entwiffeln; da= 
her der Anficht, die Sofratifhe Methode an und für fih und 
dad ganze Gebiet umfaffend in Anwendung bringen zu fönnen, 
immer eine Täuſchung zum Grunde liegen muß. 

Es iſt zwiſchen der akroamatiſchen Methode und der Dia« 

24% 





— 372 — 


logiſchen ein Gegenſaz, ber ſich ſchwer aufhebt. Bei ber dia⸗ 
logiſchen hat der antwortende den Faden, nicht der fragende. 
Es iſt kein anderes Mittel als den Antworten nachzugehen; in 
jeder Antwort liegt eine Möglichkeit von Combinationen aus 
benen fie hervorgegangen, und bag giebt immer ben Anlaß zu 
Fragen. Bei der afroamatifchen hingegen muß ber redende 
feinem eigenen Gedanfengange folgen, der Zuhörer muß nad- 
folgen. Denken wir alfo eine folhe Vermiſchung beider Ber: 
fahren: fo ift auch bald der Geiſtliche, bald der antwortende 
Herr der Rede; aber der Geiftlihe foll doch eigentlich domi⸗ 
niren, und er muß alfo auch immer wieder auf den Faden zu 
fommen fuhen. Was bier zu Hülfe zu fommen fcheint if bie 
faft überall beftehende Einrichtung, daß es für den Neligiond- 
unterricht einen Leitfaden giebt, e8 fei dag er vom Kirden- 
vegiment gegeben ift oder der Wahl des Geiftlichen überlaffen. 
Wenn das aber auf der einen Seite allerdings eine Erleid: 
terung zu fein fcheint, fo ift e8 auf der anderen Seite eine neue 
Schwierigkeit; num wirkt ein brittes ein, ber Gedanfengang ben 
das Buch nimmt, ift doch in den wenigften Fällen ber, den 
ber Geiftlihe felbft nehmen würde. Ich meine bamit nicht 
nur, wie die religiöfen Borftellungen geftaltet werden, fondern 
auch die Kombinationen die das ganze beftimmen. Dies if ein 
Gegenftand, den wir nun befonders behandeln müflen, 

Was die Sache ſelbſt betrifft, fo ift zunächſt auf das ge 
ſchichtliche zurükkzuweiſen. In der alten Kirche hat man nichts 
von Katehismen gewußt, auch Iange nicht nachdem bie Kirche 
ſich aus der einheimifch geborenen Jugend ergänzte; man if 
ber Analogie mit der früheren Praxis gefolgt. Da gab es 
eine Bekenntnißformel für die Täuflinge und wir fünnen bad 
Apoftolifhe Symbolum anfehen als eine von mehreren Gemeis 
nen zufammengefezte Formel diefer Art. Indem bie Täuflinge 
hierauf verpflichtet werben follten, mußte man wiſſen, ob fie fie 
veritanden und ba war Die öuodoyıa ber einzige Reitfaben für 
ben Unterricht. Allerdings war in ber erften Zeit nicht vor: 
auszufegen eine Uebung mit ber Schrift zu verfehren und barım 


— 31713 — 


hatte eine fo kurze Formel einen großen Vorzug. Wie fteht 
ed aber mit unferen Katechismen? Es ift eine Eigenthümlich- 
feit in ber chriſtlichen Kirche, denn es ift nicht bloß in ber 
evangelifhen fondern aud in vielen anderen, daß der Rate 
chismus d. h. eben ber Leitfaden für den Unterricht der Ju— 
gend zugleich ein fymbolifhes Bud if. Das find zwei 
Beſtimmungen bie fehr ſchwer mit einander zu vereinigen find. 
Ich glaube man fann ziemlich allgemein ausiprechen, daß eine 
gute ſymboliſche Schrift ein fchlechter Katechismus fein wird 
und ein guter Katechismus eine fchlechte fombolifhe Schrift. 
Die Art wie das entflanden ift Taßt fich Teicht nachweisen. In 
der alten Kirche war das apoftolifhe Symbolum als allge- 
meines Glaubensbefenntnig eine fombolifhe Schrift, aber zu— 
gleich Leitfaden für den Unterricht der Katechumenen, weil fie 
dies Bekenntniß ablegen follten; aber dieſe Katechumenen wa— 
ven feine Kinder; auf biefe ift dies übergegangen, und fo ha— 
ben fi diefe beiden Borflellungen von Katechigmen und ſym— 
bolifher Schrift für eine beftimmte Kirchengemeinſchaft mit ein- 
ander vereinigt, da fie boch eigentlich weit auseinander liegen. 
Bir find jezt gar nicht mehr in dem Fall, daß bei der Auf- 
nahme der Kinder in die Gemeine das Glaubensbekenntniß bie 
eigentliche Dauptfache wäre, benn wenn unfere Jugend confir- 
mirt wird, wird fie Mitglied einer beflimmten Kirchengemein- 
(haft; das Bekenntniß weldes fie ablegt ift aber der gemein- 
fame hriftliche Glaube, alfo ift Dies doch nicht das zulängliche. 
Run ift natürlich, daß der ganze Religionsunterricht Des Geift- 
lihen die eigenthümliche Lehre der Kirchengemeinfchaft, in ber 
er ſelbſt probuctives Mitglied ift, in fich enthalten wird. Wenn 
man diefe natürliche Vorausſezung macht, fheint Fein Grund 
vorhanden um ihm für feinen Neligionsunterricht einen befon- 
deren Leitfaden vorzufchreiben, in dem bie befondere Lehre ber 
abgefonderten Kirchengemeinſchaft enthalten if, Wenn wir und 
nun in die Trennung der Kirche in mehrere Kirchengemein- 
fhaften hineindenfen und darauf fehen, daß die Trennung nur 
in ſolchen Punkten ben Grund habe, die der Schule angehören 





— 31714 — 


und für bie anderen nur ein tobter Buchflabe find: fo if auch 
in biefer Hinficht der Katechismus unndz, und dann ift auf 
die Trennung ſelbſt unnüz. Je mehr dies ber Hall wäre, wie 
es der Fall ift bei den Reformirten und Lutheranern: fo fieht 
man baß fein Grund ift in Beziehung biefer Trennung einen 
folchen Leitfaden des Unterrichts vorzuſchreiben, worin bie freis 
tigen Lehren als Hauptpunfte hervorgehoben find. Man fönnte 
fie nur erwähnen indem man fie ald Gegenfäze bezeichnete, 
. denn fonft kommen fie nur als Controverspunfte ind Bewußt⸗ 
fein. Wenn wir nun fragen: Was für einen Grund hat dies 
Verfahren, weldes in der evangelifhen Kirche überwiegend 
geworden ift, daß wirklich Vorſchriften beftehen, was für ein 
Handbuch die Geiftlihen zum Grunde Iegen follen? fo ift fen 
anderer Grund zu’ benfen als das Antereffe der befonderen 
Kirhengemeinfhaft, daß die Unterfheidungspunfte nicht ver- 
nadläffigt werben. Wenn aber die Trennungspunfte folde 
find, die ſich nicht gemeinfaßlich darftellen Taffen: fo wird ber 
Zwekk nicht erreiht und die ganze Maaßregel erfcheint als 
überflüffig, und alles überflüffige ift zugleich jchädlich. Dem 
Geiftliden wird zugleich ein Zwang angelegt, weil er feinen 
eigenen Gedanfengang zu dem bed Lehrbuchs ausgleichen muß; 
ift nun der Zwekk überflüffig oder überhaupt nur ein ſcheinba— 
rer: fo ift das Ganze uͤberflüſſig. Wenn eine ſolche Praxis 
lange Zeit in Hebung gewefen, fo entſtehen daraus eine Menge 
von Verwirrungen. Wir fehen, daß auch in den Rändern wo 
man anfängt die Trennung zwifchen ben beiden evangelifchen 
Kirchen aufzuheben die Aufgabe entfteht, daß die beftimmten 
Katehismen abgefchafft werden. Soll nun aber etwas an bie 
Stelle des aufgehobenen gefezt werben: fo ift das eine fehr 
fhlimme Aufgabe, denn man läßt fih viel eher gefallen an 
etwas gebunden zu fein, was ein großes Anfehen des Alters 
für fih hat, ald an etwas, was man vor feinen Augen ent 
ſtehen ſieht. 

Aber nun entſteht die Frage: Wenn dem Geiſtlichen ein 
Handbuch vorgeſchrieben iſt, wie ſoll er ſich dazu verhalten? 


— Mm — 


Hier müſſen wir nicht bloß auf das Verhalten der Combina⸗ 
tion ſehen, ſondern auch auf das der einzelnen Elemente. So 
wie ich eben ſagte, es wird nicht leicht einer ein Buch finden 
worin fein Gedankengang befolgt iſt: fo wird auch wol nie= 
mand ein Buch leicht finden, worin bie religiöfen Borftellungen 
fo ausgebrüfft find wie er fie hat. Soll er fih nun einer Au= 
terität unterwerfen weil ihm das Buch als Leitfaden gegeben 
it, ober foll er beides im Ganzen frei behandeln fowol ben 
Inhalt als die Form? Im lezteren Fall geht die Adficht warum 
eine folhe Einrichtung gemacht ift größtentbeils verloren; in 
dem andern Fall aber feine Selbftändigfeit. Denfen wir ung 
bie Borfehrift daß der Geiftliche fih fo fol an das Handbuch 
halten, daß er genau den Gebanfengang und bie Vorftellungen 
wiebergiebt: fo wird fein ganzes Verfahren ein mechaniſches; 
das iſt nun durchaus gegen den Charakter ber evangelifchen 
Kirche. Es gilt aber bie Vorausfezung daß ed nicht die Abs 
fiht des Kirchenregimentes fein Tann den Geiftlihen auf biefe 
Beife zu binden. Wenn wir ung alfo denken ben Geiftlichen 
fh diefer Freiheit bedienen, dabei aber bie Klaffe von Chri- 
ften, die weil fie felbft nicht in der Gewöhnung ber gefchriebe= 
nen Rebe ift, vor dem gefchriebenen und gebrufften Wort eis 
nen befonderen Refpert hat: fo ift zu fürchten, daß es einen 
Zwieſpalt gründe in den Gemüthern, und da entſteht alfo wies 
der ein fchlimmer Conflict. Sol fih der Geiftliche ganz affi= 
miliren der Stufe worauf die Gemeine fteht: fo ift Died grabe 
gegen feinen Beruf ftreitend indem er fie auf eine höhere Stufe 
führen fol. 

Ein folder Leitfaden gehört immer einer beflimmten Zeit 
und einer beftimmten Gegend an; je mehr dies ber Fall ift, 
befto beffer und nüzlicher ift er, er enthält dann ſchon alle we⸗ 
fentlihe Punkte aus der religiöfen Sprache welche ſich die Ju— 
gend aneignen fol. Se beffer er ift, befto mehr iſt er auf 
Zeit und Raum befchränftz fe weniger er dies thut, deſto mehr 
entfernt er ſich von feinem Charafter, denn er wird fonft et 
was, bas der Jugend erft erklärt werden muß, nämlich nicht 


— 3176 — 


die Vorſtellungen, denn das verſteht ſich von ſelbſt, ſondern die 
Sprache. Je mehr dies bei ihm noͤthig iſt, deſto mehr er- 
fhwert er das Geſchäft. Das Lehrbuch ift entweder ganz und 
gar in der biblifchen Sprache, wo eine große Menge von Aus- 
brüffen vorfommen die dem gemeinen Leben fremd find ober 
in anderer Bedeutung vorkommen oder ganz in der Büder- 
ſprache abgefaßt, und die Jugend ift in demfelben Fall. So 
fiept man wie bie Aufgabe kann erfchwert werben indem ein 
großer Theil der kurzen Zeit verwendet werden muß, um es 
der Jugend zugänglich zu machen. Je allgemeiner ber 
Katechis mus if, befto ſchädlicher ift er; je fpecieller, 
deſto nüzliher, und der fpeciellfte ift der, welden 
fih der Geiſtliche felbft macht, und der allerfpes: 
ciellfte der den er fih jedesmal ſelbſt macht. 

Bei einem vorgefihriebenen Lehrbuh hat es den Schein, 
als ob diefe Vorſchrift vorausfezte ein Mißtrauen gegen bie 
Fähigfeit des Geiftlichen oder gegen bie rechte Gefinnung d. h. 
in Abficht auf fein Verhältnig zu feiner Kirche. Hat der Geiſt⸗ 
lihe die gehörige Bildung in ber Religion: fo fcheint eine 
ſolche Anleitung ganz unnöthig, da er Gehalt und Lehrfähigfeit 
haben foll ohne fremde Hülfe, Geben wir zurüff auf ihre Ent 
ftehung: fo waren fie urfprünglih, wie Luther felbft fagt, für 
bie einfältigen Pfarrer beſtimmt. Da wurden biefe Erläu- 
terungen aufgefezt, um ihnen zu zeigen worauf fie die Jugend 
vorzüglich Hinzuleiten hätten, Nun foll es Feine einfältigen 
Pfarrer geben, fie follen verfchwinden und damit auch die Noth⸗ 
wendigfeit der Katechismen. 

In der rveformatorifchen Zeit finden wir zwei verfchiedene 
Richtungen, einmal nur ein allgemein feſtes Fundament feflzu- 
halten, anbererfeitd eine gewiffe Neigung das eigenthümlid 
fombolifhe in den Volksunterricht einzupflanzen mit viel zu 
ftarfer Dogmatifher Richtung, Das erfte iſt im Katechismus 
von Luther, dag zweite im Genfer und Heidelberger; leztere 
haben auch mehr Richtung auf bie Erbauung. Dabei Tiegen 
verſchiedene Vorftellungen vom Gefammtzuftande zum Grunde. 


— 377 — 


Bern Luther auf raſche Entwifflung bes religiöfen Gefühle im 
Bolfe gerechnet hätte: fo hätte er feinen Katechismus anders 
eingerichtet; die beiden anderen aber berüfffichtigen den Zuftand 
des Volkes zu wenig und dagegen zu viel bie Gegenfäze ber 
Sirhenparteien. Nach den veränderten Verhaältniſſen ift feing 
von beiden das zwekkmäßige. Betrachten wir die neueren ka— 
techetiſhhen Anmweifungen in verfchiebenen Landestheilen: fo ift 
nidt zu Täugnen, daß immer ein Beſtreben der Willfür und 
Einfeitigfeit ein Ziel zu fezen vorgewaltet hat. Dies ift aber 
wieder Einfeitigfeit und Willfür und fo ift nichts gewonnen, 
denn die Geiftlihen nad ihrer theologifhen Privatüberzeugung 
feigern fie zur allgemeinen Geltung, während fie natürlih auch 
auf einer beftimmten Seite ſtehen. Solche Anweiſungen aber 
fnnen und follen den Geiftlihen nicht hemmen, er wird fie 
immer zu Mitteln brauchen fünnen um auf feine Weife zu 
handeln. Bei einer großen Differenz in der Kirche ift es nicht 
möglich, daß ber Geiftliche fich nicht follte feiner völligen Frei— 
heit bedienen gegen die Katechismen. Denken wir und ein 
rationaliftifcher Geiftlicher fei an einen fupernaturaliftifchen Ka— 
techismus gewiefen und umgefehrt: fo muß er ihn nothwendig 
in bag feinige binüberfpielen und Far feinen Gegenfaz aus— 
iprehen. In beiden Fällen fann der Zwekk nur auf Ummegen 
erreicht werben. In einem ſolchen Zuftande der Kirche ift es 
nicht rathſam einen Katechismus einzuführen, der eine von bei- 
den Farben hat; alſo einen der in der Mitte burchgeht? Dies 
ift leicht zu fagen aber wol unmöglih auszuführen, und je 
größer die Differenzen find deſto größer ift Das Mißtrauen ge= 
gen fede Mitte; man verlangt durchaus daß alles öffentliche 
eine beflimmte Partei annehme, font ift er ein Gegenfland bes 
Mißtrauens beider Parteien. Neulich hat man ein Hülfsmittel 
aufgefunden das ſich fehr empfliehlt, daß nämlich ein Kate- 
chismus nur in biblifchen Säzen verfirt: fo fcheint bag Miß- 
ttauen gehoben und der Katechismus jedem bequem. Das 
fheint fo, aber bei näherer Betrachtung -Taffen fi unter dieſer 
Form entfchieben entgegengefezte Katechismen benfen, Wollte 


— 378 — 


einer nur Sprüde Chriſti hineinnehmen, nimmt aber nur po- 
puläre Sprüche aus den drei erften Evangelien, nichts aber 
von ber yerfönlihen Würde Ehrifti aus dem Johannes und 
nichts von Paulus: fo würde jeder fupernaturaliftifhe Theolog 
und Geiftliche fagen: biefer Katechismus ift rationaliftifch, und 
umgekehrt. Alfo damit ift nichts geholfen. Ich weiß nicht ob 
ih die Folgerung ziehen fol, bag die Katechismen überhaupt 
nichts taugen, da noch Fein zweffmäßiger erfchienen ift, ober 
ob es mit unferer Fatechetifchen Kunft noch ſchlecht ſteht. Den 
Iutherifchen Heinen Katechismus will ich ausnehmen, weil er 
bloß den Tert enthält. Die Kleinen Erflärungen aber fiehen 
in feinem Berhältnig zum ganzen fonbern find gewiffermaßen 
fleine Dufterfatechifationen. Luther freilich konnte nichts beſſe⸗ 
ves thun als den Pfarrern ein ſolches Muſter voll Förniger 
Popularität in der Behandlung der einzelnen Gegenflände ge- 
ben. Durch dieſe Erflärungen ift der Decalog ſelbſt fehr chri⸗ 
ftianifirt, d. 5. von den äußeren Handlungen auf bie innere 
Geſinnung zurüffgeführt, Doc hätte Luther noch etwas beſſeres 
getban, wenn er ben Decalog verlaffen und das was Chriftus 
felbft zur Summa bes Geſprächs macht, auf biefe Weife be 
banbelt hätte, An den neueren Katechismen tft zu tabeln daß 
fie viel zu fehr der dogmatifchen Form folgen und nichts find 
als eine herabgeſtimmte Dogmatif ſelbſt. 

Denfen wir und einen öffentlih eingeführten Katechismus 
und wir fragen nad) dem Ziel des Fatechetifchen Unterrichts 
unter diefer Form, fo fagt man: wenn bie Jugend biefen Ka- 
techismus inne hat und billigt, fo muß man mit ihr zufrieden 
fein. Nehmen wir bies buchftäblih fo daß der Katechismus 
auswendig gelernt worden ift mit Berichtigungen und Erklä⸗ 
rungen: fo wäre bie Selbftändigfeit bes Geiftlihen ein Mini- 
mum. Was hat er nun für eine Bürgfchaft daß dies ange- 
eignet und eingelebt ift? nur eine negative, er hat Feine Ein 
wendungen und fein Nichtverflehen bemerkt; Dies aber tft unzu⸗ 
länglih. If das Ausmwendiglernen Hauptgefhäft: fo kam 
nicht mehr als biefes erreicht werben. Wenn zwei baffelbe 


— 379 — 


auswendig Ternen: fo reprobuciren fie es doch gewiß verichie- 
den nach ihrem Berftändnig und ihrer Eigenthümlichkeit. Alle 
föunen mißverftiehen und es doch nicht wiſſen. Die einzige 
Correction dafür Liegt in ber möglichen Selbftthätigfeit ber 
Kinder; werben fie dazu nicht genöthigt, fo hat ber Geiftliche 
feine Bürgfchaft. Dies gilt nicht nur vom Auswendiglernen, 
ſondern auch von allen Erläuterungen und allen ascetifch fort« 
gehenden Reden bes Geiftlihen. Alles wahre hierin kann nur 
im der Gefprächsform liegen. Der Geiftllihe mag einen Leit- 
faden haben oder nicht, das Element bes Fatechetifchen Verfah⸗ 
tend bleibt das Geſpräch. Im erften Fall giebt ihm der Ka— 
tehismus die Beranlaffung, im anderen hat er feine foldhe ge— 
gebene Beranlaffung. Ein folder Leitfaden kann aber auch fo 
angefeben werden, daß nicht hinter ihm zurüffgeblieben und 
von dem nicht abgewichen werben ſoll; übrigens fei Das Ge— 
Häft frei dem Geiftlihen überlaffen. Dies giebt quantitativ 
ein anderes Reſultat; was über den Leitfaden binausginge, 
wäre Sache des freien Geſpraͤchs. Doch das Verfahren wäre 
immer baffelbe wie oben. 

Der ganze Werth eines ſolchen Hülfsmittels ift nicht im- 
mer in feiner erfien Entftebung und wird oft auf einen ande 
ten Zwekk hingeleitet. Iſt es gut, daß ber Öeiftlihe der 
Jugend die Ordnung in die Hand giebt, nad ber er 
fatehifiren will? Hierin bat ſich unfere Frage verwan- 
beit. Der Katehismus foll eigentlich den Zwifchenraum aus- 
füllen zu den verfchiedenen einzelnen Unterredungsftunden; in 
Gegenwart des Geiftlichen bedarf die Jugend beffen nicht, ſon⸗ 
dern nur zur Vorbereitung und Wiederholung. Je mehr 
man dies dem Leitfaden zutrauen kann defto zweffmäßiger ift 
etz die ganze Ueberſicht kann er der Jugend gegenwärtig hal- 
im und das einzelne in Erinnerung bringen. Ein Leitfaden 
zu biefem Behuf muß einmal fo furz wie möglich fein, um 
den Zufammenhang zu vergegenwärtigen; fo ausführlich wie 
möglih aber, um das einzelne in Erinnerung zu bringen. Beide 
dorderungen widerſprechen fih. Soll er das lezte thun: fo 





— 380 — 


muß ihm das gefagte durchaus entſprechen, der Geiſtliche müßte 
fih genau an ihn binden; deshalb müßte er eng zufammen- 
hängen mit dem Geiftlihen ober von ihm felbft fein. Der an- 
dere Zwekk den Zufammenhang ind Gedächtniß zu bringen wird 
eigentlih nur von einem Regifter oder einer Tabelle erreidt. 
Doch welcher Jugend fann denn dies nüzen? Immer muß 
ber Bortrag bes Geiftlihen den Zufammenhang vergegenmärti- 
gen. Bei der Tabelle fommt alles auf das Eintheilungsprincip 
an; bies ift aber fubjectiv, und erſt wenn man dies begriffen 
hat fann die Tabelle objective Gültigkeit haben. So fommen 
wir alfo zum Reſultat, daß es eigentlich wünfchenswerth wäre 
beim Fatechetifchen Unterricht fich Feines Leitfadens zu bedienen. 

Nun aber Hält man es für nöthig und nüzlich beim Un- 
terricht der Jugend einzelnes ind Gedächtniß zu bringen und 
auswendig lernen zu laſſen. Da ift freilich gefchriebenes 
nothwendig. Es fragt fih, IN dies gut und nüzlih? Was 
die biblifchen Sprüche betrifft: fo find fie unabhängig von dem 
Leitfaden; die Bibel it in den Händen bes Volks und ein 
neues Teftament muß jeder in den Unterricht bringen Fönnen; 
bag Auswendiglernen der Sprüde ift alfo unabhängig vom 
leitfaden. Das Auswenbiglernen religiöfer Säze im 
Katehismus ift aber unmöglih zwekkmäßig. Das 
Memoriren haftet immer mehr am Buchſtaben felten am Ge: 
banfen; man gewinnt alfo nur bei ihnen den Buchflaben zu 
firiren und nährt den Wahn, als ob darin etwas religidfes in- 
wohne; und doch ift es eine allgemeine Erfahrung, daß viele 
ihren Katechismus aus den Jugendjahren wiffen und in ihrem 
Leben doch durchaus feine Wirkfamfeit verläugnen. Man fagt, 
man müffe der Tugend etwas mitgeben für ihr Leben an bas 
fie fih erinnern fönne und fih vor dem Boͤſen bewahren. 
Doh um dies zu thun muß fehon ein religiöfer Sinn ba fein; 
ohne religidfen Gedanfenzufammenhang hilft der Gedächtnißſchaz 
nicht. Beſſer ift es alfo mit ber Vorausſezung anzufangen und 
bie Zeit benuzen einen religiöfen Gebanfenerzeugungsproceß in 
ihnen anzuleiten; gefchieht dies: fo fann es für Das Leben weis 


— 331 — 


ter wirken ohne Buchflaben. Es iſt nur ein eingebildeter Schaz 
den man der Jugend gewöhnlich mitgiebt, deſſen Verwaltung 
und Anwendung man nicht gefichert hat, Das Auswendigler- 
nen macht Daher ben Leitfaden nicht nöthig, und Der Geiſtliche 
hat alfo bier alles aus dem Leben zu greifen und 
braucht ſich nicht binden zu Yaffen durch ein gegebenes. 

Was alfo den dem vorgefchriebenen Leitfaden und Rate- 
chismus zum Grunde liegenden Zwekk betrifft, fo ifl gewiß daß 
er nur unvollftändig erreicht werben fann. Er kann ein bop- 
yelter fein, einmal daß vermittelft des Lehrbuchs die Lehre fel- 
ber in einem beflimmten Typus vorgetragen werde, und fo- 
dann, daß man ficher ift Daß vermöge bes Lehrbuchs auch bas 
Ganze im chriftlichen Unterricht vorfommt. Beides fann nur 
auf unvollfommene Weife erreicht werden. Wenn ber Lehr- 
typus des Katechismus dem Lehrer nicht zufagt, wer kann es 
ihm wehren oder ihn controlliren, wenn er bie Anmweifungen 
des Katechismus berichtigt? Mit dem zweiten ift ed eben ſo; 
wie fann man es einem wehren baß er einen Theil ausführ- 
id, den anderen nicht eben fo abhandelt? Dafür liegt auch 
fein Maaß im Katechismus ſelber. So wie man dem Geift- 
lichen das Gefchift und den Ernſt zutrauen Tann, fih ohne 
Leitfaden zu behelfen, den chriſtlichen Typus der Lehre auf ei— 
gene Weife wiederzugeben, follte man fi mit Katechismen nicht 
plagen, Die fihwierige Aufgabe in ber Gefprächsführung wird 
eher zu löſen fein bei einem Gedanfengang, den man ſich felbft 
entworfen, als bei einem, der einem aufgebrungen ift, und die 
Kunft der Ratechefe wird in diefem Ball nicht fo leicht erreicht 
werben fünnen. 

Man hat häufig beim Religiongunterriht in den Lebungen 
ſchriftlicher Dittheilung des bargeftellten eine Unterftügung 
des Unterrichts ſelber gefucht. Das paßt für den Religiong- 
unterricht weniger als für jeden anderen Gegenſtand. Sieht 
man auf die ungeübteren, fo ift ein großer Unterfchieb zwifchen 
der Fähigkeit dem Gefpräch zu folgen und das Gefpräd füh- 
ven zu helfen und zwifchen ber einer eigenen Eonception. Nun 


— 192 — 


fagt man, es ift hier nur von einer Wiederholung des gefag- 
ten bie Rede, und weil der reine Gang der Entwilflung im 
Geſpräch oft unterbrochen ift, ift eg gut, wenn man ein Mittel 
hat zu willen, ob doch der ganze Zufammenhang gefaßt wor⸗ 
den if. Was bie ungeübten betrifft, fo fommt es nicht darauf 
an daß fie die Gegenftände im Zufammenhang ſich imprimiren, 
in dem fie vorgefommen find, fondern fie an fich feftzuhalten; 
und das zu willen braucht es Feiner fhriftlichen Wiederholung. 
Bei der Geſprächsführung if ed natürlih, daß man oft auf 
das gefagte zurükk fommt, und kann dba befier erfahren, ob et⸗ 
was gefaßt worden wenn einer die Anwendung zu machen ver- 
ftebt. Bei denen die weiter fortgefchritten find wird leicht ber 
fohriftliche Auffaz eine Zruidecdıs, und nichts ift weniger pa: 
fend für den Religionsunterriht als dies. Bei der Gefpräde: 
führung wird ber Unterſchied ber Talente gar nicht fo heraus⸗ 
treten können, denn die Weberlegenheit bes Lehrers über bie 
weiterfortgefchrittenen ift weit größer als bie ber lezteren über 
die ungeübten, und muß dadurch jede Differenz zwiſchen ihnen 
verfhwinden. Bei dem Auffaz tritt der Lehrer nicht mit aufı 
und ba entfteht eine Concurrenz die immer zu vermeiben if. 
Wir finden den Fall häufig, daß der zugleich vom Geifl- 
lichen zu Unterrichtenden eine zu große Anzahl ift, um nüzlich 
unterrichtet werben zu fönnen; die Kinder müffen getheilt wer 
ben; wie ift es am zweftmäßigfien fie zu theilen? 
Hier giebt es breierlei Marimen, die Trennung nah Ges 
fhledtern, nah Ständen, und nah Alter und Fortſchrit⸗ 
ten. Was das erfte betrifft, iſt die Trennung dieſer Art 
überall in ben Volksſchulen eingeführt, und fiheint es ale ob 
eine Bereinigung der Geſchlechter im Religiondunterricht unge: 
wöhnlich fein und nachtheilig wirken fönnte. Einerſeits giebt 
es einen Reiz der vom wefentlichen abführt, und andererſeits 
fann es etwas flörendes haben als fremdes, Das Tiegt aber 
nicht in der Natur ber Sache, fondern nur in ben äußeren 
Verhältniſſen. Wenn man das eine und bas andere abwehren 
fann, liegt in der Sache felbft nur vortheilhaftes, weil da bie 


— 383 — 


Kinder fich gleich unterfcheiden in ber Art und Weife den Ge— 
genfland anzufehen, das eine durch das andere ergänzt wird, 
Aber in den meiften Fällen werden die Außerlichen Gründe 
bob das Uebergewicht befommen und wirb man jenen Vor— 
teil aufheben müffen. Geben wir auf den Zweff des Unter- 
richts, daß er eine Borbereitung fein fol für den Cultus, fo 
weifet Das weit mehr auf eine Vereinigung beider Gefchlechter 
hin, und da ber Religionsunterricht das vermittelnde iſt zwi- 
hen dem Eultus und der Familie, wird auch dies immer bas 
natürliche bleiben. Was das zweite betrifft: fo kommt biefer 
Unterfhied nur in gewiffen Situationen vor und wird fi be— 
beutender zeigen in größeren Städten. Es erhellt fchon aus 
dem gefagten, daß eine folhe Trennung nit wirb rathſam 
fein. Durch den Religionsunterricht muß die Jugend gewöhnt 
werben an die Gleichheit die im Cultus herrſcht. Es hat ſchon 
etwas wibriges wenn in ber Kirche bie Stände durch die Lo— 
falität unterfchieden find; in ber chriſtlichen Kirche muß biefer 
Unterfchied verfchwinden und daran muß die Jugend im Re— 
Iigionsunterricht gewöhnt werden. Die Analogie ift durch bie 
Säulen gegeben, wo in höheren Anftalten Kinder aus allen 
Ständen find, und barf daher biefer Unterfchied im Religiong- 
unterricht nicht hervorgehoben werben. Wenn auch die Anzahl 
ſo groß iſt, daß der Geiſtliche die Kinder in viele Abtheilun- 
gen fpalten follte, fo müßte er doch nicht auf dieſen Unterfchieb 
iehen, denn dies Zufammenfein foll ein Bild der chriftlichen 
Gemeine fein. Wenn im Unterfhieb ber Stände auch ein 
Unterſchied der Fortfchritte Täge, fo wäre etwas darin; das iſt 
aber ganz falfch und in Beziehung auf den Religionsunterricht 
gar nicht wahr. Es läßt fich freilich mit Rindern aus höheren 
Ständen beffer reden, aber warum foll der Geiftliche fich bier 
auf etwas einlaffen was er in feinen anderen Gefhäften nicht 
durhführen Fann? Auf der Kanzel muß er doch allen Stän- 
ben gerecht fein und fo fteht er dann in Wiberfpruch mit fi 
ſelbet. Man muß fich auflegen in ber Katechifation der Ver⸗ 
KHiedenheit gerecht zu werden wie auf ber Kanzel, Nun if 


— 34 — 


wahr, dag ber Religionsunterricht fih unmittelbar auf das in- 
nerlihfte wendet, worin dieſe Unterſchiede verfchwinden; und 
nimmt man an, daß die Kinder bei einer großen VBerfchieben- 
heit der Bildung weniger einander verſtändlich machen könnten, 
fo muß der Geiftlihe ihnen verftändlich machen, was fie nit 
fönnen, und fie lehren ihr Bewußtfein beffer zuſammenzuhalten. 
Dann werben fie an das Verſtehen gemöhnt werben auch def- 
fen, was ihnen erft gefagt werden muß. Es wirb alfo als in 
der Natur der Sache liegend nichts übrig bleiben alg bie Ein 
theilung nach den Fortſchritten, die meift vom Alter ausgeht. 
Diefe follte auch die dominirende fein; aber es Tiegt vieles in 
ben gegenwärtigen Verhältniffen, was es rathfamer macht bie 
Theilung ber -Gefchlechter vorzuziehen. Wenn bie Nothwen- 
digfeit da ift, muß man fih über das Zufammenfein der fort: 
gefchrittenen und ungeübten zu tröften wiffen und es unfhäb- 
lich machen. Das wird nicht beffer ale durch die biefem Un: 
terricht natürliche Form gefchehen Fönnen, benn der Lehrer tritt 
da auf ale Vermittler, und läßt das was für bie zurüffgeblie- 
benen geſchieht ben fortgefchrittenen zur Wiederholung und Be: 
Vebung dienen, Hiebei kommt alles auf bie bialogifche Ge: 
fchifftichfeit an, das ift die wahre Virtuofität. Die Klarheit 
ber religiöfen Vorftelungen müffen wir beim Geiftlichen vor: 
ausfezen, aber die Kunft unmittelbar einzugehen in bie Aeuße— 
rungen der Kinder die allemal unvollfommenes, unverftändiges, 
verworrenes mit enthalten werben, und aus biefen dag richtige 
zu vermitteln auf eine Weife, die ihre Garantie im Bewußtfein 
der Rinder felber hat, das ift Die wefentliche Kunft hierin. Sie 
ift etwas worüber wenig in ber Theorie zu fagen tft und was 
ein jeder nur durch fich felber erlernen fann, nicht yon einem 
anderen, Es findet hierin weniger Nachbildung ftatt als auf 
anderen Gebieten, weil alles von ber eigenen Individualität 
ausgehen muß und der gemäß fein. Es giebt hierin, wie es 
nig Theorie fo auch wenige Mufter, und Das einzig zu em- 
pfehlende ift, Daß man das Gefchäft immer als Uebung bes 
handelt, fih Rechenſchaft giebt wo man gefehlt hat und wie 


— 383 — 


man ed hätte machen müffen. Dieſe Kritik über ſich ſelber if 
das einzige was einen weiter bringen Tann. 

Wenn ich mir benfe, daß eine Anzahl von Rindern den 
Religionsunterriht beginnt und daß die Ungleichheit ſelbſt 
bad Marimum hat: fo muß das Nefultat doch bleiben, daß 
die Ungleichheit verringert wird; es ift ja ein Zuſammenleben, 
und das größere und beffere muß doch auf das geringere eine 
größere Gleichheit wirken. Treten aber Kinder in ben Reli- 
giondunterricht, bei denen das Marimum von Gleichheit 
if: fo wird das Refultat am Ende fein daß eine Ungleichheit 
entſteht. Diefe Ungleichheit beruht auf etwas urfpränglichem 
im einzelnen felbft und auf den Berhältniffen, in welchen der 
einzelne zum Centrum ſteht; denn das ift nicht zu vermeiden, 
daß der Geiſtliche auf den einen mehr wirft als auf den an⸗ 
dern; ganz unabfichtlich wird der eine ſich mehr aneignen als 
der andere. 

Unfer Gottesdienft ift ganz und gar für die ermachfenen 
Gemeineglieber eingerichtet. Demohnerachtet finden wir, daß 
bie Jugend vor ber Zeit, ehe und während fie zum Religiong- 
unterricht kommt, anfängt ben Gottesdienft zu befuhen. Der 
Geiſtliche als Liturg bat fih daran nicht zu kehren und auf 
die Rinder in der Kirche nicht NRüffficht zu nehmen. Wie 
verhält fich dDiefe vorgänglidhe Theilnahbme am Got- 
tesbienft zum Religionsunterricht? Auf ber einen Seite 
ht auf vortheilbafte Weife. Dies Alter ift felten gewöhnt 
und auch nicht im Stande einem zufammenhängenden Vortrag 
in folgen, und iſt es nicht ambers, als daß bie Kinder in ber 
Siche zerſtreut find; daraus entfieht eine Gewöhnung die in 
den Religionsunterricht fehr nachtheilig einwirkt. Bringen bie 
Ratehumenen dies mit, fo muß ber Geiftliche darauf eingerich- 
tet fein daß fie in jedem Augenbliff zerftreut fein können. Es 
kommt oft noch dies hinzu: auf eine folhe Weife in einem 
zerſtreuten Zuſtand und mit einer wegen Mangel ber Borbe- 
zeitung wahrhaften Unfähigkeit in ben Vortrag einzugeben, hö-- 
ten doch die Kinder bie religiöfe Sprache und bilden fih Vor⸗ 

Naltiſe Theslogie. L. 25 





— 9386 — 


ſtellungen ihnen in den Momenten wo ſie nicht zerſtreut ſind, 
und da wird denn viel falſches beigemiſcht ſein; und das iſt 
die Art wie der Geiſtliche die Kinder empfängt, einmal mit 
einer pofitiven Verwirrung ber religiöfen Vorſtellungen und 
dann mit einer Gewöhnung die Rede in einem zerfireuten Zu- 
fand anzuhören, Das erfehwert wieder das Gefchäft, muß aber 
nothwendig berüfffichtigt werben; denn wenn aud bie Kinder 
nicht in die Kirche gehen, fo erhalten fie doch religtöfe Vor- 
ftellungen aus bem Leben und oft von folhen bei denen dieſe 
ſelbſt nicht Har find, und dies Uebel Tann durch einen voreili⸗ 
gen Beſuch der Kirche nur vermehrt werben. 

Iſt der Religionsunterriht niht ein orbentlidee 
Zufammenleben mit der Jugend: fo wird er wenig 
erfprießliches geben; es laſſen fih aber für das Zufam- 
menleben unter der Form des Geſprächs feine beftiimmten Re- 
geln geben. Da die Zeit befehränft ift und die Geſprächsform 
auch Antworten der Kinder voraugfezt, und fo eine beftimmie 
Zeit nicht angegeben werben kann, wie bald ein Gegenfland 
aufs reine gebracht werben foll: fo find doch ungeregelie Ge- 
fpräche zur Sache gehörig, und fommt man dadurch auch nicht 
bis zu dem Punkte ben man erreichen wollte: fo Tommt man 
Doch zu einem andern der an ihn grenzt, wenn man nur im- 
mer bei ber Sache bleibt, Aber freilich je kürzer ber gefteffte 
Zeitraum ift, um fo mehr bedarf er etwas um bie allzugroße 
Deweglichfeit des Geſprächs zufammenzuhalten. Wenn ber 
Zweit foll erreicht fein: fo fol die Jugend einen Complerus 
ber religiöfen Vorftellungen babe. Diefen befommen fie bei 
ber eingefchlagenen Methode nur auf eine zerftreute Weiſe, fo 
dag fie auf dieſe Weife nicht zum Bewußtfein fommen daß fie 
einen Complerus haben, Diefes Bewußtfein ift ihnen aber 
nothwendig. Wie befommen alfo diefe Borftellungen ihre Bes 
friedigung? dadurch, daß fie im Complexus mitgetheilt werben. 
Wenn fie die chriftliche Kirchengemeinfhaft für eine ſolche an 
erkennen, fol ihnen ba erft gegen bas Ende biefe Befriedigung 
mitgetheilt werben, fo baß fie vorher an feinem Punfte wiffen 


— 317 — 


wie fie zu dieſem Complexus ſtehen? Bis an das Ende ver- 
fpart wird Dies überrafhen. Muß dieſer Complexus doch ein⸗ 
mal mitgetheilt werden, warum nicht früher? Wäre der ganze 
Religionsunterricht nur ein labyrinthifcher Spaziergang durch 
religiöfe Borftellungen: fo ift feine Klarheit darin; ein Rüff- 
blikk auf das Vergangene und ein Hinbliff auf das Kommende 
iſt durchaus nothwendig, um fich im Ganzen zu orientiren; dies 
fei der Zielpunft nach welchem man fi einrichten muß. Um 
das freie Geſpräch zu zügeln, ift ed alfo durchaus nothwendig 
ſich beſtimmte Abfchnitte zu machen. 

Was ift alfo nun die eigentlihe Materie des Re— 
ligionsunterrihts? Dabei gehen wir auf den Zwekk def- 
felben zurüff. Nach Beendigung des Religionsunterrichts wird 
die hriftliche Jugend als felbfländiges Gemeineglieb angefehen, 
als tüchtig Dazu Theil zu nehmen am evangelifhen Cultus, in 
welhen das Leben ber Gemeine fih am meiften offenbart. 
Das it zwar das wichtigfte in der Erfcheinung, aber nicht das 
einige, fondbern wir fezen voraus, daß eine religiöfe Lebens- 
entwifflung im einzelnen für ſich fortgebe, die feiner Xheil- 
nahme am Cultus zur Unterhaltung dient, Dabei nehmen wir 
ald Förberungsmittel des religiöfen Lebens das unmittelbare 
Verhältniß an, in dem jeder Chriſt zu dem göttlihen Wort 
Reben fol. Nun ift jeder einzelne der Glied einer Gemeine 
iR, zugleich auch aufgenommen in ein Familien- und ein bür- 
gerlihes Leben, und in biefem foll er die Gemeine ber er 
angehört, ihre Gefinnungen und Lebensanfichten repräfentiren. 
Auch dazu fol die chriftliche Jugend tüchtig gemacht werben, 
daß fie als felbfländiges Mitglied der Gemeine, biefe in ben 
häuslichen und bürgerlichen Berhältniffen rvepräfentiren kann. 
Bas wird gefcheben müffen um biefen Zwekk zu erreichen? 
Wenn wir den ganzen Complerus den wir und bargeftellt ver- 
folgen, erfcheint die Schrift als der eigentliche Centralpunkt. 
Einmal ift es das charakteriſtiſche unferer Kirche daß fie jeden 
Chriſten in ein unmittelbares Verhaͤltniß mit der Schrift ſtellt. 


Die Gemeine hat fein Recht einen einzelnen aufzunehmen als 
25* 





— 8 — 


Mitglied, ber in dieſem Verhaͤltniß nicht ſtehen kann. Die 
chriſtliche Jugend muß daher in den Stand geſezt werden die 
Schrift ſelbſt zu gebrauchen. Daß es hier eine Grenze geben 
wird iſt offenbar, weil nicht die ganze chriſtliche Jugend ſoll 
theologiſch gebildet werden. So wie dies ein Maximum waͤre, 
werden wir auch gewiß ein Minimum finden das fuͤr dieſen 
Zwekk nicht zureicht, und werben wir ſuchen muͤſſen feſte Gren⸗ 
zen zu ſtekken, was freilich eine ſchwierige Aufgabe iſt. An 
dieſen Punkt knüpft ſich von ſelbſt das übrige an. In unſerem 
evangeliſchen Cultus wo alles weſentliche durch die Rebe ge- 
fchieht, ift der ganze Complex religiöfer Borftellungen 
der in der Sprache niedergelegt ift, das allgemeine Medium, 
Ohne diefen inne zu haben kann niemand auf eine reale Weile 
an unferem Eultus Theil nehmen. Diefer Complerus von 
Borftellungen umfaßt ſowol das theoretifche als das praktiſche 
der chriftlichen Lehre, die Glaubens- und Sittenlehre. Ohne 
dies giebt ed Feine Tebendige Theilnahme am Cultus. In dies 
fem aber findet der einzelne auch niedergelegt die Gefinnungen 
der chriftlichen Gemeine und die Lebensanfichten berfelben, die 
er in feinem eigenen Leben repräfentiren ſoll; und das was 
ihn in ben Stand fest Theil zu nehmen am Cultus, ift auch 
Das, was die Gemeine thun muß, ihn in den Stand zu ſezen 
fie zu repräſentiren. Dazu den Willen mitzutheilen gehört in 
bie Entwifflung feines veligiöfen Lebens, die wir auf gewille 
Weife vom Religionsunterricht gefondert haben. Aber bei die: 
fem Willen wäre noch immer eine Unfähigfeit da, wenn er fih 
diefer Vorſtellungen nicht fo bemächtigt hätte, daß er in ein- 
zelnen Fällen geeignet ift unter diefelben zu fubfumiren. Das 
ift alfo das zweite nächft der Befchäftigung mit der Schrift, 
und Dies beides ift das hauptfächlichfte Material bes öffent 
lichen Religionsunterrichts. 

Aber zweierlei müſſen wir noch beſonders beantworien. 
Ein für und wichtiger Theil unſeres Cultus iſt der Kirchen⸗ 
gefang, ber gemeinfchaftlihe Vortrag der religiöfen Poeſie, 
wie fie als Gemeingut und als gemeinfames Darftelungsmittel 


. — 389° — 


ind Öffentliche Leben der Kirche aufgenommen wird, Sie ge- 
hört au in das Gebiet der Sprache. Indem wir dies zu- 
nahft in den Complexus ber die Glaubens- und Sittenlehre 
bildenden Borftelungen gefezt haben, ift barin bie chriftliche 
Poeſie nicht mitbegriffen, denn fie hat wieder ihre eigene Sprache, 
iſt nicht dadurch verftändlih, dag man jenen Epmplerus von 
Sorfiellungen inne bat. Hier müflen wir als etwas befonde- 
res dies mitfezen, und iſt es etwas wichtiges für unfere Kirche, 
daß das Interefie und der Geſchmakk am Kirchengefang erhal- 
tn werde. Daraus allein kann entfteben, daß der Schaz ber 
firhlihen Poeſie fi vermehrt, was zu wünfchen ift weil eini- 
ges doch von felbft antiquirt wird. Die Jugend wirb zum 
Eultus nicht gehörig vorbereitet fein, wenn ſich die Sorge nicht 
auch auf dieſen Punkt wende. Man fönnte fagen, Dies In— 
tereffie wird fih am beften entwiffeln in ber Familie; denken 
wir und da eine häusliche Erbauung, fo wird auch das Kir⸗ 
henlied da feine Stelle finden und die Jugend wird mit dem— 
jelden groß werben. Die Borausfezung haben wir noch nicht 
abgeläugnet, und in allen Sammlungen firdlicher Lieder ift 
auf den häuslihen Gebrauch Nüffficht genommen. Wenn nur 
fonft das religiöfe Leben entwiffelt wird, wird ſich der Ge— 
fhmaff an ber religiöfen Poeſie von felbft finden, und wenn 
die beiden Borausfezungen gehörig geltend gemacht werben 
innen, fo würde in diefer Hinficht der Religiongunterricht über 
Büffig fein. 

Ein anderer Nebenpunft würbe dies fein: wenn ber ein- 
jene in feinem Leben die Gefinnungen und Lebensanfichten der 
Gemeine repräfentiren foll, muß er im Ganzen mitleben. Da- 
für fol zunächft geforgt fein durch die Verfaſſung ber Kirche, 
bie das lebendige Verhältniß zwifchen ben einzelnen und ber 
Geſammtheit conftituirt und erhält, Auch dies vorausgeſezt, iſt 
body die Gemeine der ganzen Kirche ein gefchichtlihes Ganzes, 
und der einzelne Fann nur in dem Maaß mit ihr leben als 
er fie fih als gefchichtlihes Ganzes angeeignet hat. ine 
gaͤnzliche Unkenntniß und Bewußtlofigfeit in dieſer Hinficht if 





— 390 — 


bei dem Verhältnig, in welches unſere Kirche ben einzelnen zu 
fi ftellt, ein unwürbdiger Zuſtand bes einzelnen, Wenn wir 
ben Grundfaz daß das gefchichtlihe Leben nur im Klerus zu 
fein braucht aufflellen wollten, müßten wir den Fatholifchen Ge⸗ 
genfaz feſtſezen. Es giebt Unterfchiede, und dieſe können wir 
nicht negiren; es if aber vielmehr der Unterfchieb, der am bes 
fimmteften den Theil bes Ganzen, den wir den gebildeten nen- 
nen, unterfcheidet von dem andern. Diefe Unterfcheidung be- 
ſteht und wird aud nie aufhören, aber wir haben fein Recht 
fie al8 eine angeborene anzufehen, wie auch nicht als eine 
folche, die fih von felbft entwiffeln muß ohne daß wir etwas 
babei thun. Weil wir nicht wiffen Fönnen ob ein einzelner 
fähig ift, in jenes gebildete Leben einzutreten oder nicht, erfor 
dert die hriftliche Liebe einerfeits und das Intereſſe der Kirche, 
das dies gefchichtlihe Leben möglichft zu verbreiten ſucht, daß 
man es an allen verfuhe, wie weit ein Antheil am geſchicht⸗ 
lichen Leben in ihnen gewefft werben fann, und biefem Ber- 
fuch koͤnnen wir feinen anderen Ort anweifen als ben Reli- 
gionsunterricht. 

Das wäre bie allgemeine Darftellung des Materials für 
ben Religionsunterricht, und wir werben, ehe wir weiter forte 
fhreiten zur Behandlung biefer einzelnen Gegenſtände noch 
fragen müffen, wie fih diefe verfchiedenen Punfte zu einander 
verhalten? Wir haben das erfte als Hauptpunft, das andere 
als Nebenpunft dargeftellt; bamit wird jeder übereinftimmen, 
Alſo Fönnen wir dem Nebenpunft nicht einen gleichen Antheil 
an der Conftruction zuſchreiben; nur gelegentlich follen die Re⸗ 
benpunfte vorkommen nah dem Ermeſſen des Geiftlihen von 
bem Zuftand ber ihm anvertrauten Jugend. 

Was die beiden Hauptpunfte betrifft, fo haben wir fie im 
allgemeinen aufgeftellt. In Beziehung auf beide haben mir 
erfi angebeutet, daß wir den Stoff felbft noch genauer begren- 
zen müffen, und fragen nach ber näheren Befchaffenheit der in 
bem Religionsunterricht zu ermwerbenden Belanntfchaft mit ber 
Schrift und mit der Eonftruction der chriſtlichen Vorſtellungen. 


— 391 — 


Bas das erfte betrifft, fo ſcheiden wir alles theologiſche aus, 
Die beflimmte Grenze ergiebt fih daraus, daß im Religions⸗ 
unterricht von einem Gebrauch ber Urfchrift der heiligen Bü- 
Ger gar nicht die Rede fein kann, fondern wir an bie lleber- 
fgung der heiligen Schrift ins beutfche gewiefen find, Wird 
baburch nicht auch ſchon in ber heiligen Schrift felber ein Un- 
terſchied geſezt? Hier müffen wir eine Ueberzeugung vortra⸗ 
gen, die nicht die allgemeine if. Es ift gleich der Unterſchied 
zu maden: wir find bier an bas neue Teflament ausfchließlich 
gewiefen, und vom alten Teftament fann eigentlich im Reli« 
gionsunterricht nichts vorkommen, ald was im N. T. angeführt 
wird, Die Kenntniß des A, T. für fich ift etwas rein theo⸗ 
logiſches, denn unmittelbar it im A. T. das chriſtliche nicht 
dargeſtellt. Wäre es bie, fo wäre es auch im Leben des 
Volkes gewefen, aus dem die Schrift hervorgegangen, und dann 
wäre Ehrifti Erfcheinung überflüffig geweſen. Cs ift offenbar, 
daß die Reduction der altteftamentlichen Vorſtellungen auf bie 
chriſtlichen eine wiffenfchaftlide Operation ift, felbft bei dem 
was ganz im Gebiet des gemeinfam religiöfen liegt. Den 
fen wir daran, wie dort vom höchſten Wefen bie Rebe ift: fo 
find da finnlihe und bildliche Vorſtellungen, bie wir erft re- 
duciren müflen. Im neuen Teflament if auf geiftigere Weife 
vom höchften Weſen die Rede und ift das unmittelbar chriſt⸗ 
liche da niedergelegt. Die alttefiamentlichen Vorſtellungen müf- 
fen übertragen werden von ber finnlichen Vorftellungsweife in 
die, die dem chriftlichen Lichte angemefjen iſt. Diefe Opera 
tion iſt zu Fünflich für den Religionsunterriht, Will man 
aber die Jugend mit dem A. T. befannt machen, fo muß man es 
zum abfihtlihen Gegenftand machen. Es ift natürlih, daß 
wad im N. T. davon vorkommt, auch im Religionsunterricht 
vorfommen muß, man müßte benn alle ſolche Stellen bavon 
ausſchließen. Da muß man alfo die Operation doch vorneh- 
men, und dies wird ſchwierig fein, aber es wirb erleichtert, 
wenn man auf das A, T. nicht anders kommt, als durch das 
neue, das das richtigere hat, und nur die Aehnlichfeit mit bem 





— 392 — 


unvolffommneren nachzuweifen braucht. Was das erſte bes 
trifft, daß alles theologifche ausgefchloffen fein muß, und nur 
die Nede fein kann von einer folhen Bekanntſchaft mit ber 
Schrift, die ohne eigentliche wiffenfchaftlihe Operation geſchieht, 
fo ift es leicht Die Formel aufzuftellen aber fchwer fie anzu: 
wenden. Dies bringt und auf ben entgegengefezten Punkt. 
Etwas das zu groß wäre für den Zwekk, haben wir audge- 
fhloffen; nun wollen wir dag Minimum fuhen. Sehen wir 
da auf die Praxis, fo finden wir als das gewöhnlichfte daß 
man ber Jugend fuht eine Menge einzelner Sprüde anzueig- 
nen, die aus ihrem wahrhaften Zufammenhang herausgerifien 
find, wie fie in Lehrbüchern zur Erläuterung der Elemente im 
Syſtem der driftlihen VBorftellungen vorfommen. So werben 
fie vorgenommen und ber jugend nur in Verbindung mit den 
einzelnen Theilen der Lehre erläutert, Dies Verfahren ruht 
auf dem guten Grund, daß die Elemente der hriftlichen Glau⸗ 
bens- und Sittenlehre follen in der Schrift nachgewiefen und 
durch fie beglaubigt werben. Dazu kann ein ſolches Berfahren 
gut fein. Betrachten wir es aber in Beziehung auf den Zweit 
bes Religionsunterrichts die Jugend anzuleiten zu einem ei- 
genen Gebrauch der Schrift, fo wird dazu diefe Behandlungs- 
weife der Schrift durchaus nicht zureichend fein, fondern in 
einem Gegeſaz fliehen. Es ift aber etwas entgegengefeztes, ob 
ih menfhliche Rede in ihrem Zufammenhange verftehe, oder 
ob ich einzelnes daraus gebrauche auf eine ganz beliebige Weiſe. 
Im lezteren Fall babe ich Hier nicht mehr das Ganze, werde 
von ber Kenntniß des Ganzen abgelenkt. Solchen Gebrauch 
finden wir im gemeinen Leben auch; 3. B. die Sprüchwoͤrter. 
Diefe kommen urfprünglih in einem Zufammenhange vor, und 
nachdem fie fo vorgefommen, werben fie an und für fi ge 
braucht. Das find ſolche Probuctionen wobei ber urfprünglice 
Zufammenhang etwas ganz zufälliges if. In dem Maaß ale 
ein einzelner Saz den Charakter hat zu gleicher Zeit zufällig 
zu fein bei feinem erſten Borfommen und folhe Art der Als 
gemeinheit zu haben, dag er auf ganz verfchiedene Weife an- 








— 393 — 


gewendet werben kann, qualificirt er fih auch dazu. Aber die 
Schrift if} gegeben ald das zufammenhängende und ber Ieben- 
dige Gebrauch berfelben ift nur im Zuſammenhange. Wenn 
wir im Religionsunterricht nichts thun, als eine Maſſe von 
einzelnen Sprüchen der Jugend beibringen, und fie will ber- 
nah die Schrift für ſich gebrauchen, fo ift fie in einem be- 
fimmten Berhältnig mit diefen einzelnen Theilen, kommt nicht 
in irgenb einem Sinn gleichmäßig und unbefangen dazu; und 
ſtoßt fie auf diefe Stellen, fo wird fie aus dem Zufammenhang 
berausgeriffen und ift niemals darin. Sie fommt zu ber Schrift 
ohne Einleitung; kommt fie dann auf folhe Stellen, fo wirb 
fe nur in den Complex jener Borftellungen geführt. Für den 
eigentlihen Gebrauch der Schrift ift dies etwas förendeg, und 
bleibt e8 eine bloße Einbildung wenn man durch dies Berfah- 
ren der Jugend die Einfiht in bie Schrift zu erleichtern glaubt. 

Es iſt fchwierig bier das pofitive dazu zu geben. Wo 
noch die Volksſchule in einer beftimmten Verbindung fteht mit 
der Kirche, wird auch das Bibellefen als ein Beftandtheil des 
Schulunterrichts angefehen, und die Einleitung in das Verfländ- 
niß der Schrift wirb dort gegeben; und fann man da fagen: 
im eigentlichen Religionsunterricht habe fie feine andere Stelle 
ald in der Beziehung auf den mitzutheilenden Complexus. Da— 
gegen ift aber zu fagen, daß in folder Schule ſchwerlich an 
ein folhes Bihellefen gedacht werben fönne, das eine wirkliche 
Einleitung in den Privatgebrauch der Schrift fei. Der Geift- 
fihe muß fich verfichern, ob die Jugend diefe Fähigkeit erlangt 
babe, und wenn er darin einen Mangel verfpürt, muß er fi 
die Sache felber zum Gefhäft machen. Ob man bieg, mit ber 
Jugend die Schrift zu Iefen oder zu erflären, zu einem befon- 
beren Element macht, was heraustritt, ober ob es in Bezie- 
bung auf Die religiöfen VBorftellungen hinreichend geſchehen 
fann, die Schrift außer dem Zufammenhang vorzutragen, bad 
Iommt auf die Korm an in welcher man das ganze Gefchäft 
treibt, 

Der zweite Hauptbeftandtheil bes Unterrichts ift alfo der 


— 394 — 


Complexus der religiöfen Vorſtel lungen, ber theore⸗ 
tiſchen und praktiſchen. Hier iſt nichts ausgeſchloſſen, aber es 
iſt ſchwer ſich Far zu machen, wie weit man im Religions⸗ 
unterricht in diefer Beziehung zu geben hat. Die eigentlide 
wiffenfchaftlihe Form findet hier ihre Anwendung nicht, diefe 
bleibt Tediglih das Eigentum ber eigentlihen Theologie; fon- 
dern es ift diejenige Form, in der die religiöfen Vorftellungen 
auch im öffentlichen Gottesdienft vorfommen, die populäre. 
Daher werben eine Menge Spisfündigfeiten wegfallen, alles 
was Subtilität ift, um den Begriff gegen äußere Angriffe zu 
fihern. Aber die Grenze Fann nicht fireng gehalten werben, 
benn es giebt Zeiten in denen das Volk mehr oder weniger 
in theologifche Streitigkeiten hineingezogen wird, Wo dies der 
Fall ift und das als ein dauernder Zufland angefehen werben 
kann, würde ed unrecht fein die Jugend nicht Darin zu orim- 
tiren. Es fönnte aber auch fein, daß man auch in anderer 
Beziehung die Grenze nicht refpectiren Fönnte, fondern es Vor⸗ 
ftellungen gäbe, bie rein theologifch find, und im Religions⸗ 
unterricht nicht Fönnen übergangen werden. Soll man z. 2. 
im Religionsunterricht die Trinitätslehre vortragen? Der 
ganze Begriff ift ein rein theologifcher, liegt im Gebiet bed 
gemeinen Bewußtfeind gar nicht; dennoch wird ein jeder fagen, 
ed würde unthunlich fein dies ganz übergeben zu wollen. Es 
ift bier zu unterfheiden zwifchen der Lehre von dem göttlichen 
in Chrifto und dem heiligen Geift und der Trinitätslehre, denn 
fie ift die Lehre von dem Verhalten biefer beiden zu der Ein- 
heit des göttlichen Weſens. Diefe einzelnen Perfonen find ei- 
was wefentlihes, die Zufammenftellung ift rein theologiſch. 
Objectiv hat die Trinitätslehre im Religionsunterricht nichts 
zu thun; aber fofern es ein Gegenftand ift, über ben beftändig 
geftritten wirb, und der am meiften Zwiefpalt erzeugt, wäre er 
unter jene Ausnahme zu ſezen. Allein über die Trinitätslehre 
wird nicht geftritten fondern nur über jene Beſtandtheile felber. 
Demohneradtet würden die meiften eine Scheu haben, fich zu 
benfen dag man biefen Punkt übergehen folle. Dies beruht 


— 395 — 


anf einer Condescendenz gegen eine falfhe Anſicht; weil man 
nicht genug den Unterfchied macht zwifchen den Beltanbtheilen 
der Trinitätslehre, Die wefentlich chriftlihe Vorſtellungen find 
und in der populären Borftellung vorkommen und jener theo- 
logiſchen Auffaffung, entfteht eine Beforgniß, ale ob, wenn man 
bie Trinitätslehre bei Seite ftellt, auch jene- wefentlichen Bes 
Randtheile bei Seite geftellt würden. Soll man eine foldhe 
Condescendenz haben oder niht? In allen folchen Beziehun- 
gen ift immer die doppelte Prarid: ber eine will lieber etwas 
thun, was er nicht für das befte hält, ald daß er fih wollte 
im Oppofition fezen mit etwas, was Mißverftand, aber doc 
verbreitet iftz ber andere will durch Condescendenz den Miß- 
verftand nicht weiter verbreiten, und ber eine würbe vielleicht 
Unreht haben wenn er fich zur Meinung des andern wendete, 
und umgefehrt. Solhe Schwanfungen über den Umfang bee 
Religionsunterrichts werben wir wahrnehmen, Da fommt eg 
derauf an daß jeder fich über feine Praris die gehörige Re— 


genſchaft giebt. Im allgemeinen wird bier der Umfang bes 


ganzen Geſchäfts zu beurtheilen fein nicht allein aus der An 
gemeflenheit für die Theilnahme am öffentlihen Gottesdienft, 
jondern e8 werben dabei noch andere Rüfffihten zu nehmen 


fein, bag nach der Aufnahme in bie Gemeine die hriftliche Ju— 
gend ſoll felbftändig fein im veligiöfen Leben, daß fie für fi 
ſelbſt verantwortlich fein und im Stande fein muß, fi das 


Maaß ihrer Handlungen zu fezen, fih die Norm zu gebenz fie 
muß reif fein, um überall ein chriftlihes Urtheil zu fällen über 
Recht und Unrecht in ihrem eigenen Gebiet. Es muß eine 
Klarheit fein in der Seele über die Principien bes chriftlichen 
Lebens und eine Webung in der richtigen Subfumtion bes ein- 
jelnen unter bie Princivien, Wenn die religiöfen VBorftellungen 
uch fo vollkommen vorgetragen werben, aber nicht in biefer 
Beziehung, fo ift der Zwekk ganz verfehlt, denn dann wird 
nicht mitgebracht was die Iebendige Theilnahme am Eultus be= 
dingt. Das find zwei verwandte einander bedingende Beſtim— 
mungen. Die Kirche ift nach unferer Anfiht in Bewegungs 








der Laie muß die Kraft haben mit eigener Weberzeugung ſich 
biefen Bewegungen hinzugeben und auf fte einzuwirken; jeber 
Laie muß füch ſelbſt dabei berathen Fönnen und feine eigene 
perfönliche Selbftändigfeit behaupten fobald der eigentliche Grund 
davon nicht auf wiffenfchaftlihem Gebiet Liegt. Nur die ge- 
hörige Wirfung des religiöfen Sinnes kann dem einzelnen biefe 
nöthige Selbfländigfeit verfchaffen. Die Eriftenz ber Laien if 
lokal und er braucht fih nur auf Iofale Art orientiren zu Fön 
nen, und biezu muß ihn fein religiöfer Sinn in den Stand 
fezen, d. b. er muß die bewegten Parteien beurtheilen fönnen 
und ihre Principe erfennen, ob es ein chriftliches iſt ober nicht; 
fo werben fie ihre religiöfe Selbfländigfeit behaupten fönnen, 
Diefe Regel ift allerdings auch unbeſtimmt und das Maaß 
läßt fich nicht in firengen Formeln aufftellen, ſondern beruht 
wie alles Sndividuelle mehr auf dem Gefühl. Der Geiftlide 
muß fih bei jedem Katechumenen durch den Eindrukk leiten 
laffen, den er auf ihn macht in Beziehung feiner religiöfen 
Muͤndigkeit. Hiezu ift eine gewiffe Menfchenfenninig erforder: 
lich, doch ift die Feine andere als die religiöfe, die in jedem 
erwefft werben fann durch den Weg ber Selbfihetrachtung, weil 
zu allem die Materien in dem Menſchen felbft Tiegen. Sid 
ſelbſt zu beurtheilen in religiöfer Hinficht ift alfo in der prote- 
ftantifchen Kirche das Ziel; in ber Fatholifchen Kirche nicht, wo 
ber einzelne fein religiöfes Bewußtfein nicht in ſich, fondern im 
Beichtvater hat. Wie nöthig dieſe Selbfländigfeit ift, davon 
giebt ung bie fezige Zeit die treffendften Beifpiele, da fo ſchnell 
religiöfe Bewegungen entftehen, aus Mangel an gehöriger 
Beurtheilung der Motive aber fo manche Mißverſtändniſſe. 
Aus dem gefagten wird hervorgehen, daß es eben fo gut 
einen rein biblifchen oder mehr Dogmatifchen Faden geben kam; 
ed wird dann nur in der Entwifflung ſelbſt ein umgekehrtes 
Berfahren ftattfinden. In dem einen Fall wirb die Darftel- 
Yung bis auf einen Punft fortgefezt werben, und darauf auf 
bie Bibel zurüffgegangen; in dem andern mit ber Bibel an 
gefangen und mit der Borftellung die daraus entwiffelt wird 


— 997 — 


geendigt. Es Yäßt ſich allerdings mit dieſer Borausfezung noch 
eine große Differenz benfen, indem man dem einen ober dem 
andern mehr Raum vergönnen kann, und barüber giebt es 
fein Urteil. Wenn wir beide ifolirt denken wollten, ein bi- 
daktifches Verfahren für fih ohne auf das biblifche zurüffzu- 
gehen, und ein bloßes Einlernen der biblifhen Sprüche aus 
ihrem Zufammenhang, fo wären dies Extreme, denn Die Art wie 
das bibliſche wirkfam fein fol beruht bauptfähli auf ber 
Lebendigkeit, wie der Gedankengang aufgefaßt wird, Wenn 
wir nun davon ausgehen, wie unfere neuteflamentlichen Schrif- 
ten theild Gelegenheitöfchriften gewefen, die aus dem Leben 
herausgenommen , theild Aneinanderreihungen von einzelnen 
Thatfachen, die aus der urfprünglichen Anfchauung erzählt find: 
fo if freilid wahr, daß man davon abftrahiren muß, bie 
Schrift aus dem ganzen Zufammenhang ber erften Kirche zu 
erklären. Aber weil diefe Schriften fo entftanden find, fo wohnt 
ihmen auch folche Rebendigfeit ein, wie fie überall da ift, wo 
die Gedanfenreihe nicht von einer Meditation ausgeht, und 
biefe hat für bie, die nicht an bie Meditation gewöhnt find, 
eine genauere Verwandtſchaft. Daher, wenn man fi ben 
ganzen Vortrag denfen wollte ohne ein ſolches Zurüffgehen auf 
die Bibel: fo würde ihm in Bezug auf bie Volksthümlichkeit 
ein großes Element fehlen. Wenn wir auf die Gefchichte zus ° 
rüffgeben: fo ift ganz unbezweifelt daß die beiden Elemente die 
Bekanntſchaft mit der Schrift und mit der Poefie ganz vor- 
glich wirffam gewefen find die Reformation unter dag Bolt 
zu verbreiten. Wenn wir nun bedenfen, daß bei weitem ber 
größte Theil der Jugend doch immer aus der Volksklaſſe her- 
genommen ift, und bei Diefer an foftematifchen Zufammenhang 
wenig. zu denken ift: fo wirb weit eher benfbar dag man bag 
ſyſtematiſche aufgeben müffe und fi rein an das biblifche hal⸗ 
ten, als umgefehrt, dag man das biblifhe aufgebe und fi 
rein an den bidaftifchen Vortrag halte, | 

Im religiöfen Unterricht erzieht fih der Geiftliche feine 
Ormeine, da muß. erfich alfo nach dem richten was er nach⸗ 





— 898 — 


‚ber in feiner Gemeine vorausfezen will, Nun ift offenbar baf 
in Bezug auf den Schriftgebrauch eine Ungleichheit unter ber 
Gemeine ift, je nachdem dag Lefen bei dem einen ein nothwen- 
Diges Element ift oder nit. Das fann der Geiftlihe nicht in 
feiner Gewalt haben. Eollen die nun zu einer geringeren Bes 
fanntfhaft mit der Schrift verurtbeilt fein, die das Lefen nit 
zu einem Lebenselement machen können? Nein, um fo mehr 
follen diefe mit der Schrift befannt gemacht werden, Das muf 
ber Geiftlihe vertheilen, theild in den Religionsunterricht, theild 
in die übrige Amtsführung, feine Reden fo einrichtend, daß 
baraus eine fruchtbare Bekanntſchaft mit der Bibel bervorgehe. 
Das Geſchäft geht alfo durch beide Theile der Amteführung 
hindurch. Leicht ift aber auch einzufehen, bag das auch noth- 
wendig fein wirb bei Iiterarifhen Gemeinen; man muß biejen 
Doch eine gewifle Unfähigkeit zufchreiben und fie bedürfen im: 
mer ber Leitung der Geiftlichen, denn das Lefen der Schrift 
fezt eine Menge von Kenntniffen voraus bie nicht jeder gebil- 
bete hat, Welcher Theil diefes Gefchäfts fällt nun in die Zeit 
bes Interrichts der Katehumenen? Die gewöhnliche Meinung 
ift, alles was die Beweisſtellen ber chriftlichen Lehre bes 
trifft muß in biefem Unterricht befannt gemacht werden, Der 
Ausdrukk fcheint von einer Seite richtig, von ber anderen fall 
. und fp vieldeutig, daß ein ganz falfhes Verfahren darauf ge- 
gründet werden fann, Er ift in fo fern richtig als es bad 
evangeliihe Verfahren ift, ſtets auf die Bibel zurükkzugehen; 
bie veligiöfen Beweife follen ſtets in Mebereinftimmung fein mit 
ben Beweifen ber apoftolifchen Kirche, in der das reinſte Chri⸗ 
ſtenthum niedergelegt iſt; es fehlt Dem Beweife etwas wenn 
nicht das Wort der Schrift dazu gefommen if. Das Mangel- 
hafte daran aber ift dies: foldhe Beweisftellen find einzelne 
aus dem Zufammenhange heräugsgeriffene Sprüche, und eben 
daher werden oft ſolche ald Beweismittel gebraucht, bie nut 
einen Schein davon haben außerhalb des Zufammenbanget. 
Bon einer aus dem Zufammenhang geriffenen Stelle kann id 
mir zweierlei nur denken: fie iſt entweder ganz tobt wie eine 


— 39 — 


ans ihrem Boden geriffiene Pflanze oder fie muß den gnomi- 
hen Charakter an ſich tragen, und fo überall einen Anfnüp- 
fungspunkt finden. Aber dann ginge bie theoretifhe Lehre des 
Chriſtenthums Teer aus, und felbft in das praftifche Könnte 
mandes dem eigentlichen Sinn wiberftreitende hineingelegt wer- 
den. Wird auf folhe Stellen eine Bedeutung gelegt: fo kann 
es nicht fehlen daß eine Art von magifhem Wefen mit hinein- 
fommt, da der Drt und bie Lebendigfeit fehlt, fo daß die Kin- 
ber beides in etwas verborgenem fuchen müßten. Der Aus- 
drukk it alfo nur gut wenn bie Stelle nit aus dem Zufan- 
menhang gerifien wird, und wenn bie einzelne Stelle, außer 
dag fie auf die driftlihe Lehre bezogen wird, auch auf den 
Berfaffer der Bücher zurüffgeführt wird, d. h. als bamit eine 
Kenntnig ber Bücher felbft verbunden wird, Die Zurüfffüh- 
rung ber einzelnen Lehren auf die Schrift bildet alfo eine Di- 
greffion, wie das paränetifche; beides tft eine Digreffion aus 
dem bibaftifchen heraus; bie erfiere, um eine Anfnüpfung des 
eigenen Bewußtfeins mit dem Bewußtfein ber erften Kirche 
hervorzubringen. Nun fann eine foldhe Digreflion fehr zur Un- 
zeit fein, wenn um folcher Stellen halber eine Bekanntſchaft 
mit bem ganzen Buche hervorgebracht werden ſollte. Da ſcheint 
alfo beffer für den Religionsunterrit ein zwekkmäßiges aber 
fragmentarifches Bibellefen zu flatuiren. Das läßt ſich ver⸗ 
ſchieden denfen nach den verfehtedenen didaktiſchen Foriſchritten. 
Der Geiſtliche muß darin große Freiheit haben. Ich kann mir 
eine ordentliche Theilung denken, jo daß der Katechet abwech— 
jelnd den Fatechetifchen Proceß vornimmt mit wenigem Zurüff- 
geben auf die Schrift, und dann bag Lefen und Erklären von 
grögeren Stellen und Abfchnitten aus der Schrift treibt, Nur 
durch eine folhe größere Deichäftigung mit der Schrift, die fih 
muß in Harmonie fezen laſſen Fönnen mit ber didaktiſchen Ent- 
wiffftung, kann der Zwekk erreicht werben, daß der Religiond- 
unterricht felbft evangelifche Ehriften bilde, Ein wirkliches 
Leben in der Schrift ift bie Grundlage zu aller re- 
ligiöfen Bildung. 





— 4100 — 


Im didaktifhen Theil ift das Ende dies, daß die Kinder 
in den Stand gefezt werben dem öffentlichen Gottesdienft bei- 
zumohnen, daß ihnen die Borftellungen geläufig find, bie auf 
der Kanzel vorkommen; natürlich darf das nicht eine bloß hi- 
ftorifhe Kenntniß fein, fondern fie muß die Weberzeugung mit 
einſchließen. Nun tft der Complerus von religiöfen Borfel- 
ungen im öffentlihen Gottesdienft ein unenblicher, weil dieſe 
Borftellungen fehr fpeciell genommen werden fönnen. Man 
muß alfo daran denfen einen gemeinfamen Maaßſtab der Al- 
gemeinheit anzulegen, und biefer ift bag Glaubengbefennt- 
niß, welches wir zwiefach zu betrachten haben als allgemem 
hriftlihes und allgemein evangelifhed., Dies nun muß ihnen 
fo geläufig fein, daß fie die Anwendung vom allgemeinen auf 
das einzelne von felbft machen können. Doch nun fcheint ſich 
bier eine andere Methode zu geftalten. Auf dieſem Enbpunft 
ftiehend müßten wir das Glaubensbekenntniß mittheilen; nun 
füme es barauf an ob die Kinder es fo, wie ed ihnen milge- 
theilt wird, ſchon verftehen? und dba das nicht vorauszuſezen 
ift, fie in die fpecielle Anwendung einzuleiten. Wenn nun der 
Geiftlihe beim Anfang des Religionsunterrichts mit der Er- 
forfhung der Kinder beginnt, wirb er darauf fommen bad 
Glaubensbekenntniß ihnen mitzutheilen fo, daß er immer in 
der Entwifflung wiberlegend (polemifh) wirkt, oder fo, daß 
er weiter fortbauend (analytifh) verfährt? Es kann dag nicht 
allgemein beantwortet werben, fondern es wirb auf bie reli- 
giöſen Borftelungen ankommen, welche bie Kinder mitbringen. 
Waltete in der Familie ſchon der eigentliche Geiſt der Kirde: 
fo wird das richtige in den Borftellungen der Kinder dazu 
dienen, daß man daraus die VBorftellungen vollftändiger ent- 
wiffelt; tragen aber bie mitgebradten Borftellungen ber Kin⸗ 
ber nur den Charakter der religiöfen Vorftellung im allgemei- 
nen: fo wird es nicht möglich fein auf diefen Wege zu einem 
Refultate zu kommen. Das eigenthümliche läßt ſich nicht aus 
dem unbeftimmten heraus entwiffeln, fondern müßte doch auf 
eine beſtimmte Weife mitgetheilt werben. Da befinden wir und 


— 401 — 


alfo auf einem Scheibepunft, unb werben das vorher bebin- 
gungsweife gefagte fo fefthalten müffen: will man nur eine 
allgemeine Religiofität erreichen, wobei das eigenthümlich rift- 
liche und proteftantifhe in den Hintergrund tritt: fo braucht 
man nur aus bem mitgebrachten weiter zu enwikkeln; foll aber 
das eigenthümlich chriftlihe und proteſtantiſche hervortreten: fo 
in diefe Korm nur möglich unter der Vorausfezung, daß bie 
Kinder aus chriſtlichen Familien find und chriſtliche und evan- 
geliſche Vorſtellungen mitbringen. Nun braucht aber bie Theorie 
auf die Ausnahmen nicht Rüffficht zu nehmen, bad ganze VBer- 
fahren braucht alfo nur dieſen Charakter zu haben, bag von 
der Erforfchung der religiöfen Vorſtellungen der Kinder bag 
ganze unter der Form bed Geſprächs fortgebt. Das Ende 
muß nur dag fein, daß fie fih der Vollſtändigkeit 
der Entwikklung bewußt find und fühlen, daß die Mit- 
teilung alle wefentlihe Derter der religiöfen Vorftellungen in 
fh fließt, d. h. nur das allgemeine, das fperielle ausge- 
ſchloſſen. Am Ende des Religionsunterrihtd muß alfo das 
Glaubensbekenntniß der Kirche wirklich in ben Kindern fein; 
daß es aber ale etwas fuhftantielles, als ein gefchichtlich gege⸗ 
bener Eomplerus von Borftellungen einen Einfluß auf das 
ganze Berfahren bat, Liegt nicht darin. Es kann das Geſchaͤft 
in Ende geführt werben ohne daß die Kinder wüßten, daß es 
ein Glaubensbekenntniß fei, aber fo daß fie es in feiner ge= 
ſchichtlichen Individualität als das ihrige fih aneignen können. 
Ss haben wir alfo in ben Unterricht hineintretend außer ber 
Beziehung auf den Schriftgebrauch auch die Beziehung auf bas 
Ofanbensbefenntnig, um der großen Zügellofigfeit zu wehren, 
Hier wird es nun am natürlichfien fein an einen biftorifchen 
Zuſammenhang anzufnüpfen. Daraus ergiebt fi, bag man in 
der Analogie mit dem was ſich in der älteften Zeit ſchon fin- 

vet zu bleiben hat. Das apoftolifhe Slaubensbefennt- 
aiß if ein folches Hiftorifch gegebenes, und an biefes anzu- 
knüpfen wird immer etwas natürliches haben. Es entſtand aus 
dem Belenninig, welches die Täuflinge abzulegen pflegen, ift 

Yreltifge Theologie. 1. 26 





— 402 — 


alfo etwas fo gefchichtliches daß wir es in feiner Dignität in 
ber Kirche nicht bürfen verloren gehen laſſen. Da unfere Con- 
firmation eigentlich in einer Reihe fteht mit ber Taufe ber 
Erwachfenen in ber alten Kirche: fo gehört es zur Treue am 
Gefhichtlihen in ber Kirche und einer Continuität mit berjel- 
ben dies beizubehalten, und jeder Chriſt muß das credo fen- 
nen; er fol es aber nicht bloß ale Formel fennen, ſondern 
auch als Zufammenfaffung ber wefentlihen religiöfen Vorſtel⸗ 
lungen eines Chriſten; ſein eigener Glaube ſoll darin nieder⸗ 
gelegt ſein, und es ſoll ihm die Keime aller ſeiner religioͤſen 
Zuſtände enthalten. Dies war auch der Sinn des Bekennt⸗ 
niſſes der Täuflinge, und dies müffen wir auch erreichen um 
dem geſchichtlichen zu entſprechen. 

Wenn wir bie ganze Aufgabe von der Seite betrachten 
das religiöfe Element in der Jugend aufzuregen: fo gebt man 
freilich auf der einen Seite bavon aus, daß Das ganze Ge⸗ 
fchäft feinen Ort in ber Kirche hat und unſere Theologie über⸗ 
haupt mit einer befonderen Rüfffiht auf die evangelifhe Kirche 
ansgebilbet fein muß, daß es unfere Aufgabe ift bie Jugend 
für die evangelifhe Kirche zu bildenz aber doch ift hier eine 
almälige Abftufung, bie nicht übergangen werben barf. Das 
religtöfe als das höhere Bewußtſein muß doch angeregt wer 
den im Gegenfaz gegen das niebere, aber ba ift es noch all⸗ 
gemein, und das chriſtliche oder gar evangelifhe hat noch kei⸗ 
nen Plaz. Es entſteht alſo gleich die Moͤglichkeit einer quan⸗ 
titativen Differenz. Es laͤßt ſich denken ein Hineilen zu dem 
Eigenthümlichen unſerer beſonderen Kirchengemeinſchaft, wobei 
alles andere moͤglichſt ſchnell beſeitigt wird; aber es laͤßt ſich 
auch denken ein abſichtliches laͤngeres Verweilen bei dem grö- 
ßeren Gebiete, wo dann nur eine kurze Zeit übrig bliebe, um 
das eigentlich evangelifhe zum Bewußtfein zu bringen. Hier 
giebt es alſo auch Extreme. Wenn einige fagen: bas kateche⸗ 
tifche Berfahren ift ein Theil der Erziehung, und bie Erzie⸗ 
bung ift die Entwifffung der Jugend für das Leben und in 
der Entwifffung für die Kirche iſt die Entwikllung bes religid⸗ 


— 409 — 


fen nothwendig; wenn nun weiter gefagt wird: mit bem Ge- 
genſaz zwiſchen Evangelifchen und Katholifchen wirb aber bie 
Jugend im ganzen Leben nichts zu thun haben; was nur rich⸗ 
ig fein Fan unter der Borausfezung, daß feine Gemeinfchaft 
zwiſchen verfchiebenen Gemeinfhaften vorhanden fein wird; 
alle Differenzen ferner in ber evangelifchen Gemeinfchaft liegen 
außer dem Leben und liegen ganz in der Schule: fo fann man 
dad unter einer gewiſſen Vorausfezung alles gelten Yaffen. 
Benn aber baraus weiter gefolgert wird: alfo muß man fi 
auch vorzüglich auf die Entwifffung des allgemein religiöfen 


beihränfen: fo ift das zu viel gefordert, und man fieht hier= 


aus daß der erſte Anfangspunft zwar richtig ift, aber als ein 
einfeitiger, man hätte gleich hinzufezen müflen: es ift ein vom 
driftlihen ausgehendes Element ber Erziehung. Sn diefer 
ganzen Beziehung muß das fatechetifche Verfahren fo fein, wie 
ber Culius iſt; wenn es anders ift, kann es ben Zwekk nicht 
erfüllen. Da entfieht freilich eine Eollifion die unter gewiſſen 
Umkänden nicht zu vermeiden ifl: der Cultus fann auf einer 
unsollfommenen Stufe ftehen, da foll das katechetiſche Verfah⸗ 
ven nicht vorbereiten auf die unvollfommene Stufe. Das Ver⸗ 
fahren muß rein darnach beftimmt werden, wie ber Geiftliche 
bad Verhältniß der Jugend zur Gemeine findet; wo man Ein- 
feitigfeiten findet, muß man von biefen abzuleiten ſuchen. Ja 
ed wird in diefer Beziehung grade das Fatechetifhe Verfahren 
ein Prüfftein des Geiſtlichen für ſich felbft fein; es Liegt in 
der Natur der Sache, daß in dem Maaß er felbft in einer 
Einfeitigfeit begriffen ift, er auch in der Methode eine einfei= 
fige Richtung nehmen wird, und find nur die Regeln einer 
richtigen Methode richtig gefaßt: fo wird er ſich daran ſelbſt 
prüfen Tonnen. Wenn der Geiftliche fich überwiegend am kirch⸗ 
lich gegebenen hält, nähert er ſich am meiften ber katholiſchen 
Art, wo es nicht auf Entwikklung des Ideencomplerus, fondern 
auf Erklärung des gebrauchten ankommt; doch iſt dieſe Form 
nicht unproteſtantiſch, denn ber proteſtantiſche Cultus führt im- 
wer auf ben rein proteſtantiſchen Grundſaz, und man hätte ben 
26 * 


— 404 — 


Vortheil der Jugend mit dem Chriſtenthum zugleich das kirch⸗ 
liche zu vergegenwärtigen, Die bibliſche Form iſt die am ſtreng⸗ 
ſten proteſtantiſche und hilft das Princip unſerer Kirche vom 
Gebrauch der Schrift wirklich auszuführen, denn ohne wahres 
Verſtändniß ift diefer Grundfaz nur leer. Die Korm, die es 
auf die leichte Mittheilung des Complexus der religiöfen Vor⸗ 
ftellungen anlegt, ift die inbividuellfte und lebendigſte. Zwi⸗ 
fhen dieſen drei Formen ift auf eine beftimmte Weife nicht zu 
entſcheiden; es find Iebigli die Umſtände, die hier entſcheiden: 
die Lage der Kirche im allgemeinen, die Beſchaffenheit der Ju: 
gend und die Befchaffenheit des Lehrers. 

Der Geiflihe muß in feinem Unterricht auch auf bie 
häuslichen Berhältniffe NRüfffiht nehmen. Da in bem Inter: 
richt der Grund dazu gelegt werben muß, den Gegenfaz, der 
die Selbftthätigfeit und Empfänglichfeit conftituirt, mehr auszu⸗ 
gleichen: fo kann man fi denfen, daß die Jugend über dad 
Maaß religiöfer Erfenntnig und Beurtheilung binausgeführt 
wird, als fih bei ihren Eltern und andern findet. Dadurch 
fönnte leicht der Grund gelegt werden zu einer Ueberhebung 
ber Rinder über ihre Eltern. Es wird weniger fructen 
wenn man etwas befonderes angeben wollte, ed muß biefes 
fhon im Erfolg der richtigen Methode Tiegen. Wenn wir das 
mechanische betrachten, wovon man fi zu entfernen fuchen muß: 
fo bat das was man auf mechanifhe Weife gelernt hat am 
meiften den Schein eines erworbenen Beſizes und bietet eine 
ſolche Beranlaffung zu einem Bergleih, woraus eine folde 
Erhebung entftehen fann. Bei der Verbindung der akroama⸗ 
tifhen und bialogifhen Methode aber wird die Jugend immer 
fih ihrer Unvollfommenheit bewußt bleiben. Es muß ber Ju⸗ 
gend zum Bewußtfein gebracht werben, daß alles unvolllom- 
men tft wo fih die Eigenliebe mit einmifcht, Nehmen wir 
auch das hinzu, daß der Katechet ſich mit ber Jugend auf glei- 
hen Boden ftellen muß: fo wirb alfo auch vor allen Dingen 
von ihren Berhältnifien die Rebe fein fo bald es fih um bie 
Entwifflung ber Vorſtellung des guten und richtigen handelt; 


— 405 — 


da iſt alſo das Verhältniß in welchem fie zu ben Münbdigen 
Reben und benen, welhen Gott fie anvertraut bat, offenbar 
eins ber erſten; wenn alfo da ber Grund zu einer wahren 
Pietät gelegt wirb: fo wirb ja auch der Kal zur Sprade fom- 
men. Allerdings wirb es eine vorzügliche Pflicht des Geift- 
lien fein, einen Einfluß zu fuchen auf die, denen die Kinder 
anvertraut find; dabei wird freilich wünfchenswerth, wenn be- 
jndere Kenntniffe von ben Umftänden ihn dazu in den Stanb 
ſezen, daß er ſich Hüte vor folhen Eremplificationen, die einen 
Schein von Perfönlichfeit haben können. 

Was aber die beiden Nebenelemente betrifft, die Befannt- 
Haft mit der firhlihen Poefie und das vom Complerus 
der veligiöfen Vorſtellungen ſich ſcheidende gefhichtliche, 
ſo können fie nur eine untergeordnete Stelle einnehmen. Das 
Verhaͤltniß in dem fie vorfommen fünnen muß- nad den Um- 
Ränden abgemeffen werben. | 

Was die religisfe Poefie im Gebiet bes Kirchenge- 
langes betsifft, find unfere Gemeinen in fehr verfchiedenen Ver⸗ 
dültniffen. Man findet hier und da eine Gleichgältigkeit gegen 
ben Öefang; biefem muß entgegengearbeitet werden in der Ju— 
gend. Indeß diefe Abneigung findet man mehr in den gebil- 
beten Ständen und fläbtifhen Gemeinen, als bei dem Bolt, 
weil man auf die religiöfe Rede einen ſolchen Werth legt, den 
man nit Darauf legen follte, nämlich einen falſchen. Solchen 
fembartigen Anfprüchen, die an ben Cultus nicht gemacht wer- 
ben follten, kann ſich die religiöfe Rede eher fügen, obgleich 
Re es nicht foll; der Gefang aber kann es nicht und wider— 
frebt immer dieſem veränderlichen Element. Es ift ein friti- 
ſches Naferümpfen, was den Gefang in Mißeredit gebracht hat. 
Es iſt wahr daß hier manches antiquirt iſt und pofitiv anftößig 
geworden. Diefem aus dem Wege zu gehen ift Die Sache bes 
Kirhenregimentes, Es ift noch ein anderes was Theil hat an 
biefer Gleihgültigfeit; indem bie kirchliche Poefie an eine ge- 
wiſſe Einfalt gebunden iſt, und der Sinn Teicht gefunden und 
angeeignet wird. Die FZortfchreitung im Gefang ift Iangfam, 





— 406 — 


und viele ſagen: wir verachten nicht die Lieder, aber in der 
Kirche erbauen fie weniger, weil wir dabei zu müßig find. 
Was aber beim kirchlichen Gebrauch dazu kommt, ift bie Ge: 
meinſchaftlichkeit aller, bie freilich an biefe Form gebunden if, 
Aber durch dieſe Theilnahme fol jenes erzeugt werben. Da 
fann man in ber Jugend nur das ntereffe an der Gemein- 
famfeit aufregen. Im erften wird man viel Ieiften koͤnnen, 
wenn man bas Tiefere mehr bervorhebt und eine hermenen- 
tifche Anleitung giebt, den Sinn der religiöfen Poeſie vollſtaͤn⸗ 
Dig zu erfaffen. Dazu wird fih die Stelle von ſelbſt finden, 
weil bie Kirchengefänge in den religiöfen Vorftellungen verfiren. 
Dadurch wird auch das Geſangbuch der Bibel noch nicht glei 
geftellt. 

Das gefhihtlihe Element ift auch ein ungleidhes Be- 
bürfniß; es fann nur fein, in wie fern eine Gemeine fähig ik 
ihrer Bildung und Situation nah am gefhichtlichen Leben 
Theil zu nehmen. Wir müffen verfuhen den Sinn für das 
geſchichtliche im Volk aufzuregen. Wie bier auch alles ge 
lehrte ausgefchloffen werben muß, ift Har. Man bat nidt 
weiter zurüffzugehen als auf die Entftehung ber evangeliſchen 
Kirche, denn man kann nichts weiter erreichen wollen, ala daß 
biefe Kirche in ihrem Charakter an fih und im Gegenfaz ge- 
gen bie andern chriftlihen Parteien bargeftellt werde. Alles 
andere muß man bei Seite laffen. Wo die Trennung zwi⸗ 
fen Iutherifcher und reformirter Kirche noch befteht, ift offen- 
bar nöthig, bag etwas barüber zum Verftändniß gebracht werde, 
und wo eine Annäherung von beiden ift, ift es um fo nöthi- 
ger. Man Hat fein Recht ſich zu beffagen, daß es am Ge- 
meinfinn fehle, wenn man verfäumt die gefchichtliche Tage bar 
zuftellen; das eine bedingt das andere, Hierzu findet fich die 
Gelegenheit im Hauptmateriale des Religionsunterrichts, im 
Complerus der religiöfen Borftellungen von ſelbſt; wenn 
ber Artifel von der Kirche vorgetragen wird, iſt der Ort von 
ben Differenzen ber Kirche zu reden; fo auch bei den Sacra⸗ 
menten, " 


— 407 — 


Zwei Hauptpunfte find noch ſchwierig zu beantworten. 
In der gegenwärtigen Zeit wo noch fo viele Verſchiedenheit 
ber Anfichten berrfcht, die anderwaͤrts gleih Spaltungen her⸗ 
dorbringen, die wir aber nicht wollen, fragt es fih: 1) in 
wie fern hat ber Katechet feine Weberzeugung ber 
Jugend einzubilden? 2) Da die Jugend fpäter zum Heil 
der Kirche mitwirken fol, in wie fern ift ber Katechet 
verpflichtet, der Jugend den Öefammtzuftand ber 
Kirhe aufzufhließen? 

Die erfte Frage feheint einfach: je fefter bie ueberzeugung 
bes Geiſtlichen iſt, um fo natürlicher iſt es daß er feine Ueber⸗ 
zeugung mittheile; es iſt von ſelbſt ſeine Richtung ohne klares 
Bewußtſein, eine andere Richtung müßte er ſich erſt machen. 
dolgt er aber feiner natürlichen Richtung: fo kommt er in eine 
ganz andere Lage zu verfihiedenen Theilen feiner Jugend, benn 
er bat nicht das Recht die Eindrüffe aus Schule und Familie 
ald übereinfimmend anzunehmen. Es müflen alfo die Ver⸗ 
ſchiedenheiten der möglichen Anfichten in dieſen Unterredungen 
sorfommen. Da aber meiftens biefe Differenzen nur Neben- 
fahen find: fo würde wol zu viel Zeit barauf verwendet. 
Ferner bat ber Geiftliche nie bie volle Sicherheit, dag alle 
Kinder die Freiheit der Aeußerung benuzen, fondern in vielen 
wird ein Zwieſpalt entfliehen und ſich erhalten; fo entfleht eine 
Berwirrung bes Gewiflens und ber Weberzeugung, eine In- 
fherheit, Se mehr man nun bafür forgt, daß das unbedeu- 
tend flreitige nicht zum Bewußtfein kommt, deſto ungeflörter 
geht die Sache fort, Allerdings find die Gegenflände fo ver⸗ 
(hieden, daß bie Antwort nicht allgemein fein Tann, benn zu 
verſchiedener Anficht ift man über die Wichtigkeit der Gegen— 
Rände, Es giebt eine Menge Punkte die viele für Nebenfachen 
halten, andere für die Angel des Glaubens. Je vielfeitiger 
bie Einwirkungen im Leben find, befto verwiffelter wird bie 
Sache, und am beften wäre ed, wenn ber Geiftlihe während 
des Unterrichts fih von allen dieſen Einflüffen Iöfen Tönnte. 
Aber dies ift nicht möglich, und barum fragen wir nach einem 





— 418 — 

richtigen Verfahren in dieſen Verhältniſſen. Die Jugend kam 
nicht in den Fall kommen Streitigkeiten in der Kirche zu beur⸗ 
theilen, wol aber leidenſchaftlich aufgeregt zu werden. Der 
Katechet muß alſo die Jugend in das rechte Verhältniß ſtellen 
und dieſe Aufregung hemmen. Sind entgegengeſezte Elemente 
da unter der Jugend: fo werben die hochmüthig, bie es mer⸗ 
fen, daß fie mit dem G©eiftlihen übereinftimmen; bie andern 
aber halten ihn für einfeitig. Daraus ergiebt ſich die richtige 
Methode für beide Aufgaben. In fo fern die Jugend ſchon 
am Streit Theil nimmt, bat der Geiftliche feine andere Auf: 
gabe als die, dasjenige zu fagen was fi für bie entgegenge⸗ 
fezte Seite fagen läßt. Dadurch wirb die Jugend beſcheiden 
und billig bleiben. Um biefes thun zu fönnen muß ber Geifl- 
liche nicht felbft im Fatechetifchen Unterricht feine Meinung über 
biefe flreitigen Punkte abgeben. Wenn der Streit in ber Ju- 
gend noch gar nicht eriftirt: fo darf er auch hier ing einzelne 
hinein feine Meinung darlegen, 

Das katechetiſche Verfahren gehört zur methodifchen Eni- 
wifflung der Jugend, in fo fern fie no in der Unmündigkeit 
ſteht; nun foll fie in die Gemeine aufgenommen und firhlid 
felbftändig werden. In diefer Beziehung giebt es verfchiebene 
Berhältniffe, und die Entfernung zweier Generationen, Eltern 
und Kinder, ift nicht zu allen Zeiten gleih. Die Aufgabe if 
alfo die: während die Jugend fo weit gebracht wirb daß fie 
mit gutem Gewiſſen fann aufgenommen werben, fie doch in 
der Stimmung zu erhalten daß fie in der Familie und in bür- 
gerliher Beziehung noch ruhig fuborbinirt bleibt, zugleich auf 
in firdlicher Beziehung das Bewußtſein der Unreife behalte, 
obgleich fie kirchlich emancipirt if. Dies ift oft fehr leicht zu 
löfen. Aber wenn bie Entwifflung ber Firchlichen Geſellſchaft 
rußhig fortgeht, fo verfchwindet dieſe Aufgabe auch; wenn aber 
ein Entwifflungsfnoten ſich findet in der Firchlichen Entwikklung, 
bag die heranwachſende Jugend ſich über Die älteren erhe⸗ 
ben muß: fo wird bie Aufgabe ſchwer. Eben fo, wenn Spal- 
tungen in der Gemeine fi finden. Hier können leicht bie na⸗ 


— 49 — 


tärlichen Berhältniffe darunter leiden; 3. B. im Anfange ber 
Reformation: bier war es gewöhnlih, daß viele unter bem 
älteren bie theilnahmen an der Reformation nur fich fortrei= 
sen ließen vom allgemeinen Strom; fobald die Begeifterung 
voräber war, wurden fie Tau. Die Jugend dagegen befam 
leih von Anfang den evangelifhen Sinn, und bier war bie 
Gefahr groß, die natürlichen Verhältniſſe zu alteriren und fi 
zu überfchäzen. Dies kann zum Theil auch der Fall fein, wenn 
die Spaltungen fi nicht grade auf das religiöfe beziehen, ba 
diefes ja Doch alles in ſich faßt. Während der Katechet fucht 
bie Jugend zu erleuchten für bie Aufgaben der Zeit, muß er 
zugleich ihre Stellung zur früheren Generation im richtigen 
Berhältniffe zu erhalten ſuchen. Dies ift hier um fo wichtiger, 
ba bie Jugend fi in folhe Dinge weit mehr als ind religiöfe 
miſcht. 3. B. das wilfenfchaftliche tritt zurüff, wenn es fei= 
nm Dienft zur Bildung gethan bat; in wiffenfchaftlicher Be- 
jiehung können die jüngeren fich Leicht über bie älteren erheben, 
weil dieſe fih damit nicht mehr abgeben; dies macht feinen 
Streit. Aber ganz anders ift es mit dem religiöfen. Wir ha- 
ben bier alfo zwei Regionen, die Belehrung und die Wirfung 
auf dag Gemüth; erfteres lehrt die Jugend wirken und fich 
fühlen; lezteres erhält fie im richtigen Gefammiverhältnig und 
macht fie befcheiden. Je mehr die Aufgabe ba ift die veligiöfe 
Bildung zu fördern, um fo mehr muß durch affetifhe Bildung 
diefe Befcheidenheit erhalten werben. Dies bürfen aber nicht 
befondere Anregungen fein, fondern es muß in ber ganzen Art 
ber Behandlung liegen. Der Geiftlihe muß die Jugend an 
fh ziehen aber zugleich ihr feine Superiorität beibringen, nicht 
von feiner Perſon, fondern feines Alters; denn im erften Fall 
würden fie fih in der Zukunft ald Organe diefer hervorragen⸗ 
den Superiorität anfehen, würden alfo grade hochmüthig. Der . 
Ratechet muß daher feine Perſoͤnlichkeit zurüffftellen, aber feine 
Generation recht bervorftellen. Dazu gehört auch wieder Selbſt⸗ 
serleugnung wie in ber obigen Zurüffhaltung feiner perfüns« 
lien Ueberzeugung in ftreitigen Sachen. Er muß immer aus 





— 40 — 


dem gemeinfamen Schaz herausreden, fo daß die Jugend ein 
perfönlihes nicht findet; dann wird fie entbeffen daß im ber 
ältern Generation die Bildung fehon vorhanden fei, bie in ih⸗ 
nen fich erft entwiffelt. 

Was foll der Katechet leiften? Das haben wir im 
wefentlihen fchon berührt, es fragt fih nur noch, in weldes 
Maaß des Detaild ber Katehet gehen kam und aus welcder 
Höhe der Spradhe und der Gedanken er feinen Bortrag neh⸗ 
men fol? Hier giebt es fehr verfchiedene Anfichten; man fann 
fagen: ed kommt hiebei überall nur auf das allgemeinfte an; 
ift diefes, fo macht fih das andere von ſelbſt; eben fo gut 
fann man fagen: es fommt alles auf das befonderfte und eitt- 
zelfte an, nicht auf allgemeine homiletifhe Principien, fondern 
auf den Unterfhieb ber Religion und Nichtreligion im einzel: 
nen bes Lebende, Dies find die zwei Endpunfte. Der erfe 
geht mehr aus von dem Gefihtspunft der inneren Erregung, 
denn man meint damit das religiöfe Princip als Lebenskraft 
in der Seele zu begründen; und dies fann durch die Mitthei: 
Iung der Rede nur fo geſchehen, dag man das vorhandene, 
aber unterbrüffte und bewußtlofe zum berrfchenden und bewuß- 
ten madt, denn in bie Seele felbft laͤßt fich nichts legen. 
Glaubt man das bewirfen zu können: fo hat man Recht bei 
biefer Anficht zu bleiben und braucht feine andere Theorie zu 
Hülfe zu nehmen. Das einzelne, das im fünftigen Leben bes 
Menfhen vorkommt, fönnen wir ihm doch nicht geben, fondern 
die Hauptfache ift die Lebenskraft der Frömmigkeit zu welfen; 
fehlt diefe, fo herrſcht troz der beften Vorfchrift über das ein- 
zelne immer die Sophifterei der Sinnlichkeit. — Die andere 
Anficht gebt dahin aus, mittelft eines allgemeinen Anrufe fo 
auf die Jugend zu wirfen, Tann aud bei gebilbeter Jugend 
ftattfinden, bei den übrigen bleiben die allgemeinen Principien 
immer unbewußtz fie haben ed, es wirft auf fie, fie faffen es 
aber nie Harz das einzelne faffen fie klar auf, und fo geht 
man dahin aus ihnen bas einzelne zu geben. Dies find bie 
zwei Extreme, und jede beruht auf einer Sfepfts ber anderen; 





— 41 — 


es kommt nun auf ihren Werth ober Unwerth, ihr Verhaͤltniß 
gu einander, ihre Vermittlung an. Es kommt bier nicht nur 
auf das an was ber Geiftlihe vorausfezen Tann, fondern auch 
auf die Zufunft. Worauf fann man rechnen daß es in der 
Zukunft nachgeholt werben Fönne? Der -Sottesdienft ift hier 
ein wefentliches Supplement, und je mehr man fih darauf 
verlaffen fann, daß bie Kirche befucht werben wird, deſto vor⸗ 
theilhafter iſt es; und es ift fehr zwekkmaͤßig wenn in einigen 
Semeinen die Vormundſchaft über die Jugend noch nicht aufe 
hört, fondern Anftalten getroffen find fie zum Kirchenbefuch an⸗ 
zuhalten. Ein Geiftliher ber das gehörige Vertrauen bei fei- 
ner Gemeine hat kann hier nachholen, was das Kirchenregi- 
ment verfäumt, und muß fuchen zur Sitte zu bringen was ei= 
gentlih Geſez fein follte. Daher in einigen Gegenden bie 
Mäzbare Gewohnheit daß die confirmirte Jugend noch theil- 
nimmt an ben öffentlichen Katechifationen. — Sehen wir auf 
die gewöhnlich beftehende Praxis: fo ſcheint fie ſich fehr zu 
entfernen von den Grundzügen der Theorie. Einmal ift bag 
Borberrfchen der Katechismen, die für bie Lebendigkeit des 
Unterrichts mehr ſchädlich als nüzlich find, üblich. Nun find 
bie Katechismen mehr feientififh als fie es fein follten und 
grenzen zu fehr an das technifche, und man kann nicht läugnen 
daß alle Fehler der Dogmatifer fchon in den Katechismen vot=- 
fommen, und daß fie viel zu philofophifch find; fo fangen fie 
meift mit Beweifen vom Dafein Gottes an und ftellen fo bag 
ganze auf einen falfhen Standpunkt; faft immer fieht man es 
ihnen an, was in der Zeit wo er eriftirt grade auf dem dog— 
matifhen Gebiet ventilirt wird. Die Katechefe foll aber fo 
allgemein ala möglich fein; in das temporäre, geſchichtliche fol 
die Jugend erft fpäter allmalig eingeführt werden. Indem 
man in einem beftimmten Syſtem an die Momente bes kirch— 
lihen Zuftandes anfnüpft, greift man der Selbfländigfeit ber 
Sugend vor. in anderer gewöhnlicher Fehler der Katechismen 
if, dag fie das Auswendiglernen begünftigen und übergroßes 
Gewicht auf den Buchſtaben legen. Gewöhnlich meint man, 





— 412 — 


bie Jugend fei zu finnlih um religiös erregt werben zu Fün- 
nen, bies fönne erft fpäter durch den Gottesdienſt gefchehen; 
man müffe alfo vorarbeiten und ihr einen Schaz religiöfer 
Säze im Gedächtniß mitgeben, bie ſich zu ihrer Zeit beleben 
würden; in der Folge würben fie lernen das empfangene bef- 
fer zu ſchägen. Hier kommt die Sache von einer ganz anderen 
Seite zur Sprache: wann geht das nun aber an? wann if 
ber Menſch der religiöfen Erregung fähig? Wohl ift es wahr 
bag die Jugend eher Wörter und Redensarten aus dem reli⸗ 
giöfen Gebiet auffaßt, ale daß fie wirklich einer religiöfen Er⸗ 
regung fähig iſt; aber wir verfolgen nicht weit genug bie 
Spuren der Religiofität rüffwärts bis in die Kindheit. Beim 
niederen Volk ift jene Marime bie der Verzweiflung, benn die 
fes entwiffelt fih ja immer fpäter. Bon diefem Grundfaz ifl 
bie neuere Pädagogif oft ausgegangen, und fie liegt noch ber 
obigen Anficht von der Katechefe zum Grunde. Beſſer if es 
bie Rinder wiffen nichts aus dem Gedächtniſſe aufzufagen, denn 
fie gewöhnen fih an Wörter, bie ihnen fpäter nichts werben 
ale leere Buchſtaben; oder fie erhalten fantaftifhe Vorſtellun⸗ 
gen, bie fpäterhin einer Haren Anfchauung wiberfteben. Aber 
fo gut wie beim Menfchen in allem animalifchen das menfd- 
liche mit ift: fo in allem geiftigen das religiöfe, ba es doch 
weſentlich das menfchliche if. Wir müffen nur die Spur deſ⸗ 
felben recht fuchen, in frübefter Jugend ung ihrer fchon ver- 
fihern und fobald als möglich das religiöfe entwiffeln. Wir 
bürfen auch nur dem Sprachgebrauch nachgehen in dem was 
wir Srömmigfeit und die Römer Pietät nennen.- Im erften 
Demußtfein des Kindes von feinem Berhältniß zu den Eltern 
liegt fhon die Religion, es ift das geiftige Abhängigfeitsgefühl 
und die Religion ift nur eine Steigerung davon. Wenn es 
ſich jo fruͤh ſchon entwilfelt: fo muß es von Anfang an im 
richtigen Fortfchreiten fi berausbilden. Die religiöfen Bor: 
ftelungen müffen dann freilich den Kindern erft in gewiſſem 
Alter gegeben werben; ber religiöfen Erregung find fie aber 
vorher fchon fähig, und wenn es zu früh fein fann ihnen re 


— 43 — 


Hgiöfe pofitive Borftellungen zu geben: fo muß es noch viel 
mehr zu früh fein ihr Gedaͤchtniß mit Buchflaben und Termis 
nologien anzufülfen. Gefchieht dies zu früh: fo bleibt das er⸗ 
lernte tobt und die religiöfe Erregung geht ihren eigenen Weg. 
Dies beftätigt die Erfahrung unter dem Volk in den feparati- 
ſtiſchen Erfcheinungen, die von der Kirche abweichen, weil was 
fe von der Kirche haben tobt geblieben ift. Wenn bies fo häufig 
jest bei ung gefchieht: fo Liegt bie größte Schuld im katecheti⸗ 
hen Unterricht, wo man nur das Gedächmiß, nicht den reli« 
giöfen Sinn in Anſpruch genommen hat. Ein gefundes Leben 
mifteht nicht aus diefer fpäteren religiöfen Entwikklung. Es 
iR daher bies ber gefährlichfte Abweg, und lieber begnüge fich 
der Geiſtliche mit einer unvolltändigen Unterweifung wenn er 
nur furze Zeit hat, fnüpfe nur an die urfprüngliche Religion, 
und yerfpare der Zukunft die weitere Ausbildung, wenn man 
ur die Keime des religiöfen Lebens hervorgerufen hat. Dies 
wird jeder Eönnen, er müßte fonft Täugnen daß die Religion 
weientlih im Menſchen fei ober daß das Chriftentbum Volks⸗ 
religion fei, und behaupten: die Religion fei nur für bie ge— 
bildeten und das Volk habe nur Superftition; hingegen ſpricht 
alle Gefchichte und bie lebendigen Beifpiele für die erſte Ver— 
findigung des Ehriftenthums zur Genuͤge. Das Chriftenthum 
iR alfo beſtimmt Volksreligion zu fein und das Bolf fol nicht 
eine bloße Superftition haben. 

Es ift wol allgemein anerfannt, daß das Katechifiren zu 
den ſchwierigſten Amtsgefchäften gehört; ich habe aber bisher 
auch Fein Wort über das technifche gefagt wie ber Reli— 
gionslehrer bie Sache foll in feine Gewalt befoms 
men; ed läßt fi auch darüber nichts ſagen. Es ift Dies theils 
Sache des Talents, theils ber Uebung. If das Geſpraͤch 
darin Hauptform: fo findet füh auch alles im Gefpräh von 
ſelbſt; aber es giebt auch eine Kunft des Gefprächs, und ba 
liege fih wol fagen, wie man bie in feine Gewalt befommt, 
& lommt auf folgende Punkte an: 1) das Intereffe bes Geift- 
lichen an der Sache felbft, ohne dieſes if alle Theorie ver- 





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Ioren; if Das da, fo wirb ber Geiftliche alles benuzen, um «4 
in Ausübung zu bringen. Die Fehler alle durchzugehen wäre 
etwas unenbliches; ift aber die Liebe zum Gegenftand ba: fo 
wird der Geiftlihe ftets fich felbft beobachten und feine Fehler 
gar bald Fennen lernen. 2) Die Fähigkeit in ein Tebendiges 
Berhältnig mit der Jugend zu treten. Diefe hängt von eini- 
gen Punften ab, bie fih auch durchaus nicht vorfchreiben laf- 
fen: einmal von der Liebe zur Jugend und dann von ber rid- 
tigen Auffaffung ber Jugend, welche and ohne die Liebe migt 
möglich fein würde; baß fie aber aus ber Liebe hervorgehen, 
dazu wird nichts erforberlich fein als ein gefundes Urtheil. 
3) Die Fähigkeit, daß der Religionslehrer, indem er fih im 
Gefpräh den Gedanken der Jugend bingiebt, den Faden feh- 
zuhalten vermag. Das möchte zuerft felbft als eine Kunft er- 
fiheinen, aber es gehört dazu nichts als ein geſundes Gedächt⸗ 
niß das da lebendig iſt. Der Faden den er fich felbft entwor- 
fen ift feine eigene Production, und er if in feiner Amtsfüh- 
rung befländig in dem Fall feine eigenen Probuctionen feſtzu⸗ 
halten. Er wird auch jedesmal das rechte Maaß finden, wie 
weit er ſich darf abführen Iaffen ohne fi) von feinem Typus 
zu entfernen, Weiter wüßte ich aber auch nicht was für eine 
Kunft dabei wäre. Se mehr mechanifches man aber hinein 
mifht um fo mehr Vorſchriften und Cautelen muß man auf 
haben; entfernt man bas mechanische: fo fällt Die Technik von 
jelbft weg. Die aufgeftellten Bedingungen gehören aber zu 
ben Bedingungen des geiftlichen Amtes ſelbſt; eine Bekanntſchaft 
mit der Jugend ift dem Geiftlichen durchaus nothwendig, bie 
haben aber bie meiften auch ſchon, indem fie vor dem Anti 
ihres Amtes unterrichtet haben. Freilich wäre es wünfcend- 
werth, wenn von Seiten des Rirchenregimentes angeordnet würde 
bag junge Geiftliche unter der Anleitung eines älteren ſich im 
Gefchäfte üben. Das müßte aber anders betrieben werben ald es 
gewöhnlich geſchieht. Eine ſolche Aufgabe mit ganz unbefannten 
Kindern im Berlauf einer Stunde irgend ein beftimmtes Thema 
durchzunehmen, ift grabe dem Charakter des Geſpraͤchs zuwider, 


— 45 — 


und fhwieriger als irgend ein Gefchäft im Leben bes Geift- 
Iihen. Aus einer ſolchen Aufgabe kann fih auch feine Uebung 
entfalten. Ich weiß auch gar nicht, wie Geiftlihe, die der⸗ 
gleichen geübt haben, auf ſolche Gedanken haben fommen fün- 
nen; es kann das nur von ganz unpraftiihen ausgehen. Mus 
Rerfatechifationen find die größten Undinge, denn da fingirt fi 
einer einen Berftand oder einen Unfinn bei den Rindern, Eine 
fperielle Methode kann fich nur in der Ausübung zeigen. Wenn 
einer wirklich gehaltene Katechifationen niederfchreibt, und feine 
Reflerionen dazu anmerft, 3. B. das hätte ich fo und fo flüger 
machen koͤnnen: fo ließe ich das gelten; aber es ift mir in 
Prari auch noch nicht vorgelommen daß dies gefchehen wäre, 
und es ift alfo auch nur ein frommer Wunſch. 

Run fomme ih noch auf einen andern traurigen Punkt: 
fragen wir nach dem Ende des Gefchäfts: fo ift das die Hand- 
lung der Eonfirmation wobei eine verſchiedene Praxis be— 
ſteht. Was das wefentliche der Handlung ausmacht ift Doch 
nur bied, daß die Jugend der Gemeine vorgeftellt werde ale 
eine folche, die von nun an wirkliche Mitglieder der Gemeine 
fein follen, wozu Doch nichts gehört ale ihnen zu fagen, was 
fie für Rechte Haben und was die Gemeine von ih- 
nen fordert, und Daß fie Das Berfprechen geben biefe 
Erwartungen erfüllen zu wollen. Daß dies unter ber 
Form einer religiöfen Handlung gefchieht, ift Das ganze eigent« 
liche Wefen der Sade. Nun ift aber das gewöhnliche, daß 
biefer Handlung auch eine Öffentliche Prüfung vorbergeht. Wo 
darüber etwas vorgefchrieben ift fragt es fih nur: Wie ge= 
(hieht dies auf die rechte Weife? wo aber nichts vorgefchrieben 
iR fragt es fh: Was ift beffer, es zu thun oder zu laſſen? 
Ih Halte die öffentliche Prüfung für ganz verberblih, wenn 
fe mit der Aufnahme der Jugend in die Gemeinfhaft ber 
Kiche einen Art ausmacht. Der Act diefer Aufnahme ift ber 
Punkt wo die religiöfe Selbftändigfeit der Jugend anfängt; da 
wird alfo in ihrem Innern etwas wichtiges vorgehen, fie müf- 
fen fo recht davon durchdrungen werben. Geht nun eine öf⸗ 


— 46 — 


fentlihe Prüfung vorher: fo ift offenbar daß, da die Jugend 
an das öffentliche Auftreten nicht gewohnt ift, fie ganz befangen 
fein wird; hat fie aber auch von anderwärts her die Gewöh⸗ 
nung öffentlich zu erfcheinen: fo ift ed doch bier etwas ganz 
anderes, und ed wird nicht vermieden werben Fönnen daß fie 
befangen find. Begegnet nun bei der Prüfung ein Feines Un: 
glükk fo find fie geftört, und es hat das einen Nachtheil auf 
die Handlung felbft die doch das wefentlihe if. Wo nun 
diefe Prüfung nicht, ober vierzehn Tage vorbergeht, da fällt 
biefes Bedenken weg. Aber was wird benn dadurch erreicht? 
Doch Fein zur Sache felbft gehöriger Zwekk, und da fucht man 
nun allerlei Nebenzwekke auf, 3. B. es fei dies eine beilfame 
Wiederholung für die älteren Ditglieber der Gemeine. Was 
man aber als Hauptfache anführt ift das, daß die älteren Mit 
glieder der Gemeine eine Weberzeugung bekommen follen von 
ber Fähigfeit der Kinder in die Gemeine aufgenommen zu wer: 
ben; allein ich glaube daß fie dieſe Weberzeugung nicht befom- 
men, und wenn fie dieſe auch befämen, müßten fie dem Geif- 
lichen nicht vertrauen? Etwas anderes wäre ed, wenn bie 
Prüfung die Gemeine überzeugen follte von ber Unfähigfeit 
ber Kinder, bie der Geiftlihe nicht einfegnet. Wo es jedoch 
nun einmal vorfchriftsmäßig oder nicht abzuändern ift, würde 
ih es fo einzurichten fuchen, daß bie Kinder aus ber ruhigen 
Faſſung nicht herausfommen und zugleih die Gemeine allges 
mein erbaut werde; da wirb alfo das affetifche Element bes 
fonders vorherrſchen müffen. 

Die Aufnahme in die hrifllide Gemeine hat zu 
gleich eine bürgerliche Bedeutung. ie wirb angefehen 
als die erſte Stufe der Münbdigfeit. Ein confirmirter bat bür- 
gerlih einen gewiffen Grad von Zurechnungsfähigfeit und eine 
Vollmacht bürgerlihe Handlungen gewiffer Art zu verrichten, 
bie er vorher nicht hatte. Das entfpringt aus ber Verwirrung 
zwifchen Kirche und Staat und verwirrt das Firchliche Gefhäft 
felber. Was geht uns das an ob die confirmirte Jugend bie 
Geſeze kennt, die über VBerbeimlihung der Schwangerſchaft 





— 47 — 


und Kindermord ftatifinden? ober ob fie die bürgerliche Bebeu- 
tung des Eibes Fennt in dem Uebermaaß, das bei ung damit 
getrieben wirb? Davon fünnen wir nicht reden ohne zu ta= 
bein; aber es wird doch verlangt, und gefchieht ein Vergehen 
ber Art und wird audgemittelt, daß der Geiftliche nicht bar- 
über unterrichtet hat, wird er verantwortlich gemacht. Dies 
möhte der Staat auf eine andere Weife beforgen in einem 
gewiffen Alter die Jugend für biefe Verantwortlichkeit fähig 
zu machen. Es bringt unnüze Verlegenheiten hervor aus be- 
nen man ſich nit ohne Anftoß ziehen kann. Unterläßt man 
bie Sache, fo übertritt man eine Vorſchrift; fügt man füch der 
Borfhrift, kann man es nicht fo thun, daß dem Zwekk genügt 
wird, und nicht auf der anderen Seite Unfchifflichfeiten ent= 
ſtehen, was mit dem Gefchäft in feiner Harmonie ſteht. Es 
liegt aber in ber Sache daß die Aufnahme in bie Kirchenge- 
meinſchaft zugleich eine geiftige Mündigfeitserflärung if. Wäre 
num aber durch dieſe Berüfffichtigung ein befonderes Verfahren 
nöthig, das die rein religidfe Art trüben fönnte? Nein; man 
hat die bürgerlichen Verhältniſſe ald natürliche und poſitive zu 
umterſcheiden; trennen fann man bier nicht, fonbern bie lezte⸗ 
ven find nur die Art und Weife, wie bie erfteren wirklich auf- 
treten im gegebenen Falle. Das poſitive geht den Geiſtlichen 
nichts anz will ber Staat feinen Unterthanen bie Kenntniß ber- 
ſelben verfchaffen: fo muß bies burch andere Anftalten bewirkt 
werben, ober er muß der Kirche vertrauen daß fie Unterthanen 
bilden werde, die der chriftlichen Liebe fähig find und alles 
einzelne, das aus biefem Princip hervorgeht, auch von felbft 
entwiffeln werben. Nur bies Princip gehört in den Religions⸗ 
mterricht, dies bat ber Geiſtliche zu welken und rege zu er= 
halten, und kann dann nad) Belieben einige Eremplificationen 
machen, Wir können alfo bei der Abzweffung des ganzen Ge 
ſchäfts wie wir es aufgeftellt haben, ſtehen bleiben, indem wir 
baffelbe hier vorausfezen, was wir überhaupt über bie Mit- 
teilung ber religiöfen Vorftellung durch die Rede im allge- 
meinen gefagt haben. 
Yeltifäe Theslogie. I. 27 








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2) Behandlung ber Eonvertenden. *) . 
(Vergl. „Kurze Darſtellung des theol. Studiums“ 6. 296 und 297.) 


Es ift ferner in der encyElopädifchen Darftellung anhange- 
weife die Rede von einem dem Fatechetifchen verwandten Ge: 
ſchäft, nämlich dem Verfahren in Beziehung auf folde, welche 
außerhalb der evangelifhen Kirche geboren und erzogen find 
und in biefe einzutreten wünfchen, mit welchen alfo ein vorbe- 
reitendes Verhaͤltniß nothwendig ift, theils damit ihr Wunſch 
auch der ber Gemeine werbe, theild daß ihr eigener Wunſch 
zu der Entwifflung gelange, vermöge beren fie als Mitglieder 
in bie Kirche eintreten fönnen. 

Wir haben einen zwiefahen Fall, daß Katholiken oder 
Juden wünſchen in unfere Kirchengemeinfchaft einzutreten. 
Was das Iezte betrifft: fo hat man dies unter bie Kategorit 
bes Mifftionsgefchäfts gefezt, aber die Juden find doc ſchon 
mit dem Chriſtenthum bekannt. Dan bat urfprünglich Miſſio⸗ 
näre gefendet unter die Juden, die in römifch Fatholifchen Län- 
bern leben, um ihnen das evangelifche Chriſtenthum befannt 
zu machen. Dies läßt fih um fo mehr denfen, als bie fathe- 
liſche Kirche in jenen Gegenden feine Aufmerkfamfeit darauf 
richtet. Für die Juden aber Die unter ung wohnen if bie 
Analogie der Miſſion ganz nichtig. Wenn ein Zube Luft bes 
kommt zum Chriftenthum: fo muß er fih an einen Geiffigen 
wenden. Das ift eben fo bei einem Fatholifchen Convertenden. 
Es kann gefragt werden nad der Verpflichtung des Geiftlichen; 
folhe Eonvertenden gehören aber nicht zu ber Gemeine. Wenn 
man fih num denkt bag es allerdings abhangen muß vom freien 
Willen des Geiftlihen, und daß diefer beftimmt werben muß 
durch fein Urtheil über das Maaß von Gefchäften, das er [don 
bat: fo tritt freilich hier gleich Die Unterfcheidung ein zwiſchen 
beiben Arten der Convertenden. Ein römiſch katholiſcher Eprifl 
bat viele Punkte mit ung gemein, und es fommt baranf at, 


9 ©. Beilage A. 60. 





— 49 — 


daß in Beziehung auf bie flreitigen Punkte er zu einer feſten 
Ucherzeugung gelangt. Da kann alſo eigentlich von einer in 
einer gewiſſen Berwanbifchaft mit dem Intechetifchen Geſchäft 
Rebenden Unterredung nicht die Rede fein, fondern es kommt 
vorzüglich darauf an dag man fih von ber Reinheit der 
Abſicht überzeuge. Indeß giebt es grade in biefer Beziehung 
ſo ſchwierige Bälle daß es nicht Leicht ift etwas allgemeines 
darüber zu fagen. Es ift gar nicht felten baß es bürgerliche 
md häusliche Berhältniffe find bie dazu anregen. Diefe Tön- 
sen nicht als reine Motive angefehben werben; aber es fragt 
fh, ob e8 verweigert werben fann, wenn nicht ber Convertend 
grabezu fagt: ch will es aus biefem oder dem Grunde, Hier 
muß es ein Beruhigungsmittel geben. Da ber Geiftliche Feine 
Serpflichtung hat fo kann er auch fagen: Ich gebe mich nicht 
bamit ab ber Gemeine ein nicht wünfchenswerthes Mitglied 
zuzuführen. Auf der anderen Seite muß dem andern Theil 
das Recht zufteben zu fagen: Es hat fi) Feiner um meine in- 
nerlichen Motive zu befümmern, Dies ift eine Anfiht bie zu 
ſehr larem Berfahren geführt hat, denn bie Freiheit bie jeder 
einzelne hat kann doch Fein Zwang werben für bie Gemein- 
Khaft ſelbſt. Es fragt füh alfo: Hat der Geiftliche als folder 
ein Recht die Zuflimmung der Kirche zu geben oder zu verfa= 
gen? In diefer Beziehung if eine Entſcheidung fehr Leicht, 
bean es iſt offenbar daß dies nicht ein Verhältnig iſt zu einer 
einzelnen Gemeine. Was eine Angelegenheit der ganzen Kirche 
in darüber kann ber einzelne nicht entfcheiben, weil ihm nicht 
das Recht oder eine Pflicht gegeben if. Daraus folgt daß 
das Kischenregiment Gefeze darüber aufftellen müffe, und baß 
bie Fälle vom Sirchenregiment in welcher Inftanz es fei ent 
idieben werden. Wenn wir uns aber benfen es fei dem Geift- 
lien das Recht gegeben oder eine Pflicht. Im erften Hall, 
wenn ihm das Recht gegeben ift, fo liegt es noch in feiner 
freien Wahl, ihn anzunehmen ober nit. Ganz anders ftellt 
N freilich. die Sache, wenn das Kirchenregiment dem Gelft- 
lichen die Pflicht auflegt. Man fieht leicht daß bies nur auf 
27° 





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eine befchränfte Weiſe geſchehen Tann, wenn nicht befonbere 
Geiftlihe dazu ernannt werben. Wenn biefes nicht der Fall 
ift: fo gebt es nur wenn er bei feinem übrigen Gefchäft Muße 
genug hat. Gefezt nun dies wäre befeitigt, er aber hätte bie 
Weberzeugung, daß er fein ordentliches Mitglied der Gemeine 
einverleibe: fo muß er ed anfehen wie im fatechetifchen Unter⸗ 
richt, wo er viele einfegnen muß, bie er gar nicht aufnehmen 
möchte. Da ift die Vermiſchung der kirchlichen und bürger- 
lichen Berhältniffe ein nachtheiliger Punkt, wo aber der ein⸗ 
zelne befonderd muß zur Ruhe fommen und die Veranwort 
lichkeit ablehnen. 

Anders ift Die Sache allerdings in Beziehung auf bie 
jüdiſchen Convertenden. Hier kommt ebenfalld der Fall fehr 
häufig vor daß der Geiftliche Feine günftige Vorftellung haben 
fann von den Motiven; aber das bürgerliche Tiegt noch auf 
einer anderen Seite überwiegend vor, weil die Juden noch in 
den meiften Staaten deterioris conditionis find, Es ift offen 
bar daß wenn ein Zube zu einem Geiftlihen kommt und fagt: 
Ich will ein Ehrift werden, um zu meinem vollen bürgerlichen 
Recht zu gelangen: fo fann für den Geiftlihen fein Grund da 
fein ihn anzunehmen; aber dazu ift gar feine Wahrſcheinlich⸗ 
feit, Daß ber bei dem ein folhes Motiv ift fo ehrlich fein wird, 
biefes zu geſtehen. Deswegen darf man aber nicht fagen, daß 
es koͤnne moralifch gebilligt werden einen ſolchen abzuweifen, 
denn es Tönnte fein, daß er hernach andere Motive befäme, 

Das Ganze ber Sache bei uns ift fo, daß der Zube erfl 
eine Erlaubniß von ber bürgerlihen Obrigfeit beibringen muß. 
An und für fih bedingt biefe feine Verpflichtung für den Geif- 
lichen, wenn er fie mitbringt; wenn er ihn aber Dagegen auf 
fordert fie beizubringen: fo hat er fich ſchon auf gewiſſe Weile 
dazu verpflichtet. Es kann durchaus feinem Geiftlichen zuge⸗ 
muthet werben anders als nad feinem fubjectiven Urtheil zu 
handeln, daher hat man ſchon in mehreren Gegenden barauf 
gedacht, einige Geiftliche beſtimmt dazu zu verpflichten. Der 
Hauptpunft, der bier feftzuftellen ift, der ift in dieſem Fall had 


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Ziel, was bem Geiſtlichen zu fteffen; baffelbe, was beim. Fate- 
heifhen Verfahren ober ein anderes? Es ift Leicht zu fehen, 
daß die Sache zwei Seiten hat, und man fo und fo antwor= 
ten fann: man fann fagen: ift einer in die chriftliche Gemein- 
Maft aufgenommen worben, gefezt auch es fei nicht zu conſta⸗ 
tiren, daß er als ein wiebergeborener angefehen werben könne; 
jo fommt er doch in die Bearbeitung bes chrifllichen Eultus 
hinein, wenn ich ihn dazu etwas vorbereitet habe, und fo ift 
zu erwarten, baß er dadurch früher oder fpäter wiedergeboren 
wird, Es Tiegen in ber chriftlichen Gemeine mehr Motive, 
als wenn man ihn im Ünterrichte feſthält. Auf der anderen 
Geite wird man fagen Fönnen: es fei ein großer Unterſchied 
zwiſchen denen, die in ber evangelifhen Gemeinſchaft geboren 
feien und dadurch bereits ein Anrecht an die firchliche Gemein- 
haft erhielten; aber ehe man der Firchlihen Gemeinfchaft 
Fremde als Mitglieder zubringe, müffe man eine weit voll- 
Immnere Weberzeugung haben ihr ein würbiges Mitglied zu- 
bringen, Diefes find die beiden entgegengefezten Anfichten 
über Die Sache, Es laͤßt ſich ſchwerlich zwifchen beiden auf 
allgemeine Weife entfeheiden. Das meifte kommt dabei darauf 
am, wie ſich das Verhaͤltniß angefnüpft hat. Wenn man Ur 
ſache hat ein wirkliches Streben nach dem Chriſtenthum anzu⸗ 
nehmen und wo aller Einfluß in der Gemeine offen fleht, da 
wird es rathfam fein ihn bald in die Gemeinfchaft aufzuneh- 
wen. Wo dieſes nicht anzunehmen, ift auf der einen Seite 
bas bürgerliche was dazu treibt, auf der anderen bie gänzliche 
Unfiherheit die davon zurüffhält, fo dag Fälle vorkommen fün- 
um wo es Schwierig ift aufs Klare zu kommen. Daher ift es 
nothwendig, daß man ba ein anderes Complement bazu fuche, 
Wenn kirchlich etwas darin feflfleht, wie viel oder wie we— 
ng man verlangen fann, um einen in bie firhlihe Ge— 
meinshaft aufzunehmen: fo ift ein ſolches Complement ba. 
Benn es ein foldhes Verhältniß giebt, wo andere Glieder ber 
Gemeine mitzufprechen haben: fo bildet fih ein Rath, Wenn 
aber feines von beiden ba ift giebt es fehr fehwierige Um— 





— 41 — 


fände. Aus dem was ich gefagt wirb wol hervorgehen, baf 
das Tezte eigentlich überall fein follte, daß der Geiftliche welche 
zu Hülfe nehme, wenn er mit feinem Urtheil nicht zurecht 
fommt. Nun ift freilich wahr die Aufnahme eines ber außer: 
halb ber Kirche geboren, ift eine Sache ber ganzen Kirche, aber 
Sobald ein folcher fein Verhaͤltniß angelnüpft mit einem Geiſt⸗ 
fihen, ber einer befiimmten Gemeine angehört, knuͤpft er es 
auch mit einer beflimmten Gemeine an. Es giebt eine Anſicht 
der Sache, man müfle gar nicht auf ben Convertenden felbft 
fehen, fondern auf die fünftige Generation. Ob fie yon reinen 
Motiven ausgegangen find ober nit, das ift etwas, was fie 
perfönlich betrifft; find fie aber in bie Kirche aufgenommen: 
fo bat bie Kirche ein Recht auf ihre Nachkommenſchaft. Um 
deßwillen, fagt man, muß man es mit bem einzelnen Erwach⸗ 
fenen nicht fo genau nehmen, wie fonft zu wünfchen wäre. 
Das ift ein Gefihtspunft, von welchem fich die bürgerliche Ge⸗ 
fellichaft, auch wol das Kirchenregiment können Ieiten laflen, 
wobet aber wol darauf gefeben werben muß, daß dieſes nicht 
zu einer Beſchwerung des Gewiſſens bes einzelnen Geiflichen 
gereiche, oder daß Geiftlihe damit beauftragt werben, an Die 
alle andere Geiftlihe den Eonvertenden wenden koͤnnen. &# 
‚ ift bier der Ball wie alles in der chriftlichen Kirche nach einer 
Organiſation firebt, und wie, wo biefe fehlt, ed auch an einem 
Grunde zu einer beruhigenden Entfheidung fehlt. Genauer 
fheint es nicht in der Natur der Sache zu Tiegen hier in bie- 
fen Gegenftand einzugehen. 


3) Theorie des Miffionswefens, 
(Bergl „Kurze Darftellung ꝛc.“ $. 298.) 
Ich habe in der Encyflopäbie gefagt, daß hier auch bet 
Ort fei eine Theorie des Mifflonswefens anzufnüpfen, woran 
es auch gänzlich fehlt, obgleih die Praxis darin ſchon fehr 
ausgebildet ifl. ch Halte es für meine Pflicht Hierin fo viel 
dapon bie Rede fein Tann mich zu erklären. Es fcheint mir 
nämlich in ber ganzen Art und Richtung, wie die Sache it 





— A423 — 


neuer Zeit behandelt worden ift, fo erfreulich fie auf ber einen 
Seite ift, fo verkehrt auf der anderen gehandelt zu werden, fo 
bag eines Theils ein Aufwand von Kräften gemacht wird, der 
mit dem Refultat in gar feinem Verhältniß fteht, andern Theile 
aber nachtheilige Folgen daraus in Beziehung auf das innere 
ber chriſtlichen Gemeinſchaft felbft entſtehen; und da das in ge- 
naner Beziehung fteht, fo erfordert ed eine nähere Betrach⸗ 
tung der Sache nad) ihrer Natur. 

Wenn man fragt von vorn herein, wie das Chriftenthum 
fönne weiter verbreitet werben? fo erfcheint als natürliche Ant« 
wort, daß es fih von ben Grenzen aus weiter verbreite; Gren— 
gen muß es doch haben, denn infularifch iſt es nicht begrenzt. 
So wie nun ein Berfehr mit den Grenznachbarn flattfindet: 
fo haben dieſe auch eine Vergleichung ihrer Einrichtung und 
Lebensweiſe mit denen ber Chriften, und befommen badurd 
eine Anficht des riftlichen Lebens. Da ift es denn natürlich, 
daß dieſe nicht ihre Wirkung verfehlen wird, und wo chriftliche 
Kirchen find werden auch folche fein die fich derer, bie zum 
Bebertritt Luft haben, annehmen. So bedarf es denn nit 
dazu einer befonderen Anftalt, ſondern eine folche Vorbereitung 
bes Ehriftenthume auf diefem W